[Rezension] Angelika Griese – Klaben, Tod und Pfeffernüsse. Kriminelle Weihnachtsgeschichten aus Bremerhaven

Was tun, wenn man von vornherein weiß, dass die Rezension, die man verfassen wird, äußerst „durchwachsen“ ausfallen wird? Es wird zwar nicht ganz so niederschmetternd wie in meinem Beitrag zu Bilderbuch und Hörspiel zur Oper Hänsel und Gretel sein. Allerdings dürfen Lobhudeleien auch nicht erwartet werden.

Seit geraumer Zeit sprießen sogenannte Regional-Krimis wie Pilze aus dem Boden. Beinah scheint es so, dass jedes Kaff, das etwas auf sich hält, seinen eigenen Pilz – Äh! – Krimi vorweisen muss. Warum sollte da Bremerhaven, die Seestadt am Westrand des Elbe-Weser-Dreiecks, leer ausgehen?

In Bremen geboren und in Bremerhaven lebend hat Autorin Angelika Griese sich dieser Aufgabe angenommen und schließt mit ihren Werken diese Lücke auf der Landkarte der Regional-Krimis. Schon im Jahre 2016 erschien die vorliegende Anthologie. In 9 Geschichten auf 193 Seiten versammelt sie eine bunte Schar an Protagonist*innen, die mal mehr, mal weniger originell morden. Dabei handelt es sich jeweils nicht um einen klassischen „Whodunit“: Die Frage „Wer ist die Täterin/der Täter?“ stellt sich erst gar nicht, da dies von Anfang an bekannt ist. Vielmehr dreht die Autorin den Spieß um: Wir erfahren die Beweggründe, die zur Straftat führen. Ist diese erst begangen, endet die Geschichte auch schon.

Die meisten Geschichten sind nach einem ähnlichem Muster gestrickt: Eine Frau (wahlweise Mutter, Ehefrau, Freundin oder Geliebte) fühlt sich von einem Kerl betrogen, hintergangen oder auf eine sonstige Art und Weise gestört und trifft Vorkehrungen zur Beseitigung des Übels. Dabei hätten den Geschichten zwei bis drei Seiten „mehr“ sehr gut getan: Die Charakterisierung der Personen wäre dann vielleicht weniger klischeehaft bzw. weniger oberflächlich und deutlich markanter und individueller ausgefallen.

Zwei Stories stechen aus dieser Anthologie heraus: In „Tödlich rieselt der Schnee“ rächt sich ein Mann an der Person, die für den Tod seiner Nichte verantwortlich ist. Hier spürte ich erstmals Krimi-Feeling, da die Geschichte – dank eines überzeugenden Spannungsbogens – gut aufgebaut war. Bei „Nashville rockt das Altenheim“ mischen drei Rock-Oldies höchst amüsant und unterhaltsam eine Seniorenresidenz auf. Leider war auch diese Geschichte nicht gänzlich frei von ärgerlichen Klischees: Die fiese Pflegerin ist natürlich hässlich und fett, während ihre nette Kollegin als hübsch und schlank beschrieben wird. Solch plakative sowie verletzende Klischees müssen nun wirklich nicht mehr bemüht werden!

Angelika Griese hat solide Gebrauchs-Krimis abgeliefert, die beim Lesen durchaus unterhalten, allerdings auch nur kurz im Gedächtnis haften bleiben. Zudem fehlten mir sowohl eine gewisse Qualität im sprachlichen Ausdruck als auch eine Kreativität in Stil und Sprachmelodie – aber vielleicht fehlten auch hierfür die schon erwähnten zwei bis drei Seiten „mehr“.

Zudem stellte ich mir beim Lesen die Frage „Wann darf sich ein Werk mit Fug und Recht Regional-Krimi nennen?“ Meiner Meinung nach reicht es nicht aus, dass – wie in diesem Fall – Namen von Straßen, Stadtteile oder bekannten Lokalitäten in die jeweilige Handlung eingeflochten werden. Vielmehr sollte es einen direkten Bezug zwischen Straftat und Ort des Geschehens geben. Da hätte ich mir von der Autorin durchaus mehr kriminelle Phantasie gewünscht.

Ich hätte da schon einige Ideen: ertrunken im Hafenbecken direkt neben dem Museumsschiff Gera, erfroren in der Klimazone der Antarktis im Klimahaus, zerstückelt in einer Maschine der fischverarbeitenden Industrie… 😏

Autorin und Verlag verwirren zum Schluss mit einem Mysterium: Ganz am Ende dieser Sammlung taucht eine kurze Abhandlung zum Bremer Klaben auf, deren Sinn sich mir nicht erschloss, da ich keinen plausiblen Zusammenhang zu den Krimis herstellen konnte. Oder sollte diese Abhandlung für die Nichteingeweihten unter uns etwa als erläuternder Hinweis zum Titel dienen? Kurios…!


erschienen bei Prolibris/ ISBN: 978-3954751334

[Rezension] Agatha Christie – Das Sterben in Wychwood

Lorbeerkranz mit 25

„Welch eine schöne Zahl! Es fühlt sich an, wie ein Jubiläum!“ Ähnliches dachte vielleicht auch Agatha Christie, als sie sich ans Schreiben dieses Kriminalromans machte. Im Entstehungsjahr (1939) dieses Krimis waren ihre beiden bekanntesten Schnüffelnasen Hercule Poirot und Miss Marple schon seit Jahren bei den Fans etabliert. Dabei ging ihr besonders der bei den Leser*innen so beliebte Poirot manches Mal so sehr auf die Nerven, dass sie sich mit dem Verfassen von Romanen, in denen frische, unverbrauchte Ermittler*innen auftauchten, anscheinend ein wenig Abwechslung gönnte. Diese Charaktere gaben im literarischen Œuvre Christies dann aber bedauerlicherweise immer nur ein einmaliges Gastspiel.

Luke Fitzwilliam kehrt nach einem langen Auslandsaufenthalt nach England zurück. Auf der Zugfahrt nach London zu seinem Freund Jimmy Lorrimer lernt er Miss Pinkerton kennen, eine scheinbar verwirrte, aber liebenswürdige ältere Dame. „Es ist sehr leicht zu morden“, versichert diese ihm und berichtet von einer Reihe seltsamer Todesfällen in ihrer Heimatort Wychwood. Sie ist auf dem Weg zu Scotland Yard, weil sie sicher ist, zu wissen, wer der Mörder sei. Luke hört sich etwas ungläubig ihre Geschichte an. Am nächsten Tag erfährt er aus der Zeitung, dass Miss Pinkerton von einem Auto überfahren wurde. Nun ist er gar nicht mehr so skeptisch und beschließt, den seltsamen Geschehnissen auf den Grund zu gehen. Da sein Freund Jimmy in Wychwood eine Cousine hat, macht Luke sich auf den Weg dorthin, um Miss Pinkertons Mörder zu finden. Als Gast von Lord Whitfield gibt er vor, eine wissenschaftliche Arbeit über Heimatbräuche zu schreiben. Doch Jimmys scharfsichtige Cousine Bridget Convay, die ehemals die Sekretärin des Lords war und nun mit ihm verlobt ist, blickt schnell hinter Lukes dürftige Fassade und unterstützt ihn bei seinen Nachforschungen. Erschrocken müssen sie feststellen, dass es sich hierbei anscheinend um eine wahre Mordserie handelt, bei der es leider nur allzu viele Verdächtige gibt…!

Ich liebe Christies Krimi-Reihen mit Marple und Poirot so sehr, da ich bei jedem „Wiedersehen“ das Gefühl habe, eine alte Bekanntschaft wieder aufleben zu lassen. Vieles ist vertraut, manches wirkt vorhersehbar. Und doch genieße ich ebenso die Abstecher zu Werken der „Queen of Crime“ wie Tödlicher Irrtum oder Das Geheimnis von Sittaford, die mich mental neu herausfordern, wo eben nicht alles vorhersehbar erscheint, und ich mich mit den unbekannten Charakteren erst anfreunden muss.

Bei „Das Sterben von Wychwood“ bedient sich die Autorin eines vielfach genutzten und somit allzeit bekannten Rahmens: Handlungspersonal aus der mittleren bis gehobenen Klasse; ländliches, scheinbar idyllisches Umfeld; ausreichende und doch überschaubare Anzahl an potentiellen Täter*innen; ergo: überschaubare und doch ausreichende Anzahl an potentiellen Opfer*innen; Geschehnisse, die vom Normalen abweichen, würden zwangsläufig die Aufmerksamkeit der Nachbarschaft erregen; fremde Person als Impuls zur Kommunikation (Luke fragt/ Dorfbevölkerung antworten); ortskundige Person (Bridget) mit Vertrauensbonus als Türöffner;…

…und dieser Aufzählung könnte ich noch einige weitere Punkte hinzufügen. Anscheinend ist doch alles bekannt, oder? Und trotzdem machte es mir einfach einen immensen Spaß, diesen unterhaltsamen Krimi zu lesen. Dies verdankte ich dem Umstand, dass Agatha Christie wunderbar vielfältige Charaktere schuf und in ihrer Geschichte diese geballte Masse an Persönlichkeiten gekonnt kurzweilig aufeinander prallen ließ. Da gibt es den jugendlichen Helden, der so manches Mal sehr unvorteilhaft und somit recht wenig heldenhaft wirkt. Die jugendliche Naive ist ein höchst intelligentes Persönchen mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein. Der kauzige Alte verbirgt hinter seinem skurrilen Humor eine beinah pathologische Selbstüberschätzung. Und auch hier könnte ich die Liste weiter üppig ausschmücken.

Ich verzeihe ihr sogar so manches stereotype Klischee, da mir bewusst ist, dass dies damals gang und gäbe war, und auch Christie den Zwängen und Konventionen ihrer Zeit unterlag. So wird ein dem Okkulten zusprechender Antiquitätenhändler als unsympathische Tucke dargestellt. Na und?! Nicht jede LGBTQ-Person wird durch den Umstand, dass sie sich einem der Kürzel zugehörig fühlt, automatisch zu einem besseren Menschen. Auch wenn ich manches Mal den Eindruck habe, dass dies von der Community gerne so propagiert wird (und diese damit wieder ein Klischee bedient).

Nach meiner Erfahrung gibt es zumindest unter den Homosexuellen genauso viele schräge Typen wie bei den Heteros. Darum sehe ich es sehr entspannt, wenn in der Literatur auch äußerst ambivalente LGBTQ-Charaktere auftauchen. Natürlich ist meine entspannte Haltung abhängig vom jeweiligen Autor/ von der jeweiligen Autorin, und ich mache da durchaus sehr differenzierte Unterschiede bzgl. des Ausmaßes meiner Toleranz: So habe ich die Werke eines anderen Autors, der in der Vergangenheit durchaus sehr erfolgreich Katzenkrimis verfasst hatte, aus meinem Haus konsequent beseitigt. Nur soviel sei gesagt: Ich hatte meine Gründe!

Die Werke von Mrs. Christie sind dagegen meilenweit davon entfernt, dass ihnen ein ähnliches Schicksal widerfahren könnte.


erschienen bei Atlantik / ISBN: 978-3455013276 / in der Übersetzung von Giovanni und Ditte Bandini

[Rezension] Maurice Leblanc – Arsène Lupin und die Frau mit den jadegrünen Augen (Hörspiel)

Seit einigen Jahren erfreut PIDAX Film- & Hörspielverlag sowohl mich wie auch sicherlich jeden anderen begeisterten Anhänger mit ihren Wiederveröffentlichungen von alten Serien, Filmen und Hörspielen. Dabei hatten die Verantwortlichen ein mal mehr, mal weniger glückliches Händchen bei der Sortimentsauswahl. Da wurde durchaus schon so manches verschollene Schätzchen wieder ans Tageslicht befördert. Allerdings gab es auch Funde, die meiner Meinung nach gerne in der Versenkung hätten bleiben dürfen. Aber Geschmäcker sind zum Glück recht verschieden: Medien, deren Inhalte nicht zu meinen Interessensgebieten zählen, können durchaus anderswo ihre Liebhaber*innen finden, gemäß dem Motto „Jedes Tierchen sein Pläsierchen“.

In diesem Fall entdeckte ich in der Reihe PIDAX HÖRSPIEL KLASSIKER die vertonten Abenteuer des bekannten Meisterdiebs. Nachdem mich die gedruckte Form von Arsène Lupin. Der Gentleman-Gauner so wunderbar unterhalten konnte, freute ich mich schon auf die akustische Umsetzung einer der Geschichten vom Autor Maurice Leblanc.

Frühling in Paris in den Zwanziger Jahren. Von ihren Wintermänteln befreit, flanieren die Menschen auf den großen Boulevards. Auch Arsène Lupin, mittlerweile 34 Jahre alt und ein eleganter Lebemann, genießt die laue Luft. Eine schöne Dame mit schweren blonden Haaren und blauen Augen gerät in sein Blickfeld – sie wird von einem Herrn verfolgt. Lupin folgt dem Verfolger bis in ein Café am Boulevard Haussmann. Dort sitzt an einem Tisch eine andere, auch sehr schöne Frau, jünger als die Blauäugige, mit jadegrünen Augen. Die Grünäugige verlässt das Café, Lupin geht ihr nach und wird Zeuge einer Szene: Der Verfolger der Blauäugigen und der herbeigeeilte Vater der Grünäugigen streiten sich schreiend um die grünäugige Frau. Der aufgebrachte Vater fährt schließlich mit ihr davon. Die Blauäugige nimmt einen Wagen zum Gare de Lyon und besteigt einen Zug nach Monte Carlo. Lupin folgt ihr bis ins Abteil und erfährt ihren Namen: Miss Bakefield, eine Engländerin. Dann überstürzen sich die Ereignisse. Lupin wird niedergeschlagen, drei Reisende werden ermordet, und drei Maskierte jagen auf der Flucht an Lupin vorbei. Er blickt kurz in jadegrüne Augen, dann steht er dem Verfolger von Miss Bakefield gegenüber: Es ist Kommissar Marescal. Im Mittelpunkt des Abenteuers steht die Frau mit den jadegrünen Augen, Aurélie d’Asteux, die immer wieder auftaucht und verschwindet. Lupin muss seinen einmaligen Charme einsetzen, um ihr Herz zu gewinnen – denn erst so kann er zum Grund der hochpolitischen Verwicklungen vordringen: Auf dem Boden eines Stausees liegt angeblich ein Schatz. Ist es gar die Quelle ewiger Jugend?

(Inhaltsangabe der ARD-Hörspieldatenbank entnommen.)


1 CDs/ Arsène Lupin und die Frau mit den jadegrünen Augen von Maurice Leblanc (2009)/ Übersetzung und Hörspielbearbeitung: Sabine Grimkowski/ Regie: Stefan Hilsbecher/ Musik: Helena Rüegg/ mit Rüdiger Vogler, Samuel Weiss, Odine Johne, Thomas Thieme, Heinrich Giskes, Barbara Stoll, Bijan Zamani, Hubertus Gertzen u.a.

Was eine entzückende Schönheit mit bestechenden Augen nicht alles anrichten kann: Bei ihrem Anblick entflammt selbst das Herz unseres genialen Meisterdiebs, der dann Logik, Sicherheit und Identität mit leichter Hand über Bord wirft, um der Dame in Nöten zur Hilfe zu eilen.

Bei dieser irrwitzigen Geschichte fühlte ich mich zwar durchaus unterhalten, allerdings unterstelle ich mal, dass das Original in Fortsetzungen in einer Zeitschrift erstmals veröffentlicht wurde. Die Handlung entwickelte sich so krude, dass bei mir der Eindruck entstand, Leblanc musste jede Folge mit einem Knalleffekt beenden (Heute nennt sich so etwas „Cliffhanger“.), um so seine Leserschaft bei der Stange zu halten, damit sie auch die nächste Zeitungsausgabe kaufen. Anders kann ich mir diese wirre Entwicklung der Story nicht erklären: Eine plausible Handlung mit entsprechendem Aufbau incl. Spannungsbogen sucht man hier vergebens. Auch kann keine differenzierte Charakterisierung der Personen erwartet werden. Vielmehr bedient sich Leblanc der gängigen Klischees: Der Held ist mutig, der Schurke böse, der Bulle nachtragend, und die Frauen sind entweder schön naiv oder schön durchtrieben.

Können da wenigstens die Sprecherinnen und Sprecher „das Ruder rumreißen“ und aus einer mittelprächtigen Vorlage ein unterhaltsames Hörspiel zaubern? Antwort: Bedingt! Samuel Weiss gibt den Meisterdetektiv mit charakteristischer Stimme zwischen selbstbewusstem Held, raffiniertem Gauner und verliebtem Jüngling. Zudem verfügt er über ein solch einnehmendes Timbre, das mich aufhorchen ließ und viel Wiedererkennungswert besitzt. Seinen Gegenspieler Kommissar Marescal gibt Thomas Thieme mit schnoddrigen Tonfall und cholerischen Attitüden. Rüdiger Vogler gefällt als Sprecher mit sonorer Stimme. Auch die weitere Herrenriege mit Heinrich Giskes, Bijan Zamani, Hubertus Gertzen u.a. kann überzeugen.

Gleiches kann ich leider den Damen nicht attestieren: Barbara Stoll verpasst Miss Bakefield nicht nur einen (wenig überzeugenden) englischen Akzent, auch gestaltet sie ihre Rolle allzu herb und lässt so an Charme vermissen. Die Angebetete unseres Helden, Aurélie d’Asteux, bleibt bei Odine Johne bedauerlicherweise recht blass, strahlt kaum Charisma aus und kann so zumindest rein akustisch nicht vermitteln, warum Lupin in Liebe zu ihr entbrennt. Schade!

Sabine Grimkowski bemühte sich redlich, um aus der verworrenen Vorlage eine brauchbare  Hörspielfassung zu zaubern und stieß dabei an dessen Grenzen. Regisseur Stefan Hilsbecher sorgte für eine flüssige Verknüpfung der vielen Handlungsorte und Szenen. Seine Arbeit ist absolut solide, bietet aber auch keine Überraschungen. Helena Rüegg schuf mit ihrer Musik (gemeinsam mit der Tontechnik bei den Geräuschen) eine stimmige Hintergrund-Atmosphäre und versprühte mit ihrem Akkordeon frankophiles Flair.

Leider konnte mich diese akustische Umsetzung nicht vollends überzeugen. Doch unser charmanter Gentleman-Gauner hat es durchaus verdient, dass ich ihm bzw. eine seiner Hörspieladaptionen eine weitere Chance einräume.


erschienen bei Pidax/ EAN: 4260158194235

[Rezension] Josephine Tey – DER LETZTE ZUG NACH SCHOTTLAND

Okay, du hast mich am Haken. Du hast deinen schmackhaften Köder ausgeworfen, und ohne nachzudenken habe ich zugeschnappt und hänge nun am Haken. Ich zapple zwar noch ein wenig hin und her – gänzlich ohne Gegenwehr kann ich mich doch nicht ergeben – aber wir wissen beide genau, dass ich rettungslos verloren bin.

Mit jedem weiteren gelesenen Roman von Josephine Tey, verfalle ich dieser Autorin mehr und mehr. Dabei sind ihre Krimis einerseits absolut „old-fashioned“ und gleichzeitig so wunderbar zeitlos. Zudem schuf sie mit Inspector Alan Grant einen solch bodenständigen und menschlichen Sympathieträger, der gänzlich ohne „Superkräfte“ auskommt, herrlich normal agiert und so deutlich näher an der Leserschaft ist als mancher der beinah übernatürlich brillanten Schnüffler wie Hercule Poirot oder Sherlock Holmes.

Inspector Alan Grant von Scotland Yard reist mit dem Zug nach Schottland. Gemeinsam mit einem alten Schulkameraden will er in den Highlands eine Auszeit nehmen, die herrliche Land­schaft genießen und sich von der, im Wortlaut seines Arztes, „Überarbeitung“ erholen. Kurz vor der Ankunft beobachtet Grant, wie es dem Schaffner im Abteil nebenan nicht gelingen will, einen Mitreisenden zu wecken – der Mann ist tot! Fast freut sich Grant ein bisschen, einmal nicht zuständig zu sein. Doch beim ersten Frühstück im Hotel fällt ihm eine Zeitung in die Hände, die er im Zug eingesteckt haben muss und die offenbar dem Toten gehörte. Ein rätselhaftes Gedicht, zwischen die Meldungen gekritzelt, weckt Grants detektivisches Interesse. Ob sich anhand der Handschrift und der merkwürdigen Verse etwas über die Identität des Mannes herausfinden lässt? Was als munterer Zeitvertreib beginnt, wird allmählich zu einer umfassenden Ermittlung, bei der Grant nicht nur das Gedicht entschlüsselt, sondern schließlich auch die Wahrheit über den Mord aufdeckt.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Seit Alibi für einen König bin ich ein Fan von diesem intelligenten und integren Ermittler, der mit nur allzu menschlichen Eigenschaften bzw. –arten ausgestattet ist. Sein Sinn für Humor überschneidet sich erfreulich häufig mit meinem Sinn für Humor. So sorgte er mit seinen ironisch-spöttischen Bemerkungen bei mir nicht nur einmal für ein spontanes Gelächter. Ebenso wie Josephine Tey die Handlung sich beinah organisch entfalten lässt, so gönnt sie auch den Dialogen ihre natürliche Entwicklung. Alles baut aufeinander auf, und bleibt gleichzeitig recht unspektakulär. So lässt Tey ihren Helden viel angeln, viel wandern und auch sonst sich viel in der Natur aufhalten – und dies geschieht seitenweise…! Nicht unbedingt die typische Vorgehensweise für eine Krimi-Autorin, um Spannung aufzubauen.

Doch warum legte ich das Buch nicht gelangweilt zur Seite? Weil – wie schon erwähnt – alles aufeinander aufbaut, und die Spannung eben genau aus dieser scheinbaren Belanglosigkeit heraus entsteht: Eben noch las ich die harmlose Beschreibung der Natur-Idylle, wenige Sätze weiter offenbarten sich entscheidende Hinweise für die Lösung des Falls. Zudem glänzt sie mit ihrer Figuren-Charakterisierung und überzeugt mit einer unterhaltsamen Beziehungsstruktur der handelnden Personen. Wie der titelgebende Zug, der nach einem Halt am Bahnhof erst langsam wieder die Geschwindigkeit erhöht, lässt sie auch die Handlung nur ganz gemächlich Tempo aufnehmen. Mir blieb somit nichts anderes übrig, als weiterzulesen.

Erstaunt war ich zudem, wie präzise und gleichzeitig respektvoll sie die „Überarbeitung“ unseres Helden beschreibt, der eindeutig Symptome eines Burnouts zeigt. Für das Entstehungsjahr des Buches (1952) war dies eine absolut moderne Sichtweise auf eine psychische Erkrankung. Chapeau!

Abermals war es mir ein großes Vergnügen, den Krimi einer Autorin, die viel zu lange unbeachtet blieb, zu lesen, der erfreulich unblutig daherkam, bar jeglicher billigen Effekthascherei war aber dafür durch eine gekonnte Erzählweise überzeugte. Bitte mehr davon!


erschienen bei Oktopus (bei Kampa) / ISBN: 978-3311704546 / in der Übersetzung von Manfred Allié

[Rezension] Agatha Christie – Etwas ist faul. Kurzgeschichten

Ich saß in meinem Sessel und schwitzte vor mich hin: Draußen brannte die Sonne vom Himmel, die sich nur dann und wann eine Pause gönnte, wenn Regenschauer sie verdunkelten. Doch dies brachte keine Erleichterung. Vielmehr sorgte die Kombination beider Wetterphänomene dafür, dass sich die tropische Flora und Fauna bei uns sehr, sehr wohl fühlen würde. Ich saß in meinem Sessel und schwitzte vor mich hin: In meinen Händen hielt ich das Rezensionsexemplar mit Erzählungen eines russischen Dichters. Ich ertappte mich dabei, wie ich schon seit geraumer Zeit auf immer die gleiche Stelle im Buch starrte ohne einen Hauch von Ahnung, was ich da gerade gelesen hatte. Ich bemitleidete mich voller Inbrunst selbst! Dann traf ich genau die richtige Entscheidung: Unter diesen Bedingungen brauchte es eine leichte unterhaltsame Lektüre…!

Unter dem Original-Titel The Listerdale Mystery erschien in Großbritannien im Jahr 1934 diese Anthologie mit 12 Kurzgeschichten, von denen einige auch über die Grenzen Englands hinaus sehr populär wurden. Besonders zwei Geschichten tauch(t)en gerne auch in anderen Zusammenstellungen auf.

In „Der Traum vom Glück“, die gerne in Sammlungen mit Weihnachtsgeschichten erscheint, schlägt ein junger, naiver Mann über die Stränge, ganz entgegen der Haltung seiner korrekten Verlobten, gönnt sich heimlich von einem Lotto-Gewinn einen Sportwagen. Schon bei seiner ersten Spritztour wird er plötzlich in eine aufregende Verwicklung mit einer unbekannten Schönen verstrickt, wie er sie sonst nur aus seinen geliebten Groschenromanen kennt. Bei „Haus Nachtigall“ (in anderen Übersetzungen auch „Villa Nachtigall“) heiratet eine junge Frau überstürzt einen ihr beinah Fremden und zieht mit ihm in ein abgelegenes Cottage. Merkwürdige Ereignisse und das widersprüchliche Verhalten ihres Gatten veranlassen sie, näheres über ihn und seine Vergangenheit in Erfahrung zu bringen.

Doch auch die anderen Geschichten sind äußerst unterhaltsam, spiegeln den damaligen Zeitgeist mit seinen gesellschaftlichen Unterschieden und den geläufigen Klischees bzw. Vorurteilen wieder. Wobei ich nach wie vor der Meinung bin, dass Agatha Christie dieses Stilmittel sehr bewusst einsetzte, um den vorherrschenden Standesdünkel zu karikieren. Ihren Hang zur Liebesschmonzette (unter dem Pseudonym Mary Westmacott veröffentlichte sie einige Liebesromane) konnte sie auch hier nicht gänzlich unterdrücken, bündelte diesen allerdings in einer heiter-ironischen Überzeichnung in der Beschreibung so mancher Situation.

Prinzipiell eine Meisterin im Kreieren von Dialogen zeigt sie hier ihr Können schon in recht frühen Jahren ihrer Karriere. Wieder einmal ertappte ich mich dabei, dass ich mitten bei dieser vergnüglichen Lektüre begann, laut zu lesen. Ein sehr gutes Zeichen für die Qualität der Dialoge! Zudem überzeugt Christie abermals mit prallen Charakteren jeglicher Couleur, wobei sie ihr Augenmerk immer besonders auf die Frauen-Typen richtet, die von ihr stets mit Selbstbewusstsein, Verve und Esprit porträtiert werden.

Der Abschluss dieser amüsanten Anthologie bildet die Geschichte „Schwanengesang“, die von einer höchst ungewöhnlichen Aufführung der Oper Tosca berichtet, bei der der Sänger des Scarpia mit einem Messer in der Brust auf offener Bühne sein Lebenslicht aushaucht. Gerade als passionierter Theaterbesucher bereitete mir diese Geschichte eine besondere Freude – zumal mein Stammtheater die neue Spielzeit mit Tosca eröffnet.

„Geschichten zum Wegnaschen“ urteilte damals The Times Literary Supplement und dieser Einschätzung kann ich mich uneingeschränkt anschließen. Zudem dieses Naschwerk bar jeglicher Kalorien und Kohlehydrate daherkommt. 😋


erschienen bei Atlantik / ISBN: 978-3455015010 / in der Übersetzung von Pieke Biermann, Hella von Brackel, Günter Eichel, Maria Meinert, Felix von Poellheim, Karl H. Schneider, Edith Walter und Renate Weigl

[Rezension] Maurice Leblanc – Arsène Lupin. Der Gentleman-Gauner/ mit Illustrationen von Annika Siems

Arsène Lupin, der feinsinnige Gentleman-Gauner und Meister der Verkleidungskunst, brilliert im rasanten Schlagabtausch mit seinen Gegenspielern. Galant wickelt er seine Geschäfte ab, entwendet mit Leichtigkeit prächtige Diamanten, teuerste Gemälde und brisante Dokumente. Selbst ein Aufenthalt im berüchtigten Gefängnis von Paris hält Lupin nicht davon ab, seine diebischen Vorhaben in die Tat umzusetzen. Intrigen, falsche Fährten, Täuschungen und Verrat – nichts kann dem Meisterdieb gefährlich werden. Nur eines bringt den ausgewiesenen Kunstkenner aus der Fassung: die Liebe zu einer Frau…

(Inhaltsangabe dem Klappentext des Buches entnommen!)

Zwischen den Jahr(zehnt)en 1905 und 1935 erzählte Autor Maurice Leblanc seinem stetig wachsenden Publikum in 20 Romanen, zwei Theaterstücken und etlichen Kurzgeschichten von den haarsträubenden Abenteuern des Arsène Lupin. Dabei gelten die Romane als eine wichtige Entwicklung in der Geschichte des Kriminalromans. Hier stand nicht ein gewiefter Ermittler im Rampenlicht, vielmehr galt die gesamte Aufmerksamkeit erstmals einem Kriminellen, der allerdings mit so viel Charme, Stil und Klasse agierte, dass er sich der Sympathie der Leserschaft sicher sein konnte.

Arsène Lupin ist frech, dreist und unverschämt, dann wieder zartfühlend, zurückhaltend und empathisch. Die Armen haben nichts zu befürchten. Vielmehr beutelt er die, die eh alles im Übermaß besitzen und sich oftmals verzweifelt an ihre Besitztümer klammern gemäß dem Motto „Ich habe, also bin ich wer!“. Sein genialer „Spiritus rector“ erlaubt ihm sogar die Freiheit bzw. Frechheit, dass er seine zukünftigen Opfer vorwarnt und sie trotz aller getroffenen Vorsichtsmaßnahmen selbstverständlich (!) um ihrer Wertgegenstände erleichtert.

Dabei pflegt er ein beinah freundschaftliches Verhältnis zur Polizei, selbst wenn diese, wie z.Bsp. der von ihm geschätzte Inspector Ganimard, ihn verhaftet und ins berüchtigte Pariser Gefängnis Santé verfrachtet. Er kann ihnen nicht lange böse sein, denn schließlich ist selbst ein Gefängnisaufenthalt für einen Gentleman-Gauner, wie er einer ist, nur von kurzer Dauer. Doch es gibt zwei Menschen, die es schaffen den Meisterdieb aus sehr unterschiedlichen Gründen durch ihre bloße Anwesenheit zu irritieren: Einerseits ist es die entzückende Miss Nelly Underdown, andererseits der wohl berühmteste Detektiv der Welt Mr. Sherlock Holmes.

Gerüchten zufolge soll Leblanc den Meisterdieb als Gegenstück zum sehr erfolgreichen Sherlock Holmes von Arthur Conan Doyle geschaffen haben. Aus urheberrechtlichen Gründen durfte bei der Erstveröffentlichung der korrekte Name des Meisterdetektivs nicht genannt werden, der dann zu „Herlock Sholmes“ mutierte. Diese Schreibweise wurde auch in der vorliegenden Ausgabe der Büchergilde Gutenberg beibehalten.

Aus dem Füllhorn an Geschichten wurden für die vorliegende Edition neun Erzählungen gewählt, die wunderbar aufeinander aufbauen bzw. sich aufeinander beziehen. Alle Erzählungen wurden von Martin Barkawitz mit viel Witz und Esprit vortrefflich übersetzt.

Die Illustrationen von Annika Siems, die jeweils am Anfang einer Geschichte stehen, sind ein nettes „Beiwerk“ aber durchaus auch entbehrlich. Leider erreichen sie nicht die Intensität, die ihre Illustrationen vorweisen, die sie für Graham Greenes „Der dritte Mann“ ebenfalls für die Büchergilde Gutenberg kreiert hat.

Arsène Lupin ist ein Meister der Verkleidung, der in eine Vielzahl verschiedener Identitäten schlüpft: So ist es natürlich müßig zu erwähnen, dass Maurice Leblanc in keinem einzigen Satz und nicht mit der winzigsten Andeutung einen Hinweis auf das wahre Erscheinungsbild seiner Schöpfung gibt. So blieb es für mich als Leser immer wieder spannend zu rätseln, hinter welchem Pseudonym sich der Gentleman-Gauner diesmal verbergen könnte.

„Oldies but Goldies!“ lautet ein vielbemühter Ausspruch, der mal mehr, mal weniger zutreffend ist. In diesem Fall trifft er allerdings direkt ins Schwarze: Ich habe mich bei der Lektüre dieser neun Erzählungen gar prächtig amüsiert und bestens unterhalten gefühlt.

Easter Eeg: Beim Lesen der letzten Erzählung „Herlock Sholmes kommt zu spät“ stutze ich plötzlich und musste spontan auflachen. Da hatte sich doch tatsächlich der korrekte Name des Meisterdetektivs in die Geschichte geschummelt. Ich wünsche Euch viel Spaß beim Suchen!


erschienen bei Büchergilde Gutenberg / ISBN: 978-3763272938 / in der Übersetzung von Martin Barkawitz

[Rezension] Alex Lépic – Lacroix und die Toten vom Pont Neuf

Zu seinen Markenzeichen zählen der Hut, der Mantel und die qualmende Pfeife im Mundwinkel. Von Vorgesetzen und Kollegen gleichermaßen geschätzt wie von der Unterwelt gefürchtet sind die Straßen von Paris sein Revier. Nein, ich spreche hier nicht vom weltberühmten Kommissar Maigret, an dessen Kriminalfällen sein Schöpfer Georges Simenon seine Leserschaft in 75 Romane und 28 Erzählungen ab den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts teilnehmen ließ. Vielmehr befinden wir uns im hier und jetzt, in der Gegenwart, im heutigen Paris…

Kaum zurück aus dem Urlaub, erreicht Lacroix ein Anruf: Unter dem Pont Neuf wurde ein toter Clochard gefunden. Obwohl der Kommissar und seine Kollegen die folgenden Nächte am Ufer der Seine verbringen, können sie nicht verhindern, dass zwei weitere Männer ermordet werden. Drei Tote in drei Nächten, allen wurde brutal die Kehle durchgeschnitten. Keine Zeugen, keine Angehörigen, die Clochards sind die Vergessenen der Stadt. Ein gefundenes Fressen für die Presse, die überzeugt ist, dass ein Serienmörder sein Unwesen treibt. Vor dreißig Jahren gab es einen vergleichbaren Fall, und der Täter wurde nie gefasst. Hat er nun erneut zugeschlagen? Oder steckt ein schwerkriminelles Brüderpaar dahinter, das von den Obdachlosen Schutzgeld erpresst? Wer, wenn nicht Commissaire Lacroix, mit seiner Intuition und seiner Menschenkenntnis, könnte alle drei Fälle gleichzeitig lösen?

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages bzw. dem Klappentext des Romans entnommen!)

Bei Entstehung dieses Romans im Jahre 2019 lag die wahre Identität des Autors noch im Verborgenen und wurde vom Verlag wie einen Schatz gehütet. Die Fachpresse spekulierte wild und verglich den Schreibstil mit den div. Kriminalautor*innen. Kein Wunder, dass bei diesem großen Interesse um die wahre Identität, dieses Geheimnis nicht lange geheim bleiben konnte. Kurz nachdem im Oktober 2020 mit Lacroix und die stille Nacht von Montmartre der 3. Teil dieser Kriminalroman-Serie erschienen war, wurde das Geheimnis gelüftet. Hinter dem Pseudonym „Alex Lépic“ verbarg sich Journalist und Autor Alexander Oetker.

Warum sich Verlag und Autor für diese Geheimniskrämerei entschieden, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich habe es für mich als witzigen Werbe-Gag verbucht, mit dem eine neue Kriminalroman-Reihe in den Fokus des Interesses gerückt werden sollte. Und? Hält das Produkt auch das, was die Werbung verspricht? Ich würde urteilen: durchaus!

Schon ab dem ersten Satz schupst uns Autor Alex Lépic (Der Name steht so auf dem Cover, also bleibe ich dabei.) in die Welt von Commissaire Lacroix mit den typischen Pariser Straßen und Parks, den Sehenswürdigkeiten, den Bistros und Cafés. Und da ist es gleich zu spüren, dieses Savoir-vivre, das jede*r mit Paris verbindet, vielleicht gar nicht vorhanden ist und nur dazu dient, uns unwissenden Touristen anzulocken. Egal, denn ich wünsche/erhoffe/erträume mir dieses Flair, da es für mich einfach zu Paris gehört, und ein Roman, der in Paris spielt, hat es zu haben: Basta!

So mixt Lépic aus unseren Erwartungen, einem Quäntchen von der Kriminalliteratur à la Maigret und einer Prise modernem Zeitgeist einen locker-leichten Unterhaltungsroman, der flüssig zu lesen ist, mit einer angenehmen Spannung punktet und interessante Charaktere präsentiert. Zudem überrascht dieser Krimi, der als klassischer Whodunit konzipiert wurde, mit einigen unvorhergesehenen Wendungen.

Und während er Lacroix durch die Straßen von Paris spazieren lässt, huldigt der Autor mit diesen Rundgängen die Stadt und die Menschen, die dort leben. So animiert er auch uns, dieses besondere Lebensgefühl in den eigenen Alltag zu integrieren. Denn die angenehmen Seiten des Lebens können daheim im kleinen Städtchen Osterholz-Scharmbeck ebenso genossen werden wie in der Weltmetropole Paris.

„Savoir-vivre“


erschienen bei Kampa / ISBN: 978-3311125006

[Rezension] Nicholas Blake – Tod im Wunderland

Strahlender Sonnenschein, blaues Meer, nette Zerstreuungen mit sympathischen Menschen: Die Ferienkolonie „Wunderland“ verspricht ihren Gästen die perfekte Urlaubsidylle. Doch leider wird der Friede jäh gestört als ein Unbekannter, der sich selbst als „Der verrückte Hutmacher“ bezeichnet, seinen Schabernack mit den Gästen treibt. Was anfangs mit kleineren, eher harmlosen Sabotageakten beginnt, gipfelt in der Vergiftung eines Hundes. Der Manager Captain Wise fürchtet um den guten Ruf der Kolonie und bittet den jungen Forscher Paul Perry um diskrete Mithilfe: Perry soll im Rahmen einer Feldforschung für seine Studien die Gäste befragen, um aus deren Antworten auf die Identität des Übeltäters schließen zu können. Dumm nur, dass Perry zunehmend Zweifel an seinen eigenen Geisteszustand hegt und so befürchten muss, dass er selbst der Übeltäter ist. Als die „Streiche“ des verrückten Hutmachers zunehmend aggressiver werden, mischt sich James Thistlethwaite, der mit Gattin und Tochter ebenfalls als Gast im Wunderland weilt, in die Untersuchungen ein und fordert von Captain Wise, dass dieser, wenn schon nicht die Polizei, zumindest professionellere Hilfe in Anspruch nimmt, als Paul Perry zu leisten imstande ist. Als renommierter Herrenschneider kennt er die halbe Welt. Zufällig zählt zu seinen treuen Kunden auch der brillante Privatermittler Nigel Strangeways, der, sofern er nicht anderweitig beschäftigt wäre, sicherlich anreisen und eine unermessliche Hilfe bei der Enttarnung des verrückten Hutmachers sein würde. Doch als Nigel Strangeways im Wunderland eintrifft und die Ermittlungen aufnimmt, spitzen sich die Ereignisse unaufhaltsam zu…!

Mit „Tod im Wunderland“ erweitert der Klett-Cotta-Verlag seine Reihe an Wiederveröffentlichungen klassisch-britischer Kriminalromane um den dritten Fall rund um den gewieften Privatermittler Nigel Strangeways aus der Feder von Nicholas Blake (Pseudonym für Cecil Day-Lewis). Und wie schon bei den beiden Vorgängern Das Geheimnis von Dower House und Das Geheimnis des Schneemanns erfreute mich dieses Werk mit einer Fülle an prallen Charakteren, flüssigen Dialogen und einer scheinbar verworrenen Handlung mit überraschenden Wendungen.

Zudem scheut der Autor sich nicht, seinen Helden eher verspätet in die Handlung einzuführen. Vielmehr gönnt er sich die nötige Zeit, um die Atmosphäre in der besagten Ferienkolonie und die Stimmungsschwankungen unter den Gästen bei zunehmender Panik sehr detailliert zu schildern. Er schafft mit dem Setting der Ferienkolonie die Grundlage, um recht unterschiedliche Personen glaubhaft aufeinanderprallen zu lassen. Diese Personen, die aus verschiedenen Milieus stammen, reisen aus unterschiedlichen Richtungen an, verbringen ihre Urlaubswochen gemeinsam, reisen danach in unterschiedlichen Richtungen wieder ab und sehen sich womöglich nie wieder. Nur hier in der Ferienkolonie „Wunderland“ entsteht dieses Konglomerat aus vielfältigen Charakteren innerhalb eines ihnen unüblichen Rahmens. Zwischenmenschliche Reibungspunkte sind da unvermeidbar und sorgen für zusätzliche Spannung in der Handlung.

Apropos: Der Autor gliedert die Handlung in drei (ungleiche) Teile: Im 1. Teil überlässt er Paul Perry das Ruder und lässt uns an seinen Gedanken teilhaben. Im 2. Teil greift nun James Thistlethwaite ins Geschehen ein und rollt sozusagen den roten Teppich für den Ermittler aus. Erst in Teil 3 sind wir gänzlich bei unserem Helden. Dieser Teil ist verständlicherweise der kürzeste Teil dieser Trilogie, da alle nötigen Informationen zur Lösung des Falles in den ersten beiden Teilen zu finden sind.

Auch bei Nicholas Blake darf der Detektiv die Lösung des Falls vor großem Publikum kundtun: Privatermittler Nigel Strangeways lässt es sich am Ende nicht nehmen, die möglichen Verdächtigen zu versammeln, um die wahren Täter dann bei einer außergewöhnlichen Teeparty zu entlarven.

Doch mit dieser effektvollen Art, den Fall aufzulösen und somit zu beenden, ist er durchaus in bester literarischer Gesellschaft. 🧐


erschienen bei Klett-Cotta / ISBN: 978-3608986945 / in der Übersetzung von Elina Baumbach

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Peter Swanson – Neun Leben

Da gibt es neun Menschen von unterschiedlicher Herkunft, mit unterschiedlichen Berufen und in unterschiedlichen Staaten der USA lebend. Scheinbar sind sie sich noch nie begegnet und haben nichts miteinander gemein, außer dass ihre Namen auf einer Liste stehen. Neun Namen zu neun Leben: Jede*r dieser neun Menschen erhält die besagte Liste zugeschickt und reagiert darauf sehr unterschiedlich: ratlos, amüsiert, gleichgültig, verängstigt. Doch dann wird Frank Hopkins, ein harmloser älterer Herr, der ein Urlaubsresort in Maine betreibt, ermordet aufgefunden. Sein Name war ebenso auf der mysteriösen Liste vermerkt, wie der von FBI-Agentin Jessica Winslow, die nun verzweifelt versucht, die Personen hinter den Namen ausfindig zu machen, in der Hoffnung, so Rückschlüsse auf den Täter ziehen zu können. Es wird ein Wettlauf gegen die Zeit, denn der Mörder bleibt nicht untätig. Schließlich weiß er als Einziger sehr genau, wo seine Opfer zu finden sind…!

Autor Peter Swanson greift in das Füllhorn der Kriminalliteratur, wählt die gewohnten Ingredienzien aus den Klassikern dieser Zunft und klöppelt aus ihnen einen kurzweiligen, gut zu lesenden Krimi. Dabei zitiert er hemmungslos eines der bekanntesten Werke aus der Feder von Agatha Christie Und dann gab’s keines mehr. Diesen offensichtlichen „Plagiat“ verzeihe ich ihm nur allzu gerne, denn es wird im Text offen auf diesen Roman angespielt.

In kurzen Episoden gibt Swanson seiner Leserschaft einen schlaglichtartigen Einblick in die Charaktere der Personen, die sich hinter den Namen auf der Liste verbergen. Er springt in kurzen Episoden von einem Leben zu einem anderen Leben, die alle recht unaufgeregt vergehen. Alles wirkt irgendwie banal alltäglich und darum nur allzu menschlich. Spannung schöpft der Autor aus der ständig präsenten und über alle schwebende Gefahr, da niemand weiß, wann der Mörder wieder zuschlagen wird. Umso überraschter reagierte ich, wenn plötzlich für mich absolut unvermittelt und somit nicht vorhersehbar ein Mord geschah. Dann starrte ich völlig ungläubig auf die gerade zuvor gelesenen Sätze und musste diese durchaus ein zweites Mal lesen, um das Unfassbare begreifen zu können. Ich erwartete es und war dann doch verblüfft, wenn es passierte. Großartig!

Dank dieser überschaubaren Episoden bzw. Kapitel liest sich der Roman flott „weg“. Zudem werden die Figuren äußerst abwechslungsreich geschildert und überzeugen durch eine durchaus ambivalente Charakterisierung. Auch scheut Swanson sich nicht, (Achtung: SPOILER!) seine Heldin zu opfern, somit meine bisherige Sichtweise auf die Handlung völlig durcheinanderzubringen und mich bis kurz vorm Schluss völlig im Unklaren zu lassen, in welche Richtung sich der Plot entwickelt.

Leider schlichen sich auch einige kleine Logikfehler in die Handlung ein. So konnte ich nicht immer schlüssig die Vorgehensweisen des Täters nachvollziehen, wobei die Auflösung ein wenig konstruiert auf mich wirkte, und somit einige Fragen unbeantwortet blieben.

Den kleinen überraschenden Twist am Ende des Romans empfand ich als Zugeständnis des Autors an die eher konventionellen Leser*innen, die am Ende eines Krimis ein wie auch immer geartetes Happy End für das persönliche Seelenheil benötigen. Für mein Empfinden war dieser Twist bei diesem ansonsten solide geschriebenen Roman absolut entbehrlich.

Mit diesem gut erzählten „Whodunit“ schenkt uns Autor Peter Swanson seine respektvolle Verbeugung vor dem klassischen Kriminalroman und seinen Schöpfer*innen.


erschienen bei Oktopus (bei Kampa) / ISBN: 978-3311300458 / in der Übersetzung von Fred Kinzel

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Agatha Christie – Mord im Orientexpress. Ein Fall für Poirot

Es war kurz vor Weihnachten des Jahres 1931: Agatha Christie hatte archäologische Ausgrabungsarbeiten ihres Mannes Max Mallowan im Irak besucht und befand sich nun mit dem Orientexpress auf dem Rückweg nach England, als der Zug aufgrund eines heftigen Unwetters zwei Tage auf offener Strecke stehen blieb. Agatha Christie nutze diese Zeit, um sich Gedanken zu einer neuen Kriminalgeschichte zu machen und schuf so die Grundlage zu einem ihrer bekanntesten Romane. Dabei nahm nicht nur den bekannten Zug als luxuriöse Kulisse zum Vorbild sondern ließ sich auch von den dramatischen Ereignissen um die Entführung des Lindbergh-Babys inspirieren. So verwob sie wieder geschickt Realität mit Fiktion…!

Hercule Poirot kann nur nach einigen Mühen und dank der Hilfe des mitreisenden Direktors der Eisenbahngesellschaft Monsieur Bouc ein Abteil im Kurswagen Istanbul – Calais des Orientexpress ergattern. Mitten im der Nacht versperrt eine Schneeverwehung die Strecke und zwingt den Zug zum Anhalten. Genau zu diesem Zeitpunkt wird der amerikanische Reisende Mr. Ratchett durch zwölf Messerstiche in seinem verschlossenen Abteil ermordet. Monsieur Bouc bittet Poirot, sich dem Fall anzunehmen. Da im Schnee keinerlei Spuren zu entdecken sind, muss sich der Mörder noch im Zug befinden. Im Abteil des Ermordeten findet Poirot einen nicht vollständig verbrannten Brief, aus dessen Rest er auf die Identität des Toten schließen kann: Bei Mr. Ratchett handelt es sich um den Verbrecher Cassetti, der durch Korruption und Bestechung seiner gerechten Strafe entkommen konnte. Cassetti hatte vor einigen Jahren die kleine Daisy Armstrong entführt, Lösegeld für sie erpresst und sie nach Erhalt der Summe erbarmungslos ermordet. Ihre Mutter erlitt daraufhin eine Fehlgeburt und starb an den Folgen. Ihr Vater wurde so von der Trauer übermannt, dass er Selbstmord beging. Eine Zofe von Mrs. Armstrong wurde fälschlicherweise der Mittäterschaft bezichtigt und stürzte sich aus einem Fenster in den Tod. So gehen fünf Leben auf das Konto von Cassetti, dem niemand eine Träne nachweinen würde. Poirot nimmt die Ermittlungen auf, doch weder die gefundenen Indizien noch die Zeugenaussagen der Mitreisenden ergeben ein klares Bild: Erscheint einer der Passagiere verdächtig, taucht unvermittelt ein Zeuge auf, der ein wasserdichtes Alibi liefern kann. Die Situation ist verzwickt: Hercule Poirots berühmten grauen Zellen arbeiten auf Hochtouren…!

„Mord im Orientexpress“ ist eines jener Werke, die den Weltruhm von Agatha Christie begründet haben und deren Existenz über so manches weniger gelungene Werk der Autorin hinwegtröstet. Denn eine so fleißige Autorin wie Christie, die über Jahrzehnte produktiv war, hat (zwangsläufig) nicht nur herausragende Werke hervorgebracht: In ihrem Oeuvre finden sich auch weniger geglückte Romane, die ich wohlwollend als solide bezeichnen möchte. Doch mit einem Krimi wie „Mord im Orientexpress“ zeigt sie ihr ganzes Können und beweist, dass sie zu Recht den Titel „Queen of Crime“ verdient.

Dabei nimmt sie die bekannten Ingredienzien, wie einen mysteriösen Mord in einem geschlossenen Raum, eine üppige Anzahl an Verdächtige sowie verwirrende Indizien, und fordert die Intelligenz ihre Leserschaft mit der Frage „Who done it?“ heraus. Zudem geizt sie nicht mit prallen Rollenprofilen, indem sie ein sehr illustres wie internationales Handlungspersonal auf der Bildfläche erscheinen lässt. Einen gemeinsamen Nenner zwischen diesen Personen scheint nicht existent, oder wie sie es Monsieur Bouc so treffend ausdrücken ließ:

„Um uns herum sitzen Menschen aller Schichten, aller Nationalitäten, jeden Alters. Für drei Tage bilden diese Menschen, lauter Fremde füreinander, eine Gemeinschaft. Sie schlafen und essen unter einem Dach, sie können sich nicht aus dem Weg gehen. Und nach den drei Tagen trennen sie sich wieder, jeder geht seiner eigenen Wege, und sie werden sich vielleicht nie wieder sehen.“

Dabei konstruiert sie wieder einen äußerst interessanten Handlungsaufbau: Wir verfolgen das Geschehen zwar einerseits chronologisch doch parallel auch in Rückblenden. Der Leser begleitet Hercule Poirot durch die einzelnen Verhöre und kann die Aussagen, wer sich wann an welchem Ort befunden hat, anhand der vorhandenen Skizze der Zugabteile nachvollziehen. Brillant verflicht Christie die einzelnen Zeugenaussagen zu einem feinen Netz aus Details. Sie überzeugt auch in den glaubhaften Dialogen, die sie ihren Figuren in den Mund legt und die diese treffend skizzieren. Dabei erlaubt sie den Personen eine Emotionalität, die für einen Christie-Roman eher ungewöhnlich ist.

Auch wer die Auflösung schon kennt, wird am geschickten Aufbau der Geschichte seine wahre Freude haben. Für mich zählt „Mord im Orientexpress“ nicht nur zu einem der besten Poirot-Romane, sondern zu einem der besten Romane, die Agatha Christie je geschrieben hat.


3x Poirot / 3x Mord im Orientexpress

3x Poirot - 3x Mord im Orientexpress

Ein Roman wie „Mord im Orientexpress“ mit seiner Ansammlung prägnanter Charaktere innerhalb eines luxuriösen Ambientes „schreit“ geradezu nach einer visuellen Umsetzung und wurde entsprechend häufig adaptiert. Der Roman wurde zweimal für das Kino und dreimal für das Fernsehen verfilmt.

Für die Bühne wurde der Stoff vom Dramatiker Ken Ludwig bearbeitet und feierte im Jahr 2017 seine Uraufführung. Übrigens: Diese Fassung steht mit einer eigenständigen Inszenierung auch auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven (Beitrag folgt!).

Ich habe mich bei meiner Auswahl auf die drei bekanntesten Verfilmungen beschränkt.

  • (1974/ Film)/ Regisseur Sidney Lumet versammelte ein All-Star-Cast mit Albert Finney als Hercule Poirot sowie Lauren Bacall, Martin Balsam, Ingrid Bergman, Michael York, Jacqueline Bisset, Richard Widmark, Sean Connery, John Gielgud und Anthony Perkins. Dabei blieb Lumet in seiner Umsetzung nah am literarischen Original, gab jedem seiner Stars genügend Möglichkeiten zur Entfaltung, ohne dass jemand hervorgehoben wurde bzw. sich in den Mittelpunkt spielte, und schaffte so eine fulminante Ensembleleistung voller Klasse und Flair.
  • (2010/ TV)/ Regisseur Philip Martin brauchte sich mit der für die britische Krimi-Serie „Agatha Christie’s Poirot“ entstandene Adaption wahrlich nicht zu verstecken. Neben dem großartigen David Suchet als Hercule Poirot, der diese Figur bis zur Perfektion studierte, konnte er mit Jessica Chastain, Hugh Bonneville, Toby Jones, Susanne Lothar, David Morrissey, Barbara Hershey, Denis Ménochet, Serge Hazanavicius und Samuel West ein ebenso exzellentes Ensemble vereinen. Diese Fassung ist deutlich dunkler und melancholischer als die Film-Fassung von 1974 und beleuchtet beinah kammerspielartig die Beweggründe der Protagonisten ohne an Dramatik einzubüßen.
  • (2017/ Film)/ Regisseur Kenneth Branagh schlüpfte selbst in der Hauptrolle des Meisterdetektivs, legte diesen allerdings eher als draufgängerischen Abenteurer an. Ähnlich wie sein Kollege Sidney Lumet versammelte er mit Penélope Cruz, Willem Dafoe, Judi Dench, Johnny Depp, Derek Jacobi, Michelle Pfeiffer, Daisy Ridley, Lucy Boynton und Olivia Colman ebenfalls ein Star-Ensemble, das an die klangvollen Namen der Rollenvorgänger allerdings nicht heranreichte. Pathos ersetzt nicht Emotionen. Zudem wirkte der Film auf mich mit seinen digitalen Effekten seltsam aufgebläht.

Welche Verfilmung man nun präferiert, welcher Rollengestaltung man nun den Vorrang gibt, bleibt natürlich dem persönlichen Geschmack überlassen.


erschienen bei Atlantik / ISBN: 978-3455650013 / in der Übersetzung von Otto Bayer

ebenfalls erschienen als Hörbuch bei der Hörverlag / ISBN: 978-3899407907 / Sprecher: Stefan Wilkening