[Rezension] Josephine Tey – DER LETZTE ZUG NACH SCHOTTLAND

Okay, du hast mich am Haken. Du hast deinen schmackhaften Köder ausgeworfen, und ohne nachzudenken habe ich zugeschnappt und hänge nun am Haken. Ich zapple zwar noch ein wenig hin und her – gänzlich ohne Gegenwehr kann ich mich doch nicht ergeben – aber wir wissen beide genau, dass ich rettungslos verloren bin.

Mit jedem weiteren gelesenen Roman von Josephine Tey, verfalle ich dieser Autorin mehr und mehr. Dabei sind ihre Krimis einerseits absolut „old-fashioned“ und gleichzeitig so wunderbar zeitlos. Zudem schuf sie mit Inspector Alan Grant einen solch bodenständigen und menschlichen Sympathieträger, der gänzlich ohne „Superkräfte“ auskommt, herrlich normal agiert und so deutlich näher an der Leserschaft ist als mancher der beinah übernatürlich brillanten Schnüffler wie Hercule Poirot oder Sherlock Holmes.

Inspector Alan Grant von Scotland Yard reist mit dem Zug nach Schottland. Gemeinsam mit einem alten Schulkameraden will er in den Highlands eine Auszeit nehmen, die herrliche Land­schaft genießen und sich von der, im Wortlaut seines Arztes, „Überarbeitung“ erholen. Kurz vor der Ankunft beobachtet Grant, wie es dem Schaffner im Abteil nebenan nicht gelingen will, einen Mitreisenden zu wecken – der Mann ist tot! Fast freut sich Grant ein bisschen, einmal nicht zuständig zu sein. Doch beim ersten Frühstück im Hotel fällt ihm eine Zeitung in die Hände, die er im Zug eingesteckt haben muss und die offenbar dem Toten gehörte. Ein rätselhaftes Gedicht, zwischen die Meldungen gekritzelt, weckt Grants detektivisches Interesse. Ob sich anhand der Handschrift und der merkwürdigen Verse etwas über die Identität des Mannes herausfinden lässt? Was als munterer Zeitvertreib beginnt, wird allmählich zu einer umfassenden Ermittlung, bei der Grant nicht nur das Gedicht entschlüsselt, sondern schließlich auch die Wahrheit über den Mord aufdeckt.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Seit Alibi für einen König bin ich ein Fan von diesem intelligenten und integren Ermittler, der mit nur allzu menschlichen Eigenschaften bzw. –arten ausgestattet ist. Sein Sinn für Humor überschneidet sich erfreulich häufig mit meinem Sinn für Humor. So sorgte er mit seinen ironisch-spöttischen Bemerkungen bei mir nicht nur einmal für ein spontanes Gelächter. Ebenso wie Josephine Tey die Handlung sich beinah organisch entfalten lässt, so gönnt sie auch den Dialogen ihre natürliche Entwicklung. Alles baut aufeinander auf, und bleibt gleichzeitig recht unspektakulär. So lässt Tey ihren Helden viel angeln, viel wandern und auch sonst sich viel in der Natur aufhalten – und dies geschieht seitenweise…! Nicht unbedingt die typische Vorgehensweise für eine Krimi-Autorin, um Spannung aufzubauen.

Doch warum legte ich das Buch nicht gelangweilt zur Seite? Weil – wie schon erwähnt – alles aufeinander aufbaut, und die Spannung eben genau aus dieser scheinbaren Belanglosigkeit heraus entsteht: Eben noch las ich die harmlose Beschreibung der Natur-Idylle, wenige Sätze weiter offenbarten sich entscheidende Hinweise für die Lösung des Falls. Zudem glänzt sie mit ihrer Figuren-Charakterisierung und überzeugt mit einer unterhaltsamen Beziehungsstruktur der handelnden Personen. Wie der titelgebende Zug, der nach einem Halt am Bahnhof erst langsam wieder die Geschwindigkeit erhöht, lässt sie auch die Handlung nur ganz gemächlich Tempo aufnehmen. Mir blieb somit nichts anderes übrig, als weiterzulesen.

Erstaunt war ich zudem, wie präzise und gleichzeitig respektvoll sie die „Überarbeitung“ unseres Helden beschreibt, der eindeutig Symptome eines Burnouts zeigt. Für das Entstehungsjahr des Buches (1952) war dies eine absolut moderne Sichtweise auf eine psychische Erkrankung. Chapeau!

Abermals war es mir ein großes Vergnügen, den Krimi einer Autorin, die viel zu lange unbeachtet blieb, zu lesen, der erfreulich unblutig daherkam, bar jeglicher billigen Effekthascherei war aber dafür durch eine gekonnte Erzählweise überzeugte. Bitte mehr davon!


erschienen bei Oktopus (bei Kampa) / ISBN: 978-3311704546 / in der Übersetzung von Manfred Allié

[Rezension] Agatha Christie – Etwas ist faul. Kurzgeschichten

Ich saß in meinem Sessel und schwitzte vor mich hin: Draußen brannte die Sonne vom Himmel, die sich nur dann und wann eine Pause gönnte, wenn Regenschauer sie verdunkelten. Doch dies brachte keine Erleichterung. Vielmehr sorgte die Kombination beider Wetterphänomene dafür, dass sich die tropische Flora und Fauna bei uns sehr, sehr wohl fühlen würde. Ich saß in meinem Sessel und schwitzte vor mich hin: In meinen Händen hielt ich das Rezensionsexemplar mit Erzählungen eines russischen Dichters. Ich ertappte mich dabei, wie ich schon seit geraumer Zeit auf immer die gleiche Stelle im Buch starrte ohne einen Hauch von Ahnung, was ich da gerade gelesen hatte. Ich bemitleidete mich voller Inbrunst selbst! Dann traf ich genau die richtige Entscheidung: Unter diesen Bedingungen brauchte es eine leichte unterhaltsame Lektüre…!

Unter dem Original-Titel The Listerdale Mystery erschien in Großbritannien im Jahr 1934 diese Anthologie mit 12 Kurzgeschichten, von denen einige auch über die Grenzen Englands hinaus sehr populär wurden. Besonders zwei Geschichten tauch(t)en gerne auch in anderen Zusammenstellungen auf.

In „Der Traum vom Glück“, die gerne in Sammlungen mit Weihnachtsgeschichten erscheint, schlägt ein junger, naiver Mann über die Stränge, ganz entgegen der Haltung seiner korrekten Verlobten, gönnt sich heimlich von einem Lotto-Gewinn einen Sportwagen. Schon bei seiner ersten Spritztour wird er plötzlich in eine aufregende Verwicklung mit einer unbekannten Schönen verstrickt, wie er sie sonst nur aus seinen geliebten Groschenromanen kennt. Bei „Haus Nachtigall“ (in anderen Übersetzungen auch „Villa Nachtigall“) heiratet eine junge Frau überstürzt einen ihr beinah Fremden und zieht mit ihm in ein abgelegenes Cottage. Merkwürdige Ereignisse und das widersprüchliche Verhalten ihres Gatten veranlassen sie, näheres über ihn und seine Vergangenheit in Erfahrung zu bringen.

Doch auch die anderen Geschichten sind äußerst unterhaltsam, spiegeln den damaligen Zeitgeist mit seinen gesellschaftlichen Unterschieden und den geläufigen Klischees bzw. Vorurteilen wieder. Wobei ich nach wie vor der Meinung bin, dass Agatha Christie dieses Stilmittel sehr bewusst einsetzte, um den vorherrschenden Standesdünkel zu karikieren. Ihren Hang zur Liebesschmonzette (unter dem Pseudonym Mary Westmacott veröffentlichte sie einige Liebesromane) konnte sie auch hier nicht gänzlich unterdrücken, bündelte diesen allerdings in einer heiter-ironischen Überzeichnung in der Beschreibung so mancher Situation.

Prinzipiell eine Meisterin im Kreieren von Dialogen zeigt sie hier ihr Können schon in recht frühen Jahren ihrer Karriere. Wieder einmal ertappte ich mich dabei, dass ich mitten bei dieser vergnüglichen Lektüre begann, laut zu lesen. Ein sehr gutes Zeichen für die Qualität der Dialoge! Zudem überzeugt Christie abermals mit prallen Charakteren jeglicher Couleur, wobei sie ihr Augenmerk immer besonders auf die Frauen-Typen richtet, die von ihr stets mit Selbstbewusstsein, Verve und Esprit porträtiert werden.

Der Abschluss dieser amüsanten Anthologie bildet die Geschichte „Schwanengesang“, die von einer höchst ungewöhnlichen Aufführung der Oper Tosca berichtet, bei der der Sänger des Scarpia mit einem Messer in der Brust auf offener Bühne sein Lebenslicht aushaucht. Gerade als passionierter Theaterbesucher bereitete mir diese Geschichte eine besondere Freude – zumal mein Stammtheater die neue Spielzeit mit Tosca eröffnet.

„Geschichten zum Wegnaschen“ urteilte damals The Times Literary Supplement und dieser Einschätzung kann ich mich uneingeschränkt anschließen. Zudem dieses Naschwerk bar jeglicher Kalorien und Kohlehydrate daherkommt. 😋


erschienen bei Atlantik / ISBN: 978-3455015010 / in der Übersetzung von Pieke Biermann, Hella von Brackel, Günter Eichel, Maria Meinert, Felix von Poellheim, Karl H. Schneider, Edith Walter und Renate Weigl

[Rezension] Maurice Leblanc – Arsène Lupin. Der Gentleman-Gauner/ mit Illustrationen von Annika Siems

Arsène Lupin, der feinsinnige Gentleman-Gauner und Meister der Verkleidungskunst, brilliert im rasanten Schlagabtausch mit seinen Gegenspielern. Galant wickelt er seine Geschäfte ab, entwendet mit Leichtigkeit prächtige Diamanten, teuerste Gemälde und brisante Dokumente. Selbst ein Aufenthalt im berüchtigten Gefängnis von Paris hält Lupin nicht davon ab, seine diebischen Vorhaben in die Tat umzusetzen. Intrigen, falsche Fährten, Täuschungen und Verrat – nichts kann dem Meisterdieb gefährlich werden. Nur eines bringt den ausgewiesenen Kunstkenner aus der Fassung: die Liebe zu einer Frau…

(Inhaltsangabe dem Klappentext des Buches entnommen!)

Zwischen den Jahr(zehnt)en 1905 und 1935 erzählte Autor Maurice Leblanc seinem stetig wachsenden Publikum in 20 Romanen, zwei Theaterstücken und etlichen Kurzgeschichten von den haarsträubenden Abenteuern des Arsène Lupin. Dabei gelten die Romane als eine wichtige Entwicklung in der Geschichte des Kriminalromans. Hier stand nicht ein gewiefter Ermittler im Rampenlicht, vielmehr galt die gesamte Aufmerksamkeit erstmals einem Kriminellen, der allerdings mit so viel Charme, Stil und Klasse agierte, dass er sich der Sympathie der Leserschaft sicher sein konnte.

Arsène Lupin ist frech, dreist und unverschämt, dann wieder zartfühlend, zurückhaltend und empathisch. Die Armen haben nichts zu befürchten. Vielmehr beutelt er die, die eh alles im Übermaß besitzen und sich oftmals verzweifelt an ihre Besitztümer klammern gemäß dem Motto „Ich habe, also bin ich wer!“. Sein genialer „Spiritus rector“ erlaubt ihm sogar die Freiheit bzw. Frechheit, dass er seine zukünftigen Opfer vorwarnt und sie trotz aller getroffenen Vorsichtsmaßnahmen selbstverständlich (!) um ihrer Wertgegenstände erleichtert.

Dabei pflegt er ein beinah freundschaftliches Verhältnis zur Polizei, selbst wenn diese, wie z.Bsp. der von ihm geschätzte Inspector Ganimard, ihn verhaftet und ins berüchtigte Pariser Gefängnis Santé verfrachtet. Er kann ihnen nicht lange böse sein, denn schließlich ist selbst ein Gefängnisaufenthalt für einen Gentleman-Gauner, wie er einer ist, nur von kurzer Dauer. Doch es gibt zwei Menschen, die es schaffen den Meisterdieb aus sehr unterschiedlichen Gründen durch ihre bloße Anwesenheit zu irritieren: Einerseits ist es die entzückende Miss Nelly Underdown, andererseits der wohl berühmteste Detektiv der Welt Mr. Sherlock Holmes.

Gerüchten zufolge soll Leblanc den Meisterdieb als Gegenstück zum sehr erfolgreichen Sherlock Holmes von Arthur Conan Doyle geschaffen haben. Aus urheberrechtlichen Gründen durfte bei der Erstveröffentlichung der korrekte Name des Meisterdetektivs nicht genannt werden, der dann zu „Herlock Sholmes“ mutierte. Diese Schreibweise wurde auch in der vorliegenden Ausgabe der Büchergilde Gutenberg beibehalten.

Aus dem Füllhorn an Geschichten wurden für die vorliegende Edition neun Erzählungen gewählt, die wunderbar aufeinander aufbauen bzw. sich aufeinander beziehen. Alle Erzählungen wurden von Martin Barkawitz mit viel Witz und Esprit vortrefflich übersetzt.

Die Illustrationen von Annika Siems, die jeweils am Anfang einer Geschichte stehen, sind ein nettes „Beiwerk“ aber durchaus auch entbehrlich. Leider erreichen sie nicht die Intensität, die ihre Illustrationen vorweisen, die sie für Graham Greenes „Der dritte Mann“ ebenfalls für die Büchergilde Gutenberg kreiert hat.

Arsène Lupin ist ein Meister der Verkleidung, der in eine Vielzahl verschiedener Identitäten schlüpft: So ist es natürlich müßig zu erwähnen, dass Maurice Leblanc in keinem einzigen Satz und nicht mit der winzigsten Andeutung einen Hinweis auf das wahre Erscheinungsbild seiner Schöpfung gibt. So blieb es für mich als Leser immer wieder spannend zu rätseln, hinter welchem Pseudonym sich der Gentleman-Gauner diesmal verbergen könnte.

„Oldies but Goldies!“ lautet ein vielbemühter Ausspruch, der mal mehr, mal weniger zutreffend ist. In diesem Fall trifft er allerdings direkt ins Schwarze: Ich habe mich bei der Lektüre dieser neun Erzählungen gar prächtig amüsiert und bestens unterhalten gefühlt.

Easter Eeg: Beim Lesen der letzten Erzählung „Herlock Sholmes kommt zu spät“ stutze ich plötzlich und musste spontan auflachen. Da hatte sich doch tatsächlich der korrekte Name des Meisterdetektivs in die Geschichte geschummelt. Ich wünsche Euch viel Spaß beim Suchen!


erschienen bei Büchergilde Gutenberg / ISBN: 978-3763272938 / in der Übersetzung von Martin Barkawitz

[Rezension] Alex Lépic – Lacroix und die Toten vom Pont Neuf

Zu seinen Markenzeichen zählen der Hut, der Mantel und die qualmende Pfeife im Mundwinkel. Von Vorgesetzen und Kollegen gleichermaßen geschätzt wie von der Unterwelt gefürchtet sind die Straßen von Paris sein Revier. Nein, ich spreche hier nicht vom weltberühmten Kommissar Maigret, an dessen Kriminalfällen sein Schöpfer Georges Simenon seine Leserschaft in 75 Romane und 28 Erzählungen ab den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts teilnehmen ließ. Vielmehr befinden wir uns im hier und jetzt, in der Gegenwart, im heutigen Paris…

Kaum zurück aus dem Urlaub, erreicht Lacroix ein Anruf: Unter dem Pont Neuf wurde ein toter Clochard gefunden. Obwohl der Kommissar und seine Kollegen die folgenden Nächte am Ufer der Seine verbringen, können sie nicht verhindern, dass zwei weitere Männer ermordet werden. Drei Tote in drei Nächten, allen wurde brutal die Kehle durchgeschnitten. Keine Zeugen, keine Angehörigen, die Clochards sind die Vergessenen der Stadt. Ein gefundenes Fressen für die Presse, die überzeugt ist, dass ein Serienmörder sein Unwesen treibt. Vor dreißig Jahren gab es einen vergleichbaren Fall, und der Täter wurde nie gefasst. Hat er nun erneut zugeschlagen? Oder steckt ein schwerkriminelles Brüderpaar dahinter, das von den Obdachlosen Schutzgeld erpresst? Wer, wenn nicht Commissaire Lacroix, mit seiner Intuition und seiner Menschenkenntnis, könnte alle drei Fälle gleichzeitig lösen?

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages bzw. dem Klappentext des Romans entnommen!)

Bei Entstehung dieses Romans im Jahre 2019 lag die wahre Identität des Autors noch im Verborgenen und wurde vom Verlag wie einen Schatz gehütet. Die Fachpresse spekulierte wild und verglich den Schreibstil mit den div. Kriminalautor*innen. Kein Wunder, dass bei diesem großen Interesse um die wahre Identität, dieses Geheimnis nicht lange geheim bleiben konnte. Kurz nachdem im Oktober 2020 mit Lacroix und die stille Nacht von Montmartre der 3. Teil dieser Kriminalroman-Serie erschienen war, wurde das Geheimnis gelüftet. Hinter dem Pseudonym „Alex Lépic“ verbarg sich Journalist und Autor Alexander Oetker.

Warum sich Verlag und Autor für diese Geheimniskrämerei entschieden, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich habe es für mich als witzigen Werbe-Gag verbucht, mit dem eine neue Kriminalroman-Reihe in den Fokus des Interesses gerückt werden sollte. Und? Hält das Produkt auch das, was die Werbung verspricht? Ich würde urteilen: durchaus!

Schon ab dem ersten Satz schupst uns Autor Alex Lépic (Der Name steht so auf dem Cover, also bleibe ich dabei.) in die Welt von Commissaire Lacroix mit den typischen Pariser Straßen und Parks, den Sehenswürdigkeiten, den Bistros und Cafés. Und da ist es gleich zu spüren, dieses Savoir-vivre, das jede*r mit Paris verbindet, vielleicht gar nicht vorhanden ist und nur dazu dient, uns unwissenden Touristen anzulocken. Egal, denn ich wünsche/erhoffe/erträume mir dieses Flair, da es für mich einfach zu Paris gehört, und ein Roman, der in Paris spielt, hat es zu haben: Basta!

So mixt Lépic aus unseren Erwartungen, einem Quäntchen von der Kriminalliteratur à la Maigret und einer Prise modernem Zeitgeist einen locker-leichten Unterhaltungsroman, der flüssig zu lesen ist, mit einer angenehmen Spannung punktet und interessante Charaktere präsentiert. Zudem überrascht dieser Krimi, der als klassischer Whodunit konzipiert wurde, mit einigen unvorhergesehenen Wendungen.

Und während er Lacroix durch die Straßen von Paris spazieren lässt, huldigt der Autor mit diesen Rundgängen die Stadt und die Menschen, die dort leben. So animiert er auch uns, dieses besondere Lebensgefühl in den eigenen Alltag zu integrieren. Denn die angenehmen Seiten des Lebens können daheim im kleinen Städtchen Osterholz-Scharmbeck ebenso genossen werden wie in der Weltmetropole Paris.

„Savoir-vivre“


erschienen bei Kampa / ISBN: 978-3311125006

[Rezension] Nicholas Blake – Tod im Wunderland

Strahlender Sonnenschein, blaues Meer, nette Zerstreuungen mit sympathischen Menschen: Die Ferienkolonie „Wunderland“ verspricht ihren Gästen die perfekte Urlaubsidylle. Doch leider wird der Friede jäh gestört als ein Unbekannter, der sich selbst als „Der verrückte Hutmacher“ bezeichnet, seinen Schabernack mit den Gästen treibt. Was anfangs mit kleineren, eher harmlosen Sabotageakten beginnt, gipfelt in der Vergiftung eines Hundes. Der Manager Captain Wise fürchtet um den guten Ruf der Kolonie und bittet den jungen Forscher Paul Perry um diskrete Mithilfe: Perry soll im Rahmen einer Feldforschung für seine Studien die Gäste befragen, um aus deren Antworten auf die Identität des Übeltäters schließen zu können. Dumm nur, dass Perry zunehmend Zweifel an seinen eigenen Geisteszustand hegt und so befürchten muss, dass er selbst der Übeltäter ist. Als die „Streiche“ des verrückten Hutmachers zunehmend aggressiver werden, mischt sich James Thistlethwaite, der mit Gattin und Tochter ebenfalls als Gast im Wunderland weilt, in die Untersuchungen ein und fordert von Captain Wise, dass dieser, wenn schon nicht die Polizei, zumindest professionellere Hilfe in Anspruch nimmt, als Paul Perry zu leisten imstande ist. Als renommierter Herrenschneider kennt er die halbe Welt. Zufällig zählt zu seinen treuen Kunden auch der brillante Privatermittler Nigel Strangeways, der, sofern er nicht anderweitig beschäftigt wäre, sicherlich anreisen und eine unermessliche Hilfe bei der Enttarnung des verrückten Hutmachers sein würde. Doch als Nigel Strangeways im Wunderland eintrifft und die Ermittlungen aufnimmt, spitzen sich die Ereignisse unaufhaltsam zu…!

Mit „Tod im Wunderland“ erweitert der Klett-Cotta-Verlag seine Reihe an Wiederveröffentlichungen klassisch-britischer Kriminalromane um den dritten Fall rund um den gewieften Privatermittler Nigel Strangeways aus der Feder von Nicholas Blake (Pseudonym für Cecil Day-Lewis). Und wie schon bei den beiden Vorgängern Das Geheimnis von Dower House und Das Geheimnis des Schneemanns erfreute mich dieses Werk mit einer Fülle an prallen Charakteren, flüssigen Dialogen und einer scheinbar verworrenen Handlung mit überraschenden Wendungen.

Zudem scheut der Autor sich nicht, seinen Helden eher verspätet in die Handlung einzuführen. Vielmehr gönnt er sich die nötige Zeit, um die Atmosphäre in der besagten Ferienkolonie und die Stimmungsschwankungen unter den Gästen bei zunehmender Panik sehr detailliert zu schildern. Er schafft mit dem Setting der Ferienkolonie die Grundlage, um recht unterschiedliche Personen glaubhaft aufeinanderprallen zu lassen. Diese Personen, die aus verschiedenen Milieus stammen, reisen aus unterschiedlichen Richtungen an, verbringen ihre Urlaubswochen gemeinsam, reisen danach in unterschiedlichen Richtungen wieder ab und sehen sich womöglich nie wieder. Nur hier in der Ferienkolonie „Wunderland“ entsteht dieses Konglomerat aus vielfältigen Charakteren innerhalb eines ihnen unüblichen Rahmens. Zwischenmenschliche Reibungspunkte sind da unvermeidbar und sorgen für zusätzliche Spannung in der Handlung.

Apropos: Der Autor gliedert die Handlung in drei (ungleiche) Teile: Im 1. Teil überlässt er Paul Perry das Ruder und lässt uns an seinen Gedanken teilhaben. Im 2. Teil greift nun James Thistlethwaite ins Geschehen ein und rollt sozusagen den roten Teppich für den Ermittler aus. Erst in Teil 3 sind wir gänzlich bei unserem Helden. Dieser Teil ist verständlicherweise der kürzeste Teil dieser Trilogie, da alle nötigen Informationen zur Lösung des Falles in den ersten beiden Teilen zu finden sind.

Auch bei Nicholas Blake darf der Detektiv die Lösung des Falls vor großem Publikum kundtun: Privatermittler Nigel Strangeways lässt es sich am Ende nicht nehmen, die möglichen Verdächtigen zu versammeln, um die wahren Täter dann bei einer außergewöhnlichen Teeparty zu entlarven.

Doch mit dieser effektvollen Art, den Fall aufzulösen und somit zu beenden, ist er durchaus in bester literarischer Gesellschaft. 🧐


erschienen bei Klett-Cotta / ISBN: 978-3608986945 / in der Übersetzung von Elina Baumbach

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Peter Swanson – Neun Leben

Da gibt es neun Menschen von unterschiedlicher Herkunft, mit unterschiedlichen Berufen und in unterschiedlichen Staaten der USA lebend. Scheinbar sind sie sich noch nie begegnet und haben nichts miteinander gemein, außer dass ihre Namen auf einer Liste stehen. Neun Namen zu neun Leben: Jede*r dieser neun Menschen erhält die besagte Liste zugeschickt und reagiert darauf sehr unterschiedlich: ratlos, amüsiert, gleichgültig, verängstigt. Doch dann wird Frank Hopkins, ein harmloser älterer Herr, der ein Urlaubsresort in Maine betreibt, ermordet aufgefunden. Sein Name war ebenso auf der mysteriösen Liste vermerkt, wie der von FBI-Agentin Jessica Winslow, die nun verzweifelt versucht, die Personen hinter den Namen ausfindig zu machen, in der Hoffnung, so Rückschlüsse auf den Täter ziehen zu können. Es wird ein Wettlauf gegen die Zeit, denn der Mörder bleibt nicht untätig. Schließlich weiß er als Einziger sehr genau, wo seine Opfer zu finden sind…!

Autor Peter Swanson greift in das Füllhorn der Kriminalliteratur, wählt die gewohnten Ingredienzien aus den Klassikern dieser Zunft und klöppelt aus ihnen einen kurzweiligen, gut zu lesenden Krimi. Dabei zitiert er hemmungslos eines der bekanntesten Werke aus der Feder von Agatha Christie Und dann gab’s keines mehr. Diesen offensichtlichen „Plagiat“ verzeihe ich ihm nur allzu gerne, denn es wird im Text offen auf diesen Roman angespielt.

In kurzen Episoden gibt Swanson seiner Leserschaft einen schlaglichtartigen Einblick in die Charaktere der Personen, die sich hinter den Namen auf der Liste verbergen. Er springt in kurzen Episoden von einem Leben zu einem anderen Leben, die alle recht unaufgeregt vergehen. Alles wirkt irgendwie banal alltäglich und darum nur allzu menschlich. Spannung schöpft der Autor aus der ständig präsenten und über alle schwebende Gefahr, da niemand weiß, wann der Mörder wieder zuschlagen wird. Umso überraschter reagierte ich, wenn plötzlich für mich absolut unvermittelt und somit nicht vorhersehbar ein Mord geschah. Dann starrte ich völlig ungläubig auf die gerade zuvor gelesenen Sätze und musste diese durchaus ein zweites Mal lesen, um das Unfassbare begreifen zu können. Ich erwartete es und war dann doch verblüfft, wenn es passierte. Großartig!

Dank dieser überschaubaren Episoden bzw. Kapitel liest sich der Roman flott „weg“. Zudem werden die Figuren äußerst abwechslungsreich geschildert und überzeugen durch eine durchaus ambivalente Charakterisierung. Auch scheut Swanson sich nicht, (Achtung: SPOILER!) seine Heldin zu opfern, somit meine bisherige Sichtweise auf die Handlung völlig durcheinanderzubringen und mich bis kurz vorm Schluss völlig im Unklaren zu lassen, in welche Richtung sich der Plot entwickelt.

Leider schlichen sich auch einige kleine Logikfehler in die Handlung ein. So konnte ich nicht immer schlüssig die Vorgehensweisen des Täters nachvollziehen, wobei die Auflösung ein wenig konstruiert auf mich wirkte, und somit einige Fragen unbeantwortet blieben.

Den kleinen überraschenden Twist am Ende des Romans empfand ich als Zugeständnis des Autors an die eher konventionellen Leser*innen, die am Ende eines Krimis ein wie auch immer geartetes Happy End für das persönliche Seelenheil benötigen. Für mein Empfinden war dieser Twist bei diesem ansonsten solide geschriebenen Roman absolut entbehrlich.

Mit diesem gut erzählten „Whodunit“ schenkt uns Autor Peter Swanson seine respektvolle Verbeugung vor dem klassischen Kriminalroman und seinen Schöpfer*innen.


erschienen bei Oktopus (bei Kampa) / ISBN: 978-3311300458 / in der Übersetzung von Fred Kinzel

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Agatha Christie – Mord im Orientexpress. Ein Fall für Poirot

Es war kurz vor Weihnachten des Jahres 1931: Agatha Christie hatte archäologische Ausgrabungsarbeiten ihres Mannes Max Mallowan im Irak besucht und befand sich nun mit dem Orientexpress auf dem Rückweg nach England, als der Zug aufgrund eines heftigen Unwetters zwei Tage auf offener Strecke stehen blieb. Agatha Christie nutze diese Zeit, um sich Gedanken zu einer neuen Kriminalgeschichte zu machen und schuf so die Grundlage zu einem ihrer bekanntesten Romane. Dabei nahm nicht nur den bekannten Zug als luxuriöse Kulisse zum Vorbild sondern ließ sich auch von den dramatischen Ereignissen um die Entführung des Lindbergh-Babys inspirieren. So verwob sie wieder geschickt Realität mit Fiktion…!

Hercule Poirot kann nur nach einigen Mühen und dank der Hilfe des mitreisenden Direktors der Eisenbahngesellschaft Monsieur Bouc ein Abteil im Kurswagen Istanbul – Calais des Orientexpress ergattern. Mitten im der Nacht versperrt eine Schneeverwehung die Strecke und zwingt den Zug zum Anhalten. Genau zu diesem Zeitpunkt wird der amerikanische Reisende Mr. Ratchett durch zwölf Messerstiche in seinem verschlossenen Abteil ermordet. Monsieur Bouc bittet Poirot, sich dem Fall anzunehmen. Da im Schnee keinerlei Spuren zu entdecken sind, muss sich der Mörder noch im Zug befinden. Im Abteil des Ermordeten findet Poirot einen nicht vollständig verbrannten Brief, aus dessen Rest er auf die Identität des Toten schließen kann: Bei Mr. Ratchett handelt es sich um den Verbrecher Cassetti, der durch Korruption und Bestechung seiner gerechten Strafe entkommen konnte. Cassetti hatte vor einigen Jahren die kleine Daisy Armstrong entführt, Lösegeld für sie erpresst und sie nach Erhalt der Summe erbarmungslos ermordet. Ihre Mutter erlitt daraufhin eine Fehlgeburt und starb an den Folgen. Ihr Vater wurde so von der Trauer übermannt, dass er Selbstmord beging. Eine Zofe von Mrs. Armstrong wurde fälschlicherweise der Mittäterschaft bezichtigt und stürzte sich aus einem Fenster in den Tod. So gehen fünf Leben auf das Konto von Cassetti, dem niemand eine Träne nachweinen würde. Poirot nimmt die Ermittlungen auf, doch weder die gefundenen Indizien noch die Zeugenaussagen der Mitreisenden ergeben ein klares Bild: Erscheint einer der Passagiere verdächtig, taucht unvermittelt ein Zeuge auf, der ein wasserdichtes Alibi liefern kann. Die Situation ist verzwickt: Hercule Poirots berühmten grauen Zellen arbeiten auf Hochtouren…!

„Mord im Orientexpress“ ist eines jener Werke, die den Weltruhm von Agatha Christie begründet haben und deren Existenz über so manches weniger gelungene Werk der Autorin hinwegtröstet. Denn eine so fleißige Autorin wie Christie, die über Jahrzehnte produktiv war, hat (zwangsläufig) nicht nur herausragende Werke hervorgebracht: In ihrem Oeuvre finden sich auch weniger geglückte Romane, die ich wohlwollend als solide bezeichnen möchte. Doch mit einem Krimi wie „Mord im Orientexpress“ zeigt sie ihr ganzes Können und beweist, dass sie zu Recht den Titel „Queen of Crime“ verdient.

Dabei nimmt sie die bekannten Ingredienzien, wie einen mysteriösen Mord in einem geschlossenen Raum, eine üppige Anzahl an Verdächtige sowie verwirrende Indizien, und fordert die Intelligenz ihre Leserschaft mit der Frage „Who done it?“ heraus. Zudem geizt sie nicht mit prallen Rollenprofilen, indem sie ein sehr illustres wie internationales Handlungspersonal auf der Bildfläche erscheinen lässt. Einen gemeinsamen Nenner zwischen diesen Personen scheint nicht existent, oder wie sie es Monsieur Bouc so treffend ausdrücken ließ:

„Um uns herum sitzen Menschen aller Schichten, aller Nationalitäten, jeden Alters. Für drei Tage bilden diese Menschen, lauter Fremde füreinander, eine Gemeinschaft. Sie schlafen und essen unter einem Dach, sie können sich nicht aus dem Weg gehen. Und nach den drei Tagen trennen sie sich wieder, jeder geht seiner eigenen Wege, und sie werden sich vielleicht nie wieder sehen.“

Dabei konstruiert sie wieder einen äußerst interessanten Handlungsaufbau: Wir verfolgen das Geschehen zwar einerseits chronologisch doch parallel auch in Rückblenden. Der Leser begleitet Hercule Poirot durch die einzelnen Verhöre und kann die Aussagen, wer sich wann an welchem Ort befunden hat, anhand der vorhandenen Skizze der Zugabteile nachvollziehen. Brillant verflicht Christie die einzelnen Zeugenaussagen zu einem feinen Netz aus Details. Sie überzeugt auch in den glaubhaften Dialogen, die sie ihren Figuren in den Mund legt und die diese treffend skizzieren. Dabei erlaubt sie den Personen eine Emotionalität, die für einen Christie-Roman eher ungewöhnlich ist.

Auch wer die Auflösung schon kennt, wird am geschickten Aufbau der Geschichte seine wahre Freude haben. Für mich zählt „Mord im Orientexpress“ nicht nur zu einem der besten Poirot-Romane, sondern zu einem der besten Romane, die Agatha Christie je geschrieben hat.


3x Poirot / 3x Mord im Orientexpress

3x Poirot - 3x Mord im Orientexpress

Ein Roman wie „Mord im Orientexpress“ mit seiner Ansammlung prägnanter Charaktere innerhalb eines luxuriösen Ambientes „schreit“ geradezu nach einer visuellen Umsetzung und wurde entsprechend häufig adaptiert. Der Roman wurde zweimal für das Kino und dreimal für das Fernsehen verfilmt.

Für die Bühne wurde der Stoff vom Dramatiker Ken Ludwig bearbeitet und feierte im Jahr 2017 seine Uraufführung. Übrigens: Diese Fassung steht mit einer eigenständigen Inszenierung auch auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven (Beitrag folgt!).

Ich habe mich bei meiner Auswahl auf die drei bekanntesten Verfilmungen beschränkt.

  • (1974/ Film)/ Regisseur Sidney Lumet versammelte ein All-Star-Cast mit Albert Finney als Hercule Poirot sowie Lauren Bacall, Martin Balsam, Ingrid Bergman, Michael York, Jacqueline Bisset, Richard Widmark, Sean Connery, John Gielgud und Anthony Perkins. Dabei blieb Lumet in seiner Umsetzung nah am literarischen Original, gab jedem seiner Stars genügend Möglichkeiten zur Entfaltung, ohne dass jemand hervorgehoben wurde bzw. sich in den Mittelpunkt spielte, und schaffte so eine fulminante Ensembleleistung voller Klasse und Flair.
  • (2010/ TV)/ Regisseur Philip Martin brauchte sich mit der für die britische Krimi-Serie „Agatha Christie’s Poirot“ entstandene Adaption wahrlich nicht zu verstecken. Neben dem großartigen David Suchet als Hercule Poirot, der diese Figur bis zur Perfektion studierte, konnte er mit Jessica Chastain, Hugh Bonneville, Toby Jones, Susanne Lothar, David Morrissey, Barbara Hershey, Denis Ménochet, Serge Hazanavicius und Samuel West ein ebenso exzellentes Ensemble vereinen. Diese Fassung ist deutlich dunkler und melancholischer als die Film-Fassung von 1974 und beleuchtet beinah kammerspielartig die Beweggründe der Protagonisten ohne an Dramatik einzubüßen.
  • (2017/ Film)/ Regisseur Kenneth Branagh schlüpfte selbst in der Hauptrolle des Meisterdetektivs, legte diesen allerdings eher als draufgängerischen Abenteurer an. Ähnlich wie sein Kollege Sidney Lumet versammelte er mit Penélope Cruz, Willem Dafoe, Judi Dench, Johnny Depp, Derek Jacobi, Michelle Pfeiffer, Daisy Ridley, Lucy Boynton und Olivia Colman ebenfalls ein Star-Ensemble, das an die klangvollen Namen der Rollenvorgänger allerdings nicht heranreichte. Pathos ersetzt nicht Emotionen. Zudem wirkte der Film auf mich mit seinen digitalen Effekten seltsam aufgebläht.

Welche Verfilmung man nun präferiert, welcher Rollengestaltung man nun den Vorrang gibt, bleibt natürlich dem persönlichen Geschmack überlassen.


erschienen bei Atlantik / ISBN: 978-3455650013 / in der Übersetzung von Otto Bayer

ebenfalls erschienen als Hörbuch bei der Hörverlag / ISBN: 978-3899407907 / Sprecher: Stefan Wilkening

[Rezension] Agatha Christie – Der Hund des Todes. Erzählungen

Irgendwie hatte die „Queen of Crime“ einen deutlichen Faible zum Mystischen: Anders kann ich mir ihre Abstecher ins Übersinnliche und Gespenstische à la Edgar Allen Poe nicht erklären. Doch auch die Irrungen und Wirrungen der menschlichen Psyche bzw. die Psychoanalyse und die Psychiatrie scheinen ihr Interesse geweckt zu haben. Und so verließ sie immer wieder gerne die gewohnten Krimi-Pfade und schrieb Geschichten, die mich beim Lesen an die beliebten Horror- und Mystery-Comics meiner Jugend erinnerten – nur diesmal in Worte gefasst.

Schon bei Der seltsame Mr Quin ließ sie diese Vorliebe anklingen, der sie in dieser Anthologie noch hemmungsloser frönte: Mysteriöse Zeichen in Form eines riesenhaften Hundes warnen vor nahendem Unheil. Ein Neffe missdeutet die Warnung seines Onkels, der darauf einen gewaltsamen Tod findet. Eine scheinbar zufällig im Zugabteil zusammentreffende Gruppe von vier Männern muss schaudernd erkennen, dass ein dunkles Geheimnis sie miteinander verbindet. Da hören Anwohner aus einem Haus immer wieder das Weinen eines Kindes, obwohl dieses Haus schon seit Jahren nicht mehr bewohnt ist. Eine reiche Witwe glaubt wahnsinnig zu werden, weil aus einem Radioapparat die Stimme ihres verstorbenen Gatten ertönt. Ein junger Mann meint immer wieder zu einer bestimmten Tageszeit einen Hilferuf zu hören und zweifelt an seinem Verstand, da sein Umfeld diese Rufe nicht vernimmt. Ein anderer junger Mann benimmt sich plötzlich wie eine Katze und scheint seiner geheimnisvollen Stiefmutter hörig. Ein wohlhabender Mann hört – nachdem er Zeuge eines furchtbaren Unfalls wurde – immer wieder die zarten Töne einer Flöte und entscheidet sich für eine radikale Änderung in seinem Leben. Ein Medium steigert sich so sehr in ihre Trance hinein, dass sie den herbeigerufenen Geist materialisiert und daran verstirbt. Ein wie von Geisterhand auf einer staubigen Oberfläche erscheinendes SOS erregt die Aufmerksamkeit eines Reisenden, der dadurch einen Mord verhindern kann.

Zwischen all diesen Erzählungen, die von allerlei geheimnisvollen Ereignissen berichten, ragt Die Zeugin der Anklage beinah wie ein Fremdkörper heraus. Einerseits hat die Story mit über 70 Seiten einen deutlich üppigeren Umfang als die anderen Geschichten. Andererseits haben wir es mit einer klassischen Kriminalgeschichte zu tun, der das Übersinnliche gänzlich fehlt. Dies schmälert natürlich in keinster Weise die Qualität dieser Erzählung. Ganz im Gegenteil: Vielmehr zeigt sich hier Agatha Christies Können in Vollendung, und sie überraschte mich mit einer weiteren, mir bisher unbekannten Fassung. Mrs. Christie war sich nie zu schade, die eigenen Werke weiterzuentwickeln bzw. zu überarbeiten: Sie adaptierte gerne ihre Romane selbst für die Bühne und scheute sich nicht vor radikalen, doch bühnentauglichen Veränderungen. So wurde aus dem Roman Tod auf dem Nil mit Poirot das Bühnenstück Mord an Bord ohne Poirot. Und auch Die Zeugin der Anklage machte auf ihrem Weg von der kleinen Zeitungsgeschichte zur großen Bühne mehrere Metamorphosen durch.

Allein Die Zeugin der Anklage rechtfertigt schon den Erwerb dieses Buches – sofern eine Rechtfertigung nötig erscheint. Doch auch die anderen Geschichten verstanden es durchaus, mich zu unterhalten.


erschienen bei Atlantik / ISBN: 978-3455015034 / in der Übersetzung von Marfa Berger, Maria Meinert, Edith Walter und Renate Weigl

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Gilbert Keith Chesterton – Pater Brown. Tod und Amen

Ungewöhnliche Ermittler*innen sind im Krimi-Genre äußerst beliebt: Da darf es gerne die altjüngferliche Lady aus einem verschlafenen Nest in der Provinz, der dickliche Privatdetektiv mit einem Hang zur Orchideenzucht oder das Violine spielende Superhirn mit mangelnder Empathie sein. Sie alle haben sich schon vor Jahrzehnten einen immerwährenden Platz im Herzen ihrer Leserschaft erobert. Besonders reizvoll scheint es allerdings, wenn die ursprüngliche Profession des Ermittlers scheinbar völlig konträr zu Mord und Totschlag steht. Da bewegt sich z. Bsp. ein Geistlicher von der göttlichen Kanzel hinab in die Untiefen der menschlichen Existenz, um dort die christliche Nächstenliebe zu propagieren: Der Himmel trifft auf die Hölle.

Als Gilbert Keith Chesterton zwischen 1910 und 1935 einundfünfzig Erzählungen über Pater Brown verfasste, die zunächst in Zeitschriften und anschließend zusammengefasst in fünf Sammelbänden erschienen, hätte er sicher nicht damit gerechnet, dass sich seine Schöpfung auch noch heute einer großen Beliebtheit erfreut und die Vorlage für manche filmische Umsetzung liefert(e). So schlüpften sowohl Alec Guinness als auch Heinz Rühmann für das Kino in die Soutane. Für das deutsche Fernsehen trieb erst Josef Meinrad und später Ottfried Fischer den Monsignore in die Verzweiflung. Und die BBC scheucht seit einigen Jahren höchst unterhaltsam Mark Williams als Schnüffler vor Gottes Gnaden über den Bildschirm.

Nun hat der kleine, unbedeutende Land-Pater, der sich eher bescheiden im Hintergrund hält und darum von Kriminalen und Kriminellen nur allzu gerne unterschätzt wird, seine Heimat im Schweizer Kampa-Verlag gefunden und befindet sich dort in bester Gesellschaft mit Kommissar Maigret, Commissaire Lacroix und  Chief Superintendent Gamache.

Für diesen Sammelband wurde die Übersetzung von Hanswilhelm Haefs, der nachgesagt wird, dass sie sehr nahe am englischen Original bleibt, behutsam von Julian Haefs redigiert und um die Übersetzung der noch fehlenden 51. Geschichte „Father Brown und die Midasmaske“ ergänzt. So umfasst dieser Schmöker stattliche 1268 Seiten incl. ein zwölfseitiges Nachwort und 67 Seiten an Anmerkungen. Besonders die Anmerkungen haben es in sich: Erklären sie doch so manche humoristische Anspielungen, politische Seitenhiebe und zeittypische Besonderheiten, die wir aus heutiger Sicht als Unkundige der damaligen Epoche nur schwerlich verstehen würden. Sind der Anmerkungen auch viele, so stören sie nicht den Fluss der Geschichte und können eher als Obolus betrachtet werden, der Rückschlüsse auf die persönliche Haltung des Autors zum jeweiligen Thema zulässt.

Allen Geschichten ist gemein, dass sie raffiniert konstruiert sind und gerne mit einem Twist überraschen. Unser Held trifft in seinen Abenteuern auf vielschichtige Charaktere in interessanten Settings, deren jeweilige Beschreibung der Autor sehr atmosphärische gestaltet. Dabei erfährt die geneigte Leserschaft von unserem Titelhelden recht wenig. Viele Details aus seiner Vergangenheit müssen aus Nebensätzen zusammengereimt werden. Pater oder vielmehr Father Brown (die englische Anrede Father wurde bei den Übersetzungen beibehalten) dient vielmehr als Projektionsfläche seiner Co.-Stars wie Valentin, Chef der Pariser Polizei, oder dem Meisterdieb Flambeau. Wer die kurzweilige BBC-Serie kennt und somit auch bei den Erzählungen humorvolle Krimi-Komödien erwartet, wird verwundert sein: Im Vergleich zur filmischen Adaption sind die Geschichten oftmals sehr düster, beinah gespenstisch-schaurig und manchmal durchaus brutal in ihrer Beschreibung der Morde. Unwillkürlich erinnerten sie mich an die Stories von Edgar Allan Poe, der als Wegbereiter des Symbolismus in der Literatur gilt. Ähnliches meinte ich auch bei G. K. Chesterton erkennen zu können, wo Alltägliches überhöht dargestellt wird und so an Bedeutung gewinnt.

Ich mag Anthologien sehr gerne. Bestenfalls (so wie hier) sind sie wie ein literarisches Büffet: Ich nasche mal hier, probiere mal da. So tat bzw. tue ich es auch bei diesem Werk: Von allen 51 Geschichten habe ich noch nicht gekostet. Doch das Buch liegt – wie eine offene Pralinenschachtel – immer griffbereit auf dem Tischchen neben meinem Lesesessel, und so kann ich jederzeit nach Lust und Laune „hineingreifen“ und weiternaschen!


erschienen bei Kampa / ISBN: 978-3311125662 / in der Übersetzung von Hanswilhelm Haefs und Julian Haefs

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Eine Leiche zum Advent. Das große Buch der Weihnachtskrimis/ herausgegeben von Otto Penzler

Mit Schwung wuchtete ich den Wälzer aus dem Bücherregal, schwankte leicht unter dem Gewicht, bis mein Gleichgewicht sich wieder ausbalanciert hatte, und taperte dann mit kleinen vorsichtigen Schritten Richtung Lesesessel. Mit einem leidvollen Stöhnen ließ ich mich ins Polster fallen, während besagter Wälzer auf meinem Bauch den nötigen Halt zur Ablage fand…!

Üppiges Format, über 700 Seiten starker Umfang, gefüllt mit 49 kriminellen Erzählungen: Bei der Zusammenstellung dieser Anthologie dachte Herausgeber Otto Penzler sicherlich nicht an „weniger ist mehr“. Vielmehr stand hier wohl eher „klotzen und nicht kleckern“ im Vordergrund. Und dabei bewies er zudem bei der Auswahl der Stories ein äußerst glückliches Händchen. Doch nichts anderes hätte ich von einer Koryphäe, wie er sie ist, auch erwartet. Schließlich zählt er zu den international führenden Fachleuten für Kriminalliteratur.

Nun ergeben – zumindest für mich – Krimis und Weihnachten den „perfect match“: Nichts fesselt meine Aufmerksamkeit mehr als ein zünftiger Mord – selbstverständlich nur rein literarisch: Wenn sich durch die perfekte Idylle langsam das Grauen seinen Weg bahnt, und die festliche Besinnlichkeit dem Horror eines Verbrechens weicht…! Vielleicht sollte ich Krimis schreiben?!

Nein, das überlasse ich doch lieber den Profis dieser Zunft. Selbstverständlich findet man in einer solchen Zusammenstellung auch die üblichen Verdächtigen: Da blinkt „Der blaue Karfunkel“ von Arthur Conan Doyle. Bei Mary Higgins Clark wird „Das große Los“ gezogen. Rex Stout schickt seinen Schnüffler Nero Wolfe auf „Die Weihnachtsfeier“. Edgar Wallace stolpert über „Die Chapham-Affäre“. Und Gilbert Keith Chesterton lässt Father Brown über „Die fliegenden Sterne“ sinnieren. Nun könnte ich mich über eine wenig originelle Auswahl mokieren, die wieder Werke beinhaltet, die gefühlt schon überall erschienen sind. Ich könnte mich mokieren, tue es aber nicht, da ich diese Entscheidung durchaus nachvollziehen kann. Eine Krimi-Anthologie ohne bekannte Namen würde dem durchschnittlichen Leser kaum einen Anreiz zum Kauf bieten. Seien wir ehrlich: Jeder von uns greift eher bei dem zu, was er kennt, oder?

So sind diese hinlänglich bekannten Geschichten, die in all den Jahren seit ihrer Entstehung nichts von ihrer literarischen Qualität eingebüßt haben, von weniger bekannten Geschichten „umzingelt“, die von Autor*innen stammen, die sich bzgl. Talent, Originalität und Qualität nicht hinter den großen Namen zu verstecken brauchen.

Zumindest mir waren Namen wie Catherine Aird, Thomas Hardy, Meredith Nicholson, Marjorie Bowen oder Norvell Page bisher kein Begriff. Wie schön, dass Penzler vor jeder Geschichte den/die Autor*in kurz vorstellt. Dabei sind so manche Kuriositäten zu entdecken: Da veröffentlichen zwei Cousins unter dem Pseudonym Ellery Queen äußerst erfolgreich ihre Kriminal-Stories, in denen sie ihren Detektiv ebenfalls Ellery Queen nennen. Oder Autor Peter Todd schenkte uns herrlich skurrile Sherlock Holmes-Parodien, in denen er die Marotten des Helden genüsslich persifliert, um sich durch sie gleichzeitig respektvoll vor der Vorlage zu verbeugen.

Zudem begeistert mich diese Zusammenstellung durch seine Vielfalt: Sei es aufgrund der unterschiedlichen Entstehungszeiten der Geschichten, der vielfältigen Ausdrucksformen der Autor*innen, der vielen phantasievollen Arten des „Um-die-Ecke-bringens“ oder der stilistischen Bandbreite, die von traditionell bis modern, von lustig bis unheimlich, von trashig bis rätselhaft reicht.

Oftmals gibt es bei solchen Anthologien einige herausragende Leistungen zu bewundern aber ebenso viel Mittelmaß zu ertragen. Ohne Licht gibt es eben auch keinen Schatten! Doch überraschenderweise konnte ich hier keinen nennenswerten literarischen Ausrutscher ausmachen. Im Gegenteil: Ich fühlte mich rundum bestens unterhalten!

Nun muss ich nur noch diesen Wälzer von meinem Bauch wieder unfallfrei ins Regal bugsieren…! 🙄


erschienen bei Bastei Lübbe/ ISBN: 978-3431039665