[Rezension] Agatha Christie – ACHT HERCULE POIROT KRIMIS (Hörspiel)

Kennt ihr das auch? Ihr habt gerade mehrere Bücher beendet und natürlich in salbungsvollen Worten eine Rezension verfasst, da lacht euch auch schon das nächste vom Verlag spendierte Leseexemplar an. Da brauche ich hin und wieder eine Auszeit! Nein, ich greife dann nicht nach einer Haselnuss- oder Milch-Schnitte (Obwohl die Versuchung gegeben wäre!). Vielmehr gelüstet es mich nach einer appetitlichen Krimi-Schnitte.

Wie gut, dass da die Sendeanstalten vom Südwestrundfunk und vom Mitteldeutschen Rundfunk mit ihrem Krimisommer in den Jahren 2002 bis 2006 für eine wunderbare Auswahl an klassischen Krimi-Leckerlis vorgesorgt haben. So gab sich nur die Elite dieses verbrecherischen Genres die Ehre: Dorothy L. Sayers (Lord Peter/ 2002), Georges Simenon (Kommissar Maigret/ 2003), Arthur Conan Doyle (Sherlock Holmes und Dr. Watson/ 2004) und Gilbert Keith Chesterton (Pater Brown/ 2005).

Im Jahre 2006 durfte dann Agatha Christie mit Hercule Poirot den letzten Krimisommer bestreiten.


4 CDs/ Acht Hercule Poirot Krimis von Agatha Christie (2006)/ Hörspielbearbeitung: Alexander Schnitzler/ Regie: Stefan Hilsbecher/ Musik: Henrik Albrecht/ mit Felix von Manteufel, Friedhelm Ptok, Stephanie Kämmer, Peter Fricke, Susanne Heydenreich, Abak Safaei-Rad, Leslie Malton, Udo Schenk, Hedi Kriegeskotte u.a.

  • CD 1: Eine Tür fällt ins Schloss / Tot im dritten Stock
  • CD 2: Vierundzwanzig Schwarzdrosseln / Der verräterische Garten
  • CD 3: Der Traum / Poirot und der Kidnapper
  • CD 4: Urlaub auf Rhodos / Lasst Blumen sprechen

Aus der Vielzahl an spannenden Fällen, die der kauzige kleine Belgier im Laufe seiner literarischen Karriere lösen durfte, griff man auf die oben genannten acht Kurzgeschichten zurück. Kenner der Materie werden beim Hören rasch bemerken, dass Alexander Schnitzler sich bei seiner Bearbeitung nah am Original gehalten und gesamte Textpassagen eins zu eins übernommen hat. Diese Vorgehensweise kann ich nur befürworten: Warum sollte er eine gute Vorlage verschlimmbessern? Umrahmt werden die Geschichten durch die Musik von Henrik Albrecht, die wiederholt zum Einsatz kommt und somit – wie ein roter Faden – die einzelnen Erzählungen miteinander verknüpft. Dabei ist die Musik atmosphärisch stimmig, drängt sich aber niemals in den Vordergrund. Gleiches gilt für die Regie von Henrik Albrecht, der klug auf das Können seiner Sprecher*innen setzt, und vielleicht nur hier und da ein wenig das Tempo im Sinne der Spannung anzieht.

Das Ensemble setzt sich aus versierten Schauspieler*innen aus Theater, Film und Fernsehen zusammen: Da tauchen bekannte Namen wie Stephanie Kämmer, Peter Fricke, Susanne Heydenreich, Abak Safaei-Rad, Leslie Malton, Udo Schenk und Hedi Kriegeskotte auf, die teilweise in mehreren Geschichten unterschiedliche Charaktere verkörpern. Dies meistern sie so gekonnt individuell und abwechslungsreich, dass ich manchmal nur anhand der Besetzungsliste erkannte, dass es sich um ein und dieselbe Person handelte.

Dreh- und Angelpunkt dieser acht Hercule Poirot Krimis – und somit prägend für diese Hörspiel-Produktion – sind allerdings Friedhelm Ptok und Felix von Manteufel. Friedhelm Ptok führte mich als Hörer mit seiner markanten Stimme durch den Plot. Dabei ist er manchmal „nur“ der Erzähler, dann schlüpft er wieder in die Schuhe von Arthur Hastings, Poirots Sidekick, der auch im literarischen Original so manches Mal erzählerisch durch die Geschichte führte. Prägnant in Szene gesetzt werden die Hörspiele durch die Stimme von Felix von Manteufel. Er „französelt“ höchst amüsant und versieht den weltberühmten Detektiv mit einer liebenswerten Schrulligkeit. Dies macht er so ausnehmend überzeugend, dass ich unseren Helden beinah leibhaftig vor mir sah.

Mit einer Länge zwischen 30 und 55 Minuten sind die einzelnen Episoden wunderbare Appetithäppchen, gar köstliche akustische Happenpappen, um den Tag zwar durchaus unterhaltsam spannend aber nicht allzu aufgeregt zu beenden.


erschienen bei der Hörverlag/ ISBN: 978-3867176095

[Rezension] P.D. James – EIN SPIEL ZUVIEL

Es war das Jahr 1962 als ein neuer Kommissar auf der literarischen Bühne der Kriminalromane erstmals in Erscheinung treten sollte. Seine geistige Mutter schuf mit ihm einen Ermittler, der einerseits noch geprägt war von den Traditionen der goldenen Ära des Genres, jedoch gleichzeitig seinen Blick ebenfalls Richtung Modernität wandte. Erst spät folgte P.D. James dem Drang zu schreiben. Vielleicht liegt in dem Umstand begründet, dass die Autorin schon einiges an Lebenserfahrung mitbrachte, warum auch der von ihr erdachte Held so erwachsen, so reif, so in sich ruhend erscheint.

Beinah stoisch geht Adam Dalgliesh in seinem Job vor, den er gewissenhaft, konzentriert und durchaus mit Empathie erledigt. Gleichzeitig umgibt ihn eine Aura des Geheimnisvollen: Vieles gibt die Autorin von ihm nicht preis. Da wird mal hier in einem Nebensatz ein Detail verraten, da fällt mal dort innerhalb eines Dialoges eine Bemerkung. Und doch hatte ich als Leser ein recht klares Bild von ihm vor meinem inneren Auge: Dank seiner Handlungen und Kommentare konnte ich Rückschlusse auf seinen Charakter ableiten. Wobei er sich nie in den Vordergrund drängte. Während bei Agatha Christie und Dorothy L. Sayers die ermittelnden Personen im Fokus der Geschichte stehen, hält P.D. James es ganz mit ihrer Kollegin Josephine Tey und widmet ihrer Aufmerksamkeit dem begangenen Verbrechen.

Auf Martingale Manor, dem Herrenhaus der Maxies, wird das traditionelle Sommerfest gefeiert. Als wäre dies nicht genug Aufregung, muss sich Mrs. Maxie an diesem milden Julitag auch noch mit der Nachricht herumschlagen, dass sich ihr Sohn mit dem neuen Hausmädchen verlobt hat, der ledigen Mutter Sally Jupp. Hinter ihrer Maske aus Tüchtigkeit und Ergebenheit versteckt Sally Gefühle der Verachtung – was den meisten auf Martingale verborgen bleibt. Am nächsten Morgen jedoch wird Sally ermordet aufgefunden. Ein komplizierter Fall für Kommissar Adam Dalgliesh, denn unter der Oberfläche des ländlichen Idylls brodelt es vor Hass und Eifersucht…

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

So legt P.D. James ihren Schwerpunkt auf das Verbrechen und sorgt dafür, dass ich als Leser alle Informationen erhalte, um den Fall (zumindest theoretisch) lösen zu können. Denn selbstverständlich werde ich diesen verzwickten Fall nicht lösen können – ich möchte ihn auch gar nicht lösen. Vielmehr entblätterte sich vor meinen Augen Seite für Seite das komplette Drama, und ich lernte so die beteiligten Protagonist*innen deutlich besser kennen als den Ermittler. Äußerst akribisch – ohne langatmig zu sein – rollt die Autorin die Geschehnisse an den Tagen vor der Tat auf und bietet Einblicke in die Gefühlswelten der Figuren. Peu à peu offenbart sich der wahre Charakter der handelnden Personen hinter ihren so sorgsam inszenierten Fassaden. Äußerst klug und in bester „Whodunit“-Manier präsentiert uns James eine erlauchte Auswahl an Verdächtigen, aus der wir – ähnlich einer Süßigkeit aus einer Pralinenschachtel – unseren Favoriten/unsere Favoritin wählen dürfen.

Doch auch das Opfer wird eingehend beleuchtet: Ist sie denn wirklich das unschuldige Opfer? Oder hat diese durch und durch berechnende Person nicht vielmehr ihren eigenen Beitrag geleistet, mit dem sie sich selbst in die Rolle des Opfers manövriert hat? Vielleicht hat sie wirklich „Ein Spiel zuviel“ gespielt? Bei der Autorin ist das Opfer aufgrund ihres ambivalenten Auftretens nicht zwangsläufig ein Sympathieträger. Vielmehr erzeugt sie mit ihrem Verhalten (manchmal unbewusst, manchmal kalkuliert) bei ihrem Gegenüber eine entsprechende Gegenreaktion und ist so die Projektionsfläche für die jeweiligen Emotionen.

Doch abermals zurück zum Helden: Ich fand es sehr erstaunlich, dass ein Protagonist, von dem ich so wenige Details kenne, eine umso größere Anziehungskraft auf mich ausübte. Und natürlich stellte ich mir selbst die Frage nach den Gründen. Die noble Zurückhaltung gepaart mit einem respektvollen und freundlichen Auftreten sind wesentliche Merkmale seines Charmes. Ja, vielleicht macht genau diese Paarung den besonderen Reiz aus, der mich veranlassen wird, mehr von ihm in Erfahrung zu bringen.

Adam Dalgliesh! Wir sehen uns wieder!


erschienen bei droemer / ISBN: 978-3426306727 / in der Übersetzung von Wolfdietrich Müller

[Rezension] Josephine Tey – WIE EIN HAUCH IM WIND

Mein „Bitte mehr davon!“, mit dem ich meine Rezension zu DER LETZTE ZUG NACH SCHOTTLAND beendete, scheint erhört worden zu sein. Es freut mich immer sehr, wenn Verlage auf meine Wünsche so prompt reagieren. Nein, Scherz beiseite: An mir lag es sicherlich nicht, dass die Werke von Josephine Tey wieder auf der großen literarischen Spielwiese aufgetaucht sind. Die Lorbeeren für diesen Umstand gebühren der Autorin ganz und gar alleine: Ihre Kriminalromane sind einfach so gut!

Mit Inspector Alan Grant schuf sie einen sympathischen Ermittler, der mit klarem, analytischem Verstand agiert und auch in kritischen Situationen seine noble Haltung nicht verliert. Diese Haltung ist so unumstößlich mit ihm verwurzelt, dass scheinbar nichts und niemand (selbst Vorgesetzte beißen sich die Zähne aus) sie erschüttern könnte. Womit Tey einen markanten Archetypen etablierte, der im Laufe der Jahrzehnte durchaus so einige „Nachkommen“ vorweisen konnte – von P.D. James „Chief Inspector Adam Dalgliesh“ bis zu „Inspector Thomas Lynley“ von Elizabeth George. Und auch diesmal hat unser tapferer Recke ein kniffliges Rätsel zu lösen…

Die Bewohner von Salcott St Mary haben es nicht leicht. In dem einst beschaulichen Dörfchen haben sich die überspanntesten Künstler*innen Londons angesiedelt: Lavinia Fitch, Autorin romantischer Frauenromane, Bühnenstar Marta Hallard und Miss Easton-Dixon, die jährlich ein Buch mit Weihnachtsmärchen veröffentlicht, sind noch die Harmlosesten. Hinzu kommen der zwar populäre aber sehr von sich eingenommene Rundfunkjournalist Walter Whitmore, der exzentrische Dramatiker Toby Tullis, der verbitterte Balletttänzer Serge Ratoff und der hasserfüllte Schriftsteller Silas Weekley. Der Besuch eines kalifornischen Starfotografen mischt die Künstler*innenkolonie gehörig auf: Alle sind sich einig, dass von Leslie Searle eine schier übermenschliche Attraktivität ausgeht. Und dann verschwindet der geheimnisvolle Schöne spurlos. Alan Grant, Inspector von Scotland Yard und enger Freund von Marta Hallard, wird hinzugezogen. Beinahe jede*r der schrulligen Künstler*innen hätte ein Motiv – und keine*r hat ein Alibi. Aber wer von ihnen wäre raffiniert genug für einen so ausgeklügelten Mord, dessen Opfer sich in Luft aufgelöst zu haben scheint?

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Ich liebe es, wenn ich merke, dass ein*e Autor*in präzise arbeitet und sich die nötige Zeit nimmt, um die Charakteristika der jeweiligen Figuren zu etablieren bzw. während der fortlaufenden Handlung weiter zu entwickeln. Da wird den Personen die nötige Zeit gewährt, um „atmen“ zu dürfen. Ihnen wird nicht „nur“ der Text in den Mund gelegt, vielmehr werden ihnen – neben kuriosen Marotten und allzu menschlichen Schwächen – ebenso bewundernswerte Stärken und charmante Charakterzüge zugestanden. Es wird ihnen sozusagen „Leben eingehaucht“.

Dies gelingt Josephine Tey so abwechslungsreich und vielschichtig, dass bei der Lektüre keinerlei Langeweile auftaucht. Ganz im Gegenteil: Plot und Figuren sind so prall und spannend kreiert, dass ich anfangs weder den Kriminalfall noch den Kriminalisten vermisste. Abermals bricht sie mit den traditionellen Krimi-Gewohnheiten, indem sie weniger der eigentlichen Tat als vielmehr dem inszenierten Handlungsrahmen den nötigen Raum zur Entfaltung bietet. Sie lässt uns direkt am Geschehen teilhaben. Wir sind als stille Beobachter direkt vor Ort und somit gegenüber unserem Helden im Vorteil. Oder sollte ich sagen „scheinbar im Vorteil“? Obwohl wir alles „gesehen und gehört“ haben, verfügen wir nicht über die brillanten analytischen Kompetenzen von Inspector Alan Grant, um aus den vielen Einzelteilen ein stimmiges Gesamtbild zu zaubern. Wie gut, dass wir solche Kompetenzen nicht besitzen, denn ansonsten bräuchten wir diesen Krimi nicht zu lesen.

Ebenso, wie ich die Präzision der Autorin liebe, erfreue ich mich immer wieder gerne an wunderbare Frauen-Porträts, die zur Entstehungszeit des Romans weit entfernt vom gängigen Klischee waren und somit nicht dem damaligen Frauenbild entsprachen. Tey etablierte eine Schar sehr selbstbestimmter, emanzipierter Frauen – allen voran die aparte Schauspielerin Marta Hallard, die glücklicherweise zum wiederholten Male ein Gastspiel neben Alan Grant geben durfte. Doch es taucht noch ein weiteres interessantes Frauen-Profil in diesem Roman auf: Einzelheiten werden nicht verraten, da diese für die Handlung von entscheidender Bedeutung sind und somit viel von der Spannung nehmen würden.

Apropos Spannung: Ich hoffe, dass ich nicht allzu viel verrate, wenn ich erwähnen, dass dieser Krimi – ähnlich wie schon bei NUR DER MOND WAR ZEUGE und ALIBI FÜR EINEN KÖNIG – gänzlich ohne Leiche auskommt. Nun mag sich vielleicht die eine oder der andere aus meiner Leserschaft fragen „Ist ein Krimi ohne Leiche überhaupt ein Krimi?“, denen rufe ich voller Überzeugung zu…

„Aber natürlich, und dies sogar ganz und gar famos!“


erschienen bei Oktopus (bei Kampa) / ISBN: 978-3311300564 / in der Übersetzung von Manfred Allié
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Benjamin von Eckartsberg (nach Agatha Christie) – MORD IM ORIENT-EXPRESS/ mit Illustrationen von Chaiko

Bevor ich im November des letzten Jahres meine allzeit beliebte Rubrik LEKTÜRE ZUM FEST starten wollte, hatte ich vorher noch das dringende Bedürfnis, einen Christie zu verschlingen – natürlich nur rein metaphorisch, versteht sich. Was läge näher, als nach zwei Monaten der Abstinenz ebenfalls mit einem Christie ins neue Lese-Jahr zu starten (Okay! Okay! Da hatte sich dreisterweise ein Bilderbuch vorgedrängelt. Doch wer würde diese kleine Frechheit einem charmanten Bilderbüchlein übel nehmen? 😄).

Der renommierte Carlsen-Verlag (Richtig! Die Heimat von Harry Potter!) scheint die Queen of Crime für sich entdeckt zu haben. Die Überschrift „Agatha Christie Classics“ lässt vermuten, dass neben MORD IM ORIENTEXPRESS noch weiter Werke der weltbekannten Krimi-Autorin im Gewand einer Comic-Adaption folgen werden. Klug entschied sich der Verlag zum Start dieser Serie für diesen Kriminalromane aus Christies Feder, der auch dank seiner vielfältigen Umsetzungen für Film, Fernsehen und Bühne eine große Popularität genießt. Für alle, denen die Handlung vielleicht trotzdem nicht ausreichend bekannt sein sollte…

Hercule Poirot kann nur nach einigen Mühen und dank der Hilfe des mitreisenden Direktors der Eisenbahngesellschaft Monsieur Bouc ein Abteil im Kurswagen Istanbul – Calais des Orientexpress ergattern. Mitten im der Nacht versperrt eine Schneeverwehung die Strecke und zwingt den Zug zum Anhalten. Genau zu diesem Zeitpunkt wird der amerikanische Reisende Mr. Ratchett durch zwölf Messerstiche in seinem verschlossenen Abteil ermordet. Monsieur Bouc bittet Poirot, sich dem Fall anzunehmen. Da im Schnee keinerlei Spuren zu entdecken sind, muss sich der Mörder noch im Zug befinden. Im Abteil des Ermordeten findet Poirot einen nicht vollständig verbrannten Brief, aus dessen Rest er auf die Identität des Toten schließen kann: Bei Mr. Ratchett handelt es sich um den Verbrecher Cassetti, der durch Korruption und Bestechung seiner gerechten Strafe entkommen konnte. Cassetti hatte vor einigen Jahren die kleine Daisy Armstrong entführt, Lösegeld für sie erpresst und sie nach Erhalt der Summe erbarmungslos ermordet. Ihre Mutter erlitt daraufhin eine Fehlgeburt und starb an den Folgen. Ihr Vater wurde so von der Trauer übermannt, dass er Selbstmord beging. Eine Zofe von Mrs. Armstrong wurde fälschlicherweise der Mittäterschaft bezichtigt und stürzte sich aus einem Fenster in den Tod. So gehen fünf Leben auf das Konto von Cassetti, dem niemand eine Träne nachweinen würde. Poirot nimmt die Ermittlungen auf, doch weder die gefundenen Indizien noch die Zeugenaussagen der Mitreisenden ergeben ein klares Bild: Erscheint einer der Passagiere verdächtig, taucht unvermittelt ein Zeuge auf, der ein wasserdichtes Alibi liefern kann. Die Situation ist verzwickt: Hercule Poirots berühmten grauen Zellen arbeiten auf Hochtouren…!


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Sehr bewusst habe ich hier genau dieselbe Inhaltsangabe gewählt, die ich für meine Rezension zum Roman erstellt hatte. Zeigt sie doch, wie nah sich Benjamin von Eckartsberg bei der Konzeption des Comics am Original gehalten hat. Selbst die bekannten Dialoge bzw. Dialog-Passagen wurden von ihm übernommen. Selbstverständlich fällt bei einem Comic der erzählerische Part weg, da das, was im Roman beschrieben wird, durch die Details der Zeichnungen vorgegeben wird. Da erfolgen zwangsläufig Kürzungen, und Handlungsstränge werden komprimiert wiedergegeben, um den Umfang der Geschichte auf ein genre-typisches Maß zu verdichten. Auch hierbei zeigte Benjamin von Eckartsberg sein Gespür, das Szenario so zu gestalten, dass die Geschichte nicht verfälscht und weiterhin stringent erzählt wird.

Die Zeichnungen von Chaiko überzeugen durch Atmosphäre und Detailgenauigkeit. So wird die klaustrophobische Stimmung im steckengebliebenen Zug recht gut wiedergegeben. Auch arbeitet Chaiko recht effektvoll mit dem Wechsel des Blickwinkels und fokussiert die Aufmerksamkeit der Betrachtenden durch die Wahl der Bildausschnitte. Bei der Physiognomie der Figuren zeigt er bei den Herren deutlich mehr Vielfalt als bei den Damen, die – mit einer Ausnahme – beinah gleichaltrig wirken. Zudem wechselt gegen Ende der Geschichte die Optik einer Protagonistin, was kurzzeitig bei mir für Irritation sorgte.

Alles in allem würde ich hierbei von einer gelungenen Umsetzung dieses Krimi-Klassikers sprechen. Wobei die Graphic Novel bzw. das Comic nach wie vor nicht zu meiner präferierten Lektüre zählt – voraussichtlich auch nie zählen wird. Dafür fehlt mir genau der oben bereits erwähnte erzählerische Part, der nochmals in die Tiefe geht und mir Feinheiten im Wesen der Figuren offenbart. Auch sprechen mich die charakteristischen Zeichnungen des Genres nur bedingt an, erscheinen mir eher wie Gebrauchsgrafiken und weniger wie eigenständige Kunstwerke, wie ich sie z. Bsp. bei illustrierten Büchern so sehr schätze und liebe.

All dies sind die Gründe, warum MORD IM ORIENTEXPRESS höchstwahrscheinlich das einzige Werk aus der Serie „Agatha Christie Classics“ bleibt, dem ich vorübergehend meine Aufmerksamkeit schenkte. Für Comic-Fans, die evtl. bisher nur wenige Berührungspunkte mit den Werken von Agatha Christie hatten, ist dies eine wunderbare Möglichkeit, sich ihnen anzunähern.


erschienen bei Carlsen / ISBN: 978-3551728906

ebenfalls erschienen als Roman bei Atlantik / ISBN: 978-3455650013 und als Hörbuch bei DER HÖRVERLAG / ISBN: 978-3899407907

[Rezension] Nicholas Blake – Das Geheimnis der Silvesternacht

In nur wenigen Tagen feiern wir Silvester, verabschieden das alte Jahr und blicken voller Hoffnung ins Neue Jahr. Und mit dieser Rezension verabschiedet sich auch die Rubrik LEKTÜRE ZUM FEST von meinem Blog, um sich hoffentlich am Ende des kommenden Jahres wieder frisch und mit einer Fülle an Lese-Tipps zurückzumelden.

Diesen Roman – obwohl schon im September erschienen und seitdem vom Verlag mir als Leseexemplar zur Verfügung gestellt – habe ich Euch sehr bewusst bisher vorenthalten, um das Jahr 2023 wohlig mit einer klassischen Krimi-Lektüre zu beenden. Denn das Gefühl, beim Lesen wohlig umfangen zu werden, um so ein wenig Ablenkung von den Katastrophen auf dieser Welt zu finden, habe wir uns alle redlich verdient…!

Der legendäre Privatdetektiv Nigel Strangeways verbringt die Silvesternacht in einem stattlichen Herrenhaus aus dem achtzehnten Jahrhundert im ländlichen England. Doch während überall im Land die Menschen das neue Jahr einläuten, läuft ihm die Zeit davon – denn das Leben eines Kindes steht auf dem Spiel: Nigel Strangeways reist auf Bitte der britischen Regierung über die Weihnachtsferien ins verschneite Südengland, um den Professor Alfred Wragby und seine Familie zu schützen. Dem Physiker ist ein bedeutender wissenschaftlicher Durchbruch gelungen, und jemand ist hinter diesem streng geheimen Wissen her. Als Wragbys achtjährige Tochter Lucy auf ihrem morgendlichen Weg vom Gästehaus zum Briefkasten von russischen Agenten entführt wird, die den Professor erpressen wollen, findet sich Nigel in einem Wettlauf gegen die Zeit wieder, um das Mädchen zu finden und eine Tragödie zu verhindern.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Der Klett-Cotta Verlag schickt zum 4. Mal in Neuauflage einen der wunderbar unterhaltsamen Krimi-Schmöker aus der Feder von Nicholas Blake (Pseudonym für Cecil Day-Lewis) ins Rennen. Bei den Wieder-Veröffentlichungen geht der Verlag allerdings nicht chronologisch vor. Da alle Haupthandlungen in sich abgeschlossen sind, fällt dieser Umstand eher unwesentlich ins Gewicht und könnte somit vernachlässigt werden. Als aufmerksamer Leser interessiert mich allerdings auch die private (Weiter-)Entwicklung der Hauptpersonen einer Krimi-Reihe. So war ich etwas überrascht, dass die charmante Gattin unseres Helden, die ich in Das Geheimnis des Schneemanns kennenlernen durfte, hier mit keinem Wort erwähnt wird, und er stattdessen mit der aparten Clare Massinger liiert ist. Der Grund: Zwischen den Erst-Veröffentlichungen beider Werke liegen nicht nur satte 23 Jahre, sondern auch 7 weitere Romane, die wahrscheinlich Aufklärung geben könnten über den Verbleib der Ehefrau unseres stattlichen Helden Nigel Strangeways. Dies schmälert natürlich nicht meinen Genuss an dieser Kriminal-Story und darf auch nicht als Kritik an eben jener gesehen werden. Vielmehr geht dieser Hinweis in Richtung des Verlages mit der Bitte, sich bei den Wieder-Veröffentlichungen an der chronologischen Reihenfolge zu orientieren.

Ansonsten legte Blake abermals einen flott zu lesenden Krimi vor, der wieder eine handverlesene Zahl an Charaktere präsentiert, mit intelligenten und klug durchdachten Dialogen punktet, genügend unterhaltsame Verwicklungen bietet und ganz im Sinne der Entstehungszeit viel Zeitkolorit versprüht. Dabei schieben ihm die Anspielungen an den Kommunismus und dem kaltem Krieg einen Hauch in Richtung eines Spionage-Thrillers. Wobei der Autor wohltuend auf eine allzu plakative Schwarz-Weiß-Skizzierung der Figuren verzichtet, sondern vielmehr auf beiden Seiten sympathische wie auch durchaus weniger sympathische Personen agieren lässt. Zudem überraschte mich dieses Werk mit seiner fesselnden Spannung und einer eindrucksvollen Dramatik: Beides hatte ich in diesem Maße bisher in keinem der zuvor gelesenen Krimis des Autors wahrgenommen.

Im Mittelpunkt steht selbstverständlich der charismatische Nigel Strangeways, der abermals sehr facettenreich dargestellt wird. Auch wenn Blakes Kriminalromane von der „goldenen“ Epoche des Genres geprägt sind, so ist seine literarische Kreation weniger der Super-Schnüffler, dem alles gelingt und dem die Erfolge nur so zufliegen. Vielmehr muss auch Strangeways so manchen herben Rück- bzw. schmerzhaften Tiefschlag verkraften. Doch all dies macht ihn nur menschlicher und somit nahbarer.

Das nächste Abenteuer von Privatdetektiv Nigel Strangeways wurde vom Klett-Cotta Verlag schon für das Frühjahr des nächsten Jahres angekündigt: Und diesmal hüpfen wir in der Chronologie wieder zwei Schritte zurück…! 😉


erschienen bei Klett-Cotta / ISBN: 978-3608986952 / in der Übersetzung von Dorothee Merkel

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] P.D. James – Der Mistelzweig-Mord. Weihnachtliche Kriminalgeschichten

Die Beschriftung auf ihren Visitenkarten müsste beeindruckend gewesen sein, hätte sie dort ihren vollen Namen incl. Titel und Auszeichnungen verewigt:

Phyllis Dorothy James, Baroness James of Holland Park, OBE, FRSA, FRSL

Für ihre Fans war sie „nur“ P.D. James. Dabei hat sie zu Lebzeiten immer beteuert, dass sie mit diesem Kürzel nie vorgehabt hat, ihr Geschlecht zu leugnen. Vielmehr hätte sie ihren Vornamen auf P.D. verkürzt, weil es rätselhaft wirke und zudem auf dem Buchrücken so gut aussähe.

Im Jahre 1962 erschien ihr erster Roman mit dem Titel „Ein Spiel zuviel“ (im eng. Org.: „Cover Her Face“). Mit ihm erblickte gleichzeitig ein neuer Ermittler das Licht der literarischen Welt: Chief Inspector Adam Dalgliesh ist ein schweigsamer Kriminalist. Zudem hat der früh Verwitwete eine poetische Ader und schon einige Gedichtbände veröffentlicht. Schon der erste Fall zeigt in seinen Grundzügen viele Gemeinsamkeiten mit den klassischen „Whodunits“, die in der Zeit zwischen den Weltkriegen in Großbritannien so populär waren. Auch in zwei von den insgesamt vier Geschichten dieser Anthologie spielt Adam Dalgliesh eine Hauptrolle. Doch schön der Reihe nach…!

Schon mit der titelgebenden Geschichte für diese kleine Sammlung Krimi-Erzählungen gelang es P.D. James, mich zu ködern. Ich hatte vorher noch nichts von ihr gelesen – zumindest kann ich mich nicht darin erinnern. Und schon beim Lesen der ersten Geschichte „Der Mistelzweig-Mord“ fragte ich mich, wie dies möglich sein konnte. Wie konnte mir bisher diese talentierte Autorin von Kriminalromanen verborgen bleiben?

Sowohl bei „Der Mistelzweig-Mord“ als auch bei „Ein ganz banaler Mord“ wird die Handlung aus der Erinnerung einer Person geschildert, die einen mehr oder weniger schmerzhaften Blick in die Vergangen wagt und so die Geschichte durchaus sehr emotional und mit persönlicher Färbung wiedergibt. Beide Geschichten fesselten mich durch ihren raffinierten Aufbau, der langsamen Steigerung der Spannung und einem überraschenden Twist am Schluss.

In „Das Boxdale-Erbe“ und „Die zwölf Weihnachtsindizien“ kommt der schon eingangs erwähnte Chief Inspector Adam Dalgliesh zum Zuge. Dieser noble und zurückhaltende Ermittler konnte mich sofort für sich einnehmen. Auch diese Mini-Krimis überzeugten mich durch ihre klar gezeichneten Figuren und dem gut durchdachten Handlungsaufbau. Mit einem herrlich kuscheligen Gefühl ließ ich mich in die Handlungen fallen, die – wie aus der Zeit gefallen – auch von Agatha Christie oder Dorothy L. Sayers hätten stammen können. Doch dann tauchte plötzlich eine Formulierung oder ein zeittypisches Detail auf, und mir wurde bewusst, dass P.D. James erst ab den 60er Jahren literarisch aktiv war.

„Die Krimis spielen in der Gegenwart, sind aber so gotisch, dass es fast verwundert, wenn erwähnt wird, dass Frauen aus dem Figurenensemble die Pille nehmen.“ ist in Reclams Krimi-Lexikon zu lesen. Genau diese Erfahrung durfte auch ich erleben. Doch stellt dies für mich durchaus kein Kritikpunkt dar. Vielmehr hatte ich den Eindruck, dass es hier eine Autorin gab, die sich mit Respekt auf die Tugenden ihrer Vorgängerinnen besann, in ihren eigenen Werken diese mit aktuellen Gegebenheiten kombinierte und so für die Nachfolgenden den Weg in die Moderne ebnete.

Die beiden spannenden Appetizer mit Adam Dalgliesh waren so schmackhaft, dass ich „Ein Spiel zuviel“ bei der Buchhandlung meines Vertrauens bestellt und schon einen Tag später abgeholt habe. Es spricht somit nichts dagegen, dass ich meine flüchtige Bekanntschaft mit ihm weiter vertiefe. Ich freue mich schon darauf…!


erschienen bei Droemer / ISBN: 978-3426282175 / in der Übersetzung von Susanne Wallbaum und Christa E. Seibicke

[Rezension] Jan Beinßen – Der Wintermordclub

Jung, dynamisch, durchtrainiert und analytisch-hochintelligent: So sind…

…diese Ermittler nicht. Vielmehr trifft hier eher der Satz „Je oller umso doller!“ absolut ins Schwarze. Wer braucht schon hyper-perfekte, makellose Superschnüffler? Ich mit Sicherheit nicht!

In einem kleinen französischen Hotel trifft sich jedes Jahr im Dezember eine Gruppe ehemaliger Ermittler: Polizisten, Detektive, eine Kriminalistikprofessorin und ein Gerichtsmediziner. Die Hotelleitung organisiert stets ein Krimidinner, an dem die ergrauten Profis zwischen Punsch und Plätzchen ihre Fähigkeiten vor dem Einrosten bewahren. Doch als sie im Weinkeller die vermeintliche Leiche finden, stellt sich heraus, dass dort ein echter Toter liegt! Die pensionierten Profis lassen kein gutes Haar an der Arbeit der herbeigerufenen Polizei. Ganz klar: Sie müssen selbst ran!

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Autor Jan Beinßen präsentiert uns eine vielschichtige Schar außergewöhnlicher Protagonist*innen, die alle schon bessere, glorreichere Zeiten erleben durften. Allesamt sind sie über dem Status der „Best Ager“ hinaus, versuchen dies allerdings höchst amüsant vor ihren Freunden zu verschleiern. Dabei wissen alle Bescheid, doch schweigen aus Angst, dass die eigene mühsam verputze Fassade weitere Risse bekommt.

Beinßen überzeugt mit einem kurzweiligen Krimi voller Ungereimtheiten, die er erst nach und nach aufschlüsselt. In kurzen Kapiteln springt er von Protagonist*in zu Protagonist*in, um so aus den individuellen Blickwinkeln die Geschehnisse zu beleuchten, und erlaubt uns so, einen detaillierten Einblick in die jeweiligen Gedanken und Seelenzustände zu erhaschen.

Dabei knüpft der Autor immer wieder Flashbacks aus der Vergangenheit in die Handlung ein, um so die Umstände zu erläutern, die zum jährlichen Treffen dieser außergewöhnlichen Ermittler-Truppe geführt haben. Als sie alle noch im vollen Saft ihrer Schaffenskraft standen, gehörten unsere Senioren einer internationalen Elite-Einheit an, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, einen der größten Drogen-Bosse Europas dingfest zu machen. Dies sollte ihnen erfolgreich gelingen und bei jeder/jedem für einen enormen Karriere-Schub sorgen. Doch niemand konnte damals ahnen, dass dieser Erfolg auch noch Jahre später Einfluss auf ihr Leben nehmen würde.

Anfangs verwirrte mich dieses „Bäumchen Wechsel dich“ der Sichtweisen in Kombination mit den Einschüben aus der Vergangenheit. Ich benötigte ein wenig Geduld, um nachvollziehen zu können, dass der Autor diesen Trick anwendet, um beim Leser für ein Höchstmaß an Verwirrung zu sorgen: Jede*r versucht, etwas zu verheimliche! Jede*r hat eine Leiche im Keller versteckt! Jede*r könnte somit auch die/der Täter*in sein!

Bei diesem ausführlichen Katz-und-Maus-Spiel bleibt die Spannung zwar ein wenig auf der Strecke, doch dies verzeihe bzw. übersehe ich gnädig. Dafür überraschte mich Beinßen immer wieder mit unvorhergesehene Twists. Auch schenkte er uns einen charmanten Krimi mit amüsant-kauzige Held*innen, die alle ihre Ecken und Kanten und somit menschliche Schwächen haben und die eine oder andere altersbedingte Blessur erkennen lassen. Besonders die Szenen, in denen die Masken fallen und mitfühlend-freundschaftlich anstatt professionell-distanziert miteinander umgegangen wird, wissen zu berühren.

Denn: Bei diesen Held*innen liebe ich sehr die Perfektion im Unperfekten!!!


erschienen bei Piper / ISBN: 978-3492318266

[Rezension] Angelika Griese – Klaben, Tod und Pfeffernüsse. Kriminelle Weihnachtsgeschichten aus Bremerhaven

Was tun, wenn man von vornherein weiß, dass die Rezension, die man verfassen wird, äußerst „durchwachsen“ ausfallen wird? Es wird zwar nicht ganz so niederschmetternd wie in meinem Beitrag zu Bilderbuch und Hörspiel zur Oper Hänsel und Gretel sein. Allerdings dürfen Lobhudeleien auch nicht erwartet werden.

Seit geraumer Zeit sprießen sogenannte Regional-Krimis wie Pilze aus dem Boden. Beinah scheint es so, dass jedes Kaff, das etwas auf sich hält, seinen eigenen Pilz – Äh! – Krimi vorweisen muss. Warum sollte da Bremerhaven, die Seestadt am Westrand des Elbe-Weser-Dreiecks, leer ausgehen?

In Bremen geboren und in Bremerhaven lebend hat Autorin Angelika Griese sich dieser Aufgabe angenommen und schließt mit ihren Werken diese Lücke auf der Landkarte der Regional-Krimis. Schon im Jahre 2016 erschien die vorliegende Anthologie. In 9 Geschichten auf 193 Seiten versammelt sie eine bunte Schar an Protagonist*innen, die mal mehr, mal weniger originell morden. Dabei handelt es sich jeweils nicht um einen klassischen „Whodunit“: Die Frage „Wer ist die Täterin/der Täter?“ stellt sich erst gar nicht, da dies von Anfang an bekannt ist. Vielmehr dreht die Autorin den Spieß um: Wir erfahren die Beweggründe, die zur Straftat führen. Ist diese erst begangen, endet die Geschichte auch schon.

Die meisten Geschichten sind nach einem ähnlichem Muster gestrickt: Eine Frau (wahlweise Mutter, Ehefrau, Freundin oder Geliebte) fühlt sich von einem Kerl betrogen, hintergangen oder auf eine sonstige Art und Weise gestört und trifft Vorkehrungen zur Beseitigung des Übels. Dabei hätten den Geschichten zwei bis drei Seiten „mehr“ sehr gut getan: Die Charakterisierung der Personen wäre dann vielleicht weniger klischeehaft bzw. weniger oberflächlich und deutlich markanter und individueller ausgefallen.

Zwei Stories stechen aus dieser Anthologie heraus: In „Tödlich rieselt der Schnee“ rächt sich ein Mann an der Person, die für den Tod seiner Nichte verantwortlich ist. Hier spürte ich erstmals Krimi-Feeling, da die Geschichte – dank eines überzeugenden Spannungsbogens – gut aufgebaut war. Bei „Nashville rockt das Altenheim“ mischen drei Rock-Oldies höchst amüsant und unterhaltsam eine Seniorenresidenz auf. Leider war auch diese Geschichte nicht gänzlich frei von ärgerlichen Klischees: Die fiese Pflegerin ist natürlich hässlich und fett, während ihre nette Kollegin als hübsch und schlank beschrieben wird. Solch plakative sowie verletzende Klischees müssen nun wirklich nicht mehr bemüht werden!

Angelika Griese hat solide Gebrauchs-Krimis abgeliefert, die beim Lesen durchaus unterhalten, allerdings auch nur kurz im Gedächtnis haften bleiben. Zudem fehlten mir sowohl eine gewisse Qualität im sprachlichen Ausdruck als auch eine Kreativität in Stil und Sprachmelodie – aber vielleicht fehlten auch hierfür die schon erwähnten zwei bis drei Seiten „mehr“.

Zudem stellte ich mir beim Lesen die Frage „Wann darf sich ein Werk mit Fug und Recht Regional-Krimi nennen?“ Meiner Meinung nach reicht es nicht aus, dass – wie in diesem Fall – Namen von Straßen, Stadtteile oder bekannten Lokalitäten in die jeweilige Handlung eingeflochten werden. Vielmehr sollte es einen direkten Bezug zwischen Straftat und Ort des Geschehens geben. Da hätte ich mir von der Autorin durchaus mehr kriminelle Phantasie gewünscht.

Ich hätte da schon einige Ideen: ertrunken im Hafenbecken direkt neben dem Museumsschiff Gera, erfroren in der Klimazone der Antarktis im Klimahaus, zerstückelt in einer Maschine der fischverarbeitenden Industrie… 😏

Autorin und Verlag verwirren zum Schluss mit einem Mysterium: Ganz am Ende dieser Sammlung taucht eine kurze Abhandlung zum Bremer Klaben auf, deren Sinn sich mir nicht erschloss, da ich keinen plausiblen Zusammenhang zu den Krimis herstellen konnte. Oder sollte diese Abhandlung für die Nichteingeweihten unter uns etwa als erläuternder Hinweis zum Titel dienen? Kurios…!


erschienen bei Prolibris/ ISBN: 978-3954751334

[Rezension] Agatha Christie – Das Sterben in Wychwood

Lorbeerkranz mit 25

„Welch eine schöne Zahl! Es fühlt sich an, wie ein Jubiläum!“ Ähnliches dachte vielleicht auch Agatha Christie, als sie sich ans Schreiben dieses Kriminalromans machte. Im Entstehungsjahr (1939) dieses Krimis waren ihre beiden bekanntesten Schnüffelnasen Hercule Poirot und Miss Marple schon seit Jahren bei den Fans etabliert. Dabei ging ihr besonders der bei den Leser*innen so beliebte Poirot manches Mal so sehr auf die Nerven, dass sie sich mit dem Verfassen von Romanen, in denen frische, unverbrauchte Ermittler*innen auftauchten, anscheinend ein wenig Abwechslung gönnte. Diese Charaktere gaben im literarischen Œuvre Christies dann aber bedauerlicherweise immer nur ein einmaliges Gastspiel.

Luke Fitzwilliam kehrt nach einem langen Auslandsaufenthalt nach England zurück. Auf der Zugfahrt nach London zu seinem Freund Jimmy Lorrimer lernt er Miss Pinkerton kennen, eine scheinbar verwirrte, aber liebenswürdige ältere Dame. „Es ist sehr leicht zu morden“, versichert diese ihm und berichtet von einer Reihe seltsamer Todesfällen in ihrer Heimatort Wychwood. Sie ist auf dem Weg zu Scotland Yard, weil sie sicher ist, zu wissen, wer der Mörder sei. Luke hört sich etwas ungläubig ihre Geschichte an. Am nächsten Tag erfährt er aus der Zeitung, dass Miss Pinkerton von einem Auto überfahren wurde. Nun ist er gar nicht mehr so skeptisch und beschließt, den seltsamen Geschehnissen auf den Grund zu gehen. Da sein Freund Jimmy in Wychwood eine Cousine hat, macht Luke sich auf den Weg dorthin, um Miss Pinkertons Mörder zu finden. Als Gast von Lord Whitfield gibt er vor, eine wissenschaftliche Arbeit über Heimatbräuche zu schreiben. Doch Jimmys scharfsichtige Cousine Bridget Convay, die ehemals die Sekretärin des Lords war und nun mit ihm verlobt ist, blickt schnell hinter Lukes dürftige Fassade und unterstützt ihn bei seinen Nachforschungen. Erschrocken müssen sie feststellen, dass es sich hierbei anscheinend um eine wahre Mordserie handelt, bei der es leider nur allzu viele Verdächtige gibt…!

Ich liebe Christies Krimi-Reihen mit Marple und Poirot so sehr, da ich bei jedem „Wiedersehen“ das Gefühl habe, eine alte Bekanntschaft wieder aufleben zu lassen. Vieles ist vertraut, manches wirkt vorhersehbar. Und doch genieße ich ebenso die Abstecher zu Werken der „Queen of Crime“ wie Tödlicher Irrtum oder Das Geheimnis von Sittaford, die mich mental neu herausfordern, wo eben nicht alles vorhersehbar erscheint, und ich mich mit den unbekannten Charakteren erst anfreunden muss.

Bei „Das Sterben von Wychwood“ bedient sich die Autorin eines vielfach genutzten und somit allzeit bekannten Rahmens: Handlungspersonal aus der mittleren bis gehobenen Klasse; ländliches, scheinbar idyllisches Umfeld; ausreichende und doch überschaubare Anzahl an potentiellen Täter*innen; ergo: überschaubare und doch ausreichende Anzahl an potentiellen Opfer*innen; Geschehnisse, die vom Normalen abweichen, würden zwangsläufig die Aufmerksamkeit der Nachbarschaft erregen; fremde Person als Impuls zur Kommunikation (Luke fragt/ Dorfbevölkerung antworten); ortskundige Person (Bridget) mit Vertrauensbonus als Türöffner;…

…und dieser Aufzählung könnte ich noch einige weitere Punkte hinzufügen. Anscheinend ist doch alles bekannt, oder? Und trotzdem machte es mir einfach einen immensen Spaß, diesen unterhaltsamen Krimi zu lesen. Dies verdankte ich dem Umstand, dass Agatha Christie wunderbar vielfältige Charaktere schuf und in ihrer Geschichte diese geballte Masse an Persönlichkeiten gekonnt kurzweilig aufeinander prallen ließ. Da gibt es den jugendlichen Helden, der so manches Mal sehr unvorteilhaft und somit recht wenig heldenhaft wirkt. Die jugendliche Naive ist ein höchst intelligentes Persönchen mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein. Der kauzige Alte verbirgt hinter seinem skurrilen Humor eine beinah pathologische Selbstüberschätzung. Und auch hier könnte ich die Liste weiter üppig ausschmücken.

Ich verzeihe ihr sogar so manches stereotype Klischee, da mir bewusst ist, dass dies damals gang und gäbe war, und auch Christie den Zwängen und Konventionen ihrer Zeit unterlag. So wird ein dem Okkulten zusprechender Antiquitätenhändler als unsympathische Tucke dargestellt. Na und?! Nicht jede LGBTQ-Person wird durch den Umstand, dass sie sich einem der Kürzel zugehörig fühlt, automatisch zu einem besseren Menschen. Auch wenn ich manches Mal den Eindruck habe, dass dies von der Community gerne so propagiert wird (und diese damit wieder ein Klischee bedient).

Nach meiner Erfahrung gibt es zumindest unter den Homosexuellen genauso viele schräge Typen wie bei den Heteros. Darum sehe ich es sehr entspannt, wenn in der Literatur auch äußerst ambivalente LGBTQ-Charaktere auftauchen. Natürlich ist meine entspannte Haltung abhängig vom jeweiligen Autor/ von der jeweiligen Autorin, und ich mache da durchaus sehr differenzierte Unterschiede bzgl. des Ausmaßes meiner Toleranz: So habe ich die Werke eines anderen Autors, der in der Vergangenheit durchaus sehr erfolgreich Katzenkrimis verfasst hatte, aus meinem Haus konsequent beseitigt. Nur soviel sei gesagt: Ich hatte meine Gründe!

Die Werke von Mrs. Christie sind dagegen meilenweit davon entfernt, dass ihnen ein ähnliches Schicksal widerfahren könnte.


erschienen bei Atlantik / ISBN: 978-3455013276 / in der Übersetzung von Giovanni und Ditte Bandini

[Rezension] Maurice Leblanc – Arsène Lupin und die Frau mit den jadegrünen Augen (Hörspiel)

Seit einigen Jahren erfreut PIDAX Film- & Hörspielverlag sowohl mich wie auch sicherlich jeden anderen begeisterten Anhänger mit ihren Wiederveröffentlichungen von alten Serien, Filmen und Hörspielen. Dabei hatten die Verantwortlichen ein mal mehr, mal weniger glückliches Händchen bei der Sortimentsauswahl. Da wurde durchaus schon so manches verschollene Schätzchen wieder ans Tageslicht befördert. Allerdings gab es auch Funde, die meiner Meinung nach gerne in der Versenkung hätten bleiben dürfen. Aber Geschmäcker sind zum Glück recht verschieden: Medien, deren Inhalte nicht zu meinen Interessensgebieten zählen, können durchaus anderswo ihre Liebhaber*innen finden, gemäß dem Motto „Jedes Tierchen sein Pläsierchen“.

In diesem Fall entdeckte ich in der Reihe PIDAX HÖRSPIEL KLASSIKER die vertonten Abenteuer des bekannten Meisterdiebs. Nachdem mich die gedruckte Form von Arsène Lupin. Der Gentleman-Gauner so wunderbar unterhalten konnte, freute ich mich schon auf die akustische Umsetzung einer der Geschichten vom Autor Maurice Leblanc.

Frühling in Paris in den Zwanziger Jahren. Von ihren Wintermänteln befreit, flanieren die Menschen auf den großen Boulevards. Auch Arsène Lupin, mittlerweile 34 Jahre alt und ein eleganter Lebemann, genießt die laue Luft. Eine schöne Dame mit schweren blonden Haaren und blauen Augen gerät in sein Blickfeld – sie wird von einem Herrn verfolgt. Lupin folgt dem Verfolger bis in ein Café am Boulevard Haussmann. Dort sitzt an einem Tisch eine andere, auch sehr schöne Frau, jünger als die Blauäugige, mit jadegrünen Augen. Die Grünäugige verlässt das Café, Lupin geht ihr nach und wird Zeuge einer Szene: Der Verfolger der Blauäugigen und der herbeigeeilte Vater der Grünäugigen streiten sich schreiend um die grünäugige Frau. Der aufgebrachte Vater fährt schließlich mit ihr davon. Die Blauäugige nimmt einen Wagen zum Gare de Lyon und besteigt einen Zug nach Monte Carlo. Lupin folgt ihr bis ins Abteil und erfährt ihren Namen: Miss Bakefield, eine Engländerin. Dann überstürzen sich die Ereignisse. Lupin wird niedergeschlagen, drei Reisende werden ermordet, und drei Maskierte jagen auf der Flucht an Lupin vorbei. Er blickt kurz in jadegrüne Augen, dann steht er dem Verfolger von Miss Bakefield gegenüber: Es ist Kommissar Marescal. Im Mittelpunkt des Abenteuers steht die Frau mit den jadegrünen Augen, Aurélie d’Asteux, die immer wieder auftaucht und verschwindet. Lupin muss seinen einmaligen Charme einsetzen, um ihr Herz zu gewinnen – denn erst so kann er zum Grund der hochpolitischen Verwicklungen vordringen: Auf dem Boden eines Stausees liegt angeblich ein Schatz. Ist es gar die Quelle ewiger Jugend?

(Inhaltsangabe der ARD-Hörspieldatenbank entnommen.)


1 CDs/ Arsène Lupin und die Frau mit den jadegrünen Augen von Maurice Leblanc (2009)/ Übersetzung und Hörspielbearbeitung: Sabine Grimkowski/ Regie: Stefan Hilsbecher/ Musik: Helena Rüegg/ mit Rüdiger Vogler, Samuel Weiss, Odine Johne, Thomas Thieme, Heinrich Giskes, Barbara Stoll, Bijan Zamani, Hubertus Gertzen u.a.

Was eine entzückende Schönheit mit bestechenden Augen nicht alles anrichten kann: Bei ihrem Anblick entflammt selbst das Herz unseres genialen Meisterdiebs, der dann Logik, Sicherheit und Identität mit leichter Hand über Bord wirft, um der Dame in Nöten zur Hilfe zu eilen.

Bei dieser irrwitzigen Geschichte fühlte ich mich zwar durchaus unterhalten, allerdings unterstelle ich mal, dass das Original in Fortsetzungen in einer Zeitschrift erstmals veröffentlicht wurde. Die Handlung entwickelte sich so krude, dass bei mir der Eindruck entstand, Leblanc musste jede Folge mit einem Knalleffekt beenden (Heute nennt sich so etwas „Cliffhanger“.), um so seine Leserschaft bei der Stange zu halten, damit sie auch die nächste Zeitungsausgabe kaufen. Anders kann ich mir diese wirre Entwicklung der Story nicht erklären: Eine plausible Handlung mit entsprechendem Aufbau incl. Spannungsbogen sucht man hier vergebens. Auch kann keine differenzierte Charakterisierung der Personen erwartet werden. Vielmehr bedient sich Leblanc der gängigen Klischees: Der Held ist mutig, der Schurke böse, der Bulle nachtragend, und die Frauen sind entweder schön naiv oder schön durchtrieben.

Können da wenigstens die Sprecherinnen und Sprecher „das Ruder rumreißen“ und aus einer mittelprächtigen Vorlage ein unterhaltsames Hörspiel zaubern? Antwort: Bedingt! Samuel Weiss gibt den Meisterdetektiv mit charakteristischer Stimme zwischen selbstbewusstem Held, raffiniertem Gauner und verliebtem Jüngling. Zudem verfügt er über ein solch einnehmendes Timbre, das mich aufhorchen ließ und viel Wiedererkennungswert besitzt. Seinen Gegenspieler Kommissar Marescal gibt Thomas Thieme mit schnoddrigen Tonfall und cholerischen Attitüden. Rüdiger Vogler gefällt als Sprecher mit sonorer Stimme. Auch die weitere Herrenriege mit Heinrich Giskes, Bijan Zamani, Hubertus Gertzen u.a. kann überzeugen.

Gleiches kann ich leider den Damen nicht attestieren: Barbara Stoll verpasst Miss Bakefield nicht nur einen (wenig überzeugenden) englischen Akzent, auch gestaltet sie ihre Rolle allzu herb und lässt so an Charme vermissen. Die Angebetete unseres Helden, Aurélie d’Asteux, bleibt bei Odine Johne bedauerlicherweise recht blass, strahlt kaum Charisma aus und kann so zumindest rein akustisch nicht vermitteln, warum Lupin in Liebe zu ihr entbrennt. Schade!

Sabine Grimkowski bemühte sich redlich, um aus der verworrenen Vorlage eine brauchbare  Hörspielfassung zu zaubern und stieß dabei an dessen Grenzen. Regisseur Stefan Hilsbecher sorgte für eine flüssige Verknüpfung der vielen Handlungsorte und Szenen. Seine Arbeit ist absolut solide, bietet aber auch keine Überraschungen. Helena Rüegg schuf mit ihrer Musik (gemeinsam mit der Tontechnik bei den Geräuschen) eine stimmige Hintergrund-Atmosphäre und versprühte mit ihrem Akkordeon frankophiles Flair.

Leider konnte mich diese akustische Umsetzung nicht vollends überzeugen. Doch unser charmanter Gentleman-Gauner hat es durchaus verdient, dass ich ihm bzw. eine seiner Hörspieladaptionen eine weitere Chance einräume.


erschienen bei Pidax/ EAN: 4260158194235