
Autor: Andreas Kück - .LESELUST
[Musical] Stephen Sondheim – SWEENEY TODD / Stadttheater Bremerhaven
Musik und Gesangstexte von Stephen Sondheim / Buch von Hugh Wheeler / nach dem gleichnamigen Stück „Sweeney Todd – The Demon Barber Of The Fleet Street“ von Christopher Bond / Orchestrierung von Jonathan Tunick / deutsche Fassung von Wilfried Steiner und Roman Hinze // in deutscher Sprache
Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus
MUSIKALISCHE LEITUNG Davide Perniceni
INSZENIERUNG Toni Burkhardt
BÜHNE Wolfgang kurima Rauschning
KOSTÜME Adriana Mortelliti
DRAMATURGIE Torben Selk
CHOR Edward Mauritius Münch
LICHT Daniel Lang
REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
STUDIENLEITUNG Hartmut Brüsch
MUSIKALISCHE EINSTUDIERUNG Jorrit van den Ham, Tonio Shiga
INSPIZIENZ Mahina Gallinger
THEATERPÄDAGOGIK Katharina Dürr
REGIEHOSPITANZ & FSJ KULTUR Josefine-Alicia Ocko
Es war der Montag vor der Premiere. Die Kostprobe zu SWEENEY TODD war vorüber: Über 2 Stunden boten uns das Produktionsteam und das Ensemble einen informativen wie kurzweiligen Einblick ins Werk. Vollbepackt mit Eindrücken begaben wir uns Richtung Ausgang, als eine Stimme vor mir mich aufhorchen ließ. Vor mir erblickte ich ein typisches Paar des Bildungsbürgertums: Während er raumgreifend und unüberhörbar palaverte, hing sie an seinen Lippen und ließ sich von ihm die Welt erklären. So nölte er recht lautstark, dass diese Musik „typisches Musical-Pling-Pling“ sei und somit wenig anspruchsvoll wäre. Komisch, mir persönlich erschienen bisher die Kompositionen von Wolfgang Amadeus Mozart immer gefälliger und zugänglicher als die von Stephen Sondheim. Doch leider (!) firmiert sich SWEENEY TODD unter der Rubrik „Musical“. Stände auf dem Etikett „zeitgenössische Oper“, dann hätte er wahrscheinlich die innovative Komposition über alle Maßen gelobt. So pflegte er hingebungsvoll seinen Standesdünkel und suhlte sich genüsslich in einer fragwürdigen Gewissheit, dass er ein Kenner der Materie sei. Er wäre nicht der Erste (und leider auch nicht der Letzte), der aufgrund einer vorgefassten wie unumstößlichen Meinung einen spannenden Theaterabend verpassen würde. Bleibt ihm nur zu wünschen, dass er aufgrund der enganliegenden Scheuklappen nicht ins Straucheln gerät.
Apropos Spannung: Der Tag der Premiere war da! Wir saßen fiebernd vor Spannung im Zuschauersaal und schraken zusammen als aus dem Orchestergraben die ersten dunklen, unheilvollen Töne der Orgel, die die Ouvertüre einleitete, erklangen. Das tückische Spiel um Liebe, Leid, Wahnsinn und Rache konnte beginnen. Ein geläufiges Sprichwort lautet „Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird.“ und bedeutet, dass Rache genussvoller ist, wenn sie weniger impulsiv sondern vielmehr wohlüberlegt und mit Bedacht ausgeführt wird. SWEENEY TODD bildet da die Ausnahme: Hier wird die Rache heiß serviert, so heiß wie Mrs. Lovetts Pasteten – frisch aus dem Ofen…
VORGESCHICHTE Der Barbier Benjamin Barker führte einst ein glückliches Leben mit seiner Frau Lucy und der gemeinsamen Tochter Johanna, bis Richter Turpin ihn unschuldig nach Australien verbannen ließ. Turpin missbrauchte Lucy und nahm Johanna als Mündel bei sich auf. Barker verschwand. Sein Glück blieb zerstört zurück. // 1. AKT Fünfzehn Jahre später kehrt Barker unter dem Namen Sweeney Todd nach London zurück – begleitet vom jungen Seefahrer Anthony Hope. Von Rache getrieben, sucht Sweeney seine alte Heimat auf und trifft auf Mrs. Lovett, die Besitzerin eines heruntergekommenen Pastetenladens. In ihren Räumen nimmt er sein früheres Handwerk als Barbier wieder auf. Eine geheimnisvolle Bettlerin scheint mehr zu wissen, als gut ist. Anthony verliebt sich in Johanna und fasst den Entschluss, sie aus Turpins Gewalt zu befreien. Sweeney und Mrs. Lovett begegnen dem selbsternannten Wunderbarbier Adolfo Pirelli und dessen Gehilfen Tobias Ragg. Ein öffentlicher Wettstreit entscheidet über Können und Ruhm. Sweeney gewinnt. Doch Pirelli will ihn erpressen. Ein fataler Fehler: Sweeney bringt ihn um. Kurz darauf steht ausgerechnet Richter Turpin vor seiner Tür. Die Rache ist greifbar nah. Doch Anthony platzt dazwischen, Turpin entkommt. Außer sich vor Wut fasst Sweeney einen mörderischen Entschluss: Von nun an soll kein Kunde seinen Laden lebend verlassen. Mrs. Lovett liefert die pragmatische Idee zur Verwertung der Leichen: als Pasteten. // 2. AKT Mrs. Lovetts Geschäft floriert. Sie träumt von einer gemeinsamen Zukunft mit Sweeney. Johannas Situation hingegen verschlimmert sich dramatisch: Weil sie Turpin die Ehe verweigert, wird sie in eine Irrenanstalt gesperrt. Sweeney und Anthony planen ihre Befreiung und nutzen Johanna zugleich als Köder. Turpins Ende scheint besiegelt. Doch Rache fordert ihren Preis.
(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)
Regisseur-Tausendsassa Toni Burkhardt brachte die Drehbühne zum Rotieren. Filmische Abläufe, in denen sich Szene an Szene reiht und so die Handlung im stetigen Fluss bleibt, sind beinah sein Markenzeichen und bei einem Werk wie SWEENEY TODD auch unabdingbar – zumal einige Szenen sich parallel zueinander abspielen. Er vermied wohltuend allzu Plakatives, Klamaukhaftes bzw. Burlesques. Seine Personenzeichnung war präzise, seine Figuren durften ambivalent sein, ihre Intentionen waren glaubhaft und nachvollziehbar. Fein steigerte er die Emotionalität seiner Inszenierung und dehnte Millimeter für Millimeter den Faden der Spannung bis es beinah für uns als Zuschauende unerträglich erschien.
Bühnenbildner Wolfgang kurima Rauschning schuf auf der Drehbühne ein verschachteltes Konstrukt über mehrere Ebenen, mit dem je nach Grad der Drehung bzw. durch die effektvolle Ausleuchtung immer wieder neue Spielräume geschaffen wurden. Stimmungsvolle Hintergrundprojektionen vervollständigen diesen Look. Adriana Mortelliti zitierte in ihren Kostümentwürfen den beliebten Steampunk und schlug so einen gelungenen Bogen von der viktorianischen Epoche zur modernen industriellen Zeit. Zudem passte dieser Look ganz hervorragend zur dystopischen Grundstimmung dieses Werks, aus dessen Dunkel Mortelliti die Kostüme von Mrs. Lovett (pink-orange, blutrot) und Johanna (weiß, hellblau) zueinander konträr leuchten ließ und so bereits optisch Rückschlüsse auf den Charakter der jeweiligen Figur ermöglichte.
Die anspruchsvolle Partitur von Stephen Sondheim war beim musikalischen Leiter Davide Perniceni und dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven in den allerbesten Händen. Differenziert und fein nuanciert kamen Balladen und Duette zu Gehör, um dann mit dem nötigen Druck die Chorpassagen voluminös zu umrahmen.
Die Sänger*innen des Chores am Stadttheater Bremerhaven (Leitung: Edward Mauritius Münch) boten wieder Erlesenes: Beeindruckend kraftvoll in den Ensemble-Passagen, dann wieder reduziert wie ein griechischer Chor der Antike, der das Geschehen reflektiert und das Handeln der Solist*innen kommentiert.
Gustavo Oliva schlüpfte höchst amüsant in die Schuhe des Quacksalbers ADOLFO PIRELLI. Róbert Tóth gab einen diabolischen MR. FOGG. Der BÜTTEL BAMFORD von MacKenzie Gallinger war einerseits ekelerregend schmierig, zeigte andererseits komische Attitüden. Iris Wemme-Baranowski bot als BETTLERIN eine ergreifende Performance zwischen Wahnsinn und Wut, zwischen Mitleid und Abscheu.
Nuno Dehmel porträtierte TOBIAS RAGG als unbedarften, jungen Mann, der aufgrund seiner kognitiven Einschränkung manches nicht versteht aber dafür sensibler auf Zwischenmenschliches reagiert. Den Song „Not While I’m Around“ gestaltete er mit schlichter Würde. Timothy Edlin lieferte als RICHTER TURPIN mit seinem dunklen Bass und einem nuancierten Spiel eine beängstigend abstoßende Charakterstudie eines Machtmenschen, der eben jene Macht wie selbstverständlich missbrauchte.
Als JOHANNA BARKER wirkte Caroline Hat ebenso zerbrechlich und zwitscherte ebenso zart wie die Vögelchen, mit denen sie sich beschäftigte, zeigte sich allerdings als mutige und charakterfeste junge Frau. Im Laufe seines Engagements am Stadttheater Bremerhaven hat Andrew Irwin sich zu einem exzellenten Liedinterpreten entwickelt. Als ANTHONY HOPE zeigte er abermals sein Können u.a. bei „Johanna“, das er mit feinen Nuancen und höchst sensibel intonierte.
In der Vergangenheit gewann ich den Eindruck, dass die Partie der MRS. LOVETT gerne unterschätzt wird. Viele haben da die Filmfassung mit Helena Bonham Carter in Erinnerung, die eher haucht als singt. Auf der Bühne schlüpften gerne prominente Schauspielerinnen (Christine Baranski, Emma Thompson, Imelda Staunton) in die Rolle, die alle aus ihrer reichhaltigen Expertise schöpften und ihr so ihren persönlichen Stempel aufdrückten. Dabei wurde allerdings mal mehr, mal weniger dem Sprechgesang gehuldigt. Wobei für mich von allen MRS. LOVETTs, die ich bisher auf Tonträger hören durfte, die wunderbare Angela Lansbury unerreicht ist. Die Partie ist sehr schnell, und es gibt viele Wechsel in der Betonung. Da ist es unumgänglich, dass die Darstellerin genauestens vorbereitet sein muss, um höchst präzise arbeiten zu können.
In Bremerhaven band sich nun Mezzosopranistin Boshana Milkov die Schürze der geschäftstüchtigen Pastetenbäckerin um und meisterte diese musikalisch wie technisch herausfordernde Partie bravourös. Dabei zeigte sie allein aufgrund ihres jungen Alters eine gänzlich neue Facette dieser Rolle. Beinah mädchenhaft naiv ließ Milkov ihre MRS. LOVETT sich in eben jene Jungmädchenträume verlieren. Da sehnte sie sich nach Zweisamkeit, Zärtlichkeit, Familie und dem eigenen Kind. All dies hatte das Objekt ihrer Begierde SWEENEY TODD in der Vergangenheit bereits besessen (Verständlich, dass sie alles, was ihn an diese Vergangenheit erinnerte, auf Abstand hielt.). Sie war so voller Sehnsucht, da schien ihr auf dem Weg zum Ziel jedes Mittel recht. Gekonnt switchte Milkov zwischen den Extremen. Da war sie einerseits die mütterliche Freundin für TOBIAS RAGG, andererseits die durchtriebene Mord-Komplizin unseres Titelhelden, den sie mit üppiger Erotik für sich zu gewinnen versuchte: Da vibrierte die Stimme, da bebte der Busen. Wie bisher ihre Pasteten an die Kundschaft, bot sie nun sich selbst dem Manne feil. Zudem war es ein Genuss, in dieser Rolle endlich einer Darstellerin zu lauschen, die auch tatsächlich singen kann.
Den Song „A Little Priest“, in dem sich MRS. LOVETT gemeinsam mit SWEENEY TODD fragt, wie wohl welche Berufsgruppe schmecken könnte, gestaltete Boshana Milkov gemeinsam mit Frank Josef Winkels so köstlich boshaft und triefend vor schwarzem Humor. Frank Josef Winkels ließ seinen markanten Bariton im gleichen Maße gefährlich brummend wie auch warm einlullend erklingen. Sein SWEENEY TODD war nicht der kalte Rächer sondern zeigte auch sehr viel Menschlichkeit und Humor: Da umspielte ein Lächeln seine Lippen und ein schelmischer Blick blitzte aus seinen Augen. Beinah beiläufig ließ er die Morde an sich abgleiten, dabei wirkte er weniger emotionslos als vielmehr erschöpft von der Welt – durch das, was er im Leben erdulden musste. Frank Josef Winkels stattete seinen SWEENEY TODD mit einer wohldosierten Aura der Melancholie aus, die auch bei seiner Interpretation der Songs zum Tragen kam, wie z. Bsp. beim Reprise von „Johanna“ als Quartett im 2. Akt (Gänsehaut!). Doch dann brachen wie bei „Epiphany“ die Emotionen wieder mit einer solchen Macht aus ihm heraus, dass er zwangsläufig ein Feld der Verwüstung hinterließ. Winkels bot ein absolut rundes Rollenprofil zwischen Bad Guy und geschundener Kreatur.
Standing Ovation mit Johlen, Pfeifen und Bravo-Rufe sowie einem Applaus, der mich in die Nähe eines Erschöpfungszustands brachte: Es war einer jener wunderbaren Theaterabende, die nachhallen und so lange in Erinnerung bleiben. Das Stadttheater Bremerhaven hatte es wieder einmal geschafft, spannendes Musiktheater auf hohem Niveau zu präsentieren!
Am Stadttheater Bremerhaven bieten der rachsüchtige SWEENEY TODD und seine durchtriebenen Komplizin Mrs. Lovett noch bis April 2026 „die schlechtesten Pasteten in London“ feil. Von einer Verkostung wird dringend geraten!!!
LI·TE·RA·RISCHE HEL·DEN…

[Rezension] Melanie Raabe – DAS JAHR DER WUNDER/ mit Illustrationen von Rumi Benecke
365 schöne, kreative und inspirierende Ideen für mehr Freude und Leichtigkeit
Ich las den Untertitel dieses Buches und verdrehte die Augen. „Ach, herrje, das klingt aber sehr esoterisch angehaucht!“ dachte ich und wusste, ich würde ein solches Buch im Normalfall nie und nimmer in die Hand nehmen. Bei DAS JAHR DER WUNDER machte ich die berühmte Ausnahme von der Regel. Ich schätze Melanie Raabe sehr und durfte sie bereits bei Lesungen erleben. Darum ahnte (bzw. hoffte) ich, dass der Hauch der Esoterik nur in homöopathischen Dosen bei ihrem neusten Werk zum Einsatz käme. Zumal mir bereits ihr Buch KREATIVITÄT. Wie sie uns mutiger, glücklicher und stärker macht durchaus gefallen hat.
Dort wie hier zeigt sich Melanie Raabe als sympathische Impuls-Geberin, und ich gewann bei der Lektüre den Eindruck, dass sie auch mehr nicht sein möchte. Lehrmeisterhafte Attitüden gehen ihr völlig ab. Ihre 365 Ideen für DAS JAHR DER WUNDER formiert sie unter den folgenden 12 Überschriften: INSPIRATION, LEICHTIGKEIT, FREUDE, EINFACHHEIT, EMPFINDSAMKEIT, STILLE, FREUNDLICHKEIT, SPIEL, MUT, STIL, BEWEGUNG und SPASS.
Zu jeder Überschrift schenkt uns die Autorin eine fein abgestimmte, sehr persönliche Einleitung, die sie mit einer Definition wie aus einem Wörterbuch zur jeweiligen Überschrift beginnt. Sie arbeitet in wunderbaren Bildern und charmanten Metaphern, die so den Zugang zu den nachfolgenden Ideen erleichtern. Dabei verlangt sie von mir keinen Kraftakt bei der Realisierung – höchstens ein klitzekleines Maß an Überwindung. Aus der Fülle ihrer Impulse gibt es nicht einen einzigen, der nicht umsetzbar wäre. Somit würde sie eine Ausrede wie „Das ist nicht zu schaffen!“ ad absurdum führen. Es ist zu schaffen – für mich, für dich, für jeden!
Bereits beim ersten Lesen hatte ich für jede Rubrik gleich mehrere Impulse für mich entdeckt und merkte bei der Umsetzung, dass diese – je nach Impuls – zwar durchaus (wie bereits erwähnt) ein wenig Überwindung kosten könnten aber keine unüberwindbare Herausforderung darstellten. Vielmehr war ich bei der Umsetzung mit Begeisterung am Werke und freute mich, wenn es gelungen war. Zum besseren Verständnis verrate ich euch zu jeder Überschrift einen meiner favorisierten Impulse:
- INSPIRATION / Idee (3) Erstelle eine Liste der Dinge, die du als Kind gerne gemacht hast.
- LEICHTIGKEIT / Idee (43) Betrachte die Wolken, wie du es vielleicht als Kind getan hast. Welche Formen haben sie? Siehst du Tiere? Gesichter? Etwas anderes?
- FREUDE / Idee (62) Geh heute Abend, wenn sich die Spielplätze ein bisschen gelehrt haben, eine Runde schaukeln.
- EINFACHHEIT / Idee (98) Lerne ein Gedicht auswendig, und sage es für jemanden auf (Es ist okay, wenn es kurz ist.)
- EMPFINDSAMKEIT / Idee (142) Schreibe deinem zukünftigen Ich einen Brief und lies ihn in einem Jahr.
- STILLE / Idee (152) Langweile dich mit voller Absicht.
- FREUNDLICHKEIT / Idee (184) Setze ein Buch aus. Leg eine nette Notiz für die Finderin oder den Finder hinein.
- SPIEL / Idee (216) Übe dich in Vorfreude wie ein Kind. Finde Dinge in der Zukunft, auf die du dich freuen kannst, und zelebriere sie.
- MUT / Idee (256) Beantworte die Frage: Was ist das Interessanteste, was dir jemals passiert ist?
- STIL / Idee (299) Hole heute dein bestes Geschirr und die guten Servietten heraus und richte dein einfaches Gericht edel und extravagant an.
- BEWEGUNG / Idee (326) Schreibe eine Radieschenliste. Auf dieser Liste stehen die Dinge, die du tun willst, bevor du die Radieschen von unten betrachtest. Nimm etwas davon in Angriff.
- SPASS / Idee (363) Schreibe lauter witzige Tätigkeiten auf kleine Zettel, falte sie und stecke sie in ein Glas. Immer, wenn dir langweilig ist, ziehe einen der Zettel.
Hierbei geht es der Autorin nicht um die machtvolle, allumfassende Veränderung, vielmehr sind es gerade die kleinen Impulse, die oftmals eine große Wirkung zeigen, indem sie meinen persönlichen Blickwinkel verändern und so das Leben bereichern.
Melanie Raabe schenkte mir ein Buch, das ich nur allzu gerne zur Hand nahm, um in ihm zu blättern – auch dank der geschmackvollen Gestaltung durch Rumi Benecke. Doch es wird nicht bei diesem einmaligen Blättern bleiben: Vielmehr wird mich dieses Buch unterstützen, dass aus jedem Jahr ein JAHR DER WUNDER werden kann.
erschienen bei btb / ISBN: 978-3442759583
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!
[Rezension] Jean-Luc Fromental (nach Georges Simenon) – DER SCHNEE WAR SCHMUTZIG/ mit Illustrationen von Yslaire
Ich halte diese Graphic Novel in den Händen, und während ich lese und mein Blick über die Illustrationen wandert, fröstle ich, und ein unangenehmes Gefühl bemächtigt sich meiner. Ich spüre das Bedürfnis, DER SCHNEE WAR SCHMUTZIG zuzuschlagen und zur Seite zu legen, um mir eine kleine Verschnaufpause zu gönnen. Doch die Faszination an dieser Geschichte ist mächtiger. Wie durch einen Sog werde ich immer weiter in sie hineingezogen. Ein Entrinnen scheint nicht möglich…
Ein namenloses Land, von fremden Truppen besetzt. Der Winter will kein Ende nehmen. Frank Friedmaier wächst als Sohn einer Prostituierten in einem Bordell auf. Der 18-Jährige ist ein Kind seiner Zeit, die geprägt ist von Täuschung und Verrat. Frank hungert nach Erfahrungen, doch nichts vermag ihn zu befriedigen. Aus reiner Langeweile wird er zum Mörder und verschachert das Mädchen, das ihn liebt. Als er schließlich begreift, was er getan hat, und mit sich selbst ins Gericht geht, ist es zu spät.
(Inhaltsangabe der Verlags-Homepage des Romans entnommen!)
Düster, schwer, unerbittlich: Jean-Luc Fromental bleibt bei dem Entwurf seines Szenarios dicht am literarischen Original und folgt dessen Spur. Wie auch Simeon im Roman entwirft er eine Welt, in der die Regeln einer mitfühlenden Gesellschaft nicht mehr zu gelten scheinen. Mitgefühl, Rücksichtnahme und Erbarmen scheinen nicht mehr existent zu sein. Es ist nicht mehr „der Tanz auf dem Vulkan“, vielmehr haben unsere Protagonist*innen einen Schritt zu viel gewagt und schwanken bereits gefährlich nah am Abgrund – da würde nur der sanfteste Lufthauch genügen, und ein Sturz in die Tiefe wäre unvermeidbar.
Auch bei Fromentals Adaption meine ich die grundlegende Frage herauszulesen, die bereits Simenon in seinem Roman heraufbeschwor: Was lässt einen Menschen kriminell werden? Sind es die Umstände, die einige Menschen dazu veranlassen, Verbrechen zu verüben? Schließlich kommt kein Mensch bereits als Verbrecher auf die Welt. Oder wie es Georges Simenon höchstpersönlich formulierte…
„Seit dreißig Jahren versuche ich nachzuweisen, dass es keine Kriminellen gibt,
sondern normale Menschen, die kriminell werden.“
Georges Simenons Geschichte hat nach all den Jahres nichts von ihrer Intensität verloren. Nun kommt auch eine visuelle Komponente hinzu, die Yslaire mit seinen Illustrationen eindringlich bedient. Farblich deutlich reduziert in schwarz-weiß, grau und sepia, wirkt die Akzentuierung einzelner Szenen, manchmal nur einiger weniger Details in der Farbe Altrosa fokussierend. Äußerst detailreich im Stil des Film noir komponiert er seine Bilder und wählt dabei Perspektiven, die die Emotionen intensivieren. Seine Protagonist*innen sind keine Schönheiten, es sind Typen, Individuen, Charaktere und darum so authentisch. Sie sind absolut keine Sympathieträger und sollen es auch nicht sein. Es sind Figuren, die mich abstoßen aber gleichzeitig faszinieren. Es sind Bilder, die auf mich gleichzeitig geheimnisvoll und ernüchternd wirken.
Die Faszination erwächst u.a. auch aus den Blick auf die seelischen Abgründe unserer Hauptfigur: Da ist seine Wandlung von einer scheinbaren Unantastbarkeit bis zur inneren Läuterung. Dabei ist diese Unantastbarkeit von Anfang an nur Schein, wie uns seine Träume offenbaren. Dort taucht immer wieder eine Katze auf. Und Katzen kreuzen während des Verlaufs der Geschichte auch immer wieder seinen Weg, sei es, dass sie im Treppenhaus über die Stiegen huschen, in den Ruinen auf Mäusejagd gehen oder als Statue auf einem Sockel im Stadtbild erscheinen. Doch wofür stehen diese Katzen? Ist unsere Hauptfigur etwa dem Irrglauben verfallen und wünscht sich die „neun Leben einer Katze“, das auf die erstaunliche Fähigkeit von Katzen anspielt, die gefährlichen Situationen oft unbeschadet entkommen und gleichzeitig ein hohes Maß an Anpassung zeigen? Da bleibt viel Raum für Spekulationen!
Mit „…und aus dem sehr weißen Himmel begann ein makelloser Schnee zu fallen.“ schließt diese äußerst gelungene Adaption eines Romans von Georges Simenon. Ich schlage den Buchdeckel zu und bin verwirrt. Viele Fragen bleiben unbeantwortet, dürfen/müssen vielleicht auch unbeantwortet bleiben. Doch macht dies nicht den Reiz einer guten Geschichte aus, indem sie nicht alle ihre Geheimnisse enthüllt?
erschienen bei Carlsen / ISBN: 978-3551806376 / in der Übersetzung von Christoph Haas
ebenfalls erschienen als Roman bei Kampa / ISBN: 978-311133636 und als Taschenbuch bei Atlantik / ISBN: 978-455007848
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!
APHO·RI·SI·A·KUM…

[Ausstellung] MACHT MEDIEN! / Medienhaus Osterholz-Scharmbeck
Dauer der Ausstellung: 12. bis 30. Januar 2026 / Besuch: 15. Januar 2026
Medienhaus im Campus in Osterholz-Scharmbeck
Der letzte Rest vom Schnee lag noch verkrustet am Straßenrand, um sich erfolglos dem tauenden Regen zu widersetzen. Der Himmel zeigte sein typisch norddeutsches Grau. Was sollte ich nur mit einem solch trüben Tag anfangen? Ich tendierte stark, mich dem gemütlichen Dreigestirn Sofa, Wolldecke und Buch hinzugeben. Doch könnte ich ebenso meinen Hintern aus dem Haus und in Richtung Campus bewegen, um mir die Wanderausstellung MACHT MEDIEN! anzuschauen.
Desinformationen, Fake-News, Medienkonsum, Meinungsfreiheit: Mit diesen Schlagwörtern wurde ich auf dem Plakat zur Ausstellung im Eingangsbereich des Medienhauses auf dem Campus meiner Heimatstadt begrüßt. Von diesen vier Schlagwörtern bzw. von ihren Ausprägungen fühle ich mich tatsächlich vermehrt ge-schlagen – Ja! – sogar manches Mal er-schlagen. Ärgere ich mich doch selbst sehr über diese (für mich) sinnbefreiten KI-Fotos, den Gewalt verharmlosenden Filmchen und den gefakten Nachrichten, denen ich bei meinen Sitzungen auf den so genannten Sozialen Medien zunehmend ausgesetzt bin.
Statt aufzuklären schüren diese Desinformationen eher meine Aggressionen, da sie einen schädlichen Umgang miteinander „normalisieren“, der nicht meinen Werten als Mensch entspricht. Mir sind meine aufkeimenden Aggressionen durchaus bewusst, und ich kann für mich einordnen, wo der Ursprung liegt, und mich diesem entziehen. Doch viele Menschen nehmen diese „Informationen“ für wahr und lassen sich von ihnen manipulieren.
Diese Ausstellung wurde konzipiert und erdacht u.a. vom Servicebureau Jugendinformationen und dem Weser Kurier, der führenden Tageszeitung unserer Region, und befindet sich seit geraumer Zeit auf Wanderschaft durch Schulen und Bildungseinrichtungen in Bremen und dem Bremer Umland.
Als Besucher begleitete ich die drei Jugendlichen Moe, Ava und Alex bei ihre Reise durch den Medien-Dschungel: An insgesamt 12 Stationen beschäftigten wir uns mit Fragen wie…
- „Warum Pressefreiheit und Demokratie Hand in Hand gehen?“
- „Wie steht es um die Pressefreiheit weltweit?“
- „Warum haben Fotos Macht?“
- „Was sind Desinformationen?“
- „Wie kann ich Desinformationen erkennen?“
- „Wie geht seriöser Journalismus?“
- „Warum brauchen wir seriösen Journalismus?“
- „Welche Macht haben Medien auf unsere Emotionen?“
- „Welche Macht haben Soziale Medien?“
…und erhielten kompetente Antworten. So war es interessant, auf einer Weltkarte ein Land anzutippen, um zu erfahren, auf welchem Platz auf der Rangliste der Pressefreiheit es sich befindet. Der jeweilige Platz auf dieser Rangliste ist natürlich abhängig von der politischen Führung des Landes. Deutschland steht sehr gut da, deutlich besser als die USA seit dem Amtsantritt des amtierenden Präsidenten. Kaum verwunderlich, oder?
Bereits zu Beginn der Ausstellung wird auf das Grundgesetz Art. 5 (1) hingewiesen:
Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.
Diese Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, das es zu schützen gilt. Doch birgt dies nicht auch die Gefahr, dass dieses Gut missbräuchlich zum Einsatz kommt? Doch auch auf diese Frage lieferte mir diese Ausstellung eine eindeutige Antwort, mit der ich mich vollumfänglich identifizieren konnte:
Grundsätzlich ist die Meinungsfreiheit in Deutschland durch das Grundgesetz geschützt. Es gibt jedoch klare Grenzen, insbesondere bei Äußerungen, die die Würde anderer verletzen oder zu Hass und Gewalt aufrufen.
Die Ausstellung MACHT MEDIEN! wurde sehr modern im Stil der Comic Art gestaltet, bietet knackige Informationen in Text und Bild und lädt an einigen Stationen ein, interaktiv zu agieren. Die Informationen sind gut recherchiert, aufschlussreich und regen zum Nachdenken an. Spielerisch wurde ich so animiert, meine Sicht auf die Medien zu optimieren und mein eigenes Verhalten kritisch zu hinterfragen.
Informationen zur aktuellen Station der Wanderausstellung findet ihr auf der Homepage des MEDIENKOMPETENZZENTRUMs, oder ihr werft einen Blick direkt auf die Seite von MACHT MEDIEN!.
[Rezension] Josephine Tey – DER FALSCHE ERBE
Faszination „Hochstapler“: Es gab sie immer und wird sie auch weiterhin geben – Menschen, die sich für etwas ausgeben, das sie nicht sind. Da wird in andere Berufe und Identitäten geschlüpft – manchmal weniger, oft höchst erfolgreich. Hinter dieser Fassade skrupelloser Lügen bleiben die Hochstapler erschreckend lange unentdeckt. Sollte ihr feingesponnenes Konstrukt dann tatsächlich zusammenbrechen, fragt man sich „Wie konnte es soweit kommen? Warum wurde er nicht schon früher enttarnt? Wie konnten die Menschen im jeweiligen Umfeld nur so dumm sein, um darauf reinzufallen?“
Es sind Fragen, die durchaus berechtigt erscheinen. Aber ist es nicht genau das, was uns auf diese charmanten und phantasievollen Persönlichkeiten, die außerhalb jeglicher Moral operieren, hereinfallen lässt: Der schöne Schein! Niemand von uns ist davor gefeit, sich blenden zu lassen, da wir eine innere moralische Hemmschwelle haben und voraussetzen, dass diese auch bei unserem Gegenüber vorhanden ist. Und wie sollten wir auch als Mensch und Gesellschaft weiter miteinander interagieren, wenn wir voller Misstrauen alles und jede*n hinterfragen müssten?
Der schöne Schein! Funktionieren Teile der modernen Blogger- und Influencer-Szene nicht genau nach diesem Prinzip? Filter drauf und aus dem grauen Mäuschen wird eine Beauty-Queen, KI bemüht und der Gernegroß präsentiert seinen Sportwagen.
Auch in der Literatur finden sich höchst faszinierende Hochstapler, sei es DER HAUPTMANN VON KÖPENICK von Carl Zuckmayer (1931), Thomas Manns BEKENNTNISSE DES HOCHSTAPLER FELIX KRULL (1954) oder auch Patricia Highsmiths DER TALENTIERTE MR. RIPLEY (1955), dem sie noch vier weitere Romane widmen sollte.
Doch Josephine Tey lässt ihren Held Brat Farrar in DER FALSCHE ERBE (1949) aus der Reihe der Archetypen herausstechen. Ihr Hochstapler zeigt Skrupel gegenüber denen, die er zu täuschen versucht…
Latchetts, ein Anwesen in Südengland, das seit mehr als dreihundert Jahren von der wohlhabenden Familie Ashby bewirtschaftet wird. Als der letzte Herr von Latchetts und seine Frau bei einem tragischen Flugzeugunglück ums Leben kommen, hinterlassen sie fünf Kinder. Die zwei ältesten, die Zwillinge Patrick und Simon, sind dreizehn Jahre alt; der wenige Minuten früher geborene Patrick soll einmal alles erben. Doch kurz nach dem Tod der Eltern verschwindet er, auf einer Klippe findet man seine Kleidung und einen Abschiedsbrief. Die Familie versucht, ihren Frieden mit seinem Entschluss zu machen, mit der Zeit verblassen die Erinnerungen an den tragischen Tag – bis Jahre später, kurz vor der Volljährigkeit Simons, ein charmanter junger Mann auftaucht, der dem künftigen Erben zum Verwechseln ähnlich sieht und behauptet, Patrick zu sein. Er kennt Details aus der Vergangenheit der Familie und jeden Zentimeter des Anwesens. Alle glauben, dass der Mann Patrick ist. Alle, bis auf Simon.
(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)
Keine Unsicherheit, kein Zweifel, keine falsche Fährte: Von Anfang an spielte Josephine Tey mit offenen Karten und weihte mich, ihren Leser in die wahre Identität des Hochstaplers ein. Ich wusste, welche Person sich wirklich hinter der Fassade des vermeintlichen Patrick Ashby verbarg. So machte sie mich zum stummen Verbündeten in dieser Scharade. Schmälerte dies etwa die Spannung in der Geschichte oder meine Freude an der Lektüre? Nein, ganz im Gegenteil! Ich begleitete Brat Farrar auf Schritt und Tritt, wie er sachte in das Familienleben der Ashbys involviert wurde.
Tey strickte um ihn eine so raffinierte Biografie, die sein Handeln nachvollziehbar, ja sogar entschuldbar machte. Sie zeichnete das Bild eines einnehmenden Charakters, bei dem mir nichts anderes übrig blieb, als ihm meine volle Sympathie zu schenken. Ihr Hochstapler ist eloquent, empathisch, mitfühlend und mit einem wahrhaftigen Interesse an seinen Mitmenschen ausgestattet. Somit war ich gänzlich auf Brad Farrars alias Patrick Ashbys Seite und zitterte gemeinsam mit ihm bei jeder Situation, bei der die Gefahr bestand, dass seine Tarnung auffliegen könnte.
Gleichzeitig schwebten immer die nicht unwesentlichen Fragen über der Szenerie, die sie in eine flirrende Unsicherheit tauchten: Was passierte wirklich mit dem wahren Patrick Ashby? War er tatsächlich durch einen Selbstmord ums Leben gekommen, oder hatte er diesen inszeniert, um unterzutauchen? Oder war er Opfer eines gewaltsames Todes, und wer aus seinem näheren Umfeld war daran beteiligt?
Josephine Tey erwies sich abermals als scharsinnige Erzählerin, die ungewöhnliche und vielschichtige Charaktere schuf. Sie spannte ein feines Netz aus Andeutungen, Vermutungen und Ahnungen, in dem ich mich als Leser heillos verfing. Ein Entkommen war mir nicht möglich, und so ließ ich mich dank ihrer exzellenten Erzählkunst durch eine spannende Handlung bis zum unausweichlichen „Grand Finale“ treiben.
erschienen bei OKTOPUS (Kampa) / ISBN: 978-3311300861 / in der Übersetzung von Harry Kahn & Christina Müller
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!
[Noch ein Gedicht…] Erich Kästner – DER JANUAR
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Der Weihnachtsmann ging heim in seinen Wald.
Doch riecht es noch nach Krapfen auf der Stiege.
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Man steht am Fenster und wird langsam alt.
Die Amseln frieren. Und die Krähen darben.
Und auch der Mensch hat seine liebe Not.
Die leeren Felder sehnen sich nach Garben.
Die Welt ist schwarz und weiß und ohne Farben.
Und wär so gerne gelb und blau und rot.
Umringt von Kindern wie der Rattenfänger,
tanzt auf dem Eise stolz der Januar.
Der Bussard zieht die Kreise eng und enger.
Es heißt, die Tage würden wieder länger.
Man merkt es nicht. Und es ist trotzdem wahr.
Die Wolken bringen Schnee aus fremden Ländern.
Und niemand hält sie auf und fordert Zoll.
Silvester hörte man’s auf allen Sendern,
dass sich auch unterm Himmel manches ändern
und, außer uns, viel besser werden soll.
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und ist doch hunderttausend Jahre alt.
Es träumt von Frieden. Oder träumt’s vom Kriege?
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und stirbt in einem Jahr. Und das ist bald.
Erich Kästner
[Rezension] Erich Kästner – DIE 13 MONATE/ mit Illustrationen von Dirk Schmidt
Das Neue Jahr steht noch am Anfang. Ganz klein und bloß liegt es da vor uns. Beinah hilflos ist es uns ausgeliefert. Was wird mit ihm geschehen? Wie wird es sich entwickeln? Sicher ist, es wird wirken – im Großen wie im Kleinen – je älter es wird. Das wusste auch schon Erich Kästner, als er im Jahre 1955 seinen Gedichtband DIE 13 MONATE veröffentlichte. Nun sehe ich meine geneigte Leserschaft bereits verdutzt die Augen aufreißen und verwirrt den Kopf schütteln „13 Monate? Wieso 13 Monate? Das handelsübliche Jahr besteht doch nur aus 12 Monaten! Extras waren nie vorgesehen.“ Wir haben es hier mit niemand geringerem als Erich Kästner zu tun – da muss immer mit Extras gerechnet werden.
Kästner wäre nicht Kästner würde er in seinen Versen „nur“ über die Besonderheiten der einzelnen Monate, die Schönheit der Natur, das Wetter, Flora und Fauna und vom Menschen im Wandel der Jahreszeiten schwadronieren. Das tut er natürlich auch in seiner ganz unverwechselbaren Art und Weise. Doch zwischen seinen Zeilen, sozusagen als „Untertext“, beinah versteckt und für die oberflächlichen Leser*innen schnell zu übersehen, streut er eine feine Prise Ironie über seine Lyrik, die seinen Versen eine pikante Note verleiht. Doch – wie bereits erwähnt – dafür sollte bei den verkonsumierenden Leser*innen ein empfindsamer Gaumen ausgeprägt sein, um dieses feine Geschmackserlebnis voll auskosten zu können.
Ursprünglich reimte Erich Kästner die ersten zwölf Gedichte (also der klassische Umfang eines Jahres in 12 Monate) im Auftrag der „Schweizer Illustrierten Zeitung“. Hier erschienen sie vom 30. Dezember 1952 bis zum 7. Dezember 1953 als monatliche Serie. Erst als die Buchausgabe vorbereitet wurde, schrieb er das Vorwort und verfasste das dreizehnte Gedicht. „Die hier versammelten Gedichte schrieb, im Laufe eines Jahres, ein Großstädter für Großstädter.“ eröffnet Kästner sein Vorwort und gibt unumwunden aber auch ein wenig beschämt zu, dass er zur korrekten Wiedergabe des Jahresablaufs vielfältige Quellen aus der Literatur zu Rate gezogen hat – obwohl er selbst bereits in einem so fortgeschrittenem Alter wäre, dass er die recherchierten Fakten hätte wissen müssen.
Das Altern, die Vergänglichkeit und das Vergehen der Zeit – dies sind alles Themen, die er gerne in diesen Gedichten aufgreift. So wird im Januar das Jahr als „klein und liegt noch in der Wiege“ beschrieben, während es im Dezember „dünne Haar“ hat und „gar nicht mehr gesund“ wirkt, und somit sein baldiges Ende unausweichlich ist. Zwischen diesen beiden Extremen zeigt sich das Jahr in seiner ganzen verschwenderischen Vielfalt. Kästner präsentiert die Monate beinah als Individuen, so als hätten sie eine eigene Persönlichkeit, mit der sie willentlich Einfluss auf den Jahresablauf nehmen.
Er erweckt ein heiteres Bild, betont die Schönheit jedes einzelnen Monats, mischt aber auch eine sanfte Melancholie unter seine Verse. Dabei variiert er sowohl mit der Länge der Gedichte als auch mit deren Versmaß und fordert mich als Leser stets auf Neue heraus, mich diesem wandelnden Rhythmus der Verse (wie auch der Monate) anzupassen. In „Der dreizehnte Monate“ schickt er unsere Phantasie auf Reise, sich einen Bonus-Monat zu erträumen und wagt eine kritische Anmerkung. Wozu brauchen wir einen dreizehnten Monat? Wer die vorherigen zwölf Monate nicht mit Farben füllen konnte, wird dies mit einem weiteren Monat auch nicht mehr bewerkstelligen und so das Versäumte nie mehr aufholen können.
In der Vergangenheit wurde das Kästner’sche Jahres-Menü gerne mit würzigen Illustrationen verfeinert, die die lyrische Idylle aufbrachen und so vor einer süßlichen Romantik retteten. Oftmals waren es Illustratoren wie Richard Seewald, Walter Trier und Celestino Piatti, die auch durch ihre politischen Karikaturen bekannt waren. In einer der mir vorliegenden vorangegangenen Auflagen schuf Hans Traxler die Monatsblätter mit seinem markanten wie unverwechselbaren Pinselstrich.
Doch nun sind wir im modernen Digital-Zeitalter angekommen, wo sich Sehgewohnheiten stetig verändern: Diesmal hat sich Dirk Schmidt, der bereits für renommierte Zeitungen und Illustrierten wie „Stern“, „Der Spiegel“ und „Süddeutsche Zeitung“ gearbeitet hat, der Visualisierung der Monate angenommen. Seine Illustrationen sind nett, durchaus charmant, betonen allerdings weniger die kabarettistische Note und lassen so an Biss vermissen.
So rutschen Kästners DIE 13 MONATE in der aktuellen Aufmachung eher in Richtung „gefälliges Geschenkbüchlein“, was ihnen leider nicht gerecht wird. Sollten so allerdings DIE 13 MONATE einem breiteren Publikum wieder zugänglicher werden, würde mich dies außerordentlich freuen!






