[Rezension] Zsuzsa Bánk – Weihnachtshaus

Ich klappte das kleine Büchlein zu, behielt es noch für einen kurzen Moment in den Händen, bevor ich es endgültig zur Seite legte, um dann sinnierend in mich hinein zu horchen. Was war es? Welche Gründe könnten es geben? Da hat Zsuzsa Bánk einen melancholischen Roman verfasst, der in beinah märchenhaften Bildern die Geschichte einer Freundschaft erzählt. Doch der berühmte und vielbemühte Funke wollte nicht überspringen…

Zwei Freundinnen betreiben ein Café in Frankfurt am Main. Es ist Weihnachtszeit, Advent. Die eine ist Mutter von zwei Kindern, ihren Ehemann hat sie vor Jahren verloren. Ihre Freundin Lilli ist früh Mutter geworden und hat ebenfalls eine schwierige Vergangenheit. Mit einer guten Gabe Humor und Lebensklugheit meistern die beiden Frauen ihren Alltag – als Mütter, als Freundinnen, als Geschäftsfrauen und als Hausbesitzerinnen. Denn einige Zeit zuvor haben sie zusammen ein Wochenendhaus im Odenwald gekauft, unbewohnbar noch, das Dach offen, keine Fenster. Doch immer wieder Ziel ihrer Gedanken und Träume: Irgendwann einmal Weihnachten in diesem Haus feiern, alle zusammen, das wäre wunderbar! Doch so eingespannt, wie sie in ihrem Lebensalltag sind, brauchte es wohl einen Engel, der sich um alles kümmert…

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Die Autorin versucht das Wagnis, viele Themen in ihrer Erzählung anzusprechen oder zumindest anzudeuten: Trauer, Alltagsbewältigung, Demenz, psychische Erkrankung, erlittene Kränkungen. Dabei gelingt ihr dieses nicht immer ganz ungefährliche Kunststück, dass die Handlung dadurch nicht überladen, nicht zu schwer wird. Vielmehr fließen diese Themen wie selbstverständlich in die Zeilen ein, ganz unaufgeregt, nie wertend. Es sind nun mal Themen, die uns alle tagtäglich streifen könnten. Es sind alltägliche Themen, denen wir uns nicht entziehen können, vielleicht auch nicht entziehen möchten.

Bánks Schreibstil ist sehr poetisch in der Form, wie sie Wörter verwendet und dadurch die Sätze zusammenstellt. Durch die Wiederholung der Wörter und der Kreation eigener Wortschöpfungen erhalten ihre Sätze einen sehr besonderen Klang, einen sehr dynamischen Rhythmus. Dank der Leichtigkeit der Melancholie fühlte ich mich beim Lesen nie erdrückt. Zumal die positive Botschaft immer präsent war: Irgendwo ist immer Hoffnung!

Gerade die Advents- und Weihnachtszeit kann sich nach dem Verlust eines geliebten Menschen oder auch „nur“ nach einer Trennung vom Partner sehr bedrückend gestalten: Da blockieren Gedanken an Vergangenes und ein Konglomerat aus vielfachen Gefühlen den Beginn eines Trauer- und somit Heilungsprozesses. Doch trotz Themen wie Trauer und Trauerbewältigung setzt dieses Buch auch einen Appell für die Freundschaft: Freundschaften überstehen durchaus die eine oder andere Zerreisprobe und können haltbarer sein als so manches familiäre Band.

Doch warum – bei all den genannten positiven Attributen – sprang bei mir der Funke nicht über? Ich könnte es lapidar mit dem Spruch „Falsches Buch zur falschen Zeit!“ abtun und zur Tagesordnung übergehen. Doch dann würde ich es mir zu einfach machen. Ich glaube eher, dass hier ein Phänomen zum Tragen kommt, dass mir in der Vergangenheit durchaus schon begegnet ist. Es handelt sich um das Phänomen, dass ein Leser/eine Leserin eine gewisse Reife benötigt, um besondere Geschichten gänzlich begreifen und somit wertschätzen zu können.

Das „Weihnachtshaus“ wandert vorerst wieder ins Regal und bleibt dort so lange, bis ich reif für eine weitere Begegnung bin.


erschienen bei edition chrismon / ISBN: 978-3960381518

[Rezension] Marius Marcinkevičius – Adelheid & Ferkolin/ mit Illustrationen von Lina Dūdaitė

Noch toben die Herbststürme über das Land und hinterlassen eine nebelich-nasse, ungemütliche Welt. Da wünsche ich mir gerne eisige Temperaturen herbei, die die Luft wieder frischer und das Licht wieder klarer erscheinen lassen. Dann liegt plötzlich ein Funkeln auf Bäumen, Wiesen und Wegen, und bei jedem Ausatmen bildet sich eine flauschige Wolke vor den Lippen…

An einem klaren Wintertag, als der Schnee unter den Füßen knirschte, spazierte das kleine Schweinchen Ferkolin unter der strahlenden Wintersonne zum gefrorenen Flüsschen, da kam ihm die Idee: Heut ist der ideale Tag zum Schlittschuhlaufen! Das macht aber viel mehr Spaß zu zweit. So ist er bald mit seiner besten Freundin, der Kuh Adelheid auf dem Weg zum See. Plötzlich machen die beiden eine geheimnisvolle Entdeckung: Jemand unter dem Eis versucht, den beiden etwas zu sagen oder vielmehr: Zu schreiben! Gar nicht so einfach, diese verdrehte, seltsame Sprache zu entziffern – ein SLEW soll es sein, der da von der anderen Seite Botschaften in die dicke Eisschicht kratzt. Wer mag das sein? Und was will dieser SLEW von ihnen?

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Autor Marius Marcinkevičius hat eine ganz wunderbare Geschichte erschaffen, die auf so vielen Ebenen berührt. Da ist dieses entzückende Freundespaar, das so völlig ungleich ist. Augenscheinlich gibt es mehr Unterschiede, die sie trennen sollten, doch sie benötigen nur wenige Gemeinsamkeiten, um sich von Herzen zu mögen. Aus Defizite werden plötzlich Stärken, und eine gegenseitige Unterstützung ist selbstverständlich. Dabei vergessen unsere tierischen Helden nicht, ihr Umfeld aufmerksam im Blick zu behalten. Sie schauen über den Tellerrand des eigenen Erfahrungsschatzes und wagen sich in unbekanntes Terrain. Sie sind ängstlich gegenüber fremde Tiere. Doch sie lassen sich von dieser Angst nicht blockieren. Vielmehr siegt ihre Neugier und somit die Freude, neue Freunde kennenzulernen. Dank ihrer ausgeprägten Empathie nehmen sie sehr schnell wahr, dass ihr Gegenüber Hilfe benötigt, und lässt die anfängliche Angst vergessen. Schließlich muss schnell gehandelt werden!

Marcinkevičius erzählt seine Geschichte flott und pointiert voller Charme und Phantasie, die ebenso flott und pointiert vorgelesen werden kann. Durch den dramaturgischen Kniff, dass unsere Helden die Worte nur spiegelverkehrt sehen, werden die kleinen Zuhörer*innen ebenfalls spielerisch animiert, sich mit Buchstaben und Worten zu beschäftigen.

Lina Dūdaitė schuf zu dieser Geschichte gar reizende Illustrationen. Die Welt von Adelheid & Ferkolin scheint wie in rosaroter Zuckerwatte getaucht, wo der Schnee wie flauschige Pudelmützen auf den Bäumen liegt. Die Regeln der Schwerkraft bzw. der Physik setzt sie berückend märchenhaft außer Kraft. Auch amüsierten mich die kleinen Zeichnungen am Seitenrand oder die Skizzen, die im Text „eingebaut“ wurden. Die Farben wurden von ihr so geschmackvoll aufeinander abgestimmt, dass ihre Bilder durch eine pudrige Leichtigkeit bestechen. Grelle, plakative Töne sucht man hier vergeblich.

Solch hinreißende Freunde wie Adelheid & Ferkolin wären jedem Kind (und auch jedem Erwachsenen) zu wünschen, die zeigen, dass es manchmal besser ist, weniger zu grübeln und mehr zu handeln.


erschienen bei bohem / ISBN: 978-3959392228 / in der Übersetzung von Saskia Drude

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Schaurige Nächte. Unheimliche Geschichten für den Winter

Die Tage sind dunkler geworden. Graue Wolken ballen sich am Himmel und verwehren der Sonne ein Durchkommen. Regen peitscht über das Land. Der Wind zerrt an den letzten Blättern der Bäume und wirbelt das Laub in die Luft. Es riecht modrig nach Vergänglichkeit. Zudem kommen jetzt – bevor der Advent mit seiner Vielzahl an Lichtern die Dunkelheit erhellt – die traurigen Tage mit Volkstrauertag, Buß- und Bettag und Totensonntag. Erst vor wenigen Tagen begangen wir den Reformationstag… – Äh, sehe ich da etwa einige meiner Leser*innen stutzen? Ist euch etwa der Reformationstag unbekannt? Dann kennt ihr ihn sicherlich unter seinem „neuen“ Namen: Halloween!

Ich persönlich verbuche Halloween unter der Rubrik „Dinge, die die Welt nicht braucht“. Was haben wir mit Halloween zu schaffen? In jedem Jahr hoffe ich erneut, dass sich „kritische“ Stimmen erheben und schmettern „Das ist kulturelle Aneignung!“. Doch bisher wartete ich vergebens…!

Unabhängig der div. Begrifflichkeiten sind wir uns sicherlich alle einig, dass die dunkle Jahreszeit begonnen hat. Während es draußen zunehmend ungemütlicher wird, machen wir es uns drinnen mit Tee, Keksen und Kuscheldecke umso gemütlicher. Hätten wir dann noch einen Schmöker mit Grusel- und Schauergeschichten zur Hand, wäre die wohlig-warme Gänsehaut-Atmosphäre perfekt.

Glücklicherweise lieferte uns der DuMont Verlag mit „Schaurige Nächte. Unheimliche Geschichten für den Winter“ die passgenaue Lektüre. In acht Geschichten darf sich nun geängstigt, gegruselt und geschaudert werden. Dabei empfand ich es als äußerst wohltuend, dass hier nicht die bekannten Verdächtigen mit ihren schon allzu oft abgedruckten Stories zu finden waren. Vielmehr versammelte sich hier eine talentierte Schar von 7 Autorinnen und einem Quoten-Mann (Wie oft ist es genau umgekehrt!). Alle Beiträge sind frisch für diese Anthologie entstanden, somit beinah unberührt ohne jeglicher Abnutzungserscheinung.

Bridget Collins lässt in „Eine Studie in Schwarzweiß“ ihren Helden in einem einsamen Cottage eine Schachpartie gegen einen unbekannten/unsichtbaren Gegner spielen. In „Thwaites Mieter“ von Imogen Hermes Gowar versteckt sich eine junge Frau mit ihrem kleinen Sohn vor ihrem brutalen Ehemann in einem unheimlichen Haus. Bei Natasha Pulleys „Die Aal-Sänger“ stoßen die Helden mitten im unwirtlichen Moor auf eine merkwürdige Gruppe Menschen. In „Lily Wilt“ von Jess Kidd verliebt sich ein junger Mann in eine Tote und versucht ihren Geist mit ihrem Körper wieder zu vereinen. Bei Laura Purcell hat „Chillinghams Rollstuhl“ ein beängstigendes Eigenleben, das dessen Benutzerin an den Rand des Wahnsinns treibt. Andrew Michael Hurleys „Das Hängen des Grüns“ schwört beim Helden unangenehme Erinnerungen an eine grausige Vision aus der Vergangenheit herauf. Bei Kiran Millwood Hargrave fühlt sich eine junge Frau „Gefangen“, da Wahn und Wirklichkeit zunehmend miteinander verschmelzen. In „Ungeheuer“ von Elizabeth Macneal versucht ein Mann seine Gier nach Ruhm und Anerkennung zu stillen, indem er der Weltöffentlichkeit ein prähistorisches Ungeheuer präsentiert, und nicht bemerkt, wer in Wirklichkeit das Ungeheuer ist.

Häufig bei ähnlichen Anthologien gibt es zwei, drei Geschichten, die von ihrer literarischen Qualität abfallen, und beinah wirken, als wären sie als Lückenfüller im jeweiligen Buch gelandet. Doch dieser Sammlung darf ich mit Freude attestieren, dass alle Erzählungen mich mit ihrem überraschend hohen Niveau überzeugen konnten. Da mag mir zwar durchaus die eine oder andere Geschichte einen Hauch weniger gefallen haben, doch ist dies nur meinem persönlichen Geschmack geschuldet und sagt nichts über deren literarische Qualität aus.

Zumal allen Geschichten gemein ist, dass sie mit einem interessanten Handlungspersonal punkten und mit einem gekonnten Spannungsbogen meiner Aufmerksamkeit sicher sein konnten. Zudem sorgte so manches Mal ein raffinierter Twist, dass die Handlung in eine gänzlich andere Richtung zu einem für mich unvorhersehbaren Ende gelenkt wurde.

Natürlich haben die Autor*innen mit ihren gelungenen Geschichten das Genre nicht neu erfunden, aber sie zaubern durchaus die eine oder andere Nuance auf die Farb-Palette und lassen sie so bunter schillern.


erschienen bei DuMont / ISBN: 978-3832182106 / in der Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Ballett] Cayetano Soto & Alfonso Palencia – SEELEN / Stadttheater Bremerhaven

Tanzabend von Cayetano Soto und Alfonso Palencia / mit Musik von Bryce Dessner, Johann Sebastian Bach und Philip Glass

Premiere: 7. Oktober 2023 / besuchte Vorstellung: 29. Oktober 2023
Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


TWENTY EIGHT THOUSAND WAVES

CHOREOGRAFIE Cayetano Soto
CHOREOGRAFISCHE EINSTUDIERUNG Mikiko Arai
BÜHNE & KOSTÜME Cayetano Soto

BEHIND THE WINDOW (URAUFFÜHRUNG)

CHOREOGRAFIE Alfonso Palencia
BÜHNE Christian Rinke, Alfonso Palencia
KOSTÜME Alfonso Palencia

ANIMA

CHOREOGRAFIE Alfonso Palencia
BÜHNE Christian Rinke
KOSTÜME Danielle Jost

CHOREOGRAFISCHE ASSISTENZ Bobby M. Briscoe
DRAMATURGIE Alfonso Palencia, Markus Tatzig
INSPIZIENZ Mahina Gallinger


„Veröffentlichst du in dieser Woche noch deinen Beitrag?“ fragte mich ein Freund, als wir nach der Vorstellung auf dem Weg zum Auto waren. Geschmeichelt warf ich mich in Position und schmetterte mit dem Brustton der Überzeugung heraus „Aber natürlich!“. Besagter Freund strahlte mich voller Vorfreude an „Toll! Ich freu` mich!“. Dann verabschiedeten wir uns,…!

…und nun sitze ich hier vor der Tastatur des PCs und starre „auf ein leeres Blatt Papier“, will sagen: auf einen leeren Monitor. Denn wie soll ich etwas beschreiben, was unbeschreiblich wirkt? Welche profanen Wörter können die Emotionen ausdrücken, die ich empfunden habe? Wie definiere ich etwas, das nicht greifbar scheint?

Denn im Grunde geht es mir immer so, wenn ich einem Tanzabend im Theater miterleben durfte. Ballett ist die Form in der darstellenden Kunst, für die ich den größten Respekt empfinde, da sie dem Künstler ein Höchstmaß an Disziplin abverlangt. In meinem laienhaften Verständnis unterstelle ich, dass eine Geschichte einfacher durch Gesang oder Sprache vermittelt werden kann, als mit den Ausdrucksmöglichkeiten, die der Körper vorgibt. Im Tanz werden Empfindungen in Bewegungen übersetzt, die ihre wie selbstverständlich anmutende Leichtigkeit erst durch ein hartes Training erhalten. Niemand, der nicht selbst mit der Materie vertraut ist, kann auch nur annähernd erahnen, wie viele Tränen geweint, wie viele Blessuren verarztet und wie viel Schweiß vergossen wurde, bis auf der Bühne diese perfekte Einheit aus Emotionalität, Erotik und Ästhetik präsentiert werden kann.

In dieser Eröffnungsproduktion des Balletts am Stadttheater Bremerhaven gibt uns Ballettdirektor und Chefchoreograf Alfonso Palencia in drei Tanz-Miniaturen intime Einblicke in die menschliche Seele.


TWENTY EIGHT THOUSAND WAVES

28.000 Wellen im Ozean bilden gemeinsam eine große imposante Welle. Doch sobald diese mit Wucht gegen einen Felsen prallt, löst sie sich wieder auf in 28.000 einzelne Wellen. Beinah scheint es so, als stände jede Welle für ein Menschenleben, das kurzfristig mit anderen Leben eine Verbindung eingeht, sich dann abermals von ihnen loslöst, um sich einsam auf die Suche nach Menschen und Orten zu begeben, bei denen sich heimisch gefühlt werden kann. Die treibenden Violinen in Bryce Dessners Komposition „Aheym“ unterstreichen diese hektische Suche: Die Tanzenden finden zueinander, harmonieren miteinander und werden wieder auseinandergerissen, um sich in neuen Paarungen zu finden…

Mikiko Arai re-kreierte die sowohl kraft- wie auch anspruchsvolle Choreografie von Cayetano Soto zusammen mit den Tänzer*innen des Bremerhavener Ballettensembles, das an diesem Abend aus Helena Bröker, Melissa Festa, Lucia Giarratana, Clara Silva Gomes, Arturo Lamolda Mir, Marco Marongiu, Melissa Panetta, Zoe Irina Sauer Llano, Ming-Hung Wenig und Dawon Yang bestand.

Diese Diashow benötigt JavaScript.


BEHIND THE WINDOW (URAUFFÜHRUNG)

Hinter einem Fenster kann sich so vieles verbergen: Sehnsüchte, Erwartungen, Ängste oder Ungewissheit. Wir lernen eine Familie bestehend aus Vater, Mutter und Sohn kennen. Das Familienleben könnte so schön sein, doch der Sohn ist unheilbar krank und verstirbt. Die Eltern gehen sehr unterschiedlich mit der Trauer um. Während der Vater den Verlust nicht akzeptieren kann, versucht die Mutter im Alltag zu funktionieren. Plötzlich erscheint hinter dem Fenster eine Erscheinung, die nur der Vater als seinen Sohn wahrnimmt. Die Mutter leidet, da sie am Verstand ihres Mannes zweifelt. Erst als auch sie die Erscheinung hinter dem Fenster wahrnimmt, finden beide wieder zueinander. Die Heilung kann beginnen…!

Zur Musik von Johann Sebastian Bach schuf Alfonso Palencia eine beinah kammerspielartig anmutende und sehr intensive Choreografie bei der „nur“ eine Tänzerin und zwei Tänzer auf der Bühne stehen. Melissa Panetta (Mutter), Ming-Hung Weng (Vater) und Arturo Lamolda Mir (Sohn) bilden eine harmonische Einheit und erzählen äußerst einfühlsam die berührende Geschichte über Verlust, Trauer aber auch Hoffnung.

Diese Diashow benötigt JavaScript.


ANIMA

Was passiert mit der Seele eines Menschen – im Dies- wie im Jenseits? Wie gestaltet sich der Übergang? Und wie nehmen persönliche Emotionen und Erfahrungen Einfluss auf den Zustand der Seele? Sehr abstrakt nähert sich Alfonso Palencia mit seiner Choreografie der Beantwortung dieser Fragen. Die verschiedenen Zustände der Seelen werden durch die Schattierungen (Weiß, Grau, Schwarz) der Kostüme symbolisiert.

Die Positionen der Tanzenden zueinander bzw. auf den unterschiedlichen Ebenen des Bühnenbildes verdeutlichen, auf welcher Stufe des „Übergangs“ sich die jeweilige Seele befindet. Dabei vermischen sich die Seelen immer wieder im innigen Tanz. Sie führen sich gegenseitig unterstützend von der einer Ebene zur nächsten Ebene, lassen so einst getrennte Seelen sich finden. Das Violinen-Konzert Nr. 2 von Philip Glas bildet bei dieser Choreografie den musikalischen Rahmen.

Diese Diashow benötigt JavaScript.


Ich bin immer wieder gerührt, mit welcher Begeisterung die Bremerhavener „ihre“ Ballett-Kompanie feiern: Schon während der Vorstellung waren im Publikum bewundernde Rufe zu hören. Nach jeder Sequenz wurde üppig Applaus gespendet. Und trotzdem ließen es sich die Zuschauer*innen nicht nehmen, die Tänzerinnen und Tänzer mit frenetischem Jubel und Standing Ovation von der Bühne zu verabschieden. Großartig!



Informationen und Termine zu weiteren Vorstellungen von SEELEN findet ihr auf der Homepage des Stadttheaters Bremerhaven.

[Event] OSTERHOLZER WINTERLICHTER: …die Zielgerade im Visier!

„A – es muss das Fest der Liebe sein,
B – du must Brandschutz versichert sein,
C – es muss mit Baum sein, Päckchenberg und Glühwein
und dann im neuen Jahr muss alles umzutauschen sein.“

…schmachtet Lady Pe aus dem Lautsprecher: Seit dem Besuch des Konzerts meiner liebsten Song-Poetin rotieren ihre Scheiben in allen Playern vom Wohnzimmer über die Bibliothek bis zum Auto. Die Melodie zu L.O.V.E. aus der Feder von Bert Kaempfert hatte sie schon vor einem Jahrzehnt neu bedichtet und aus ihm einen be-swingten Weihnachtssong gemacht. Gibt es einen besseren Soundtrack, um sich auf die schönste Zeit des Jahres einzustimmen? Für mich mit Sicherheit nicht…!

…und natürlich sorgen auch die OSTERHOLZER WINTERLICHTER für mein stetiges Weihnachts-Stimmungshoch: Verwundert schüttle ich den Kopf, wenn ich daran denke, dass mein Stadtteil Osterholz schon in einem Monat im weihnachtlichen Glanz erstrahlen wird. In der Zwischenzeit sind die Flyer an alle Haushalte im Stadtteil verteilt und liegen an vielen Plätzen im gesamten Stadtgebiet aus, die Plakate hängen überall und allerorten, und sogar in div. Print-Medien wurde schon über uns berichtet.

Doch Zeit zum Luft holen bleibt kaum, denn schließlich folgt nun „nach der Pflicht die Kür“: Wir müssen uns Gedanken über den Aufbau vor Ort machen, vorhandene Utensilien und Materialien überprüfen und evtl. neu besorgen, das Raum- bzw. Deko-Konzept erarbeiten, Absprachen mit Helfer*innen treffen undnochsovielesmehr…! Denn wie so oft sind es die Kleinigkeiten, die die meiste Arbeit verursachen und entsprechend Zeit in Anspruch nehmen. Doch genau da fängt es an, mir besonders viel Spaß zu machen: Ich liebe die Detailarbeit!

Unsere wunderbare Homepage ist mit Informationen üppig angewachsen und somit prall gefüllt, und auch auf den Accounts bei facebook und Instagram gibt es für euch immer wieder Neues zu entdecken. So hoffe ich sehr, dass das, was ihr dort erfahrt, sooo sehr eure Neugier weckt und ihr euch in einem Monat auf den Weg macht zu den OSTERHOLZER WINTERLICHTERn…! 💖


Die OSTERHOLZER WINTERLICHTER finden am 2. Dezember 2023 von 11.00 bis 19.00 Uhr zwischen Bördestraße, Findorffstraße und Klosterplatz in 27711 Osterholz-Scharmbeck statt.

[Noch ein Gedicht…] Mascha Kaléko – EIN WELKES BLATT

Ein welkes Blatt – und jedermann weiß: Herbst.
Fröstelnd klirren die Fenster zur Nacht.
O grüne Welt, wie grell du dich verfärbst!

Schon raschelt der Winter im Laube.
Und die Vögel haben, husch, sich aus dem Staube
Gemacht.

Wie letzte Früchte fielen ihre Lieder vom Baum.
Nun haust der Wind in den Zweigen.

Die Alten im Park, sie neigen
Das Haupt noch tiefer. Und auch die Liebenden
Schweigen.

Bald sind alle Boote im Hafen.
Die Schwäne am Weiher schlafen
Im Nebellicht.

Sommer – entflogener Traum!
Und Frühling – welch sagenhaft fernes Gerücht!

Ein welkes Blatt treibt still im weiten Raum,
Und alle wissen: Herbst.

Mascha Kaléko

[Rezension] Agatha Christie – Das Sterben in Wychwood

Lorbeerkranz mit 25

„Welch eine schöne Zahl! Es fühlt sich an, wie ein Jubiläum!“ Ähnliches dachte vielleicht auch Agatha Christie, als sie sich ans Schreiben dieses Kriminalromans machte. Im Entstehungsjahr (1939) dieses Krimis waren ihre beiden bekanntesten Schnüffelnasen Hercule Poirot und Miss Marple schon seit Jahren bei den Fans etabliert. Dabei ging ihr besonders der bei den Leser*innen so beliebte Poirot manches Mal so sehr auf die Nerven, dass sie sich mit dem Verfassen von Romanen, in denen frische, unverbrauchte Ermittler*innen auftauchten, anscheinend ein wenig Abwechslung gönnte. Diese Charaktere gaben im literarischen Œuvre Christies dann aber bedauerlicherweise immer nur ein einmaliges Gastspiel.

Luke Fitzwilliam kehrt nach einem langen Auslandsaufenthalt nach England zurück. Auf der Zugfahrt nach London zu seinem Freund Jimmy Lorrimer lernt er Miss Pinkerton kennen, eine scheinbar verwirrte, aber liebenswürdige ältere Dame. „Es ist sehr leicht zu morden“, versichert diese ihm und berichtet von einer Reihe seltsamer Todesfällen in ihrer Heimatort Wychwood. Sie ist auf dem Weg zu Scotland Yard, weil sie sicher ist, zu wissen, wer der Mörder sei. Luke hört sich etwas ungläubig ihre Geschichte an. Am nächsten Tag erfährt er aus der Zeitung, dass Miss Pinkerton von einem Auto überfahren wurde. Nun ist er gar nicht mehr so skeptisch und beschließt, den seltsamen Geschehnissen auf den Grund zu gehen. Da sein Freund Jimmy in Wychwood eine Cousine hat, macht Luke sich auf den Weg dorthin, um Miss Pinkertons Mörder zu finden. Als Gast von Lord Whitfield gibt er vor, eine wissenschaftliche Arbeit über Heimatbräuche zu schreiben. Doch Jimmys scharfsichtige Cousine Bridget Convay, die ehemals die Sekretärin des Lords war und nun mit ihm verlobt ist, blickt schnell hinter Lukes dürftige Fassade und unterstützt ihn bei seinen Nachforschungen. Erschrocken müssen sie feststellen, dass es sich hierbei anscheinend um eine wahre Mordserie handelt, bei der es leider nur allzu viele Verdächtige gibt…!

Ich liebe Christies Krimi-Reihen mit Marple und Poirot so sehr, da ich bei jedem „Wiedersehen“ das Gefühl habe, eine alte Bekanntschaft wieder aufleben zu lassen. Vieles ist vertraut, manches wirkt vorhersehbar. Und doch genieße ich ebenso die Abstecher zu Werken der „Queen of Crime“ wie Tödlicher Irrtum oder Das Geheimnis von Sittaford, die mich mental neu herausfordern, wo eben nicht alles vorhersehbar erscheint, und ich mich mit den unbekannten Charakteren erst anfreunden muss.

Bei „Das Sterben von Wychwood“ bedient sich die Autorin eines vielfach genutzten und somit allzeit bekannten Rahmens: Handlungspersonal aus der mittleren bis gehobenen Klasse; ländliches, scheinbar idyllisches Umfeld; ausreichende und doch überschaubare Anzahl an potentiellen Täter*innen; ergo: überschaubare und doch ausreichende Anzahl an potentiellen Opfer*innen; Geschehnisse, die vom Normalen abweichen, würden zwangsläufig die Aufmerksamkeit der Nachbarschaft erregen; fremde Person als Impuls zur Kommunikation (Luke fragt/ Dorfbevölkerung antworten); ortskundige Person (Bridget) mit Vertrauensbonus als Türöffner;…

…und dieser Aufzählung könnte ich noch einige weitere Punkte hinzufügen. Anscheinend ist doch alles bekannt, oder? Und trotzdem machte es mir einfach einen immensen Spaß, diesen unterhaltsamen Krimi zu lesen. Dies verdankte ich dem Umstand, dass Agatha Christie wunderbar vielfältige Charaktere schuf und in ihrer Geschichte diese geballte Masse an Persönlichkeiten gekonnt kurzweilig aufeinander prallen ließ. Da gibt es den jugendlichen Helden, der so manches Mal sehr unvorteilhaft und somit recht wenig heldenhaft wirkt. Die jugendliche Naive ist ein höchst intelligentes Persönchen mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein. Der kauzige Alte verbirgt hinter seinem skurrilen Humor eine beinah pathologische Selbstüberschätzung. Und auch hier könnte ich die Liste weiter üppig ausschmücken.

Ich verzeihe ihr sogar so manches stereotype Klischee, da mir bewusst ist, dass dies damals gang und gäbe war, und auch Christie den Zwängen und Konventionen ihrer Zeit unterlag. So wird ein dem Okkulten zusprechender Antiquitätenhändler als unsympathische Tucke dargestellt. Na und?! Nicht jede LGBTQ-Person wird durch den Umstand, dass sie sich einem der Kürzel zugehörig fühlt, automatisch zu einem besseren Menschen. Auch wenn ich manches Mal den Eindruck habe, dass dies von der Community gerne so propagiert wird (und diese damit wieder ein Klischee bedient).

Nach meiner Erfahrung gibt es zumindest unter den Homosexuellen genauso viele schräge Typen wie bei den Heteros. Darum sehe ich es sehr entspannt, wenn in der Literatur auch äußerst ambivalente LGBTQ-Charaktere auftauchen. Natürlich ist meine entspannte Haltung abhängig vom jeweiligen Autor/ von der jeweiligen Autorin, und ich mache da durchaus sehr differenzierte Unterschiede bzgl. des Ausmaßes meiner Toleranz: So habe ich die Werke eines anderen Autors, der in der Vergangenheit durchaus sehr erfolgreich Katzenkrimis verfasst hatte, aus meinem Haus konsequent beseitigt. Nur soviel sei gesagt: Ich hatte meine Gründe!

Die Werke von Mrs. Christie sind dagegen meilenweit davon entfernt, dass ihnen ein ähnliches Schicksal widerfahren könnte.


erschienen bei Atlantik / ISBN: 978-3455013276 / in der Übersetzung von Giovanni und Ditte Bandini