[Rezension] Agatha Christie – Tödlicher Irrtum

Vor 2 Jahren wurde Rachel Argyle in ihrem Haus ermordet. Alle Indizien sprachen für ihren Adoptivsohn Jacko als Täter, obwohl dieser immer wieder seine Unschuld beteuerte und auf ein Alibi verwies. Doch dieses Alibi konnte nicht bestätigt werden, und so stirbt er während der Inhaftierung an den Folgen einer schweren Lungenentzündung. Doch nun steht ein völlig Fremder vor der Familie und behauptet, eben dieses Alibi bestätigen zu können: Jackos Unschuld am Mord seiner Mutter wäre somit bewiesen. Doch Arthur Calgary, dem besagten Fremden, schlägt keine Erleichterung oder gar Dankbarkeit von Seiten der Familie entgegen – im Gegenteil: Wenn Jacko es nicht war, dann muss es einer der anderen Anwesenden gewesen sein. So belauern der Ehemann der Toten, die übrigen vier Adoptivkinder als auch die Hausangestellten sich misstrauisch gegenseitig: Wem kann man noch trauen…?

Wir haben es – Wie könnte es auch anders sein? – mit einem klassischen Christie zutun. Und trotzdem schafft sie es immer wieder mich aufs Neue zu überraschen, eröffnet sie ihren Leser*innen doch interessante Blickwinkel.

Häufig wird in Krimis die Persönlichkeit des Täters sehr detailliert beleuchtet, um so seine Beweggründe für die Tat zu verstehen. In diesem Krimi ist es zudem von Bedeutung, die Persönlichkeit des Opfers näher in Augenschein zu nehmen. Wir haben es hier mit einer äußerst wohlhabenden Frau zu tun, die, da sie nicht selbst in der Lage war, Kinder zu bekommen, sich ihre Kinderschar fröhlich „zusammenadoptierte“: Sie behütete und hegte diese Kinder bis ins Erwachsenenalter hinein, traf für sie immer die richtigen Entscheidungen und erschien so unfehlbar und übermächtig. Rachel Argyle wird als eine Art „perfekte Übermutter“ beschrieben, die sich zwar dem Respekt ihrer Kinder sicher sein konnte, aber auch ihrer Liebe…? Fällt es nicht eher schwer, die Perfektion zu lieben? Macht nicht erst das Unperfekte an einem Menschen diesen für einen anderen liebenswert?

Auf der anderen Seite haben wir fünf junge Menschen, die alle aus ähnlichen ärmlichen Verhältnissen stammen, eine vergleichbare Erziehung, die zwar durch eine übertriebene aber gutgemeinte Fürsorge geprägt war, genossen haben, und doch unterschiedlicher in ihren Persönlichkeiten nicht sein könnten. Welche Faktoren lassen einen Menschen zur Rechtschaffenheit oder zur Kriminalität tendieren? Christie stellt die interessante Frage, was mehr Einfluss auf die Entwicklung eines Menschen nimmt:  die Herkunft oder die Erziehung? Sie lässt diese Frage unbeantwortet, stößt beim Leser aber einen Denkprozess an und animiert ihn, einen Blick auf die Mitglieder der eigenen Familie zu werfen.

Und wieder verspüre ich eine Hochachtung für eine Autorin, die schon im Jahre 1958 (Erscheinungsjahr des Romans) sich in ihren Romanen traute, Themen der Soziologie anzusprechen. In den 50er Jahren war dies sicherlich nicht die gewohnt gefällige Lektüre zum „Five o’clock tea“…!

Zum Abschluss: Als Christie-Fan freue ich mich natürlich närrisch, dass die „Queen of Crime“ seit einigen Jahren eine feste Heimat beim Atlantik-Verlag gefunden hat, und dieser immer wieder mit Veröffentlichungen auch ihrer unbekannteren Werke das Fan-Herz erfreuen. Eine Veröffentlichung aller ihrer Werke als Hardcover wäre einer Offenbarung gleichgekommen. Doch auch für das Taschenbuch-Format bin ich dem Verlag schon sehr dankbar: Ich möchte weder ungerecht noch unverschämt erscheinen! 😉


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455006247

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #55: Welches Buch, das man – nach allgemeiner Meinung – gelesen haben sollte, hast du noch nicht gelesen? Warum nicht?

„Der Herbst ist immer unsere beste Zeit.“ sinnierte schon Johann Wolfgang von Goethe, und der Herbst ist nun auch bei uns eingekehrt. Meteorologisch ist er definitiv da und fordert uns mit seiner Mischung aus farbenfrohen Herbstlaub und tristen Regenstürmen. Biologisch habe ich das Gefühl, mich mit langsamen Schritten dem Herbst zu nähern. Ob der Herbst nun unsere beste Zeit wird, liegt da ganz an uns…!

Da passt die heutige Montagsfrage ganz hervorragend zu meinem philosophischen Geplänkel, war doch eines dieser noch nicht gelesenen Bücher kein geringeres als „Sofies Welt“ von Jostein Garder. „Das MUSST du UNBEDINGT lesen!“ wurde mir in Dolby Surround Anfang der 90er von allen Seiten ins Ohr gebrüllt. Nun beinhaltet diese Aussage dummerweise 2 Wörter, auf die ich reflexartig mit Trotz reagiere. „Nö! MUSS ich nicht, und UNBEDINGT schon gar nicht!“ Eine Freundin überreichte mir diesen Roman als Geschenk zum Geburtstag („Uih, toll! Das ist aber ’ne Überraschung!“), und pflichtbewusst las ich die ersten Seiten…! Schmerzlich wurde ich mir meiner philosophischen Defizite bewusst, und – Schwupps! – landete das Buch in der Flohmarkt-Kiste.

Auch bei der Harry Potter-Manie regte sich dieser Trotz, doch ich lies mich – nach langer und intensiver Überzeugungsarbeit durch meinen da noch nicht Angetrauten – glücklicherweise eines Besseren belehren und bin somit wahrscheinlich der einzige Leser, der erst bei Erscheinen des vierten Buches in den magischen Kosmos eingestiegen ist.

15 Jahre zuvor regte sich zwar kein Trotz, da ich diesen Roman UNBEDINGT haben MUSSte (😉), trotzdem fand ich bisher zu diesem Werk keinen Zugang. Obwohl es sich hier um einen Kriminalroman handelt, der seinen Weg auch schon auf Leinwand, TV-Bildschirm und Bühne gefunden hat, verwirrten mich die theologischen Exkurse kolossal und verlangten zwecks intensiver Auseinandersetzung seine Zeit, die ich bisher noch nicht bereit war zu investieren. „Der Name der Rose“ von Umberto Eco steht seitdem (sogar in einer wunderbar gebundenen Ausgabe im Schuber) bei mir im Regal und wartet und wartet und wartet…! Vielleicht werde ich im Herbst reif genug sein! Sollte die Zeit dafür aber erst in meinem Winter passen, dann soll es wohl so sein! Ich bin da mit mir ganz geduldig…!

…und: Welche Bücher verbindet Ihr mit den Worten „MUSS“ und „UNBEDINGT“?


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Noch ein Gedicht…] Theodor Fontane – HERR VON RIBBECK AUF RIBBECK IM HAVELLAND

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn’s Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: »Junge, wiste ’ne Beer?«
Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb ’ne Birn.«

So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. ’s war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit;
Da sagte von Ribbeck: »Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab.«
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
Sangen »Jesus meine Zuversicht«,
Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
»He is dod nu. Wer giwt uns nu ’ne Beer?«

So klagten die Kinder. Das war nicht recht –
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was damals er tat,
Als um eine Birn‘ ins Grab er bat,
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

Und die Jahre gehen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet’s wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung‘ übern Kirchhof her,
So flüstert’s im Baume: »Wiste ’ne Beer?«
Und kommt ein Mädel, so flüstert’s: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew‘ di ’ne Birn.«

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

Theodor Fontane

[Rezension] Shaun Bythell – Tagebuch eines Buchhändlers

…ZUM WELTTAG DER BUCHHANDLUNGEN


FREITAG, 22. AUGUST

Online Bestellungen: 3 / Gefundene Bücher: 2

Nach dem Mittagessen bin ich zu meinen Eltern gefahren, um ein Gewehr zu holen und damit auf einen Kindl zu schießen (kaputter Bildschirm, für 10 Pfund auf eBay erstanden). Es war unglaublich befriedigend, ihn in tausend Stücke zu ballern.

Einnahmen insgesamt: 296,47 Pfund / 20 Kunden

„The Bookshop“ ist die größte Buchhandlung für antiquarische Bücher in Schottland und ein Mekka für Buchliebhaber. Damit alles (manchmal mehr, meistens weniger) reibungslos läuft ist viel Arbeit, Herzblut und eine enorme Portion Humor von Nöten. Der Inhaber Shaun Bythell hat von allem zuhauf und lässt uns anhand seines Tagebuchs am ganz normalen Wahnsinn eines Buchhändlerlebens teilhaben. Statt romantischer Verklärung gibt es hier einen kurzweiligen aber durchaus realistischen Einblick ins Alltags-Geschäft: skurrile Kunden, vorlaute Angestellte, Kampf mit den großen Anbietern und ihren Online-Portalen, Ärger mit der Technik, der Post oder sonstigen Unvorhersehbarkeiten.

Ich staunte über Bythells Ideenreichtum, um sich und den Laden durch die täglichen Untiefen zu lotsen. Der Tagebuch-Schreiber passt in seiner kauzigen, liebenswerten Art hervorragend in das Ambiente eines Antiquariats und vergisst nicht, mit Ironie vom eigenen Scheitern zu berichten.

Kontinuierliche Handlung, Spannungsbogen, Weiterentwicklung des Handlungspersonals: Dies sucht die geschätzte Leserschaft hier vergeblich. Es ist eben „nur“ ein Tagebuch, wie es ja auch auf dem Cover steht: „Drin ist was drauf steht!“ So ist die Länge der einzelnen Einträge auch stets überschaubar. Im Großen und Ganzen ist „Tagebuch eines Buchhändlers“ sehr kurzweilig zu lesen, amüsiert und bietet sich wunderbar für die Lektüre zwischendurch an – ohne das die Gefahr besteht, den Faden zu verlieren und nicht mehr in die Handlung hineinzufinden (Handlung! Welche Handlung?). Leider birgt dies auch die leise Gefahr, in Beliebigkeit abzugleiten, da sich vieles wiederholt. Auch die Zitate von George Orwell aus „Erinnerungen an eine Buchhandlung“, die jedem Monat vorangestellt wurden, helfen da leider nur bedingt.

Die Tätigkeiten eines Buchhändlers sind eben alles andere als glamourös sondern eher von einer immer und immer wiederkehrenden und sich ständig wiederholenden Routine gekennzeichnet. Und doch aller erwähnten Untiefen bleibt die Botschaft unumstößlich: Der Besuch eines Buchladens, der von Büchermenschen mit Herz und Leidenschaft geführt wird, ist ein Erlebnis für alle Sinne und kann durch keinen Klick in einem Online-Shop ersetzt werden.

Hier ein sowohl optischer als auch akustischer Spaziergang durch „The Bookshop“:


erschienen bei btb/ ISBN: 978-3442718658

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #54: Was haltet ihr von Buch-Communities wie „Goodreads“ oder „Lovelybooks“?

Die 2-wöchige Zwangspause der Montagsfrage endet heute, und irgendwie scheint bei Antonia von Lauter & Leiser wie auch bei mir ein „Virus“ seinen Schabernack zu treiben und uns auf der einen oder anderen Weise zu „blockieren“! Doch davon lassen wir uns selbstverständlich nicht von der Beantwortung der Montagsfrage abbringen…!

Wieder eine Frage über dessen Inhalt ich mir recht wenige Gedanken bisher gemacht habe…!

Vor Beginn meines Blogger-Lebens war gerade Lovelybooks eine wunderbar-spielerische Art hin und wieder an ein Gratis-Buch zu gelangen, um sich nach der Lektüre am Verfassen einer Rezension zu erproben. Ich gebe zu, dass ich die Rezensionen anderer Mitglieder der jeweiligen Leserunde wenig bis gar nicht studiert habe („Asche auf Haupt“ oder so ähnlich…!). Somit ist es gerade für jemanden, der sich (noch) nicht an einen eigenen Buch-Blog wagt oder dem der Arbeitsaufwand für eine solche Seite abschreckt, eine sehr gute Gelegenheit, um mit Gleichgesinnte in Kontakt zu treten, sich auszutauschen und an der einen oder anderen Rezension zu versuchen.

Mit Beginn meines Blogger-Lebens und der Etablierung meiner Seite nehme ich kaum noch an Buchverlosungen teil, da ich die mich interessierenden Bücher direkt beim Verlag anfordere. Auch der Austausch mit anderen Buch-Fetischisten findet eher über die Blogger-Community als über „Lovelybooks“ & Co. statt. Nichtsdestotrotz nutze ich die entsprechenden Seiten, wie unschwer auf meinem Blog zu erkennen ist. Der Grund hierfür ist von ganz pragmatischer Natur: Viele Verlage erwarten, dass die Rezension einer ihrer Publikationen zum Zwecke der Werbung möglichst weit verbreitet wird! Ein durchaus nachvollziehbarer Wunsch, dem ich gerne nachkomme – zudem mein Aufwand auch recht überschaubar ist. Dabei nutze ich nicht „alle möglichen“ Seiten, sondern nur die, die mich auch überzeugt bzw. angesprochen haben.

Englischsprachige Buch-Communities wie „Goodreads“ nutze ich als selbsternannter Fremdsprachen-Legastheniker nicht, und auf dem Amazonas schippere ich ebenso wenig, da ich so schnell seekrank werde!

Mit Sicherheit könnte ich die vorhandenen Funktionen der Buch-Portale noch deutlich besser für meine Zwecke einsetzten, wenn ich denn wüsste, wie es funktioniert. Natürlich könnte ich mich durchaus weiter in die Materie reinfuchsen, aber…

„Wann soll ich das bitteschön noch machen!“ (Jammern auf hohem Niveau)

Somit bleibt vorerst alles so, wie es ist!

…und: Was haltet Ihr von Buch-Communities?


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

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[Rezension] Kathrin Aehnlich – WIE FRAU KRAUSE DIE DDR ERFAND

„Wild Ost“ lautet der Arbeitstitel einer 6-teiligen Fernsehserie, die erstmals vom wahren Leben in der ehemaligen DDR erzählen soll. Isabella Krause, ein Kind des Ostens und am „Tag der Republik“ geboren (…Zufall, da bei der Frau Mama die Wehen zu früh einsetzten!), stolpert als durchaus gelernte aber erfolglose Schauspielerin in ein Casting und erhält den Auftrag zehn ganz normale Ost-Deutsche zu finden, die von ihrem Leben unter diesem politischen Regime erzählen. Frau Krause findet sie: authentisch, unverstellt und ganz normal. Doch dem westdeutschen Regisseur sind diese Menschen zu normal und (vor allem) zu unspektakulär. Er will das brutale, ehrliche Leben – oder vielmehr: das Leiden – unter Diktatur, Mangelwirtschaft und Staatssicherheit sehen. So bleibt Frau Krause nichts anderes übrig, als die realen Schicksale mit Hilfe ihrer Schauspielfreunde „aufzuhübschen“…!

Was ist übrig geblieben nach 30 Jahren Wiedervereinigung? Welche Klischees sind standhaft im west-deutschen Gedächtnis haften geblieben? Wie war es denn, das Leben der anderen? Die Deutsche Demokratische Republik bestand eben nicht nur aus Diktatur, Mangelwirtschaft und Staatssicherheit. Für die dort lebenden Menschen war dieses Land vorrangig Heimat…, Heimat und ein Zuhause: Da wird sich arrangiert und werden Kompromisse gefunden. Niemand (egal ob in Ost oder in West) hinterfragt seine Heimat. Wir werden hineingeboren und sehen es als gegeben an. Als Zuhause gilt ganz sicher nicht das vorherrschende politische Regime sondern die Familie, die Freunde und Arbeitskollegen, der Heimatort und die Landschaft. So war auch ein friedliches, „ganz normales“ Leben in der DDR möglich.

Kathrin Aehnlich räumt mit den Klischees zwischen Ost und West auf. Dabei geht sie sehr behutsam vor, demaskiert weder die Menschen im Osten noch im Westen des Landes, offenbart aber auch die Tragödien, die hinter der Wiedervereinigung stecken.

„Wiedervereinigung“ ist auch so ein Wort, das nicht richtig benennt, was es beschreiben soll! „Wiedervereinigung“ klingt nach „Zwei Partner, die getrennt wurden, finden wieder zueinander!“. Trifft es das? Hatten wir es mit zwei gleichberechtigten Partnern zu tun? Ich hatte eher den (natürlich subjektiven) Eindruck, dass der Osten seine Identität verlor und sich dem Heilsbringer West beugen musste. Auch durchaus Positives aus dem Osten wurde zur Seite gedrängt oder verwestlicht.

Ich kann mich noch sehr gut erinnern: Nach Öffnung der Grenze und nachdem die erste Euphorie abgeklungen war, veränderte sich die Stimmung im Westen. Niemanden ging es trotz Aufbau Ost und Solidaritätszuschlag schlechter, und trotzdem wurden „kritische“ Stimmen laut und die Vorurteile geschürt: „Der Ossie nimmt uns die Arbeitsplätze weg.“, „Der Ossie weiß ja gar nicht, wie man richtig arbeitet.“ und „Die sollen die Mauer lieber wieder aufbauen – aber diesmal 3 Meter höher…!“. Übrigens erklangen in Ost wie in West ähnliche Töne zur Flüchtlingswelle in der jüngeren Vergangenheit.

Die gewaltfreie Revolution vor 30 Jahren mit der anschließenden Wiedervereinigung ist ein Meilenstein unserer Geschichte. Wir können wahrlich stolz sein!

Kathrin Aehnlich ist ein wunderbares, kleines Buch gelungen, das anschaulich einen humorvollen Einblick in die gesamtdeutsche Seele gewährt und gleichzeitig zart und pointiert Schicksale porträtiert. So stehen diese kleinen, anrührenden Lebensläufe zurecht im Zentrum der Aufmerksamkeit des Lesers und bilden den Schwerpunkt des Romans und nicht die Titelgebende „Erfindung der DDR“.


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-3956143168

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

Ein Porträt: Melanie Raabe

Melanie Raabe (* 1. August 1981)


Jung, attraktiv, erfolgreich und talentiert, zudem beinah „ekelerregend“ (😉) sympathisch – man könnte sagen: „Melanie, es läuft bei Dir!“

Melanie Raabe wurde in Jena geboren und wuchs in einem kleinen Örtchen in Thüringen auf. Zu diesem Zeitpunkt sammelte sie für ihren damaligen Berufswunsch (Stuntfrau) erste Erfahrungen, indem sie die Kirschbäume zwecks Früchteklau erklomm oder ihre Blutgrätsche beim Fußballspiel verfeinerte. In der Jugend verschlug es sie in eine Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen, wo sie Bücher, Theater und Tanz für sich entdeckte. Später studierte sie Medienwissenschaft und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Nach dem Studium wurde Köln (bis heute) ihre Heimat. Dort verdingte sie sich ihren Lebensunterhalt als Journalistin, parallel schrieb sie ihre ersten Romane und Geschichten. 2011 machte sie als Autorin auf sich aufmerksam, als sie mit der Kurzgeschichte „Die Zahnfee“ den 1. Platz des Deutschen-Kurzkrimi-Preis des Krimifestivals Tatort Eifel gewann.

Trotzdem mussten noch einige Jahre vergehen, bis sie im Jahr 2015 mit ihrem ersten Roman „Die Falle“ auf dem nationalen wie auch internationalen Buchmarkt einschlug wie eine Bombe. Die Detonation war bis Hollywood zu hören, wo ein renommiertes Studio sich die Filmrechte sicherte. Auch ihre nachfolgenden Romane wurden internationale Erfolge, die in über 20 Ländern erschienen sind.

Gerne probiert sie sich auf anderen Gebieten und in anderen Medien aus: So ging im Juni 2019 der Fiction Podcast „Der Abgrund“ auf Sendung und stand auf Platz 1 der Podcast-Charts. Zudem betreibt sie mit ihrer Freundin Laura Kampf, die als Designerin und Youtuberin aktiv ist, den Podcast „Raabe & Kampf“. Hier widmen sich die beiden in wöchentlichen Episoden allen Aspekten der Kreativität.

Melanie Raabe ist offizielle Lesebotschafterin der Stiftung Lesen und setzt sich somit für die Leseförderung ein.


Ihre Werke:

[Lesung] Karsten Dusse – ACHTSAM MORDEN / Buchhandlung „die schatulle“ Osterholz-Scharmbeck

Lesung am 27. September 2019 / Buchhandlung „die schatulle“ in Osterholz-Scharmbeck


Karsten Dusse (gesprochen „Düss“) war mir durchaus schon vor „Achtsam morden“ bekannt – also: nun nicht unbedingt „namentlich“, sondern eher mehr „optisch“! Jeder von uns kennt folgende Situation: Man (also: ich) liegt zuhause mit einer Erkältung auf dem Sofa dumm rum, mangels vorhandenem Elan zappt man (wieder: ich) durch die TV-Programme. Da bleibt man (immer noch: ich) zwangsläufig bei einer dieser vielfältigen Reality-Soaps hängen. Und da ist er auch schon: In schwarzer Robe, zurück gegeltem Haar und aggressiv-arrogantem Auftreten mimt Karsten Dusse den Strafverteidiger bei „Richterin Barbara Salesch“. Wobei er ein Mimen nicht nötig hatte, da er als promovierter Rechtsanwalt vom Fach ist. Allerdings würde ich aufgrund seines TV-Auftretens diesen Rechtsverdreher lieber nicht im Dunkeln und schon gar nicht im Gerichtssaal begegnen wollen. Sein erster Kriminal-Roman hat mir dafür umso mehr gefallen (hier geht’s zur Rezension).

„Richterin Barbara Salesch“ war die Show, diese Lesung ist die Realität: So sitzt uns ein zurückhaltend-freundlicher und sympathischer Autor gegenüber, der sehr zugewandt jeden Signierwunsch mit meditativer Ruhe erfüllt. Zudem verfügt Karsten Dusse über eine angenehme Lese-Stimme und hatte seine Textpassagen klug gewählt: Der unvoreingenommene Zuhörer bekam einen guten Eindruck über den Stil des Romans, der kundige Zuhörer erfreute sich am Wiedererkennen der vorgetragenen Passagen. Gemeinsam genossen wir einen heiteren und kurzweiligen Abend!

Foto Andreas Kück - Karsten Dusse achtsam morden.jpg

Überdies wuchert Dusse mit einem absoluten Sympathie-Pfund in Form seiner Hündin Rosa. Dieses entzückende Fell-Wesen verbrachte die erste Zeit der Lesung schlummernd zu Herrchens Füßen, um dann einen ausgedehnten Rundgang durch die Buchhandlung zu machen. Überall dort, wo während der Lesung aus scheinbar unerfindlichen Grund ein/e Zuschauer*in sich spontan vorbeugte, bekam Rosa sicher ein paar Streicheleinheiten. Und „wie der Herr so das Gescherr“, so ruhte auch Rosa in ihrer meditativen Mitte.

Zum Abschied verriet uns Karsten Dusse noch folgendes: Zum einen ist eine Verfilmung des Romans in Planung, zum anderen arbeitet er schon an der Fortsetzung.

Die Zeichen für eine weitere Lesung in der Buchhandlung „die schatulle“ stehen somit auf „Heiter“. Bis dahin: Schön achtsam bleiben!


Karsten Dusse ist mit „Achtsam morden“ auf Lesetour: Termine findet Ihr hier.

[Rezension] Friedrich Christian Delius – Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich

Was macht ein Leser, wenn er beim Verlag um ein bestimmtes Rezensionsexemplar bittet und ein gänzlich anderes Buch vom selben Autor erhält? Dieser Leser (Finger zeigt auf mich!) nimmt es als Fügung, da er schön häufiger die wunderbare Erfahrung machen durfte, dass Bücher, die unverhofft in das Blogger-Lese-Leben treten, sich durchaus zu einer besonders überraschenden Lektüre entpuppen können.

In diesem Fall sandte mir der Verlag satt „Die Birnen von Ribbeck“ diesen Roman zu, und wie meine geneigte Leserschaft meinem fb-Post vom 20. September entnehmen kann, habe ich völlig unbefangen mit der Lektüre begonnen…

…und nach 108 Seiten wieder abgebrochen.

Screenshot_2019-09-22 Andreas Kück - Startseite.png

Ein ergrauter Wirtschaftsredakteur wird nach wiederholter öffentlicher Kritik an Politik und Industrie von seinem Verlag „freigestellt“. Diesen Umstand nimmt er zum Anlass, seine Gedanken und Ansichten – diesmal frei und ohne Zensur – in Form eines Tagebuchs der nächsten Generation (in seinem Fall: seine Nichte Lena) als Vermächtnis zu hinterlassen. Seine Tagebucheintragungen setzen am 30.09.2017 ein. Somit steht das Zeitgeschehen der jüngsten Vergangenheit im Zentrum seines Schreibens…!

Erfrischend fand ich die Entscheidung des Protagonisten, seine Tagebuchaufzeichnungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit niederzuschreiben ohne mit Klicks, Likes und Follower zu kokettieren. Dieser Entscheidung kann ich durchaus etwas abgewinnen, spiele ich doch selbst mit dem Gedanken meine fb-Seite einzustellen. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit steht es jedem frei, „vom Leder zu ziehen“, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen und sowohl rücksichts- als auch hemmungslos seine Meinung kund zu tun. Nur leider handelt es sich hierbei um einen Roman (zumindest steht es so auf dem Cover), und somit ist die Öffentlichkeit leider nicht ausgeschlossen. Vielmehr lässt er die Öffentlichkeit (also in diesem Fall: mich) in kurzen und weniger kurzen Tagebucheintragungen teilhaben an seinen Gedanken zur Merkel-Regierung, zu den geplatzten Jamaika-Verhandlungen, der Flüchtlingspolitik und den Wehwehchen von überbezahlten Fußballern. Seine Ansichten und Meinungsäußerungen mutieren schnell zum Altherren-Gejammer und Stammtisch-Gefasel und wirken unangenehm besserwisserisch auf mich. Auch empfand ich seine beinah paranoide Angst vor der Machtübernahme der Chinesen als äußerst ermüdend.

Es war nun nicht so, dass mich die Lektüre verärgerte, amüsierte oder sonst wie emotional berührte: Sie lies mich erstaunlich gleichgültig zurück – ein Zustand, in dem ich mich beim Lesen möglichst nicht befinden möchte.

Vielleicht bin ich auch schlicht (und dies darf diesmal wörtlich genommen werden) und ergreifend für diese Art der Lektüre nicht intelligent oder nicht intellektuell genug (Vielleicht sogar sowohl das eine als auch das andere!). Aber auch diese Erkenntnis werde ich verkraften, mit ihr weiterleben und irgendwann mit ins Grab nehmen…!

„Und die Jahre gehen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet’s wieder weit und breit.“
Theodor Fontane


erschienen bei Rowohlt/ ISBN: 978-3737100762

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Lustspiel] Wilfried Wroost – EEN MANN MIT CHARAKTER / Ohnsorg Theater Hamburg

Lustspiel von Wilfried Wroost

Premiere: 25. August 2019 / besuchte Vorstellung: 24. September 2019 / Ohnsorg Theater Hamburg


Inszenierung: Michael Koch
Kostüme: Krzysztof Sumera, Britta Lindenstrauß-Buhrke, Andrea Oppenländer
Bühne: Katrin Reimers

Hat ein Lustspiel, dass seine Uraufführung in den 50er Jahren an eben diesem Theater (damals natürlich noch im alten Haus in der Großen Bleichen) erlebt hat, im Jahre 2019 mit seinen Themen wie Klimawandel und zunehmenden Rechtsruck überhaupt noch Platz auf der Bühne? Ist es nicht eher ein Relikt aus einer vergangenen Zeit, in der der Mann als Patriarch der Familie über das Wohl der Tochter entscheidet, und das Frauenbild allgemein vor lauter Staub kaum sichtbar ist?

ja! Ja!! JA!!! möchte ich schreien…! Es muss auf die Bühne – unbedingt!

In der Zwischenzeit ist es die 6. Inszenierung an diesem Haus: In den ersten fünf Inszenierungen stand Heidi Kabel in der Rolle der Dora Hinzpeter auf der Bühne und machte sie zu einer ihrer Paraderollen. Ihre Tochter Heidi Mahler kann mit der aktuellen Inszenierung ihr viertes Mitwirken an „En Mann mit Charakter“ verbuchen: 1969/70 und 1978/79 als Tochter Gisela, 1989/90 als Mutter Selma und nun natürlich als Dora Hinzpeter.

Die Frauenrollen werden – wie ein Staffelstab – anscheinend von Generation zu Generation weitergegeben: Beate Kiupel und Eileen Weidel können schon erahnen, wohin sie ihre jeweilige Bühnenlaufbahn führen wird (Übrigens: 1989/90 stand Beate Kiupel als Tochter Gisela neben den beiden Heidis auf der Bühne.).

Bäckermeister Heinrich Hinzpeter ist ein Mann mit Charakter. Darum hat er vor Jahren nicht gezögert, die schwangere Braut seines Bruders zu ehelichen, als dieser sie sitzen ließ und das Land Richtung New York verließ. Doch seiner Ehe mit Selma war kein dauerhaftes Glück beschienen: Auch wenn die gegenseitige Zuneigung nie erloschen ist, so ein Mann mit Charakter ist eben auch ein rechter Bullerballer und Dickkopf. Hinzpeter führt seine Familie wie auch die Mitarbeiter seiner Backstube mit strenger Hand – meint er, denn in Wirklichkeit hat seine Mutter Dora immer noch das Zepter in der Hand und lenkt klug die Geschicke der Familie. Die Strenge des Vaters bekommt auch Tochter Gisela zu spüren, von der er erwartet, dass sie zum Erhalt der Bäcker-Dynastie einen Mann vom Fach ehelicht. Bäckergeselle Karl Kroepelin hat ein Auge auf die hübsche Gisela geworfen. Leider hat sie nur Augen für den feschen Finanzbeamten Detlef Düwel, der dummerweise zur Finanzprüfung ins Haus schneit und damit wenig Sympathie bei Heinrich Hintzpeter erweckt. Als sich der lang verschollene Bruder aus Amerika zu Doras 90. Geburtstag anmeldet, scheint die Verwirrung perfekt…!

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Klug hat Regisseur Michael Koch das Stück in Maßen aktualisiert und in die 70er Jahre transferiert. Mehr Aktualität wäre dem Stück auch nicht gut bekommen: Heutzutage ist die Schwangerschaft einer unehelichen Frau kein gesellschaftliches Tabu mehr, und Töchter lassen sich nicht vorschreiben, wen sie zu heiraten haben – Familiendynastie hin oder her. So zünden einige Gags auch nur im Hinblick auf die zeitliche Verankerung. Kochs Regie bleibt der Tradition treu, erfreut gleichzeitig mit der einen oder anderen Neudeutung der Rollen und lässt die Protagonisten so herrlich „menscheln“.

Das Ohnsorg-Theater war und ist ein Garant dafür, das wunderbare Volksschauspieler*innen auf der Bühne stehen. Till Huster als „Mann mit Charakter“ grantelt und bärbeißt, lässt unter der rauen Schale aber immer eine Portion Gefühl durchblitzen. Beate Kiupel als Selma leistet sich charmante Auftritte, verteidigt ihre Tochter gluckenhaft, während sie ihrem Ex-Gatten unterhaltsam die Stirn bietet. Eileen Weidel als hübsche Tochter Gisela darf – ganz Kind der 70er – deutlich frecher und selbstbewusster als ihre Rollenvorgängerinnen sein und erfreut mit frischem Spiel. Der Detlef Düwel von Christian Richard Bauer ist ein sympathischer Charmebolzen mit Schalk im Nacken, der sich vom Familien-Patriarch nicht einschüchtern lässt. Robert Eder schafft es, die Figur des Karl Kroepelin nicht zur Karikatur verkommen zu lassen. Lara-Maria Wichels sorgt als Bäckerlehrling Peter für frischen Wind auf der Bühne, und Manfred Bettinger gibt den verschollenen Bruder Fritz Hintzpeter als bigotten Langeweiler.

Gerade in der heutigen Zeit brauchen wir (brauche ich) ein klein wenig „heile Welt“, in der Herzlichkeit, Familiensinn, das aufeinander Achten und füreinander Dasein im Mittelpunkt steht. Volkstheater im besten Sinne sozusagen…! Während das Boulevardtheater die Komik aus der Übertreibung schöpft, zieht das Volkstheater den Humor aus der scheinbaren Alltäglichkeit und lotet hier die Grenzen der Glaubhaftigkeit aus. Da wird umarmt und gebusselt, der Partnerin ein Haar aus dem Gesicht gestrichen oder dem Partner ein krummer Kragen gerade gerückt – so ganz nebenbei und unaufgeregt, so wie wir es im echten Leben auch tun würden. Die Schauspieler*innen agieren in den stimmigen Kostümen der 70er und in einem wunderschönen Bühnenbild, das mit Liebe zum Detail begeistert: Bei entsprechender Beleuchtung gibt die Rückwand der Wohnstube den Blick in das Ladenlokal der Bäckerei Hintzpeter frei. Das Ohnsorg-Theater ist Volkstheater durch und durch – egal ob mit Wilfried Wroost, William Shakespeare oder Siegried Lenz, egal ob bei Lustspiel, Broadway-Musical oder Klassiker. Denn all dies findet der Zuschauer bei diesem modernen Mundart-Theater.

Dreh- und Angelpunkt dieser Inszenierung ist die wunderbare Heidi Mahler als Dora Hinzpeter: ein überreiches Talent wurde ihr in die Wiege gelegt. Doch der Schatten einer hochtalentierten und über alle Maßen beliebten Mutter kann auch erdrückend sein (Zu Beginn des Stücks schaut die Mütter beinah übermächtig von der Leinwand.). Vielleicht bietet sich ein Vergleich der beiden Heidis an – besonders bei Rollen, die beide verkörpert haben. Vielleicht drängt sich die Erinnerung an die ältere Heidi neben dem Spiel der jüngeren Heidi. Vielleicht…! Nein, kein „Vielleicht…!“. Heidi Mahler feierte in diesem Jahr ihren 75. Geburtstag, und steht seit über 55 Jahren auf der Bühne. Und so spielt sie die lebenskluge, schlagfertige Dora Hintzpeter anders als ihre Mutter aber nicht weniger „echt“. Und als großes Kompliment für Heide Mahler und dem gesamten Ensembles sei gesagt, dass sich während der gesamten Aufführung kein Gedanke an einen Vergleich in meinen „Bregen“ drängte.

„En Mann mit Charakter“ soll Heidi Mahlers letzte Premiere sein. Ich danke ihr von ganzem Herzen für das Übermaß an Freude, das sie in den vergangenen Jahren in mein Leben gebracht hat!

Foto Mirko Hannemann - public address

Am Premieren-Abend von „En Mann mit Charakter“ erhielt Heidi Mahler von Dr. Christian Breitzke, Vorstand des Vereins Niederdeutsche Bühne e.V. und Vorsitzender des Aufsichtsrats des Ohnsorg-Theaters die Ehrenmitgliedschaft des Ohnsorg-Theaters. Die Ehrenmitgliedschaft ist die höchste Auszeichnung, die das Ohnsorg-Theater zu vergeben hat. Sie würdigt herausragende Persönlichkeiten, deren Bedeutung für das Ohnsorg-Theater außergewöhnlich wichtig, richtungsweisend oder prägend ist. In der 117-jährigen Geschichte des Ohnsorg-Theaters wurde die Ehrenmitgliedschaft zuvor nur viermal verliehen: an Heidi Kabel, Hilde Sicks, Helmuth Kern und Christian Seeler.


Das Ohnsorg Theater spielt diesen plattdeutschen Klassiker nur noch bis Anfang Oktober und geht dann auf Tournee – vielleicht auch in Eurer Nähe.