[Rezension] Jan Ranft – Himbeerjoghurt mit Sahne

Was tun, wenn man von vornherein weiß, dass die Rezension, die man verfassen wird, äußerst „durchwachsen“ ausfallen wird? Warum schreibe ich dann trotzdem diese Rezension?

Weil hier ein Autor in vielerlei Weise etwas wagte: Jan Ranft hat viele Idee zusammengetragen und zu einer Anthologie gebündelt. Diese Anthologie wurde zudem von ihm überarbeitet, ergänzt und in Eigenregie veröffentlicht. Hochachtung!

Klingt gut! – und wann kommt nun das „Durchwachsene“? Jetzt!

Jan Ranft versammelt auf 256 Seiten satte 53 Geschichten – sehr kurze Geschichten, die eher wie Anekdoten, die sich Freunde beim Bier in der Kneipe erzählen, anmuten. So hätten den Geschichten „aus der Schwulenwelt“ 2 bis 3 Seiten „mehr“ sehr gut getan: Die Charakterisierung der Personen wäre dann vielleicht weniger oberflächlich und deutlich markanter und individueller ausgefallen. Zudem fehlten mir sowohl eine gewisse Qualität im sprachlichen Ausdruck als auch eine Kreativität in Stil und Sprachmelodie – aber vielleicht fehlten auch hierfür die schon erwähnten 2 bis 3 Seiten „mehr“.

Umso bedauerlicher, da Herr Ranft sehr gute Ideen hat, die es wert sind, mit mehr Aufmerksamkeit erzählt zu werden. Seine Geschichten decken eine enorme thematische Bandbreite ab – Liebesroman, Erotik, Coming-of-Age, Horror, (Schwarzer) Humor, Groteske und Ironie – und hätten das Potential, beim Leser richtig zu zünden. Vielleicht wäre die Hilfe eines Lektors hier von Nutzen gewesen.

Lieber Herr Ranft!

Sie haben so viel gewagt: Neben den schon genannten Punkten haben Sie sich zudem im Rahmen einer Buchverlosung dem Urteil eines selbsternannten Literatur-Kritikers gestellt. Hochachtung! Da haben Sie es mehr als verdient, dass ich mit allem nötigen Respekt ehrlich zu Ihnen bin.

Mit herzlichen Grüßen

Andreas Kück

erschienen bei Books on Demand/ ISBN: 978-3752832563

Ich danke dem Autor herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Jack London – Mord auf Bestellung

Ivan Dragomiloff hat ein sowohl außer- als auch ungewöhnliches Geschäftsmodel: Seine erfolgreiche Attentatsagentur beseitig unliebsame Mitmenschen sauber, zuverlässig und diskret nach äußerst ethischen und moralischen Kritikpunkten. Nur diejenigen Zeitgenossen, von deren Tod die Menschheit profitieren würde, finden ein vorzeitiges Ende. Der schwerreiche und integre Winter Hall stellt Dragomiloff eine Falle und beauftragt ihn, sich selbst ermorden zu lassen – nichtsahnend, dass er es mit dem Vater der reizenden Grunya zu tun hat. Ein Wettlauf mit der Zeit sowie kreuz und quer durch die amerikanischen Staaten beginnt…!

Zugegeben: Mit Jack London habe ich Werke wie „Wolfsblut“, „Seewolf“ und „Ruf der Wildnis“ assoziiert. Zudem waren meine Versuche, mich diesen Werken in meiner Jugend zu nähern, kläglich gescheitert: Ich empfand sie als schwülstig, langatmig und somit langweilig (Selbst ein Kartoffel zerdrückender Raimund Harmstorf konnte daran nichts ändern.),…

…35 Jahre später „stolpere“ ich nun über diesen Roman, der mich – zu meiner eigenen Überraschung – sehr begeistert hat. Jack London mixte hier aus einer Prise „James Bond“, einem Schuss „Edgar Wallace“ und einem Spritzer „Malteser Falke“ einen äußerst süffigen Cocktail. Besonders schmackhaft empfand ich die Beschreibungen vom Personal der Attentatsagentur: Hier tummeln sich nur hoch-gebildete Wissenschaftler und Gelehrte, die ihre Taten völlig rational rechtfertigen. Gerade die ausführlichen Dialoge und Gespräche dieser Männer zu Ethik und Moral sind sehr vergnüglich zu lesen, ließen mich beim Lesen mehrfach auflachen und waren in ihrer Argumentation so überzeugend, dass ich beinah versucht war, ihre Morde als ethisch vertretbar anzusehen.

London charakterisiert diese Männer durchweg sympathisch und sehr individuell und verhindert so ein Schubladendenken beim Leser: Es gibt kein Schwarz oder Weiß, kein Gut oder Böse…! Selbst der strahlende Held (Winter Hall) und seine liebreizende Angebetete (Grunya) sind irgendwann so tief in dieser Affäre verstrickt, dass die Mauer ihrer Moral zarte Risse bekommt. Am Ende siegt die Gewissheit, dass niemand von ihnen aus diesem Spiel als Sieger hervorgeht.

…eine äußerst erfreuliche Wiederbegegnung mit Jack London, die hoffentlich nicht meine einzige bleibt!

erschienen bei Penguin / ISBN: 978-3328103400

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE: Heute mal nicht…!

Montagsfrage (1)

Ihr Lieben!

Unsere rührige Fragestellerin hat es leider sommerlich grippal in die Horizontale gestreckt: Darum gibt es heute leider keine Montagsfrage. Meine Nachbarn werden sie vermissen…!

„Wieso deine Nachbarn?“ werdet Ihr sicher fragen. Ganz einfach: Gerne stoße ich nach dem ersten Lesen der Montagsfrage einen verzweifelten Schrei aus und verfluche mich, die Welt im Allgemeinen und die Fragestellerin im Besonderen. Dann raufe ich mir die Haare, weil ich felsenfest davon überzeugt bin, dass mir zu dieser Frage aber auch so gar nichts einfallen wird, nur um dann – spätestens nach einem kleinen Abstecher Richtung Bücherregale – ungebremst meine geistigen mehr oder weniger sinnigen Ergüsse aus mir heraus sprudeln zu lassen. Am Ende stelle ich fest, dass es doch gar nicht so schlimm war. Da es heute aber keine Montagsfrage gibt, gibt es auch keinen Schrei…!

Allerdings: Meine Nachbarn sind Menschen und somit Gewohnheitstiere, die sich einmal pro Woche an einer akustischen Emission aus meiner Richtung gewöhnt haben und darum die Montagsfrage aufgrund des Fehlens des Schreies vermissen werden. Wahrscheinlich brauchen meine Nachbarn meinen Schrei als Impuls, um nach einem geruhsamen Wochenende beschwingt in eine neue Woche zu starten. Ein Fehlen dieses Schreies könnte zu Verwirrung und Fehlverhalten in der Nachbarschaft führen. Kann ich dies verantworten? Nein!

Darum werde ich mich jetzt ans Fenster stellen und völlig sinnbefreit einen Schrei ausstoßen…!

Aaaaaaaaaarrrrrrrrrrrrrrrrrrrhhhhhhhhh!!!!!!!!!

Hach, das tat gut! Was tut man nicht alles für eine gute Nachbarschaft!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv könnt Ihr gerne nochmals nachlesen, welche Fragen mich zum Schreien verleitet haben. Viel Spaß!

Lieben Gruß

Andreas

P.S.: Liebe Antonia! Ich wünsche Dir gute Besserung und freue mich – ob mit oder ohne Schrei – auf Deine nächsten Montagsfragen.

[Rezension] Mia Cassany – Wildnis: Wo seltene Tiere und Pflanzen zuhause sind/ mit Illustrationen von Marcos Navarro

In diesem Fall habe ich einen absoluten Fachmann zu Rate gezogen, der dieses Buch auf „Herz und Nieren“ geprüft hat.

Das liebste Patenkind der Welt (3½ Jahre alt) ist ein Fan von Tierbüchern: Auf einem großen Bücherflohmarkt im letzten Jahr stand er (gefühlt) nur 3 Minuten bei den Kinderbüchern, um dann 15 Minuten in der Naturkundeabteilung konzentriert in einem Tieratlas zu blättern. Wer könnte somit besser über dieses Buch urteilen, wenn nicht er?

Sein Urteil war eindeutig: SEHR GUT!

Auf 16 doppelseitigen Farbtafeln zaubert Illustrator Marcos Navarro die Vielfalt und Farbenpracht der Flora und Fauna unserer Erde, und verzaubert mit seinen bezaubernden Bildern die Betrachter: Er zeigt die Tiere und Pflanzen kindgerecht aber ohne sie zu verniedlichen. Zusammen mit Texterin Mia Cassany, die zu den jeweiligen Lebensräumen kurze Beschreibungen beisteuert, umspannt er den Erdball in einem weiten Bogen, beginnend bei den Rainbow Falls auf Hawaii über den tropischen Regenwald von Honduras zum Nationalpark Kahuzi-Biéga im Kongo, um die Reise im Daintree Nationalpark in Australien zu beenden.

Seine Bilder sind wunderbar farbenfroh und harmonisch, dabei spannend anzuschauen und durchaus detailreich. So kann der Betrachter einem Wimmelbuch gleich sich auf die Suche der Tiere machen und Seite für Seite die Anzahl der jeweiligen Art sammeln. Die Lösungen gibt es am Ende dieses Bilder-Buches zusammen mit Kurzbeschreibungen ausgesuchter Tiere und den korrekten Namen aller Tiere. Um zu erfahren, wo sich welche Naturlandschaft findet, wurde diesem Buch eine Weltkarte vorangestellt.

So werden die Kinder spielerisch und phantasievoll für seltene Lebensräume und vom Aussterben bedrohte Tierarten sensibilisiert.

Hier ist ein außergewöhnliches Sach- und Wimmel-Buch entstanden, dass dem liebsten Patenkind der Welt und seinem Patenonkel gleichermaßen Spaß bereitete.


erschienen bei Prestel/ ISBN: 978-3791373843

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Noch ein Gedicht…] Joachim Ringelnatz – REKLAME

Ich wollte von gar nichts wissen.
Da habe ich eine Reklame erblickt,
Die hat mich in die Augen gezwickt
Und ins Gedächtnis gebissen.

Sie predigte mir von früh bis spät
Laut öffentlich wie im stillen
Von der vorzüglichen Qualität
Gewisser Bettnässer-Pillen.

Ich sagte: „Mag sein!
Doch für mich nicht! Nein, nein!
Mein Bett und mein
Gewissen sind rein!“

Doch sie lief weiter hinter mir her.
Sie folgte mir bis an die Brille.
Sie kam mir aus jedem Journal in die Quer
Und säuselte: „Bettnässer-Pille“.

Sie war bald rosa, bald lieblich grün.
Sie sprach in Reimen von Dichtern.
Sie fuhr in der Trambahn und kletterte kühn
Nachts auf die Dächer mit Lichtern.

Und weil sie so zähe und künstlerisch
Blieb, war ich ihr endlich zu Willen.
Es liegen auf meinem Frühstückstisch
Nun täglich zwei Bettnässer-Pillen.

Die isst meine Frau als ‚Entfettungsbonbon‘.
Ich habe die Frau belogen.
Ein holder Frieden ist in den Salon
Meiner Seele eingezogen.

Joachim Ringelnatz

Heute ist…

…INTERNATIONALER TAG GEGEN HOMOPHOBIE

Traurig genug, dass es immer noch einen internationalen Tag geben muss, um auf die Rechte gleichgeschlechtlich liebender Menschen hinzuweisen. Aber wenn ich mir die weltweite Entwicklung ansehe, ist dieser Tag nach wie vor wichtig und richtig,…

…und auch hier im eigenen Land fordert die rechte Fraktion unter ihrer lesbischen „Führerin“ (Finde den Fehler!) härtere Sanktionen gegenüber Schwule und Lesben.

Ja, ich bin schwul! Es ist aber nur ein einzelnes Teil meiner Persönlichkeit – ein nicht unwichtiges Teil aber auch nur eines von vielen. Die Mischung meiner Teile machen meine Persönlichkeit aus. Ich bin nicht nur das eine oder das andere: Ich bin so wie ich bin! Und ich kann nichts dafür! Ich habe nichts dazu beigetragen, dass dies so ist!

Manchmal beschleicht mich der Eindruck, dass konservativ-denkende Mitmenschen der Meinung sind, es wäre eine bewusste Entscheidung gewesen. Nein! – Das war es ganz sicher nicht! Ich bin nicht morgens aufgewacht und habe gedacht „Hach! So´ n schöner Tag! Was mache ich mal heute? Zuerst mähe ich den Rasen, danach kaufe ich Katzenfutter ein, und dann werde ich mal schwul!“

Ja, ich bin schwul und witzig und pedantisch und loyal und vorlaut und respektvoll und neugierig und hoffentlich auch ein guter Mensch: Ich bin so wie ich bin! Wozu die Aufregung? Ich tue niemanden damit weh! Ich nehme niemanden etwas weg!

So habe ich die – schon beinah paranoid wirkende – Aufregung rund um „Ehe für alle“ nicht verstanden: Von einer „Bedrohung der traditionellen Ehe“ wurde gesprochen oder befürchtet „bald dürfen auch Geschwister heiraten“ und dazu wurde die Bibel rauf und runter zitiert. (Apropos Bibel: Da ich mich nicht selbst schwul „gemacht“ habe, muss es wohl das Werk einer höheren Instanz sein.)

Aber was war denn konkret passiert? Homosexuellen Menschen wurde ein – wie ich finde – Menschenrecht zugesprochen, das heterosexuelle Menschen seit Jahrhunderten ganz selbstverständlich in Anspruch nehmen (könnten). Ich erinnere mich noch an meinen damaligen Beitrag auf meinem Profil bei facebook:

30. Juni 2017 / 9.13 Uhr
Das Ergebnis der Auszählung ist da: Der Bundestag beschließt die Ehe für alle. Für die Gesetzesvorlage stimmten nach Worten von Parlamentspräsident Lammert 393 Abgeordnete bei 226 Gegenstimmen und vier Enthaltungen.

Ein historisches Ereignis…

…und ich hätte nicht gedacht, dass mich – nach 17 Jahren Beziehung incl. 9 Jahren „Eingetragene Lebenspartnerschaft“ – dies so emotional berührt, dass mir gerade Tränen über die Wangen laufen!

Heterosexuelle haben dadurch nichts weniger. Aber das Leben vieler gleichgeschlechtlich liebender Menschen wurde durch dieses Gesetz immens bereichert, und was soll überhaupt die Unterscheidung in homo- und heterosexuell, in „ihr“ und „wir“? Wir sind alle Menschen, Bürger, Brüder, Schwestern, Söhne, Töchter, Eltern, Freunde, Nachbarn…! Somit sind wir alle viel mehr als die Summe unserer Teile oder die bloße Reduzierung auf ein einzelnes Teil!

Es gibt leider weiterhin viel zu tun – im Großen wie im Kleinen, auf der großen politischen Bühne wie im kleinen privaten Umfeld. Ich gebe zu, dass wir nicht diejenige sind, die sich übermäßig politisch engagiert und bei Demos oder dem CSD teilnehmen. Mein Mann und ich sind einfach „nur“ sichtbar: Wir werden als Paar in unserer ländlich geprägten Stadt wahrgenommen und leben vor, dass wir eine Ehe führen wie Millionen andere Paare auch – mit Höhen und Tiefen, in guten wie in schlechten Zeiten aber vor allem mit Respekt und sehr viel Liebe!

Es gibt leider weiterhin viel zu tun – aber „wenn-schon, denn-schon“ mit Humor: Humor ist eine mächtige Waffe gegen Hass und Intoleranz,…

…und so sende ich Maren Kroymann, Markus Barth und Ralph Ruthe ein großes Dankeschön für diese wunderbaren Videos!!!

Schwul bei der Feuerwehr Tarmstedt:

 

Ehe für alle auf der Insel:

Die Bedrohung der traditionellen Ehe:

[Rezension] Eva Woska-Nimmervoll – Heinz und sein Herrl

Kennt Ihr das auch? Ihr lest ein Buch! Es ist wahrlich nicht schlecht, aber trotzdem…!?

So erging es mir mit „Heinz und sein Herrl“, das mich während der Lektüre immer wieder etwas ratlos innehalten lies. Nun sitze ich vor dem Computer-Bildschirm, starre auf die Tatstatur und versuche, eine Begründung dafür zu finden. Mehrfach habe ich hier schon betont, dass ich Bücher, die mir nicht gefallen, nicht bis zum Ende lese und somit auch keine Rezension darüber verfasse. Diesen Roman habe ich bis zum Ende gelesen! Also muss er mir gefallen haben! Irgendwie…!

Ich habe schlicht und ergreifend etwas anderes erwartet! Anhand der Ankündigung des Verlages habe ich eine witzige, leichte, doch schwarzhumorige Geschichte erwartet, die mich immer wieder vergnügt auflachen lässt. Dass meinen Erwartungen nicht entsprochen wurden, dafür kann ich erstmal weder der Autorin noch ihrer Geschichte einen Vorwurf machen.

„Auf halber Strecke“ empfand ich die Lebensentwürfe der Protagonisten weniger erheiternd als vielmehr deprimierend. Manchmal ertappte ich mich dabei, dass die Protagonisten mich merkwürdig unbeteiligt und somit ein Mitleiden und –fühlen nicht zuließen. Ich wollte dieses Werk schon unter der Rubrik „Falscher Roman zur falschen Zeit“ verbuchen, als plötzlich der Knoten platze.

Unversehens war sie da, die von mir so erhoffte Leichtigkeit: Nachdem ich meine Erwartungen „abgehakt“ und meine Enttäuschung überwunden hatte, konnte ich mit freiem Blick diesen Roman weiterlesen.

Hund Heinz lebt mit seinem Herrchen in einem Wiener Gemeindebau. Ihr Leben läuft in für sie sicheren, monotonen Bahnen, bis der unfreundliche Nachbar, der Heinz immer mit „Scheißköter“ beschimpft, nach einem Streit stürzt und später im Krankenhaus verstirbt. Heinz Herrchen macht sich große Vorwürfe, ob er nun am Tod des unfreundlichen Nachbarn die Schuld trägt und macht sich zum Zwecke der Selbstanzeige auf den Weg zur Polizei. Dabei wäre sein geruhsames Leben schon ohne diesen Vorfall gänzlich durcheinander, hatte er doch zufällig eine wunderbare Frau kennengelernt. Zu allem Überfluss flattert auch noch ein Erpresser-Schreiben in sein Mail-Postfach…!

Eva Woska-Nimmervolls Sprache ist locker, leicht und durchaus pointiert. Ihre Personen entsprechen so ganz und gar nicht dem gängigen Mainstream: Es sind Personen mit Ecken und Kanten, mit Problemen und „Zuständen“, nicht schön aber individuell und somit gezeichnet vom Leben. Nachdem der Knoten bei mir geplatzt war, nahm die Geschichte für mich an Fahrt auf und schenkte mir „mit einem Augenzwinkern“ ein kleines, feines Happy End.

Am Schluss waren „Heinz und sein Herrl“ und ich miteinander versöhnt, so dass ich ihm und mir eine gemeinsame zweite Chance zugestehe und den Roman nach einiger Zeit nochmals lesen werde – diesmal mit realistischen Erwartungen!

erschienen bei Kremayr & Scheriau/ ISBN: 978-3218011556

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #36: Tolle Bücher, starke Mütter – Welche Mutter in einem Buch ist dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Montagsfrage (1)

…und wieder schallt ein Schrei lautstark durch unser Haus: Ich schreie montags sehr gerne – besonders nachdem ich die Montagsfrage von Antonia gelesen habe und das Gefühl mich beschleicht, wieder völlig überfordert zu sein. So, zu Ende geschriene: Nun folgt mein obligatorischer Gang zum Bücherregal…!

Mütter! Mütter! Überall tummeln sich Mütter in der Literatur! Ich musste nur genau hinsehen:

In Astrid Lindgrens Werk spielen die Mütter eine immens wichtige Rolle. Natürlich stehen immer die starken Kinderfiguren im Mittelpunkt der Handlung, aber was wären sie ohne ihre Mütter…? Dabei drängen sie sich nie auf: Mit einer Selbstverständlichkeit nehmen sie die Rolle der Mutter ein – ohne Firlefanz und Brimbamborium, ohne große Worte – und stehen ihrer Frau. Ohne die bedingungslose Liebe seiner Mutter, die auch immer einen Blick hinter seine Taten wirft, würde Michel aus dem Schuppen nicht mehr rauskommen. Und Pelle konnte nur ausziehen, da er sich unbewusst dem Rückhalt seiner klugen Mutter sicher war, die ihn ziehen ließ, damit er seine ersten, kleinen Schritte zur Selbständigkeit machen konnte.

Auch Erich Kästner schuf besondere Mutter-Figuren. Bei „Pünktchen und Anton“ stellte er zwei Mütter-Typen nebeneinander: Auf der einen Seite haben wir Frau Pogge, die in erster Instanz von Beruf Direktors-Gattin ist und weder für ihren Mann noch für ihre Tochter Pünktchen viel Interesse aufbringt. Auf der anderen Seite haben wir Frau Gast, die Mutter von Anton, die sich trotz Krankheit und geringem Einkommen nicht unterkriegen lässt und auf ihren Anton stolz ist „wie Bolle“. Oder lasst uns einen Blick auf „Das doppelte Lottchen“ werfen: Welche große Trauer musste Frau Körner (geschiedene Palfy) über Jahre still ertragen, indem sie ein Kind ihrem geschiedenen Mann überlassen musste, ohne dass sie auch nur ein Wort darüber verlieren durfte. Und auch in Kästners  Erwachsenen-Werk „Drei Männer im Schnee“ taucht „am Rande“ eine Mutter-Figur auf: Frau Hagedorn, ihres Zeichens Mutter von einem der Männer im Schnee, hat es trotz Witwendasein und kleiner Rente geschafft, ihrem Sohn das Studium zu ermöglichen, das ihn zwar hochgebildet aber zur Zeit der Geschichte bedauerlicherweise auch ohne Anstellung sein ließ. Lässt sich diese patente Frau von diesem Umstand entmutigen? Nein! Stattdessen bietet sie in ihrer Wohnung Zimmer zur Untermiete an.

In Victor Hugos Epos „Die Elenden“ opfert sich die einfache Fabrikarbeiterin Fantine, um ihrer Tochter Cosette ein besseres Leben und somit eine vorteilhaftere Zukunft zu ermöglichen. Nachdem herauskommt, dass sie ein uneheliches Kind hat, verliert sie ihre Arbeit in der Fabrik. Um die Unterbringung ihrer Tochter bei den Wirtsleuten Thénardier zu finanzieren, verkauft sie erst ihr Amulett, dann Haar und Zähne und zum Schluss ihren Körper. Sie kämpft für ihre Tochter mit aller ihr zur Verfügung stehender Kraft bis zu ihrem Tod und stirbt ohne noch einmal ihr Kind in die Arme schließen zu können. Großes, zu Herzen gehendes Drama…!

Aber nicht nur die Mütter – ob nun in der Literatur oder im realen Leben – sind in der Verpflichtung, auf die Kinder zu achten:

Liebe Erwachsene dort draußen! Wir alle haben eine immense Verantwortung gegenüber unseren Kindern – egal ob als Eltern, Freunde, Verwandte, Nachbarn, Lehrer oder (wie in unserem Fall) als Paten. Wir alle legen den Grundstein für die Zukunft unserer Kinder. Wir alle nehmen Einfluss auf die Entwicklung unserer Kinder. Gebt Acht!

Astrid Lindgren hat es 1978 in ihrer Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels so treffend und wahr formuliert. Hier ein kleiner Auszug ihrer Rede:

Ein Kind, das von seinen Eltern liebevoll behandelt wird und das seine Eltern liebt, gewinnt dadurch ein liebevolles Verhältnis zu seiner Umwelt und bewahrt diese Grundeinstellung sein Leben lang. Und das ist auch dann gut, wenn das Kind später nicht zu denen gehört, die das Schicksal der Welt lenken. Sollte das Kind aber wider Erwarten eines Tages doch zu diesen Mächtigen gehören, dann ist es für uns alle ein Glück, wenn seinen Grundhaltung durch Liebe geprägt worden ist und nicht durch Gewalt. Auch künftige Staatsmänner und Politiker werden zu Charakteren geformt, noch bevor sie das fünfte Lebensjahr erreicht haben – das ist erschreckend, aber es ist wahr.

 Jenen aber, die jetzt so vernehmlich nach härterer Zucht und strafferen Zügeln rufen, möchte ich das erzählen, was mir einmal eine alte Dame berichtet hat. Sie war eine junge Mutter zu der Zeit, als man noch an diesen Bibelspruch glaubte, dieses „Wer die Rute schont, verdirbt den Knaben“.

 Im Grunde ihres Herzens glaubte sie wohl gar nicht daran, aber eines Tages hatte ihr kleiner Sohn etwas getan, wofür er ihrer Meinung nach eine Tracht Prügel verdient hatte, die erste in seinem Leben. Sie trug ihm auf, in den Garten zu gehen und selber nach einem Stock zu suchen, den er ihr dann bringen sollte. Der kleine Junge ging und blieb lange fort. Schließlich kam er weinend zurück und sagte: „Ich habe keinen Stock finden können, aber hier hast du einen Stein, den kannst du ja nach mir werfen.“

 Da aber fing auch die Mutter an zu weinen, denn plötzlich sah sie alles mit den Augen des Kindes. Das Kind musste gedacht haben, „Meine Mutter will mir wirklich weh tun, und das kann sie ja auch mit einem Stein.“

 Sie nahm ihren kleinen Sohn in die Arme, und beide weinten eine Weile gemeinsam. Dann legte sie den Stein auf ein Bord in der Küche, und dort blieb er liegen als ständige Mahnung an das Versprechen, das sie sich in dieser Stunde selber gegeben hatte: „NIEMALS GEWALT!“

Die komplette Rede findet Ihr hier!

Irgendwie habe ich jetzt einen Kloß im Hals: Woher kommt der nur? Ich glaube, ich koche mir erstmal einen Salbei-Tee. Prost!

…???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Oper] Astor Piazzolla – MARÍA DE BUENOS ÄIRES / Stadttheater Bremerhaven

Tango-Operita von Astor Piazzolla / Text von Horacio Ferrer / in Originalsprache

Premiere: 27. April 2019 / besuchte Vorstellung: 10. Mai 2019

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Ektoras Tartanis
Inszenierung: Sergei Vanaev / Ulrich Mokrusch
Choreographie: Sergei Vanaev

Bühne & Kostüme: Darko Petrovic


Kurz vor Vorstellungsbeginn tritt Juliane Piontek, leitende Dramaturgin am Haus, vor den Vorhang: Nein! Sie kann uns beruhigen! Niemand ist erkrankt! Es ist ihr nur ein Bedürfnis bei diesem besonderen Stück einige Worte vorweg zu sagen. Diese Tango Operita wird in der Originalsprache vorgetragen. Nun ist der Text von Horacio Ferrer so blumig, facettenreich und voller Metaphern, dass eine Übersetzung schier unmöglich scheint. Darum hat das Stadttheater Bremerhaven sich entschlossen auf die üblichen Texteinblendungen zu verzichten, dafür vor jedem Bild dessen Inhalt knapp wiederzugeben,…

…und diese Entscheidung war goldrichtig: Statt – mit der potentiellen Gefahr einer Genickstarre – zwischen Bühnengeschehen und Texteinblendung hin und her zu zwitschen, konzentrierten wir uns ganz auf die Musik und den Tanz…!

Ein Bandoneon wimmert, und El Duende erscheint, um die Geschichte von María zu erzählen. Mit seiner Stimme beschwört er die Geister der Vergangenheit herauf. María tritt auf und berichtet von ihrem Leben, ihrem Leiden und dem Tod. Sie war Heilige und Hure in den Gassen von Buenos Aires, wurde begehrt und verurteilt und hat im Elend ihrer Heimatstadt vergeblich ihr Glück gesucht. Selbst im Tod findet sie keine Ruhe, lebt als Schatten weiter und wird immer wieder von einem Payador besungen – bis sie den Ruf El Duendes erhört: Sie ist zur Wiedergeburt bereit!

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Eine Oper im herkömmlichen Sinn ist dieses Werk nicht: Wer die großen Arien und einen bombastischen Chor erwartet, wird enttäuscht werden – vielmehr tritt der Gesang zugunsten der Musik und des Tanzes zurück.

Hier findet sich die große Anziehungskraft dieses Werkes: Die Musik von Astor Piazzolla ist melancholisch, sehnsuchtsvoll und voller Leidenschaft, schwebt sanft dahin, um im nächsten Moment mit bombastischer Kraft zuzuschlagen. Der Tango wird zelebriert, zitiert und auch karikiert.

Auch wenn Benno Ifland (El Duende) und Vikrant Subramanian (Payador) hervorragend agierten, und Patrizia Häusermann (María) mit Stimme, Präsenz und tänzerischem Können beeindruckte, so waren die wahren Stars des Abend das vorzügliche Tango-Orchester unter der Leitung von Ektoras Tartanis und das wunder-wunderbare Ballett-Ensemble. Die Tänzerinnen und Tänzer zauberten in der Choreographie von Sergei Vanaev Atmosphäre herbei, setzen ihre Bewegungen zwischen Dramatik und Erotik ein und haben es wahrlich verdient, hier einzeln erwähnt zu werden: Lidia Melnikova, Alícia Navas Otero, Rena Somehara, Larissa Tritten, Ting-Yu Tsai, Edward Hookham, Volodymyr Fomenko, Ilario Frigione, Stefano Neri und Oleksandr Shyryayev.

Astor Piazzollas einzige Oper ist eine große Liebeserklärung an seine Heimatstadt Buenos Aires und eine Verbeugung vor dem Tango – dem Tanz, der Zärtlichkeit und Aggressivität, Hingabe und Arroganz, Lust und Schmerz in sich vereint.

Dem „kleinen“ Stadttheater Bremerhaven verdanken wir wieder einen aufregenden und inspirierenden Theaterabend.


MARÍA DE BUENOS AIRES wird ihr Publikum am Stadttheater Bremerhaven noch bis zum Ende der Spielzeit 2018/19 begeistern!

[Rezension] Birand Bingül – Der Hodscha und die Piepenkötter

Passend zu den anstehenden Wahlen am 26. Mai (Neben der Europawahl wird in einigen Bundesländern auch der Land- bzw. Kreistag gewählt.) habe ich einen etwas älteren Roman aus meinem Regal gekramt:

In einer mittelgroßen Stadt unserer Republik geschehen merkwürdige Dinge: Die Oberbürgermeisterin Frau Ursel Piepenkötter kämpft mit harten Bandagen um jede Stimme im Wahlkampf zu ihrer Wiederwahl, und der neue Vorsteher der islamischen Gemeinde Nuri Hodscha kämpft mit nicht minder harten Bandagen um die Bau-Genehmigung einer adäquaten Moschee für sich und seine Glaubensbrüder und -schwestern. Und schon liegen sich diese beiden Dickköpfe, beide von ihrer Mentalität her Alpha-Tiere, kräftig in den Haaren: Mal behält sie Oberwasser, mal hat er die Trümpfe in der Hand. Ein amüsanter, verbaler Schlagabtausch beginnt und steigert sich zunehmend zur spannenden Polit-Satire.

Hierbei scheuen die beiden Streithähne nicht davor zurück, ihre Kinder in ihre Machenschaften mit hineinzuziehen. Während sich zwischen Hülya, der Tochter von Nuri Hodscha, und Patrick, dem Sohn von Ursel Piepenkötter, eine scheue Liebesbeziehung anbahnt, sind die beiden ständig hin und her gerissen zwischen Loyalität zu ihrem jeweiligen Elternteil und Verwunderung bzw. Wut über so viel Unverstand – und zeigen dabei deutlich mehr Vernunft und Reife als ihre Eltern.

Birand Bingül schafft es ganz ausgezeichnet, glaubhafte Personen zu beschreiben, die sehr menschlich agieren. Hier gibt es nicht nur SCHWARZ und WEISS – sondern er kreiert die Personen in allen Fassetten, in allen Farbtönen des Lebens und ergreift dabei nie Partei (außer in seiner Ablehnung gegenüber radikale Islamisten und Rechtsradikale). Dabei nutzt der Autor auch die Einteilung der Kapitel, um dem Leser die zunehmende Spannung zu vermitteln, werden hier doch die noch verbleibenden Tage bis zur Wahl angegeben.

Beim Lesen musste ich immer wieder schmunzelnd feststellen, wie ähnlich sich diese beiden Kontrahenten sind und als Team mit Sicherheit unschlagbar wären.

Besonders amüsierten mich auch die Zwiegespräche Nuri Hodschas mit Allah, bei denen mir bestätigt wurde, was ich immer vermutet hatte: Allah ist mächtig, Allah ist weise, und (vor allem) Allah ist sehr modern und weltoffen. Und Allah darf diesen Roman auch schließen, indem er den Leser mit einer leichten Ahnung, dass wir vom Hodscha und von der Piepenkötter noch weiteres hören bzw. lesen werden, entlässt.

Übrigens: Personen und Handlung sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist natürlich rein zufällig – NATÜRLICH!


erschienen bei Rowohlt/ ISBN: 978-3862520152