[Rezension] Alison Green – WILLKOMMEN. Ein Buch über Freundschaft/ mit Illustrationen von Axel Scheffler

„Willkommenskultur“ – dieses Wort war im Zuge der (s.g.) Flüchtlingskrise in aller Munde. Doch was versteckt sich hinter diesem Wort? „Willkommenskultur“ beschreibt eine positive Einstellung und ein wertschätzendes Verhalten gegenüber Menschen, die in einem Land willkommen geheißen werden. Grundvoraussetzung für diese positive Einstellung sind Offenheit und Akzeptanz bei allen Beteiligten. Aber eine „Willkommenskultur“ spielt sich nicht nur auf der großen Weltbühne sondern auch im Kleinen, in meiner Gemeinde, in meiner Nachbarschaft, bei mir zuhause ab. Auch dort ist es wichtig, dass ich Menschen, die vielleicht nicht aus dem mir bekannten Erfahrungsraum stammen, mit Offenheit und Akzeptanz begegne, mit dem Wunsch, dass wir eine gute Zeit miteinander verbringen.

Wenn mich Fremdartiges ängstigt, dann hilft es, es besser kennenzulernen. Wir machen uns einander bekannt in der Hoffnung, dass aus Fremden Freunde werden. Dieses Verhalten kann nicht früh genug gefördert werden. Besonders Kinder sind da mit einer wunderbaren Neugier und einer bewundernswerten Unbefangenheit ausgestattet. Beides wird erst durch den Einfluss Erwachsener begrenzt. Dieses reizende Bilderbuch setzt dem ein Statement entgegen und feiert die große bunte Vielfalt.

Hier ist jeder herzlich willkommen – ob er klein ist oder groß, ob er flattert oder springt. Viele nette Tiere zeigen dir, was Freundschaft bedeutet und wie man andere willkommen heißt: zusammen spielen und lachen, genauso wie etwas miteinander zu teilen und sich nach einem Streit wieder vertragen. Manchmal reichen schon kleine Gesten, wie jemanden an die Pfote zu nehmen, damit sich jeder angenommen fühlt. Stell dir mal vor, alle in dieser Welt wären Freunde und jeder würde sich willkommen fühlen. Lasst uns alle mithelfen, damit das gelingt.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages bzw.
dem Klappentext des Buches entnommen!)


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Axel Scheffler – Illustrator vom allseits bekannten „Grüffelo“ – hat wieder zugeschlagen. Nun sind mir persönlich die Abenteuer des Grüffelos nicht bekannt. Vielmehr habe ich die Bekanntschaft mit Schefflers Bildern bei TAGEBUCH EINER KILLERKATZE und DIE FLÖHE IN DER OPER gemacht und empfand sie immer sehr stimmig zur Handlung.

Hier schuf er zum einfachen aber klaren und einfühlsamen Text von Alison Green eine drollige, farbenfrohe und abwechslungsreiche Tierschar, die einerseits die Besonderheiten der jeweiligen Art erkennen lässt, doch vielmehr die Gemeinsamkeiten hervorhebt. Diversität wird hier gefeiert und somit auch ein mit- und voneinander lernen. Der Fokus liegt deutlich darauf, was die Tiere vereint bzw. vereinen könnte, nicht auf das, was sie trennen würde.

So schuf Scheffler ein wunderbares Anschauungsmaterial für Kids, die vielleicht ähnliche Situationen wie die Tiere erleben, und dank dieses Buches spielerisch Möglichkeiten zum Handeln vermittelt bekommen.

Dieses Buch ist ein entzückendes Plädoyer für Toleranz und Respekt, die für mich die Grundlage für ein friedliches Miteinander sind. „Stell dir mal vor, die ganze Welt wäre wie dieses Buch – alle wären nett…“ steht im Buch geschrieben. Ja, das wäre schön, und die Kids hätten eine solche Welt so sehr verdient.

❤️🧡💛💚💙
Sorgen wir dafür, dass unsere Kinder
in einer regenbogenbunten Welt leben dürfen!
💙💚💛🧡❤️


erschienen bei Beltz & Gelberg / ISBN: 978-340775990 / in der Übersetzung von Adélie Scheffler und Axel Scheffler
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Winifred Watson – MISS PETTIGREWS GROSSER TAG

Sie war eine talentierte Schriftstellerin und sollte doch nur sechs Romane veröffentlichen, aus deren Mitte MISS PETTIGREWS GROSSER TAG wie ein funkelnder Diamant hervorsticht. Ihren ersten Roman schrieb sie aus einer inneren Not heraus, da sie fand, dass das, was ihr als Literatur zur Verfügung stand, nicht gut sei. Das könne sie besser, befand sie, und legte los. Glücklicherweise übte sie zu dem Zeitpunkt eine Tätigkeit aus, die sie eher unterforderte und viel Zeit bot. Sie selbst beschrieb es einmal so…

The person I worked for never gave me any work until the afternoon.
He told me to bring some knitting in. So I wrote the whole book in the office.“

Nach zwei eher ernsten Romanen, die beide im ländlichen Milieu spielten, war Winifred Watson nach Leichtigkeit. Doch von ihrer Idee zu MISS PETTIGREWS GROSSER TAG, wo die Leserschaft einer ältlichen Jungfer einen Tag lang auf ihrem Weg durch die Stadt folgen sollte, war der Verlag wenig überzeugt und noch weniger begeistert. Viel zu gut verkauften sich ihre bisherigen Bücher, und so forderte der Verlag von ihr weitere dramatische Geschichten vom Lande. Doch Watson brannte für ihre Idee, glaubte an deren Erfolg und handelte mit dem Verlag einen Deal aus: Dieser sollte MISS PETTIGREWS GROSSER TAG veröffentlichen, und sie würde ihn mit weiteren der so beliebten Dramen versorgen.

Wie Watson vorausgesagt hatte, wurde MISS PETTIGREWS GROSSER TAG direkt nach Erscheinen im Jahre 1938 ein großer Erfolg – zuerst im englischsprachigen Raum, dann in der jeweiligen Übersetzung auch in anderen Ländern.

London in den 1930er Jahren. Das Leben hat es nicht gut gemeint mit Miss Pettigrew: Als Gouvernante im mittleren Alter, ohne Mann und fast mittellos, hofft sie, dass ihre neue Anstellung ihr zumindest ein bescheidenes Auskommen bescheren wird. Aber statt von ihrer Agentur zu einer Familie mit einer Schar ungezogener Kinder geschickt zu werden, landet sie durch ein Missverständnis bei der Schauspielerin und Nachtclubsängerin Delysia LaFosse. Und ehe sie es sich versieht, ist Miss Pettigrew Teil der mondänen, aber chaotischen Welt von Miss LaFosse, in der es drei Männer gleichzeitig in Schach zu halten gilt. Nach anfänglicher Scheu macht sich die Gouvernante schließlich tatkräftig daran, Miss LaFosses Liebesleben in Ordnung zu bringen. Dabei taucht sie notgedrungen auch selbst in deren aufregende Welt aus Glamour, Flirts und galanten Gentlemen ein. So kommt es, dass sich auch Miss Pettigrews eigenes Leben innerhalb nur einen Tages für immer verändert…

(Inhaltsangabe dem Umschlag des Romans entnommen!)

Leichtigkeit: Dies war das erste, was mir bei meiner Lektüre in den Sinn kam. Ich seufzte und dachte bei mir „So ein schöner leichter Roman!“.

Watson taktete die Geschichte in sechszehn Kapitel bzw. Zeiträume innerhalb eines Tages. Da wurde auf die Sekunde genau Buch geführt, wann sich eine Situation veränderte und ein weiterer Zeitabschnitt begann. Dies führte dazu, dass ich scheinbar mühelos durch die Handlung flog, neugierig darauf, was unsere wunderbaren Heldinnen (Ja, die Damen stehen hier definitiv im Zentrum des Geschehens!) sonst noch Aufregendes erleben werde. Die Autorin schenkte uns in einem glamourösen Setting interessante wie verführerische Protagonist*innen, die einerseits Klischees bedienen und diese gleichzeitig widerlegen. Der gesamte Roman ist gespickt mit spritzig-witzigen Dialogen, die mich extrem erheitert haben. Wobei mich besonders die Dialoge im siebten Kapitel oder vielmehr des Zeitraums von 15:44 – 17:02 Uhr so sehr begeisterten, dass ich mir besagte Passage mehrmals selbst laut vorlas.

Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass dies – trotz allem Amüsement – auch die Geschichte einer Emanzipation ist, in der sich zwei gänzlich unterschiedliche Frauentypen solidarisieren und es wagen, aus dem gesellschaftlichen Korsett auszubrechen und sich verweigern, den ihnen von außen vorgegebenen Platz im sozialen Gefüge weiterhin auszufüllen. Auch täuscht der Humor nicht über die Missstände in der damaligen Gesellschaft hinweg: Abhängigkeit Bediensteter vom Dienstherrn, die Stellung der Frau innerhalb einer männlich dominierten Hierarchie und ihre manchmal fragwürdigen Möglichkeiten zum sozialen Aufstieg. Es ist präsent, doch nie erdrückend!

„So ein schöner leichter Roman!“ …und witzig, keck, frivol, romantisch und zauberhaft. Da verwundert es schon, dass er nicht bereits viel früher seinen Weg auf die große Leinwand fand.


erschienen bei Manhattan (Goldmann) / ISBN: 978-3442546619 / in der Übersetzung von Martina Tichy

[Rezension] Agatha Christie – EIN GEFÄHRLICHER GEGNER

Es war im Jahre 1922 – Hercule Poirot hatte wenige Jahre zuvor seine kleinen grauen Zellen erstmals angestrengt, und Miss Marples Stern am Krimihimmel sollte erst einige Jahre später erstrahlen – da schickte Agatha Christie zwei junge Menschen in die Welt, die die Kriminalliteratur zwar nicht revolutionieren sollten, dafür aber ein Kuriosum darstellten. Mit ihrem jugendlichen Elan und unkonventionellen Auftreten bildeten sie zudem einen attraktiven Gegenpart zum brillanten und pedantischen Hercule Poirot.

Unser Protagonisten-Paar Tommy und Tuppence kamen in nur vier Romanen und einer Anthologie zum Einsatz, die in dem Zeitraum eines halben Jahrhunderts erschienen. Dieser Umstand erscheint zunächst wenig spektakulär, doch jedes Mal waren sie um genau die Jahre gealtert, die seit ihrem letzten Erscheinen vergangen waren. Waren unsere Heldin und unser Held zu Beginn in ihren Zwanzigern und ihre Autorin somit Anfang 30, so alterten sie im Laufe der folgenden Romane höchst würdevoll gemeinsam. Auch ließ Christie die beiden genau in dem Jahr agieren, in dem der jeweilige Roman erschienen war. Somit durchlebte ich als Leser mit ihnen den gesellschaftlichen Wandel, der über diesen Zeitraum stattfand, ebenso, wie die physischen und psychischen Veränderungen, die das Älterwerden so mit sich bringt.

„Zwei junge Abenteurer zu mieten. Zu allem und überall einsatzbereit. Honorar muss stimmen. Kein vernünftiges Angebote wird abgelehnt.“ Mit dieser Anzeige suchen der vorsichtige Tommy und die unerschrockene Tuppence Arbeit. Sie müssen nicht lange auf ihren ersten Fall warten: Beim Untergang des Luxusschiffes RMS Lusitania sind hochsensible Regierungspapiere verloren gegangen. Parallel müssen die beiden auch die mysteriöse Jane Finn suchen. Mehrmals gerät das ungleiche Paar in Gefahr und stößt auf eine abgründige Verschwörung…

 (Inhaltsangabe dem Umschlag des Romans entnommen!)

Agatha Christie gelang es bereits mit ihrem zweiten Roman, einen Frauentypus zu etablieren, der damals weit entfernt vom gesellschaftlich erwarteten Bild einer Frau war und somit ein Novum darstellte. Mit Tuppence Cowley (spätere Beresford) tauchte eine sehr resolute, selbstbewusste junge Dame auf der Bildfläche auf, die – im besten Sinne der Worte – die Ärmel hochkrempelt und pragmatisch die Dinge selbst in die Hand nimmt, auch wenn sie dabei hin und wieder über das Ziel hinausschießt. Einen Mann akzeptiert sie an ihrer Seite höchstens dann, wenn dieser ihr auf Augenhöhe begegnet und sie als ebenbürtige Partnerin ansieht. Selbstgefällige Aufschneider, eitle Fatzken und sich selbst überschätzende Gockel können sie nicht beeindrucken – vielmehr lässt sie solche Typen des männlichen Geschlechts charmant abblitzen. Was sie braucht ist ein netter Kerl mit Substanz. Darum setzte Christie ihr mit Tommy Beresford einen jungen Mann vor ihr keckes Näschen, der das genaue Gegenteil von den bereits beschriebenen Typen war. Tommy ist zwar kein Beau aber absolut sympathisch. Dank seiner zurückhaltenden Art, wägt er erst ab, bevor er sich ins Getümmel stürzt. Trotzdem ist er kein Feigling: Wenn es benötigt wird, zeigt er Rückgrat und Courage und ist ein äußerst verlässlicher Partner.

Glaubhaft und detailliert fängt die Autorin das Zeitgeschehen nach dem ersten Weltkrieg ein und lässt auch die damaligen Nöte der (jungen) Menschen nicht unerwähnt. Dies gelingt ihr, ohne dass sie ins allzu dramatische abgleitet. Sie siedelte die Handlung zwischen Kriminalroman und Spionage-Thriller an, die sie mit einigen, in die Irre führenden Wendungen spickte und so eine spannende Unterhaltung garantierte – zumal sie es grandios verstand, die Leserschaft im Dunkeln tappen zu lassen, da sie die Identitäten der Täter gekonnt verschleierte. Die kessen Dialoge zwischen Tommy und Tuppence erinnerten mich an den verbalen Schlagabtausch zwischen Nick und Nora in den „Der dünne Mann“-Verfilmungen, haben nach all den Jahren nichts von ihrer Frische eingebüßt und amüsierten mich famos.

Agatha Christie zeigte in EIN GEFÄHRLICHER GEGNER Tommy und Tuppence in der Blüte ihrer Jahre und legte so den literarischen Grundstein für zwei liebenswerte Figuren, die als PARTNERS IN CRIME nicht nur eine außergewöhnliche Partnerschaft sondern auch eine lebenslange Liebe miteinander verbinden sollten.


erschienen bei Atlantik / ISBN: 978-3455651355 / in der Übersetzung von Giovanni und Ditte Bandini
ebenfalls erschienen als Hörbuch bei Der Hörverlag / ISBN: 978-3867178457

[Rezension] Kate Atkinson – NACHT ÜBER SOHO

Die 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts üben überall und allerorten bei vielen von uns eine magnetisierende Faszination aus. Woran mag es liegen? Die Gründe sind vielfältig. Vielleicht liegt es daran, dass auch wir uns in den 20ern unseres Jahrhunderts befinden, uns etlichen Problemen stellen müssen und darum einen vergleichenden Blick auf das letzte Jahrhundert werfen. Wie haben die Menschen der Vergangenheit Herausforderungen gemeistert?! Auch damals war es eine unsichere Zeit: Der erste Weltkrieg war lange noch nicht vergessen und sorgte dafür, dass die Menschen ihren Lebensrhythmus neu finden mussten. Eine unbändige Lust am Leben war spürbar, die auch mit einer lockeren Moralvorstellung einherkam. Das Bild der Frauen veränderte sich, da sie in den Kriegsjahren gezeigt hatten, dass sie nicht nur zu „Kinder, Küche, Kirche“ befähigt sind. Über all dem lag der Glanz von Luxus, Reichtum, Glamour und dem Versprechen, dass alles möglich wäre – doch es war ein trügerischer Glanz…

England 1926: In einem Land, das sich noch immer vom Ersten Weltkrieg erholt, ist London zum Mittelpunkt eines neuen, ausgelassenen Nachtlebens geworden. In den Clubs von Soho tummeln sich Adelige neben Starlets, Prinzen neben Gangstern, und Mädchen verkaufen Tänze für einen Schilling. Im Zentrum dieser glitzernden Welt steht die berüchtigte Nellie Coker. Rücksichtslos und ehrgeizig kontrolliert sie die wichtigsten Clubs der Stadt. Doch der Erfolg schafft Feinde: Nellies Imperium wird von außen und von innen bedroht. Da sind ihre sechs Kinder, die alle eigene Ziele verfolgen, rivalisierende Straßengangs, ein Mafioso mit guten Manieren und schlechten Absichten Und da ist Inspektor John Frobisher. Seine Mission: herauszufinden, was mit den vielen Mädchen geschieht, die im Sohoer Nachtleben spurlos verschwinden. Mithilfe der jungen Bibliothekarin Gwendolen Kelling, die er in Nellies Clubs einschleust, beginnt er, der Königin von Soho das Leben schwer zu machen.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Kate Atkinson überzeugt in diesem Roman mit einer feinen Charakterisierung der Akteure, die niemals in ein plakatives Schwarz-Weiß-Zeichnen abdriftet, sondern die Personen sehr vielschichtig porträtiert. Selbst die unredlichsten Figuren versprühen so eine Menge Charisma, das dafür sorgte, dass ihnen meine Aufmerksamkeit stets sicher war. Aber auch die Held*innen wirken mit ihren ambivalenten Gefühlen und Gedanken nie eindimensional. Kate Atkinson gelang es, ihnen allen eine individuelle Biografie zu schenken, die durchaus als Begründung für ihr Handeln dienen konnte.

Auch die Dialoge sind bei der Autorin wohlüberlegt und genau gesetzt. Sie definieren die handelnden Personen sehr genau, offenbaren Schwächen und boten so manche Überraschung, da die Figuren Äußerungen tätigten, mit denen ich nicht gerechnet bzw. ihnen nicht zugetraut hätte. Ebenso genau fallen die Beschreibungen der Settings aus und zeugen von einer guten Beobachtungsgabe der Autorin.

Doch was nützen raffinierte Charaktere, wenn sie sich in einem luftleeren Raum aka einer spannungsarmen Handlung nicht entfalten dürfen. Dies ist bei Atkinson nicht zu befürchten: Hier ist nicht nur ein einziger großer Spannungsbogen für die Haupthandlung vorhanden. Vielmehr schuf die Autorin viele kleine Nebenhandlungen incl. eigner Spannungsbögen, die sich mal früher, mal später mit der Haupthandlung vereinen. Beinah wirkte es auf mich, als würden sich Stricke, die aus vielen unterschiedlichen Richtungen kommen, zu einem dicken Tau verweben, um dann – nach einiger Zeit – wieder in unterschiedlichen Richtungen auszufransen. Doch die einzelnen Stricke haben sich bei diesem Vorgang verändert: Manche haben sich aufgerieben, andere sind kompakter geworden. Im Falle unserer Protagonist*innen haben die Ereignisse sichtbare Spuren hinterlassen, die Einfluss auf ihre weitere Entwicklung nehmen werden.

Doch was ist dieser Roman nun schlussendlich? Gesellschaftsstudie, Sittengemälde oder Kriminalroman? Kate Atkinson schaffte es bravourös, alles miteinander zu verbinden. Genrezuweisung? Wer braucht schon eine Genrezuweise! Was ich lesen durfte, war ein ganz und gar fesselnder Roman, der mich in seiner Vielschichtigkeit vollumfänglich begeisterte.


erschienen bei Dumont / ISBN: 978-3755800156 / in der Übersetzung von Anette Grube
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Janice Hallett – DIE ENGEL VON ALPERTON. Der Teufel steckt im Detail

Autorin Janice Hallett kultivierte bei diesem Roman weiterhin ihren besonderen Stil beim Aufbau einer Geschichten, indem sie uns abermals – nach DIE AUFFÜHRUNG – aus der Fülle an modernen Kommunikationsmöglichkeiten eine bunten Strauß an Informationen band und uns diesen zur Begutachtung vorlegte. Da gab es viel zu entdecken und noch mehr zu beachten: Ausdrucke von E-Mails und Text-Nachrichten, Zeitungsausschnitte, Auszüge aus unveröffentlichten Romanen und Drehbüchern sowie Gesprächsprotokolle. Wie schnell könnte da ein wichtiges Detail überlesen werden? Denn – so sagte es schon der Untertitel – der Teufel steckte wahrlich im Detail, und gerade diese immense Menge an Details sorgte dafür, dass diese Geschichte so undurchschaubar erschien…

Die TrueCrimeAutorin Amanda Bailey weiß alles über den berüchtigten Fall der Engel von Alperton. Zahlreiche Bücher und Verfilmungen berichteten von der fanatischen Sekte, seit ihre Mitglieder vor achtzehn Jahren versuchten, ein Baby zu opfern, das sie für den Antichrist hielten. Mittlerweile scheint daher alles erzählt zu sein doch nun ist das „AlpertonBaby“ volljährig und könnte endlich interviewt werden. Amanda wittert ihre Chance auf einen echten Coup. Doch während sie immer tiefer in die Recherchen eintaucht, wird klar, dass in diesem Fall nichts ist, wie es scheint. Und dass die Geschichte der Engel von Alperton noch lange nicht vorbei ist.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Auch diesmal kann ich der Autorin nicht vorwerfen, dass sie mir mit dieser Lektüre keine spannenden Lese-Stunden geschenkt hätte. Es ist wahrlich erstaunlich, mit welcher Raffinesse sie mich mit jeder weiteren Mail, mit jedem weiteren Interview, mit jedem weiteren Protokoll in Richtung Wahrheit (Was ist schon Wahrheit?) lotste. Da las ich einen Auszug, der scheinbar aus einem Drehbuch stammte, fragte mich währen der Lektüre „Was soll das?“, bis dann langsam die Erkenntnis tröpfchenweise in mein Gehirn einsickerte und mich mit einem Aha-Effekt überrumpelte.

Ebenso erstaunlich war es für mich, dass sie es innerhalb des starren Korsetts der modernen Kommunikationsmöglichkeiten trotzdem schaffte, eine geheimnisvolle, beinah schon beängstigende Atmosphäre zu kreieren. Dabei traten die signifikanten Charaktereigenschaften der handelnden Personen deutlich hervor und ermöglichten es mir so, eine genaue Vorstellung der Figuren zu erhalten.

Das Ende der Geschichte überraschte durchaus, ließ mich allerdings auch sehr zwiespältig zurück. Da gab es zu viele dubiose Zufälle, zu viele nicht nachvollziehbare Wendungen. Beinah schien es mir, als müssten nun zwangsläufig für alle offenen Fragen die passenden Antworten gefunden werden – auch wenn dabei knapp an der Logik vorbeigeschrammt wurde.

Janice Hallett ist eine äußerst talentierte Autorin – das steht außer Frage. Doch leider verspüre ich nun, nachdem ich ihren dritten Roman gelesen habe, eine gewisse Sättigung in Bezug ihres Stils. Da würde ich mir wünschen, von ihr auch einmal einen Roman „im klassisch literarischen Sinne“ lesen zu dürfen. Wer weiß, vielleicht würde sie mich damit aufs Neue in Erstaunen versetzen.


erschienen bei Atrium / ISBN: 978-3855351978 / in der Übersetzung von Stefanie Kremer

ICH DANKE DER PRESSEAGENTUR POLITYCKI & PARTNER HERZLICH FÜR DAS ZUR VERFÜGUNG GESTELLTE LESEEXEMPLAR!

[Rezension] Georges Simenon – DER MÖRDER (Hörspiel)

Normalerweise bespreche ich eine Box mit Kriminalhörspiele komplett, nachdem ich mir CD für CD, Hörspiel für Hörspiel angehört habe. Da picke ich mir nicht nur ein einzelnes Hörspiel heraus und lasse die anderen Hörspiele ungehört links liegen. Normalerweise…! In diesem Fall bin ich ganz bewusst von dieser hehren Absicht abgewichen. Ich war auf der Suche nach Non-Maigret-Hörspiele und stolperte irgendwann über diese WDR PRIME CRIME-Hörspielbox mit 6 CDs – längst vergriffen und nur noch antiquarisch auf den bekannten Portalen äußerst günstig käuflich zu erwerben. Da griff ich zu.

Die Zusammenstellung der Box wirkte etwas kurios auf mich: Inmitten der anderen Autoren, die alle aus Deutschland stammten, nimmt hier Georges Simenon eine Sonderstellung ein. Er ist der Paradiesvogel, der mit der Bekanntheit seines Namens internationales Flair versprüht und somit vielleicht auch einen Kaufanreiz bei der potenziellen Kundschaft setzen sollte. Bei mir hatte diese Taktik bestens funktioniert.

Der Roman DER MÖRDER, das literarische Original zu diesem Hörspiel, hatte mir sehr gefallen. Insbesondere die Veränderungen, die der Täter wie auch sein soziales Umfeld durchlaufen, wurden von Georges Simenon anschaulich beschrieben. Der Autor erschuf eine bedrückende Atmosphäre und sorgte so für eine fesselnde Lektüre. Würde die Hörspiel-Adaption eben jene Atmosphäre ebenso wiedergeben können?

Hans Kuperus ist ein angesehener Arzt in einem niederländischen Städtchen. Was er nicht weiß, ist, dass seine Ehefrau Alice ihn betrügt, wenn er einmal wöchentlich nach Amsterdam fährt oder nachts wegen medizinischer Notfälle das gemeinsame Bett verlässt. Eines Tages erhält Kuperus einen anonymen Brief, in dem ihm davon berichtet wird. Er beschließt Alice und ihren Liebhaber, den stadtbekannten Schürzenjäger Graf de Schutter, zu ermorden. An einem Dienstag, wenn Kuperus sich normalerweise mit seinen Medizinkollegen trifft, lauert er den beiden auf, erschießt sie und versenkt die Leichen im Kanal, der anschließend zufriert. Um keinen Verdacht aufkommen zu lassen, meldet Kuperus seine Frau als vermisst, während er gleichzeitig, in sehr reueloser Manier, versucht die Position der getöteten Ehefrau Alice durch das Dienstmädchen Neel zu ersetzen. Als das Eis zu tauen beginnt, kann Kuperus sich eines Verdachts nicht mehr erwehren.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)


1 CD/ DER MÖRDER von Georges Simenon (1999)/ Hörspielbearbeitung & Regie: Walter Adler/ Übersetzung: Lothar Baier/ technische Realisierung: Thomas P. Sehringer & Matthias Fischenich/ mit Gerhard Garbers, Martin Reinke, Christiane von Poelnitz, Jele Brückner, Matthias Fuchs, Ernst August Schepmann, Susanne Barth, Hermann Lause, Herbert Schäfer, Pierre Siegenthaler u.a.


Nach ca. 50 Minuten war der „Spaß“ dann auch schon wieder vorbei. Der CD-Player war verstummt. Ich saß vor mich hin sinnierend in meinem Sessel und war mit dem, was ich gerade gehört hatte, irgendwie unzufrieden. Alle wohlwollenden Gründe zugunsten der Adaption hatte ich bereits in die Waagschale geworfen, und doch senkte sich die Negativ-Schale nur allzu deutlich. Doch was war es, das mich so unzufrieden sein ließ? Antwort: Die atmosphärische Dichte des Originals ging beim Hörspiel ebenso verloren, wie auch die psychologische Komponente außer Acht gelassen wurde.

Vielmehr erschien es mir wie ein „aufgehübschtes“ Hörbuch: Gerhard Garbers fiel als Erzähler der Hauptpart zu. Die restlichen Sprecher*innen sowie Musik und Geräusche wirkten eher wie Gimmicks, die eingefügt wurden, um die Aufnahme etwas aufzulockern. Somit hatten die Sprecher*innen auch kaum Möglichkeiten, um ein interessantes Rollenprofil zu erschaffen und so nachdrücklich auf sich aufmerksam zu machen.

Walter Adler bemühte sich in seiner Bearbeitung um einen ruhigen Erzählton, konnte aber die ambivalenten Gefühle, die sich bei den Protagonist*innen hinter der biederen Fassade der Gutbürgerlichkeit versteckten, nicht glaubhaft vermitteln. Auch ließ er oftmals eine Szene nahtlos an die vorherige Szene anknüpfen und sorgte bei mir für Verwirrung beim Zuhören, da ich (scheinbar) unwillkürlich auftauchende Stimmen nicht sofort zuordnen konnte. Erst nach einige Sekunden war ich wieder soweit orientiert, um mich dann in die Handlung wieder einzufinden. Hätte ich den Roman vorher nicht bereits gelesen, wäre mir dies deutlich schwerer gefallen.

So wirkte diese Hörspiel-Adaption eines Georges Simenon-Klassiker bedauerlicherweise sehr blutarm auf mich.


erschienen bei Random House Audio / ISBN: 978-3898302838
ebenfalls erschienen als Download bei DAV / ISBN: 978-3862316649 / als Teil der Hörspielbox Maigret & Co. Meisterhafte Fälle

[Rezension] Štěpán Zavřel – TRAUM VON VENEDIG

Venedig: bunt und lebhaft, melancholisch und morbide, weltoffen und voller Geheimnisse, zwischen Tradition und Moderne, Sehnsuchtsort vieler Hochzeitsreisender – dies alles (und noch so viel mehr) steht für die mythenumrankte Lagunenstadt an der Adria. Auch viele Literaten konnten sich ihrem Zauber nicht entziehen, schöpften aus ihr die Inspiration und wählten sie als Handlungsort für ihre Werke: Thomas Manns „Tragödie einer Entwürdigung“ gipfelte in TOD IN VENEDIG, Donna Leon schickt Commissario Brunetti seit VENEZIANISCHES FINALE stetig durch die Gassen dieser Stadt, und auch der berüchtigte Giacomo Casanova erlebte amouröse ABENTEUER IN VENEDIG.

Was hier so romantisch-harmlos klingt, birgt auch große Gefahren für die Stadt. Die Menschenmassen, die sich täglich touristisch über die Stadt ergießen, die großen Kreuzfahrtschiffe, die in einen Hafen einlaufen, der nicht für sie geschaffen ist, und zudem die zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels: Sie verändern das Leben in Venedig. Dies erkannte schon in den 70er Jahren der Künstler Štěpán Zavřel und schuf mit TRAUM VON VENEDIG ein phantasievolles Bilderbuch, das zum Träumen verführt aber auch einen ernsten Unterton besitzt.

Inspiriert von einem Bild, das Marco in der Schule gemalt hat, träumt er sich des Nachts in eine zauberhafte Welt: Seine Heimatstadt Venedig ist plötzlich gänzlich unter dem Meeresspiegel. Eine kleine Meerjungfrau lädt ihn ein, mit ihr gemeinsam durch die versunkene Stadt zu tauchen. Sie schwimmen vorbei an all den bekannten Gebäuden und Sehenswürdigkeiten, die nun im schemenhaften Licht, das sich durch das Wasser bricht, noch viel geheimnisvoller erscheinen. Doch das viele Wasser schadet zunehmend der Stadt, und es ist fraglich, wie lange diese Schönheit noch erhalten bleibt…!


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Bereits Ende der 60er Jahre hatte Štěpán Zavřel die Idee, mit dem Bohem-Verlag eine Institution zu gründen, die den Kindern durch Bilderbücher die Kunst näher bringen sollte. So ist dieses Buch sein kunstvolles Vermächtnis, die Kinder für die Schönheit Venedigs zu sensibilisieren, und gleichzeitig sein Appell, die Stadt zu schützen.

Seine Bilder sind alles andere als naturalistisch, vielmehr verstärken sie mit ihrem Stil die märchenhafte Komponente der Geschichte. Zwar ist Venedig mit den markanten Bauwerken klar wiederzuerkennen, doch sind die Formen schmeichelnd rundlich. In den Bildern fächert sich das Panorama der Stadt harmonisch vor den Augen der Betrachtenden auf. Ebenso harmonisch wählte Zavřel auch seine Farben: Sie wechseln nuancenreich von Blau zu Grün, von Gelb über Orange zu Rot. Mit helleren Farben setzte er gekonnt Akzente und deutete Lichtreflexe an. Wasserpflanzen umspielen wunderbar schwebend und fließend die Architektur der Stadt und lassen diese geheimnisvoll erscheinen. Die Gebäude wirken, als würden sie sich gemeinsam mit der Vegetation im Wasser sanft hin und her wiegen. Seine Kunstwerke sind (passend zum Titel des Buches) traumhaft schön.

Anlässlich des 20. Todestages von Štěpán Zavřel erschien im Jahre 2019 seine Hommage an diese außergewöhnliche Stadt in einer limitierten Sonderedition, die mich sowohl absolut beeindruckt wie auch ganz und gar begeistert hat.


erschienen bei Bohem / ISBN: 978-3855815753

[Rezension] Josephine Tey – WARTEN AUF DEN TOD

Angelehnt am Stil des klassischen „Whodunit“ gestaltete Josephine Tey dieses erste Auftreten ihres Ermittlers Inspector Alan Grant auf der literarischen Bühne. Dieser Kriminalroman, der im Jahre 1929 erschien, stand noch ganz unter dem Einfluss der rigiden Regeln des Detection Clubs. Im besagten Jahr versuchten Mitglieder des Detection Clubs mit ihren „Zehn Regeln für einen fairen Kriminalroman“, Richtlinien für den Kriminalroman aufzustellen. Diese Regeln wurden allerdings nicht von allen Mitgliedern des Clubs als seriös empfunden, teilweise wurden sie auch belächelt und für einen Scherz gehalten, und auch Tey selbst empfand sie als zu starr, zu einengend. Ihre Kriminalromane fallen dadurch auf, dass sie besagte Genreregeln bewusst brechen oder zumindest deren Grenzen ausreizen.

Ganz London, scheint es, steht vor dem Woffington-Theater Schlange. Nach zwei Jahren Spielzeit ist dies die letzte Woche von „Wussten Sie es nicht?“. Wer das legendäre Musical noch einmal sehen will, muss stundenlang vor der Theaterkasse ausharren. Als inmitten des Gedränges ein Mann ohnmächtig zusammensackt, weichen die Umstehenden erschrocken zurück: Aus seinem Rücken des Mannes ragt der Griff eines Dolchs. Der Unbekannte ist tot, heimtückisch erstochen in der Menschenmenge. Inspector Alan Grant von Scotland Yard, der mit den Ermittlungen beauftragt wird, sieht sich einer schier unlösbaren Aufgabe gegenüber: Nicht nur hat niemand der Anwesenden irgendetwas beobachtet, auch die Identität des Toten ist vollkommen unbekannt. Grant hält sich an die wenigen Indizien, die er hat – den altmodischen Typ des Dolchs, die Kleidungsstücke des Toten und die merkwürdige Mordmethode. Und er tut, was er am besten kann: Er nutzt die Kraft seiner Gedanken.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Schon in ihrem ersten Alan Grant-Roman zeigte sie alle Ingredienzien, die ich an ihrem Schreibstil so sehr schätze und lieben gelernt habe. Wieder staunte ich über den stringenten Aufbau der Geschichte, die intelligenten Dialogen und die schlüssigen Entwicklungen. Sehr detailreich lässt sie uns am inneren Monolog unseres Helden teilnehmen. Dabei schlägt sie bereits mit diesem Roman den „Zehn Regeln für einen fairen Kriminalroman“ ein Schnippchen: Der Verdächtige ist gefasst, und die Beweise sprechen deutlich dafür, dass nur er der Schuldige sein kann. Nun dürfte der Roman doch zufriedenstellend enden, oder?

Doch nein, denn da warteten locker noch weitere 70 Seiten auf mich als Leser. Verwundert blickte ich auf diese Menge an Papier, und mir schwante, dass das Ende nicht wie erhofft vorhersehbar sein würde. Da hatte ich durchaus so eine Ahnung, wer der wahre Täter (oder vielleicht auch: die wahre Täterin) sein könnte, und dann schlägt Tey auch mir ein Schnippchen, indem sie ein überraschendes aber alle Ungereimtheiten aufschlüsselndes Ende präsentiert. Grandios!

Val McDermid bezeichnete die Kriminalromane von Josephine Tey als das „Bindeglied zwischen den klassischen Detektivgeschichten des Golden Age und der Kriminalliteratur von heute.“. Indem sie immer wieder unkonventionelle Themen ansprach und mit festgefahrenen Lesegewohnheiten brach, hat sie ihren Kolleginnen wie z. Bsp. P.D. James und Patricia Highsmith den Teppich für deren kreative Schaffenskraft ausgerollt und den Weg geebnet, auch ungewöhnliche wie unbequeme Plots zu wagen.


erschienen bei OKTOPUS by Kampa / ISBN: 978-3311300557 / in der Übersetzung von Jochen Schimmang

[Rezension] Isabelle Bottier (nach Agatha Christie) – TOD AUF DEM NIL/ mit Illustrationen von Callixte

Voller Ungeduld hatte ich schon auf das Erscheinen dieser Graphic Novel gewartet: Nachdem mich das Team „Bottier & Callixte“ mit HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN bereits restlos überzeugen konnte, hatte ich meine Erwartungen entsprechend hoch angesetzt und wurde nicht enttäuscht.

Abermals war Isabelle Bottier so klug und orientierte sich bei ihrer Konzeption der Handlung nah am Original – so nah, dass mir die Kürzungen zwar auffielen, diese allerdings den Fluss der Geschichte nie behinderten bzw. aufgrund Unklarheiten bei mir Fragen aufwarfen. So blieben zwar die Beweggründe einiger Charaktere etwas nebulös im Verborgenen, doch diese Reduzierungen mit dem Fokus auf die Hauptcharaktere ist dem Umfang einer Graphic Novel geschuldet. Auch die Übersetzung durch Thomas Schöner möchte ich als gelungen bezeichnen. Die Dialoge, die er den Protagonist*innen in die Sprechblasen zauberte, wirkten auf mich nie sperrig oder unnatürlich. Und doch sind mir da ein paar kleine Fehler aufgefallen (siehe: „Backbord“ bzw. „Steuerbord“), die mich anfangs ein wenig irritierten. Ob die besagten Fehler nun bei der Übertragung ins Deutsche entstanden oder bereits im Original zu finden waren und unbedacht übernommen wurden, kann ich natürlich nicht beurteilen. Ihr Vorhandensein schmälerte nicht meine Freude an dieser spannenden Story.

Die schöne Millionenerbin Linnet Ridgeway heiratet den ehemaligen Verlobten ihrer Freundin Jacqueline de Bellefort, Simon Doyle. Während ihrer Hochzeitsreise in Ägypten werden sie beständig von Jacqueline verfolgt, die sich so an dem Paar rächen will. Linnet Doyle bittet Hercule Poirot um Hilfe, doch dieser fühlt sich außerstande die Situation zu entspannen. Selbst als das junge Ehepaar sich heimlich auf den Nildampfer Karnak begibt, ist Jacqueline de Bellefort bereits an Bord. Eines späten Abends – Linnet ist bereits zu Bett gegangen – zückt Jacqueline im betrunkenen Zustand und voller Eifersucht ihre Waffe und schießt Simon eine Kugel ins Bein, der bewegungsunfähig zusammenbricht. Er bittet die beiden Augenzeugen Mr. Fanthorp und Miss Robson darum, Jacqueline in ihrem hysterischen Zustand nicht allein zu lassen, da er befürchtet, sie könne sich etwas antun. Er selbst wird wenige Minuten später von dem mitreisenden Arzt Dr. Bessner in dessen Kabine versorgt. Am Morgen darauf wird Linnet Doyle erschossen in ihrer Kabine aufgefunden. Doch Jacqueline ist während der möglichen Tatzeit von einer Krankenschwester bewacht worden und kann den Mord somit nicht begangen haben. Und es soll nicht bei diesem einen Mord bleiben: Poirots Ermittlungskünste sind mehr denn je gefragt…!


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Auch Illustrator Callixte (alias Damien Schmitz) überzeugte mich mit seiner Kunst: Abermals schuf er für das Ensemble in dieser Geschichte höchst individuelle wie detailreiche Physiognomien, die es gar vortrefflich charakterisierten. Bei den älteren Damen ist er mir allerdings etwas über das Ziel hinausgeschossen und lässt sie beinah wie Karikaturen erscheinen. Voller prägnanter Details sind ebenso seine Settings: Er taucht diese gerne in die orange-rot-braune Farbpalette, die gelungen das Erdig-urwüchsige der ägyptischen Wüste wiederspiegelte.

Wann der Carlsen-Verlag weitere Christie-Klassiker im Gewand einer Graphic Novel veröffentlicht, das steht noch in den berühmt-berüchtigten Sternen. Doch eins ist sicher: Es bleibt spannend!


erschienen bei Carlsen / ISBN: 978-3551805829 / in der Übersetzung von Thomas Schöner
ebenfalls erschienen als Roman bei Atlantik / ISBN: 978-3455650020 und als Hörbuch bei DER HÖRVERLAG / ISBN: 978-3899407969 

[Rezension] FRÜHLING. Die schönsten Geschichten und Gedichte/ ausgewählt von Mareike von Landsberg

Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohl bekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.

…zitierte ich unlängst erst vor wenigen Tagen in meinem Beitrag zu LE NOZZE DE FIGARO aus dem Gedicht „Er ist’s“ von Eduard Mörike, das natürlich auch in dieser Anthologie mit Geschichten und Gedichte rund um den Frühling nicht fehlen darf.

Der Anaconda-Verlag hatte im vergangenen Jahr mit dem Untertitel „Geschichten und Gedichte“ eine kleine, feine Reihe gestartet: In jedem Buch versammeln sich besagte „Geschichten und Gedichte“ zu einem bestimmten Thema. Gestartet wurde mit GROSSELTERNJAHRE. Gemeinsam mit FRÜHLING erschien auch VOM GLÜCK, AUF’S MEER ZU SCHAUEN. GOLDENER HERBST und CHRISTIAN MORGENSTERN sind schon für die zweite Jahreshälfte angekündigt.

Und abermals wird der Verlag seinem guten Ruf gerecht, Weltliteratur auch für Leser*innen mit einem schmaleren Geldbeutel erschwinglich zu machen. In einfacher Ausstattung zwischen zwei Pappbuchdeckeln versteckt sich hier eine illustre Gruppe hochkarätiger Literatinnen und Literaten. Da finden sich – sowohl heitere wie auch melancholische – Ergüsse in Vers-Form u.a. von Wilhelm Busch, Annette von Droste-Hülshoff, Max Dauthendey, Paula Dehmel, Joseph von Eichendorf, Elisabeth Langgässer, Heinrich Heine, Joachim Ringelnatz, Ludwig Uhland, Else Lasker-Schüler und Rainer Maria Rilke.

Als Leser wurde ich erfreut mit Kurzgeschichten bzw. passenden Auszügen aus einem Roman z. Bsp. von Theodor Storm, Adalbert Stifter, Johann Wolfgang von Goethe („Wilhelm Meisters Lehrjahre“ und „Die Leiden des jungen Werther“), Stefan Zweig und Arthur Schnitzler.

Die jeweiligen Werke gruppieren sich unter eine der Rubriken „Vorfrühling“, „Das Wunder des Frühlings“, „Ostern“, „Der dunkle Frühling“ und „Frühlingsgefühle“, und erleichterten mir so das Finden der passenden Prosa bzw. Lyrik zum jeweiligen Anlass bzw. zu meiner persönlichen Gemütsverfassung.

Zudem verführte dieses Büchlein mich, es immer mal wieder in die Hand zu nehmen, um mal hier ein Gedicht zu lesen oder sich dort eine kleine Geschichte zu gönnen. Wobei die Gedichte deutlich in der Überzahl gegenüber den Geschichten sind, was für mich allerdings kein Nachteil darstellt. Vielmehr machte der FRÜHLING mich neugierig auf die weiteren Bände dieser Reihe.

Wer nun allerdings bei Anaconda die hippen, trendigen Poet*innen der aktuellen Literaturszene sucht, der hat leider das Prinzip des Verlages nicht verstanden.


erschienen bei anaconda / ISBN: 978-3730615102