[Konzert] Neujahrskonzert – LA VALSE / Philharmonisches Orchester Bremerhaven

Musik von Frédéric Chopin, Léo Delibes, George Gershwin, Charles Gounod, Aram Khachaturian, Emmerich Kálmán, Franz Lehár, Sergei Sergejewitsch Prokofjew, Giacomo Puccini, Maurice Ravel, Nino Rota, Johann Strauß Sohn, Pjotr Iljitsch Tschaikowsky und Guiseppe Verdi

Philharmonisches Orchester Bremerhaven

Premiere: 1. Januar 2024 / besuchte Vorstellung: 2. Januar 2024

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Davide Perniceni
MODERATION, GESANG & REZITATION
Victoria Kunze


Die letzten Böller sind (hoffentlich) gezündet, die letzten Raketen am Himmel verpufft. Das Neue Jahr ist da, zeigt sich momentan zwar von seiner nassen Seite, hat allerdings 12 Monate im Gepäck, die jede*r von uns ganz persönlich gestalten und somit das Beste daraus machen darf. Wir haben die Wahl…!

Bei strömenden, sturmartigen Regenfällen wählten wir den Weg nach Bremerhaven, ängstlich, ob die gewohnten Wege aufgrund des Hochwassers auch passierbar wären. Vom Parkhaus kämpften wir uns durch die feucht-kalte Stadt ins anheimelnde Foyer des Stadttheaters Bremerhaven. Uns würde bestimmt recht schnell wieder warm werden: Das Philharmonische Orchester Bremerhaven hatte zum Neujahrskonzert geladen und versprach mit LA VALSE / DER WALZER einen schwungvollen Abend, der uns sicherlich am Ende bestens gelaunt nach Hause treiben lassen würde.

Normalerweise sieht man die Mitglieder des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven dezent in schwarz-weiß gekleidet. Diesmal zeigten die Damen Farbe und erschienen in ihren eleganten Roben sehr individuell gewandet, während sogar die Herren zu ihren schwarzen Anzügen eine überraschende Vielfalt an Krawatten-Designs präsentierten. 😉

Der erste Kapellmeister Davide Perniceni hatte für dieses Konzert ein abwechslungsreiches, unterhaltsames aber auch überraschendes Programm zusammengestellt, das sich musikalisch über mehrere Epochen und Stile erstreckte. Doch diese bunte Auswahl sollten sowohl die Musiker*innen des Philharmonischen Orchesters wie auch ihr musikalischer Leiter spielend meistern können: Schließlich haben sie in der Vergangenheit schon in den diversen Genres des Musiktheaters ihre ausgeprägte Vielseitigkeit gezeigt und sollten auch diesmal wieder mit ihrem Können brillieren.

Das Konzert begann mit dem „Faust-Walzer“ aus der gleichnamigen Oper von Gounod, wo bei aller Walzerseligkeit die Tragödie schon musikalisch anklingt. Dafür erklang der Walzer aus der Ballett-Musik zu Delibes „Coppelia“ umso leichter und beschwingter. Weitere Kompositionen stammten von Frédéric Chopin („Grand Valse brillante“), Guiseppe Verdi/ Nino Rota („Gran Valzer Brillante“ aus „Il Gattopardo“) und Emmerich Kálmán („Ouvertüre“ aus „Die Csárdásfürstin“). Bei einem solchen Programm dürfen natürlich auch die Walzer aus Tschaikowskys „Schwanensee“ und aus der „Cinderella Suite“ von Prokofjew keinesfalls fehlen.

Eine wahre Entdeckung war für mich das titelgebende Stück „La Valse“ von Maurice Ravel, der den klassischen Walzer erst demontierte, um ihn dann neu zusammenzusetzen. Dabei wirkte es auf mich, als würde der Komponist den Walzer in Tausende von Splittern zerspringen lassen, um dann die Einzelteile alptraumartig wieder zusammenzufügen. Beim Anhören dieser Komposition wurden vor meinem inneren Auge eine Vielzahl an Bildern heraufbeschworen: Da sah ich „Nussknacker und Mäusekönig“ aus E.T.A. Hoffmanns Märchen miteinander im Duell, gefolgt von der beängstigenden Wendeltreppen-Szene aus Hitchcocks „Vertigo“ bis zu den vernichtenden Flammen auf Manderley aus Daphne du Mauriers „Rebecca“. Es ist erstaunlich, auf welche inneren Reisen das bloße Anhören von Musik uns schicken kann.

So ließ mich der Walzer aus der „Masquerade Suite“ von Aram Khachaturian an die Maskenball-Szene aus dem Film-Musical „An American in Paris“ denken. Doch spätestens beim „Kaiserwalzer“ von Johann Strauß Sohn sollte sich bei allen im Publikum Champagner-Laune eingestellt haben. Wobei: Mir würde auch ein spitziger Prosecco genügen, um mich in eine nicht weniger launige Stimmung versetzen zu lassen.

Victoria Kunze ist eine erste Sopranistin am Haus. Würde ich dies gegenüber Victoria äußern, würde sie mir sicherlich ins Wort fallen und widersprechen. Doch hätte sie mich mal ausreden lassen: Das Haus ist in der glücklichen Position, gleich zwei erst(klassig)e Sopranistinnen im Ensemble haben zu dürfen. Bei diesem Programm war sie nicht nur gesanglich gefragt, sondern „debütierte“ auch als reizende Moderatorin.

Zart und gefühlvoll sang sie Julias Arie „Je veux vivre“ aus Gounods Oper „Roméo et Juliette“. Frech-frivol ließ sie Musettas Walzer „Quando m’en vo’“ aus „La Bohème“ von Giacomo Puccini erklingen. Verführerisch schmachtete sie bei „Meine Lippen, sie küssen so heiß“ aus der Operette „Guidetta“ von Franz Lehár. Schmissig präsentierte sie mit „By Strauß“ die Hommage der Gershwin Brüder an die beiden Walzerkönige. Dieser Song erklingt übrigens auch in dem Film-Musical „An American in Paris“.

Zwischendrin verriet sie uns kurzweilig Hintergrundinformationen zu den jeweiligen Musikstücken, rezitierte amüsant Tucholsky oder gab witzige Anekdoten aus dem Hause Kunze zum Besten. Da berichtete sie von dem leidenschaftlich ausdiskutierten Walzer-Versuch ihrer Eltern und vom ersten Auftritt der kleinen Victoria an der Harfe, der beinah desaströs enden sollte (Ich glaube, ich hatte es hier bisher noch nicht erwähnt: Victoria Kunze ist nicht nur Opernsängerin sondern auch studierte Harfenistin und ausgebildete Musikpädagogin.). Charmant flirtete sie mit dem Publikum oder drohte Davide Perniceni, dass er im Laufe des Abends mit ihr gemeinsam das Tanzbein schwingen müsste.

Soweit sollte es schlussendlich (leider) nicht kommen. Allerdings rückte sie ihm bei der klassischen Neujahrskonzert-Zugabe, dem „Radetzky-Marsch“ dann doch auf die Pelle: Kurzerhand entwendete sie dem Herrn Dirigenten den Taktstock, schupste ihn spielerisch vom Pult, um höchstpersönlich bei den Damen und Herren des Orchesters den Schwung vorzugeben – frei nach dem Motto: Wer braucht schon einen ersten Kapellmeister, wenn eine erstklassige Sopranistin zur Stelle ist?!

Eines ist sicher: Zusammen mit ihrer Tanz-Combo werden das Duo Vicky & Dave im Showbusiness noch gaaanz groß rauskommen! 😆


Das Philharmonische Orchester Bremerhaven bietet in jeder Saison ein Vielzahl an abwechslungsreichen Konzerten: Ein Blick in das PROGRAMM lohnt sich sehr!

[Rezension] Nicholas Blake – Das Geheimnis der Silvesternacht

In nur wenigen Tagen feiern wir Silvester, verabschieden das alte Jahr und blicken voller Hoffnung ins Neue Jahr. Und mit dieser Rezension verabschiedet sich auch die Rubrik LEKTÜRE ZUM FEST von meinem Blog, um sich hoffentlich am Ende des kommenden Jahres wieder frisch und mit einer Fülle an Lese-Tipps zurückzumelden.

Diesen Roman – obwohl schon im September erschienen und seitdem vom Verlag mir als Leseexemplar zur Verfügung gestellt – habe ich Euch sehr bewusst bisher vorenthalten, um das Jahr 2023 wohlig mit einer klassischen Krimi-Lektüre zu beenden. Denn das Gefühl, beim Lesen wohlig umfangen zu werden, um so ein wenig Ablenkung von den Katastrophen auf dieser Welt zu finden, habe wir uns alle redlich verdient…!

Der legendäre Privatdetektiv Nigel Strangeways verbringt die Silvesternacht in einem stattlichen Herrenhaus aus dem achtzehnten Jahrhundert im ländlichen England. Doch während überall im Land die Menschen das neue Jahr einläuten, läuft ihm die Zeit davon – denn das Leben eines Kindes steht auf dem Spiel: Nigel Strangeways reist auf Bitte der britischen Regierung über die Weihnachtsferien ins verschneite Südengland, um den Professor Alfred Wragby und seine Familie zu schützen. Dem Physiker ist ein bedeutender wissenschaftlicher Durchbruch gelungen, und jemand ist hinter diesem streng geheimen Wissen her. Als Wragbys achtjährige Tochter Lucy auf ihrem morgendlichen Weg vom Gästehaus zum Briefkasten von russischen Agenten entführt wird, die den Professor erpressen wollen, findet sich Nigel in einem Wettlauf gegen die Zeit wieder, um das Mädchen zu finden und eine Tragödie zu verhindern.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Der Klett-Cotta Verlag schickt zum 4. Mal in Neuauflage einen der wunderbar unterhaltsamen Krimi-Schmöker aus der Feder von Nicholas Blake (Pseudonym für Cecil Day-Lewis) ins Rennen. Bei den Wieder-Veröffentlichungen geht der Verlag allerdings nicht chronologisch vor. Da alle Haupthandlungen in sich abgeschlossen sind, fällt dieser Umstand eher unwesentlich ins Gewicht und könnte somit vernachlässigt werden. Als aufmerksamer Leser interessiert mich allerdings auch die private (Weiter-)Entwicklung der Hauptpersonen einer Krimi-Reihe. So war ich etwas überrascht, dass die charmante Gattin unseres Helden, die ich in Das Geheimnis des Schneemanns kennenlernen durfte, hier mit keinem Wort erwähnt wird, und er stattdessen mit der aparten Clare Massinger liiert ist. Der Grund: Zwischen den Erst-Veröffentlichungen beider Werke liegen nicht nur satte 23 Jahre, sondern auch 7 weitere Romane, die wahrscheinlich Aufklärung geben könnten über den Verbleib der Ehefrau unseres stattlichen Helden Nigel Strangeways. Dies schmälert natürlich nicht meinen Genuss an dieser Kriminal-Story und darf auch nicht als Kritik an eben jener gesehen werden. Vielmehr geht dieser Hinweis in Richtung des Verlages mit der Bitte, sich bei den Wieder-Veröffentlichungen an der chronologischen Reihenfolge zu orientieren.

Ansonsten legte Blake abermals einen flott zu lesenden Krimi vor, der wieder eine handverlesene Zahl an Charaktere präsentiert, mit intelligenten und klug durchdachten Dialogen punktet, genügend unterhaltsame Verwicklungen bietet und ganz im Sinne der Entstehungszeit viel Zeitkolorit versprüht. Dabei schieben ihm die Anspielungen an den Kommunismus und dem kaltem Krieg einen Hauch in Richtung eines Spionage-Thrillers. Wobei der Autor wohltuend auf eine allzu plakative Schwarz-Weiß-Skizzierung der Figuren verzichtet, sondern vielmehr auf beiden Seiten sympathische wie auch durchaus weniger sympathische Personen agieren lässt. Zudem überraschte mich dieses Werk mit seiner fesselnden Spannung und einer eindrucksvollen Dramatik: Beides hatte ich in diesem Maße bisher in keinem der zuvor gelesenen Krimis des Autors wahrgenommen.

Im Mittelpunkt steht selbstverständlich der charismatische Nigel Strangeways, der abermals sehr facettenreich dargestellt wird. Auch wenn Blakes Kriminalromane von der „goldenen“ Epoche des Genres geprägt sind, so ist seine literarische Kreation weniger der Super-Schnüffler, dem alles gelingt und dem die Erfolge nur so zufliegen. Vielmehr muss auch Strangeways so manchen herben Rück- bzw. schmerzhaften Tiefschlag verkraften. Doch all dies macht ihn nur menschlicher und somit nahbarer.

Das nächste Abenteuer von Privatdetektiv Nigel Strangeways wurde vom Klett-Cotta Verlag schon für das Frühjahr des nächsten Jahres angekündigt: Und diesmal hüpfen wir in der Chronologie wieder zwei Schritte zurück…! 😉


erschienen bei Klett-Cotta / ISBN: 978-3608986952 / in der Übersetzung von Dorothee Merkel

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Noch ein Gedicht…] Herrmann Hesse – WEIHNACHTSABEND

Am dunklen Fenstern stand ich lang
Und schaute auf die weiße Stadt
Und horchte auf den Glockenklang,
Bis nun auch er versungen hat.

Nun blickt die stille reine Nacht
Traumhaft im kühlen Winterschein,
Vom bleichen Silbermond bewacht,
In meine Einsamkeit herein.

Weihnacht! – Ein tiefes Heimweh schreit
Aus meiner Brust und denkt mit Gram
An jene ferne, stille Zeit,
Da auch für mich die Weihnacht kam.

Seither voll dunkler Leidenschaft
Lief ich auf Erden kreuz und quer
In ruheloser Wanderschaft
nach Weisheit, Gold und Glück umher.

Nun rast‘ ich müde und besiegt
An meines letzten Weges Saum,
Und in der blauen Ferne liegt
Heimat und Jugend wie ein Traum.

Herrmann Hesse

[Rezension] Thomas Mann – Weihnachten bei den Buddenbrooks

Es gibt sie. Zumindest: Bei mir gibt es sie, diese besonderen Bücher. Diese besonderen literarischen Werke, vor denen ich so viel Respekt habe, dass ich mich bisher nicht traute, sie zu lesen. Und „Buddenbrooks. Verfall einer Familie“ von Thomas Mann gehört für mich dazu. Warum ich davor so viel Respekt habe? Ich weiß nicht. Ich kann es gar nicht so genau benennen. Es ist ein Gefühl!

Irgendwie umgibt diesem Roman ein elitärer Hauch von Hochkultur, von hoher Hochkultur, von erhabener Hochkultur – schließlich wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur geadelt. Was wäre, wenn er mir nicht gefällt? Ausgerechnet „Buddenbrooks“, dieses Bastion der deutschen Literatur, könnte mir nicht gefallen. Ich wäre schockiert!

Schließlich ist „Buddenbrooks“ unser Bollwerk gegen all den Schund, den der heimische Buchmarkt in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht hat. Da gab es Sarrazin, Pirinçci und der „neue deutsche Frauenromane“ – aber: Wir haben ja zum Glück auch „Buddenbrooks“, und der wiegt die enorme Papierverschwendung für alle absolut entbehrlichen „Sarrainçcis“ (!) wieder auf.

So kann und darf diese Rezension von „Weihnachten bei den Buddenbrooks“ als meine sukzessive Annäherung an das Gesamtwerk gesehen und verstanden werden. Und genauso wie dieser Auszug aus dem Zusammenhang der komplexen Geschichte herausfällt, so werde ich als Leser aus meiner Welt heraus in das Lübeck des 19. Jahrhunderts katapultiert. Es war mir, als hätte sich ein Fenster geöffnet, dass es mir erlaube, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Dabei waren mir weder die agierenden Personen bekannt, noch hatte ich eine Ahnung bzgl. der Zusammenhänge. Es schien, als öffnete sich ein Vorhang nur für einen gewissen Zeitraum, und mir würde ein kurzer Einblick in ein anderes Leben, in eine andere Epoche gewährt werden.

Da regiert die alte Frau Konsulin mit strenger Hand und gerechtem Sinn über Familie, Haushalt und Personal und zelebriert Weihnachten traditionell als opulentes Fest. Sie hat – wie in jedem Jahr – die Honoratioren der Stadt wie die nahen und ferneren Familienangehörigen geladen, und weder das Personal noch die Hausarmen wurden von ihr vergessen. Der Festsaal ist prunkvoll geschmückt, erstrahlt im Glanz des großen Christbaums und ist bereit für die Bescherung. In der Säulenhalle haben sich schon die Marien-Chorknaben versammelt, um andächtig „Tochter Zion, freue dich!“ zu intonieren. Hanno, der Enkel der Frau Konsulin ist schon ganz aufgeregt und kann es kaum bis zur Bescherung abwarten. Seit er die Oper „Fidelio“ im hiesigen Opernhaus sehen durfte, träumt er von einem eigenen, kleinen Puppentheater, und sein Wunsch soll sich erfüllen. Während des üppigen Mahls wird geplaudert, politisiert und Kontakte geknüpft. Alle bemühen sich zum Feste und vor den strengen Augen der Frau Konsulin, sich von der allerbesten Seite zu zeigen. Nur ihr Sohn Christian schlägt mal wieder über die Strenge und löst bei der Frau Konsulin ein empörtes Zucken der Augenbrauen aus. Doch Hanno ist dies gleichgültig: Er darf endlich an der Großen Tafel mit den Erwachsenen speisen. Später im Bett gleitet er hinüber in den Schlaf und träumt von seiner ersten Aufführung im eigenen Theater.

Beinah war mir so, als würde mich der Erzähler an die Hand nehmen und durch die Wirrungen dieses literarischen Weihnachtstages führen. Da machte es mir auch nichts aus, dass mir Personen nicht bekannt waren und mir bei einigen Bemerkungen und Gesprächen die Zusammenhänge fehlten. Vielmehr kam ich mir vor wie ein Geist, der unerkannt mal hierhin und mal dorthin huschte, hier ein Gespräch belauschte, dort neugierig bei den Vorbereitungen zuschaute. In dieser hochherrschaftlichen Welt der Lübecker Kaufleute voller Rituale und Etikette wird selbstverständlich auch das Weihnachtsfest mit Akribie vorbereitet. Es gilt den guten Ruf zu erhalten und den Einfluss in der Gesellschaft zu festigen. Einige Familienmitglieder suchen sich ihre Nischen, um diesem starren Korsett aus Erwartungen und Konventionen – wenigstens für eine kurze Zeit – zu entfliehen.

Doch gerade die Traditionen rund ums Weihnachtsfest, die mit Freude zelebriert werden, wirkten auf mich anheimelnd und stilvoll. Da gab es keine grellbunt-blinkende Lichterkette am Baum, da wurde der Punsch nicht aus Pappbechern geschlürft, und da wurden die Geschenke nicht am Amazonas bestellt. „Stil“ scheint in unserer heutigen Welt mehr und mehr auszusterben. Mit „der- oder diejenige hat Stil“ ist nicht nur das Tragen flotter Klamotten gemeint. Das Wort „Stil“ vereint in sich so viel mehr, u.a. Tugenden wie Respekt, Rücksichtnahme und Toleranz, die im zwischenmenschlichen Miteinander so wichtig und so wertvoll sind.

Wer von Euch nun – wie die Familie Buddenbrook – stilvoll speisen möchte, bekommt mit diesem bezaubernden Büchlein die Gelegenheit dazu an die Hand: Im Anhang gibt es alle Rezepte des Weihnachtsmenüs.

Mein Fazit: Ich würde mich sehr freuen, könnte ich der Familie Buddenbrook abermals einen Besuch abstatten! 🙃


erschienen bei Fischer / ISBN: 978-3596523245

[Rezension] Charles Dickens – Eine Weihnachtsgeschichte/ mit Illustrationen von Patrick James Lynch

Da war er wieder, der alte Miesepeter Ebenezer Scrooge, der nun schon auf dem Tag genau seit 180 Jahren immer wieder aus der Versenkung auftaucht. Auch bei mir war er schon häufiger zu Gast…!

Am 19. Dezember 1843 erschien erstmals diese Geschichte unter dem Original-Titel „A Christmas Carol“ mit dem Zusatz „in prose“ und „being a Ghost-Story of Christmas“ mit den Illustrationen von John Leech und sollte seinen Siegeszug rund um den Globus antreten.

Doch wer kennt sie nicht, die Geschichte vom griesgrämigen Geizkragen Ebenezer Scrooge, der am Weihnachtsabend Besuch vom Geist seines verstorbenen Geschäftspartners Jacob Marley erhält, um ihn zu warnen: Die Geister der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Weihnacht würden ihn heimsuchen, um ihm verschüttete Erinnerungen in den Sinn zu rufen und vergessene Empfindungen ins Herz zu pflanzen und ihm einen Blick in die Zukunft zu gewähren, um zu offenbaren, welche Auswirkungen sein bisheriges Verhalten haben könnte. So wartet Scrooge mit bangem Herzen auf die Ankunft der Geister, die ihn nacheinander – wie vorhergesagt – auf absonderlich-abenteuerliche Reisen durch Raum und Zeit mitnehmen, von denen er als geläuterter Mann zurückkehrt.

Erstausgabe von A CHRISTMAS CAROL von Charles Dickens mit Illustrationen von John Leech

Erstausgabe von A CHRISTMAS CAROL von Charles Dickens
mit Illustrationen von John Leech

Schon bei meiner ersten literarischen Begegnung mit Scrooge vor zwei Jahren, da unter dem Titel Ein Weihnachtsmärchen beim NordSüd-Verlag erschienen, öffnete sich mein Herz für diese anrührende Geschichte, und dies sollte sich nun beim erneuten Lesen wiederholen.

Wie in vielen seiner Werke prangert der große Menschenfreund auch in „Eine Weihnachtsgeschichte“ mit seinen sozialkritischen Tönen die damaligen Missstände im England des 19. Jahrhunderts an. Seine Held*innen stehen stellvertretend für ganze Bevölkerungsschichten, die so eine Stimme erhalten. Sie merken auf und rücken damit ihre Probleme in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Abermals traf mich Dickens Appell für mehr Menschlichkeit und ein friedvolles Miteinander mitten ins Herz. Satz für Satz las ich, und sie berührten meine Seele unverzüglich. Wieder verströmte diese wunderbare Geschichte ein Übermaß an Wärme und Charme, und wieder rührte sie mich während der Lektüre so sehr, dass ich Tränen nicht verhindern konnte – nicht verhindern wollte.


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Auch in diesem Fall wird die Geschichte gepaart mit ausdrucksstarken Illustrationen: Niemand geringerer wie der irische Künstlers Patrick James Lynch, der mich im letzten Jahr schon mit seinen Bildern zu O. Henrys Das Geschenk der Weisen begeistern konnte, schuf auch hierfür wundervolle Illustrationen.

Lynchs Kunstwerke sind von einer enormen atmosphärischen Dichte. Er versteht es einerseits den märchenhaften Aspekt kongenial zu treffen, andererseits erspart er den Betrachtenden auch nicht einen gemilderten Realismus in seiner Darstellung. Sehr detailreich lässt er das London der Vergangenheit ebenso wiederaufleben, wie er Scrooges Reisen mit den Geistern der Weihnacht einen beinah sphärischen Touch verleiht. Dabei hat er bei seiner Darstellung der Personen wieder sehr genau dem Inhalt der Geschichte gelauscht: Da stimmt jeder Blick, eine Geste, die Körperhaltung, einfach alles. Großartig!

Doch bedauerlicherweise wurde mein Enthusiasmus ein wenig gedämpft: Der Grund dafür lag nicht beim Künstler sondern vielmehr beim Verlag. Wenn ich die Bilder im Buch mit denen auf der Homepage des Künstlers vergleiche, lässt sich unschwer erkennen, dass leider viele der feinen Nuancen in den Bildern von P.J. Lynch aufgrund der schlechten Druckqualität verloren gegangen sind. Dieser Umstand ist nicht nur bedauerlich, sondern schlichtweg ärgerlich und dürfte einem so renommierten Verlag wie Cecilie Dressler nicht passieren. Da bleibt nur zu hoffen, dass sich der Verlag diesem Klassiker irgendwann bei einer Wiederauflage etwas wohlwollender annähert.

Momentan befindet sich eine aktuelle, natürlich ebenfalls illustrierte Fassung von Dickens „Eine Weihnachtsgeschichte“ auf einem Siegeszug durch die Literatur-Blogs. Das bisher Gesehene erschien mir recht vielversprechend: Ich glaube, ich werde es für LEKTÜRE ZUM FEST 2024 vormerken…! 😉


erschienen bei Dressler / ISBN: 978-3791528045 / in der Übersetzung von Curt Noch

[Rezension] P.D. James – Der Mistelzweig-Mord. Weihnachtliche Kriminalgeschichten

Die Beschriftung auf ihren Visitenkarten müsste beeindruckend gewesen sein, hätte sie dort ihren vollen Namen incl. Titel und Auszeichnungen verewigt:

Phyllis Dorothy James, Baroness James of Holland Park, OBE, FRSA, FRSL

Für ihre Fans war sie „nur“ P.D. James. Dabei hat sie zu Lebzeiten immer beteuert, dass sie mit diesem Kürzel nie vorgehabt hat, ihr Geschlecht zu leugnen. Vielmehr hätte sie ihren Vornamen auf P.D. verkürzt, weil es rätselhaft wirke und zudem auf dem Buchrücken so gut aussähe.

Im Jahre 1962 erschien ihr erster Roman mit dem Titel „Ein Spiel zuviel“ (im eng. Org.: „Cover Her Face“). Mit ihm erblickte gleichzeitig ein neuer Ermittler das Licht der literarischen Welt: Chief Inspector Adam Dalgliesh ist ein schweigsamer Kriminalist. Zudem hat der früh Verwitwete eine poetische Ader und schon einige Gedichtbände veröffentlicht. Schon der erste Fall zeigt in seinen Grundzügen viele Gemeinsamkeiten mit den klassischen „Whodunits“, die in der Zeit zwischen den Weltkriegen in Großbritannien so populär waren. Auch in zwei von den insgesamt vier Geschichten dieser Anthologie spielt Adam Dalgliesh eine Hauptrolle. Doch schön der Reihe nach…!

Schon mit der titelgebenden Geschichte für diese kleine Sammlung Krimi-Erzählungen gelang es P.D. James, mich zu ködern. Ich hatte vorher noch nichts von ihr gelesen – zumindest kann ich mich nicht darin erinnern. Und schon beim Lesen der ersten Geschichte „Der Mistelzweig-Mord“ fragte ich mich, wie dies möglich sein konnte. Wie konnte mir bisher diese talentierte Autorin von Kriminalromanen verborgen bleiben?

Sowohl bei „Der Mistelzweig-Mord“ als auch bei „Ein ganz banaler Mord“ wird die Handlung aus der Erinnerung einer Person geschildert, die einen mehr oder weniger schmerzhaften Blick in die Vergangen wagt und so die Geschichte durchaus sehr emotional und mit persönlicher Färbung wiedergibt. Beide Geschichten fesselten mich durch ihren raffinierten Aufbau, der langsamen Steigerung der Spannung und einem überraschenden Twist am Schluss.

In „Das Boxdale-Erbe“ und „Die zwölf Weihnachtsindizien“ kommt der schon eingangs erwähnte Chief Inspector Adam Dalgliesh zum Zuge. Dieser noble und zurückhaltende Ermittler konnte mich sofort für sich einnehmen. Auch diese Mini-Krimis überzeugten mich durch ihre klar gezeichneten Figuren und dem gut durchdachten Handlungsaufbau. Mit einem herrlich kuscheligen Gefühl ließ ich mich in die Handlungen fallen, die – wie aus der Zeit gefallen – auch von Agatha Christie oder Dorothy L. Sayers hätten stammen können. Doch dann tauchte plötzlich eine Formulierung oder ein zeittypisches Detail auf, und mir wurde bewusst, dass P.D. James erst ab den 60er Jahren literarisch aktiv war.

„Die Krimis spielen in der Gegenwart, sind aber so gotisch, dass es fast verwundert, wenn erwähnt wird, dass Frauen aus dem Figurenensemble die Pille nehmen.“ ist in Reclams Krimi-Lexikon zu lesen. Genau diese Erfahrung durfte auch ich erleben. Doch stellt dies für mich durchaus kein Kritikpunkt dar. Vielmehr hatte ich den Eindruck, dass es hier eine Autorin gab, die sich mit Respekt auf die Tugenden ihrer Vorgängerinnen besann, in ihren eigenen Werken diese mit aktuellen Gegebenheiten kombinierte und so für die Nachfolgenden den Weg in die Moderne ebnete.

Die beiden spannenden Appetizer mit Adam Dalgliesh waren so schmackhaft, dass ich „Ein Spiel zuviel“ bei der Buchhandlung meines Vertrauens bestellt und schon einen Tag später abgeholt habe. Es spricht somit nichts dagegen, dass ich meine flüchtige Bekanntschaft mit ihm weiter vertiefe. Ich freue mich schon darauf…!


erschienen bei Droemer / ISBN: 978-3426282175 / in der Übersetzung von Susanne Wallbaum und Christa E. Seibicke