
[Rezension] Curt Moreck – Ein Führer durch das lasterhafte Berlin: Das deutsche Babylon 1931
Da könnte ich beinah ein weiteres Kapitel zu meiner Rubrik LITERATEN IM FOKUS aufschlagen: Mit diesem Buch befreie ich ein weiteres Werk aus den Fängen meines SuB, das ich für meine kleine Retrospektive zu Christopher Isherwood vorgesehen hatte. Nach dem fiktiven bzw. biografisch geprägten Roman Leb wohl, Berlin werfen wir nun einen Blick auf das reale Babylon Berlin der damaligen Zeit.
Curt Moreck war nur eins von vielen Pseudonymen, die der Schauspieler, Autor und Journalist Konrad Haemmerling sich gab. Neben seiner Tätigkeit für div. Zeitungen schrieb er auch Romanen und Erzählungen und veröffentlichte in den 20er bis Anfang der 30er Jahre Werke zu kultur- und sittengeschichtlichen Themen. 1933 fielen seine Werke nationalsozialistischen Verboten zum Opfer.
Wenn ich diesem Stadtführer der frivolen Art Glauben schenken darf, dann war Berlin in den 30er Jahren der Nabel der vergnügungssüchtigen Welt. Wir begleiten Moreck auf einen Rundgang durch eine pulsierende und weltoffene Metropole, die Berlin damals vor der Machtergreifung der Nazis noch war. Hemmungslos konnte dort dem lüstern-lasterhaften Vergnügen gefrönt werden. Dabei schlägt der Autor einen journalistisch-respektvollen Grundton an und kommt so nie in Gefahr, bei seinen Beschreibungen ins Vulgäre abzudriften.
Vielmehr lässt er vor meinem inneren Auge eine Epoche wiederaufleben, die zum damaligen Zeitpunkt für Toleranz, Gleichheit und Emanzipation stand, und in der Menschen aller Couleur in einer friedvollen Koexistenz leben konnten. Er führt uns zu den „offiziellen“ ebenso wie zu den „halbseidenen“ Etablissements. So wandern wir von den Theatern zum Kabarett, verlustigen uns auf den Rummelplätzen, schauen in Varietés und Nachtclubs vorbei und stillen Durst und Hunger in einem der internationalen Restaurants. Es gab Clubs für Homosexuelle (männlich wie weiblich), Bars für Transvestiten und eine Vielzahl an erotischen Shows. Auch die Prostitution schien eine tolerable Art des Broterwerbs zu sein.
Durchaus spitzzüngig warnt er den naiven Besucher vor „Neppern, Schleppern, Bauernfängern“, die dem allzu unbedachten Touristen erst bereitwillig behilflich sind, das Portemonnaie von seiner Last zu befreien, um ihm dann auch noch das letzte leinene Hemd vom Leibe zu mopsen.
Abgerundet wird dieses Werk durch eine Vielzahl an Original-Fotos und –illustrationen, die einen authentischen Eindruck der damaligen Atmosphäre vermitteln.
Morecks Führer durch das lasterhafte Berlin verdeutlichte mir nochmals, warum diese Vergangenheit und besonders diese Stadt zum besagten Zeitraum auch noch heute so einen Reiz auf uns ausüben: Zwischen Glamour und Talmi, zwischen Edel-Etablissement und Kaschemme, zwischen großen Gefühlen und kleinen Dramen galt es – trotz aller Verherrlichung – immer noch als „die gute alte Zeit“.
erschienen bei btb/ ISBN: 978-3442719280
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!
Literarische Helden…

[Rezension] Christopher Isherwood – Leb wohl, Berlin/ illustrierte Ausgabe und Hörspiel
Vor Jahren begegnete mir Christopher Isherwoods Episodenroman „Leb wohl, Berlin“ zum ersten Mal: Damals entflammte meine Liebe zum Musical und ließ mich zu den Klassikern des Genres auch immer einen neugierigen Blick auf die literarischen Vorlagen werfen. Irgendwann spielte mir das Schicksal (oder der Zufall) diesen Roman abermals in die Hände. Mit dem Abstand der Jahre und mit einem gereifteren Blick hatte dieses Werk eine gänzlich andere Wirkung auf mich. Dieser Umstand veranlasste mich, eine Rezension zu verfassen, die am 17. August 2019 hier auf meinem Blog erschien. Schnell kam mir die Idee, diesen interessanten Autor im Rahmen meiner kleinen Reihe LITERATEN IM FOKUS wieder mehr Aufmerksamkeit zu gönnen.
Und so kündigte ich vollmundig im März 2020 die Retrospektive zu Christopher Isherwood für Oktober desselben Jahres an. Doch wie so oft im Leben kommt zuerst etwas dazwischen und danach alles anders als man denkt. So schmachteten seitdem zwei besondere Fassungen von Isherwoods Erfolgsroman „Leb wohl, Berlin“ ein äußerst tristes Dasein auf meinem SuB und waren in ernsthafter Gefahr, in Vergessenheit zu geraten. Dies hätten sie nun wahrlich nicht verdient! So befreite ich sie aus ihrem Dornröschen-Schlaf und puschelte sie ordentlich mit dem Staubwedel ab, um sie von der Patina der vergangenen drei Jahre zu befreien. Und obwohl Christopher Isherwood es wert wäre, eine Retrospektive zu erhalten, verzichte ich momentan auf eben jene, da ich Euch die schon erwähnten Fassungen nicht weiter vorenthalten möchte.
Christopher Isherwood – Leb wohl, Berlin/ mit Illustrationen von Christine Nippoldt
Willkommen! Bienvenue! Welcome!
Berlin, Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts: Der junge Schriftsteller Christopher Isherwood kommt in diese pulsierende Metropole auf der Suche nach Inspiration für einen Roman. Inspiration findet er nicht – dafür verleiten ihn die vielen Begegnungen mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten: Persönlichkeiten, die nur eine Stadt wie Berlin hervorbringen oder anlocken kann. Inspiration! – Inspiration brauchte der reale Isherwood nicht zu suchen! Inspiration hatte Isherwood zuhauf direkt vor seiner Nase! Da ist seine ältliche Zimmerwirtin Fräulein Schroeder, die ihren besseren Zeiten hinterher träumt und trauert, über ihre Mieter stellvertretend am Leben teilnimmt und sich gezwungenermaßen mit jeglicher Regierung akklimatisiert. Was bleibt ihr auch übrig: Wo soll sie sonst hin? Da ist der junge Otto Nowak, der mit seiner Familie in einem Hinterhof des Hinterhofs eines Hinterhofs lebt, und die in ihrer erbärmlichen Trostlosigkeit willig den Nährboden bietet für die Versprechungen der Nazis. Da ist der intellektuelle Bernhard Landauer, Geschäftsmann aus dem noblen Villenviertel, der in seiner passiven Resignation gegenüber der Realität zwangsläufig zum Opfer für die Gräueltaten der Nazis wird. Da ist die kapriziöse Sally Bowles, semi-talentiert aber dafür selbst-überschätzend, mit einem Hauch Verrücktheit, einer sexuellen Freigiebigkeit und einem hohen Maß an Unkompliziertheit, die in der damaligen Zeit sowohl für Faszination wie für Verwirrung bei ihren Mitmenschen sorgt.
„Ich bin eine Kamera mit offenem Verschluss, ganz passiv, ich nehme auf, ich denke nicht.“
Der Autor wirkt beinah neutral und begegnet seinen Protagonisten wertfrei: Er ist Beobachter, nicht Analytiker. Er beschreibt die Szenerie durchaus detailliert aber unvoreingenommen. Trotzdem schafft er Atmosphäre ohne indifferent zu erscheinen.
Er porträtiert seine Protagonisten mit Witz, vermeidet es indes, sie der Lächerlichkeit preiszugeben – im Gegenteil: Oftmals offenbart sich in den alltäglichen Szenen und den scheinbar belanglosen Begegnungen eine bemitleidenswerte Tragik. Während die ersten Kapitel noch sehr detailliert das Geschehen wiedergeben, wirkt das letzte Kapitel mit seinen kurzen Episoden wie schnelle Schlaglichter, die eine wahrgenommenen Situation fragmentiert wiederspiegeln und trotz ihrer Kürze das Vage einer zunehmend unsicheren Wirklichkeit vermitteln.
Somit ist Christopher Isherwoods Episodenroman aus dem Jahre 1939 ein literarisches Zeugnis seiner Zeit und spiegelt eine Gesellschaft im Umbruch wieder: Das Weltoffene und Tolerante der Weimarer Republik ist noch spürbar, das Kleingeistige und Menschenverachtende des Nationalsozialismus ist schon zu erahnen. Das Berlin einer Sally Bowles wird bald Vergangenheit sein: Eine Epoche neigt sich dem Ende entgegen…!
Die Büchergilde Gutenberg ist bekannt für ihre außergewöhnliche Buchgestaltung: Mit ihren illustrierten Fassungen von (modernen) Klassikern sorgt sie gerne für Furore bei Buchliebhaber*innen und heimste in der Vergangenheit schon so manchen Preis ein. In diesem Fall hat sich die Künstlerin Christine Nippoldt dem Roman von Christopher Isherwood angenommen. So wie Isherwood sich in seinen Geschichten von realen Personen inspirieren ließ, so lässt auch Nippoldt bei der Schaffung ihrer Bilder sich von realen Personen inspirieren (wie sie in einem Nachwort verrät) und stöberte in historischem Bildmaterial. Optisch erinnern ihre Kunstwerke an Linol- oder Holzdrucke und sind in einer Art Collagentechnik entstanden, indem die Farbschichten nacheinander aufgetragen wurden. Dies verleiht ihnen einen beinah morbiden Charme und sorgt für Akzente. Nippoldts Illustrationen sind sehr atmosphärisch und variieren in ihrer Farbgebung je nachdem, welche Episode des Romans zu erzählen gilt. Dabei werden die Illustrationen nicht „nur“ einfach in die Handlung eingefügt: Das gestalterische Konzept wird konsequent auf das gesamte Buch angewendet. So schmückt die passende Vignette jedes Kapitel, und Initiale stehen am Anfang eines jeden Absatzes.
erschienen bei Büchergilde Gutenberg / ISBN: 978-3763269181 / in der Übersetzung von Kathrin Passing und Gerhard Henschel
ebenfalls erschienen bei Hoffmann & Campe/ ISBN: 978-3455405002 und Atlantik/ ISBN: 978-3455650778 (alle ohne Illustrationen)
Christopher Isherwood – Leb wohl, Berlin (Hörspiel)
4 CDs/ Bearbeitung: Heinz Sommer/ Regie: Leonhard Koppelmann/ Originalkomposition & musikalische Leitung: Jörg Achim Keller/ es spielt die HR-Bigband/ mit Mathieu Carrière, Christopher Nell, Laura Maire, Barbara Philipp u.v.m.
„Ich bin eine Kamera mit offenem Verschluss, ganz passiv, ich nehme auf, ich denke nicht.“
Mit diesem Satz beginnt auch eines der fulminantesten Hörspiele, das ich mir je anhören durfte. Wie einem Mantra gleich bleibt Mathieu Carrière als Erzähler dieser Aussage treu: Er beobachtet und kommentiert aber urteilt nicht. Er hält Distanz zu seiner Berichterstattung, wirkt dabei aber nie unbeteiligt oder gleichgültig. Dabei verwebt sich seine Stimme immer wieder gekonnt mit der von Christopher Nell. Während Carrière den deutschen Text spricht, können wir auch dem englischen Original durch Nell lauschen, was so für eine beängstigende Nähe zum Autor sorgt. Die Stimme des Erzählers verschmilzt mit der Stimme des jungen Christopher Isherwood. Christopher Nell mimt den aufstrebenden Autor als einen unvoreingenommenen Charakter mit jugendlichem Charme, dem wir den gebildeten Literaten ebenso abnehmen wie den jungen Mann, der nur allzu empfänglich ist für die mannigfaltigen Verführungen im damaligen Berlin.
Laura Maire schafft in ihrem Porträt der Sally Bowles die gekonnte Balance zwischen Pragmatismus, Selbstüberschätzung und Verführung, ohne dass sie ins allzu Ordinäre abrutscht. Ihre Stimme pendelt zwischen unbändiger Lebenslust, verruchter Erotik und kindlicher Naivität. Barbara Philipp verleiht der Zimmerwirtin Fräulein Schroeder mit prägnanter Stimme eine liebenswerte Kauzigkeit und geizt nicht mit bodenständigen Humor. Dabei ist es eine Freude zuzuhören, wie ein tolle Schauspielerin einer literarischen Figur ihre Stimme schenkt: Aufgrund mangelnder Englischkenntnisse spricht Fräulein Schröder Christopher Isherwood immer mit „Herr Issiwu“ an, was von Philipp ganz entzückend moduliert wird.
Diese vier talentierten Schauspieler*innen führen ein hochkarätiges Ensemble an, das in div. Rollen u.a. durch Lucie Heintze, Daniela Kiefer, Ole Lagerpusch, Gisa Flake, Felix von Manteuffel, Wanja Mues, Friedhelm Ptok und Franziska Troegner auf das Vortrefflichste komplementiert wird. Diese renommierten Sprecher*innen sind sich nicht zu schade, um in die div. (Neben-)Rollen zu schlüpfen und so zur hohen Qualität dieses Hörspiels wesentlich beizutragen.
Heinz Sommer bleibt in seiner Bearbeitung der bekannten Übersetzung durch Kathrin Passing und Gerhard Henschel treu und verflechtet die Dialoge gekonnt mit dem Erzähltext. Dabei verzichtet er nur auf die beschreibenden Passagen, die über Musik, historische Original-Einspielungen (z. Bsp. Auszüge aus dem Film „Der blaue Engel“ oder ein Radio-Interview mit Max Schmeling) und den Hintergrundgeräusche dem Hörer vermittelt werden. Den musikalischen Rahmen liefert Jörg Achim Keller mit der HR-Bigband, die mit ihrem authentischen Sound das so genannte Babylon Berlin wiederaufleben lassen. Strippenzieher hinter all dieser einzelnen Komponenten und somit derjenige, der dies alles zu einem Gesamtkunstwerk bündelt, ist der Regisseur Leonhard Koppelmann, der hier eine großartige Arbeit abliefert. Er sorgt für eine enorme „Tiefe“ und verleiht diesem Hörspiel so eine unwiderstehliche Sogkraft, der ich mich nicht entziehen konnte. Ein sensationelles Hör-Erlebnis…!!!
Auf Wiedersehen! A bientôt! Good night!
erschienen bei der Hörverlag/ ISBN: 978-3844536317
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Hörexemplar!
Apho·ri·si·a·kum…

VORLESEWETTBEWERB 2022/23: And the winner is…
…und wieder war es soweit: „Same procedure as every year!“
„Nein, ist es nicht!“ juchzte ich vor Freude, und „Hurra! In diesem Jahr ist es nicht wie im letzten Jahr!“ jubelte ich lautstark. Denn in diesem Jahr gab es in der Buchhandlung meines Vertrauens „die schatulle“ der Schwestern Sabine und Ute Gartmann endlich wieder eine Präsenz-Veranstaltung zum Kreisentscheid des Vorlesewettbewerbs.
Nachdem ich in den vergangenen zwei Pandemie-Jahren allein vorm heimischen PC saß und digital die Lese-Beiträge ansah, um danach „meines Amtes zu walten“, freute ich mich nun umso mehr, wieder im direkten Austausch mit meinen beiden Jury-Kolleginnen zu sein. Denn neben meiner Wenigkeit war natürlich Iris Belz, Leiterin der Stadtbibliothek in Osterholz-Scharmbeck wieder mit an Bord. Dritte im Bunde, zum ersten Mal dabei und somit unser „Frischling“ war Alina Deylig, ehemalige Praktikantin der Buchhandlung „die schatulle“ und somit Bücher-Fan.
In der gut gefüllten Buchhandlung saßen am vergangenen Mittwoch acht junge Menschen und warteten aufgeregt darauf, dass die Veranstaltung endlich beginnen möge. Hinter ihnen verteilten sich über die Stuhlreihen ihre Familien, Freunde, Lehrer und sonstige Interessierte, die sicherlich mitfieberten und den kleinen „Stars“ kräftig die Daumen drückten.
Der Ablauf ist seit Jahren identisch: Die Kids müssen 2 Runden absolvieren. In der ersten Runde stellen sie innerhalb von 3 Minuten einen Auszug aus ihrem Wahlbuch incl. einer erklärenden Einleitung vor. Die Jury entscheidet dann über Lesetechnik, Textgestaltung und Textverständnis. Bei der zweiten Runde erhalten die Kids einen ihnen unbekannten Text und werden von der Jury in Lesetechnik und Textgestaltung bewertet. Dann zieht sich die Jury zur Beratung zurück, zählt die jeweils vergebenen Punkte zusammen und diskutiert manchmal durchaus kontrovers, bis dann endlich die/der Sieger*in feststeht und bekanntgegeben werden kann.
Auch in diesem Jahr wurde uns ein wilder, abwechslungsreicher und spannender Trip durch die Jugendliteratur geboten: Fynn hatte sich für einen Band aus der Flüsterwald-Serie von Andreas Suchanek entschieden. Amira las aus dem humorvollen Roman Abenteuer eines Döner-Checkers von Stefan Gemmel. Jovis wählte für seinen Vortrag das Buch Die Legende von Drachenhöhe 1 von Frank Schmeißer. Enie griff zum bekannten Klassiker Die Vorstadtkrokodile von Max von der Grün. Mats vertiefte sich in einen Roman aus der Welt von Minecraft FREEDOM von Paluten von Klaas Kern. Maksim überzeugte mit einem Ausschnitt aus Percy Jackson 3 von Rick Riordan. Und Theo ließ uns bei Mitten im Dschungel von Katherine Rundell mit den Held*innen mitfiebern. Als Siegerin ging aus diesem Wettstreit Emma Klefeker hervor, die mit ihrem überzeugenden Vortrag aus Die Frechen Krabben und das Schnee-Ungeheuer von Barbara Rose bei uns ebenso punkten konnte, wie mit der ihr unbekannten Passage aus Magic Agents. In Dublin sind die Feen los! von Anja Wagner. Gratulation!
Ich weiß, ich weiß, ich wiederhole mich. Aber kann nicht genug betonen, wie sehr ich mich jedes Jahr auf diesen Termin freue, und wie schmerzlich ich ihn vermisst habe. Dabei taten mir vor allem die Kinder leid, die in den letzten beiden Jahren teilgenommen haben. Ihnen entging die Möglichkeit, ganz wunderbare Erfahrungen machen zu dürfen: kein kribbeliges Lampenfieber, kein erleichtertes Aufatmen nach Beendigung des Vortrags, kein gespanntes Warten auf die Entscheidung der Jury, keinen Foto-Termin mit der Presse, keinen ausführlichen Bericht in den örtlichen Zeitungen,…!
Und auch mir fehlte diese besondere Atmosphäre eben jener Live-Lesungen. Zudem habe ich meine beiden Mit-Juror*innen vermisst: die anregenden Gespräche, das nette Beisammensein, das Fachsimpeln und Diskutieren,…!
Doch dies gehört nun hoffentlich der Vergangenheit an. Diesbezüglich blicke ich positiv in die Zukunft und werde für Emma, die sich nun weiter beim Bezirksentscheid behaupten wird, tüchtig beide Daumen drücken und ihr optimistisch zurufen…
🍀 TOI TOI TOI 🍀
Anekdote am Rande: Unser neues Jury-Mitglied stand vor mir und reichte mir zur Begrüßung die Hand. Ich blickte ihr ins Gesicht und dachte „Du kommst mir irgendwie bekannt vor!“. Dann nannte sie ihren Namen und bei mir fiel der so oft bemühte Groschen: Bis 2016 war Alina eines „meiner“ Kids, mit denen ich einige Jahre das Krippenspiel zum Familiengottesdienst am Heiligen Abend einstudiert hatte. Seit unserem letzten gemeinsamen Krippenspiel hatten wir uns nicht mehr gesehen, und nun stand hier eine junge, sympathische Frau vor mir, die in der Zwischenzeit die 10. Klasse am Gymnasium Osterholz-Scharmbeck besuchte und sich mit mir/uns kompetent über die eben gehörten Vorträge austauschte. Aus klein wird eben groß! 🧡
P.S.: Hier geht es zu den Zeitungsberichten: OSTERHOLZER KREISBLATT
Apho·ri·si·a·kum…

[Musical] Benny Andersson & Björn Ulvaeus – MAMMA MIA! / Stage Theater Neue Flora in Hamburg
Musik & Liedtexte von Benny Andersson & Björn Ulvaeus / zusätzliche Liedtexte von Stig Anderson / Buch von Catherine Johnson / deutsche Liedtexte von Michael Kunze / deutsche Dialoge von Ruth Deny
Premiere: 3. November 2002 / Stage Operettenhaus in Hamburg / bisher besuchte Vorstellungen: 9. November 2003, 15. Juni 2006 & 13. März 2007 / Premiere der Wiederaufnahme: 11. September 2022 / Stage Theater Neue Flora in Hamburg / besuchte Vorstellung der Wiederaufnahme: 14. Februar 2023
Sound Design: Andrew Bruce & Bobby Aitken
„Zuschauer mit schwachen Nerven oder Herzproblemen möchten wir darauf hinweisen, dass in diesem Stück wiederholt Schlaghosen und Plateauschuhe zum Einsatz kommen.“
Mit diesem Hammer-Gag (!) wird heute wie vor 20 Jahren die Show eröffnet und sorgt immer noch für Lacher im Publikum. MAMMA MIA! ist nun – nach einer üppigen Rundreise durch die Bundesrepublik – endlich wieder an der Stätte der deutschen Uraufführung angekommen: Zwar nicht im selben Theater, doch immerhin in derselben Stadt. Damit ist dies nun die neunte Station des Erfolgsmusicals, von dem Björn Ulvaeus sagte:
„Mamma Mia! ist ein Musical, von dem wir gar nicht wussten, dass wir es geschrieben haben!“
Eine kleine Insel irgendwo an der griechischen Küste: Hier lebt Donna mit ihrer 20jährigen Tochter Sophie und betreibt – mehr schlecht als recht – eine Taverne. Um die Identität von Sophies Vater macht Donna ein großes Geheimnis und meidet dieses Thema wohlwissentlich. Doch nun steht Sophie kurz vor der Hochzeit mit ihrer Jugendliebe Sky, und in ihr reift der Wunsch, von ihrem Vater zum Altar geführt zu werden. Zufällig fällt ihr Donnas Tagebuch aus den vergangenen, wilden Zeiten in die Hände, dem sie entnehmen kann, dass zum Zeitpunkt ihrer Entstehung drei potentielle Kandidaten für die Vaterschaft in Frage kommen: Sam, Harry und Bill. Kurzerhand lädt sie alle drei Männer zu ihrer Hochzeit ein, die auch prompt dieser Einladung nachkommen und auf der Insel erscheinen. Anlässlich der Hochzeit tauchen auch Donnas beste Freundinnen Rosie und Tanja auf. Gemeinsam waren sie in ihrer Jugend als das Gesangstrio „Donna and the Dynamos“ auf Tour. Sophie versucht nun verzweifelt, alle Fäden fest in der Hand zu behalten. Doch zwischen Kennenlernen, Wiedersehensfreude und Junggesellinnenabschied entgleiten ihr so manche Fäden. Das Verwirrspiel beginnt: Missverständnisse sind vorprogrammiert…!
Ich saß im Theater und freute mich…! Ich freute mich auf diese charmante Boulevard-Komödie, auf einen schönen Abend und auf die Songs von ABBA, die so raffiniert in die Handlung integriert wurden. Zudem stellt dieses Musical im Kosmos von Stage Entertainment eine Ausnahme dar: Häufig findet bei der Besetzung eines Musicals, das in der Originalinszenierung vom Broadway oder Westend übernommen wird, ein sogenanntes Typcasting statt, d.h. die/der Schauspieler*in muss schon allein optisch auf einen gewissen Rollentyp passen. Bei MAMMA MIA! ist es ein wenig anders: Hier werden Typen gecastet. Und so kam ich schon in den Genuss, dass ich sehr unterschiedliche Darsteller*innen auf der Bühne bewundern durfte, die so der jeweiligen Rolle (innerhalb des vorgegebenen Rahmens) ihre persönliche Note verlieh. MAMMA MIA! bewahrt sich so eine gewisse Spontanität und wirkt dadurch weniger „geklont“.
Mit ihrer rot-gelockten Mähne und ihrem rustikalem Charme schlüpfte die Amerikanerin Rachel Bahler in die Rolle der ehemaligen Hippie-Braut Donna: Wirkten anfangs ihre Dialoge und Gesten noch leicht einstudiert, spielte sie sich im Laufe der Vorstellung immer weiter frei und überzeugte im 2. Akt mit Emotionalität. Zudem verfügt sie über eine blendende Stimme und meisterte die vokalen Anforderungen bravourös. Tochter Sophie gab Rose-Anne van Elswijk mit mädchenhafter Grazie und klarer Stimme, lies aber auch den jugendlichen Enthusiasmus nicht vermissen. Donnas Freundinnen wurden von Franziska Lessing (Rosie) und Jennifer van Brenk (Tanja) mit einer spürbaren Freude an Komik, Slapstick und einer Menge Selbstironie verkörpert. Neben diesen vier Damen mit ihrer geballten Ladung Frauen-Power müssen sich die Herren mächtig ins Zeug legen. Naidjim Severina als Sky war mit seiner frech-sympathischen Ausstrahlung nicht nur der Auserwählte bei Sophie, sondern brachte sicherlich das eine oder andere Herz der Zuschauer*innen zum Höherschlagen. Das Männer-Trio aus Sascha Oliver Bauer (Sam), Detlef Leistenschneider (Harry) und Tetje Mierendorf (Bill) war perfekt aufeinander eingespielt und bot schauspielerisch wie auch gesanglich eine runde Performance. Das übrige talentierte Ensemble hielt die Show wie ein präzises Uhrwerk am Laufen: Während einige Darsteller rechts noch von der Bühne tanzten, verschoben andere die variabel einsetzbaren Wand-Elemente und sorgten dafür, dass die für die nächste Szene benötigten Requisiten an ihrem Platz lagen. Dies geschah so bewundernswert geschmeidig-selbstverständlich und sicherte den reibungslosen Ablauf der Show.
Wie wahrscheinlich bei jeder Aufführung dieses Musicals hielt es die Zuschauer bei der Zugabe nicht mehr auf den Sitzen. Wir tanzen in den Stuhlreihen und sangen aus voller Kehle mit. Denn sind wir tief in unserem Herzen nicht alle eine „Dancing Queen“?
Auf dem Weg Richtung Heimat fragte ich mich, warum MAMMA MIA! von der Produktionsfirma Stage Entertainment immer wieder und wieder als hochpreisiges Long Run-Musical aus der Versenkung geholt wird. Naja, so wirklich stellte sich mir diese Frage nicht, da die Gründe auf der Hand lagen: Einerseits besitzen die ABBA-Songs nach wie vor eine immense Sog-Kraft und locken die Fans von nah und fern ins Theater. In Bezug auf Bühne, Technik, Kostüme etc. ist der Aufwand erfreulich überschaubar und so weniger kostenintensiv als bei anderen Long Run-Musicals. Sogar an einem personalintensiven Orchester kann gespart werden, da sich die s.g. Band aus 5 Musiker incl. Dirigent zusammensetzt, was bedeutet, dass der satte Orchestersound vom Band kommt, dem live einzelne Instrumente zugemischt werden. Zugegeben dies alles wird höchst professionell und äußerst unterhaltsam dargeboten. Doch dies könnte ein versiertes Stadt- oder Staatstheater durchaus ebenso professionell auf die Bühne bringen.
Und so fuhr ich nach der Vorstellung bestens gelaunt nach Hause und fühlte mich doch abermals bestätigt: Für einen Musical-Besuch, der mich begeistert, verzaubert und berührt, brauche ich nicht die großen Produktionen. Das funktioniert auch „kleiner“!!!
Übrigens: Nur eine CD-Länge der deutschen Fassung von MAMMA MIA! ist ausreichend für die Bewältigung der Strecke zwischen Hamburg und Osterholz-Scharmbeck. Wir haben es auf dem Heimweg getestet.
Für gute Laune sorgt MAMMA MIA! auch weiterhin: Die Spielzeit im Stage Theater Neue Flora in Hamburg wurde bis Januar 2024 verlängert!
[Rezension] Markus Grolik – Inspektor Salamander. Tatort Schrottplatz
Inspektor Salamander und sein Assistent Spider-Manni staunen nicht schlecht, als plötzlich der bekannte Krötentenor Luigi Crötelli im geöffneten Bullauge ihrer verrosteten Waschmaschine steht, in deren Trommel sie ihr Büro eingerichtet haben. Crötelli bittet um ihre Hilfe: Nicht nur, dass er seine komplette Verwandtschaft vermisst, auch deren Zuhause, ein Krötentümpel ist wie vom Erdboden verschwunden. Dabei hatte er noch vor wenigen Tagen einen Brief von seinem Neffen erhalten, der ihn bittet, ihn schnellstens zu besuchen, da er dringend Hilfe benötigt. Und so machen sich Inspektor Salamander und Spider-Manni auf die Suche nach dem verschwundenen Tümpel samt seiner Bewohner. Dazu müssen sie sich in die Unterwelt des Schrotplatzes begeben, wo zwielichtige Gestalten wie die Spinne Tara Tarantella und die Elster Alster Capone ihr Unwesen treiben. Zudem heftet sich Hazel Maus, Starreporterin der Schrott-News an ihre Fersen, da sie eine sensationelle Story wittert. Anfangs versuchen die beiden Kriminalen die vorwitzige Maus abzuschütteln, erkennen aber schnell, dass es besser wäre, die Kräfte zu bündeln, um gemeinsam das Geheimnis zu lüften…!
Schöpfer dieser kurzweiligen Räuberpistole ist Markus Grolik, den ich bisher nur von seinen Cartoons kenne, in denen er alles – von Politik über gesellschaftliche Phänomene bis Zwischenmenschliches – höchst humorvoll auf die Schippe nimmt. Hier liefert er nun einen witzigen, kindgerechten Mix aus Comic und Kriminalroman, wo die Sprechblasen nahtlos an die Texte anknüpfen und umgekehrt. Auch seine Figuren zeichnet er liebenswert-drollig, wobei selbst die Schurk*innen nie allzu bedrohlich erscheinen.
Vielmehr persifliert er unterhaltsam das Krimi-Genre: So bedient sich Grolik hemmungslos aus dem Füllhorn des Krimi-Universums und zitiert (Gewollt oder ungewollt – wer weiß das schon?) sich quer durch Buch, Comic, TV und Film. So trägt Salamander einen markanten Trenchcoat wie schon vor ihm Peter Falk als Inspektor Columbo oder Humphrey Bogart in Der Malteser Falke. Spider-Manni knackt Schlösser so schnell wie der jeweilige Assistent bei Father Brown bzw. Pfarrer Braun. Hazel Maus ist als Reporterin so intensiv-investigativ unterwegs wie ihre Kollegin Lois Lane bei Superman. Und was Q für James Bond war, das ist Hammy für Salamander: Als genialer Tüftler versorgt er die Spürnase mit raffinierten Erfindungen. Selbst bei der Namensgebung seiner Figuren lässt Grolik sich von Geschöpfen aus der Populärkultur inspirieren, wie z. Bsp. bei Spider-Manni und Alster Capone.
Zudem spielt der Autor hemmungslos mit Klischees: Faultiere schlafen, Eichhörnchen horten, und das Huhn ist so aufgescheucht hysterisch wie es sich eben für ein aufgescheuchtes Huhn gehört. Und natürlich trägt ein Krötentenor einen italienisch klingenden Namen, selbst wenn er im Tümpel nebenan als eine Kaulquappe unter vielen das Licht der Welt erblickte. Doch wenn Klischees so humorvoll wie hier bedient werden, dann kann ich nur belustigt darüber schmunzeln. Insbesondere, wenn besagte Klischees auch gegen den Strich gebürstet werden: Ein Wildschwein namens King Kong ist hier ganz und gar nicht wild, sondern ein sehr, sehr lieber Eber.
Markus Grolik gelingt es mit diesem Vorlesecomic sehr gut, die Kids behutsam ans Krimi-Genre heranzuführen. Eltern brauchen sich keinerlei Sorgen zu machen, dass die Geschichte vielleicht ängstigen könnte. Im Gegenteil: Die Geschichte und ihre Figuren präsentieren sich so charmant, dass selbst der erwachsene Vorleser – dank der vielen Genre-Zitate – sich köstlich beim Schmökern amüsiert.
erschienen bei dtv / ISBN: 978-3423764391
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!
[Noch ein Gedicht…] Else Lasker-Schüler – ICH LIEBE DICH…
Ich liebe dich
Und finde dich
Wenn auch der Tag ganz dunkel wird.
Mein Lebelang
Und immer noch
Bin suchend ich umhergeirrt.
lch liebe dich!
Ich liebe dich!
Ich liebe dich!
Es öffnen deine Lippen sich…..
Die Welt ist taub,
Die Welt ist blind
Und auch die Wolke
Und das Laub –
– Nur wir, der goldene Staub
Aus dem wir zwei bereitet:
– Sind!
Else Lasker-Schüler





