[Oper] Carl Maria von Weber – DER FREISCHÜTZ / Stadttheater Bremerhaven

Romantische Oper in drei Aufzügen von Carl Maria von Weber / Libretto von Johann Friedrich Kind / nach einer Novelle von Johann August Apel und Friedrich Laun

Premiere: 25. Dezember 2022 / besuchte Vorstellung: 5. Februar 2023

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Davide Perniceni
Inszenierung: Wolfgang Nägele
Bühne & Kostüme: Stefan Mayer
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández


Ich stand an der Theaterkasse des Stadttheaters Bremerhaven, um einige Dinge rund um Abo, Karten und Vorverkauf vis-à-vis zu klären und war mitten in den Verhandlungen, als plötzlich ein Gespräch an der Nebenkasse meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ich konnte der Versuchung einfach nicht widerstehen und musste folgendem Dialog belauschen.

Eine ältere Dame echauffierte sich „Das Weihnachtsmärchen war schon nicht schön, und nun ist der Freischütz auch so furchtbar!“ „Schicken sie gerne eine Info mit ihren Eindrücken an die Intendanz.“ schlug ihr Gegenüber an der Kasse diplomatisch vor Hach, das bringt doch nichts. Ich habe es dem Herrn Tietje schon persönlich in der Pause gesagt, und wissen sie, was er gesagt hat? Nichts! Er hat nur die Augenbrauen hochgezogen!“ Und nach dieser Bemerkung musste ich meine Aufmerksamkeit leider wieder auf meine eigenen Angelegenheiten lenken.

Ich weiß natürlich nicht, was Herr Tietje mit seinen hochgezogenen Augenbrauen ausdrücken wollte. Nach dem Besuch besagter Inszenierung hätte ich eine vage Ahnung: Überraschung, Erstaunen, Unverständnis, vielleicht auch: Ärger über die mangelnde Wertschätzung. Zumindest würden meine Augenbrauen dies ausdrücken, und ich bewundere Herrn Tietjes noble Zurückhaltung: Ich hätte meine Klappe nicht halten können!

Der Jägerbursche Max liebt Agathe, die Tochter des Erbförsters Kuno und möchte sie gern heiraten. Bevor er Agathe zur Frau bekommt und die Nachfolge des Försters antreten kann, soll er mit einem Probeschuss seine Treffsicherheit beweisen. Kurz zuvor gibt es im Dorf ein Sternschießen. Max misslingt ein Schuss, und er wird von allen Dorfleuten verspottet und ausgelacht – insbesondere von Kilian, dem der Schuss gelingt. Kaspar, ein anderer Jägerbursche, der Max insgeheim hasst und beneidet, will sich an ihm rächen. Er verspricht Max, ihm eine Kugel verschaffen zu können, die mit Sicherheit ins Ziel trifft. Dazu soll Max um Mitternacht in die berüchtigte Wolfsschlucht kommen. Es geht die Sage, dass die in der Wolfsschlucht um Mitternacht gegossenen Kugeln verzaubert sind und sechs davon genau in das gewünschte Ziel treffen, die siebende aber vom Teufel gelenkt wird. Am Vorabend der Hochzeit wartet Agathe ängstlich auf Max. Sie hat böse Vorahnungen, lässt sich allerdings von ihrer Freundin Ännchen aufheitern. Max erscheint und berichtet, dass er nochmals zur Wolfsschlucht gehen wird. Agathe wie auch Ännchen sind entsetzt. In der Wolfsschlucht gießt Max mit Kaspar zusammen die sieben Kugeln. Kaspar ruft dazu Samiel, den schwarzen Jäger an, der eigentlich der Teufel ist, und verspricht ihm die Seele von Max. Dann bekommt Max vier Kugeln, drei behält Kaspar zurück. Am Morgen berichtet Agathe Ännchen von ihrem Traum: Sie träumte, sie wäre eine Taube, und Max würde auf sie schießen. Die eintreffenden Brautjungfern überreichen ihr versehentlich eine Totenkrone anstatt des Brautkranzes. Durch diese bösen Omen zutiefst erschreckt, besteht Agathes letzte Hoffnung, das bevorstehende Unglück noch abwenden zu können in einem Kranz aus den weißen Rosen, die ein frommer Eremit ihr geschenkt hat. Am Tag der Probeschuss-Zeremonie kommt der Landesfürst Ottokar zum Zuschauen und bestimmt als Ziel des Probeschusses ausgerechnet eine weiße Taube. Agathe, voller Entsetzen, läuft Max in die Schusslinie. Die Taube fliegt weg, Agathe stürzt zu Boden, und auch Kaspar fällt. Es stellt sich heraus, dass er von dem Schuss, vom Teufel gelenkt und vom heiligen Eremiten umgelenkt, getroffen wurde, und Agathe unverletzt geblieben ist. Sie sank nur vor Schreck zu Boden. Max gesteht, dass er mit Kaspar Freikugeln gegossen hat. Fürst Ottokar will ihn bestrafen und die Heirat mit Agathe verbieten, aber der Eremit und das ganze Volk setzen sich für die Liebenden ein. Das Urteil wird umgewandelt: Max muss ein Probejahr bestehen und darf, falls er sich bewährt, Agathe dann heiraten. Der Probeschuss wird für alle Zeit abgeschafft.


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Regisseur Wolfgang Nägele verweigert dem Publikum jegliche Jäger-Romantik: Statt leutseligem Heimatkitsch à la „Der Förster vom Silberwald“ präsentiert er tristen 70er Jahre-Muff. So zwingt er seine Figuren, sich von trivialen Äußerlichkeiten abzuwenden, stattdessen den Blick ins Innere zu richten und in die Tiefen ihrer Psyche einzutauchen.

Bühnenbild und Kostüme von Stefan Mayer unterstützen stringent das Konzept des Regisseurs: Der Vorhang öffnet sich, und auf der Drehbühne präsentiert sich ein verrotteter Trecker samt Anhänger incl. div. Schrotteile. Von der Decke schwebt ein Holzgestell, das wie der Rohbau eines Heuschobers wirkt. Dies alles spiegelt die Tristesse des Landlebens in den 70er Jahren wieder, wo die Dorfjugend sich regelmäßig beim besagten Heuschober oder im Häuschen der einzigen Bushaltestelle trifft, um heimlich eine Kippe zu rauchen oder rumzuknutschen, und wo das Schützenfest der kulturelle Höhepunkt des Jahres war. Auch die Kostüme verströmen in ihrer beige-braun-grünen Langeweile die damalige Spießigkeit. Einzig die Freundinnen Agathe und Ännchen setzten mit ihren Outfits farbige Akzente und symbolisieren, dass beide bereit sind, sich zu emanzipieren.

Doch was nützen die besten Ideen eines Regisseurs, was hilft es, Psychogramme der handelnden Personen zu erstellen, wenn die Besetzung nicht fähig ist, dies auf der Bühne umzusetzen. Das Publikum des Stadttheater Bremerhavens kann sich glücklich schätzen, dass dieses Haus über ein talentiertes Ensemble verfügt und sich nicht scheut, ebenso talentierte Gäste zu verpflichten.

Signe Heiberg (Agathe) singt ihre Partie fein nuanciert mit strahlendem Sopran, ist weniger die unbedarft Naive als vielmehr die melancholisch Hinterfragende. Ihren Sidekick gibt Victoria Kunze (Ännchen) mit lyrisch-perlender Stimme und ansteckendem Optimismus. Das Zusammenspiel der beiden Frauen gestaltet sich äußerst natürlich und zeigt die innige Vertrautheit dieser Figuren. Der Max von Konstantinos Klironomos ist ein Zweifelnder: Er zweifelt an seiner vorgegebenen Bestimmung aber auch an sich selbst. Die dunkle Seite in ihm versucht immer wieder, die Oberhand zu gewinnen. Klironomos bringt diese innere Zerrissenheit auch mit seinem brillanten Tenor zum Ausdruck. Apropos dunkle Seite: In dieser Inszenierung stellt Regisseur Wolfgang Nägele dem Max ein Double zur Seite, sozusagen sein böses Ich, das ihn immer wieder dazu animiert, Grenzen zu überschreiten und Konventionen zu brechen. Schauspieler Martin Maecker ist hierbei Verführer, Scharlatan und Gaukler in Personalunion. Zudem übernimmt er auch den Part des Samiels, wandert gekonnt zwischen den Rollen, bis diese sich immer mehr und mehr zu einer Person manifestieren. Gast Thomas Weinhappel überzeugt sowohl mit seinem markant-dramatischen Bariton als auch mit seinem intensiven Spiel. Sein Kasper ist eine verlorene Seele, der trotz aller Ambivalenz auch Mitleid erregt.

Bei diesem starken Quartett aus Agathe, Ännchen, Max und Kaspar (In dieser Inszenierung ist es mit Max Double/Samiel sogar ein Quintett.) bleiben alle anderen Rollen stückbedingt nichts anderes als bessere Stichwortgeber. Das Stadttheater Bremerhaven gönnte sich den Luxus, besetzte diese Rollen ebenfalls mit Solisten und schuf so eine Aufwertung der Partien. Der Kilian von Andrew Irwin ist ein aufbrausender Jungspund, der die Muskeln spielen lässt, um seinen Platz in der männlichen Hackordnung zu erkämpfen. Ulrich Burdack tänzelt als Eremit geschmeidig in seinen Leoparden-Puschen durch die Szenerie und schnuppert dabei verträumt an einem Strauß weißer Rosen, um diese dann spielerisch kreis- bzw. kranzförmig um Agathe zu drapieren. Marcin Hutek gibt einen unangenehm schmierigen Ottokar, der lüsternd nach Agathe schielt und so seine Machtposition hemmungslos ausnutzt. Bart Driessen gibt den Erbförster Kuno als obrigkeitstreuen Duckmäuser, dem seine Stellung wichtiger zu sein scheint, als das Glück seiner Tochter.

Nach MACBETH liefert Chorleiter Mario Orlando El Fakih Hernández mit seinen Sänger*innen ein weiteres Beispiel dafür, welche Qualität der Opernchor sich in der Zwischenzeit erarbeitet hat. Seien es die Herren beim bekannten Jägerchor oder die kessen Brautjungfern in Gestalt von Katharina Diegritz, Sydney Gabbard, Lilian Giovanini und Brigitte Rickmann bei Wir winden dir den Jungfernkranz – immer überzeugt der Chor stimmlich bestens disponiert und zeigt zugleich darstellerische Präsenz.

Davide Perniceni lässt mit dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven Webers Melodien im üppigen Glanz erklingen. Dabei wandelt er mit seinen Musiker*innen stets gekonnt zwischen den Extremen: von überschäumend-romantischen Klängen bis zu den dunklen, unheilvollen Tönen der Partitur.

Und so schenkt uns das Stadttheater Bremerhaven einen FREISCHÜTZ, der musikalisch und darstellerisch keine Wünsche offen lässt und uns mit seinem ungewöhnlichen Regiekonzept neue Perspektiven eröffnet,…

…natürlich vorausgesetzt, dass wir flexibel und mutig genug sind, die gewohnten Pfade zu verlassen. 😉


Gästebuch-Fund:

Ⓒ Foto privat


Es gibt leider nur noch wenige Möglichkeiten, um mit DER FREISCHÜTZ im „Wald“ (!) auf die Pirsch zu gehen.

[Schauspiel] Magnus Vattrodt – EIN GROSSER AUFBRUCH / Stadttheater Bremerhaven

Drama von Magnus Vattrodt / nach dem gleichnamigen Film von Matti Geschonneck

Premiere: 14. Januar 2023 / besuchte Vorstellung: 19. Januar 2023

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Inszenierung: Niklas Ritter
Bühne & Kostüme: Annegret Riediger
Musik: Nikolas Garin


Aufmerksame Verfolger*innen (!) meines Blogs werden es sicherlich schon bemerkt haben: Bei Kulturelles Kunterbunt tauchen deutlich mehr Werke des Musik- als des Sprechtheaters auf. Müsste ich mich zwischen einem Besuch von Puccinis La Bohème oder Shakespeares Ein Sommernachtstraum entscheiden, ich würde ohne zu zögern La Bohème wählen. Die Begründung ist ganz einfach: Die Musik bzw. der Gesang berührt mich auf einer anderen, emotionaleren Ebene und dringt tiefer in meine Seele.

Bei der puren Sprache bin ich durchaus auch emotional berührt, bleibe allerdings auf einer rationaleren Ebene. Ich erfreue mich am Klang des gesprochenen Wortes, an der gekonnten Deklamation eines Monologs oder an dem perfekten Timing bei Dialogen. Da ich mich als Vor-Leser mit meiner eigenen Stimme auseinandersetze, schaue ich den Profis gerne mal „aufs Maul“, in der Hoffnung, von ihnen lernen zu können. Wenn zudem noch das Sujet des Stücks – wie in diesem Fall – meine Neugier anheizt, dann muss ich hin…

Adrian und Katharina sind auf Holms Einladung in sein Haus am Chiemsee gekommen, aber der Hausherr ist nicht da. Während Katharina Unrat wittert, macht sich Adrian ans Kochen. Gut gelaunt taucht Holm doch noch auf. Aber nicht nur der.  Hintereinander kommen auch seine beiden Töchter an. Charlotte mit dem Taxi, aber ohne Geld, und Marie mit ihrem Verlobten Heiko, aber ohne Zeit. Sie muss heute noch einen Flieger nach New York erwischen und geht ihren Vater harsch an, dass der sie per Sprachnachricht in sein Haus beordert hat, weil er sich verabschieden wolle. Zur Überraschung aller, taucht auch Holms Ex-Frau und Mutter der Töchter Ella auf, die die Familie vor dreißig Jahren verlassen hatte. Was zuerst nach Holms schrägem Sinn für Humor klingt, entpuppt sich als bitterer Ernst: Holm ist unheilbar erkrankt und hat den Plan, sich zum begleiteten Freitod in die Schweiz abzusetzen. Und das möchte er mit einem großen Essen und Champagner feiern. Der gute Holm ist zwar begeistert von seinem Plan, hat aber nicht wirklich über die Konsequenzen nachgedacht. Und da er das offensichtlich schon sein ganzes Leben lang so betreibt, drehen die anderen jetzt den Spieß um und holen eine Leiche nach der anderen aus dem Keller der gemeinsamen Vergangenheit…

(Inhaltsangabe der Homepage des Stadttheaters Bremerhaven entnommen.)


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Keine leichte Kost wird hier dem Publikum geboten. Doch das Stadttheater Bremerhaven lässt sein Publikum mit ihren offenen Fragen nicht allein und lädt Interessierte am Anschluss der Vorstellung ein, sich mit fachkundigen Gästen auszutauschen. Denn Fragen bleiben/blieben offen – zumindest bei mir. Nach der Vorstellung machte ich mir durchaus meine eigenen Gedanken zu einem Sterben in Würde. Diese Gedanken waren mir nicht neu: Nach etlichen gesundheitlichen Krisen haben mein Mann und ich jeweils Wünsche zur Beisetzung schriftlich festgehalten. Doch allzu konkrete Gedanken zur Gestaltung des Sterbeprozesses hatten wir uns noch nicht gemacht. Doch dies können wir ja noch nachholen…!

Ich hatte nie das Gefühl, dass mich meine Gedanken zur eigenen Sterblichkeit emotional runterziehen. Vielmehr spürte ich eine Leichtigkeit, als ich schon vor Jahren den Ablauf meiner Trauerfeier festlegte. Voller Kreativität beschrieb ich Form und Farbe meiner Urne und erstellte eine Playlist mit Songs, die mir in meinem Leben wichtig sind und für mich nochmals erklingen sollen. Makaber? Nein, ganz und gar nicht: Vielmehr ist das Sterben ein Teil des Lebens. Warum sollte ich mir also über diesen Teil meines Lebens keine Gedanken machen? Zumal die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod, ihm einen Teil seines Schreckens nimmt.

Und genau dies gelingt auch Regisseur Niklas Ritter mit seiner Inszenierung: Er ziseliert aus der papierenen Vorlage filigrane Rollenprofile und setzt sie passgenau auf die Mitglieder seines Ensembles. Er schafft für die Charaktere die Möglichkeit, sich zu entwickeln, zu entfalten und lässt sie so atmen. Dabei hält er fein ausjustiert die Waage zwischen Tragik und Komik. Ja, es darf auch gelacht werden! Wir lachen über das Unvermögen der Bühnenfiguren und lachen gleichzeitig über unser eigenes Unvermögen, das uns manches Mal blockiert.

Das Bühnenbild von Annegret Riediger erinnert mit seinem Scandic-Chic der 70er an ein Ferienhaus, das irgendwie aus der Zeit gefallen ist, und als wolle es das jugendliche Ich seines Besitzers konservieren. Ihre Kostüme unterstreichen wohltuend unaufdringlich den jeweiligen Charakter.

Mit Kay Krause (Holm), Frank Auerbach (Adrian), Sibylla Rasmussen (Katharina), Julia Lindhorst-Apfelthaler (Charlotte), Marsha Zimmermann (Marie), Marc Vinzing (Heiko) und Isabel Zeumer (Ella) steht auf der Bühne ein absolut homogenes und aufeinander eingespieltes Schauspielensemble, in dem jede*r ihren/seinen Moment innerhalb der Aufführung erhält, um zu brillieren. Ich empfände es als vermessen, würde ich einzelne Namen hervorheben. Es ist eine fulminante Ensemble-Leistung!

Die Vorstellung wird ohne Pause gegeben, d.h. 90 Minuten lang oder lange 90 Minuten ist das gesamte Ensemble auf der Bühne. Egal, wann ich meinen Blick von den momentanen Hauptakteur*innen abwand und andere Schauspieler*innen beobachtete, immer waren alle zu 100% in der jeweiligen Rolle. Ein Beispiel: Während Holm auf der Vorderbühne mit Adrian und Katharina diskutiert, sitz seine Tochter still an der Seite, und eine Träne rinnt langsam ihre Wange entlang. Hier wird auf der Bühne „großes Kino“ geboten!



Tragisch oder tragisch-komisch? Egal! Leider kommt EIN GROSSER AUFBRUCH am Stadttheater Bremerhaven nur noch zwei Mal zur Aufführung, doch dafür gibt es noch Karten. Also: hingehen und anschauen!

[Komödie] Frank Pinkus – ALLEIN IN DER SAUNA / Weyher Theater

Komödie von Frank Pinkus

Premiere: 2007 / besuchte Vorstellung: 5. Februar 2023

Weyher Theater


Inszenierung: Frank Pinkus
Bühne: Hermes Schmid und Lisa Dittus
Kostüme: Anika Töbelmann


Seit Oktober 2020 fristete ein Guthaben ein ruhiges Leben auf unserem Kundenkonto beim Weyher Theater. Aufgrund des damaligen Lockdowns entfielen die geplanten Aufführungen des Weihnachtsmärchens, und wir mussten unsere schon erworbenen Karten zurückgeben. Nun setzt sich das Programm des Weyher Theaters hauptsächlich aus Boulevard-Komödien zusammen, die oftmals mit ihrem plakativen Humor nicht unbedingt meinem Geschmack entsprechen. Schätzen gelernt habe wir das Weyher Theater aufgrund seiner Abstecher in andere Genre: Da gab es unterhaltsame Screwball-Komödien, spannende Krimis und kurzweilige Musik-Revuen. Leider sind diese Abstecher sehr, sehr selten geworden: In dieser schweren Zeit dürstet es dem Publikum wohl eher nach leichter Unterhaltung, und das Weyher Theater tut sein möglichstes, um diesen Durst zu stillen. So war es keine leichte Aufgabe, eine passende Inszenierung für uns zu finden. Meine Wahl fiel auf dieses Ein-Personen-Stück, das Autor und Regisseur Frank Pinkus seinem Freund Kay Kruppa auf den Leib schrieb und selbst inszenierte.

Karl-Heinz König weiß, wie man ein erfolgreiches Leben führt. Er ist in den 40ern und hat es geschafft. Er ist erfolgreicher Anwalt, glücklich verheiratet und hat zwei Kinder. Karl-Heinz König, genannt Kalle, ist ein glücklicher Mensch. An diesem Abend ist er in der Sauna – und kein Mensch außer ihm ist da. Er langweilt sich. Und er beginnt, über sich und sein Leben nachzudenken. Und vor allem über das, was Männer und Frauen ausmacht. Und was das Zusammenleben der beiden Geschlechter so schwierig macht …

  • Wieso haben Frauen so viele Variationen eines Lächelns – und alle Variationen scheinen dem Mann zu sagen, was er gerade mal wieder falsch gemacht hat?
  • Wieso wollen Männer offenbar immer und Frauen scheinbar nie?
  • Wieso wollen Frauen immer bestimmte Stimmungen im Schlafzimmer haben, und Männern ist das egal?
  • Wieso gehen Frauen so gern shoppen?
  • Wieso war die Ehefrau früher so wild darauf, mit ihrem Mann nackt ins Bett zu gehen – und heute kriegt Kalle von seiner Sanni zu Weihnachten einen „Shorty“ geschenkt?
  • Wieso waren die männlichen Macken für die Ehefrau früher liebenswert, und heute sind sie unerträglich?
  • Wieso versagen die Männer mit ihren von der Frau vorgeschriebenen Zettelchen so kläglich beim Einkaufen?
  • Und wieso geht ein Mann immer alleine auf’s Klo, aber die Frau nie??

Das sind einige der Fragen, mit denen sich Kalle an diesem Abend auseinandersetzt – und ihm wird immer klarer, wer zu Hause eigentlich die Hosen anhat…

(Inhaltsangabe dem Programmblatt zu dieser Produktion entnommen.)


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Es kann durchaus von einer Erfolgsgeschichte gesprochen werden: Seit der Uraufführung im Jahre 2007 erlebte dieses Stück nicht nur einige Wiederaufnahmen in seinem Heimat-Theater, sondern wurde zudem von etlichen Theatern bundesweit nachgespielt. Dies verwundert kaum: Der personelle Aufwand ist ebenso überschaubar wie die Anforderungen an Bühnenbild und Kostüme. In Weyhe schwitzt Kalle König im ansprechenden Einheitsbühnenbild von Hermes Schmid und Lisa Dittus, das eine Sauna-Landschaft suggeriert, und hüllt sich in weißes Frottee, für dessen Flauschigkeit Anika Töbelmann verantwortlich war.

Doch gerade eine „One-Man-Show“ birgt Gefahren, da der Erfolg abhängig ist von der jeweiligen Besetzung. Wir alle lieben diese Klischees, die sich mit den Unterschieden zwischen Männern und Frauen beschäftigen. Doch hinter jedem Klischee verbirgt sich auch ein Quäntchen Wahrheit, die uns zuerst aufhorchen, dann ertappt zusammenzucken und schlussendlich erleichtert auflachen lässt. Denn: Bestenfalls lachen wir nicht übereinander sondern miteinander! Um dies wohldosiert über die Rampe zu bringen, braucht es eine stimmige Besetzung.

Das diese Rolle ihm auf den Leib geschneidert wurde, merkt man Kay Kruppa an: Da saß jeder Ton, jede Pointe und jede Geste. Selbst die plattesten aller Plattitüden verpackte er mit schelmischen Witz und einem Augenzwinkern und blieb so stets Sympathieträger und Identifikationsfigur. Sein Kalle war ganz Mann und doch süß und knuddelig. Selbst deftige und detailreiche Beschreibungen (wie z. Bsp. Kalles Erfahrungen beim Samenspenden) wurden von Kruppa mit so viel Charme dargeboten, dass ich ihm dieses Niveau-Gefälle durchaus verzieh.

Nach einem verdienten frenetischen Applaus erinnerte er an seinen Freund und Weggefährten Frank Pinkus, der im September 2021 überraschend verstarb und sich und ihm mit dieser Komödie ein kleines Denkmal setzte.


Die Aufführungsserie der Wiederaufnahme von ALLEIN IN DER SAUNA ist leider schon zu Ende. Doch ich bin mir sicher, dass Karl-Heinz König sich noch lange nicht vom Weyer Theater verabschiedet hat.

[Rezension] Agatha Christie – Der Hund des Todes. Erzählungen

Irgendwie hatte die „Queen of Crime“ einen deutlichen Faible zum Mystischen: Anders kann ich mir ihre Abstecher ins Übersinnliche und Gespenstische à la Edgar Allen Poe nicht erklären. Doch auch die Irrungen und Wirrungen der menschlichen Psyche bzw. die Psychoanalyse und die Psychiatrie scheinen ihr Interesse geweckt zu haben. Und so verließ sie immer wieder gerne die gewohnten Krimi-Pfade und schrieb Geschichten, die mich beim Lesen an die beliebten Horror- und Mystery-Comics meiner Jugend erinnerten – nur diesmal in Worte gefasst.

Schon bei Der seltsame Mr Quin ließ sie diese Vorliebe anklingen, der sie in dieser Anthologie noch hemmungsloser frönte: Mysteriöse Zeichen in Form eines riesenhaften Hundes warnen vor nahendem Unheil. Ein Neffe missdeutet die Warnung seines Onkels, der darauf einen gewaltsamen Tod findet. Eine scheinbar zufällig im Zugabteil zusammentreffende Gruppe von vier Männern muss schaudernd erkennen, dass ein dunkles Geheimnis sie miteinander verbindet. Da hören Anwohner aus einem Haus immer wieder das Weinen eines Kindes, obwohl dieses Haus schon seit Jahren nicht mehr bewohnt ist. Eine reiche Witwe glaubt wahnsinnig zu werden, weil aus einem Radioapparat die Stimme ihres verstorbenen Gatten ertönt. Ein junger Mann meint immer wieder zu einer bestimmten Tageszeit einen Hilferuf zu hören und zweifelt an seinem Verstand, da sein Umfeld diese Rufe nicht vernimmt. Ein anderer junger Mann benimmt sich plötzlich wie eine Katze und scheint seiner geheimnisvollen Stiefmutter hörig. Ein wohlhabender Mann hört – nachdem er Zeuge eines furchtbaren Unfalls wurde – immer wieder die zarten Töne einer Flöte und entscheidet sich für eine radikale Änderung in seinem Leben. Ein Medium steigert sich so sehr in ihre Trance hinein, dass sie den herbeigerufenen Geist materialisiert und daran verstirbt. Ein wie von Geisterhand auf einer staubigen Oberfläche erscheinendes SOS erregt die Aufmerksamkeit eines Reisenden, der dadurch einen Mord verhindern kann.

Zwischen all diesen Erzählungen, die von allerlei geheimnisvollen Ereignissen berichten, ragt Die Zeugin der Anklage beinah wie ein Fremdkörper heraus. Einerseits hat die Story mit über 70 Seiten einen deutlich üppigeren Umfang als die anderen Geschichten. Andererseits haben wir es mit einer klassischen Kriminalgeschichte zu tun, der das Übersinnliche gänzlich fehlt. Dies schmälert natürlich in keinster Weise die Qualität dieser Erzählung. Ganz im Gegenteil: Vielmehr zeigt sich hier Agatha Christies Können in Vollendung, und sie überraschte mich mit einer weiteren, mir bisher unbekannten Fassung. Mrs. Christie war sich nie zu schade, die eigenen Werke weiterzuentwickeln bzw. zu überarbeiten: Sie adaptierte gerne ihre Romane selbst für die Bühne und scheute sich nicht vor radikalen, doch bühnentauglichen Veränderungen. So wurde aus dem Roman Tod auf dem Nil mit Poirot das Bühnenstück Mord an Bord ohne Poirot. Und auch Die Zeugin der Anklage machte auf ihrem Weg von der kleinen Zeitungsgeschichte zur großen Bühne mehrere Metamorphosen durch.

Allein Die Zeugin der Anklage rechtfertigt schon den Erwerb dieses Buches – sofern eine Rechtfertigung nötig erscheint. Doch auch die anderen Geschichten verstanden es durchaus, mich zu unterhalten.


erschienen bei Atlantik / ISBN: 978-3455015034 / in der Übersetzung von Marfa Berger, Maria Meinert, Edith Walter und Renate Weigl

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Komödie] Karl Bunje – UP DÜVELS SCHUVKAR / Niederdeutsche Bühne Waterkant

Komödie von Karl Bunje

Premiere: 28. Januar 2023 / besuchte Vorstellung: 1. Februar 2023

Niederdeutsche Bühne Waterkant / Kleines Haus am Stadttheater Bremerhaven


Inszenierung: Martin Kemner
Bühne: Mathias Betyna
Kostüme: Viola Schütze

Bei der Niederdeutschen Bühne Waterkant stehen – wie übrigens auch bei meiner Heimatbühne Scharmbecker Speeldeel oder (wie sie seit einigen Jahren heißt) TiO – Theater in OHZ – ambitionierte Amateure auf der Bühne, die mit viel Enthusiasmus in ihrer Freizeit dafür sorgen, dass die niederdeutsche Sprache gepflegt wird. Dabei können sie in vielfacher Form die Hilfe von Profis in Anspruch nehmen: So bietet der gemeinsame Dachverband, der Niederdeutsche Bühnenbund, etliche Fortbildungen zu unterschiedlichen Schwerpunkten wie Bühnenbau, Beleuchtung oder Schauspielerei an, an denen die Mitglieder der angeschlossenen Bühnen teilnehmen können. Viele Bühnen engagieren zur Realisation eines Stückes durchaus auch professionelle Regisseur*innen und profitieren von deren Expertise. Trotzdem stehen hier immer noch Abend für Abend, Vorstellung für Vorstellung Amateure auf der Bühne, die neben Familie, Arbeit und/oder Studium sich diesem Hobby mit Elan widmen. All dies habe ich selbstverständlich in meiner Beurteilung einfließen lassen.

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Profi-Regisseur Martin Kemner bringt eine solide, doch wenig inspirierende Inszenierung auf die Bretter. Leider versäumte er es, einige typische Fehler, die bei Laienspielern gerne mal auftauchen, auszumerzen: Da steht jemand in der Mitte der Bühne und ruft nach einer Person, die sich hinter der Bühne befindet, die nicht nur sofort auf diesen Ruf antwortet sondern sogar binnen Sekunden hinter einer der Bühnentüren erscheint. Sehr unglaubwürdig! Oder es wird auf die Reaktion eines Mitspielers reagiert, obwohl dieser nicht angesehen wurde. Sehr unglaubwürdig! Mir wurde damals eingebläut, dass eine Reaktion immer begründet sein muss. Der Leitspruch lautete „sehen, analysieren, reagieren“. Hier wäre der helfend-unterstützende Einfluss des Profis vonnöten gewesen.

Das Bühnenbild von Profi Mathias Betyna ist in seiner Kargheit rein zweckmäßig: Nur das Nötigste steht auf der Bühne. Dekorierenden Firlefanz, der für eine zeittypische Atmosphäre sorgen könnte, sucht der Zuschauer vergebens. Ein Lichtblick sind die ansprechenden Kostüme von Viola Schütze, die genau auf jeden Charakter abgestimmt wurden.

Das Ensemble setzt sich aus erfahrenen Platt-Snackern und jungen Frischlingen, denen das Platt weniger geschmeidig über die Zunge kommt, zusammen. Aber nur so kann es funktionieren, dass die plattdeutsche Sprache weiterlebt: Die Jungen lernen von den Alten. Carsten Lappöhn gibt einen plietschen Jan Spin, der es faustdick hinter den Ohren hat. Ein ebenbürtiges Gegenüber findet Lappöhn in Brigitte Grahn, die Taline handfest und herzensgut Leben einhaucht. Heiko Herkens ist bei Sebastian Frese eher der pragmatische Kerl, der ganz auf seine Stellung als Jungbauer setzt und beinah erstaunt feststellt, dass weniger sein Imponiergehabe als vielmehr ein respektvoller Umgang miteinander die gewünschte Wirkung zeigt. Respekt ist genau das, was Marie stets den Menschen in ihrer Umgebung entgegenbringt: Sophia Oetjen porträtiert das Flüchtlingsmädchen als charakterfeste junge Frau mit klaren Prinzipien. Verena Hoechst schafft in ihrer gelungenen Darstellung der Helga das Kunststück, dass das Publikum diesem Flittchen alles Schlechte wünscht. Das Gegenteil wünscht man ihrem Bühnenpapa Fied, dem Wolfgang Wellbrock seine stattliche Figur leiht und mit komödiantischen Attitüden ausstattet.

Alles in allem ist dies – trotz des einen oder anderen Wermuttropfens – eine unterhaltsame und kurzweilige Inszenierung dieses Komödien-Klassikers!


Als ich im Jahr 1991 mit jugendlichen 21 Jahren zum ersten Mal in einem plattdeutschen Schwank mitspielte, gab mir der damalige Bühnenleiter Klaus Fürst, ein erfahrener Theater-Mann, einen guten Rat bzgl. der Rollengestaltung in plattdeutschen Komödien. Er sagte zu mir Weißt Du, Andreas, in den plattdeutschen Schwänken dürfen die Alten alle einen Vogel haben. Doch das junge Paar darf keinen haben. Das junge Paar muss frisch, natürlich und adrett sein – selbstverständlich mit der obligatorischen Kuss-Szene, damit sich die älteren Herrschaften im Publikum an die eigene Jugend erinnern und denken „Hach, wie war das schön!“. Und an dieser Devise habe ich mich gehalten,…

…dann hob sich heute vor genau 27 Jahren der Vorhang in der großen Scheune auf Gut Sandbeck in Osterholz-Scharmbeck zur Premiere von Karl Bunjes Komödien-Klassiker UP DÜVELS SCHUVKAR mit mir in der Rolle des Jungbauern Heiko Herkens. Ich denke sehr gerne an diese Rolle zurück, die gleichzeitig wunderschön aber auch durchaus herausfordernd war. Denn hier konnte ich mich nur bedingt an den Rat von Klaus Fürst halten. Die Hintergründe: Das Stück spielt im Jahre 1946. Der zweite Weltkrieg war gerade vorbei. Die Bevölkerung ist vom Krieg gezeichnet und leidet unter den Entbehrungen der Nachkriegszeit. Jede*r hatte Dinge erlebt oder gesehen, die prägend waren.

In einer Komödie, die zu einer solchen Zeit spielt, konnte auch ein junges Paar nicht „nur“ frisch, natürlich und adrett sein. Wie alle im Stück auftretenden Charaktere ist auch Heiko Herkens von seinen Erlebnissen im Krieg beeinflusst, und trotz aller Dramatik und aller Schwere handelt es sich bei diesem Stück immer noch um eine Komödie. Und so bemühte ich mich in meiner Rollengestaltung um den Spagat zwischen ekeligen Kotzbrocken und liebenswerten Kerl, denn hinter der aufbrausenden Fassade wollte ich immer noch den sympathischen jungen Mann durchschimmern lassen. Schließlich sollte es ja glaubhaft über die Rampe kommen, warum Taline und Jan ihm zur Seite stehen, Helga sich in ihn verguckt und Marie sich sogar in ihn verliebt. Ein durchaus ambivalenter Charakter, dessen Verkörperung gerade darum wunderschön und herausfordernd war. Ich habe diese Rolle geliebt!

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Es gibt für Euch noch bis Anfang April etliche Gelegenheiten, um bei der Niederdeutschen Bühne Waterkant UP DÜVELS SCHUVKAR aufzuspringen.

[Noch ein Gedicht…] Johann Wolfgang von Goethe – JAHRAUS, JAHREIN

Ohne Schlittschuh und Schellengeläut‘
Ist der Januar ein böses Heut‘.

Ohne Fastnachtstanz und Mummenspiel
Ist am Februar auch nicht viel.

Willst du den März nicht ganz verlieren,
So laß nicht in April dich führen.

Den ersten April mußt überstehn,
Dann kann dir manches Guts geschehn.

Und weiterhin im Mai, wenn’s glückt,
Hat dich wieder ein Mädchen berückt.

Und das beschäftigt dich so sehr,
Zählst Tage, Wochen und Monde nicht mehr.

Johann Wolfgang von Goethe

[Rezension] Prosaische Passionen. Die weibliche Moderne in 101 Short Stories/ herausgegeben von Sandra Kegel

Wow! Ich bin geflasht, geplättet, baff! Auch wenn die Beschreibung meiner Reaktion, als ich diese Anthologie erstmals in den Händen hielt, etwas salopp anmutet, so kann ich meinen Eindruck zu diesem Buch nicht anders wiedergeben. Es ist nicht nur ein großes (in Bezug auf die Seitenzahl) Buch sondern auch ganz und gar großartiges Buch: 101 Short Storys aus 25 Weltsprachen von 101 Autorinnen auf über 900 Seiten (incl. einem Anhang aus Nachwort, Autorinnenviten und Quellenverzeichnis). Dabei kommen die Erzählungen der versammelten Damen nicht immer so artig daher – doch davon später mehr.

Es ist nun mehr als drei Jahren her, da echauffierte sich die Blogger-Gemeinschaft über eine neue Buch-Edition der „Süddeutschen Zeitung“ mit 10 Werken, die (angeblich) in keiner Sammlung fehlen dürften. Stein des Anstoßes: Es handelte sich hierbei ausschließlich um Werke von Männern. In meinem Beitrag Diversität „auf Teufel komm’ raus“: Bitte nicht! habe ich damals meine Meinung ausführlich kund getan, zu der ich heute noch stehe. Nun warte ich auf die ersten Unkenrufe, die bemängeln, dass in dieser nun vorliegenden Auswahl keine Männer vertreten sind. Meine Antwort darauf: Geht’s noch?! Habt Ihr keine anderen Probleme?! Mal gibt es Anthologien, die eine bunte Mischung (m/w/d) präsentieren, dann liegt der Schwerpunkt eher bei den Männern, und in diesem Fall geht es eben um die weibliche Sicht. Und diese kann sich durchaus von der männlichen Sichtweise unterscheiden bzw. im Laufe der Jahr(zehnt)e wandeln und verändern – abhängig von Ort und Zeit, will sagen: In welchem Jahrhundert, in welchem Land und vor welchem kulturellen Hintergrund hat die jeweilige Autorin gelebt und gewirkt.

Für diese Anthologie hat Herausgeberin Sandra Kegel sich einer wahren Mamut-Aufgabe gestellt und diese mit Bravour gemeistert. So decken die hier von ihr zusammengetragenen Geschichten einen Zeitraum von Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des 20. Jahrhunderts ab und spiegeln so nicht nur die Veränderungen innerhalb der Gesellschaft sondern auch den Wandel im (Selbst-)Bild der Frau wieder. Von den genannten Autorinnen war mir nur ca. ein Fünftel namentlich bekannt, was nicht bedeutet, dass ich darum schon etwas von ihnen gelesen hatte.

Da berichtet Agatha Christie in Die Fahrt auf der Themse über eine Frau, die Menschen nicht mag und der es somit schwer fällt, zwischenmenschliche Floskeln gesellschaftskonform anzuwenden. In Eine Heidin in der St. Paul´s Cathedral setzt Tekahionwake ihren Eindruck beim Besuch des besagten Gotteshauses aus grauem Stein im Vergleich zu den Ritualen ihres Stammes in der Erhabenheit der Natur. Sofia Tolstaja erzählt in Eine ganz überflüssige Bekanntschaft von den Gefühlswallungen beim Zusammentreffen einer verheirateten Frau mit einem Fremden, der sich über die Musik zu erkennen gibt. In Die Träumerin von Chawa Schapira begräbt die Titelheldin im Laufe ihres Lebens ihre Wünsche und Hoffnungen in ihrem Herzen, um den Erwartungen gerecht zu werden, die an sie gestellt wurden. Charlotte Perkins Gilman lässt in Wenn ich ein Mann wäre ihre Heldin in den Körper des Gatten schlüpfen und ermöglicht ihr so eine andere, doch nicht unbedingt angenehmere Sichtweise. Der Mond überm Dachfirst scheint bei Higuchi Ichiyo auf eine Ehefrau und Mutter, die sich standhaft den Avancen eines älteren, ebenfalls verheirateten Mannes verwehrt. Dorothy Parker lässt uns in Der Walzer an den bissig-ironischen Gedanken einer jungen Frau teilhaben, die mit ihrem Tanzpartner kein Glück hat, da dieser sich als allzu tollpatschig herausstellt. Dafür hat Die Tänzerin bei Patricia Highsmith einen kongenialen Partner, dem sie sich bewusst sexuell verweigert, um so den gemeinsamen Tango leidenschaftlicher zu zelebrieren. Bei Marlen Haushofer in I’ll Be Glad When You’re Dead… lauschen wir dem Monolog einer Frau, die sich von ihrem bisherigen Leben gelöst hat und nun mit sich, ihren Mit-Menschen im Besonderen und der Welt im Allgemeinen abrechnet.

Die Frauen in diesen Geschichten sind alle Individuen: Es gibt nicht die Frau. Es gibt nicht das Bild, wie eine Frau zu sein hat. Die Frauen in diesen Geschichten sind melancholisch und kokett, mitfühlend und berechnend, ernst und verschmitzt, liebevoll und verschlossen, sympathisch und abstoßend. Sie lachen und lieben, leiden und leben, weinen und singen, tanzen und verzweifeln, und manches Mal sterben sie auch. Sie bieten uns ein buntes, vielschichtiges Kaleidoskop an Lebensentwürfen, die zwischen den Extremen von Freude und Lebenslust bis Resignation und Verbitterung hin und her pendeln.

Dieses Buch präsentiert sich und seine Geschichten wie eine bunte Schatulle, die wertvolle Schmuckstücke in sich beherbergt. Niemand würde alle Schmuckstücke gleichzeitig aus der Schatulle nehmen und sich mit ihnen behängen. Im Gegenteil: Besonnen nimmt man – je nach Anlass – mal dieses, mal jenes Schmuckstück aus der Schatulle, um sich an ihm zu erfreuen. Und genau so verhalte ich mich mit diesem Buch. Ich habe bei weiten noch nicht alle Geschichten gelesen. Ich will auch nicht alle Geschichten in einem Rutsch lesen. Ich verweigere mich! Vielmehr möchte ich jede Geschichte als Solitaire für sich allein auf mich wirken lassen, um so ihre literarische Schönheit gebührend würdigen zu können.

Und so liegt dieses wunderbare Buch griffbereit auf dem Tischchen neben meinem Lesesessel und hat dort vielleicht eine Heimstätte für die Ewigkeit gefunden: Denn es gibt sie – die Bücher, die immer wieder und wieder zur Hand genommen werden müssen.


erschienen bei Manesse / ISBN: 978-3717525462

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

Fotoshooting für das Stadttheater Bremerhaven: „Ich habe heute leider kein Foto für dich!“

„Mir doch egal, ich habe eigene!“

Wie es dazu kam, möchtet ihr nun erfahren? Das kann ich euch gerne verraten! Anfang Mai des vergangenen Jahres traf via Mail folgende Nachricht bei mir ein…

Lieber Herr Kück,

wie Sie wissen, sind wir sehr dankbar für Ihr Engagement und Ihre Treue zum Stadttheater. Deswegen dachten wir bei der Planung unserer neuen Außenwerbung auch als Erstes an Sie: Für unsere neue Abokampagne wollen wir unsere Zuschauer:innen bei uns im Saal zeigen, mit einem kleinen humorvollen Bruch im Bild. Eines der Motive soll eine berufstätige Person sein, die im Stadttheater Inspiration findet und den Alltag hinter sich lässt.

Dabei dachten wir an Sie! Haben Sie Lust sich dafür im Stadttheater professionell fotografieren zu lassen? Die Kampagne wird an Plakatwänden in der Stadt und online zu sehen sein.

Wir freuen uns sehr von Ihnen zu hören.
Liebe Grüße aus dem Stadttheater

Na, selbstverständlich hatte ich Lust: So machte ich mich – nachdem einige weitere Mails hin und her gegangen waren und bei einem erhellenden Telefonat auch meine letzten Fragen beantwortet wurden – am 1. Juni auf den Weg nach Bremerhaven zum dortigen Stadttheater – im Gepäck verschiedene Oberteile (Mantel, Sakko, Hemd) und div. Utensilien, die meinen Beruf symbolisieren sollten. Freundlich begrüßt wurde ich am vereinbarten Treffpunkt bei der Theaterkasse von Evelyn Walton, Referentin Marketing & Öffentlichkeitsarbeit, die mich in den Zuschauersaal des Großen Hauses führte. Dort erwarteten mich schon Kristin Niemann, die Leiterin der Abteilung Marketing und Öffentlichkeitsarbeit, und die Fotografin Manja Herrmann, deren Arbeit ich schon mehrfach zu div. Inszenierungen an diesem Haus bewundern durfte.

Und da stand ich nun ziemlich dumm da – mitten im Zuschauersaal mit Blick auf die leere Bühne. Während die Damen handfest anpackten und tatkräftig das nächste Setting einrichteten, wurde ich zur Maske geführt, wo mir die Stellen meines Gesichts abgepudert wurden, die glänzten und somit beim Shooting für unschöne Reflektionen hätten sorgen können – will sagen: Mein Gesicht wurde komplett eingepudert!

Danach quetschte ich mich in eine Glitzerweste und schnürte mir einen Rüschenkragen um den Hals – beides von Frau Walton dem Kostümfundus entliehen. Hinter diesem Aufzug verbarg sich folgende Idee: „Mit einem Besuch im Theater dem Alltag entfliehen und neue Welten entdecken!“. So gewandet nahm ich im Zuschauersaal neben einer üppigen Gips-Putte Platz, während passenderweise hinter meinem Rücken ein Kulissenteil im Rokoko-Stil ins Bild geschoben wurde. Um Verwechslungen zu vermeiden: Ich bin auf den Fotos die linke Putte!

Und nachdem das Licht eingerichtet und die Kamera überprüft worden war, ertönten aus drei Kehlen gleichzeitig die Anweisungen, was ich nun zu tun hätte: Kopf höher/ tiefer/ nach links/ nach rechts, Mund schließen, Augen offen lassen, linken/ rechten Arm anheben, Sakko glätten, Armbanduhr entfernen, wahlweise interessiert/ gespannt/ überrascht gucken und bitte dabei gaaanz natürlich wirken. Und nach dem Wechsel der Garderobe begann das Spiel von Vorne!

Glücklicherweise hatte ich dank meiner früheren Tätigkeit bei der Scharmbecker Speeldeel schon etwas Erfahrung bzgl. Posen vor der Kamera. Und so regte sich in mir die alte Rampensau und buddelte sich aus mir heraus an die Oberfläche, um sich hier und jetzt ein wenig auszutoben.

Erstaunlich: Es wurden so viele Fotos in unterschiedlichen Klamotten, Posen und Settings gemacht, in der Hoffnung, dass das Foto dann darunter ist. Eine kleine Auswahl unserer gemeinsamen Bemühungen seht ihr hier:


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Am 17. Januar ist die Kampagne nun angelaufen: Die Groß-Plakate hängen quer über Bremerhaven verteilt an öffentlichen Plätzen, schmücken div. Plakatwände und werben so für die Abonnements des Stadttheaters Bremerhaven.

Hinter vorgehaltener Hand wird gemunkelt, dass es so etwas Ähnliches wie einen BRAVO-Starschnitt geben soll: In den Programmheften des Premieren-Abos wird jeweils ein Teil von mir – sozusagen als Gimmick – beigelegt. Wer jede Premiere besucht und alle Programmhefte sammelt, kann die Teile dann zusammenkleben und mich in Lebensgröße ins Schlafzimmer, aufs Gäste-Klo oder sonst wo hinhängen. Dann könnte ich endlich mit Stolz geschwellter Brust aller Welt verkünden

„Ich bin ein Star, hängt mich hier auf!“
⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️


Anmerkung zum krönenden Abschluss: Vielleicht habe ich oben ein klitze-klein wenig dick aufgetragen und meinen Bericht etwas ironisch überhöht bzw. (dem Ort angemessen) theatralisch überspitzt. Doch Scherz beiseite und bahr jeglicher Ironie: Es hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht, und ich danke dem Stadttheater Bremerhaven, insbesondere Kristin Niemann und Evelyn Walton, von Herzen, dass ich diese Erfahrung machen durfte. Mein Dank gilt selbstverständlich auch Manja Herrmann für die sensationellen Fotos. ❤

Ich habe es sehr gerne getan,…

…und ich würde es immer wieder tun!!!

…auch ohne Starschnitt. 😉