[Rezension] Giovanna Zoboli – Die wundersame Suppe des Monsieur Lepron/ mit Illustrationen von Mariachiara Di Giorgio

Immer am ersten Tag im Herbst kocht der vornehme Hase Monsieur Lepron aus dem Gemüse des Bauerngartens eine ganz und gar wundersame Suppe, die er sich dann gemeinsam mit seinen Kindern, Enkeln und Urenkeln schmecken lässt. Das Rezept ist geheim: Niemand darf ihm beim Kochen zusehen. Denn während die Suppe auf dem Herd köchelt, macht er immer ein kleines Nickerchen und träumt davon, ein weltbekannter Koch zu sein, der seine Zutaten aus einem geheimen Garten erhält. Wenn er aufwacht, ist die Suppe fertig. Mit der Zeit spricht es sich herum, wie köstlich die Suppe des Monsieur Lepron ist, und viele – Mensch und Tier – von nah und fern fragen nach dieser Köstlichkeit. Um die Nachfrage zu befriedigen, gründet er eine eigene Suppenfabrik, in der Tag und Nacht Suppe gekocht wird. Monsieur Lepron und seine Familie sitzen nun nicht mehr gemütlich beisammen, sondern arbeiten rund um die Uhr in der Fabrik. Doch mit steigenden Umsätzen und einer höheren Auslastung der Fabrik werden auch Leprons Träume immer bedrohlicher – so bedrohlich, dass er nicht mehr schlafen mag. Und so schließt er die Fabrik und tollt lieber mit seinen Kindern, Enkeln und Urenkeln über die Felder.

Natürlich ist die Geschichte bei einem Bilderbuch wichtig: Sie schafft mit Worten eine eigene Welt, gibt die Richtung vor, hebt Akzente hervor und ist die künstlerische Grundlage für den Illustrator und weckt dessen Kreativität. Doch ich bin ganz ehrlich: Wenn ich in einer Buchhandlung nach einem Bilderbuch greife, dann achte ich zuallererst auf die Illustrationen. Im besten Fall spricht mich der Stil des Künstlers an und weckt in mir so das Interesse an der Geschichte. Dabei können Bilder, die dem Minimalismus frönen, vielleicht sogar den Einlinienzeichnungen à la Pablo Picasso gleichen, durchaus ihren Reiz haben. Doch mein Auge erfreut sich viel mehr an wunderbaren, phantasievollen Kunstwerken, die ganze Welten entstehen lassen und in ihrem Detailreichtum mehr verraten, als der Autor mit Worten beschrieben hat.


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Die wundersame Suppe des Monsieur Lepron ist ein solches Werk: Die Geschichte von Giovanna Zoboli ist durchaus charmant, vermittelt kindgerecht ihre Botschaft, sich immer treu zu bleiben, und bietet sich zum Vorlesen wunderbar an.

Doch emporgehoben zu etwas Besonderen wird dieses Buch durch die märchenhaften Illustrationen von Mariachiara Di Giorgio. Das Leben des Monsieur Leprons in Feld und Flur taucht sie in einen mystischen Dunst, schafft gelungen Perspektive mit dem bewussten Einsatz von Licht und Schatten und begeistert mit vielen humorvollen Details. So wirkt z. Bps. der Hasenbau mit seinen symmetrischen Fenstern und dem markanten Oberlicht der Tür wie eine Hasenschnauze. Die „Geschäftswelt“ gestaltet sie durchaus bedrohlicher – doch nicht minder detailreich – mit klaren Formen und Kanten und verwehrt ihr jegliche Romantik, lässt aber auch dort den Humor nicht vermissen.

So steht dieses Buch – vom Einband über dem Vorsatzpapier bis zu den die Geschichte begleitenden Illustrationen – ganz im Zeichen des Talents von Di Giorgio.


erschienen bei Bohem / ISBN: 978-3959392150 / in der Übersetzung von Ulrike Schimming

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Gilbert Keith Chesterton – Pater Brown. Tod und Amen

Ungewöhnliche Ermittler*innen sind im Krimi-Genre äußerst beliebt: Da darf es gerne die altjüngferliche Lady aus einem verschlafenen Nest in der Provinz, der dickliche Privatdetektiv mit einem Hang zur Orchideenzucht oder das Violine spielende Superhirn mit mangelnder Empathie sein. Sie alle haben sich schon vor Jahrzehnten einen immerwährenden Platz im Herzen ihrer Leserschaft erobert. Besonders reizvoll scheint es allerdings, wenn die ursprüngliche Profession des Ermittlers scheinbar völlig konträr zu Mord und Totschlag steht. Da bewegt sich z. Bsp. ein Geistlicher von der göttlichen Kanzel hinab in die Untiefen der menschlichen Existenz, um dort die christliche Nächstenliebe zu propagieren: Der Himmel trifft auf die Hölle.

Als Gilbert Keith Chesterton zwischen 1910 und 1935 einundfünfzig Erzählungen über Pater Brown verfasste, die zunächst in Zeitschriften und anschließend zusammengefasst in fünf Sammelbänden erschienen, hätte er sicher nicht damit gerechnet, dass sich seine Schöpfung auch noch heute einer großen Beliebtheit erfreut und die Vorlage für manche filmische Umsetzung liefert(e). So schlüpften sowohl Alec Guinness als auch Heinz Rühmann für das Kino in die Soutane. Für das deutsche Fernsehen trieb erst Josef Meinrad und später Ottfried Fischer den Monsignore in die Verzweiflung. Und die BBC scheucht seit einigen Jahren höchst unterhaltsam Mark Williams als Schnüffler vor Gottes Gnaden über den Bildschirm.

Nun hat der kleine, unbedeutende Land-Pater, der sich eher bescheiden im Hintergrund hält und darum von Kriminalen und Kriminellen nur allzu gerne unterschätzt wird, seine Heimat im Schweizer Kampa-Verlag gefunden und befindet sich dort in bester Gesellschaft mit Kommissar Maigret, Commissaire Lacroix und  Chief Superintendent Gamache.

Für diesen Sammelband wurde die Übersetzung von Hanswilhelm Haefs, der nachgesagt wird, dass sie sehr nahe am englischen Original bleibt, behutsam von Julian Haefs redigiert und um die Übersetzung der noch fehlenden 51. Geschichte „Father Brown und die Midasmaske“ ergänzt. So umfasst dieser Schmöker stattliche 1268 Seiten incl. ein zwölfseitiges Nachwort und 67 Seiten an Anmerkungen. Besonders die Anmerkungen haben es in sich: Erklären sie doch so manche humoristische Anspielungen, politische Seitenhiebe und zeittypische Besonderheiten, die wir aus heutiger Sicht als Unkundige der damaligen Epoche nur schwerlich verstehen würden. Sind der Anmerkungen auch viele, so stören sie nicht den Fluss der Geschichte und können eher als Obolus betrachtet werden, der Rückschlüsse auf die persönliche Haltung des Autors zum jeweiligen Thema zulässt.

Allen Geschichten ist gemein, dass sie raffiniert konstruiert sind und gerne mit einem Twist überraschen. Unser Held trifft in seinen Abenteuern auf vielschichtige Charaktere in interessanten Settings, deren jeweilige Beschreibung der Autor sehr atmosphärische gestaltet. Dabei erfährt die geneigte Leserschaft von unserem Titelhelden recht wenig. Viele Details aus seiner Vergangenheit müssen aus Nebensätzen zusammengereimt werden. Pater oder vielmehr Father Brown (die englische Anrede Father wurde bei den Übersetzungen beibehalten) dient vielmehr als Projektionsfläche seiner Co.-Stars wie Valentin, Chef der Pariser Polizei, oder dem Meisterdieb Flambeau. Wer die kurzweilige BBC-Serie kennt und somit auch bei den Erzählungen humorvolle Krimi-Komödien erwartet, wird verwundert sein: Im Vergleich zur filmischen Adaption sind die Geschichten oftmals sehr düster, beinah gespenstisch-schaurig und manchmal durchaus brutal in ihrer Beschreibung der Morde. Unwillkürlich erinnerten sie mich an die Stories von Edgar Allan Poe, der als Wegbereiter des Symbolismus in der Literatur gilt. Ähnliches meinte ich auch bei G. K. Chesterton erkennen zu können, wo Alltägliches überhöht dargestellt wird und so an Bedeutung gewinnt.

Ich mag Anthologien sehr gerne. Bestenfalls (so wie hier) sind sie wie ein literarisches Büffet: Ich nasche mal hier, probiere mal da. So tat bzw. tue ich es auch bei diesem Werk: Von allen 51 Geschichten habe ich noch nicht gekostet. Doch das Buch liegt – wie eine offene Pralinenschachtel – immer griffbereit auf dem Tischchen neben meinem Lesesessel, und so kann ich jederzeit nach Lust und Laune „hineingreifen“ und weiternaschen!


erschienen bei Kampa / ISBN: 978-3311125662 / in der Übersetzung von Hanswilhelm Haefs und Julian Haefs

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Musical] Marc Shaiman – HAIRSPRAY / Stadttheater Bremerhaven

Musical von Marc Shaiman / Liedtexte von Scott Whitman & Marc Shaiman / Buch von Mark O’Donnell & Thomas Meehan / Deutsche Fassung von Jörn Ingwersen (Dialoge) und Heiko Wohlgemuth (Songs) / Basierend auf dem New Line Cinema Film, Drehbuch und Regie von John Waters

Premiere: 5. November 2022 / besuchte Vorstellungen: 08.01., 03.03. & 30.04.2023

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Tonio Shiga (08.01. & 30.04.) / Hartmut Brüsch (03.03.)
Inszenierung: Toni Burkhardt / nach einem Konzept von Iris Limbarth
Choreografie: Sabine Arthold
Bühne: Britta Lammers
Kostüme: Heike Korn
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández

Jedes kleinere Mehr-Sparten-Haus kennt diese Probleme bei der Besetzung eines Musicals aus dem hauseigenem Ensemble: Der Sopran kann wunderbar singen aber weniger gut tanzen. Der Schauspieler spielt sich ´nen Wolf, hat´s aber nicht so mit dem Singen. Und der Ballett-Tänzer kann nichts außer tanzen, tanzen und nochmals tanzen. Hinzu kommt ein in die Jahre gekommener Opernchor, dessen Mitglieder auch für die div. Nebenrollen herhalten müssen. Und das Philharmonische Orchester schmachtet sich zwar durch Puccini & Co., doch alles, was nach den 60er Jahren komponiert wurde, gilt als schnöde Populärkultur. Mit Biegen und Brechen würde man so noch eine halbwegs solide „My Fair Lady“ auf die Bretter zimmern, doch der Intendant schielt auf die neueren Werke des Genres, die vor Pop, Jazz und Soul nur so strotzen. Das Stadttheater Bremerhaven kennt diese Probleme…

NICHT! Hier formte Regisseur Toni Burkhadt gemeinsam mit Choreografin Sabine Arthold aus den hauseigenen Künstler*innen der unterschiedlichen Sparten in Kombination mit Gästen ein so homogenes Ensemble, dass sich die scheinbaren Schwächen zu Stärken wandelten. Burkhardts Inszenierung setzt auf Tempo: Leerlauf scheint hier nicht existent. Dafür sorgt er für fließende, beinah filmartige Übergänge. Doch er erlaubt seinem Ensemble auch die leisen, emotionalen Momente, die zum Kreieren glaubhafter Charaktere so wichtig sind. Arthold setzt in ihren tänzerischen Bewegungsabläufen auf zeittypische Elemente der Sixties. Sie lässt die Nicht-Tänzer*innen neben den Profis sehr gut aussehen. Dank ihrer gelungenen Choreografie bilden die Künstler*innen aus den unterschiedlichen Sparten eine homogene Einheit. Abgerundet zu einem gelungenen Gesamtkonzept wird die Inszenierung durch das wandlungsfähige Bühnenbild von Britta Lammers, in dem die Künstler*innen in den herrlich bunten Retro-Kostümen von Heike Korn agieren dürfen.

Doch nun: WELCOME TO THE 60’s!

Baltimore 1962: Die pummelige Schülerin Tracy Turnblad lebt mit ihrer übergewichtigen Mutter Edna, die aufgrund ihrer Figurprobleme alle ihre Träume und Hoffnungen aufgegeben hat, und ihrem Vater Wilbur, der einen schlecht laufenden Scherzartikelladen besitzt, sehr einsam. Ihre einzige echte Freundin ist die Außenseiterin Penny Pingleton, die von ihrer Mutter permanent unterdrückt und bevormundet wird. Tracys größter Traum ist es, in der Corny-Collins-Show mitzutanzen, der angesagtesten Show des Lokalfernsehens, in der nur die beliebtesten Teenager der Stadt tanzen. Außerdem hat sie sich vorgenommen, die „Miss Teenage Hairspray“-Wahl zu gewinnen. Während ihre Mutter skeptisch ist und Angst hat, dass ihre Tochter wegen ihres Aussehens verspottet wird, unterstützt ihr Vater sie und macht ihr Mut, dass man seine Träume verwirklichen soll. Als sie dank ihrer Hartnäckigkeit und ihres Selbstbewusstseins tatsächlich an der Show teilnehmen darf, wird sie – gerade wegen ihres Aussehens und ihrer Natürlichkeit – über Nacht zum Vorbild für viele Teenager, die sich mit ihr identifizieren. Sie verliebt sich in den Star der Show, den jungen Sänger Link Larkin, der auf seinen großen Durchbruch wartet und darum eine kamerataugliche Zweck-Beziehung mit der arroganten Amber von Tussle hat. Durch ihre neugewonnenen Freunde Seaweed, seiner kleinen Schwester Inez und deren Mutter Motormouth Maybelle erfährt Tracy von den vielfältigen Repressalien, denen farbige Menschen ausgesetzt sind. Ihre neue Berühmtheit nutzt sie zu einer Kampagne gegen die Trennung von Schwarzen und Weißen in der Corny-Collins-Show, was Amber von Tussle und ihre Mutter Velma zu verhindern versuchen. Dann geht die „Miss Teenage Hairspray“-Wahl in ihre entscheidende Runde. Amber von Tussle ist siegessicher, doch in letzter Sekunde taucht Tracy auf und wendet – mit Unterstützung ihrer Eltern und Freunde – die Wahl zu ihren Gunsten…!


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Ich glaube, ich durfte auf der Bühne des Stadttheaters Bremerhaven noch nie ein so großes Ensemble erleben, das sich aus Künstlern aller Sparten incl. Gäste zusammensetzte: Da waren die wunderbaren Tänzer*innen des Balletts, die agilen Sänger*innen des Opernchores und die entzückenden Kids des Kinderchores. Einem Chor der griechischen Antike gleich sorgten Louisa Heiser, Sharon Isabelle Rupa und Nicole Rushing als The Dynamites verführerisch rotgewandet für einen authentischen Motown-Sound. Schauspieler Karsten Zinser lieferte ein kleines humoristisches Kabinettstückchen als selbstverliebter Corny Collins. Iris Wemme-Baranowski überzeugte als rustikale Gefängnisaufseherin ebenso wie als psychopathische Prudy Pingelton. Sydney Gabbard warf sich als quirlige Penny Pingleton mit Leidenschaft in die Arme ihres Seaweed, den Malcom Quinnten Henry mit geschmeidigem Körper und ebensolcher Stimme zum Leben erweckte. Vanessa Weiskopf gefiel in der liebenswerten Rolle der kleinen Schwester Inez. Getoppt wurden die beiden allerdings durch ihre Bühnenmutter Motormouth Maybelle: Debrorah Woodson verkörpere diese Rolle schon bei der deutschsprachigen Erstaufführung in Köln und hat sie so sehr verinnerlicht, dass jede Geste, die Mimik und jedes Wort ganz natürlich erschienen. Den Song Ich weiß, wo ich war gestaltete sie zu einer berührenden Hymne, die das Publikum für einen Moment still innehalten ließ, bevor Woodson mit einem frenetischen Applaus belohnt wurde.

Mezzo Boshana Milkov als Velma von Tussle sonderte mit einer beängstigenden Selbstverständlichkeit ihre rassistischen Plattitüden ab. Bei der Interpretation der Songs, die sie mit Grandezza darbot, spürte man deutlich ihre Liebe zum Jazz. Ganz als Mini-Me einer übermächtigen Mutter schlüpfte Schauspielerin Julia Lindhorst-Apfeltahler in die Rolle der Amber von Tussle und ließ hinter der schönen Fassade des blonden Dummchens einen willensstarken (nur leider fehlgeleiteten) Geist durchblitzen. Beiden Künstlerinnen gelang das Kunststück, den jeweiligen Part nicht eindimensional böse erscheinen zu lassen, sondern auch den schrägen Humor aus der Rolle herauszukitzeln.

Tenor Andrew Irwin schmachtete sich als umschwärmter Teeny-Star Link Larkin hingebungsvoll durch seine Songs und amüsierte mit überkandidelten Star-Attitüden, indem er z. Bsp. immer wieder seine Haartolle kokett zurück warf. Doch sobald die Scheinwerfer erloschen waren, kam der sympathische Junge von Nebenan zutage, der seine Zweifel und Ängste nicht verbergen konnte, und in den sich Tracy verständlicherweise verlieben musste.

Seit 1988 beschäftige ich mich sehr intensiv mit dem Genre Musical: Einige Werke haben für mich einen herausragenden Stellenwert und sich einen besonderen Platz in meinem Herzen erobert. Da verspüre ich immer, wenn ich ins Theater gehe, eine gewisse Unsicherheit aus Angst, die jeweilige Inszenierung würde diesem Werk nicht gerecht werden. Ähnlich geht es mir mit einigen Rollen, die oberflächlich das pure Entertainment versprechen, aber unter der glitzernden Oberfläche eine wichtige Botschaft transportieren. Eine dieser Rollen ist Zaza aus LA CAGE AUX FOLLES, die andere Rolle ist Edna aus HAIRSPRAY. Beiden Rollen ist gemein, dass ein Mann in Frauenkleider schlüpft: Es besteht durchaus die Versuchung, dem „Affen Zucker zu geben“ und dem Klamauk zu frönen. Oder die Rolle wird wertschätzend behandelt, ohne dass die unterhaltenen Aspekte vernachlässigt werden. Regie und Darstellung wandeln da auf einem schmalen Grat zwischen Trash und Ernsthaftigkeit. Die Fallhöhe kann dabei enorm sein.

Voller Erleichterung spürte ich schon bei ihrem ersten Erscheinen, dass Edna hier am Stadttheater Bremerhaven bei Regisseur und Darsteller in den allerbesten Händen ist. Ein respektvolles Raunen gepaart mit einem überraschten Auflachen waren im Publikum zu vernehmen, als Bass Ulrich Burdack (O-Ton: „ein 2 Meter großer 3 Zentner-Mann“) zum ersten Mal hinter dem Bügelbrett in Erscheinung trat. Burdack verzichtete wohltuend auf eine übertriebene Feminisierung in der Stimme: Er blieb seiner Stimmlage Bass treu, was in manchen Dialogen zur Erheiterung des Publikums führte. Seine Edna ist eine Matriarchin, die pragmatisch die Geschicke der Familie lenkt. Von ihren eigenen Träumen hat sie sich verabschiedet. Dabei wirkt sie durchaus nicht verbittert: Das Leben hatte eben anderes mit ihr vor, und mit diesem Leben hat sie sich arrangiert. Und so bügelt und wäscht sie sich „eine Wölfin“ zum Wohle ihrer Lieben. Doch tief in ihrem Inneren versteckt sich sowohl die Revoluzzerin, die Ungerechtigkeiten vehement mit vollem Körpereinsatz bekämpft, als auch das junge Mädchen, das nach wie vor in ihren Wilbur verliebt ist. Schauspieler Kay Krause bildet zu Ulrich Burdacks Edna einen wunderbaren Gegenpart: Sein Wilbur ist ein ältlicher Harlekin, der sich seine kindliche Freude an den Kuriositäten in seinem Scherzartikelladen (und des Lebens) bewahrt hat, dem Schicksal vorbehaltlos gegenübertritt und seine Edna bedingungslos so liebt wie sie ist. Das gemeinsame Duett Du bist zeitlos für mich entpuppte sich als rührende Liebeserklärung, bei dem Burdack und Krause munter das Tanzbein schwangen, sich ihrer Liebe versicherten und voller Stolz auf ihre Tochter Tracy blickten.

Sopranistin Victoria Kunze begeisterte mich schon in so mancher Rolle des Opern-Repertoires und sang dort die Koloraturen ihrer Partien immer makellos. Als Tracy nahm sie ihre klassische Stimme bescheiden zurück, doch brillierte in den Songs auch in den höchsten Tönen. Zudem tanzte sie sich mit überschäumender Energie die Seele aus dem Leib und gestaltete ihre Rolle mit einer überzeugenden Natürlichkeit, gepaart mit einer immensen Freude am Spiel, die sich über den Orchestergraben hinweg auf das Publikum übertrug. Ihre Tracy Turnblad ist ein wahrer Sonnenschein mit dem Herz am rechten Fleck. Bravo!

„Bravo!“ möchte ich auch dem musikalischen Leiter Tonio Shiga zurufen, der das Philharmonische Orchester zur Höchstleitung anheizte und für einen süffigen Sound sorgte. Die mitreißende Musik mit ihrer Mischung aus R&B, Motown und Rock’n’Roll bahnte sich aus dem Orchestergraben heraus ihren Weg zuerst ins Ohr über das Herz direkt in die Füße, um dort für ein permanentes Wippen zu sorgen. Auf meinem Gesicht nistete sich ein seliges Dauergrinsen ein, und ich konnte mich beim fulminanten Schlussapplaus dem Ruf des Ensembles nur anschließen:

YOU CAN’T STOP THE BEAT!


Im Stadttheater Bremerhaven wird noch bis zum Ende der Saison reichlich HAIRSPRAY versprüht – und das alles mit viel Witz und Esprit!!!

[Noch ein Gedicht…] Max Hartung – SILVESTERNACHT

Die Glocken tönen durch die Nacht,
Du lauschest ihrem Klingen;
Das Jahr, das du herangewacht,
Was wird das neue bringen?

Kein Glockenlaut, kein Menschenmund,
Noch der Gestirne Kreisen
Vermag auf Gottes Erdenrund
Die Zukunft dir zu weisen!

Drum frag dich selbst! Das Jahr wird gut,
Gehst du auf rechten Wegen,
In deinem Tun und Lassen ruht
Des neuen Jahres Segen.

Max Hartung

[Noch ein Gedicht…] Heinz Erhardt – WEIHNACHTEN 1944 oder „WIE ICH KEINEN URLAUB BEKAM“

Wenn es in der Welt dezembert
und der Mond wie ein Kamembert
gelblich rund, mit etwas Schimmel
angetan, am Winterhimmel
heimwärts zu den Seinen irrt
und der Tag stets kürzer wird –
sozusagen wird zum Kurztag –
hat das Christkindlein Geburtstag!

Ach, wie ist man dann vergnügt,
wenn man einen Urlaub kriegt.
Andrerseits, wie ist man traurig,
wenn es heißt: „Nein, da bedaur ich!“
Also greift man dann entweder
zu dem Blei oder der Feder
und schreibt schleunigst auf Papier
ein Gedicht, wie dieses hier:

Die Berge, die Meere, den Geist und das Leben
hat Gott zum Geschenk uns gemacht;
doch uns auch den Frieden, den Frieden zu geben,
das hat er nicht fertiggebracht!
Wir tasten und irren, vergehen und werden,
wir kämpfen mal so und mal so…
Vielleicht gibt’s doch richtigen Frieden auf Erden?
Vielleicht gerade jetzt? – Aber wo?

Heinz Erhardt

[Rezension] O. Henry – Das Geschenk der Weisen/ mit Illustrationen von Patrick James Lynch

„Ein Dollar und siebenundachtzig Cent.“ Della ist verzweifelt: Mehr als diese klägliche Summe konnte sie vom kargen Haushaltsgeld nicht abzwacken und zusammensparen. Dabei würde sie ihrem Jim so gerne ein ihm würdiges Weihnachtsgeschenk bereiten. In ihrer Verzweiflung und aus Liebe zu ihrem Gatten veräußert sie ihren wertvollsten Besitz: Sie geht zu einer Perückenmacherin und verkauft ihr langes, prachtvolles Haar. Den Erlös investiert sie in eine wunderbare Uhrkette. Endlich könnte Jim seine prächtige Taschenuhr, die bisher an einem schnöden Lederband baumelt, voller Stolz vorzeigen. Doch auch Jim möchte seiner Della einen langgehegten Wunsch erfüllen und hält für sie eine Überraschung bereit…!

Es gibt sie, die Geschichten, die meine Seele berühren und für alle Zeit einen Platz in meinem Herzen haben. Dabei trifft dies – zumindest bei mir – nicht auf die großen Geschichten der Literatur zu. Es sind nicht die epischen Romane, die einen immerwährenden Platz in meinem Gedächtnis einnehmen und beim bloßen Gedanken an sie ein Lächeln auf meinen Lippen zaubern. Nein, ganz im Gegenteil! Vielmehr sind es die kleinen, beinah belanglos anmutenden Geschichten, die ohne großes Tamtam auskommen, und in denen nicht wirklich viel passiert. Aber gerade diese Schlichtheit sickert tief in mein Innerstes, bewegt mich auf einer ganz zarten Weise und überwältigt mich mit einer Flut an Gefühlen.

Eine dieser Geschichten ist „Das Geschenk der Weisen“ von O. Henry. Dabei erschien es anfangs so, dass unsere Bekanntschaft nicht von langer Dauer sein würde. Unser erstes Zusammentreffen gestaltete sich wenig vielversprechend: Ich muss ungefähr 34 Jahre alt gewesen sein, als ich auf der Suche nach einer witzig-pfiffigen Weihnachtsgeschichte war, die ich auf einer entsprechenden Feier vortragen wollte. „Das Geschenk der Weisen“ ließ mich merkwürdig unberührt. Ich fand sie „nett“ – nicht mehr, nicht weniger – und wir wissen alle, was „nett“ in Wirklichkeit bedeutet. Das Buch verschwand damals auf unbestimmte Zeit wieder im Bücherregal.

Im Jahre 2015 plante ich nun unter dem Titel „Früher war mehr Lametta!“ meine erste Adventslesung, stöberte dazu durch die Regale mit meiner Weihnachtslektüre und stieß dabei wieder auf O. Henrys Erzählung. Ich las, und beim Lesen liefen mir unvermittelt die Tränen über die Wangen. Ich erkannte, dass ich als Mensch und Leser erst reifen musste, um für den Zauber dieser Geschichte empfänglich zu sein. Seitdem sind Della und Jim ständige Gäste bei meinen Advents- und Weihnachtslesungen. Und selbst wenn keine Lesung in meinem Kalender steht, greife ich zum Buch, um abermals ihrem Zauber zu erliegen.

„Ein Dollar und siebenundachtzig Cent.“ Mit diesem Satz beginnen sie alle – alle Übersetzungen, die mir bisher bekannt sind, und bekannt waren mir bisher sieben (!) Übersetzungen. Man findet diese wunderbare Weihnachtsgeschichte in vielen Anthologien, und jeder Verlag scheint bemüht, eine eigene Übersetzung vorzulegen. Doch Übersetzung ist nicht gleich Übersetzung: Manchmal sind es nur die kleinen Feinheiten, die Einfluss auf den Tonfall einer Geschichte nehmen und so eher dem persönlichen Gusto entsprechen. So favorisiere ich die Übersetzung von Theo Schumacher, die ich als erstes kennenlernen durfte. Dieser Umstand ist sicherlich darin begründet, dass ich diese Fassung schon so häufig gelesen und mir den Text für meine Lesungen „erarbeitet“ habe. Denn fairerweise sei erwähnt, dass die anderen Übersetzer*innen ihren Job nicht weniger gut gemacht haben.


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Vielleicht werdet Ihr Euch fragen, warum ich mir – wo ich schon sieben Übersetzungen mein Eigen nenne – nun noch ein Buch mit der achten Übersetzung zulege? Ganz einfach: Es sind die Illustrationen! Schon seit einiger Zeit schleiche ich um dieses Buch herum, ohne einen Blick hineinzuwerfen, aus Angst, ich könnte zum Kauf verführt werden. Denn rein rational betrachtet, brauche ich dieses Buch nicht. Doch schon die Illustration auf dem Cover hat eine magische Anziehungskraft auf mich: Zwei junge Menschen stehen in inniger Umarmung vereint. Ihre Körperhaltung zueinander drücken so viel Liebe und Zärtlichkeit aus.

In diesem Jahr konnte ich mich nicht länger beherrschen, bzw. ich hatte das Gefühl, dass ich in der momentan verrückten Zeit ein wenig Trost brauchte und wusste instinktiv, dass ich ihn beim Betrachten dieses Buches finden werde. Und so machte ich erstmalig die Bekanntschaft mit dem Talent des irischen Künstlers Patrick James Lynch, der schon Illustrationen für Kinderbücher, Märchen und klassische Geschichten kreiert und Plakate für Opernhäuser und Theater gestaltet hat. Seine Bilder zu O. Henrys Werk sind traumhaft und von einer atmosphärischen Dichte, wie ich sie vorher noch nicht gesehen hatte. Ein Blick, eine Geste, die Körperhaltung der Personen, die gewählte Bild-Perspektive und der Sepia-Ton der Bilder – dies alles steht immer im direkten Zusammenhang mit den Worten. Und trotz aller Melancholie war immer ein Schimmer der Hoffnung spürbar.

Da mir diese Geschichte so sehr vertraut ist, brauchte ich den Text nicht parallel beim Betrachten der Bilder zu lesen. Ich schaute mir nur die herrlichen Illustrationen an und ließ sie auf mich wirken. Wieder liefen mir Tränen der Rührung die Wangen hinab, und – Ja! – da verspürte ich auch ein wenig Trost!


Für alle, die nun auch die Bekanntschaft mit Della und Jim machen möchten, habe ich hier eine Liste der mir vorliegenden Fassungen zusammengestellt.

Geschichte enthalten in Anthologien mit Werken von div. Autor*innen:

  • Die Wunder zu Weihnachten. Geschichten, die glücklich machen / Übersetzung von Christine Hoeppener / erschienen im Insel Verlag
  • Nichts als Weihnachten im Kopf / Übersetzung von Regina Roßbach / erschienen im Kampa Verlag
  • Heller Stern in dunkler Nacht / Übersetzung von Elisabeth Schnack / erschienen im Arena Verlag
  • Das große Weihnachtsbuch / Übersetzung von Franziska Kleiner / erschienen im Eulenspiegel Verlag
  • Reclams Weihnachtsbuch / Übersetzung von Siegfried Schmitz/ erschienen im Reclam Verlag
  • Alle Jahre wieder / Übersetzung von Theo Schumacher / erschienen im Diogenes Verlag

Geschichte enthalten in Anthologien mit Werken von O. Henry:

Illustrierte Fassungen:

  • O. Henry: Das Geschenk der Weisen / mit Illustrationen von Lisbeth Zwerger / Übersetzung von Theo Schumacher (s.a. oben: Alle Jahre wieder) / erschienen im NordSüd Verlag
  • O. Henry: Das Geschenk der Weisen / mit Illustrationen von Patrick James Lynch / Übersetzung von Eva-Maria Altemöller / erschienen im Sanssouci Verlag

erschienen bei Sanssouci / ISBN: 978-3990560525 / in der Übersetzung von Eva-Maria Altemöller

[Rezension] Monika Utnik-Strugata – Die schönste Zeit. Weihnachten in aller Welt/ mit Illustrationen von Ewa Poklewska-Kozietto

Blicken wir auf die Länder unserer Erde, dann wirken die Völker selten vereinter als zum Weihnachtsfest. Es scheint schier unglaublich, dass überall auf der Welt die Geburt eines Kindes gefeiert wird, das vor zweitausendunddreiundzwanzig Jahren auf die Welt kam. So identisch auch der Ursprungsgedanke war und ist, so gibt es doch von Land zu Land, manches Mal sogar von Region zu Region einige Unterschiede, wie die Menschen das Fest begehen. Diese Unterschiede zeugen von einer wunderbaren kulturellen Vielfalt auf unserer Erde. Sie zu kennen, hilft Barrieren abzubauen und stiftet Toleranz.

Autorin Monika Utnik-Strugata hat hierzu – gemeinsam mit der Künstlerin Ewa Poklewska-Kozietto – ein ganz wunderbares Bilderbuch erschaffen. In kleinen Kapiteln, die hervorragend zum Vorlesen einladen, begab ich mich auf eine Rundreise um unseren Globus und staunte über einige mir bisher unbekannten Traditionen, entdeckte humorvolle und berührende Geschichten aber erfuhr ebenso von so manchen Kuriositäten.

Das Lucia-Fest, an dem am 13. Dezember in Schweden Umzüge mit Kerzen stattfinden, ist in der Zwischenzeit ja durchaus auch uns schon bekannt. Weniger bekannt ist allerdings der Brauch aus Spanien, bei dem sechs oder zwölf Knaben einen spektakulären Tanz vor dem Hauptaltar einer Kirche aufführen. Auch war mir nicht bekannt, dass im Dezember die Menschen in Kolumbien oder Mexiko sich gern gegenseitig Streiche spielen – ähnlich unserer Aprilscherze.

Auch wird mancher Aberglaube, der in einigen Ländern noch weit verbreitet ist, beleuchtet, warum am Heiligabend etwas nicht (oder gerade doch) getan werden sollte. Anekdote aus meiner Kindheit: Ich bin mit der Warnung aufgewachsen, dass ich auf keinem Fall zwischen Weihnachten und Neujahr meine Wäsche nach draußen hängen sollte, da dies mir Unglück für das kommende Jahr bringen würde. Warum? Wieso? Weshalb? Diese Fragen konnte mir niemand beantworten: Es war eben ein Aberglaube, der von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Selbst klassische Geschichten, die schon so sehr ein Teil der internationalen Weihnachtstraditionen geworden sind, finden in diesem Buch Erwähnung: Da werden dem geizigen Scrooge „Die Geister der Weihnacht“ heraufbeschworen, und „Der Nussknacker und der Mäusekönig“ buhlen um die Gunst der entzückenden Clara. Aber auch die Herkunftsgeschichte des wohl bekanntesten Weihnachtsliedes der Welt „Stille Nacht“ bleibt nicht im Verborgenen.


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Auch den unterschiedlichen Pflanzen, die besonders zur Advents- und Weihnachtszeit beliebt sind, werden in diesem Buch ebenso gewürdigt, wie den verschiedenen Bräuchen, die Glück und Zufriedenheit für das Neue Jahr bringen sollen. Und selbstverständlich erhalten die jüngsten Leser*innen endlich Antworten auf einige sehr, sehr wichtige Fragen, wie „Wie sieht eigentlich der Nikolaus aus?“ oder „Wer bringt die Geschenke?“.

Die Illustrationen von Ewa Poklewska-Kozietto sind ganz wundervoll: Einerseits wirken sie herrlich verspielt mit einer beinah kindlichen Naivität. Andererseits sind sie aber doch so detailreich, dass sie uns einen gelungenen Einblicke zur jeweiligen Region ermöglichen, sei es in der Gestaltung der landestypischen Trachten, der landschaftlichen Unterschiede oder der architektonischen Besonderheiten.

So saß ich staunend über diesem Buch gebeugt und erfreute mich an seiner Lektüre. Dabei konnte ich mir so manches Mal einen überraschten Ausruf nicht verkneifen, um dann meinen Gatten anzusprechen: „Ach, schau mal. Das hätte ich nicht gedacht! Hast Du gewusst, dass…?“ Es folgte immer die Information über ein weihnachtliches Detail, das ich bisher für „typisch deutsch“ hielt aber anscheinend aus einem anderen Land „gemopst“ wurde. Und so fühlte ich mich wieder einmal bestätigt, dass wir alle hier auf dieser unserer Erde auf der einen oder anderen Art miteinander verbunden sind…!


erschienen bei NordSüd / ISBN: 978-3314105432 / in der Übersetzung von Angelika Gajkowski

[Rezension] O. Henry – Das Geschenk der Weisen. Und andere Weihnachtserzählungen

Der große Meister für die kleinen Geschichten über die noch kleineren Leute hat wieder zugeschlagen und erlebt – dank dem Anaconda Verlag – eine kleine Renaissance. Nachdem der Verlag mich Anfang des Jahres schon mit einer Sammlung an Geschichten quer durch sein Wirken und Werken erfreut hatte, legt er nun – pünktlich zum Weihnachtsgeschäft – ein kleines, schmales Büchlein mit Weihnachtserzählungen nach. Von Optik, Umfang und Zusammenstellung kann hier getrost von einem Geschenkbuch gesprochen werden, das durchaus als attraktive Beigabe zum Hauptgeschenk fungieren kann.

Neben o. Henrys wahrscheinlich bekannteste (und von mir so sehr geliebte) Geschichte Das Geschenk der Weisen beinhaltet diese Sammlung noch drei weitere Erzählungen mit weihnachtlichem Tenor.

Da dürfen wir den Obdachlosen Soapy kennenlernen, der beim Wintereinbruch in New York verzweifelt versucht – wie in jedem Jahr – durch ein kleines Vergehen ein warmes Plätzchen im Zuchthaus für drei Monate zu ergattern. Doch was er auch immer anstellt, die Cops wollen ihn partout nicht einbuchten…!
Oder kennt Ihr vielleicht schon den Stadtvater der Goldgräbersiedlung Yellowhammer, der es sich in den Kopf gesetzt hat, am Heiligabend alle Kinder als Weihnachtsmann verkleidet mit Präsenten zu erfreuen. Leider hat er dabei übersehen, dass es in der gesamten Siedlung kein einziges Kind gibt…!
Aber auch die Rachephantasien von Frio Kid, die er für seinen Nebenbuhler Madison Lane hegt, der statt seiner die Gunst der schönen Rosita McMullen erlangen konnte, verpuffen dank des Zaubers der Weihnacht…!

O. Henrys Geschichten handeln stets von den kleinen Leuten, die abseits des Glamours des Broadways oder fern aller Wildwest-Romantik versuchen ihr Leben zu meistern. Oftmals sind sie auf der Suche nach einem kleinen Stück vom Glück und müssen auf dem Weg dorthin so manche Unwegsamkeit überwinden. Dabei schimmert in seinen Beschreibungen immer ein Funke Hoffnung durch den scheinbar trüben Alltag. Als Meister des „Twists“ verblüfft er seine Leserschaft am Ende der Story gerne mit eben genau diesem – einer unvorhersehbaren und somit umso überraschenderen Wendung.

In seinem recht kurzen aber sehr produktiven Leben schrieb O. Henry beinah vierhundert Geschichten: Da dürfen wir uns ja noch auf so manche literarische Perle freuen.

Hinweis: Wer die Anthologie Die besten Geschichten schon sein Eigen nennt, kann sich dieses Büchlein getrost schenken, es dafür aber gerne verschenken: Die oben erwähnten vier Geschichten sind in der besagten Anthologie ebenfalls enthalten.


erschienen bei Anaconda / ISBN: 978-3730611487 / in der Übersetzung von Alexandra Berlina