[Musical] Jerry Herman – HELLO, DOLLY! / Theater Bremen

Musik und Liedtexte von Jerry Herman / Buch von Michael Stewart / nach „The Matchmaker“ von Thornton Wilder / Deutsch von Robert Gilbert

Premiere: 25. November 2022 / besuchte Vorstellung: 9. Dezember 2022 & 4. Februar 2024

Theater am Goetheplatz in Bremen / Großes Haus


Musikalische Leitung: William Kelley
Inszenierung: Frank Hilbrich
Choreografie: Dominik Büttner
Bühne: Volker Thiele
Kostüme: Gabriele Rupprecht
Choreinstudierung: Alice Meregaglia

Auf der offenen Bühne verteilt liegen diverse Paare Schuhe und warten auf ihre Besitzer*innen. Da ertönen die ersten Klänge der Ouvertüre, und im Kegel des Scheinwerfers beginnen plötzlich zwei Schuhpaare wie durch Zauberhand miteinander zu tanzen. Zum Eröffnungs-Song stürmt dann der Chor in Brautkleidung gewandet die Bühne, jede*r zuerst die passenden Schuhe suchend, um sich dann mit einem/r Partner*in in vielfältigen Konstellationen zu verbandeln. Sie alle scheinen zufriedene Kund*innen der wohl geschäftstüchtigsten Heiratsvermittlerin zu sein, die prompt mit Grandezza erscheint: Mrs. Dolly Levi…

…weiß alles, kann alles oder hat zumindest schon alles gesehen und erlebt. Als nunmehr Witwe und vormals selbst glücklich Verheiratete ist es ihr ein besonderes Anliegen, heiratswillige Einzelpersonen durch geschicktes Manipulieren und miteinander Verkuppeln in den Hafen der Ehe zu lotsen. Momentan hat sie allerdings einen schweren Brocken an der Angel: Der kauzige Horace Vandergelder, Besitzer eines Heu- und Futtermittelladens und Halbmillionär aus Yonkers, einem Vorort von New York, ist nur schwerlich zufriedenzustellen. Auch die amtierend Auserwählte Mrs. Irene Molloy, Besitzerin eines Hutladens in New York, scheint keine Gnade vor seinem strengen Blick zu finden. Dabei hat Dolly schon selbst einen Blick auf den liebenswerten Kauz geworfen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass Dolly absichtlich die beiden Mitarbeiter von Vandergelder, Cornelius Hackl und Barnaby Tucker, genau in dem Augenblick im Laden bei Irene und ihrer Assistentin Minnie Fay auftauchen und für Verwirrung sogen lässt, als der Bräutigam in spe vor der Ladentür steht, um seiner potenziellen zukünftigen Braut seine Aufwartung zu machen. Horace ist erbost und fühlt sich um sein Kuppel-Geld betrogen, doch Dolly verspricht ihm, am Abend im legendären Harmonia Gardens Restaurant endlich eine passende Partie zuzuführen. Als Horace pünktlich am vereinbarten Treffpunkt erscheint, wird er von Ernestina Money erwartet. Sie wurde von Dolly für diese Farce eingeweiht und zieht alle Register, um Horace in Dollys Arme zu treiben. Als dann zu seinem Schreck sowohl seine Nichte Ermengarde mit ihrem Künstler-Freund Ambrose als auch seine in Yonkers wähnenden Mitarbeiter Cornelius und Barnaby mit Irene und Minnie im Arm auf der Tanzfläche erscheinen, fühlt er sich dem Wahnsinn nah. Doch als schließlich Dolly selbst unter großem Jubel aller versammelten Kellner ins Harmonia Gardens Restaurant einzieht, schwand dem alten Dickkopf langsam, wer hier wohl die Richtige an seiner Seite wär…!


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Hach, das waren noch paradiesische Zeiten damals Anfang der 2000er, als Klaus Pierwoß noch Intendant am Bremer Theater war und sich mit Helmut Baumann für mehrere Jahre die Koryphäe des Musicals ans Haus holte, der einige seiner großen Berliner Erfolge hier an der Weser wiederholte. Seitdem wurde am Bremer Theater nicht mehr mit einer solch exquisiten Expertise dem klassischen Musical gefrönt – zumindest nicht in meiner Wahrnehmung. Ich warf über Jahre immer wieder einen hoffnungsvollen aber sinnlosen Blick zum Bremer Theater und war kurz davor, meinen Blick enttäuscht für immer abzuwenden, als plötzlich dieses Werk angekündigt wurde. Ich konnte mein Glück kaum fassen…!

In Bremen nahm sich Regisseur Frank Hilbrich diesem Musical-Fossil an und bemühte sich um eine Auffrischung. So stellte er die Vorzüge des Werkes in den Mittelpunkt, indem er die positive Energie, das Komödiantische und die brillante Musik hervorhob. Er entschlackte das Musical mit mal mehr, mal weniger überzeugenden Kürzungen im Text und verfrachtete die Handlung aus der Zeit der Jahrhundertwende heraus in die bunte Welt der 80er Jahre. Eine radikalere Modernisierung hätte dem Werk auch nicht gut getan, bzw. das Geschäftsmodel einer Dolly Levi in der heutigen Zeit ad absurdum geführt. Auch war in den 80ern die Emanzipation der Frau schon so weit vorangeschritten, dass ein Song wie „Motherhood/ Mutterschaftsmarsch“ hier nur mit einem ironischen Augenzwinkern von den Damen vorgetragen werden konnte. Hilbrichs Inszenierung setzt auf Tempo: Chor und Ballett scheinen bei den flotten Nummern ständig auf der Bühne zu sein, ohne das es hektisch wirkt. Gleichzeitig gönnt er den Balladen die nötige Ruhe, damit sie ihre Wirkung entfalten können.

William Kelley entfaltet mit den Bremer Philharmoniker einen satten Broadway-Sound, der geschickt zwischen Jazz, Swing und Schlager pendelt, sich süffig im Ohr verfängt und dort lange haften bleibt. Chordirektorin Alice Meregaglia besorgte die perfekte Disposition der agilen Sänger*innen des Opernchores, während Dominik Büttner die Tänzer*innen dank seiner abwechslungsreichen Choreografie mit flinken Füssen über die Bühne wirbeln ließ. Gemeinsam umrahmen sie alle auf das Allerbeste die feine Solistenriege.

Sie kam, sah und siegte: Gayle Tufts trat als Dolly Levi auf, und schon flogen ihr alle Sympathien zu. Sie „denglisht“ sich so herrlich authentisch und charmant durch ihre Dialoge und versprüht dabei so viel positive Energie. Kleingeister könnten durchaus auf den Gedanken kommen, ihr Defizite im Gesang und Schauspiel anzukreiden. Diese wären für mich nur einige von vielen Teilen ihrer liebenswerten „Personality“. Gayle Tufts schenkt ihrem Publikum pures Entertainment.

„Umspielt“ wurde sie von Solist*innen aus dem Opernensemble, die sich mit der sogenannten leichten Muse erfreulich wohl zu fühlen scheinen. Nun kommen die Songs eines klassischen Musicals den Stimmen von Opernsängern durchaus entgegen, was allerdings nicht bedeutet, dass jeder Opernsänger darin auch brilliert. Umso schöner, wenn beides auf das Beste zueinanderfindet.

Ulrike Mayer leiht der Irene Molloy ihren vollen Mezzo und zeigt die herbe Schöne als moderne Frau, die keinen Kerl braucht, um versorgt zu sein. Im Gegenteil: Sie braucht einen Mann auf Augenhöhe, der stark genug ist, um auch mal schwach zu sein. Diesen scheint sie im Cornelius Hackl von Ian Spinetti gefunden zu haben, der mit schönem Tenor und einnehmenden Spiel (insbesondere bei „It Only Takes a Moment/ Es kann oft ein Moment sein“) überzeugt. Das Buffo-Paar, bestehend aus Barnaby Tucker und Minnie Fay, findet in Timo Stacey und Elisa Birkenheier ihre Entsprechung: zwei junge, naive Menschen, die am Anfang ihres Lebens stehen, und mit Spielfreude und Natürlichkeit punkten. Als männliches Objekt von Dollys Begierde steht Christoph Heinrich auf der Bühne und lässt bei den div. Wutanfällen von Horace Vandergelder seinen tiefschwarzen Bass ertönen. Heinrich zeigt sowohl schauspielerisches wie komödiantisches Potential: Nur leider ist ein dauerhaftes „Granteln“ nicht abendfüllend. Ich hätte mir mehr Differenziertheit in der Rollengestaltung gewünscht, um nachzuvollziehen, warum eine patente Frau wie Dolly sich in diesen Miesepeter verguckt. Nur leider sind gerade die Passagen des Textbuches, die die weiche, verletzliche Seite von Horace beleuchten, dem Rotstift des Regisseurs zum Opfer gefallen. Schade!

Das Bühnenbild von Volker Thiele zeigt uns das Harmonia Gardens Restaurant in edlem Holz und mit gediegener Patina. Das Orchester sitzt erhaben auf der Empore. Dank flexibel verschiebbarer Bühnenteile, wie die Präsentationsflächen im Hutgeschäft oder die berühmte Showtreppe, vergehen nur wenige Sekunden zwischen den einzelnen Szenenwechseln. Die Kostüme von Gabriele Rupprecht überzeugen mit satten Farben im typischen 80er-Look, wie weite Oberteile mit breiten Reveres und Schulterpolstern, Taillengürtel und bunte Jogging-Anzüge. Herrlich!

Am Schluss der Aufführung standen wir in den Sitzreihen und spendeten frenetischen Applaus für eine überzeugende Gayle Tufts in der Titelrolle, für ein tolles Ensemble und für ein Musical aus der goldenen Ära des Broadways, das uns so herrlich den Alltag vergessen ließ.

Lust auf ein paar Zusatz-Information? Dann lest gerne die Interviews von der Hauptdarstellerin Gayle Tufts oder dem musikalischen Leiter William Kelley auf der Homepage des Theaters Bremen.


Nachtrag zum 4. Februar 2024: Hello, Dolly! – Hello, Gayle! Mir war schon bei meinem ersten Besuch im Dezember 2022 klar, dass es ein Wiedersehen geben würde. So saßen wir am vergangenen Sonntag voller Vorfreude im Bremer Theater am Goetheplatz, lauschten der wundervollen Ouvertüre und warteten gespannt darauf, dass die Hochzeitsschuhe auf der Bühne wie durch Magie zu tanzen beginnen.

Magie: Nichts anderes versprüht ein gelungener Theaterabend, der mich aus dem Alltag katapultiert, meine Sorgen vergessen lässt und mit einem wohligen Gefühl beschenkt. Damit dies so scheinbar mühelos gelingt, ist vorher viel Arbeit aller Theaterschaffenden nötig. Wenn sich die Einzelteile aller Gewerke zu einem stimmigen Gesamtergebnis vereinen, und es scheint, als wäre alles kinderleicht, dann erst entsteht dieser berühmte Theater-Zauber.

Ich kann euch nur ans Herz legen: Bitte schaut euch eine Inszenierung, die euch gefallen hat, nochmals an. Ich verspreche euch, dass ihr die Inszenierung mit ganz anderen Augen sehen werdet. Plötzlich fallen euch Kleinigkeiten auf, Details rücken in den Fokus und/oder die Darstellenden setzen andere Akzente. Und manchmal muss die Interpretation einer Künstlerin/ eines Künstlers auch erst reifen, bis sie zur vollkommenen Vollendung erblüht.

In diesem Fall betraf es das Leading-Paar: Da hatte ich doch tatsächlich nach meinem ersten Besuch der wunderbaren Gayle Tufts scheinbare Defizite in ihrer Darstellung unterstellt. Was für eine Frechheit! Bescheiden, respektvoll und voller Demut nehme ich dies zurück. Nun ist Dolly Levi ganz und gar bei Gayle Tufts angekommen: Mit jeder Geste, jedem Blick, jedem Atmen – sogar in jeder Pause, die sie setzt – haucht sie der patente Heiratsvermittlerin Leben ein und verleiht ihr eine unverwechselbare Persönlichkeit. Insbesondere Dollys Zwiesprache mit ihrem verstorbenen Gatten gestaltet sie sehr berührend. Großartig!

Und auch Christoph Heinrich als Horace Vandergelder hat deutlich in seiner Darstellung gewonnen. Selbstverständlich grantelt er weiterhin amüsant durch den Abend. Doch es gibt auch die zarten Momente und kleinen Gesten, die zeigen, dass sich hinter der rustikalen Fassade ein sensibler und verletzlicher Charakter verbirgt. So ist es viel nachvollziehbarer, warum Dolly sich in Horace verguckt. Ob ich nun diese Feinheiten beim ersten Besuch übersehen hatte, oder ob Christoph Heinrich sie jetzt wirkungsvoller ausspielt? Egal! Sie sind da, und lassen die Figur äußerst sympathisch erscheinen. Bravo!

Gönnt euch hin und wieder den Luxus des zweiten Blicks. Ja, es ist ein Luxus, der wahrlich nicht selbstverständlich ist. Die Pandemie hat mich dies allzu schmerzlich spüren lassen. Genießt unsere wundervoll bunte Kulturlandschaft so oft ihr die Möglichkeit dazu habt. Auf der Bühne des Theaters stand ein Ensemble, das sich aus Mitgliedern vieler Nationen zusammensetzte, die gemeinsam ihrem Publikum einen wunderbaren Abend schenkten. In den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts war dies in diesem Land nicht mehr möglich. Dies darf nicht noch einmal geschehen…!

Nichts bedaure ich mehr als eine vertane Chance, oder wie Dolly es so treffend ausdrücken würde…

„Before The Parade Passes By“


Die pfiffige Heiratsvermittlerin HELLO, DOLLY! wird voraussichtlich noch bis zum Ende der Spielzeit ihre Fäden am Theater Bremen spinnen.

[Rezension] E.T.A. Hoffmann – Meister Floh. Ein Märchen in sieben Abenteuern zweier Freunde/ mit Illustrationen von Alexander Pavlenko

E.T.A. Hoffmann: Er gilt als einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Romantik, der beeinflusst wurde von den Gespenstergeschichten des 18. Jahrhunderts, der englischen Schauerliteratur und den frühromantischen Märchen. Hieraus schuf er seinen sehr eigenen Stil für seine Novellen und Erzählungen, die wiederum prägend waren für nachfolgende Genrationen an Literaten. Aber seine Werke dienten auch bekannten Komponisten als Vorlage für ihre musikalischen Werke: Jacques Offenbach gestaltete aus seinen Geschichten die Oper Hoffmanns Erzählungen, und das Märchen Nussknacker und Mäusekönig inspirierte Pjotr Iljitsch Tschaikowsky zu seiner weltberühmten Ballettmusik.

Bei „Meister Floh. Ein Märchen in sieben Abenteuern zweier Freunde“ handelt es sich um ein so genanntes Kunstmärchen, das im Jahr 1822 erstmals erschienen ist. Nun würde jeder davon ausgehen, dass ein Märchen der Fantasie seines Autors entsprungen ist und somit viel Fiktion und wenig Realismus enthält. In diesem Fall scheint die satirische Adern Hoffmanns mit ihm durchgegangen zu sein: Die Erstfassung wurde zensiert und um zwei Kapitel gekürzt. Sie enthielt Details, die allzu deutlich auf einen Fall schließen ließen, den Hoffmann zuvor als Mitglied der „Immediat-Kommission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen und anderer gefährlicher Umtriebe“ in Preußen zu untersuchen hatte. Und so erschien erst im Jahr 1908 die ursprüngliche Fassung.

Wir lernen in diesem Märchen als erstes nicht den Titelgeber kennen – Nein, der taucht erst im 3. Abenteuer auf! – sondern den jungen Kaufmannssohn Peregrinus Tyß aus Frankfurt, der sehr zurückgezogen ganz in seiner eigenen Welt lebt und Schwierigkeiten mit der Menschheit an sich und mit den jungen Damen im Besonderen hat. Eine Hauptrolle spielen dabei Meister Floh, das gelehrte Oberhaupt der Flöhe, und der intrigante Hofrat Knarrpanti, der Peregrinus Tyß die Entführung einer jungen Frau andichtet, die gar nicht stattgefunden hat. Doch der Hofrat erhofft sich einen Schub für seine Karriere, wenn er nicht nur eine Tat erfindet, sondern gleichzeitig den angeblichen Täter auf dem Silbertablett präsentiert. Doch wie im Märchen erhofft und erwünscht, kommt bei einem sensationellen Verhör die Wahrheit ans Licht, und der lächerliche Hofrat wird vom Rat der Stadt Frankfurt als intriganter Betrüger entlarvt und davongejagt. Die Gerechtigkeit hat gesiegt, und alle leben glücklich und zufrieden bis an ihr selig Ende…!

Ich gebe es gerne zu, dass ich meine Schwierigkeiten hatte, mich in die Geschichte hineinzufinden. Dies lag nicht an Hoffmanns Sprache, die ganz im Duktus der Romantik daherkommt und mit feiner Formulierung und charmant-antiquiert wirkenden Habitus den märchenhaften Charakter des Werkes eher noch unterstreicht. Vielmehr forderte er mich mit dem Aufbau seiner Geschichte heraus. Er verflechtet die verschiedenen Ebenen miteinander und lässt die Übergänge fließend ineinander verlaufen. So spielt er mit den Mitteln der Groteske indem er sowohl Märchenhaftes und Reales wie auch Wunderwelt und Alltagswelt aufeinandertreffen und miteinander verschmelzen lässt. Doch auch seine (reale) Kritik an sozialer Ungerechtigkeit, der Justiz und der Wissenschaft lässt er zwischen den Zeilen durchschimmern und setzt dieser einen Konterpart mit Themen wie Selbstverwirklichung, Kreativität und Liebe gegenüber.

Märchen „schreien“ geradezu nach einer optischen Umsetzung, oder kennt hier irgendjemand ein Märchenbuch, das ohne Illustrationen auskommt? Ich nicht, und wenn es eines gäbe, es würde sehr wenig Reiz auf mich ausüben. In diesem Fall schuf der deutsch-russische Künstler Alexander Pavlenko filigrane Scherenschnitte, die mit ihrer anmutenden Schwarz-Weiß-Ästhetik die romantische Note der Geschichte ganz wunderbar unterstreichen und dabei überraschende Details offenbaren.

In den letzten Jahren haben sich illustrierte Bücher eine treue Fangemeinde erobert und profitieren von einem größeren Format, um so die Illustrationen besser wirken zu lassen. Beim vorliegenden Buch ist dies mit den Maßen 13,5 x 19,5 cm leider nicht gegeben. Die Ausstattung wirkt eher „schlicht“: Es gibt weder einen Schutzumschlag, noch ein Lesebändchen. Auch hätte ich mir einen Anhang gewünscht, aus dem ich mehr aus dem Leben des Autors und zur Entstehungsgeschichte des Märchens erfahren hätte. Ebenso wäre eine kurze Biografie des Künstlers wünschenswert gewesen. Zumal sich dieses Buch in einem Preissegment einreiht, bei dem sonst die illustrierten Bücher der Büchergilde Gutenberg oder des Reclam Verlags zu finden sind.

So gilt meine Kritik ganz und gar nicht dem Inhalt sondern vielmehr der verlegerischen Umsetzung: Das Team „Hoffmann & Pavlenko“ hätte durchaus ein wenig „Mehr“ verdient…!


erschienen bei Edition Faust / ISBN: 978-3949774157

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

ebenfalls erschienen bei Reclam/ ISBN: 978-3150142226 (ohne Illustrationen)

[Krimi] Agatha Christie – MORD IM ORIENTEXPRESS / Stadttheater Bremerhaven

Kriminalstück von Agatha Christie / für die Bühne bearbeitet von Ken Ludwig / deutsch von Michael Raab

Premiere: 25. Februar 2023 / besuchte Vorstellungen: 19. März & 17. Mai 2023

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


INSZENIERUNG Andreas Kloos
BÜHNE Sven Hansen
KOSTÜME Viola Schütze
MUSIKALISCHE LEITUNG Jan-Hendrik Ehlers
CHOREOGRAFIE Lidia Melnikova


Der Vorhang hebt sich ca. 80 cm über den Boden und gibt den Blick auf verschiedene Beinpaare frei. Wie Stimmen aus der Vergangenheit hören wir über den Lautsprecher, wie die kleine Daisy Armstrong ihren Eltern gute Nacht sagt, von ihrem Kindermädchen ins Bett gebracht wird, mitten in der Nacht erwacht, da ein Fremder vor ihrem Bett steht und sie entführt. Und mit dem letzten verzweifelten Schrei eines Kindes verstummen die Stimmen aus der Vergangenheit, der Vorhang öffnet sich zur Gänze und enthüllt die Gegenwart des Jahres 1934. Das Spiel um Mord, Rache und Selbstjustiz beginnt…!

„Wenn ich nachts allein im Dunkeln liege, frage ich mich wieder und wieder:
Habe ich richtig gehandelt? War das wirklich Gerechtigkeit?“
Hercule Poirot

Auf den Beginn der Vorstellung wartend, saß ich im Zuschauersaal und war sowohl äußerst gespannt als auch ein wenig ängstlich. Ich war gespannt auf diese Bühnen-Adaption des wohl bekanntesten Romans von Agatha Christie durch den amerikanischen Dramatiker Ken Ludwig, gespannt, wie „mein“ Stadttheater diese Adaption auf der Bühne umsetzten würde und ängstlich, ob ich mich mit der Interpretation der von mir so geliebten Figuren – allen voran Hercule Poirot – anfreunden könnte. Doch glücklicherweise überwog die Spannung vor meiner Ängstlichkeit!

Ken Ludwig hat die Anzahl der Charaktere des Romans geschickt für die Bühne auf 10 Personen reduziert und ihnen dabei teilweise neue Aufgaben zugewiesen, ohne die Grundgeschichte zu verfälschen. Auch bei den Dialogen orientierte er sich an dem literarischen Original und bereicherte sie durch launige Bonmots.


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Regisseur Andreas Kloos hätte aus diesem Stück eine wahre Klamauk-Klamotte zimmern können: Die Rollen bieten in ihrer Gestaltung durchaus das Potential dazu. Doch er verzichtet glücklicherweise auf dieses „Zuviel“ und überrascht mit witzigen Regie-Ideen. Gemeinsam mit dem Ensemble lotet er äußerst geschickt die Grenzen des Humors aus, ohne ins übertrieben Alberne abzudriften. Die Personen werden leicht „over-the-top“ als scheinbar unantastbare Upper-Class porträtiert. Doch als ihre fein konstruierte Fassade aus Lügen von Poirot eingerissen wird, stehen plötzlich verletzliche und verletzte Wesen auf der Bühne, die weit weniger unantastbar sind.

Schauspieler Frank Auerbach schlüpft in die Rolle des Meisterdetektivs und stellt sich somit der herausfordernden Aufgabe, den Erwartungen des Publikums an dieser Figur gerecht zu werden. Denn schließlich hatten schon einige renommierte Mimen (Finney, Ustinov, Suchet) diese Rolle in der Vergangenheit höchst überzeugend verkörpert und jeweils ihren ureigenen Stempel aufgedrückt. Doch auch Auerbach überzeugt mit seiner Darstellung auf ganzer Linie: Sein Poirot ist durchaus eine Spur rustikaler, wenn nicht sogar bodenständiger als in der Rollengestaltung seiner namhaften Vorgänger. Er bleibt im bekannten Rahmen der literarischen Vorgaben, zeigt Poirots Marotten aber sehr dezent, bemüht den Akzent nur wohldosiert und findet so zu einer eigenständigen und überzeugenden Interpretation.

Eingerahmt wird Auerbach durch seine talentierten Schauspiel-Kolleg*innen, die jede*r für sich in der jeweiligen Rolle eine fulminante Performance bieten. Kay Krause (Monsieur Bouc), Julia Lindhorst-Apfelthaler (Mary Debenham), Marc Vinzing (Hector MacQueen), Leon Häder (Michel), Isabel Zeumer (Prinzessin Dragomiroff), Nikola Frehsee (Greta Ohlson), Marsha Zimmermann (Gräfin Andrenyi), Sibylla Rasmussen (Helen Hubbard) und Richard Feist (Oberst Arbuthnot/ Samuel Ratchett) agieren gemeinsam auf Augenhöhe und liefern sich geschickt einen gekonnten Wechsel zwischen Slapstick und Dramatik.

Die Drei-Mann Band, bestehend aus Jan-Hendrik Ehlers, Marco Priedöhl und Olaf Satzer, sorgt für die passende musikalische Untermalung, unterstütz das Ensemble bei swingenden Show-Einlagen (Choreografie: Lidia Melnikova) und amüsiert auch solistisch u.a. am Akkordeon als verkapptes Funkgerät oder beim gefühlvollen Schlagen der Triangel.

Bühnenbildner Sven Hansen bemüht die Technik, ohne dass er diese in den Mittelpunkt stellt. Er zaubert sowohl die Außenansicht einen Wagon wie auch das Innenleben des Speisewagens auf die Bühne. Der Schlafwagen wird von ihm über zwei Ebene präsentiert, bei denen das Publikum gleichzeitig Einblicke erhält, was im Inneren der Kabinen sowie auf dem Gang davor passiert. Dabei wirkt die Ausstattung des titelgebenden Fortbewegungsmittels eher dezent. Es scheint, als sollte die Aufmerksamkeit des Publikums auf die handelnden Personen fokussiert und nicht von einem luxuriösen Ambiente des Orientexpress abgelenkt werden. Die Kostüme von Viola Schütze unterstreichen das „over-the-top“ der Personen und überzeugen durch Raffinesse und witzige Details.

Auf dem Heimweg machte ich mir so meine Gedanken. Es ist ganz und gar erstaunlich: Unabhängig davon, wie häufig ich diese Bühne besuche und egal, was ich mir dort anschaue, es gefällt mir. Das kann doch nicht sein? Selbst an der Bühnen-Adaption eines meiner Lieblingsromane von Agatha Christie mit dem von mir heißgeliebten und hochverehrten Hercule Poirot fand ich keinen Makel. Es muss doch irgendwann eine Inszenierung geben, die mir nicht oder zumindest weniger zusagt, oder?

Doch glücklicherweise neige ich nicht dazu, das vielbemühte Haar in der Suppe zu suchen. Vielmehr genieße ich mit wachen Sinnen und aus vollem Herzen, dass diese Bühne eben verdammt gutes Theater macht!


Alle, die beim MORD IM ORIENTEXPRESS miträtseln möchten, haben dazu noch bis Mitte Mai 2023 am Stadttheater Bremerhaven die Möglichkeit.

[Rezension] Agatha Christie – Mord im Orientexpress. Ein Fall für Poirot

Es war kurz vor Weihnachten des Jahres 1931: Agatha Christie hatte archäologische Ausgrabungsarbeiten ihres Mannes Max Mallowan im Irak besucht und befand sich nun mit dem Orientexpress auf dem Rückweg nach England, als der Zug aufgrund eines heftigen Unwetters zwei Tage auf offener Strecke stehen blieb. Agatha Christie nutze diese Zeit, um sich Gedanken zu einer neuen Kriminalgeschichte zu machen und schuf so die Grundlage zu einem ihrer bekanntesten Romane. Dabei nahm nicht nur den bekannten Zug als luxuriöse Kulisse zum Vorbild sondern ließ sich auch von den dramatischen Ereignissen um die Entführung des Lindbergh-Babys inspirieren. So verwob sie wieder geschickt Realität mit Fiktion…!

Hercule Poirot kann nur nach einigen Mühen und dank der Hilfe des mitreisenden Direktors der Eisenbahngesellschaft Monsieur Bouc ein Abteil im Kurswagen Istanbul – Calais des Orientexpress ergattern. Mitten im der Nacht versperrt eine Schneeverwehung die Strecke und zwingt den Zug zum Anhalten. Genau zu diesem Zeitpunkt wird der amerikanische Reisende Mr. Ratchett durch zwölf Messerstiche in seinem verschlossenen Abteil ermordet. Monsieur Bouc bittet Poirot, sich dem Fall anzunehmen. Da im Schnee keinerlei Spuren zu entdecken sind, muss sich der Mörder noch im Zug befinden. Im Abteil des Ermordeten findet Poirot einen nicht vollständig verbrannten Brief, aus dessen Rest er auf die Identität des Toten schließen kann: Bei Mr. Ratchett handelt es sich um den Verbrecher Cassetti, der durch Korruption und Bestechung seiner gerechten Strafe entkommen konnte. Cassetti hatte vor einigen Jahren die kleine Daisy Armstrong entführt, Lösegeld für sie erpresst und sie nach Erhalt der Summe erbarmungslos ermordet. Ihre Mutter erlitt daraufhin eine Fehlgeburt und starb an den Folgen. Ihr Vater wurde so von der Trauer übermannt, dass er Selbstmord beging. Eine Zofe von Mrs. Armstrong wurde fälschlicherweise der Mittäterschaft bezichtigt und stürzte sich aus einem Fenster in den Tod. So gehen fünf Leben auf das Konto von Cassetti, dem niemand eine Träne nachweinen würde. Poirot nimmt die Ermittlungen auf, doch weder die gefundenen Indizien noch die Zeugenaussagen der Mitreisenden ergeben ein klares Bild: Erscheint einer der Passagiere verdächtig, taucht unvermittelt ein Zeuge auf, der ein wasserdichtes Alibi liefern kann. Die Situation ist verzwickt: Hercule Poirots berühmten grauen Zellen arbeiten auf Hochtouren…!

„Mord im Orientexpress“ ist eines jener Werke, die den Weltruhm von Agatha Christie begründet haben und deren Existenz über so manches weniger gelungene Werk der Autorin hinwegtröstet. Denn eine so fleißige Autorin wie Christie, die über Jahrzehnte produktiv war, hat (zwangsläufig) nicht nur herausragende Werke hervorgebracht: In ihrem Oeuvre finden sich auch weniger geglückte Romane, die ich wohlwollend als solide bezeichnen möchte. Doch mit einem Krimi wie „Mord im Orientexpress“ zeigt sie ihr ganzes Können und beweist, dass sie zu Recht den Titel „Queen of Crime“ verdient.

Dabei nimmt sie die bekannten Ingredienzien, wie einen mysteriösen Mord in einem geschlossenen Raum, eine üppige Anzahl an Verdächtige sowie verwirrende Indizien, und fordert die Intelligenz ihre Leserschaft mit der Frage „Who done it?“ heraus. Zudem geizt sie nicht mit prallen Rollenprofilen, indem sie ein sehr illustres wie internationales Handlungspersonal auf der Bildfläche erscheinen lässt. Einen gemeinsamen Nenner zwischen diesen Personen scheint nicht existent, oder wie sie es Monsieur Bouc so treffend ausdrücken ließ:

„Um uns herum sitzen Menschen aller Schichten, aller Nationalitäten, jeden Alters. Für drei Tage bilden diese Menschen, lauter Fremde füreinander, eine Gemeinschaft. Sie schlafen und essen unter einem Dach, sie können sich nicht aus dem Weg gehen. Und nach den drei Tagen trennen sie sich wieder, jeder geht seiner eigenen Wege, und sie werden sich vielleicht nie wieder sehen.“

Dabei konstruiert sie wieder einen äußerst interessanten Handlungsaufbau: Wir verfolgen das Geschehen zwar einerseits chronologisch doch parallel auch in Rückblenden. Der Leser begleitet Hercule Poirot durch die einzelnen Verhöre und kann die Aussagen, wer sich wann an welchem Ort befunden hat, anhand der vorhandenen Skizze der Zugabteile nachvollziehen. Brillant verflicht Christie die einzelnen Zeugenaussagen zu einem feinen Netz aus Details. Sie überzeugt auch in den glaubhaften Dialogen, die sie ihren Figuren in den Mund legt und die diese treffend skizzieren. Dabei erlaubt sie den Personen eine Emotionalität, die für einen Christie-Roman eher ungewöhnlich ist.

Auch wer die Auflösung schon kennt, wird am geschickten Aufbau der Geschichte seine wahre Freude haben. Für mich zählt „Mord im Orientexpress“ nicht nur zu einem der besten Poirot-Romane, sondern zu einem der besten Romane, die Agatha Christie je geschrieben hat.


3x Poirot / 3x Mord im Orientexpress

3x Poirot - 3x Mord im Orientexpress

Ein Roman wie „Mord im Orientexpress“ mit seiner Ansammlung prägnanter Charaktere innerhalb eines luxuriösen Ambientes „schreit“ geradezu nach einer visuellen Umsetzung und wurde entsprechend häufig adaptiert. Der Roman wurde zweimal für das Kino und dreimal für das Fernsehen verfilmt.

Für die Bühne wurde der Stoff vom Dramatiker Ken Ludwig bearbeitet und feierte im Jahr 2017 seine Uraufführung. Übrigens: Diese Fassung steht mit einer eigenständigen Inszenierung auch auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven (Beitrag folgt!).

Ich habe mich bei meiner Auswahl auf die drei bekanntesten Verfilmungen beschränkt.

  • (1974/ Film)/ Regisseur Sidney Lumet versammelte ein All-Star-Cast mit Albert Finney als Hercule Poirot sowie Lauren Bacall, Martin Balsam, Ingrid Bergman, Michael York, Jacqueline Bisset, Richard Widmark, Sean Connery, John Gielgud und Anthony Perkins. Dabei blieb Lumet in seiner Umsetzung nah am literarischen Original, gab jedem seiner Stars genügend Möglichkeiten zur Entfaltung, ohne dass jemand hervorgehoben wurde bzw. sich in den Mittelpunkt spielte, und schaffte so eine fulminante Ensembleleistung voller Klasse und Flair.
  • (2010/ TV)/ Regisseur Philip Martin brauchte sich mit der für die britische Krimi-Serie „Agatha Christie’s Poirot“ entstandene Adaption wahrlich nicht zu verstecken. Neben dem großartigen David Suchet als Hercule Poirot, der diese Figur bis zur Perfektion studierte, konnte er mit Jessica Chastain, Hugh Bonneville, Toby Jones, Susanne Lothar, David Morrissey, Barbara Hershey, Denis Ménochet, Serge Hazanavicius und Samuel West ein ebenso exzellentes Ensemble vereinen. Diese Fassung ist deutlich dunkler und melancholischer als die Film-Fassung von 1974 und beleuchtet beinah kammerspielartig die Beweggründe der Protagonisten ohne an Dramatik einzubüßen.
  • (2017/ Film)/ Regisseur Kenneth Branagh schlüpfte selbst in der Hauptrolle des Meisterdetektivs, legte diesen allerdings eher als draufgängerischen Abenteurer an. Ähnlich wie sein Kollege Sidney Lumet versammelte er mit Penélope Cruz, Willem Dafoe, Judi Dench, Johnny Depp, Derek Jacobi, Michelle Pfeiffer, Daisy Ridley, Lucy Boynton und Olivia Colman ebenfalls ein Star-Ensemble, das an die klangvollen Namen der Rollenvorgänger allerdings nicht heranreichte. Pathos ersetzt nicht Emotionen. Zudem wirkte der Film auf mich mit seinen digitalen Effekten seltsam aufgebläht.

Welche Verfilmung man nun präferiert, welcher Rollengestaltung man nun den Vorrang gibt, bleibt natürlich dem persönlichen Geschmack überlassen.


erschienen bei Atlantik / ISBN: 978-3455650013 / in der Übersetzung von Otto Bayer

ebenfalls erschienen als Hörbuch bei der Hörverlag / ISBN: 978-3899407907 / Sprecher: Stefan Wilkening

[Rezension] Guillaume Picon – Der Orient-Express. König der Züge/ mit Fotografien von Benjamin Chelly

Der Orient-Express: Er wird gerne als „König der Züge“ bezeichnet. Dabei gab es den einen Zug gar nicht, vielmehr bestand der Orient-Express aus einem ganzen System von Luxuszügen, die den Westen mit Mittel- und Südosteuropa verbanden. Am 5. Juni 1883 hatte der Zug, der ursprünglich jeweils nur aus einem Schlaf- und einem Speisewagen der Compagnie Internationale des Wagons-Lits (CIWL) bestand, seine Jungfernfahrt. Gestartet wurde in Paris mit dem Ziel Konstantinopel. Anfangs mussten die Reisenden sogar auf Fähr- und Schiffsverbindungen ausweichen, bis ab dem Jahr 1889 eine durchgehende Verbindung per Schienen über Süddeutschland, Wien, Budapest und Sofia sie ans Ziel führte.

Der Orient-Express: Er wird auch gerne als „Zug der Könige“ bezeichnet und galt zu seiner Zeit als schnellste und luxuriöseste Art zu Reisen. Die Materialien für das Interieur waren erlesen, das Design auf der Höhe der Zeit, die Speisen exzellent und die Weine exquisit. Gekrönte Häupter sowie Staatsmänner und -frauen zählten ebenso zu seinen Fahrgästen wie Künstler, Literaten und natürlich die Haute Volée aus dem Inn- und Ausland.


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Guillaume Picon (Text) und Benjamin Chelly (Fotos) lassen in ihrem Bildband die Pracht dieser legendären Züge wieder aufleben und ermöglichen mir unbedeutendem Pimpf, der wohl nie leibhaftig einen dieser Züge zu Gesicht bekommen wird, so einen detaillierten Eindruck darüber zu erhalten, was den Reiz dieses legendären Verkehrsmittels ausmachte.

Auf 256 Seiten und mit Hilfe von ca. 200 Abbildungen lassen sie die Geschichte dieses Luxus-Zuges vor meinen Augen ablaufen. Dabei geizen sie wahrlich nicht mit interessantem Hintergrundwissen. So berichten sie uns von den Umständen, die zum Bau dieses Gefährts führten und den veränderten Reisegewohnheiten der Menschen geschuldet waren. Wir lernen mit Georges Nagelmackers den genialen Kopf hinter dieser Idee kennen, der vorausschauend den Bedarf an komfortablen Fernreisen erkannte. Beim Studium der informativen Texte wurde mir bewusst, dass erst die bahnbrechenden neuen Technologien der damaligen Zeit, diese Art des Reisens ermöglichen konnte und zur Entwicklung der modernen Schienenfahrzeuge führte. Doch nicht nur schnell sollte eine Strecke zurückgelegt werden sondern auch absolut komfortabel: So wurde viel Wert auf eine ansprechende Ausstattung gelegt, die auch gehobenen Ansprüchen genügen sollte. Edle Materialien und feine Handwerkskunst kamen hierbei zum Einsatz und sorgten für ein nobles Ambiente. Aufgrund der großen Nachfrage musste das Netz ausgeweitet werden, und weitere Züge wurden auf die Schienen gestellt, um andere attraktive Reiseziele anzufahren.

Diese prestigeträchtige Art zu Reisen zog natürlich auch berühmte wie berüchtigte Prominente an, wie Mata Hari, Lawrence von Arabien und natürlich Agatha Christie, die mit ihrem 9. Hercule Poirot-Roman „Mord im Orientexpress“ diesem eh schon legendären Zug ein literarisches Denkmal setzte. Doch ein Zug, der international verkehrt, bleibt leider auch nicht vor Unglücken oder Wetterkatastrophen verschont, und auch so mancher Krieg nahm Einfluss auf die Fahrtroute.

Die historischen Abbildungen und Illustrationen sind ebenso ausgesucht wie die Originalfotos von Benjamin Chelly. Jedes Kapitel wird mit einer Abbildung alter Stoffmuster von Teppichen oder Sitzmöbel eingeleitet, bevor wir einen ausschweifenden Blick in die Luxus-Kabinen, den Speisewagen und den Schlafwagen werfen. Da gibt es kostbaren Intarsien aus edlem Holz zu bewundern. Das mundgeblasene und handgeschliffene Lalique-Glas verströmt ebenso Glamour wie die auf Hochglanz polierten Messing-Armaturen. Etliche Fotos zeigen die Gesamtansicht eines Raumes, andere fokussieren das Auge des Betrachters auf wunderbare Details in der Ausstattung im erlesenen Design des Art déco.

Dank diesem Buch, das mit den informativen Texten, einem bisher unveröffentlichten Archivmaterial und den opulenten Fotografien den Flair dieses legendären Zuges aufleben lässt, wird der Mythos „Orient-Express“ auch in den kommenden Jahren weiterleben.


erschienen bei Frederking & Thaler / ISBN: 978-3954162963 / in der Übersetzung von albrecht schreiber

[Führung] INFO-WERKSTATT: BIBLIOTHEKSFÜHRUNG / Stadtbibliothek in Osterholz-Scharmbeck

Einführung in die Benutzung der Stadtbibliothek für alle Interessierte am 7. März 2023 / Stadtbibliothek in Osterholz-Scharmbeck


Wann war ich das letzte Mal als Nutzer bei einer Bücherei registriert? Es liegt schon so viele Jahre zurück, dass es sich beinah anfühlt, als hätte es in einer längst zurückliegenden Epoche stattgefunden. Nach Beendigung meiner ersten Ausbildung (Industriekaufmann) im Jahre 1992 habe ich keine Bibliothek zum Zwecke der Ausleihe eines Buches mehr betreten. Damals (!) lief alles noch analog: Jedes Buch war mit einem Kärtchen versehen, auf dem das Rückgabe-Datum ebenso gestempelt wurde wie auf einer Liste, die fest im Buch verblieb. Das Kärtchen landete in einem kleinen Papp-Umschlag auf dem Name und Kontaktdaten des Ausleihers vermerkt waren. So handhabte es die Gemeindebücherei in Ritterhude, bei der ich als Kind ein und aus ging, ebenso, wie die Dependance der Stadtbibliothek Bremen im Stadtteil Lesum in der Nähe meines Ausbildungsbetriebes. Beide waren für mich zur jeweiligen Zeit wahre Zufluchtsorte, die einerseits meinen Hunger nach Literatur stillten, andererseits mir aber auch einen rettenden Hafen im aufbrausenden Meer meines manchmal allzu stürmischen Alltags boten. Denn hier schipperte ich immer sicher in ruhigen Gewässern…!

Ⓒ Foto Stadtbibliothek Osterholz-Scharmbeck (2)

Doch wie kann ich mir heutzutage ein Buch ausleihen? Was muss ich bei der Rückgabe beachten? Wie erfahre ich, ob das Buch, das ich suche, auch im Bestand ist? Und was hat eine Bibliothek sonst noch so zu bieten? Auf diese und viele weitere Fragen erhoffte ich mir Antworten, als ich mich zur INFO-WERKSTATT: BIBLIOTHEKSFÜHRUNG anmeldete.

Erwartet wurden wir an diesem Spätnachmittag von Marcel Biesterfeld, seines Zeichens Fachangestellter für Medien- und Informationsdienste (kurz FaMI genannt), der die Führung virtuell auf der Homepage der Bibliothek begann. Denn – vorausgesetzt alle Anmeldemodalitäten sind getätigt – schon hier kann der Lesespaß beginnen.

Über das Portal „onleihe“ ist eine Nutzung der E-Medien rund um die Uhr möglich. Zudem kann zuhause im OPAC (Online Public Access Catalogue), einem öffentlich zugänglichen Online-Katalog gestöbert werden, der den Bestand an Publikationen der Stadtbibliothek verzeichnet und diese so recherchierbar macht. Bevor ich überhaupt meinen Fuß in diese Bibliothek setzen müsste, könnte ich schon am heimischen Rechner erfahren, ob das gewünschte Buch vorrätig ist, bzw. bis wann es verliehen wurde. Sollte mein Wunsch-Schmöker nicht vor Ort sein, wäre eine Reservierung sinnig. Dabei erfahre ich auch, wie viele Kunden den Titel schon vor mir reserviert haben, d.h. wie lange ich mich gedulden müsste, bis eine Ausleihe des besagten Titels für mich möglich wäre. Aber auch eine Suche direkt vor Ort ist an drei Plätzen innerhalb der Bibliothek möglich: Da jedem Buch ein genauer Standort zugeschrieben wurde, erleichtert dies natürlich erheblich die Suche.

Ⓒ Foto Stadtbibliothek Osterholz-Scharmbeck (3)

Die Kosten für mich als Erwachsener sind äußerst moderat (12,– Euro/Jahr). Für Kinder und Jugendliche aus dem Landkreis Osterholz ist die Bibliothekskarte übrigens kostenlos. Weitere Kosten fallen nur dann für mich an, wenn ich mir spezielle Medien (DVD, CD, Hörbuch oder Tonie) ausleihe, eine Reservierung tätige, ein Buch über Fernausleihe bestelle oder die entliehenen Medien verspätet zurückgebe.

Nach der grauen Theorie begaben wir uns in die bunte Praxis und starteten einen Rundgang durch die Räumlichkeiten. Herr Biesterfeld führte uns von Regal zu Regal, von Themengebiet zu Themengebiet und klärte uns u.a. darüber auf, was uns die am Buch zu findenden Kürzel verraten. Bei diesem Rundgang wurde nur allzu deutlich, dass eine moderne Bibliothek heute mehr zu bieten hat, als „nur“ Bücher zu verleihen. So können die Besucher*innen bei einer Tasse Kaffee in aktuellen Zeitungen und Zeitschriften blättern, kostenlos einen der vier Rechner nutzen oder aus einer üppigen Auswahl an Brettspielen wählen. Neben einer Vielzahl an Angeboten für Eltern und Kinder finden auch noch Veranstaltungen wie Lesungen und E-Book- bzw. Smartphone-Sprechstunden statt. Menschen mit einem grünen Daumen werden sicherlich – im Sinne der Nachhaltigkeit – in der Saatgutbibliothek fündig: Hier kann Saatgut alter Gemüsesorten entliehen werden. Wie dies funktioniert, erfahrt Ihr auf der Homepage der Bibliothek oder bei der „Info-Werkstatt: Saatgut in der Bibliothek ausleihen?“.

Mit Erleichterung durfte ich feststellen, dass – trotz aller Modernität – sich etwas nicht verändert hat und hoffentlich auch nie ändern wird: Eine Bibliothek ist immer noch der sichere Hafen für einen nach Ruhe dürstenden Lesehungrigen…!

Ich danke Herrn Biesterfeld herzlich für diese informative Führung durch die Bibliothek!


Hier findet ihr den VERANSTALTUNGSKALENDER der Stadtbibliothek in Osterholz-Scharmbeck. Schaut gerne mal vorbei…!