MONTAGSFRAGE #95: Welche kleinen Verlage kennt ihr eigentlich und mögt ihr gern?

Natürlich hat jeder von uns die Publikationen der großen Verlage im Regal stehen: Diogenes, Rowohlt, Hanser und die vielen, vielen Verlage, die sich unter dem Dach von Random House befinden, kennt wohl beinah jedes Kind, und daran ist absolut nichts Verwerfliches…! Aber es gibt auch sie, die kleinen und kleinsten Indie-Verlage, die Klassisches pflegen, Kantigem ein Forum bieten und Unbekanntem Raum geben.

Seit Herbst 2018 gibt es erst den Schweizer Kampa Verlag mit dem namensgebenden Daniel Kampa an der Spitze, der sich als Heimstätte von Georges Simenons Werke etabliert hat. Doch auch die Literaturnobelpreis-geadelte Olga Tokarczuk fand hier ihre deutschsprachige Heimat. Zudem überrascht der Verlag mich immer wieder mit ausgewählten Anthologien, schön illustrierten (Kinder-)Büchern und sowohl neu- als auch wiederentdeckten Krimis.

Antje Kunstmann und ihr Team scheinen ein feines Gespür zu besitzen, bei welchen in Vergessenheit geratenen Werken es sich lohnt, sie vom Staub der Vergangenheit zu befreien. Ihre Wiederveröffentlichungen (u.U. in neuer Übersetzung) sorgen für reichlich Gesprächsstoff. Aber auch moderne Gegenwartsliteratur ist hier zu finden, wie beispielsweise Kristof Magnusson mit seinem Roman „Ein Mann der Kunst“. Doch ich habe auch immer mit größtem Vergnügen den einen oder anderen Blick in einen der Lyrik-Bände geworfen.

„Schöne Bücher für kluge Frauen“ lautet das Motto vom Elisabeth Sandmann Verlag. Doch auch kluge Männer schätzen diesen Verlag für seine außerordentlich schönen Bildbände und die Sachbücher zu inspirierenden Themen und erfreuen sich an deren hochwertigen Aufmachung. Kluge Männer haben nämlich erkannt, dass Literatur mit feministischer Thematik eine Bereicherung darstellt.

Der kleine Bremer Donat Verlag bietet eine überraschende Bandbreite. Seit Gründung in Familienbesitz findet die/der interessierte Leser*in in diesem Verlag Werke zu Themen, die eher abseits des Mainstreams anzusiedeln sind. Autor*innen aus Bremen und „umzu“ fanden hier ihr verlegerisches Zuhause. Auch die Erzählbände der mir bekannten Autorin Ria Neumann sind hier erschienen.

Auch der Schünemann Verlag hat in Bremen seine Heimat. Neben s.g. „Bremensien“ und div. (Fach-)Zeitschriften gibt es einiges „op Platt“ zu entdecken. Aber auch die Koch- bzw. Kinderbücher mit regionalem Bezug schätze ich sehr. So habe ich mich in das Buch „Norddeutsche Sagen und Märchen“ mit Illustrationen von Julia Beutling verliebt.

Die Publikationen der Indie-Verlage bereichern die Literatur-Landschaft wie bunte Farbkleckse und sorgen so für eine enorme Themen-Vielfalt. Ich finde es absolut großartig…!

…und welche kleinen Verlage mögt Ihr???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Rezension] Fritz Eckenga – Eva, Adam, Frau und Mann – Da muss Gott wohl nochmal ran. Neue Rettungsreime/ mit Illustrationen von Nikolaus Heidelbach

Liebling,
ich habe nach dem Küffen
immer Fuffeln im Mund.
Kennft du den Grund,
wiefo ich die hab?

Blödmann,
nimm einfach die Maske ab.

*

Kabarettist Fritz Eckenga schlägt gnadenlos zu und trifft dabei empfindlich ins Schwarze: Statt „Aua“ zu brüllen, lacht der/die/das Getroffene aus voller Kehle und präsentiert die wehrlose Flanke in der wohligen Hoffnung auf einen weiteren Schlag. Ich wurde nicht endtäuscht: Eine Armada an Verse prasselte auf mich ein, und ich quiekte vor Vergnügen.

Thematisch beschäftigt sich Eckenga mit den essenziellen Bs des menschlichen Seins. Unter den Rubriken Belebt, Beliebt, Beruf, Begangen, Behütet, Verwirt, Berühmt, Bespielt, Bedacht und Bewundert schüttelt, rüttelt und reimt er alles zusammen, was nicht bis 3 auf einem Baum ist. Untermalt werden seine Werke durch den großen Nikolaus Heidelbach, dem er abschließend ein eigenes Gedichtchen widmet.

Mit spitzer Feder „verst“ er über Zwischenmenschliches und -tierisches, Politisches, Prominentes, Sportliches, Berufliches sowie All- und Feiertägliches, und es darf – aus aktuellem Anlass – auch Pandemisches nicht fehlen (Ratet mal, hinter welcher „Maske“ sich die hierzu passende Rubrik versteckt? 😉).

Ich habe Zeit, ich bin so frei,
ich schrei-
be hier auf Norderney,
wie einst der große Heinrich Hei-
ne sozusagen nebenbei,
bei einem Pott Ostfriesentee,
mit Blick auf Milchbar, Damm und See,
ne ziemlich große Menge Rei-
me in die daumendicke Spei-
sekarte des Café-
und Restaurants Marienhöh.

*

Für eine gute Pointe verkauft er nicht nur seine Großmutter, sondern scheut sich nicht, das Versmaß zu verbiegen und die wehrlosen Worte hemmungslos zu trennen – Hauptsache, es reimt sich. Wirkte diese Vorgehensweise auch anfangs so krude auf mich, dass ich nur dusselig aus der Wäsche gucken konnte, offenbarte sich nach einem wiederholten Lesen der Spaß. So hätte ich nie gedacht, dass diese Art ironischer Lyrik mir so viel Freude bereiten könnte. Darum…

Ja, schlag mich weiter! Ich brauch’ es…!


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-956143861

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #94: Wie wichtig sind euch Literaturpreise?

Kurz „gegoogelt“ und ich musste überrascht-erschreckt feststellen, dass es eine immense Anzahl an unterschiedlichen (sowohl nationalen als auch internationalen) Literaturpreisen gibt. Von den meisten, der dort genannten Auszeichnungen, hatte ich Banause noch nie etwas gehört. Selbstverständlich ist mir der Nobelpreis für Literatur ein Begriff, und auch der Deutsche Buchpreis und der Blockbuster Literaturpreis sind mir keine Unbekannten. Ich gönne jeder/-m Geehrten den jeweiligen Preis von Herzen. Denn (und hier zitiere ich mich selbst) Preise und Auszeichnungen sind wichtig! Sie schaffen Aufmerksamkeit, rücken die Buchbranche in den Fokus der Öffentlichkeit und würdigen die Leistungen der in der Buchbranche Tätigen. Ich bin für jedes verkaufte Buch dankbar!

In meinem Beitrag Muss ich lesen…? hatte ich mich vor einem Jahr schon zu diesem Thema geäußert.

Aber sind diese Preise auch für mich persönlich als Leser, als Kunde, als Konsument wichtig? Bestimmt einer dieser vielzähligen Literaturpreise mein Leseverhalten oder die Auswahl der von mir rezensierten Bücher? Diese Fragen kann ich alle mit einem eindeutigen „Nein!“ beantworten. Preise spielen in der Auswahl meiner Lektüre absolut keine Rolle. Ich lese, was mir gefällt. Dies kann mit Preisen überhäuft sein, ist aber nicht zwingend notwendig. Mein Vergnügen an diesem Lesestoff wird dadurch nicht beeinflusst.

Dieser Blog ist ein wunderbares Hobby für mich, und so gönne ich mir den Luxus, meine Lektüre völlig frei nach eigenem Gusto auszusuchen. Ich habe nicht den Anspruch, als möglichst intellektuell zu gelten. Ich muss nicht unter allen Umständen „nah am Puls der Zeit“ sein und somit die Werke der hippen Autor*innen/ Preisträger*innen rezensieren.

Aber ich habe durchaus den Anspruch, authentisch zu sein. Denn nur so kann ich glaubhaft und voller Überzeugung über die Lust am Lesen und die Freude am Vor-Lesen berichten…

…in der Hoffnung, dass der Funke der Begeisterung auch auf meine Leser*innen überspringt!

…und wie ist es bei Euch? Lasst Ihr Euch von Literaturpreise in Euerm Leseverhalten beeinflussen???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

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[Rezension] Jella Lepman – Die Kinderbuchbrücke

Es war einmal…

…vor einigen Jahren kurz vor den Wahlen, da saß ich mit einer Bekannten zusammen, und sie äußerste ihre Haltung dazu: „Ich gehe nicht zu den Wahlen! Man weiß ja eh nicht mehr, welche Partei man wählen soll!“ Ich starrte sie völlig entgeistert an: Nach einer Schrecksekunde in Schockstarre gab ich zu bedenken, dass – abgesehen davon, dass sie mit ihrer Wahlverweigerung automatisch die AfD stärkt – in der Vergangenheit viele mutige Frauen dieses Wahlrecht für sich und nachfolgende Generationen hart erkämpft haben. Mich traf der verständnislose Blick meiner Bekannten…!

Mutige Frauen: Es gab sie und wird sie zum Glück immer geben. Mutige Frauen, die am Sockel des Patriarchats des weißen Mannes rütteln. Und allen weißen Männern, die der Meinung sind, dass eben dieser weiße Mann die Krone der Schöpfung darstellt, rufe ich voller Überzeugung zu: „Nein, er ist es nicht!“ Im Gegenteil: Die Krone der Schöpfung sind für mich all die Menschen, die – im Großen wie im Kleinen – dafür sorgen, dass das Leben auf unserem Planeten ein wenig besser wird!

Jella Lepman war einer dieser Menschen, war eine dieser mutigen Frauen.

Als Jüdin musste die Journalistin 1936 über Italien nach England immigrieren, wo sie weiterhin u.a. für die BBC und den US-amerikanischen Sender ABSIE journalistisch tätig war. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt sie das Angebot, als Beraterin der US-Armee für Frauen- und Jugendfragen im Rahmen des „Reeducation“-Programms der amerikanischen Besatzungszone nach Deutschland zurückzukehren. Lepman reiste voller Zweifel und Ängste in das Land, das für den Holocaust verantwortlich war. Schnell wurde ihr bewusst, dass eine „Reeducation“ (=Entnazifizierung) bei denen am erfolgreichsten ist, die sie als hoffnungsvolle Zukunft eines Landes ansah: die Kinder! Das beste und geeignetste Medium, um den Kindern im Nachkriegsdeutschland Toleranz, Friedensliebe und Weltoffenheit näher zu bringen, waren für sie die wunderbaren Kinderbücher aus aller Welt bzw. aus Deutschland vor dem Einfluss der Nazis (z. Bsp. „Emil und die Detektive“ von Erich Kästner).

Aber waren die Kinder Deutschlands, die so viel Leid erlebt und Schreckliches gesehen haben, überhaupt bereit dafür? Und wären die Nationen bereit, ihre Kinderbücher dem „Feind“ zu spenden? Ihre Bitte um Bücher für die Kinder in Deutschland, die sie an die Länder richtete, traf dort einen Nerv der Solidarität – Solidarität für die Kinder – und so fungierten die Kinderbücher als Brücke der Verständigung zwischen den Nationen. Jella Lepman organisierte 1946 eine Internationale Jugendbuchausstellung in München (und somit auch die erste internationale Ausstellung in Deutschland nach dem Krieg), die auch auf Wanderschaft ging und somit in weiteren Städten in Deutschland gezeigt wurde. Die Ausstellung wurde ein sensationeller Erfolg: Aus ihr entwickelte sich im Jahre 1949 die Internationale Jugendbibliothek im München, deren Direktorin Lepman bis 1957 war.

In diesem Buch lässt Jella Lepman den Aufbau der Internationalen Jugendbibliothek mit eigenen Worten wiederaufleben. Im leichten Plauderton mit sehr viel Empathie erzählt sie über ihren Neu-Anfang im Nachkriegsdeutschland. Humorvoll berichtet sie von Rückschlägen und Fauxpas und plaudert unterhaltsam über Begegnungen mit damaligen Größen des öffentlichen Lebens (Eleanor Roosvelt, Theodor Heuss, Elly Heuss-Knapp, Golo Mann und Erich Kästner), die sie als Befürworter bzw. Unterstützer ihrer Idee gewinnen konnte. Im Mittelpunkt ihres Handels standen immer die Kinder. Sehr emotional lässt sie uns an ihren ersten Begegnungen mit traumatisierten Kindern, die in den Trümmerbergen ums Überleben kämpften, teilhaben. Ebenso berührend sind ihre Schilderungen über die Reaktionen der Kinder: Andächtig, staunend und mit glänzenden Augen nahmen sie die Bücher „in Besitz“. Jella Lepman lag so nicht nur die Förderung der Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland am Herzen. Sie wurde auch zur Förderin der jungen Leser*innen. „Kinder an die Macht“ schien ihre Devise zu lauten, und so ließ sie von den Kindern Buch-Rezensionen erstellen, in Gesprächsrunden Autor*innen Löcher in den Bauch fragen und initiierte die ersten Fremdsprachenkurse. Aber auch über den Räumlichkeiten der Bibliothek hinaus warb sie mit aller Kraft für ihre Idee und kooperierte mit Schulen und Ämtern. Zudem knüpfte sie grenzüberschreitend Kontakte, indem sie Kongresse besuchte und internationale Gäste in der Jugendbibliothek begrüßte. Die Autorin (be-)schreibt mit so viel Begeisterung und Anteilnahme, dass mir während der Lektüre (Ich gestehe…!) das eine oder andere Mal die Augen feucht wurden.

Eingeleitet wird dieses literarische Statement durch ein Vorwort von Dr. Christiane Raabe, der jetzigen Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek, ergänzt durch viele historische Fotos und abgeschlossen durch die lesenswerte Kurz-Biografie „Die vielen Leben der Jella Lepman“ von Anna Becchi.

Lepmans ängstliche Frage, ob die Kinder bereit für Bücher seien, war völlig unbegründet. Die Kinder stürmten begeistert zuerst die Ausstellung und später die Internationale Jugendbibliothek, beteiligten sich aktiv an deren Angebote und entdeckten die neuen Bücher für sich: Für sie waren die Kinderbücher die Flucht aus einem grauen Trümmer-Deutschland in eine farbenfrohe Welt voller Spaß, Abenteuer und einer Vielzahl an unterschiedlichen Held*innen,…

…und wenn sie nicht gestorben sind, dann lesen sie noch heute!

Weitere Informationen findet Ihr auf der HOMEPAGE der Internationalen Jugendbibliothek.


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-3956143922

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #93: Nehmt ihr dieses Jahr an der FBM teil?

Schon bei MONTAGSFRAGE #56 habe ich mich geoutet, dass ich bisher noch nie eine Buchmesse besucht habe,…

…und wahrscheinlich auch so schnell (unabhängig von Corona) nicht besuchen werde: Würden mich das Ambiente, das Zusammentreffen mit Autor*innen, Verlagsleuten, Blogger*innen und sonstigen Buch-Verrückten durchaus reizen, so schreckt mich das ganze nötige aber nervige Drumherum (Anreise, Unterkunft, Kosten) eher ab. Zudem löst bei mir als Migräne-Kandidat allein die Vorstellung, mich einer großen Menschenmasse mit der entsprechenden Geräuschkulisse auszusetzen, Unwohlsein aus.

Und so blieb ich bisher und bleibe auch weiterhin schön zuhause!!!

Doch in diesem Jahr ist alles anders (Wie oft habe ich diesen Satz schon geschrieben bzw. ausgesprochen?). Die Frankfurter Buchmesse geht in diesem Jahr digital(er) an den Start und bietet mir so die Möglichkeit, bequem vom heimischen PC aus – in Jogginghose und mit ausreichend Tee versorgt – teilzunehmen. Darum: Ja, in diesem Jahr werde ich an der FBM teilnehmen.

Der erste Eindruck, den ich bei einem oberflächlichen Surfen über die FBM-Seite erhielt, war schon recht vielversprechend: Ich werde sicherlich bei der ARD Buchmessenbühne oder dem blauen Sofa vorbei schauen, um den Interviews mit Autor*innen zu lauschen. Beim BOOKFEST (Wer hat nur diese denglische Wortkreation zu verantworten?) erhoffe ich mir die eine oder andere unterhaltsame Performance, und auch die Literaturszene des Ehrengastes Kanada wurde von mir bisher viel zu wenig wahrgenommen: Da gibt es mit Sicherheit eine Menge zu entdecken!

Und trotzdem: Es klingt alles ganz großartig, dass dies in unserer momentanen Situation dank der heutigen Technik möglich ist, doch…

…digitale Medien können und werden eine Live-Atmosphäre und die direkte Interaktion von Mensch zu Mensch nie ersetzten.

…und seid Ihr in diesem Jahr auch digital bei der Frankfurter Buchmesse dabei???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

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[Rezension] Quint Buchholz – Zauberworte

…und die Welt hebt an zu singen,
triffst Du nur das Zauberwort.
Joseph von Eichendorff

Zauberworte: Jeder kennt sie! Ein „Stichwort“ genügt, und an meiner Kommode der Erinnerungen springt eine Schublade auf und überschwemmt mich mit Bildern…! Der bekannte Illustrator Quint Buchholz, der u.a. Elke Heidenreichs Nero Corleone so wunderbar illustrierte, hat einige solcher Zauberworte gesammelt und dazu Bilder in sanften Farb-Nuancen geschaffen.

„Abenteuerlust“, „Löwenherz“, „Lieblingsbuch“, „Himmelsleiter“ und „Fingerspitzengefühl“ sind nur einige wenige dieser Zauberworte, die allein durch ihren Klang Assoziationen bei mir heraufbeschwören. Doch Buchholz’ Illustrationen bürsten die eigenen Assoziationen „gegen den Strich“ und öffnen so neue, ungewöhnliche Sichtweisen. Seine Illustrationen wirken beinah foto-real und scheinen gleichzeitig in einem sanften Nebel des Unwirklichen gehüllt.

Gekonnt arbeitet er mit Perspektive, nur um sie beim nächsten Bild zu verschieben, um so unserem gewohnten Denkmuster ein Schnippchen zu schlagen und es auszutricksen. Ein zweiter Blick ist oft angebracht, um das Kuriose, Abenteuerliche oder Phantasievolle in seinen Werken wahrzunehmen. Dabei setzt der Illustrator die Gesetze der Schwerkraft und des Möglichen außer Kraft und lässt Unwirkliches völlig „normal“ wirken. Wobei wir uns hier streiten könnten, was „normal“ ist und was nicht…!

So lösten manche Bilder bei mir erst ein verständnisloses Stirnrunzeln aus, um dann nach eingehender Betrachtung und Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Zauberwort einem kindlichen Staunen Platz zu schaffen.

Dieses Buch erweckte auf wundersame Weise das Kind in mir und lud mich ein, weniger rational, weniger stringent die Welt zu betrachten, sondern vielmehr meinen grauen Zellen eine farbenfrohere Sicht auf das Leben zu gönnen.


erschienen bei Sanssouci/ ISBN: 978-3990560013

MONTAGSFRAGE #92: Lese-Abos und Bücherboxen?

HIPP-HIPP-HURRA! Da bist Du ja wieder – geliebte Montagsfrage! Was habe ich Dich vermisst! …und Ihr sie doch sicher auch, oder? Nun, auch ohne sie drehte sich die Welt weiter, aber da ich ein Mensch bin, der Strukturen und Rituale mag, hat mir die montägliche Beantwortung doch so ein klitze-klitze-klitze-klitze-klitze-klein wenig gefehlt.

Antonias Auftakt-Frage auf dem Weg zur 100sten beschäftigt sich diesmal mit Lese-Abos und Bücherboxen, die seit einiger Zeit recht attraktiv zu sein scheinen. Der Ablauf ist immer recht ähnlich: Als Abonnent erhält man 1x monatlich/ 1x pro Quartal (je nach persönlicher Präferenz) ein Buch zugeschickt ohne vorher zu wissen, um welche Lektüre es sich handelt. Einige Anbieter verschicken „nur“ das pure Buch. Andere Anbieter legen mehr oder weniger attraktive „Gimmicks“ ins Paket dazu.

Bisher gab es nur zwei Anbieter, die mich eventuell in Versuchung hätten führen können:

Die Schmökerbox ist als Start-Up-Unternehmen zweier junger Leute ins Rennen gegangen, hat sich der Belletristik verschrieben und punktet mit hochwertigen „Gimmicks“, die einen direkten Bezug zur aktuellen Lektüre haben. Sie verwenden ausschließlich die Original-Publikationen der Verlage.

Mit einer vergleichbaren Aufmachung arbeitet auch der Buchclub Büchergilde Gutenberg mit seinen Abo-Boxen. Hierbei finden allerdings die Bücher in der Club-eigenen Ausstattung, die immer sehr besonders und hochwertig ist, ihren Weg zu den Leser*innen.

Die Kosten bei beiden Varianten liegen bei ca. € 40,– pro Lieferung.

So groß die Verlockung auch war, ich habe ihr widerstanden, da gerade das Nichtwissen um das, was mir da als Lektüre ins Haus flattert, mir nicht zugesagt hat. Ich bin eben nicht der literarische Abenteurer, der sich mutig auf unbekannte Seiten wagt. Ich brauche zumindest eine Ahnung davon, was mich zwischen zwei Buchdeckeln erwartet.

Nennt mich Feigling, schimpft mich Memme – ich stehe dazu, und erlaube mir diesen Anflug von Schwächlichkeit! 😂

…und wie lautet Eure Meinung: Seid Ihr Abo-Abenteurer auf den literarischen Welt-Meeren oder doch eher Sicherer-Hafen-Leser???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

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[Rezension] Vicki Baum – Menschen im Hotel

Die Drehtür des Berliner Grand Hotels rotiert: Gäste checken ein, checken aus, begegnen sich in der Lobby, im Tearoom oder im Wintergarten, und für einen kurzen Moment kreuzen sich ihre Lebensbahnen. Da haben wir den Generaldirektor Preysing, der sich voller Verzweiflung in Verhandlungen stürzt, um seine Firma zu retten. Im Nebenzimmer logiert der totkranke Buchhalter Otto Kringelein, der, nach einem unbedeutenden Dasein des Sparens und Darbens, noch einmal leben möchte. Der smarte Baron Gaigern ist ihm nicht ganz uneigennützig behilflich, eine gehörige Portion „Leben“ zu erfahren. Immer knapp bei Kasse aber auf großem Fuß lebend, schlägt er sich „hauptberuflich“ als Fassadenkletterer durch. Bei einem dieser Aktionen landet er im Zimmer der alternden und lebensmüden Primaballerina Grusinskaja. Doch anstatt ihr ihre berühmten Perlen zu stellen, findet er in ihr eine verwandte Seele auf der Suche nach Zuneigung und Glück. Ein kleines Stückchen Glück wünscht sich auch die kokette Sekretärin Flämmchen, die auf ihrer Suche danach durchaus gewillt ist, das unmoralische Angebot von Generaldirektor Preysing anzunehmen. Wenige Tage später, manchmal auch nur nach wenigen Stunden trennen sich diese Menschen wieder, doch ihre Begegnungen haben Spuren im Lebenslauf der anderen hinterlassen…!

Vicki Baums Roman „Menschen im Hotel“ erschien im Jahre 1929 mit dem treffenden Untertitel Kolportageroman mit Hintergründen: Jede*r ihrer Held*innen trägt eine Last auf den Schultern und droht, wie durch einen Mühlstein, der um den Hals gebunden ist, von ihr in den Abgrund gezogen zu werden. Jede*r versucht sich von dieser Last zu befreien, oder zumindest ein wenig Erleichterung zu erfahren. Ihre Schicksale liefern die nachvollziehbaren Beweggründe für die jeweiligen Taten, für die jeweiligen Entscheidungen. Das Nobelhotel, dieser Ort des Wohlstands und des Glamours dient als Projektionsfläche der Wünsche und Sehnsüchte: Hier scheint jede*r aus der Gewohnheit entflohen. Werte werden neu definiert.

Dieser über 90 Jahre alte Roman hatte mich schon nach wenigen Seiten gepackt: Ich war überrascht, mit welcher modern anmutenden Frische Vicki Baum ihre Sätze formulierte. Bar jeglicher Sentimentalität aber mit viel Einfühlungsvermögen offenbarte sie die Geschichten ihrer Held*innen und zeigte dabei viel Sympathie für deren Handlungen. So waren auch mir als Leser die Charaktere nie unsympathisch: Vielmehr verspürte ich Mitgefühl und Verständnis. Jeder Charakter war gleichsam interessant. Geschickt verwebte die Autorin die Handlungsstränge von Hotel-Gästen und -Personal miteinander und lieferte ein wechselvolles Sittenbild der damaligen Gesellschaft.

Der Roman wirkte auf mich, als würde ich einen Blick durch ein buntes Kaleidoskop wagen: nur eine kurze Drehung/ nur wenige Seiten und ein neues Bild entsteht. Gerade diese Vielschichtigkeit und das Hoffen auf Unvorhersehbares erzeugten für mich als Leser die Spannung bei der Lektüre. Ich konnte durchaus nachvollziehen, warum dieser Roman bei seiner Veröffentlichung so außerordentlich erfolgreich war und auch weiterhin seine Leserschaft verdient.

Vicki Baums Heldinnen & Helden haben das Hotel längst verlassen. Neue Gäste sind eingetroffen. Es herrscht ein emsiges Kommen und Gehen, und die Drehtür rotiert weiter und weiter und weiter…!


erschienen bei Kiepenheuer & Witsch/ ISBN: 978-3462037982

[Noch ein Gedicht…] Ingrid Streicher – DER SOMMER GEHT

Ende August – und sie ist da,
die erste Herbstzeitlose,
die am Waldrand blüht;
die grünen Blätter werden langsam
rot und gelb und braun.
Kaum noch ein Schmetterling,
der sanft von einer
zu der andern Blume zieht,
kaum noch ein fröhlich Amsellied.

Die Welt wird wieder merkbar leiser,
wenn jetzt der Sommer geht,
ganz sachte geht.
Wenn Nebel kreisen
und wie ein Streicheln dieser Wind
über die Felder und das Haar uns weht.
Wenn nach und nach
der Sommer geht…

Ingrid Streicher