[Rezension] Agatha Christie – Hercule Poirots Weihnachten

Mein lieber James,

Du bist immer einer meiner treuesten und wohl-
wollendsten Leser gewesen, weshalb ich ernstlich
verstört war, als ich ein kritisches Wort von Dir hörte.
Du hast Dich beschwert, meine Morde seien mittler-
weile zu raffiniert, regelrecht anämisch. Du würdest
Dich nach einem „guten brutalen Mord mit viel Blut“
sehnen. Einen Mord, bei dem kein Zweifel daran
besteht, dass es sich um einen Mord handelt!
Hier ist sie also, Deine Geschichte – extra für Dich
geschrieben. Ich hoffe, sie gefällt Dir.

Deine Dich liebende Schwägerin
Agatha

*

Weihnachten auf dem Landsitz Gorston Hall: Mit durchschnittener Kehle liegt der alte Simeon Lee tot in einer Lache aus Blut in seinem Arbeitszimmer. Im Zimmer herrscht ein heilloses Chaos als hätte ein erbitterter Kampf stattgefunden, und aus dem Tresor wurden wertvolle Roh-Diamanten entwendet. Die einzige Tür ist verschlossen, und der Schlüssel steckt von innen im Schloss. Eine Flucht des Täters durch eines der Fenster ist nicht möglich, da sich der Raum in einer der oberen Stockwerke befindet. So deutet alles darauf hin, dass einer von der Familie, den Gästen oder der Dienerschaft der Täter zu sein scheint. Und alle Anwesende hätten mehr als einen triftigen Grund, einen tiefen Groll gegenüber dem Opfer zu hegen. Superintendent Sugden von der örtlichen Polizei steht vor einer schier unlösbaren Aufgabe und bittet den Chief Constable Colonel Johnson um Unterstützung. Dieser hat über die Feiertage niemand geringeren als Hercule Poirot zu Gast. Mit vereinten Kräften stürzt sich das ungleiche Trio in die Ermittlungen, wobei Poirot seine Mitstreiter immer wieder mit seinen unorthodoxen Ermittlungsmethoden irritiert und die Verdächtigen mit unberechenbaren Fragen aus der Fassung bringt. Poirots kleinen grauen Zellen arbeiten auch zu Weihnachten wie ein präzises Uhrwerk, und so verwundert es nicht, dass er – „et voilà“ – auch diesmal eine verblüffende Lösung des Falls bietet…!

Je mehr Romane ich von Agatha Christie lese, umso mehr muss ich den Hut vor dieser Lady ziehen, die völlig zu Recht als „Queen of Crime“ betitelt wird. Sie nimmt die Zutaten eines klassischen britischen Krimis, schüttelt und rüttelt sie durcheinander, um (Wen wundert’s!?) einen klassischen britischen Krimi mit dem gewissen Etwas ihrer Anhängerschaft zu präsentieren. Dabei sind ihre Dialoge wieder so brillant, dass diese durchaus eins-zu-eins zum Drehbuch umgewandelt werden könnten. Die Handlungspersonen werden sehr präzise beschrieben und prägnant charakterisiert.

Häppchenweise offenbart die Autorin ihren Leser*innen sowohl die Hinter- als auch Beweggründe der Verdächtigen. Dabei behält sie alle Fäden der Handlung in ihren versierten Händen, verknotet diese bei passender Gelegenheit, um uns zu verwirren und auf eine falsche Fährte zu locken. Am Ende sind jedoch alle Fäden entwirrt, alle Handlungsstränge finden logisch zueinander und keine Frage bleibt unbeantwortet. Christie war, ist und bleibt eine Klasse für sich!!!

Mein einziger (augenzwinkernder) Kritikpunkt an dieser Geschichte: Es geht so un-weihnachtlich zu. Im ganzen Roman taucht kein Mistelzweig, kein Weihnachtsbaum und nicht der klitzekleinste Plumpudding auf. Nur Mord & Totschlag…!

„Schwager James, ich hoffe, Du warst zufrieden!“

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meiner Blogger-Kollegin Daniela Kaufmann-Strässle von „read eat live“.


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455600308

[Rezension] Nicholas Blake – Das Geheimnis von Dower House

Ferguson O’Brien bekommt seit einiger Zeit anonyme Morddrohungen, die das ehemalige Fliegerass nicht ganz ernst nimmt. Erst als der unbekannte Briefeschreiber ihm mitteilt, dass seine Ermordung für den 2. Weihnachtsfeiertag anberaumt wurde, schaltet O’Brien den gewitzten Privatdetektiv Nigel Strangeways ein. Er bittet ihn, sich unauffällig unter die Gäste zu mischen, die er zu Weihnachten eingeladen hat. Hierbei handelt es sich um eine äußerst vielfältige Gästeschar. Außer den genannten Personen befinden sich – neben den Hausangestellten bestehend aus dem Butler Arthur Bellamy und der Köchin Mrs Grant – über die Festtage folgende Personen in Dower House: Entdeckerin Georgia Cavendish mit ihrem Bruder Edward Cavendish, die umwerfend schöne Lucilla Thrale mit zweifelhaften Ruf, Nachtclub-Besitzer Mr Knott-Sloman mit noch zweifelhafteren Ruf sowie Literatur-Professor Philip Starling. Es scheint ein entspanntes Fest zu werden, bis der Gastgeber erschossen in einer Hütte in der Nähe des Hauses aufgefunden wird. Der erste Eindruck lässt auf Selbstmord schließen, doch einige Indizien lassen Nigel Strangeways zweifeln. Als dann ein schändlicher Mordversuch an Bellamy verübt wird, ist die Verwirrung perfekt. Zusammen mit der Polizei versucht Strangeways den Wirrwarr aus Lügen, Verdächtigungen und Verschleierungen zu entknoten und muss dafür einen Blick in die Vergangenheit aller Beteiligten incl. des Mordopfers werfen…!

Was tut ein angesehener Professor der Universität Oxford nicht alles aus Geldnot: Er legt sich einen Künstlernamen zu und schreibt unter diesem Pseudonym von 1935 bis 1966 einige äußerst erfolgreiche Kriminalromane. So oder ähnlich könnte es bei Cecil Day-Lewis (alias Nicholas Blake), der im Jahre 1968 von der Queen zum Hofdichter ernannt wurde, abgelaufen sein. Somit konnte er – von den hehren Sphären der Poesie bis zu den mörderischen Abgründen – eine erstaunliche literarische Bandbreite vorweisen, die auch diesem Krimi zugutekam.  

Nicholas Blake (Ich bleibe bei meiner weiteren Ausführung bei dem Namen, der auf dem Cover des Buches steht!) bietet mir als Leser in seinem erstmals 1936 erschienenen Roman alle gängigen Ingredienzien, die für eine klassische Kriminalgeschichte vonnöten sind. Einerseits erfüllt Blake die Erwartungen seiner Leserschaft, indem er bekannte (und beliebte) Klischees bedient und einen spannenden Plot mit falschen Fährten liefert. Andererseits überrascht er mit interessanten Charakterzeichnungen der handelnden Personen, die die Klischees wieder konterkarieren. So hegt der taffe Abenteurer Ferguson O’Brien eine stille Freude am weihnachtlichen Dekorieren seines Hauses. Sein Butler Bellamy lässt die noble Zurückhaltung seiner Zunft vermissen und gehört eher zur robusten, direkten Sorte. Der hochgebildete Literaturprofessor Philip Starling frönt dem Klatsch und Tratsch und erfreut mit bissig-ironischen Bemerkungen. Und selbst der taffe Ermittler Nigel Strangeways wirkt eher wie ein harmloser rot-blonder Durchschnitts-Engländer.

Mit pointierten Dialogen gelingt es dem Autor die Spannung aufzubauen. Leider weist die Handlung auch die eine oder andere Längen auf und hätte besonders gen Ende etwas knackiger ausfallen können. Primär die Verfolgungsjagd „zu Lande“ und „in der Luft“ (Warum nicht auch „zu Wasser“?), die sich Ermittler und Täter am Schluss liefern, empfand ich eher ermüdend und war für den Verlauf der Geschichte eher unerheblich.

Doch trotz dieser kleineren Schwächen bereitete mir dieses Werk aus der goldenen Zeit des Kriminalromans – in Kombination mit Wolldecke, Tee und Plätzchen – einige vergnügliche Stunden.


erschienen bei Klett-Cotta/ ISBN: 978-3608983463

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Hugh Nini & Neal Treadwell – LOVING: Männer, die sich lieben. Fotografien von 1850-1950

Am Blick zweier Menschen erkennt der aufmerksame Beobachter, ob diese Beiden sich lieben. Da können die Gesten noch so zurückhaltend und die Körperhaltung eher defensiv sein, der Blick verrät sie…! Wenden sich die Liebenden einander zu, vollführen ihre Körper eine Wandlung. Sie nehmen eine Position ein, die sich über Jahrzehnte (wenn nicht sogar Jahrhunderte) hinweg nicht verändert hat und unabhängig ist von Herkunft, sozialer Stellung, Ethnie, Alter, Geschlecht und sexueller Orientierung. Die Liebenden neigen vertraut die Köpfe zueinander: Es scheint beinah so, als wäre diese Position der gegenseitigen Zuneigung in der Genetik des Menschen verankert.

Hugh Nini und Neal Treadwell entdeckten vor über 20 Jahren ein altes Original-Foto, auf dem zwei junge Männer sich umarmen und verliebt in die Augen schauen. Anfangs dachte das Paar noch, das es sich hierbei eher um einen einmaligen Fund handelte. Bewusst machten sich die beiden auf die Suche nach weiteren Fotos einer Liebe zu einer Zeit, als diese Liebe „nicht sein durfte“, gesellschaftlich nicht anerkannt war und bei Entdeckung oftmals auch bedrohliche Konsequenzen nach sich ziehen konnte. Trotzdem wagten diese Männer es, ihre Liebe füreinander auf einem Foto zu konservieren.

Über die Jahre hinweg trugen Hugh Nini und Neal Treadwell über 2800 Fotografien aus aller Welt (USA, Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Russland u.a.) zusammen und schufen so eine einzigartige Sammlung, die gleichzeitig eine Reise durch Länder und Epochen darstellte. Änderten sich auch Mode, Frisuren oder Bild-Hintergründe, die Haltung der porträtierten Männer zueinander zeigt eine erstaunliche Ähnlichkeit – unabhängig vom Entstehungsjahr oder dem Herkunftsland. Wir erfahren nur wenig von den Porträtierten. Oftmals sind es nur die wenigen Informationen, die das Foto selbst bzw. eine Notiz auf der Fotorückseite preisgeben. Und gerade diese raren handschriftlichen Notizen sind es, die das Verlangen dieser Männer nach Anerkennung und Normalität widerspiegeln: Die Zeile „Ich schicke dir ein Foto, das wohl den Vorhang von einem kleinen Teil meines Lebens lüftet.“ steht auf der Rückseite eines Fotos aus Bulgarien und offenbart mehr als sie verschweigt.

Alle diese Männer hätten sich sicherlich ein offenes Miteinander gewünscht. Doch sie waren gezwungen, sich und ihre Liebe zu verstecken, dem Wohlwollen des jeweiligen Fotografen ausgesetzt und mussten auf dessen Verschwiegenheit hoffen. Selbst die etwas kitschig anmutenden Selbstinszenierungen, sei es in einem Fotostudie auf einem „Honeymoon“ oder als nachgestelltes Hochzeitsfoto mit Brautstrauß und/oder Sonnenschirm, sollen schlicht und ergreifend nur das ausdrücken, was auf einem selbst gemalten Papp-Schild steht („not married but willing to be“), das zwei junge Herren in die Kamera halten, und signalisiert, dass sie zusammen gehören. Andere Paare bleiben lieber für sich und halten ihre Liebe via Foto-Automat fest und sichern so, dass weder Fotograf noch die Angestellten eines Entwicklungslabors sie denunzieren könnten. Auf wenigen Fotos sind neben den Paaren auch weitere Frauen, Männer bzw. (Kriegs-)Kameraden abgelichtet: Zu diesen Menschen muss ein enormes Vertrauen bestanden haben, ansonsten hätten die Liebenden es nicht gewagt, ihre Liebe so eindeutig vor ihnen zu zeigen.

Ich fühle mich diesen unbekannten Männern auf eine verwirrende Weise verbunden. Verwirrend vielleicht aufgrund der Erkenntnis, dass sich zwischen den 1950er und 80er Jahren wenig gesellschaftlich getan hatte: Selbst in den 80ern aufgewachsen war „schwul“ damals ein gängiges Schimpfwort, und AIDS galt als „Schwulenseuche“. Nie hätte ich es in dieser Zeit gewagt, mich zu outen. Zu groß war meine Angst vor Repressalien. Da versteckte ich mich doch lieber weiter hinter einer Fassade aus Konventionen. Erst als ich den Mut fand, dieses Bollwerk niederzureißen, begann mein wahres Leben. Ich konnte atmen und war frei für eine Partnerschaft.

Rund 350 Fotografien haben Hugh Nini und Neal Treadwell aus ihrer umfangreichen Sammlung für diesen opulenten Bildband ausgewählt. Sie erzählen Geschichten voller Melancholie und Sehnsucht, von Zuneigung und Verbundenheit aber auch von Enttäuschungen, Kränkungen, Verleugnungen und nicht gelebte Leben.

Aber vor allem anderen sind diese Fotografien eins: Ein Ausdruck von Liebe!


erschienen bei Elisabeth Sandmann/ ISBN: 978-3945543825

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #97: Ist die Zukunft der Buchmessen online?

Uih…! Und diese Frage wird jemandem gestellt, der noch nie in seinem Leben eine Buchmesse besucht hat und somit keine Vergleichsmöglichkeiten vorweisen kann.

Trotzdem habe ich da so ein Gefühl, eine Ahnung, oder vielleicht ist es auch Hoffnung: Nein! Die Zukunft der Buchmesse ist NICHT online!!!

Diese Frage kann durchaus „globaler“ gesehen werden: Wozu noch Theater, Kino, Konzerte, Lesungen etc. live anbieten? Geht doch auch alles online!

Es ist eine gruselige Vorstellung, die mir Schnappatmung beschert und sich wie „der Untergang des Abendlandes“ für mich anfühlt. Nein, ich will mir keine Theateraufführung zuhause anschauen! Nein, ich will mir keine Lesung zuhause anhören! Und auch wenn ich bisher noch nie eine Buchmesse besucht habe und vielleicht auch nie besuchen werde, gefällt mir der Gedanke, ich könnte (wenn ich wollte) sie live vor Ort besuchen.

Denn zum Besuch eines kulturellen Events gehört für mich so viel MEHR: Gerne möchte ich zur Erläuterung bei meinem Bespiel der Theateraufführung bleiben, da ich hier über die nötige Erfahrung verfüge. Dieses Beispiel lässt sich aber durchaus auch auf andere Live-Events übertragen.

Am Anfang einer Saison blättere ich in den vielen Saison-Vorschauen, entdecke spannende Stücke, die ich immer schon mal (wieder) sehen wollte und bin voller Vorfreude. Wochen vorher schaue ich dann nach einem möglichen Termin, buche die Karten und bin voller Vorfreude. Sobald die Karten bei mir eingetrudelt sind, hefte ich sie gut sichtbar an die Pin-Wand und bin voller Vorfreude. Der Termin naht, ich reserviere einen Tisch im Restaurant für ein gemütliches Essen „hinterher“ und bin voller Vorfreude. Am Tag selbst wähle ich meine Garderobe aus, putze die Schuhe auf Hochglanz, rasiere und pflege mich und bin voller Vorfreude. Wir treffen uns mit lieben Freunden, machen uns gemeinsam auf den Weg ins Theater und sind voller Vorfreude. Im Theater erwerben wir ein Programmheft, suchen zuerst das Klo und dann unsere Plätze auf und sind voller Vorfreude. Die Saaltüren schließen sich, das Licht erlischt, und die Freude kann beginnen. Die Vorstellung ist zu Ende, wir klatschen uns die Hände wund und sind voller Freude. Dann schlendern wir zum nahgelegenem Restaurant, genießen das Essen, diskutieren über das gerade Gesehene und sind voller Freude. Am nächsten Tag blättere/ lese ich im Programm, erinnere mich an einen schönen Abend und bin voller Freude. Einige Tage später treffen wir unsere Freunde, sprechen über unseren gemeinsamen Theaterbesuch und sind voller Freude…!

Online-Veranstaltungen sind durchaus „praktisch“. Aber „praktisch“ ist ein Adjektiv, das ich so ganz und gar in keinem Zusammenhang mit Kultur bringen kann.

Online würde so vieles verloren gehen oder zumindest in seiner Form reduzierter sein, wie der direkte Kontakt zu Menschen, der unmittelbare Austausch, die Atmosphäre eines einmaligen Augenblickes und ganz, ganz viel Emotionen!!!

…und könnt Ihr Euch für eine Online-Buchmesse erwärmen???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Krimi] Reginald Rose – DIE ZWÖLF GESCHWORENEN / Metropol Theater Bremen

Buch von Reginald Rose / Deutsch von Horst Budjuhn / in einer Fassung für szenische Lesung des „theaterwerk Bremen“ von Dirk Böhling

Premiere: 10. Juli 2020 / besuchte Vorstellung: 9. Oktober 2020 / Metropol Theater Bremen

Inszenierung: Dirk Böhling


Nach dem Corona-Lockdown öffneten im Sommer langsam wieder die kulturellen Einrichtungen und präsentierten kreative Formate, um Künstler wieder vors Publikum und Publikum wieder vor die Künstler zu bekommen. Im Metropol-Theater (ehemals Musical-Theater) in Bremen bot Theater-Chef Jörn Meyer (Foto: rechts) verschiedenen kleineren Bühnen eine Heimstätte, da er dort pandemiekonforme Bedingungen bieten kann, um wieder Kultur anbieten zu können. Als erste Produktion hatte am 10. Juli 2020 das Stück „Die zwölf Geschworenen“ als szenische Lesung Premiere und konnte als Lebenszeichen der Bühnenschaffenden nach den Corona-Beschränkungen angesehen werden. Moderator, Schauspieler und Regisseur Dirk Böhling (Foto: links) rief das „theaterwerk Bremen“ ins Leben, um mit wechselnden Ensembles kleinere Bühnenformate wie Liederabende, Live-Hörspiele oder Literatur an verschiedenen Spielorten umzusetzen. Für seine Premieren-Produktion versammelte er ein illustres Ensemble aus Schauspieler*innen der verschiedenen Theater und der freien Kulturszene Bremens. Aufgrund der positiven Publikumsresonanz wurde das Stück am 9. Oktober 2020 nochmals aufgeführt.

Es ist der heißeste Tag des Jahres. An diesem Tag findet der letzte Tag eines schwerwiegenden und an sich eindeutigen Mordprozesses mit schier erdrückender Beweislast statt: Ein 19jähriger aus einem Slumviertel hat im Streit seinen Vater mit einem extrem auffälligen Springmesser erstochen. Die Anklage präsentierte zwei glaubhafte Zeugen. Beide haben den Jugendlichen bei der Ausführung der Tat beobachtet und ihn kurz darauf wegrennen gesehen. Zwölf Männer und Frauen völlig unterschiedlichen Charakters und Temperaments müssen als Geschworene in diesem Mordprozess einen einstimmigen Schiedsspruch fällen. In einem engen, von der Außenwelt abgeschlossenen Raum beraten sie darüber. Da der Fall eindeutig ist, wird mit einem raschen Ende der Sitzung gerechnet. Elf der Geschworen sind sich sofort einig: Der Angeklagte ist schuldig. Einer jedoch stellt sich gegen die Mehrheit: Er hat einen begründeten Zweifel und plädiert deshalb für nicht schuldig. Die Entscheidung über Leben und Tod eines Menschen ist ihm mindestens eine faire Diskussion wert. Das Unverständnis der Mitgeschworenen ist groß. Sie versuchen, den Zweifler mit mehr oder weniger stichhaltigen Argumenten von ihrem Schuldspruch zu überzeugen. Detailgenau werden noch einmal die Zeugenaussagen besprochen, die Tatwaffe erneut betrachtet, ebenso wie der Tatort-Plan und das Motiv. Und plötzlich, nach genauerer Analyse, scheinen die Beweise keineswegs mehr eindeutig. Die hitzigen Gemüter stoßen aufeinander, Reibereien, Streitigkeiten bestimmen die Diskussion. Die Atmosphäre im Raum ist zum Zerreißen gespannt. Doch nach und nach wird die Mauer der Vorurteile und schnellen Schlussfolgerungen brüchig…! Wie hoch ist das Risiko, einen Unschuldigen hinrichten zu lassen?

Auf offener Bühne stehen zwölf Tische in regelmäßigen Abständen zueinander. Jeder Tisch ist mit einer Nummer gekennzeichnet. Die Namen der Geschworenen werden wir nicht erfahren: Die Details ihrer Identität verstecken sich hinter der jeweiligen Nummer. Aus dem Off ertönt die Stimme des Richters, der den Geschworenen nochmals ihre Aufgabe erläutert, über Schuld bzw. Unschuld eines Menschen zu entscheiden. Vier Frauen und acht Männer treten auf, begeben sich mit ihrem Textbuch zu ihren zugedachten Tischen und nehmen dort Platz. Das Spiel beginnt…!

Zwölf Schauspieler*innen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft, mit unterschiedlichem beruflichem Werdegang und von unterschiedlichen Bühnen treffen in dieser szenischen Lesung aufeinander und verkörpern die ebenso unterschiedlichen Geschworenen. Die Dynamik der Aufführung entstand so nicht nur aus dem Text, sondern auch aufgrund der Persönlichkeiten der teilnehmenden Künstler*innen. Regisseur Dirk Böhling, der selbst mitwirkte, bot mit Susanne Baum, Ulrike Knospe, Franziska Schubert, Sabine Urban, Jens Asche, Martin Baum, Ibrahim Benedikt, Denis Fischer, Marco Linke, Mateng Pollkläsener und Marcus Rudolph ein talentiertes Ensembles.

„Die zwölf Geschworenen“ ist ein Ensemble-Stück, trotzdem treten wie in jedem sozialen Gefüge einige Charaktere hervor, während andere lieber im Hintergrund bleiben. Als Zuschauer „übersah“ ich irgendwann das Textbuch in der Hand der Akteur*innen, da die Sprache das Geschehen bestimmte. Je weiter der Abend vorrückte, je detaillierter über den Tat-Hergang diskutiert wurde, umso mehr offenbarten sich die Charakterzüge der Beteiligten: Persönliche Ressentiments traten zutage und erlittene Enttäuschungen wurden auf den Angeklagten projiziert.

So bot diese Aufführung eine Vielzahl an Charakterstudien mit starken Momenten und 90 Minuten spannende Unterhaltung. Gerne mehr davon…!


Ob es weitere Aufführungen von DIE ZWÖLF GESCHWORENEN am Metropol Theater in Bremen geben wird, ist bisher nicht bekannt. Ebenso gibt es leider noch keine Homepage vom „theaterwerk Bremen“, um mögliche Termine zu erfahren. Darum: Augen offen halten!

[Rezension] Michael Ende – Die unendliche Geschichte (Schmuckausgabe)/ mit Illustrationen von Sebastian Meschenmoser

Vor über einem Jahr erschien diese Schmuckausgabe anlässlich des 40. Geburtstages des Buches. Vor beinah einem Jahr habe ich sie von meinem Liebsten zum 50. Geburtstag erhalten, denn schließlich zählt Die unendliche Geschichte zu „Die Bücher meines Lebens“. Doch seitdem liegt dieser Prachtband unberührt auf der Ablage unseres Couchtisches. Irgendetwas hinderte mich, dieses Buch in die Hand zu nehmen und aufzuschlagen. Ausreden hatte ich reichlich parat: „Das Buch ist zu groß und zu schwer: Das kann ich nur an einem Tisch sitzend betrachten.“ und „Um dieses Buch richtig genießen zu können, brauche ich Zeit: Im nächsten Urlaub – Ja, dann setze ich mich dran!“

Ich glaube, mein Zaudern und Zögern lag vielmehr darin begründet, dass ich Angst hatte, diese Schmuckausgabe könnte nicht meine Erwartungen erfüllen und die Illustrationen würden gegen die vor über 40 Jahren entstandenen Bilder in meinem Kopf rebellieren. Schließlich liegt diese Geschichte mir so sehr am Herzen, und da war meine Befürchtung, vielleicht enttäuscht zu werden, einfach zu groß. Zudem konnte mich die Gestaltung der Neu-Auflage des Romans, die im Frühjahr des vergangenen Jahres erschien, leider nicht gänzlich überzeugen.

Doch nun war endlich die Zeit gekommen, mich meiner Furcht zu stellen…!

Die Handlung setze ich als bekannt voraus, und so werde ich mein Augenmerk ganz auf die Gestaltung des Buches lenken. Der Illustrator und Kinderbuchautor Sebastian Meschenmoser hat sich dieser herausfordernden Aufgabe gestellt. Meschenmoser ist mir u.a. durch seine bezaubernden Geschichten um Herrn Eichhorn bekannt.

Der Schutzumschlag gleitet vom Buch und offenbart einen edlen roten Leinen-Einband. Auf dem vorderen Deckel schlängeln sich in plastischer Prägung zwei Schlangen, die sich gegenseitig in den Schwanz beißen, um den Name des Autors und den Titel des Buches. Ich schlage das Buch auf und auf dem Vorsatzpapier „begrüßen“ mich in mehreren Reihen formiert eine Armada an Sphynx.

Dann beginnt die Geschichte, und ich atme auf als mein Blick auf den bekannten zweifarbigen Satzdruck in Rot und Grün fällt. Okay, auf die ursprünglichen, wunderbaren „Von A bis Z mit Buchstaben und Bildern“ wurde auch hier verzichtet, dafür hat Sebastian Meschenmoser eigene, äußerst phantasievolle Anfangsbuchstaben kreiert, die einen direkten Bezug zum folgenden Kapitel bilden und durch liebevolle Einzelheiten überraschen. Ich blätterte weiter und stieß auf das erste bunte Bild, das sich über zwei Seiten erstreckt. Insgesamt 50 großformatige Ölgemälde hat er für „Die unendliche Geschichte“ erstellt, auf denen Michael Endes Helden und Geschöpfe mal düster-bedrohlich, mal in einer überwältigenden Farbigkeit lebendig werden. In seinen Kunstwerken unterstreicht Meschenmoser das Surreale in Endes Geschichte. Weitere 138 ausdrucksstarke Zeichnungen verteilen sich über die 415 Seiten des Buches.

Allen Illustrationen ist gemein, dass ein flüchtiger Blick nicht ausreicht, um alle Feinheiten zu erfassen. Ausreichend Muße ist vonnöten, um die vielen ironischen Kleinigkeiten und versteckten Details aufzuspüren. Unwillkürlich erinnerte mich Meschenmosers Kunst an die Arbeit von Tatjana Hauptmann zu Das große Märchenbuch, und wie dieses Standard-Werk aus dem Diogenes-Verlag hat auch die Schmuckausgabe von „Die unendliche Geschichte“ das Potential zum Klassiker: Michael Endes Geschichte ist es schon seit Jahrzehnten!

Je weiter die Handlung voranschreitet, je mehr sich die reale Welt mit der Welt von Phantasien vermischt, umso tiefer wurde ich in das Buch durch die grandiosen Illustrationen hineingesogen,…

…und ich ertappte mich dabei, wie ich beim Betrachten der Bilder den Atem anhielt und mir die Augen feucht wurden,…

…denn alles war so bekannt und doch so neu und dabei so wunderschön,…

…und ich fühlte mich wie damals als Kind, als ich „Die unendliche Geschichte“ zum ersten Mal für mich entdeckte,…

„…aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden!“

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meines Blogger-Kollegen Hauke Hader von der Buchhandlung „Almut Schmidt“ in Kiel.


erschienen bei Thienemann/ ISBN: 978-3522202503

MONTAGSFRAGE #96: Welches (Cover-)Design eines Buches hat euch in letzter Zeit besonders gefallen?

Wer wählt schon ein Buch nur aufgrund eines gelungenen Cover-Designs aus? Wir doch nicht! („Hüstel!“) Schließlich kommt es doch einzig und allein auf den Inhalt an. Gerne bemühe ich hierzu einen gelungenen Vergleich meines geschätzten Blogger-Kollegen Frank Wolf vom „reisswolfblog“:

„Wenn ich mir im Restaurant um die Ecke eine Lebensmittelvergiftung zugezogen habe,
lobe ich ja auch nicht wenigstens noch die hübsche Tischdekoration.“

Wohl wahr…!!! Aber machen wir uns nichts vor: Wir alle obliegen der Versuchung der Optik! Oder, um beim Restaurant-Beispiel zu bleiben: Wären die Tische abgeranzt, die Stühle unbequem und der Fußboden klebrig, dann könnte die Küche noch so exquisit sein, ich würde dieses Restaurant nicht besuchen.

Optimal wäre es natürlich, wenn Cover und Inhalt eine Einheit bilden, bzw. der Inhalt hält, was das Cover verspricht. Jede*r von uns reagiert da auf unterschiedliche Reiz-Merkmale, wobei viele individuelle Faktoren eine nicht unerhebliche Rolle spielen: Alter, Geldbeutel, persönliche Präferenz – um nur einige wenige zu nennen.

Als Liebhaber alter britischer Krimis reagiere ich auf Covers, auf denen ein Cottage, Landhaus oder sonstiges gediegenes Anwesen abgebildet ist. Die Verlage „Klett-Cotta“ und „DuMont“ arbeiten bei ihren Krimi-Ausgrabungen gerne nach diesem Prinzip: Zugegeben, diese Vorgehensweise ist nicht unbedingt originell, aber es funktioniert.

Der „Atlantik-Verlag“, Heimstätte von Agatha Christies Werken, ist in seiner Cover-Gestaltung deutlich kreativer. Hier stehen die Cover-Illustrationen immer im unmittelbaren Zusammenhang mit der Geschichte. So bildet die Jubiläumsausgabe zu Das fehlende Glied in der Kette: Poirots erster Fall eher die Ausnahme, da „ein Cottage, Landhaus oder sonstiges gediegenes Anwesen abgebildet ist.“ Trotzdem hat mich dieses Cover mit der reduzierten Wahl der Farben bzw. Farbabstufung sofort angesprochen. Durch diese Reduzierung wirkt das Cover – trotz der leichten Düsternis – elegant.

Bei Maigret macht Ferien von Georges Simenon war es das genaue Gegenteil: Eine sommerlich-leichte Strandidylle wird durch eine wärmende Sonne, die in den Schriftzug „Maigret“ übergeht, überstrahlt. Soll dies etwa andeuten, dass Kommissar Maigret der Sonne gleich auch die finsterste Ecke erhellt? Dazu schaukeln Boote auf dem Wasser, der Himmel ist blau, und der Strand lädt zum Flanieren ein. Ich fühlte förmlich die flirrende Atmosphäre des kleinen Städtchen Les Sables-d’Olonne, in dem die Geschichte spielt. Zudem liebe ich diesen Retro-Touch.

Bei der besonderen Ausgabe der Büchergilde Gutenberg zu „Der talentierte Mr. Ribley“ gab es auf dem Cover weder irgendwelche englischen Landhäuser noch einen Retro-Touch zu bewundern. Trotzdem fühlte ich mich von der Gestaltung angesprochen! Beim ersten Blick auf das Cover war ich eher irritiert und glaubte, verschwommen zu sehen. Schnell wurde mir jedoch bewusst, dass dieser Effekt auf die Art und Weise der Gestaltung zurückzuführen war. Alexandra Rügler hat für diesen klassischen Kriminalroman von Patricia Highsmith faszinierende Illustrationen in 3D-Optik kreiert (entsprechende Brille liegt bei), „die den Betrachter mit dem Buch interagieren lassen und so eine zweite Leseebene schaffen“ (Klappentext). Ob dies tatsächlich gelingt, werde ich zu einem späteren Zeitpunkt berichten, da ich diesen Roman noch nicht gelesen habe.

Optik + Inhalt = Einheit: Das wäre bei einem Buch natürlich das Optimum!!!

…und lasst Ihr Euch auch von ein hinreißendes Äußeres verführen, oder zählen bei Euch nur die inneren Werte???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Rezension] Nina Freudenberger (mit Sadie Stein) – BiblioStil. Vom Leben mit Büchern/ mit Fotografien von Shade Degges

„Ein Raum ohne Bücher ist ein Körper ohne Seele.“ Cicero

Der große Philosoph der römischen Antike hat mit diesem einen Satz so vieles ausgesagt, und so erscheint mir diese Rezension ein wenig wie die Fortsetzung meines Beitrags Die Präsenz der Bücher, den ich vor beinah zwei Jahren zu diesem Thema veröffentlicht hatte. „Verrate mir, was du liest, und ich sage dir, wer du bist!“ Doch nicht nur was wir lesen spiegelt unseren Charakter wieder, auch wie wir den Aufbewahrungsorte unserer Lektüren gestalten, offenbart vieles von unserer Persönlichkeit.

Nina Freudenberger blickt weltweit in die Bibliotheken von bibliophilen Menschen: Dabei handelt es sich durchweg um Menschen, die über das nötige Know-how verfügen: So tummeln sich in diesem Buch u.a. Autor*innen, Buchhändler*innen, Künstler*innen, Architekt*innen, Geschäftsführer*innen und Regisseur*innen. Wohltuend unprätentiös berichten sie von ihrer Leidenschaft und gewähren uns private Einblicke in ihre Bibliotheken. Allen ist gemein, dass sie eine innige Beziehung zum gedruckten Wort hegen. Die Beweggründe zur Entstehung ihrer Bibliothek können durchaus unterschiedlich sein. Da gibt es „Die Sentimentalen“, die mit jedem Buch in ihrer Sammlung eine Geschichte, eine Erinnerung verbinden. „Die Intuitiven“ lassen sich von ihrem Gefühl bei der Gestaltung bzw. Zusammenstellung ihrer Bibliothek leiten. Während „Die Arrangeure“ ihre Bücher bewusst gruppieren, um einen bestimmten Effekt zu erzielen, richten „Die Professionellen“ ihre Lektüre nach Fachrichtungen aus. „Die Sammler“ sind auf der Jagd nach besonderen Exemplaren, um diese der Nachwelt zu erhalten.

Einige Bibliotheken machen staunend aufgrund ihrer Atmosphäre oder ihrer Größe. Andere wirken erfrischend unsortiert/ unaufgeräumt, scheinen wie organisch gewachsen und sind somit nicht nur Aufbewahrungs- sondern vor allem Wohnort. Es wird mit/ neben/ inmitten Büchern gelebt, und die Präsenz der Bücher nimmt Einfluss auf die Persönlichkeit der Besitzer*in! Nina Freudenberger porträtiert somit in ihren Texten (gemeinsam mit Sadie Stein) nicht nur die Räume sondern charakterisiert ebenso charmant die in diesen Räumen lebenden bzw. arbeitenden Menschen.

Locker verteilt Freudenberger zwischen den Porträts kleine Exkurse rund ums Buch: Wir lernen außergewöhnliche Buchläden und Antiquariate kennen, wo sich Bücher fein säuberlich sortiert in Regalen oder ohne System vom Boden bis zur Decke stapeln. Dann entdecken wir kostbare Raritäten des Buchdrucks oder werfen einen interessierten Blick in öffentliche Bibliotheken unterschiedlicher Ausrichtung.

So wunderbar die Texte auch sind, doch ein solches Buch „lebt“ von den Fotos: Shade Degges besitzt ein feines Auge, um die Quintessenz eines Raumes im Bild einzufangen. Sie verzichtet wohltuend auf plakative Hochglanzfotos: Durch ihre elegante Mattigkeit gewinnen ihre Fotos deutlich an Tiefe. Geschickt wechselt Degges zwischen Totale und Detail, um die Stimmung der jeweiligen Bibliothek und das Wesen deren Besitzer zu erfassen. So erlaubte sie mir einen durchaus schwelgerischen aber nie voyeuristischen Blick in die Bücherschränke Gleichgesinnter.

Egal ob kleines Bücherregal oder opulente Bibliothek, egal ob in New York oder Osterholz-Scharmbeck, egal ob Künstlerin oder Krankenpfleger:  Wir alle sind Gleichgesinnte, denn uns eint die Liebe zum Buch!


erschienen bei Prestel/ ISBN: 978-3791386522

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

Literaten im Fokus: Schiebung…!

Ihr Lieben,
„eigentlich“ (!) war für Oktober die nächste Runde zu „Literaten im Fokus“ geplant.

Diesmal sollte sich mein Augenmerk auf den britischen Autor Christopher Isherwood richten, der u.a. mit Leb wohl, Berlin die literarische Vorlage für das berühmte Musical Cabaret lieferte. Hierzu hätte ich wie gewohnt den Autor zuerst mit einem Porträt gewürdigt, um ihn dann anhand von vier literarischen Werken vorzustellen, die entweder aus seiner Feder stammen oder von ihm handeln. Abschließend hätte ich Euch dann eine*n seiner Wegbegleiter*innen präsentiert. Diese Abfolge an Beiträgen zu erstellen, bereitet mir durchaus viel Spaß, ist aber auch sehr zeit- und arbeitsintensiv.

Doch irgendwie fühle ich mich momentan etwas müde, und alles in mir sehnt sich nach einer etwas weniger anspruchsvollen Lektüre. Darum mache ich mich einer geplanten Schiebung schuldig und habe beschlossen, den Christopher (😉) ins nächste Jahr zu verrücken. Ich bitte um/hoffe auf Euer Verständnis!

Selbstverständlich wird es im Oktober Rezensionen von mir zu lesen geben: Den einen oder anderen außergewöhnlichen Bildband möchte ich gerne vorstellen, bevor ich Euch mit wunderbaren Weihnachtskrimis schon vorab auf das schönste Fest des Jahres einstimme. Wie jedes Jahr steht plötzlich und unerwartet der Heilige Abend vor der Tür, und Ihr hättet dann keine mörderische Lektüre. Das kann ich doch nicht zulassen. Darum: Ihr dürft gespannt sein…!

Liebe Grüße
Andreas

[Musical] John Kander – CHICAGO / Stadttheater Bremerhaven

Musik von John Kander / Gesangstexte von Fred Ebb / Buch von Fred Ebb und Bob Fosse  nach dem Stück Chicago von Maurine Dallas Watkins / Deutsch von Erika Gesell und Helmut Baumann / mit englischen Songs und deutschen Dialogen

Premiere: 19. September 2020/ besuchte Vorstellung: 27. September 2020

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


Musikalische Leitung: Davide Perniceni
Inszenierung: Felix Seiler
Choreographie: Andrea Danae Kingston
Bühne: Hartmut Schörghofer
Kostüme: Julia Schnittger
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández

Roxie Hart ist ihre Ehe mit dem soliden aber unscheinbaren Amos überdrüssig und stürzt sich in Affären. Als ihr Liebhaber Fred Casely sie abservieren will, greift sie zum Colt und schießt ihn über den Haufen. Denn: Eine Roxie Hart verlässt man(n) nicht so einfach. Eine Roxie Hart ist ein Mädchen mit Ambitionen. Sie will die große Show auf einer noch größeren Bühne, so wie ihr Idol Velma Kelly, die sie prompt im Frauenknast kennenlernt. Velma wartet auf ihren Prozess: Sie hat ihren Ehemann im Bett mit ihrer Schwester erwischt und in einem Anfall von geistiger Unzurechnungsfähigkeit (ihre Verteidigungsstrategie vor Gericht) beide kurzerhand getötet. Nun wartet sie im Gefängnis unter der eisernen Führung von Mama Morton auf ihre Verhandlung. Die Presse ist begeistert von den mörderischen Mädels: Besonders Klatschkolumnistin Mary Sunshine bringt immer neue haarsträubende Enthüllungen, die ihr von Staranwalt Billy Flynn charmant-skrupellos in die Feder diktiert werden. Geschickt manipuliert er die Presse und prägt so die öffentliche Meinung. Das Ergebnis: Velma und Roxie werden freigesprochen und starten gemeinsam eine fulminante Karriere auf der Vaudeville-Bühne.

Musical in Zeiten von Corona: Geht das überhaupt? Blechernd klingt das Orchester aus den Boxen. Roxie liegt in ihrem Bett, wartet auf ihren Liebhaber und träumt von ihren Idol Velma Kelly, die plötzlich aus dem Schrank hüpft und gemeinsam mit drei Tänzern zu „All That Jazz“ Roxie und ihren Lover umtanzt. Statt großer Shownummer sah dies für mich eher nach Kammerspiel aus. Statt mit einem grandiosen „BÄHM!“ begann die Show mit einem verhaltenen „Pling!“. Ich stellte mir ängstlich die Frage „Geht das nun so weiter?“.

Nein! Es ging nicht so weiter! Erst der Mord an Fred Casely ermöglicht es Roxie, der Enge ihrer kleinen, unbedeutenden Welt zu entfliehen. Und so öffnet sich die Bühne wie die Büchse der Pandora und präsentiert das Spiel um Mord, Korruption und Manipulation: Spätestens beim „Cell Block Tango“ hatte ich sie, meine große Show!

Musical in Zeiten von Corona: Geht das überhaupt? Ja, es geht, und dazu auch noch ganz großartig! Selten griffen die Künste von Regie, Choreografie, Bühne und Kostüm so ineinander wie in dieser Inszenierung. Regisseur Felix Seiler machte aus der Not eine Tugend und zauberte aus den vorgegebenen 90 Minuten Spielzeit ohne Pause eine straffe Inszenierung, in der ein Highlight vom nächsten Highlight abgelöst wird. Fein differenziert zeigte sich seine Personenführung und überraschte mit ungewöhnlichen und witzigen Ideen. Großes Lob: Trotz Kürzung bzw. Straffung der Handlung hatte ich nicht das Gefühl, dass mir wesentliche Inhalte gefehlt hätten. Andrea Danae Kingston bot eine kreative und anspruchsvolle Choreografie und sorgt so – trotz Abstandsregelung – für abwechslungsreiche Bewegungsabläufe. Seiler und Kingston scheinen ein eingespieltes Team zu sein: Häufig war nicht nachvollziehbar, wo die Regie aufhörte und die Choreografie begann. Das Bühnenbild von Hartmut Schörghofer schafft stimmige Spielebenen und unterstützt die vorgegebene Distanz zwischen den Darstellern ohne an Atmosphäre einzubüßen. Die ansprechenden Kostüme von Julia Schnittger glänzen im 20er-Jahre-Look mit einem Touch Modernität.

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Vier von den sechs Hauptrollen sind mit Musical-Profis besetzt: Valentina Inzko Fink gibt das naive Blondchen Roxie Hart mit einer gehörigen Prise Durchtriebenheit. Die Velma Kelly von Jasmin Eberl trieft vor ordinärem Selbstbewusstsein, lässt durchaus hinter der taffen Fassade Verletzlichkeit durchschimmern. Beide Ladies punkten mit grandiosen Stimmen, tänzerischem Können und einer Menge Sex-Appeal. Frank Winkels als Billy Flynn ist ein absoluter WoMenizer (😉) mit markantem Charme und markiger Stimme. Mona Graws Mama Morton ist als Oberaufseherin im Frauengefängnis Puff- und Beichtmutter in Personalunion mit dem Herz am rechten Fleck.

Aber auch die hauseigenen Kräfte aus dem Opernensemble verstehen sich in diesem Musical zu behaupten: MacKenzie Gallinger gibt seinen trotteligen, bemitleidenswerten Amos Hart mit nuancierter Stimme. Victoria Kunze glänzt mit Spielfreude und tiriliert sich bravourös durch die Koloraturen der Mary Sunshine. Die Damen vom Opernchor überraschen herrlich überdreht beim „Cell Block Tango“, während ansonsten der Opernchor dank der versierten Leitung von Mario Orlando El Fakih Hernández aus dem Off für stimmlich-stimmige Unterstützung sorgt.

In dieser Inszenierung, die aus einem Guss erscheint und voller Höhepunkte steckt, fällt es schwer, einzelne Leistungen hervorzuheben. Doch ich muss einfach das wunderbare Ballett-Ensemble loben, dass die Choreografie von Andrea Danae Kingston mit einer absoluten tänzerischen Brillanz umsetzte und auch in ihren Solis glänzte: BRAVO!

Corona-bedingt sitzt das (reduzierte) Orchester nicht im Graben vor der Bühne sondern wird live von der großen Probenbühne in den Zuschauerraum übertragen und dies mit einer für mich überraschend guten Ton-Qualität. Davide Perniceni führt seine Musiker mit straffen Dirigat und sorgt so für einen satten Music Hall-Sound.

Auch wenn ich bei einem Blick in den Zuschauersaal mit den massiv reduzierten Plätzen kurzzeitig einen Kloß im Hals verspürte und mir die Augen feucht wurden, konnte dies meine Freude an diesem ersten Theaterbesuch nach Monaten des Vermissens nicht mindern: Es geht weiter! HURRA!

So verließ ich nach der Show beschwingt das Theater und machte mich gut gelaunt einen Song pfeifend mit meiner Begleitung auf den Weg ins nahe Theater-Restaurant: Lasst uns (besonders in diesen Zeiten) das Leben genießen!


Wer einen Blick hinter die Kulissen des Musicals Chicago werfen möchte, dem kann ich nur wärmstens den Beitrag von Ilka D’Alessandro, Leiterin Marketing und Öffentlichkeitsarbeit am Stadttheater Bremerhaven, ans Herz legen. Zudem gibt es auf musicalzentrale ein lesenswertes Mini-Interview mit Regisseur Felix Seiler zu entdecken.


Bis zum Ende des Jahres sind vorerst weitere Aufführungstermine für CHICAGO am Stadttheater Bremerhaven geplant. Hoffen wir, dass es danach mit den mörderischen Mädels weitergeht…!