[Lesung] Rainer Moritz – LIEBLINGSBÜCHER AUS 40 JAHREN / Buchhandlung „die schatulle“ Osterholz-Scharmbeck

Lesung am 1. September 2019 / Buchhandlung „die schatulle“ in Osterholz-Scharmbeck


Die Buchhandlung meines Vertrauens feiert ihren 40. Geburtstag und schenkt sich und uns, ihren Fans, Freunden und Kunden, eine Matinee mit dem hochgeschätzten Rainer Moritz. Herr Moritz ist in der „schatulle“ wahrlich kein Unbekannter: Schon zum achten Mal beehrte er die Buchhandlung der Gartmann-Schwestern. Diesmal überzeugte er wieder mit einer Mischung aus Lesung, Vortrag und Plauderei.

„Lieblingsbücher aus 40 Jahren“ – mit dem Leiter des Hamburger Literaturhauses hätten die Gartmann-Schwestern sich wohl keinen kompetenteren Referenten einladen können. Am 1. September 1979 erblickte die Buchhandlung „die schatulle“ das Licht der Welt und versorgt seitdem unzählige Bücher-Junkies mit Lese-Stoff. Apropos Junkies: So wurde 1979 eines der erfolgreichsten deutschen Sachbücher der Nachkriegszeit veröffentlicht „Christiane F – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Gerade die 80er waren von einem Drang nach Aufklärung, Enthüllung und Selbsterkenntnis geprägt. So begab sich Günter Wallraff nach „Ganz unten“, während Robin Norwood in „Wenn Frauen zu sehr lieben“ eine gänzlich andere Form der Sucht thematisierte – die heimliche Sucht, gebraucht zu werden. Während ein Jahrzehnt zuvor Werke wie „Kassandra“ von Christa Wolf auf dem Buchmarkt für Furore sorgten, drängte in den 90er Jahren der „neue, deutsche Frauenroman“ auf den Markt und bescherte uns so süffige Titel wie „Suche impotenten Mann fürs Leben“ von Gaby Hauptmann.

Der Buchmarkt war immer den Strömungen des Zeitgeistes ausgesetzt: War ein Buch mit einer besonderen Thematik außerordentlich erfolgreich, hatte dies zur Folge, dass Nachahmer – sogenannte „Me Too-Werke“ – die Buchhandlungen regelrecht überschwemmten („Me Too“ – ein Begriff, der heute gänzlich anders besetzt ist).

Apropos sexuelle Handlungen: Wie schlagen sich da eigentlich die Autor*innen bzgl. Sex und Erotik in ihren Werken? Herr Moritz weiß die Antwort: Häufig nicht so gut! Selbst ansonsten talentierte Schreiberlinge verfallen bei der Formulierung erotischer Szenen in eine Art talentfreier Schockstarre und „erfreuen“ die Leser*innen mit manchmal unfreiwilliger Komik. Zur Erheiterung des Publikums gab Herr Moritz einige besonders prägnante Passagen zum Besten (Die Namen der Autor*innen verschweigen wir diskret.).

Aber auch große Literatur erblickte im Laufe der Jahrzehnte das Licht der Leselampen: „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink, „Die Entdeckung der Langsamkeit“ von Sten Nadolny oder auch Daniela Kriens „Die Liebe im Ernstfall“. Nicht zu vergessen: „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende, die ebenso wie die Buchhandlung „die schatulle“ in diesem Jahr ihren 40. Geburtstag feiert…!

Scharfzüngig thematisiert Rainer Moritz den momentanen Drang einige Schauspieler sich literarisch zu verewigen. Gegen eine hübsche Biografie hätte er nichts einzuwenden, aber Schauspieler sollten – seiner Meinung nach – keine Romane schreiben, da das Ergebnis häufig wenig überzeugt. Ebenso macht Herr Moritz aus seinem Ressentiment gegenüber Regional-Krimis, die sich inflationär sowohl über die Leser- als auch Landschaft ergießen, keinen Hehl. Jedes Kuh-Kaff hat in der Zwischenzeit seinen eigenen literarischen Ermittler, während die reale Polizei über Personalmangel klagt.

Rainer Moritz nimmt den Literaturbetrieb genüsslich auf’s Korn und äußert ohne Scheu seine ehrliche Meinung. Dies nimmt man ihm nie übel, da er weder verletzt noch entlarvt. Zudem zeichnen ihn zwei Eigenschaften aus, die einen Mann sehr sympathisch machen: Intelligenz und Humor,…

…und so plaudert er sich durch die Literatur aus 40 Jahren, scherzt mit dem Publikum und mit den Gastgeberinnen,…

…und dank seines ausgeprägten Sinns für Humor geizt er auch nicht mit heiter-ironischen Anekdoten aus dem eigenen Umfeld: So meinte seine Mutter noch einer seiner epischen Lesungen „Moritz, immer wenn Du so lange liest, bekomme ich kalte Füße!“

Wir hatten keine kalten Füße, dafür war uns ganz wohlig zumute nach dieser gelungenen Abschlussveranstaltung am Geburtstagswochenende der Buchhandlung unseres Vertrauens.


Weitere Aktivitäten von und mit Rainer Moritz findet Ihr hier. Ein Kurz-Porträt gibt es auf meinem Blog ebenfalls zu entdecken.

MONTAGSFRAGE #51: Welches Buch hat dich das letzte Mal so richtig inspiriert?

Ach, menno, Antonia! Was soll das denn? Schon wieder so eine Frage! Langsam hege ich den Verdacht, du willst mich so richtig fertig machen, erledigen und mundtöten.

Buch, Inspiration, Buch, Inspiration, Buch…! (Grübel!)

Scherz beiseite: Natürlich gab es so einige Bücher in meinem Leben, die mich gepackt, erschüttert, aufgerüttelt und so richtig inspiriert haben – nicht unbedingt in der letzten Zeit – aber es gab sie, und ich hoffe, dass ihnen noch einige weitere folgen werden. Welche Bücher es waren, bleibt (noch) nebulös im Dunkel verborgen.

Zur Erklärung möchte ich gerne auf den letzten Absatz der Montagsfrage #46 verweisen…!!!

Bitte verzeiht mir meine Zurückhaltung, aber für November verspreche ich Euch die Auflösung.

…aber bitte verratet mir gerne Eure literarischen Inspirationsquellen!!!


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Rezension] Susanne Scholl – Die Damen des Hauses

Vier ältere Damen unterschiedlicher „Couleur“ ziehen – nach Scheidung, Trennung bzw. Tod der Ehemänner und Lebensabschnittgefährten – zusammen in eine Wohnung und meistern gemeinsam ihren Alltag zwischen ersten Wehwehchen, neugewonnener Freiheit, amourösen Begegnungen sowie Freud und Leid um Kinder und Enkelkinder. Mehr braucht es nicht, um den Inhalt dieses Romans zu beschreiben.

Es hätte durchaus ein intelligenter Lesespaß, der generationsübergreifend für Erheiterung sorgt, werden können. Es hätte werden können…!

In den ersten vier Kapiteln werden „die Damen des Hauses“ von der Autorin Susanne Scholl sehr kurzweilig mit ihren Lebensgeschichten vorgestellt und liefern somit die Erklärung, warum sie sich zwangsläufig zu dieser Wohngemeinschaft zusammenfinden mussten. Die Autorin gibt gekonnt Einblicke in die Vita der jeweiligen Protagonistinnen und weckt Verständnis für die charakterlichen Besonderheiten ihrer Damen, die alle durch ihre individuellen Lebensumstände geprägt wurden. Dies geschieht auch sprachlich sehr ansprechend, weckt beim Leser die Neugier auf die weiteren Kapitel und schürt die Spannung auf den Moment, wenn diese sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten in der Wohngemeinschaft zusammentreffen bzw. aufeinanderprallen. Einem Psychogramm gleich taucht sie ein in die Gefühls- und Gedankenwelt der Frauen und lässt den Leser teilhaben. Es war mir eine Freude, dies zu lesen.

Ab Kapitel 5 glaubte ich plötzlich, einen anderen Roman zu lesen. Ich rieb mir erstaunt die Augen und konnte es kaum glauben, dass die nachfolgenden Kapitel von ein und derselben Person verfasst wurden. Für mein Empfinden hat sich der Schreibstil ab dem 5. Kapitel verändert, und ich fühlte mich plötzlich 30 Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt: In den 90ern gab es mit „Neuer deutscher Frauenroman“ ein Genre auf dem Buchmarkt, das so bedeutende „Meisterwerke“ wie „Suche impotenten Mann fürs Leben“ und „Das Superweib“ hervorbrachte. Genau an diese Werke fühlte ich mich erinnert.

Während „die Damen des Hauses“ im ersten Teil sich meiner Sympathie sicher sein konnten, wirkten sie nun eher unbedeutend und verloren mit zunehmender Seitenzahl mein Interesse. Mir fehlten die Wärme in der Charakterisierung und das Verständnis in der Beschreibung ihrer allzu menschlichen Macken, und ich stellte mir die Frage, ob die Autorin ihre Heldinnen überhaupt mag.

Es wird gestritten, getriezt und geschrien. Statt scharfsinnige Weisheiten und heiter-ironische Bemerkungen folgen Dialoge auf Dialoge: Die Protagonistinnen reden sehr viel, haben aber wenig zu sagen. Ihre Beweggründe und somit ihre Gefühls- und Gedankenwelten bleiben dem Leser verborgen. Auch findet keine tiefer gehende Auseinandersetzung mit ihrer in den ersten vier Kapiteln beschriebenen Vergangenheit statt. Alles wirkt sehr oberflächlich, sehr plakativ: Ein Vertiefen in die Psyche der Damen wurde tunlichst vermieden. Und selbst in den wenigen wehmütig-anmutenden Situationen zieht es die Autorin vor, ihre Protagonistinnen sich lieber anzicken zu lassen als gegenseitige Solidarität zu bekunden (Dass ein wertschätzendes Porträtieren der älteren Generation durchaus möglich ist, hat eine Kollegin der Autorin in diesem Jahr schon eindrucksvoll bewiesen.).

Viele der momentan brisanten Themen unserer Zeit werden flüchtig aufgegriffen: Da bekommt Matteo Salvini aus Italien ebenso sein Fett weg, wie der Ex-Ehemann mit seinem frauenverachtenden Verhalten. Die lesbische Tochter heiratet und nimmt mit ihrer Ehefrau ein traumatisiertes Pflegekind auf. Eine andere Tochter unterstützt unbegleitete minderjährige Flüchtling. Als „Omas gegen rechts“ wird an Demonstrationen teilgenommen, und auch ein aktuelles „Meisterwerk der Literatur“ mit dem Titel „Fifty Shades of Grey“ wird in Zusammenhang mit Sex im Alter ebenso bemüht wie die Themen Demenz, Tod und Sterben. In der Summe ist es zu viel, im Detail zu wenig.

Es ist so schade! Wäre die Autorin ihrem anfangs gewählten Stil treugeblieben, hätte es vielleicht eine intelligente, warmherzige und humorvolle Lektüre, die mich bis zum Schluss begeistert, werden können.


erschienen bei Residenz/ ISBN: 978-3701717194

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Daan Remmerts de Vries – Kaninchentango/ mit Illustrationen von Ingrid & Dieter Schubert

Zwei Kaninchen – ein Junge und ein Mädchen – treffen sich: Sie necken sich. Sie küssen sich. Sie tanzen und spielen. Sie umarmen sich. Sie fangen sich. Sie schweben und lachen. Sie hüpfen vergnügt am Ufer eines Sees – mal zum Licht der Sonne, mal zum Schein des Mondes. Dann nehmen sie Abschied, nur um – nach einer Drehung des Buches – sich abermals zu begegnen und die Freude an dieser Begegnung von Neuen ausgelassen zu genießen. Sie zeigen uns ihre Zuneigung: „Wir gehören zusammen!“

Ein Bilderbuch im wahrsten Sinne des „Wortes“…! Aber gänzlich ohne Worte…! Wortlos…!

Ein Umkehrbuch mit reizenden Illustrationen voller Farben und Wärme, das eine unbeschwerte Heiterkeit verströmt und seine Betrachter mit einem simplen Zauber belegt: …nur ein Blick und schon erscheint ein Lächeln! Magisch!

Die Geschichte dieser beiden putzigen Gesellen kann jede und jeder immer wieder selbst neu erfinden, immer wieder selbst neu erzählen…

…oder die Bilder still betrachten: ohne Worte!

Denn so manches Mal kann ein einzelnes Wort schon ein Zuviel sein!

Weniger ist manchmal so viel mehr!


erschienen bei aracari/ ISBN: 978-3907114070

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

 

MONTAGSFRAGE #50: Welche Beiträge verfasst ihr selbst am liebsten?

Die Sonne strahlt mit Kraft vom Himmel und schenkt uns einen 1A-Sommertag. Die Menschen bevölkern Freibäder, Biergärten und Cafés und genießen gut gelaunt die Wärme.

Nur ich – ich leide mehr oder weniger geräuschlos vor mich hin (okay: eher weniger), da mit 32°C Außentemperatur meine persönliche Betriebstemperatur deutlich überschritten wurde, schwitze aus jeder mir zur Verfügung stehenden Pore und fühle mich wie Asterix und Obelix im Kampf gegen die Römer…:

„Wir befinden uns im Jahre 2019 nach Christus. Ganz Osterholz-Scharmbeck ist von der Hitze besetzt… Ganz Osterholz-Scharmbeck? Nein! Ein von unbeugsamen OHZlern bevölkertes Häuschen hört nicht auf, den Temperaturen Widerstand zu leisten.“

So sitze ich hinter zugezogenen Gardinen, mit einem feuchten Handtuch im Nacken und einem Krug Eiswasser an meiner Seite vor meinem PC und „muss“ ja „bedauerlicherweise“ diese Montagsfrage beantworten. Ansonsten würde auch ich mich der verführerischen Hitze hingeben und mich meinen sonnenhungrigen und wärmefanatischen Mitmenschen anschließen. Jaja, wer es glaubt…!

…und schon sind mir mittenmang in der Beantwortung der heutigen Montagsfrage: Am liebsten schreibe ich humorige Beiträge mit einem gehörigen Schuss (Selbst-)Ironie.

An erster Stelle stehen natürlich die Rezensionen für mich, denn was wäre ein Buch-Blog ohne sie? Ich versuche natürlich, die Art meiner Rezension dem zu rezensierenden Werk anzupassen. Nicht immer ist Humor und Ironie angebracht bzw. würde dem Werk nicht gerecht werden. Aber gerade diese Herausforderung finde ich beim Verfassen einer Rezension so spannend und verlangt von mir, mich nochmals eingehend mit dem Buch zu befassen. Ähnlich verhält es sich bei meinen Beträgen zu „Kulturelles Kunterbunt“: Auch hier schreibe ich nichts anderes als eine Rezension, diesmal allerdings für einen vergänglichen Moment. Während ich bei einem Buch, dieses nach Jahren nochmals zur Hand nehmen, darin lesen und evtl. meinen bisherigen Eindruck ergänzen kann, handelt es sich bei einem Konzert- oder Theaterabend um ein einmaliges, so nie wiederkehrendes Ereignis, bei dem ich mich bemühe, den Zauber des Augenblicks wiederzugeben.

Meine Lust an (Selbst-)Ironie fröne ich stattdessen hin und wieder mit dem Verfassen einer Glosse: Hier kann ich mich richtig austoben und skurrile Situationen, gesellschaftliche Ereignisse sowie menschliche Eigenarten überspitzt aber nicht verletzend auf’s Korn nehmen. Da wird am Aufbau gefeilt und versucht, die Pointen effektvoll zu setzten.

Naja, und „Aller guten Dinge sind drei“: Ich würde nicht Woche für Woche, Monat für Monat und beinah seit einem Jahr (!) die Montagsfrage beantworten, wenn mir dies nicht eine immense Freude bereiten würde. Dies verdanke ich den tollen, abwechslungsreichen Fragen von Antonia, die zwar immer wieder einen Schrei bei mir auslösen, mich aber ebenso zwingen, eine Schublade meiner Erinnerungs-Kommode zu öffnen und den Inhalt Euch zu offenbaren. Antonias Fragen schieben meine Gedanken in verschiedenste und durchaus ungewohnte Richtungen und verleiten mich, meine eingefahrenen Lesegewohnheiten aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Vielen Dank dafür…!!!

…und welche Beiträge fließen Euch am liebsten aus der Feder???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

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[Rezension] Stuart Turton – Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle

„Heute Abend wird jemand ermordet werden. Es wird nicht wie ein Mord aussehen, und man wird den Mörder daher nicht fassen. Bereinigen Sie dieses Unrecht, und ich zeige Ihnen den Weg hinaus.“ steht in der Nachricht, die ein geheimnisvoller Unbekannter Aiden Bishop zukommen lässt. Auf dem Anwesen Blackheath der Familie Hardcastle wird ein Maskenball zu Ehren der Verlobung von Evelyn Hardcastle, der Tochter des Hauses, mit dem äußerst wohlhabenden und deutlich älteren Lord Cecil Ravencourt vorbereitet, und eben an diesem Abend geschieht ein Selbstmord, der keiner zu sein scheint. Nur wenn Aiden Bishop die Lösung zu diesem Verbrechen findet, kann er aus Blackheath entfliehen. Dabei gehört er weder zur Familie noch zum Hauspersonal und steht auch auf keiner Gästeliste: Wer ist er, und wie kam er nach Blackheath? Dafür wacht er Tag für Tag in einem anderen Wirt sprich im Körper eines anderen Gastes auf und erlebt diesen Tag zum wiederholten Mal incl. des getarnten Mordes. Er kann sich bei den Ermittlungen nur auf seine Kombinationsgabe verlassen und ist gezwungen, die Talente seines jeweiligen Wirtes zu nutzen. Dabei scheint jede und jeder auf Blackheath seine wahren Beweggründe hinter einer Fassade zu verbergen, so dass es schier unmöglich scheint, Freund vom Feind zu unterscheiden. Zudem lauert ihm im Verborgenen eine dubiose Gestalt in der Maske eines Pestdoktors auf. Allein dieser Tatbestand würde schon für reichlich Schrecken sorgen, wäre da nicht dieser brutale Lakai, der nach dem Leben seines jeweiligen Wirtes trachtet. Und dann ist da auch noch Anna…!

Wow! Stuart Turton hat – nach 3 Jahren Arbeit an diesem komplexen Werk – ein sensationelles Romandebüt abgeliefert, das gekonnt die Regeln von Raum und Zeit aufhebt, den Lesern nach allerbester „Whodunit“-Manier durch die Handlung treibt und mit den Elementen des Gothic-Thrillers spielt.

Die umfangreichen Fakten eines Tages werden in viele kleine Hinweise aufsplittert und nur bruchstückchenhaft – manchmal auch nur rudimentär – dem jeweiligen Protagonisten präsentiert. Da werden Indizien schon auf den ersten Seiten verstreut, die erst zum Ende des Romans an Bedeutung gewinnen und den Leser veranlassen, nochmals zurückzublättern, um die Fakten aus den Blickwinkeln der unterschiedlichsten Protagonisten zu sichten.

Das Symbol der Maske ist in diesem Kriminalroman allgegenwärtig: Niemand scheint in dieser Geschichte, die wahre Identität zu offenbaren. Aiden Bishop ist gezwungen, sich hinter den Gesichtern seiner Wirte zu verbergen. Die Familie Hardcastle, ihre Gäste wie auch die Dienstboten verstecken sich hinter Standesdünkel und Allüren, und auch der Pestdoktor verbirgt sein Antlitz hinter der charakteristischen Schnabelmaske. Sie alle treffen sich auf dem Maskenball in Blackheath!

Wer nach der obigen Inhaltsangabe fälschlicherweise glaubt, eine äußerst krude Geschichte vor sich zu haben, den kann ich beruhigen: Die Verwirrung ist einzig und allein meiner mangelhaften Fähigkeit, eine kurze, prägnante Inhaltsangabe darzulegen, geschuldet und lässt somit keine negativen Rückschlüsse auf das Talent des Autors zu. Ganz im Gegenteil: Turton versteht es bravurös die einzelnen Puzzleteile zu einem logischen Ganzen zusammenzusetzen. Stellt sich die Handlung anfangs als ein scheinbar undurchsichtiges Wirrwarr dar, entwirrt er an jedem neuen Tag und mit jedem weiteren Protagonisten die Handlung Stück für Stück zu einem logischen Ganzen.

In diesem geistreichen Ratespiel haben mich die facettenreichen Charaktere ebenso überzeugt, wie mich die unvorhersehbaren Wendungen, die die Handlung immer wieder in eine neue Richtung lenken, (positiv!) verwirrten. Die Antwort bleibt bis zum Ende im Dunkeln verborgen – oder sollte ich lieber sagen: hinter einer Maske? – und verblüfft mit einer überraschenden Auflösung!

Dieses Debüt wirkt – trotz seines klassischen Stils – frisch und unverbraucht: ein Novum in der Krimilandschaft, in der alle schon alles gelesen zu haben scheinen. Bravo!


erschienen bei Tropen/ ISBN: 978-3608504217

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #49: Wie wichtig ist der Autor eines Buches?

Lange haben die Nachbarn meinen Schrei nicht gehört (s.a. hier): Heute hatten sie wieder das „Vergnügen“. WAS für eine Frage…!

Vorab: Da ich wenig bis nix im Fantasy-Bereich lese, kann ich zwar Antonias Ausführung bzgl. J.K. Rowling und der Harry-Potter-Welt durchaus nachvollziehen, komme allerdings selbst wenig in Verlegenheit diesbezüglich. Meinen Standpunkt zu Prequels bzw. Sequels habe ich zudem schon in MONTAGSFRAGE #34 dargelegt.

Darum: Ich erlaube mir „aus einer anderen Richtung“ auf diese Frage zu schauen und gestatte mir somit einen Perspektivwechsel…!

Natürlich sind viele Parteien am Entstehen eines Buches beteiligt, wobei die Anzahl der Beteiligten variieren kann – je nachdem ob ein renommierter Verlag involviert ist oder ein Autor in Eigenregie veröffentlicht. Aber ich unterstelle einmal, dass selbst der Self-Publisher sein Werk Freunden zur Durchsicht präsentieren wird, bevor er es veröffentlicht. Und somit nimmt jeder, der einen Blick auf dieses Werk wirft, Einfluss. Schlussendlich entscheidet aber nicht das hübsche Cover darüber, ob mir ein Buch gefällt, sondern der Inhalt.

Somit: Der Löwenanteil am Entstehen eines Buches gebührt dem Autor. Sein Talent UND – sofern mir bekannt (!) – seine Persönlichkeit entscheiden bei mir über Gefallen oder Nichtgefallen. Das Buch könnte noch so zauberhaft-phantasievoll, raffiniert konstruiert und/ oder intellektuell anspruchsvoll sein, würde die Geisteshaltung des Autors völlig konträr zu meiner eigenen stehen, würde ich dieses Buch nicht lesen, bzw. ich würde ein schon gelesenes Buch aus meiner Sammlung entfernen (…so auch schon passiert!).

Ich finde es zudem sehr zweifelhaft innerhalb eines erfolgreichen Konzepts einen Autoren gegen einen anderen zu ersetzten. Für mich hat diese Vorgehensweise immer ein bitteres „Geschmäckle“ und stinkt nach Profitgier. Beispiele gefällig? Sehr gerne!

Anfang der 90er Jahre tauchte auf dem Buchmarkt plötzlich eine Fortsetzung zu Margaret Mitchells Roman „Vom Winde verweht“ auf, und ich habe mich gefragt „Wer braucht so etwas?“. „Vom Winde verweht“ habe ich durchaus gerne gelesen und freue mich schon sehr auf die Neu-Übersetzung, die Anfang des kommenden Jahres erscheinen wird. Die Fortsetzung „Scarlett“ wurde von mir keines Blickes gewürdigt…!

Vor einigen Jahren gaben die Erben von Agatha Christie ihr Einverständnis für „neue“ Kriminalromane mit Hercule Poirot aus der Feder von Sophie Hannah. Zur Erklärung: Im Roman „Vorhang“ von 1975 lässt Christie ihren weltberühmten Detektiv sterben. Für mich ein Indiz, dass sie diese Serie als abgeschlossen bzw. vollendet sieht. Mir erschließt sich somit nicht die Sinnhaftigkeit für „neue“ Kriminalfälle mit dem kleinen, pedantischen Belgier – so sehr ich ihn auch liebe und verehre! Welche unbekannten Facetten könnte Mrs. Hannah dieser Figur entlocken, die die „Queen of Crime“ uns nicht schon längst offenbart hätte?

Schimpft mich einen Pedanten, aber Poirot ist nur „echt“ von Christie. Punkt! Aus! Ende!

Was bedeutet es somit im Umkehrschluss? Das Konzept entscheidet über den Erfolg, der Autor ist austauschbar? …eine wahrlich gruselige Vorstellung!

…und wie lautet Eure Meinung zu diesem Thema???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

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[Rezension] Christopher Isherwood – Leb wohl, Berlin

Willkommen! Bienvenue! Welcome!

Berlin, Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts: Der junge Schriftsteller Christopher Isherwood kommt in diese pulsierende Metropole auf der Suche nach Inspiration für einen Roman. Inspiration findet er nicht – dafür verleiten ihn die vielen Begegnungen mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten: Persönlichkeiten, die nur eine Stadt wie Berlin hervorbringen oder anlocken kann.

Inspiration! – Inspiration brauchte der reale Isherwood nicht zu suchen! Inspiration hatte Isherwood zuhauf direkt vor seiner Nase!

Da ist seine ältliche Zimmerwirtin Fräulein Schroeder, die ihren besseren Zeiten hinterher träumt und trauert, über ihre Mieter stellvertretend am Leben teilnimmt und sich gezwungenermaßen mit jeglicher Regierung akklimatisiert. Was bleibt ihr auch übrig: Wo soll sie sonst hin?

Da ist der junge Otto Nowak, der mit seiner Familie in einem Hinterhof des Hinterhofs eines Hinterhofs lebt, und die in ihrer erbärmlichen Trostlosigkeit willig den Nährboden bietet für die Versprechungen der Nazis.

Da ist der intellektuelle Bernhard Landauer, Geschäftsmann aus dem noblen Villenviertel, der in seiner passiven Resignation gegenüber der Realität zwangsläufig zum Opfer für die Gräueltaten der Nazis wird.

Da ist die kapriziöse Sally Bowles, semi-talentiert aber dafür selbst-überschätzend, mit einem Hauch Verrücktheit, einer sexuellen Freigiebigkeit und einem hohen Maß an Unkompliziertheit, die in der damaligen Zeit sowohl für Faszination wie für Verwirrung bei ihren Mitmenschen sorgt.

 „Ich bin eine Kamera mit offenem Verschluss, ganz passiv, ich nehme auf, ich denke nicht.“

Der Autor wirkt beinah neutral und begegnet seinen Protagonisten wertfrei: Er ist Beobachter, nicht Analytiker. Er beschreibt die Szenerie durchaus detailliert aber unvoreingenommen. Trotzdem schafft er Atmosphäre ohne indifferent zu erscheinen.

Er porträtiert seine Protagonisten mit Witz, vermeidet es indes, sie der Lächerlichkeit preiszugeben – im Gegenteil: Oftmals offenbart sich in den alltäglichen Szenen und den scheinbar belanglosen Begegnungen eine bemitleidenswerte Tragik. Während die ersten Kapitel noch sehr detailliert das Geschehen wiedergeben, wirkt das letzte Kapitel mit seinen kurzen Episoden wie schnelle Schlaglichter, die eine wahrgenommenen Situation fragmentiert wiederspiegeln und trotz ihrer Kürze das Vage einer zunehmend unsicheren Wirklichkeit vermitteln.

Somit ist Christopher Isherwoods Episodenroman aus dem Jahre 1939 ein literarisches Zeugnis seiner Zeit und spiegelt eine Gesellschaft im Umbruch wieder: Das Weltoffene und Tolerante der Weimarer Republik ist noch spürbar, das Kleingeistige und Menschenverachtende des Nationalsozialismus ist schon zu erahnen. Das Berlin einer Sally Bowles wird bald Vergangenheit sein: Eine Epoche neigt sich dem Ende entgegen…!

Auf Wiedersehen! A bientôt! Good night!

Foto Gedenktafel, Nollendorfstraße 17 in Berlin-Schöneberg.jpg
Foto: Gedenktafel am Haus Nr. 17 in der Nollendorfstraße in Berlin-Schöneberg

erschienen bei Hoffmann & Campe/ ISBN: 978-3455405002

MONTAGSFRAGE #48: Erfahrungen mit self-publishing Autoren?

Ein sehr häufig (Vorsicht: Subjektivität!) auftretendes Phänomen unter Buch-Blogger*innen scheint zu sein, dass viele auch das Verlangen in sich verspüren, einen eigenen Roman zu verfassen und greifen zur Verwirklichung dieses Traums zur Möglichkeit der „Selbstveröffentlichung“ – so weit so gut…!

Ein sehr guter Freund veröffentlicht seine Fachbücher zum Thema „Seenotrettung“ in Eigenregie: Ihm war durchaus bewusst, dass renommierte Verlage dieses Thema nicht unbedingt zu ihrem „Favourite“ küren würden. Dafür hat er sich im Laufe der Jahre mit Publizierung auf entsprechenden Foren eine kleine aber feine Anhängerschaft erarbeitet. Und genau das ist es für Self-Publisher: Arbeit! Es gibt keinen renommierten Verlag im Hintergrund, der die Finanzierung, das Lektorat, die Gestaltung des Covers, die Werbung und all die weiteren kleinen Aufgaben übernimmt. Hier ist der Self-Publisher als „Hans Dampf in allen Gassen“ für ALLES selbst verantwortlich! Hochachtung!

Meine persönlichen Erfahrungen mit self-publishing Autoren sind eher überschaubar: Über lovelybooks habe ich an zwei Leserunden, bei denen die Autoren ihre neusten, in Eigenregie publizierten Werke zur Verfügung stellten, teilgenommen.

Im ersten Fall handelte es sich um einen Friesen-Krimi: Der Krimi war flott geschrieben, gefiel mit einer gut durchdachten Handlung und bot überraschende Wendungen. Nur leider empfand ich einige Szenen wie auch Charaktere als wenig ausgearbeitet und mir fehlte etwas mehr »Flair« des Handlungsortes. Der Funke wollte einfach bei mir nicht überspringen! Dies habe ich dem Autor respektvoll mitgeteilt und ihn gebeten, auf eine Rezension von mir freundlichst zu verzichten.

Beim zweiten Mal handelte es sich um eine Anthologie mit Geschichten schwuler Thematik: Diesmal habe ich eine Rezension veröffentlicht und meine Meinung kundgetan. Ich erhielt daraufhin vom Autor eine sowohl nette wie ausführliche Mail in der er mir sehr explizite Fragen stellte, die ich ihm ebenso nett und ausführlich aber auch respektvoll-ehrlich beantwortet habe. Eine weitere Antwort vom Autor blieb aus…!

Ebenso wurde ich durchaus schon direkt – sei es über lovelybooks oder per Mail-Adresse meines Buch-Blogs – von Autoren angesprochen, ob ich Interesse hätte, ihr Werk zu lesen, um es danach selbstverständlich auch zu rezensieren. Ich habe höfflich abgelehnt, da die Themen der Werke nicht meinen Interessengebieten entsprachen. Apropos Interessengebiete: Ich habe manchmal den Eindruck (Vorsicht: Subjektivität!), dass besonders self-publishing Autoren ein wirres Themen-Allerlei in ihren Werken verwursten, getreu dem Motto „Alles, was ich selbst gerne lese, packe ich in einen (!) Roman!“. Da ist dann von einem „young-adult-dark-fantasy-gothic-crime-thriller“ die Rede, und allein das Lesen dieser Bezeichnung überfordert mich schon kolossal…!!!

Prinzipiell ist Self-Publishing ein guter Weg, seinen Traum von einem eigenen Buch zu erfüllen – wenn die Qualität stimmt. Aber da gelten dieselben Regeln wie bei den Verlagsprodukten: Gekauft wird, was gefällt! Ähnliches gilt auch für meinen Blog: Rezensiert wird, was mir gefällt!

Jede/r Buchblogger*in, die/der Interesse an self-publishing Autoren hat, findet Kontakte auf den entsprechenden Internet-Foren, wie z. Bsp. „Buchblogger gesucht!“ auf facebook.

Ich wünsche Euch sowohl „Viel Erfolg!“ als auch „Viel Spaß!“

…und welche Erfahrungen habt Ihr schon mit self-publishing Autoren gemacht?


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

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