[Rezension] Marko Simsa – MEIN ERSTES BUCH VOM ORCHESTER. Willkommen in der Welt der Musikinstrumente/ mit Illustrationen von Christine Faust

Die Sommerpause neigt sich langsam dem Ende entgegen. Es dauert nicht mehr lange, und die Theater- und Konzerthäuser öffnen wieder ihre Türen für die Spielzeit 2025/2026. Auch mein Stammtheater, das Stadttheater Bremerhaven wird in wenigen Tagen in die neue Saison mit einem fulminanten Eröffnungs-Wochenende starten. Ich freue mich schon sehr…!

Und so endet mit MEIN ERSTES BUCH VOM ORCHESTER auch meine kleine Vorstellung von Literatur, die mir helfen sollte, die theaterlose Zeit zu überbrücken. Hierbei handelt es sich um einen erfolgreichen Klassiker aus dem Annette Betz-Verlag, der nach über 25 Jahren in einer überarbeiteten und neu illustrierten Fassung nun abermals veröffentlicht wurde, um weiteren Generationen an Kids die Welt der Musik näher zu bringen. Und dies gelingt Autor Marko Simsa mit Illustratorin Christine Faust und dem Orchester Camerata Wien unter der musikalischen Leitung von Erke Duit auch recht gut.

Lina ist aufgeregt: Sie darf Onkel Theo, der Dirigent ist, bei einer Orchesterprobe begleiten! Alle Musikerinnen und Musiker zeigen Lina ihre Instrumente. Dass die Geige sogar miauen kann und die Querflöte wie ein Vogel trillert, beeindruckt auch Kater Silvester: Lina durfte ihn ausnahmsweise mitnehmen! Mit Lina und ihrem Kater lernen Kinder spielerisch das Orchester kennen. Im Begleit-Hörbuch wird jedes Instrument in Tonbeispielen und Text vorgestellt. Zum Abschluss spielt das ganze Orchester zusammen beim großen Konzert!

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Man merkt Marko Simsas Text deutlich an, dass er reichlich Erfahrung mit einem jungen Publikum hat: Charmant doch unaufgeregt erzählt er die Geschichte von Linas Begegnung mit den Musiker*innen und ihren Instrumenten. Dabei streute er immer wieder humorvolle Dialoge in die Handlung, blieb dicht an der kindlichen Erlebniswelt und ließ potentielle Fragen der kleinen Leser*innen in Vertretung durch Lina stellen. Sehr genau, doch nicht ermüdend detailliert erklärte er die einzelnen Instrumente – sowohl die Einzigartigkeit als auch die Gemeinsamkeiten – und ihre Spielweise und wies auf Besonderheiten hin, die die zukünftigen Orchesterfans bei ihrem nächsten Konzertbesuch selbst bei den jeweiligen Instrumenten im Orchestergraben entdecken könnten. Auch eine Erklärung zu den jeweiligen Instrumentengruppen, die sich in einer besonderen Aufstellung schlussendlich zu einem Orchester formieren, fehlte selbstverständlich ebenso wenig.

Christine Faust blieb mit ihren Illustrationen ebenso nah an der kindlichen Erlebniswelt wie Simsa mit seinem Text. Mit klaren Formen und Farben kreierte sie sympathische Figuren mit einer sehr individuellen Optik, die ein Wiedererkennen der Musiker*in auf den Folgebildern erleichterten, Details hervorhoben und so eine deutliche Unterscheidung der Instrumente möglich machten.

Die beigefügte CD kann beinah als eigenständiges Medium gesehen werden: Zwar nimmt Sprecher Marko Simsa durchaus Bezug auf das Bilderbuch, doch gestaltete den Text nicht als bloße Nacherzählung der Bilderbuchhandlung, sondern er hob diesen auf eine zusätzliche Erzählebene.

Vielmehr legte er den Schwerpunkt deutlich mehr auf die einzelnen Instrumente, erläuterte anhand vieler Musikbeispiele, wie unterschiedlich die Instrumente bei ein und derselben Melodie klingen und schloss die Vorstellung der einzelnen Instrumente mit einer Passage aus dem klassischen Repertoire, bei dem das jeweilige Instrument besonders prägnant hervortritt. Bei der Musikauswahl wählte er beliebte Kinderlieder und bekannte klassische Stücke, die sicherlich einen hohen Wiedererkennungswert beim jungen Publikum haben.

Beste musikalische Unterstützung erhielt er durch Dirigent Erke Duit und den Musiker*innen des Orchesters Camerata Wien, die die CD mit einem gelungenen „Mini-Konzert“ beschlossen und so verdeutlichten, wie wunderschön es klingt, wenn die Instrumente der einzelnen Gruppen sich zu einem harmonischen Klangkörper vereinen.

Die Geschichte von Ninas Besuch bei einem Orchester mag für viele wie ein Märchen klingen, doch vielen Orchestern liegt die Musikvermittlung an Kinder und Jugendliche sehr am Herzen, wie auch dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven. Da gibt es beim FAMILIENKONZERT immer ein musikalisches Vorprogramm im oberen Foyer des Stadttheaters Bremerhaven, bei dem die Kids unter Anleitung der Orchester-Profis Instrumente kennenlernen und ausprobieren können. Zudem gibt es unter dem Motto MUSIK FÜR ALLE vielfältige Kooperationen mit Kitas und Schulen.


erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219120615
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Susa Hämmerle – DORNRÖSCHEN. Das Ballett nach Peter Iljitsch Tschaikowsky/ mit Illustrationen von Anette Bley

Krachend fallen nach und nach die Eingangstüren der Theater unserer Republik in die Schlösser. Unzählige Schlüssel drehen sich in eben diesen, um sie zu verschließen. Frühestens in 8 Wochen drehen besagte Schlüssel sich wieder in die andere Richtung, um dem Publikum zur Spielzeit 2025/2026 wieder Einlass in die heiligen Hallen der Musentempel zu gewähren. Auch mein Stamm-Theater hat sich in die Sommerpause verabschiedet, und so versuche ich mich – wie in jedem Jahr – mit Lektüre rund um das Thema Theater abzulenken, um die theaterlose Zeit möglichst kurzweilig zu überstehen.

Mit DORNRÖSCHEN, dem zauberhaften Märchenballett von Peter Iljitsch Tschaikowsky habe ich mir ein Werk ausgesucht, das in der nächsten Saison auch an meinem Stamm-Theater zur Aufführung kommen wird. Beim 3. Familienkonzert wird das Philharmonische Orchesters Bremerhaven unter der musikalischen Leitung von Hartmut Brüsch die gelungene Kooperation mit der Ballettschule Dance Art fortführen. Irina und Marius Manole werden mit den Schüler*innen ihrer Ballettschule sicherlich wieder eine wunderbar kindgerechte wie phantasievolle Choreografie für das junge Publikum erstellen. Bis es soweit ist, muss ich mich leider beinah ein Jahr gedulden.

Wie schön, dass ich mich mit diesem Buch ein wenig trösten konnte: Und so warf ich die beigefügte CD in den Player, setzte mich mit dem Buch bewaffnet gemütlich in meinen Lesesessel, schlug die erste Seite auf und drückte bei der Fernbedienung auf „Play“…


HINWEIS: Bei der obigen Aufnahme handelt es sich nicht um die, die dem Buch beigefügt ist. Es ist eine ältere Aufnahme, und sie dient nur dazu, einen Eindruck von der Musik zu vermitteln.

Susa Hämmerle lieferte wieder eine wunderbare Nacherzählung der Handlung und würzte diese mit witzigen Dialogen, die den Personen mehr Profil verliehen. Sie schuf so eine gelungene Textfassung, die zum Vorlesen prädestiniert ist und genügend Anknüpfungspunkte für die Musik bietet.

Doch so wohlgeraten der Text auch ist, die Schwerpunkte und somit das Hauptaugenmerk liegen bei einem MUSIKalischen BILDerbuch aus dem Annette Betz-Verlag nun einmal auf MUSIK und BILD.

Bei der beigefügten Aufnahme griff man abermals auf das Archiv des renommierten NAXOS-Labels zurück, deren Einspielungen von einer hohen Qualität sind und somit oftmals eine gute Wahl darstellen. Diesmal entschied man sich für eine Einspielung aus dem Jahre 1988 mit dem Tschechisch-Slowakischem Staatsorchester unter der Leitung von Andrew Mogrelia, die Tschaikowskys Kompositionen mit der richtigen Mischung aus theatralem Druck und träumerischen Schmalz „über die Rampe“ brachten. Dabei wurde die beinah 3-stündige Original-Aufnahme auf kindgerechte 62 Minuten eingekürzt, wobei die bekannten Melodien erhalten blieben, allerdings einige Passagen etwas abrupt endeten – ein Umstand, der für die Kids sicherlich eher von geringem Belang ist.


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Schon mit dem ersten Bild verdeutlicht die Künstlerin Anette Bley nicht nur die enge Bindung des Werkes zur Bühne, sondern sie schuf auch einen gelungenen Einstieg in die Geschichte. Als Betrachtender dieses Bilderbuches versetzt sie mich in die Rolle des Zuschauers. Ich sitze im Saal eines Theaters und werfe einen Blick über den Orchestergraben zur Bühne. Während die Musiker noch ihre Instrumente stimmen, sitzt der Komponist höchstpersönlich am linken Bühnenrand und notiert in aller Eile noch einige Änderungen in seiner Partitur. Von der Seitenbühne schlendern die Protagonist*innen auf die Bühne, huschen durch den leicht geöffneten Vorhang und begeben sich im dahinter befindlichen Bühnenbild in Position. Es bleiben nur noch wenige Augenblicke bis zum Beginn der Vorstellung, der Dirigent hebt seinen Taktstock, und dann kann das Spiel beginnen.

Weich und fließend fügen sich die Figuren in ein detailreiches und zauberhaftes Setting. Jede Figur überzeugt durch eine prägnante Physiognomie und einem individuellen Kostümdesign, die es den Kids leichter macht, die Figuren auch auf den nachfolgenden Illustrationen wiederzuerkennen. Doch unbedingt sollten nicht nur die Hauptpersonen beachtet werden. Vielmehr bin ich mit meinem Blick auch an den Rand des Geschehens gewandert und habe dort etliches entdeckt, das mich sehr amüsiert hat. Da lohnt es sich, den Fokus auch auf die Nebenrollen zu lenken und darauf zu achten, wo sie im Laufe der Geschichte immer mal wieder auftauchen. Da lugt mal hier eine markante Nase um die Ecke, da schauen mal dort Füße hinter dem Sessel hervor, und auch das, was ich durch eine geöffnete Tür im Hintergrund erspähte, erheiterte mich sehr.

Anette Bley hat wahrlich märchenhafte Bilder kreiert, bei denen ich besonders die wundervolle Harmonie der Farben hervorheben möchte, die dafür sorgt, dass die Illustrationen beinah sphärisch wirken.

Schier endlos lange elf Monate dauert es noch, bis die entzückenden Figuren dieses Märchenballetts auf der Bühne meines Stamm-Theaters ihre Gestalt annehmen und endlich zu tanzen beginnen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich bis dahin wirklich so viel Geduld aufbringen kann! 🤩


erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219112122

[Rezension] Alison Green – WILLKOMMEN. Ein Buch über Freundschaft/ mit Illustrationen von Axel Scheffler

„Willkommenskultur“ – dieses Wort war im Zuge der (s.g.) Flüchtlingskrise in aller Munde. Doch was versteckt sich hinter diesem Wort? „Willkommenskultur“ beschreibt eine positive Einstellung und ein wertschätzendes Verhalten gegenüber Menschen, die in einem Land willkommen geheißen werden. Grundvoraussetzung für diese positive Einstellung sind Offenheit und Akzeptanz bei allen Beteiligten. Aber eine „Willkommenskultur“ spielt sich nicht nur auf der großen Weltbühne sondern auch im Kleinen, in meiner Gemeinde, in meiner Nachbarschaft, bei mir zuhause ab. Auch dort ist es wichtig, dass ich Menschen, die vielleicht nicht aus dem mir bekannten Erfahrungsraum stammen, mit Offenheit und Akzeptanz begegne, mit dem Wunsch, dass wir eine gute Zeit miteinander verbringen.

Wenn mich Fremdartiges ängstigt, dann hilft es, es besser kennenzulernen. Wir machen uns einander bekannt in der Hoffnung, dass aus Fremden Freunde werden. Dieses Verhalten kann nicht früh genug gefördert werden. Besonders Kinder sind da mit einer wunderbaren Neugier und einer bewundernswerten Unbefangenheit ausgestattet. Beides wird erst durch den Einfluss Erwachsener begrenzt. Dieses reizende Bilderbuch setzt dem ein Statement entgegen und feiert die große bunte Vielfalt.

Hier ist jeder herzlich willkommen – ob er klein ist oder groß, ob er flattert oder springt. Viele nette Tiere zeigen dir, was Freundschaft bedeutet und wie man andere willkommen heißt: zusammen spielen und lachen, genauso wie etwas miteinander zu teilen und sich nach einem Streit wieder vertragen. Manchmal reichen schon kleine Gesten, wie jemanden an die Pfote zu nehmen, damit sich jeder angenommen fühlt. Stell dir mal vor, alle in dieser Welt wären Freunde und jeder würde sich willkommen fühlen. Lasst uns alle mithelfen, damit das gelingt.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages bzw.
dem Klappentext des Buches entnommen!)


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Axel Scheffler – Illustrator vom allseits bekannten „Grüffelo“ – hat wieder zugeschlagen. Nun sind mir persönlich die Abenteuer des Grüffelos nicht bekannt. Vielmehr habe ich die Bekanntschaft mit Schefflers Bildern bei TAGEBUCH EINER KILLERKATZE und DIE FLÖHE IN DER OPER gemacht und empfand sie immer sehr stimmig zur Handlung.

Hier schuf er zum einfachen aber klaren und einfühlsamen Text von Alison Green eine drollige, farbenfrohe und abwechslungsreiche Tierschar, die einerseits die Besonderheiten der jeweiligen Art erkennen lässt, doch vielmehr die Gemeinsamkeiten hervorhebt. Diversität wird hier gefeiert und somit auch ein mit- und voneinander lernen. Der Fokus liegt deutlich darauf, was die Tiere vereint bzw. vereinen könnte, nicht auf das, was sie trennen würde.

So schuf Scheffler ein wunderbares Anschauungsmaterial für Kids, die vielleicht ähnliche Situationen wie die Tiere erleben, und dank dieses Buches spielerisch Möglichkeiten zum Handeln vermittelt bekommen.

Dieses Buch ist ein entzückendes Plädoyer für Toleranz und Respekt, die für mich die Grundlage für ein friedliches Miteinander sind. „Stell dir mal vor, die ganze Welt wäre wie dieses Buch – alle wären nett…“ steht im Buch geschrieben. Ja, das wäre schön, und die Kids hätten eine solche Welt so sehr verdient.

❤️🧡💛💚💙
Sorgen wir dafür, dass unsere Kinder
in einer regenbogenbunten Welt leben dürfen!
💙💚💛🧡❤️


erschienen bei Beltz & Gelberg / ISBN: 978-340775990 / in der Übersetzung von Adélie Scheffler und Axel Scheffler
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Štěpán Zavřel – TRAUM VON VENEDIG

Venedig: bunt und lebhaft, melancholisch und morbide, weltoffen und voller Geheimnisse, zwischen Tradition und Moderne, Sehnsuchtsort vieler Hochzeitsreisender – dies alles (und noch so viel mehr) steht für die mythenumrankte Lagunenstadt an der Adria. Auch viele Literaten konnten sich ihrem Zauber nicht entziehen, schöpften aus ihr die Inspiration und wählten sie als Handlungsort für ihre Werke: Thomas Manns „Tragödie einer Entwürdigung“ gipfelte in TOD IN VENEDIG, Donna Leon schickt Commissario Brunetti seit VENEZIANISCHES FINALE stetig durch die Gassen dieser Stadt, und auch der berüchtigte Giacomo Casanova erlebte amouröse ABENTEUER IN VENEDIG.

Was hier so romantisch-harmlos klingt, birgt auch große Gefahren für die Stadt. Die Menschenmassen, die sich täglich touristisch über die Stadt ergießen, die großen Kreuzfahrtschiffe, die in einen Hafen einlaufen, der nicht für sie geschaffen ist, und zudem die zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels: Sie verändern das Leben in Venedig. Dies erkannte schon in den 70er Jahren der Künstler Štěpán Zavřel und schuf mit TRAUM VON VENEDIG ein phantasievolles Bilderbuch, das zum Träumen verführt aber auch einen ernsten Unterton besitzt.

Inspiriert von einem Bild, das Marco in der Schule gemalt hat, träumt er sich des Nachts in eine zauberhafte Welt: Seine Heimatstadt Venedig ist plötzlich gänzlich unter dem Meeresspiegel. Eine kleine Meerjungfrau lädt ihn ein, mit ihr gemeinsam durch die versunkene Stadt zu tauchen. Sie schwimmen vorbei an all den bekannten Gebäuden und Sehenswürdigkeiten, die nun im schemenhaften Licht, das sich durch das Wasser bricht, noch viel geheimnisvoller erscheinen. Doch das viele Wasser schadet zunehmend der Stadt, und es ist fraglich, wie lange diese Schönheit noch erhalten bleibt…!


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Bereits Ende der 60er Jahre hatte Štěpán Zavřel die Idee, mit dem Bohem-Verlag eine Institution zu gründen, die den Kindern durch Bilderbücher die Kunst näher bringen sollte. So ist dieses Buch sein kunstvolles Vermächtnis, die Kinder für die Schönheit Venedigs zu sensibilisieren, und gleichzeitig sein Appell, die Stadt zu schützen.

Seine Bilder sind alles andere als naturalistisch, vielmehr verstärken sie mit ihrem Stil die märchenhafte Komponente der Geschichte. Zwar ist Venedig mit den markanten Bauwerken klar wiederzuerkennen, doch sind die Formen schmeichelnd rundlich. In den Bildern fächert sich das Panorama der Stadt harmonisch vor den Augen der Betrachtenden auf. Ebenso harmonisch wählte Zavřel auch seine Farben: Sie wechseln nuancenreich von Blau zu Grün, von Gelb über Orange zu Rot. Mit helleren Farben setzte er gekonnt Akzente und deutete Lichtreflexe an. Wasserpflanzen umspielen wunderbar schwebend und fließend die Architektur der Stadt und lassen diese geheimnisvoll erscheinen. Die Gebäude wirken, als würden sie sich gemeinsam mit der Vegetation im Wasser sanft hin und her wiegen. Seine Kunstwerke sind (passend zum Titel des Buches) traumhaft schön.

Anlässlich des 20. Todestages von Štěpán Zavřel erschien im Jahre 2019 seine Hommage an diese außergewöhnliche Stadt in einer limitierten Sonderedition, die mich sowohl absolut beeindruckt wie auch ganz und gar begeistert hat.


erschienen bei Bohem / ISBN: 978-3855815753

[Rezension] José-Louis Bocquet (nach Georges Simenon) – DER PASSAGIER DER POLARLYS/ mit Illustrationen von Christian Cailleaux

Nachdem der Carlsen-Verlag schon einige Werke von Dame Agatha Mary Clarissa Christie, Lady Mallowan, DBE (kurz: Agatha Christie 😉) in Form der Graphic Novel ins Rennen um die Gunst der Krimi-Fans geschickt hatte, hielt mit Georges Simenon nun ein weiteres Schwergewicht der Kriminalliteratur Einzug ins Portfolio des Verlages. Nun sind Simenons Romane nicht so gefällig wie die seiner britischen Kollegin, nehmen aber völlig berechtigt einen wichtigen Platz auf dem Krimi-Olymp ein. Zudem wählte der Verlag für Simenons Einstand nicht etwa eine Geschichte mit dem weltberühmten Kommissar Maigret, vielmehr fiel die mutige Wahl mit DER PASSAGIER DER POLARLYS auf einen der weniger bekannten Romane.

Schon bevor die Polarlys den in frostigen Nebel getauchten Hamburger Hafen Richtung Norwegen verlässt, beschleicht Kapitän Petersen ein ungutes Gefühl. Er spürt etwas, was die Seemänner den »bösen Blick« nennen, und ahnt, dass diese Fahrt keine gewöhnliche wird. Auch der inkompetente, ihm von seinem Arbeitgeber als Dritter Offizier zugeteilte junge Niederländer gefällt ihm nicht. Noch weniger der gerade aus dem Gefängnis entlassene Rumtreiber, den der Maschinist als Ersatz für den erkrankten Heizer an Bord genommen hat. Tatsächlich lässt das Unheil nicht lange auf sich warten, denn schon einen Tag nach Lichten des Ankers wird an Bord einer der fünf Passagiere, der Polizeirat Sternberg, ermordet aufgefunden – und an Verdächtigen mangelt es nicht…

(Inhaltsangabe der Verlagsseite des Romans entnommen!)

Sowohl Agatha Christie wie auch viele ihrer Kolleg*innen, die das goldene Zeitalter der britischen Krimis prägten, siedelten die Handlungen ihrer Werke gerne in der gehobenen Mittelschicht bis hinauf zum Adel an und präsentierten so kauzige Typen in einem gediegenen Ambiente voller Luxus aber auch mit mehr Schein als Sein.

Simenon hingegen porträtierte Typen der Unterschicht: Hier ging es immer etwas direkter, schnörkelloser und handfester zu. Auch Sex und Erotik wurden da nicht nur schamhaft angedeutet. Zudem wurde nicht auf edlen Landsitzen sondern in räudigen Hinterhöfen gemordet. Der Umgangston der Straße war deftig und manches Mal deutlich ordinärer als vergleichsweise in einem malerischen englischen Cottage. 


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Die literarische Vorlage zur Graphic Novel DER PASSAGIER DER POLARLYS ist mir leider nicht bekannt. Doch mit dem Wissen um die Attribute Simenons Werke, gestatte ich mir die Einschätzung, dass es José-Louis Bocquet gelungen ist, ein stimmiges Szenario zu kreieren, in dem der raue, wortkarge Umgangston, der an Bord eines Passagier- und Frachtschiffes vorherrscht, gut getroffen wurde.

Georges Simenon ist für mich ein Meister im Erschaffen von Atmosphäre. Er beherrschte die seltene Kunst, mit nur wenigen Sätzen punktgenau ein Milieu zu schildern. Wenige Sätze, manchmal nur Wörter genügen mir, und vor meinem inneren Auge entsteht das entsprechende Setting der Geschichte. Die Umsetzung besagter Atmosphäre in Bilder ist Christian Cailleaux mit seinen Illustrationen ganz und gar wunderbar gelungen. Mit der Wahl der jeweiligen Physiognomien zum Handlungspersonal skizziert er gestrauchelte und somit vom Leben gezeichnete Charaktere. Er verweigert uns „Schönmalerei“ und entwirft ambivalente Figuren mit Ecken und Kanten. Auch sein Setting, sozusagen das Bühnenbild entspricht diesem Konzept: Er verwehrt Simenons Welt eine allzu lebensbejahende Farbigkeit. Alles wirkt gedämpft, dumpf, trostlos – und gleichzeitig beängstigend, so als würde hinter jeder Kabinentür eine Gefahr lauern. 

„Ist es so, dass das Genre der Graphic Novel mir nicht zu liegen scheint?“ zweifelte ich vor einiger Zeit selbst an mir. Dank der Lektüre von DER PASSAGIER DER POLARLYS zweifle ich nun sehr viel weniger. Was hier geschaffen wurde, ist nicht nur ein schnöder Unterhaltungs-Comic, vielmehr wurde ein Klassiker der Kriminalliteratur als eine äußerst gelungene Graphic Novel wiedergeboren.


erschienen bei Carlsen / ISBN: 978-3551804204 / in der Übersetzung von Christoph Haas
ebenfalls erschienen als Roman bei Hoffmann und Campe / ISBN: 978-3455006315 und als Taschenbuch bei Atlantik / ISBN: 978-3455008050 
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] James Norbury – DIE KATZE, DIE NACH WEISHEIT SUCHT

James Norbury ist Künstler, Illustrator und Schriftsteller, der sich mit Spiritualität, insbesondere dem Buddhismus beschäftig. Er schöpft hieraus seine Ideen und Sichtweisen auf das Leben, die er in seinen Texten einfließen lässt. Bei seinen Illustrationen arbeitet er bevorzugt mit schwarzer Tinte, Pinsel und Wasserfarben und lässt sich durch Arbeit von Zen-Malern, Mangaka- und Ukiyo-e-Künstlern inspirieren. So entstehen seine Bilder sehr intuitiv, fallen in keiner Weise einer Bearbeitung „zum Opfer“, sondern bleiben in ihrer Originalität erhalten.

Er lebt mit seiner Frau und sieben (!) Katzen in Wales, England. Da liegt die Vermutung nah, dass seine tierischen Hausgenossen die Vorbilder für die Haupt-Charaktere seiner neusten Geschichte waren.

Dies ist die Geschichte einer Katze, die nach Frieden, innerer Ruhe und einem Sinn im Leben sucht. Eines Tages erfährt sie von einer sagenumwobenen alten Kiefer. Unter dem Schutz ihrer Äste, so heißt es, lässt sich unendliche Weisheit erlangen. Die Katze begibt sich auf die Reise, und unterwegs trifft sie eine Reihe von Tieren, die alle ihre eigene Geschichte haben: einen sorgenvollen Affen, eine Schildkröte, die ihren Lebensmut verloren hat, einen Tiger, der mit seiner Wut kämpft, ein verwirrtes Wolfsjunges und eine begehrliche Krähe. Aber erst die unerwartete Begegnung mit einem Katzenjungen wird sie zwingen, alle Gewissheiten infrage zu stellen.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Eine Geschichte, in der sich der Hauptcharakter auf eine Wanderschaft begibt, auf diesem Weg etliche skurrile Gestalten begegnet, die ihm alle Schritt für Schritt der inneren Läuterung näher bringen, die dabei noch Denkanstöße für die Leserschaft parat hält, dies in einer poetischen Sprache verpackt und mit Illustrationen des Autors schmückt,…!

Hm? Gab es so etwas nicht schon einmal?

Ich bitte um Entschuldigung, aber der Vergleich mit DER KLEINE PRINZ von Antoine de Saint-Exupéry sollte erlaubt sein. Nun ist Saint-Exupérys entzückende Geschichte voller Zauber und Poesie und völlig zurecht ein literarischer Dauerbrenner. Ob DIE KATZE, DIE NACH WEISHEIT SUCHT diesen Status einmal erreichen wird, möchte ich nicht beurteilen.

Bei seiner Erzählung bezieht sich James Norbury auf die traditionellen Zen-Geschichten und verwebt diese mit seiner Handlung. Nun sind die darin enthaltenen Lebensweisheiten nicht unbedingt revolutionär neu, womit mein Erkenntnisgewinn auch eher überschaubar ausfiel. Doch Norbury überzeugte mich mit seinem erholsam ruhigen Erzählton: Die Lektüre war beinah meditativ. Und zugegeben: Auch wenn die enthaltenen Weisheiten beinah simple erscheinen, wissen wir doch alle, dass deren Umsetzung in den Alltag die wahre Herausforderung darstellt. So war ich dankbar für die Impulse und Denkanstöße, die Augenblicke im Leben als einzigartige Chancen zu betrachten und sowohl neuen Begegnungen wie auch Herausforderungen aufgeschlossen zu sein.

Die Illustrationen sind deutlich von der fernöstlichen Malerei beeinflusst und passen mit ihrer harmonischen wie auch reduzierten Farbgebung ganz wunderbar zum ruhigen Erzählton der Geschichte.

So kommt dieses charmante Büchlein ebenso sanft und leichtfüßig daher, wie eine Katze, die sich auf leisen Pfoten fortbewegt, und schenkte mir als Leser erholsame Momente der Ruhe.


erschienen bei Wunderraum / ISBN: 978-3442317639 / in der Übersetzung von Sibylle Schmidt
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Andrea Tuschka – STILLE POST/ mit Illustrationen von Rebekka Stelbrink

Ein neues Jahr hat begonnen: Wenn ich auf meine ersten Rezension in einem Neuen Jahr zurückblicke, dann hat sich in den letzten Jahren beinah so etwas wie eine kleine Tradition entwickelt. Nur allzu gerne bin ich ins Jahr mit der Rezension eines Bilderbuches gestartet. Warum sollte ich also in diesem Jahr mit dieser schönen Tradition brechen?! 😊

Bär und Maus sind beste Freunde. Eines schönen Tages aber streiten sie sich fürchterlich. Aus lauter Wut, weil der Bär einfach zornig nach Hause gegangen ist, lässt die Maus ihm ausrichten, dass sie ihn nie wieder sehen will! Doch die Nachricht, die bis zur Bärenhöhle am Berggipfel überbracht werden sollte, kommt, weitergenuschelt und -gemurmelt, schließlich so ganz anders an als geplant. Was für ein Glück für Maus und Bär! Inzwischen tut es den zerstrittenen Freunden nämlich ganz schrecklich leid und sie vermissen sich sehr. Der Versöhnung steht nichts mehr im Weg.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Wie gerne haben wir als Kinder „Stille Post“ gespielt und uns dabei gar köstlich amüsiert, wenn am Ende etwas völlig anderes, wenn nicht sogar wahnwitziges herauskam, als das, was die ursprüngliche Nachricht war. Als Kinderspiel völlig harmlos kann diese Vorgehensweise im Alltag etliche Tücken beinhalten. Kommunikation zwischen zwei Personen funktioniert am besten auf dem direkten Wege. Eine Bitte wie „Richte XY bitte aus, dass…!“ an einen Dritten birgt zwangsläufig die Gefahr, dass Fehler in der Übermittlung passieren. Dabei unterstelle ich dem Überbringer der Nachricht noch nicht einmal Böswilligkeit. Viel zu viele Faktoren spielen dabei eine Rolle, die Einfluss auf unsere Wahrnehmung nehmen.


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So ergeht es auch all den Tieren in Andrea Tuschkas charmanter Geschichte, die alle ihr Bestes geben, die Nachricht der Maus korrekt an den Bären weiterzuleiten. Doch wie im wahren Leben gerät der gute Wille ins Straucheln, und heraus kommt eine ganz andere Nachricht. Zum Glück, denn sonst wären unsere beiden Held*innen wahrscheinlich immer noch zerstritten, und das wäre doch zu schade, oder? So ganz nebenbei vermittelt die Autorin ihren jungen Leser*innen, wie Kommunikation funktionieren sollte: respektvoll und auf dem direkten Weg. Auch zeigt sie mit der Wahl ihrer Held*innen (Maus und Bär), dass sich eine Freundschaft völlig unabhängig von der Herkunft entwickeln kann und auch stark genug ist, um eine Meinungsverschiedenheit zu überstehen.

Rebekka Stelbrink hat diese Geschichte nicht einfach „nur“ illustriert: Vielmehr hat sie zu Pinsel, Schere, Papier, Stifte, Aquarell- und Acrylfarbe gegriffen, um daraus – ganz analog – Papiercollagen zu kreieren. Äußert filigran und mit viel Liebe und Geduld ließ sie so die Welt rund um Maus und Bär entstehen. Dabei erschuf sie dreidimensionale Welten, die mich mit vielen witzigen Details begeisterten und amüsierten: Da schlummern die Eulen in ihrer Baumhöhle, hinter einem Strauch lugt der Schwanz des Fuchses hervor, im Fluss tummeln sich die Fisch zwischen dem Farn, und der Waschbär hängt seine frischgewaschene Wäsche auf. Doch ihr besonderes Augenmerk legte die Künstlerin auf unsere beiden Hauptprotagonist*innen, die ihr absolut entzückend gelungen sind und eine ansteckende Positivität ausstrahlen. In ihrer Farbgebung blieb sie wohltuend dezent natürlich und zeigt trotzdem eine immense Variationsbreite.

Ein gutes Bilderbuch vermittelt seine Botschaft(en) nie plakativ. Vielmehr ermöglicht es seinen jungen Leser*innen, sich der Geschichte auf verschiedenen Ebenen anzunähern und bietet ihnen somit Raum für Phantasie und Interpretation. Andrea Tuschka und Rebekka Stelbrink ist dies bei ihrer entzückenden Geschichte STILLE POST gar vortrefflich gelungen.


erschienen bei Bohem / ISBN: 978-3959392358
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Charles Dickens – EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE/ mit Illustrationen von Lisa Aisato

Es ist wohl eine der bekanntesten und beliebtesten Geschichten der Welt: Charles Dickens A CHRISTMAS CAROL. Darum wäre es für mich auch müßig, überhaupt auch nur ein Wort zu diesem Klassiker der Weltliteratur zu verlieren. Ebenso müßig ist es hierbei, der jeweiligen Übersetzung übermäßig Aufmerksamkeit zu schenken, da alle Übersetzer*innen eine großartige Arbeit geleistet haben. Oftmals sind es nur Nuancen, die für mich ausschlaggebend sind, welche Fassung mir als Vor-Leser geschmeidiger über die Lippen kommt. Da die mir vorliegenden Übersetzungen alle auf einem ähnlich hohen Niveau sind, wäre ich allerdings als „purer“ Leser nicht fähig, einen Favoriten zu küren. Da empfinde ich die unterschiedliche Benennung des Titels schon verwirrender: Neben EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE taucht auch EIN WEIHNACHTSMÄRCHEN und EIN WEIHNACHTSLIED als Titel ein und derselben Geschichte auf.

Also erlaube ich mir, mein Augenmerk auf die optische Umsetzung zu legen. Zumal ich bereits zwei Mal das Vergnügen hatte, eine illustrierte Fassung rezensieren zu dürfen. Während ich bei Lisbeth Zwergers Illustrationen die schlichte Zurückhaltung schätze, begeistern mich die Bilder von Patrick James Lynch mit ihrer atmosphärischen Detailgenauigkeit.


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Für die Illustration der vorliegenden Fassung war nun die norwegische Künstlerin Lisa Aisato verantwortlich. Wie ihre beiden Vorgänger*innen konnte auch sie mich dank ihres sehr eigenen Stils vollkommen überzeugen.

Sie schuf wahre Kunstwerke: detailreich, phantasievoll, sphärisch.

Ihre Figuren gefallen durch einen ironisierenden Realismus. Ihre Physiognomie erscheint etwas überhöht, gefällt aber durch Skurrilität und einer liebevollen Kauzigkeit. Es sind Charakterköpfe, die ich im klassischen Sinne nicht als schön bezeichnen würde. Dafür lässt sie die Gesichter „sprechen“: Die Empfindungen sind den Figuren ins Gesicht geschrieben, und Lisa Aisato zeigt kunstvoll, wie sich die Mimik durch die unterschiedlichen Gefühlsregungen verändert. Besonders eindrucksvoll empfand ich die Veränderung von Scrooges Gesicht zu Beginn der Geschichte im Vergleich zum Ende: Ein Lächeln bewirkt wahre Wunder!

Doch auch das Setting, in dem unsere Held*innen agieren, gestaltete sie atmosphärisch dicht mit einem Touch in Richtung Aquarell, der die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit fließend erscheinen ließ. Dabei wählt sie interessante Perspektiven und einen abwechslungsreichen Bildaufbau.

Welcher illustrierten Fassung würde ich nun den Vorrang geben? Ich kann es nicht sagen! Eine Entscheidung fiele mir schwer. Jede Künstlerin und jeder Künstler hat eine sehr persönliche Handschrift und eröffnet mir so immer wieder neue und überraschende Blickwinkel auf eine Geschichte, die ich so sehr liebe.

Umso schöner ist es, dass ich mich nicht entscheiden muss!


erschienen bei Woow Books / ISBN: 978-3039670024 / in der Übersetzung von Gabriele Haefs

[Rezension] Hans Fallada – DER GESTOHLENE WEIHNACHTSBAUM/ mit Illustrationen von Ulrike Möltgen

Ich liebe die Bücher aus der Insel-Bücherei! Jedes für sich ist ein kleiner literarischer Schatz, hochwertig in der Ausstattung, verführerisch im Inhalt. Diesmal konnte ich der unnummerierten Sonderausgabe mit Erzählungen von Hans Fallada nicht widerstehen, die in diesem Jahr in einem größeren Format erschienen ist.

Zumal es mir eine wunderbare Möglichkeit bot, mich diesem Autor dezent anzunähern. Hans Fallada zählt zu den Literaten, an dessen Werk ich mich bisher noch nicht herangetraut hatte, dies aber gerne ändern möchte. Schließlich gilt Hans Fallada als einer der bedeutendsten sozialkritischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts Deutschlands. Wenn ich mir sein Leben – zwischen Sucht und Suizid, zwischen Systemkritik, Opportunismus und Repression, zwischen Genie und Wahnsinn – anschaue, dann ist es umso erstaunlicher, welche Fülle an Werke er geschaffen hatte. Doch vielleicht konnte er nur so seine kreative Kraft vollständig entfalten.

Ebenso erstaunlich ist es, dass (zumindest) die in diesem Büchlein vereinten vier weihnachtlichen Geschichten trotzdem eine wunderbare Leichtigkeit ausstrahlen und durch ihre kesse Ironie und einem spitzbübischen Humor überzeugen. Die durchaus vorhandene Kritik an Obrigkeit und Gesellschaft drängt sich nie dominant in den Vordergrund. Vielmehr stecken diese Geschichten voller Witz, Wärme und einer Menge Menschlichkeit.

Was tun, wenn Weihnachten kurz vor der Tür steht und immer noch kein Baum im Haus ist? Oder der Wunschzettel lang ist, aber man „immer so mit dem Pfennig rechnen muss“? Und ob die Tiere draußen auch das Fest feiern können? Der Bestsellerautor Hans Fallada erinnert in seinen Erzählungen an die schönste Zeit des Jahres: „Dies Gefühl aufzuwachen und zu wissen: Heute ist wirklich Weihnachten. Wovon wir seit einem Vierteljahr geredet, auf was wir so lange schon gehofft hatten, nun war es wirklich…“

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Jede Familie entwickelt im Laufe der Zeit eigene, ganz persönliche FAMILIENBRÄUCHE zur Weihnachtszeit: Es beginnt mit der Essensauswahl, nimmt Einfluss auf den Ablauf des Heiligen Abends und endet mit dem Besorgen des Weihnachtsbaumes, und dabei sind die Rollen klar verteilt. So auch hier: Da macht der Vater ein großes Gewese um den Kauf des Weihnachtsbaumes. Das Objekt der Begierde darf nicht zu groß, nicht zu schlank, nicht unregelmäßig gewachsen und (vor allem) nicht zu teuer sein. Jedes Jahr treibt er seine Familie in den Wahnsinn und schürt so die Ängste der Kinder, dass der perfekte Baum nicht rechtzeitig gefunden wird. Doch ebenfalls wie in jedem Jahr lösen sich alle Ängste in Wohlgefallen auf, wenn am Heiligen Abend ein üppig geschmückter Baum mit den Kinderaugen um die Wette strahlt.

In LÜTTENWEIHNACHTEN machen sich die Kinder Friedrich, Alwert und Frieda auf den Weg, um für die Tiere des Hofes einen kleinen, eigenen Weihnachtsbaum zu besorgen. Dabei dürfen sie sich nicht vom Rotvoß, wie sie den rotbärtigen Förster insgeheim nennen, erwischen lassen. Rotvoß ist ein strenger Mann, der hart durchgreift, wenn in seinem Revier Bäume „gewildert“ werden. So machen sich die Kinder an einem besonders nebligen Tag auf den Weg, in der Hoffnung, unerkannt ein Bäumchen für die Tiere stibitzen zu können. Doch gerade als sie eine passende Fichte gefunden und gefällt hatten, laufen sie dem Förster in die Arme. Doch der ist weit davon entfernt, sie auszuschimpfen: Hat er doch selbst genau in jenem Moment ein Lüttenweihnachten für die Wildgänse ausgerichtet. Und so schließen der Mann und die drei Kinder stillschweigend einen Pakt…!

Jung, frisch verheiratet und verliebt: Da fehlen nur noch FÜNFZIG MARK UND EIN FRÖHLICHES WEIHNACHTSFEST zum vollkommenden Glück. Doch bis diese Wünsche sich erfüllen, muss sich unser junges Paar ordentlich strecken. Die Zeiten sind schlecht, das Geld sitzt bei niemanden mehr so locker, und alles ist teurer geworden. Da werden die Taler von einem Posten der Haushaltskasse zum nächsten Posten der Haushaltskasse verschoben. Und ein Loch wird aufgerissen, um ein anderes zu stopfen, stets mit der Hoffnung, dass es sich irgendwie irgendwann schon richten wird. Da sorgt die Weihnachtsgratifikation, die am 24. Dezember dann doch noch überraschend ins Haus flattert, dass sich die kleine Mansardenwohnung zu einem Stückchen vom Paradies verwandelt.

Doch mein persönlicher Favorit ist DER GESTOHLENE WEIHNACHTSBAUM: Seitdem der Förster Kniebusch den Herrn Rogge beim „Besorgen“ eines Weihnachtsbaumes im Forst erwischt hat, und der eine saftige Strafe zahlen musste, sind die Beiden nicht mehr gut aufeinander zu sprechen. Nur allzu gerne würde Kniebusch den Rogge wieder auf frischer Tat ertappen. Und woher sonst soll Familie Rogge – bei klammer Haushaltskasse – einen Baum zum Weihnachtfest herbekommen. Herr Rogge macht sich schon seit Wochen so seine Gedanken. Ebensolche Gedanken machen sich auch seine drei Kinder, die allerdings zur Tat schreiten und im Wald nach einem passenden Bäumchen Ausschau halten. Zufällig stoßen sie dabei auf den Hallodri Kakeldütt, der just in diesem Moment eine Tanne gefällt hat. Zufällig taucht Herr Rogge auf und Kakedütt ab. Zufällig stößt Kniebusch dazu und erwischt seinen Erzfeind scheinbar „in Flagranti“. Doch bei all diesen Zufälligkeiten nimmt die Geschichte plötzlich eine ganz und gar überraschende Wendung…!


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Von einem Büchlein aus der Insel-Bücherei erwarte ich, dass die optische Umsetzung eine nicht unwesentliche Rolle spielt: Wie schon bei Erich Kästners DAS MÄRCHEN VOM GLÜCK und DAS MÄRCHEN VON DER VERNUNFT schuf Ulrike Möltgen auch hier wieder ganz wunderbare Kollagen zwischen Realismus und Romantik, lässt die Szenerie sich wie bei der Aufführung eines Weihnachtsmärchens entblättern und umrahmt dieses Buch mit einem stimmungsvollen Einband.

Es war mir eine Freude, diesen außergewöhnlichen Literaten etwas näher kennenzulernen. Falladas KLEINER MANN – WAS NUN? liegt schon viel zu lange auf meinem SuB. Was meint ihr? Soll ich es endlich wagen?


erschienen bei Insel-Bücherei / ISBN: 978-3458644651
textidentisch mit Insel-Bücherei 2532 / ISBN: 978-3458205326

[Rezension] Isabelle Bottier (nach Agatha Christie) – HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN/ mit Illustrationen von Callixte

„Ist es so, dass das Genre der Graphic Novel mir nicht zu liegen scheint? Das, was den Stil diese Genres ausmacht, entspricht anscheinend so ganz und gar nicht meinen Erwartungen. Doch bin ich deswegen nun enttäuscht oder frustriert? Ja, durchaus, vielleicht ein wenig! Mein Wunsch, eine gelungene Comic-Adaption eines Christie-Klassikers genießen zu dürfen, ist doch recht groß. Und so werde ich hoffnungsvoll wohl auch die nächste Veröffentlichung HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN, die für Herbst dieses Jahres angekündigt ist, genau unter die Lupe nehmen. Die Hoffnung stirbt eben zuletzt…!“

…tönte ich bei meiner Rezension zur Graphic Novel von DIE TOTE IN DER BIBLIOTHEK und entsprechend verhalten war mein Enthusiasmus, als ich HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN bei der Buchhandlung meines Vertrauens vorbestellte. So erregte sein Erscheinen auch nur rudimentär meine Aufmerksamkeit. Vielmehr stattete ich wegen eines ganz anderen Buches, das ich bestellt hatte, der Buchhandlung einen Besuch ab, als die Buchhändlerin meines Vertrauens mich darauf aufmerksam machte, dass da noch etwas auf mich warten würde. Ich überlegte, doch mir wollte partout nicht einfallen, was es sein könnte. Dann kam sie mit HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN um die Ecke. Ich überlegte kurz, ob ich mir diese Graphic Novel wirklich zumuten wollte, nachdem die beiden Vorgänger eher eine gemäßigte Begeisterung bei mir ausgelöst hatten. Doch bestellt war bestellt, und zudem – wie wir hier im Bremischen gerne sagen – „Drei Mal ist Bremer Recht!“. Also bezahlte ich, trug das Buch nach Hause, wo es erstmal auf den SuB wanderte und dort unbeachtet liegen blieb.

Doch dann näherte sich der Tag der Entscheidung: Ich musste (wollte) eine Auswahl treffen, welche Bücher in meiner geliebten Rubrik LEKTÜRE ZUM FEST vorgestellt werden sollten, und da fiel meine Wahl auch auf HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN. Also schlug ich dieses Buch auf und tauchte in die Geschichte ein…

Weihnachten auf dem Landsitz Gorston Hall: Mit durchschnittener Kehle liegt der alte Simeon Lee tot in einer Lache aus Blut in seinem Arbeitszimmer. Im Zimmer herrscht ein heilloses Chaos als hätte ein erbitterter Kampf stattgefunden, und aus dem Tresor wurden wertvolle Roh-Diamanten entwendet. Die einzige Tür ist verschlossen, und der Schlüssel steckt von innen im Schloss. Eine Flucht des Täters durch eines der Fenster ist nicht möglich, da sich der Raum in einer der oberen Stockwerke befindet. So deutet alles darauf hin, dass einer von der Familie, den Gästen oder der Dienerschaft der Täter zu sein scheint. Und alle Anwesende hätten mehr als einen triftigen Grund, einen tiefen Groll gegenüber dem Opfer zu hegen. Superintendent Sugden von der örtlichen Polizei steht vor einer schier unlösbaren Aufgabe und bittet den Chief Constable Colonel Johnson um Unterstützung. Dieser hat über die Feiertage niemand geringeren als Hercule Poirot zu Gast. Mit vereinten Kräften stürzt sich das ungleiche Trio in die Ermittlungen, wobei Poirot seine Mitstreiter immer wieder mit seinen unorthodoxen Ermittlungsmethoden irritiert und die Verdächtigen mit unberechenbaren Fragen aus der Fassung bringt. Poirots kleinen grauen Zellen arbeiten auch zu Weihnachten wie ein präzises Uhrwerk, und so verwundert es nicht, dass er – „et voilà“ – auch diesmal eine verblüffende Lösung des Falls bietet…!

(Inhaltsangabe meiner Rezension des Romans entnommen!)


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Es ist passiert! Ich habe nicht mehr zu hoffen gewagt, aber: Es ist passiert! Diese Comic-Adaption eines Christie-Klassikers konnte mich endlich überzeugen.

Isabelle Bottier bleibt bei ihrer Konzeption der Handlung so nah am Original, dass es mir möglich war, die Inhaltsangabe des Romans – ohne Striche oder Kürzungen – hier ebenfalls nutzen zu können. Reduzierungen sind bei einer Graphic Novel zwangsläufig zwingend notwendig und den Vorgaben des Genres geschuldet. Doch wenn mir bei der Lektüre keine nennenswerten Auslassungen auffallen und sich die Handlung sowohl schlüssig wie auch flüssig entwickelt, dann hat die Autorin vieles richtig gemacht. Zudem verstand sie es, die Dialoge den handelnden Personen passgenau in die Münder zu legen.

Unterstützung erfuhr Bottier durch die Illustrationen von Callixte (alias Damien Schmitz), der zu den Dialogen sehr individuelle Physiognomien zum Handlungspersonal kreierte, die die Person genau charakterisieren und zudem mit witzigen Details gefallen. Eine Verwechslung der Personen – selbst bei den Familienmitgliedern, die eine deutliche Ähnlichkeit vorweisen müssen (!) – ist somit ausgeschlossen. Auch die Settings überzeugen durch Diversität, Detailreichtum und Atmosphäre. Zudem wechselte er raffiniert den Blickwinkel, erzeugte dadurch Spannung und konnte sich so meiner Aufmerksamkeit sicher sein.

Im April 2025 erscheint im Carlsen-Verlag mit TOD AUF DEM NIL der nächste Christie-Klassiker, bei dem genau dieses kreative Team am Werk war: Ich freue mich jetzt schon!


erschienen bei Carlsen / ISBN: 978-3551804266 / in der Übersetzung von Thomas Schöner
ebenfalls erschienen als Roman bei Atlantik / ISBN: 978-3455600308 und als Hörbuch bei DER HÖRVERLAG / ISBN: 978-3844547405