[Konzert] Adventskonzert MERRY CHRISTMAS / Philharmonisches Orchester Bremerhaven

Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy, Georg Friedrich Händel, Tom A. Kennedy, César Franck, Morten Lauridsen, Johann Sebastian Bach, Gustav Holst, Georges Bizet, Jesse Edgar Middleton, James Bobby, John Williams sowie traditionelle Weihnachtslieder

Premiere: 30. November 2025/ besuchtes Konzert: 27. Dezember 2025

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


DIRIGENT & MODERATION Hartmut Brüsch 
CHOR Edward Mauritius Münch
SOLIST:INNEN  Meredith Hoffmann-Thomson, Boshana Milkov, Weilian Wang, Timothy Edlin

Opernchor des Stadttheaters Bremerhaven
Philharmonisches Orchester Bremerhaven
Kinderchor des Stadttheaters Bremerhaven
Kinder- und Jugendchöre der Musikschule Geestland

ORGANISATION & STIMMBILDUNG KINDERCHOR Katharina Diegritz
EINSTUDIERUNG KINDER- UND JUGENDCHÖRE DER MUSIKSCHULE GEESTLAND Gabriele Brüsch


An den Tagen zwischen den Feiertagen habe ich in jedem Jahr erneut das Gefühl, als würde sich die Welt langsamer drehen, so als würde sie – nur für diese wenigen Tage – ausgebremst werden. Natürlich ist mir bewusst, dass dies leider nicht der Fall ist: Die Welt dreht und dreht und dreht sich unbeirrbar, und irgendwo auf ihr passieren ungeheure Ungerechtigkeit – auch jetzt in diesem Moment, in dieser Sekunde.

Doch ich brauche am Ende eines ereignisreichen Jahres diese kurze Zeitspanne so sehr, um atmen zu können, zur Ruhe zu kommen und auch um zu träumen. Die Wochen vor Weihnachten brachten mir noch eine gehörige Portion Aufregung und sorgten so für reichlich Verwirrung. Doch nun waren alle Unsicherheiten beseitigt, und auch die vor-weihnachtliche Hektik war von mir abgefallen. Entsprechend entspannt machte ich mich auf den Weg in Richtung Bremerhaven, um einen Tag nach Weihnachten beim Adventskonzert MERRY CHRISTMAS die besinnliche Zeit nochmals „nachzuschmecken“. Der Weihnachtsmarkt in der Seestadt dauert traditionell bis zum 30. Dezember an, und so drehte sich auf dem Theodor-Heuss-Platz vor dem Theater immer noch das bunt beleuchtete Riesenrad. Von den geschmückten Buden wehten köstliche Düfte zu mir herüber: Bratwürstchen und Churros munden auch nach Weihnachten gar köstlich!

Nachdem der Leib im ausreichenden Maße gefüttert wurde, waren nun Herz und Hirn an der Reihe, um genussvoll gesättigt zu werden. Magnetisch zog mich das warme Licht durch die geöffneten Türen ins Innere des Theaters, wo zahlreiche Weihnachtsbäume und Lichterketten für ein festliches Ambiente sorgten. Auf der stimmungsvoll dekorierten Bühne hatten bereits vereinzelt Musiker*innen des Philharmonischen Orchester Platz genommen, um an ihren Instrumenten die eine oder andere tückische Passage nochmals zu üben.

Peu à peu füllte sich das Orchesterpodium. Das Licht im Zuschauersaal wurde gedimmt, und unter Applaus betrat der musikalische Leiter Hartmut Brüsch mit den Sänger*innen des Opernchors die Bühne, um gemeinsam das Konzert mit „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ von Felix Mendelsohn Bartholdy musikalisch prachtvoll zu eröffnen. Hartmut Brüsch erwies sich abermals als versierter Moderator, der es verstand, Wissen so leicht und humorvoll zu vermitteln, das wir im Publikum kaum wahrnahmen, dass wir etwas lernten.


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Das Programm führte uns durch 400 Jahre Musikgeschichte (vom Barock über die Romantik zu zeitgenössischen Werken), ließ uns musikalisch – neben Deutschland – auch Länder wie England, USA, Kanada und Frankreich bereisen und war so imposant gefüllt mit so vielen bemerkenswerten Momenten, dass es mir unmöglich ist, die mitwirkenden Künstler*innen für alle ihrer Darbietungen gebührend zu würdigen.

Boshana Milkovs samtener Mezzo umschmeichelte mit feiner Koloratur insbesondere die Oboe bei „Bereite dich, Zion“ aus WEIHNACHTSORATORIUM von Johann Sebastian Bach. Weilian Wangs schön timbrierter Tenor schien bei „Panis Angelicus“ von César Franck mit dem Klang des Orchesters zu verschmelzen. Sopranistin Meredith Hoffmann-Thomson entzückte mit einem zauberhaft beseelten „In the Bleak Midwinter“ von Gustav Holst. Timothy Edlin gestaltete mit seinem warmen Bass äußerst gefühlvoll „O little Town of Bethlehem“ und bot so dem nachfolgenden Kinderchor einen wunderbaren Einstieg in seinen ersten Auftritt.

Der Kinderchor setzte sich aus dem Kinderchor des Stadttheaters Bremerhaven (Einstudierung: Edward Mauritius Münch und Katharina Diegritz) und den Kinder- und Jugendchören der Musikschule Geestland (Einstudierung: Gabriele Brüsch) zusammen, der die englischen Carols ebenso entzückend zu Gehör brachte wie zu einem späteren Zeitpunkt die deutschen traditionellen Weihnachtslieder. Manche Kinder und Jugendlichen waren so hochkonzentriert bei der Sache, dass ihnen vor Aufregung der Text entfiel. Ich erkannte es an ihrem leicht verschreckten Gesichtsausdruck, was mir ein verständnisvolles Schmunzeln entlockte. Zumal sie bravourös auch anspruchsvolle Chorpartien meisterten, so das älteste kanadische Weihnachtslied „The Huron Carol“ von Jesse Edgar Middleton, das sie gemeinsam mit dem Opernchor a cappella vortrugen.

Auch das mystisch-sphärische „O Magnum Mysterium“ von Morten Lauridsen erklang stimmgewaltig a cappella durch den Opernchor. Beim würdigen Finale mit „Merry Christmas“ aus KEVIN ALLEIN IN NEW YORK von John Williams verband sich die orchestrale Kraft des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven mit dem brillanten Gesang der Sänger*innen des exzellenten Opernchors.

Traditionell endete auch dieses ADVENTSKONZERT mit einem fulminanten Chor – bestehend aus Solist*innen, Opern- und Kinderchor sowie den 685 Zuschauer*innen – im gänzlich ausverkauften Großen Haus des Stadttheaters Bremerhaven. Mit „Stille Nacht, heilige Nacht“ und „Dat Joahr geiht to End“ endete ein so beglückendes Konzert, das mich beseelt nach Hause fahren ließ und einen versöhnlichen Abschluss für dieses herausfordernde Jahr bildete.

„Du denkst still bi di: Wedder een Joahr vorbi,
un wat wür, wür dat schlecht oder good?“

Ich sende ein großes Dankeschön an alle, die dieses wunderbare Konzert möglich gemacht haben: Euch ist es zu verdanken, dass ich nun zuversichtlicher in mein persönliches Neues Jahr 2026 blicke!


Das Philharmonische Orchester Bremerhaven bietet in jeder Saison ein Vielzahl an abwechslungsreichen Konzerten: Ein Blick in das PROGRAMM lohnt sich sehr!

[Ballett] Alfonso Palencia – DER NUSSKNACKER / Stadttheater Bremerhaven

Ballett von Alfonso Palencia / nach der Erzählung „Nussknacker und Mausekönig“ von E.T.A. Hoffmann / mit Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky

Premiere: 11. Oktober 2025 / besuchte Vorstellung: 2. November 2025
Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


CHOREOGRAFIE & INSZENIERUNG Alfonso Palencia
MUSIKALISCHE LEITUNG Davide Perniceni
BÜHNE & VIDEO Yoko Seyama
KOSTÜME Rosa Ana Chanzá
LICHT Frauke Richter

CHOREOGRAFISCHE ASSISTENZ Bobby M. Briscoe 
DRAMATURGIE Alfonso Palencia, Torben Selk 
KINDERCHOR Edward Mauritius Münch
ORGANISATION & STIMMBILDUNG KINDERCHOR Katharina Diegritz 
INSPIZIENZ Mahina Gallinger
THEATERPÄDAGOGIK Schirin Badafaras


Ich saß im Zuschauersaal, blickte zur Bühne und bemerkte kaum, wie ich mich mehr und mehr verlor und die Menschen um mich herum vergaß. Meine Brust wurde weit, als ich all die Schönheit aus Musik und Tanz in mich aufsaugte und mich in eine Welt voller Grazie und Ästhetik fallen ließ. Wie beschreibe ich eine Kunstform, ohne immer wieder und wieder dieselben abgenutzten Adjektive zu bemühen? Wie beschreibe ich etwas, was unbeschreiblich war?

Auch nach all den Jahr(zehnt)en, die ich nun schon die Bühnen dieses Landes mit meiner Anwesenheit „beglücke“, empfinde ich einen Abend im Theater, wenn der Saal sich verdunkelt und der Vorhang sich hebt, nach wie vor als ein wunderbares Geschenk, das mir – völlig unverdient – gemacht wird. Okay, ich habe vorab für ein paar Euronen eine Eintrittskarte erworben, aber das ist nur ein geringes Salaire, im Vergleich zur mannigfaltigen Freude, die ich im Gegenzug erhalte.

Ich saß im Zuschauersaal – Nein! – ich darf in einem Zuschauersaal sitzen. Dies ist für mich wahrlich keine Selbstverständlichkeit sondern vielmehr ein unschätzbarer Luxus. Es ist ein Luxus, dass wir hier in diesem Land eine so freie und somit vielfältige Kulturszene haben, die ihre Impulse durch Menschen aus unterschiedlichen Nationen erhält. Mit Inspiration, Talent und Kraft arbeiten Menschen aus unterschiedlichen Nationen vor, auf, über, unter, neben und hinter der Bühne bereits Tage zuvor, um mir dann einen unvergesslichen, einzigartigen Theaterabend zu schenken. Diesen Luxus müssen wir uns bewahren!

Schönheit, Grazie und Ästhetik: Ballettdirektor und Chefchoreograf Alfonso Palencia hätte zu dieser Zeit kein besseres Ballett auswählen können. Einerseits ist die Handlung von Tschaikowskys Märchenballett DER NUSSKNACKER prädestiniert für die nahende Adventszeit, andererseits lechzen wir Menschen in diesen verrückten wie auch beängstigenden Zeiten nach Sicherheit, Harmonie und Geborgenheit.

Am Heiligabend versammelt sich Familie Silberhaus mit Claras Freunden, um gemeinsam zu feiern. Drosselmeier, Claras Patenonkel, Zauberer und ein begabter Spielzeugmacher, hat Geschenke für die ganze Familie mitgebracht. Claras Bruder Fritz bekommt ein Schiff und Clara einen Nussknacker. Sie schließt ihn sofort ins Herz. Alle sind schlafen gegangen. Doch Clara kehrt ins Wohnzimmer zurück, um nach dem Nussknacker zu sehen. Sie nimmt ihn in den Arm und schläft ein. Ein Traum beginnt. Claras Familie und Freunde verwandeln sich in Soldaten – und in schräge Hasen. Sie beginnen, gegeneinander zu kämpfen. Der Nussknacker erscheint, um die Soldaten gegen die Truppe des Hasenkönigs anzuführen. Der Nussknacker gerät in Bedrängnis. Doch zum Glück schaltet Clara schnell. Der Nussknacker verwandelt sich in einen Prinzen. Er führt Clara durch die mondhelle Nacht in einen Wunderwald. Schneeflocken tanzen um sie. So beginnt ihre Reise in ein neues, fantastisches Land. Clara, der Prinz und Drosselmeier reisen in das Land der Süßigkeiten. Die Zuckerfee begrüßt sie und inszeniert ein Fest der Süßigkeiten aus aller Welt. Clara wacht in ihrem Sessel auf. Doch sie hat noch ihren Nussknacker. War das alles nur ein Traum?

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)


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HINWEIS: DIE OBIGE AUFNAHME STAMMTE NICHT AUS DER BESPROCHENEN INSZENIERUNG SONDERN DIENT NUR DAZU, EINEN EINDRUCK VON DER MUSIK ZU VERMITTELN.

Bereits bei der KOSTPROBE durfte ich einen vorfreudigen Blick auf die Inszenierung werfen, doch erst die überzeugende Symbiose aus Tanz, Musik, Kostüme, Bühnenbild, Licht und Projektionen beschwor die von mir mit Spannung erwartete Theatermagie herauf.

So tat Palencia gut daran, seine Choreografie nur behutsam zu modernisieren, indem er Modern Dance mit klassischem Ballett kombinierte. Dies ermöglichte ihm – je nach Anforderung an die Szene – die Tänzer*innen athletisch-akrobatisch agieren zu lassen, um dann voller Zartheit den Spitzentanz zu zelebrieren. Im Vergleich zu einer Choreografie zu einem eher abstrakten Thema, wo die Botschaft über die bewegenden Körper transportiert wird, durften hier bei diesem Handlungs-Ballett die Tänzer*innen in eine Vielzahl an Rollen schlüpfen und so auch ihr schauspielerisches Talent zeigen.

Alfonso Palencia konnte sich den Spaß nicht verkneifen, kleine Änderungen an der Handlung vorzunehmen, um so einen Bezug zu Bremerhaven herzustellen. So schenkt Onkel Drosselmeier Fritz kein Spielzeuggewehr, stattdessen erhält er das Model eines Wikingerschiffes, das in der Traumsequenz dann zu einer stattlichen Größe heranwächst, um Clara, dem Prinz und Onkel Drosselmeier als Reisegefährt zu dienen. Auch gibt es keinen Mausekönig: Stattdessen fordert ein Hasenkönig mit seiner Meute an gruseligen Hasen den Nussknacker-König und seine Armee zum Kampf heraus. Hier erinnert Palencia humorvoll an die vielen Langohren, die sich gerne auf dem Deich der Seestadt blicken lassen. Alle diese drolligen Änderungen fügen sich bestens in die Handlung ein. Da verzeihe ich Palencia auch die (entbehrlichen) modernen Tabletts, die im ersten Akt bei den Geschenken unter dem Weihnachtsbaum lagen.

Rosa Ana Chanzá schaffte mit ihren Kostümen wunderbar den Spagat zwischen Modernität und Verspieltheit, zwischen Eleganz und Charakteristik. Yoko Seyama schuf mit ihrem Bühnenbild einen perfekten Rahmen für dieses entzückende Märchenballett. Im Heim der Familie Silberhaus findet sie die gekonnte Balance zwischen „stilisiert“ (Weihnachtsbaum) und „real“ (Kamin). Bei der Traumsequenz sind ihre prächtigen Videoprojektionen sowohl stimmungs- wie auch phantasievoll. Alfonso Palancia wünschte sich eine Ästhetik à la Tim Burton: Diese ist Yoko Seyama aufs Beste gelungen.

Während bei größeren Ballettcompagnien die jeweiligen Partien mit einzelnen Tänzer*innen besetzt werden, schlüpfte hier das gesamte Ensemble in mehrere Rollen. Jede*r erhielt so die Gelegenheit, sich vielseitig zu präsentieren und im Mittelpunkt zu stehen. Insbesondere im 2. Akt nutzten die Tänzer*innen die Charaktertänze, um sich zu profilieren. Melissa Panetta gab eine entzückende ZUCKERFEE. Ming-Hung Weng brühte als CHINESISCHER TEE stets ein gutes Blatt auf. Adrián Sánchez gefiel sowohl als aufgeweckter FRITZ wie auch als kongeniale Partner für Ana Wohlfart Albarran: Als RUSSISCHES BONBON zeigten sie eine eindrucksvolle Performance. Rosana Gutiérrez Ramírez und Javier Zotano Bermúdez überzeugten als ARABISCHER KAFFEE „mit vollem Aroma“. Melissa Festa und Kuang-Yung Chao brillierten rassig als SPANISCHE SCHOKOLADE, wobei Kuang-Yung Chao bereits als geheimnisvoller ONKEL DROSSELMEIER nachhaltig auf sich aufmerksam machen konnte. Rino Watabe, Julia Acedo Nicolás und Sojeong Park ergänzten das Ensemble bestens u.a. als CLARAS FREUNDINNEN und SCHNEEFLOCKEN.

Kiko Noguchi als CLARA und Marco Marongiu als NUSSKNACKER/PRINZ war ein Leading-Paar, das keine Wünsche offenließ. Kiko Noguchi bezauberte durch Anmut und Grazie und meisterte die anspruchsvolle Partie bravourös. Marco Marongiu an ihrer Seite gab einen kraftvollen Prinzen und erstaunte mit seinen athletischen Sprüngen. Gemeinsam gestalteten sie das bekannte „Pas de deux“ im 2. Akt mit all den schwindelerregenden (zumindest für mich) Hebungen, Arabesquen und Pirouetten grandios und setzten hierbei – innerhalb einer ganz und gar wunderbaren Ensemble-Leistung voller Höhepunkte – einen strahlenden Stern auf die Spitze dieser Inszenierung.

Kurz vor Ende des ersten Aktes öffneten sich die Seitentüren zum Foyer, und die Kinder vom Kinderchor des Stadttheaters reihten sich links und rechts seitlich von der Bühne auf, um den Schneeflocken-Walzer stimmschön zu untermalten und (auch dank der versierten Einstudierung durch Edward Mauritius Münch und Katharina Diegritz) zusätzlich ein funkelndes Highlight zu setzten.

Davide Perniceni kitzelte mit dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven wohldosiert den Schmelz aus den Kompositionen, ohne in allzu viel Kitsch zu verfallen. So erklangen die Instrumente fein differenziert, und Tschaikowskys schwelgerischen Melodien kamen mit einer erfrischenden Leichtigkeit zu Gehör.

Ich saß im Zuschauersaal – Nein! – ich durfte in einem Zuschauersaal sitzen und mich von der Kunst überwältigen lassen. Während der Vorstellung lief mir immer mal wieder eine Träne über die Wange, nicht weil ich etwa traurig war – im Gegenteil – ich war so glücklich!


Von der Probe…

…zur fertigen Inszenierung:


Die Vorstellungen von DER NUSSKNACKER am Stadttheater Bremerhaven sind restlos ausverkauft. Doch manchmal kommen zurückgegebene Eintrittskarten wieder in den freien Verkauf. Dann heißt es „Zugreifen!“.

[Oper] Giacomo Puccini – TURANDOT / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Giacomo Puccini / Libretto von Guiseppe Adami und Renato Simoni / komplementiert von Franco Alfano / in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 14. September 2024 / besuchte Vorstellung: 27. September 2024

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann
INSZENIERUNG & BÜHNE Philipp Westerbarkei
KOSTÜME Tassilo Tesche
DRAMATURGIE Markus Tatzig
CHOR Mario Orlando El Fakih Hernández, Edward Mauritius Münch
LICHT Thomas Güldenberg

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
ORGANISATION & STIMMBILDUNG KINDERCHOR Katharina Diegritz
INSPIZIENZ Regina Wittmar


„Ich mache Theater.“, schrieb Giacomo Puccini an seinen Librettisten Giuseppe Adami und verdeutlichte so, wie sehr ihm das gleichnamige Schauspiel von Carlo Gozzi bei der Komposition von TURANDOT inspirierte bzw. herausforderte, da er sich von seinem gängigen Rollenpersonal verabschiedete. Hatten bisher in seinen Werken die aufopferungsvollen, verletzlichen und doch heroischen Frauentypen (Mimi, Tosca, Cio-Cio-San) dominiert, stand hier eine gefühlskalte und grausame Person im Mittelpunkt. Und auch bei der Tenor-Partie fand eine Wandlung vom einfühlsamen Liebhaber zum zu allem entschlossenen Helden statt.

Doch je weiter sich das Projekt entwickelte, umso mehr haderte Puccini mit seiner Wahl. Vielleicht war dies aber auch schon seinem sich stetig verschlechterten Gesundheitszustand geschuldet: Er litt unter fortschreitenden Kehlkopfkrebs. Eine Operation konnte da leider nicht mehr helfen, und so verstarb er nur 5 Tage später am 29. November 1924. Zurück ließ er eine unvollendete Oper, bei der das Duett und das Finale des letzten Aktes fehlten.

Franco Alfano, ein Schüler Puccinis wurde beauftragt, das Werk anhand vorhandener Skizzen des Meisters fertigzustellen. Doch dieser entfernte sich immer mehr von der originären Idee Puccinis, dass schließlich Arturo Toscanini eingriff und Einhalt gebot, indem er etliche der Nachkompositionen strich. Seine Begründung: „zu viel Alfano und zu wenig Puccini“. Was schlussendlich von den Melodien am Ende des letzten Aktes zu TURANDOT nun Alfano oder Toscanini zuzuschreiben ist, werden wir vielleicht nie erfahren.

Das Volk von Peking erwartet die Hinrichtung des persischen Prinzen, der an der Lösung der drei Rätsel gescheitert ist. In der Menge der Schaulustigen entdeckt Prinz Calàf seinen Vater Timur, der – vom chinesischen Herrscher entthront – nun sein Exil in Peking fristet. Der alte Mann ist blind und wird aufopfernd von der Sklavin Liù gepflegt. Sie liebt den Prinzen und ist ihm darum ins Exil gefolgt. Alle drei leben versteckt, um nicht von den Feinden gefasst zu werden. Calàfs Herz entflammt aufgrund ihrer Schönheit für die Prinzessin Turandot und will sich ihren Rätseln stellen. Liù und Timur gelingt es nicht, ihn davon abzuhalten. Die drei Mandarine Ping, Pang und Pong trauern um das unglückliche Schicksal Chinas und hoffen, dass die Prinzessin die Liebe findet und die Hinrichtungen endlich aufhören. Doch die Trompeten kündigen den Beginn der nächsten Rätselzeremonie an. Der alte Kaiser Altoum bedauert die Grausamkeit, die er seiner Tochter erlaubt hat. Turandot erscheint und erklärt, warum sie den Männern immer wieder diese blutigen Rätseln stellt: Sie nimmt Rache für eine Ahnin, die von einem Fremden getötet wurde. Zu ihrem Erstaunen findet Calàf die Antworten auf ihre drei Fragen: Hoffnung, Blut, Turandot. Das Volk bricht in Jubel aus. Turandot aber bittet inständig ihren Vater, sie vom Gelübde der Hochzeit zu befreien, doch der bleibt streng. Calàf möchte ihre Liebe und nicht ihre Unterwerfung gewinnen, und so schlägt er ihr einen neuen Pakt vor: Sollte Turandot seinen Namen vor Morgengrauen in Erfahrung bringen, würde er nicht nur von der Hochzeit absehen, er wäre auch bereit zu sterben. Unter Todesstrafe darf niemand in Peking schlafen, sondern muss versuchen, den Namen des Fremden zu finden. Ping, Pang und Pong versuchen den fremden Prinzen mit allen Versuchungen zu bestechen. Timur und Liù, die man mit dem Fremden gesehen hat, werden aufgegriffen. Um Timur zu retten, behauptet Liù, dass nur sie den Namen des Fremden kennt. Um diesen zu erfahren, schreckt die Prinzessin nicht davor zurück, Liù zu foltern. Doch anstatt Calàf zu verraten, wählt sie als Erlösung den Freitod. Calàf ist von den Geschehnissen so betroffen, dass er, nachdem er Turandot einen leidenschaftlichen Kuss gegeben hat, sein Leben in ihre Hände legt. Doch dieser Kuss hat auch in Turandot Gefühle geweckt, und sie erklärt, dass sie den Namen des Fremden schon kenne: „Sein Name ist Liebe“.

Ich hadere sehr mit dieser Oper, da sie mir so wenige Möglichkeiten zur Identifikation mit den beiden Haupt-Charakteren bietet. Da gibt es die Titelfigur, die äußerst ambivalente Gefühle bei mir hervorruft, da ihre überraschende Wandlung von der Serienmörderin zur geläuterten Geliebten mir nicht genügt. Als würde ein einziger Kuss eine plötzliche Sinneswandlung bei ihr auslösen können: Sie blinzelt verwundert und haucht „Huch! Wie konnte mir denn das passieren?“. Ist dies wirklich ausreichend, um sie von all ihren zuvor begangenen menschenverachtenden Taten freizusprechen? Und auch die Beweggründe von Prinz Calàf wirken auf mich eher „ungesund“, so als würde diese männermordende Maid sein männliches Ego so sehr kitzeln, dass er sich dieser Herausforderung schon beinah zwanghaft stellen müsste und dafür alle Warnungen in den Wind schießt.

Da war es ein äußerst kluger Schachzug von Regisseur Philipp Westerbarkei, der Oper schon rein optisch die fernöstliche Folklore zu nehmen und die Handlung in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts zu transferieren. Er kreierte eine Phantasie à la Babylon Berlin mit all seiner Dekadenz und Skurrilität. Zu den zarten Pianoklängen zur Melodie von „Nessun dorma“ sehen wir Turandot, die sich auf ihrem riesigen Divan lasziv rekelnd einen Schuss setzt. In ihrem wirren Drogenrausch tauchen die Gestalten der Handlung auf, gleich einem Panoptikum entsprungen, und vollführen einen fulminanten Tanz auf dem Vulkan. Da machen so einige Beweggründe der Figuren plötzlich einen Sinn, da sie im dubiosen Nebel von Turandots Drogenrausch absolut keinen Sinn ergeben müssen. Jaja, ich weiß, das klingt widersprüchlich!“

Doch unter diesen Voraussetzungen darf (muss) alles – „Over the Top“ – ein Wechselspiel der Extreme sein: Turandot präsentiert sich bei ihre glamourösen Auftritten wie eine Stummfilm-Diva. Der Chor erinnert in seiner Schwarz-weiß-Ästhetik an Figuren der Commedia dell’arte. Gesichtslose Kinder strecken Calàf ihre Puppen entgegen, die nur aus einem (abgeschlagene) Kopf zu bestehen scheinen. Das militärische Erscheinungsbild von Kaiser Altoum steht konträr zum schrillen Outfit der metrosexuellen Paradiesvögel Ping, Pang und Pong.

Philipp Westerbarkei, der auch für das atmosphärische Bühnenbild verantwortlich zeichnete, lässt das Ensemble von einem gemalten Proszenium, das an die alten Theater der Jahrhundertwende erinnert, einrahmen und von einem äußerst wandlungsfähigen Mond erhellen. Unterstützung erfährt er von Tassilo Tesche, der stimmige wie auch raffinierte Kostüme kreierte, die in ihrer jeweiligen Optik die Charaktere der handelnden Personen optimal unterstreichen.


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Ja, ich hadere mit dieser Oper, doch keinesfalls mit Puccinis Kompositionen. Auch wenn ich diese beim ersten Hören nicht gleich als seine erkannte: Puccini löste sich hier von den romantischen Klängen seiner vergangenen Werke und wirkt stattdessen ungewohnt experimentierfreudig. Er spannt einen großen kompensatorischen Bogen um das Werk, in dem er leitmotivartig die Melodie zu „Nessun dorma“ in verschiedenen Variationen erklingen lässt, die das gesamte Werk umrahmen, so wie in dieser Inszenierung die Sänger*innen vom Proszenium umrahmt werden.

Marc Niemann und das Philharmonischen Orchesters Bremerhaven lieferten grandios ab: Da wurde einerseits voller dramatischer Kraft musiziert ohne an Subtilität einzubüßen, um dann einen energetischen Klangteppich zu weben, der fein nuanciert die Stimmen der Sänger*innen hinauf in den Rang hob. „Bravo!“
„Bravo!“ auch für die bestens disponierten Chöre (Einstudierung: Mario El Fakih Hernández und Edward Mauritius Münch), deren Mitglieder – vom Opernchor über den Extrachor bis zum Kinderchor – eine immense stimmliche Ausdruckskraft boten, ebenso als Figuren im Stück Individualität zeigten und so zum Gelingen dieser wunderbaren Aufführung beitrugen.

Giacomo Puccini wünschte sich Sänger*innen, die klangschön sangen, gut gestalteten und die Opernfigur ausdrucksvoll und überzeugend darstellten. Ich glaube, er wäre mit dem Ensemble in Bremerhaven (größtenteils) zufrieden gewesen. Auch wenn diese Inszenierung wie ein Fest der Übertreibungen wirkt, muss die Rollengestaltung entsprechend differenziert sein, um glaubhafte Charaktere abseits bloßer Klischees auf die Bretter zu stellen.

Tenor Jan Kristof Schliep zeigt, dass selbst eine kleine Rolle Präsenz besitzen kann: Mit Rückgrat und Strenge verleiht er dem alten Kaiser Altoum Profil.
Bass Ulrich Burdack gab einen bemitleidenswerten Timur, der trotz eingeschränkter Mimik aufgrund der Augenbinden den Schmerz und die Verzweiflung seiner Figur verdeutlichen konnte.
Sopranistin Victoria Kunze begeisterte mit ihrem gefühlvollen Spiel und feiner Phrasierung und zeigte so eindringlich die charakterliche Stärke ebenso wie die verletzte Seele der Sklavin Liù.
Bei Marcin Hutek, Andrew Irwin und Ido Beit Halachmi ist es mir schier unmöglich, einen von ihnen hervorzuheben, da sie als Ping, Pang und Pong (die queere Version von Tick, Trick und Track) sowohl gesanglich wie auch darstellerisch ganz wunderbar miteinander harmonierten und einander ergänzten. Zudem versprühten sie bei ihren schrillen Auftritten mit ihrem deftigen Witz einen herrlich burlesquen Charme, ohne das Tragische hinter der bunten Fassade ihrer Figuren zu verleugnen.

Mit „Nessun dorma/ Keiner schlafe“ schuf Puccini eine der bekanntesten, wenn nicht sogar die bekannteste Tenor-Arie. Dabei ist diese Arie erstaunlich kurz, so als wollte der Komponist eine vokale Essenz schaffen, die alles enthält, um einen Sänger herauszufordern. Da gibt es große Emotionen, wunderbare Gesangslinien sowie den Spitzenton h, der auf dem zuletzt gesungenen „Vincerò!“ gipfelt. Gerade mal läppische drei Minuten gibt der Komponist dem Tenor, um zu beweisen, ob er wirklich singen kann. Tenor Thomas Paul kann singen: Scheinbar mühelos schickte er seinen strahlenden Tenor über den Orchestergraben ins Publikum. Bis in die hohen Register führte er sicher seine Stimme. Bei der makellos vorgetragenen Arie „Nessun dorma“ erhielt er völlig zu Recht einen frenetischen Applaus vom begeisterten Publikum. Leider war seine Darstellung nicht auf einem ebenso hohem Niveau wie sein Gesang: Hier präsentierte sich Paul sehr eindimensional, zeigte wenig Variation in Gestik und Mimik, warf sich dafür mit großer Geste in die Heldenpose, interagierte sehr zurückhaltend mit seinen Bühnenpartner*innen und sang gerne direkt von der Rampe. Ich sah mir seine Performance an und reagierte mit einer Mischung aus „Amüsiert sein“ und „Erstaunen“: Amüsiert sein, da dieser Habitus schon beinah anachronistisch zum Stil der Inszenierung wirkte. Erstaunen darüber, dass es tatsächlich noch Sänger gibt, die diese antiquierten Opern-Manierismen weiterhin für sich kultivieren.

Agnes Selma Weiland in der Partie der Turandot blieb zwangsläufig nichts anderes übrig, als ebenfalls direkt von der Rampe zu singen, um so wenigstens auf einer Spiel-Ebene mit ihrem Bühnenpartner zu sein. Eine Vorgehensweise, die bei ihren anderen Kolleg*innen nicht vonnöten war, da hier ein intensives Zusammenspiel stattfand. Weilands Turandot war voller kindlichem Erstaunen über das, was sie in ihrem Drogenrausch halluziniert und zeigte dabei überzeugend das Benehmen einer Süchtigen: eben noch verlangsamt in ihren Bewegungen und kurz davor einzuschlafen, dann der große, leidenschaftliche Ausbruch voller Energie – immer bemüht, den Status der großen Diva der Stummfilm-Ära aufrechtzuhalten. Mit ihrem dramatischen Sopran stellte sie sich sicher allen Herausforderungen der Partitur und verlor auch in den Höhen nichts von ihrer Strahlkraft.

Abermals hat das Stadttheater Bremerhaven nachdrücklich den Beweis angetreten, was ein eher kleines Haus in der sogenannten Provinz zu leisten imstande ist. Doch ich bin eh der Meinung, dass sich „provinziell“ weniger auf einen Ort bezieht als vielmehr die Geisteshaltung eines Menschen beschreibt. 😏


Appetizer gefällig? Nichts leichter als das…


Noch bis Anfang des kommenden Jahres steht Puccinis Spätwerk TURANDOT auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven.

[Oper] Richard Strauss – DER ROSENKAVALIER / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Richard Strauss / Libretto von Hugo von Hofmannsthal / in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 4. Mai 2024 / besuchte Vorstellungen: 10. & 16. Mai 2024

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann / Hartmut Brüsch (10.05.)
INSZENIERUNG & BÜHNE Julius Theodor Semmelmann
KOSTÜME Carola Volles
DRAMATURGIE Markus Tatzig
CHÖRE Mario Orlando El Fakih Hernández
LICHT Thomas Güldenberg

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
ASSISTENZ BÜHNE & KOSTÜM María del Mar Sánchez Expósito
ORGANISATION & STIMMBILDUNG KINDERCHOR Katharina Diegritz
INSPIZIENZ Mahina Gallinger


Da saßen wir am Montag vor der Premiere bei der „Kostprobe“ im oberen Rangfoyer, blickten auf die kleine Bühne und staunten: Die Kostümabteilung hatte dort zur Anschauung drei Schneiderpuppen mit traumhaften Roben drapiert. Mit Ehrfurcht betrachteten wir die detailreiche und filigrane Arbeit, bevor Regisseur Julius Theodor Semmelmann sich den Fragen von Dramaturg Markus Tatzig stellte, die uns Einblicke in den Entstehungsprozess von DER ROSENKAVALIER gaben. Es ist Semmelmanns erste Regiearbeit, und er schwärmte in den höchsten Tönen über die Zusammenarbeit mit dem Stadttheater Bremerhaven. „Musste“ er sich als Bühnenbildner und Ausstatter bisher den Wünschen und Vorstellungen anderer Regisseure fügen, durfte er hier „in die Vollen gehen“ und ein Rokoko-Ambiente par excellence kreieren, wie er uns auch anhand von Bühnenbildentwürfen und Arbeitsproben vermittelte.

Die Frage aus dem Auditorium, ob sich ein solch großer Aufwand für nur 5 Vorstellungen überhaupt lohne, konterte er charmant mit „Es ist doch alles da!“. Oftmals können die Kolleg*innen in den Werkstätten ihr Können und ihre Kunst nicht gänzlich zeigen, da der verantwortliche Regisseur dies für seinen Inszenierungsstil nicht einfordert. Semmelmann berichtete von der Kollegin aus dem Malersaal, der vor Freude die Tränen kamen, da sie nun endlich einmal zeigen durfte, was sie in ihrer Ausbildung gelernt hatte. Auch bei den üppigen Kostümen griff man auf Stücke aus dem Fundus zurück und änderte diese entsprechend um, bzw. bei der Neu-Anfertigung wurden passende Stoffe verwendet, die schon vorhanden waren. Stichwort: Nachhaltigkeit!

Auch bzgl. einer Kuriosität in DER ROSENKAVALIER, die der Entstehungszeit der Oper geschuldet aber heute nicht tolerierbar ist, konnte Semmelmann uns beruhigen: Es wird kein Mohr auftreten. Stattdessen flattert ein kleiner Putto namens Cupiderl durch die Szenerie.

Eingedeckt mit diesen und vielen weiteren Informationen schlichen wir leise in die Sitzreihen des Rangs, um der laufenden Probe von DER ROSENKAVALIER zu lauschen…

Feldmarschallin Fürstin Werdenberg vergnügt sich in ihrem Schlafzimmer mit ihrem jungen Geliebten Octavian. Ihr Techtelmechtel wird durch das überraschende wie taktlose Eintreffen ihres Vetters, den Baron Ochs auf Lerchenau jäh unterbrochen. Octavian gelingt es im letzten Moment in die Kleider einer Kammerzofe zu schlüpfen. Dadurch entgeht er zwar den verdächtigen Blicken des Barons, muss stattdessen aber seine plumpen Annäherungsversuche über sich ergehen lassen. Um seine ständigen Geldnot zu lindern, gedenkt Baron Och die Tochter des wohlhabenden und frischgeadelten Herrn von Faninal zu ehelichen. Die Feldmarschallin schlägt vor, dass Octavian (von dessen Anwesenheit der Baron nichts ahnt) als Bräutigamsführer – den sogenannten Rosenkavalier – auftreten soll. Als Baron Ochs das Bild des Erwählten betrachtet, ist er von der Ähnlichkeit mit der Kammerzofe überrascht und vermutet, dass sie eine uneheliche Schwester des Grafen sei. Auch an diesem Tag strömen Massen an Bittsteller in die Gemächer der Feldmarschallin in der Hoffnung auf Zuwendung. Nach einer anstrengenden Audienz bleibt sie allein in ihren Gemächern zurück. Müde und erschöpft fühlt sie sich alt. Ihre Jugend scheint sie zunehmend zu verlassen, und so fürchtet sie, dass sie ihrem jungen Liebhaber bald nicht mehr genügen wird. Im Haus des Herrn von Faninal erwartet seine Tochter Sophie die Ankunft des Rosenkavaliers. Octavian erscheint in dieser Funktion, überreicht ihr die silberne Rose und verliebt sich augenblicklich in sie. Auch Sophie ist von dem charmanten Jüngling angetan. Kurz darauf stößt Baron Ochs dazu, der Manieren vermissen lässt und sich gegenüber Sophie ungehobelt verhält. Sophie fühlt sich von ihrem zukünftigen Ehemann regelrecht abgestoßen. Als sich Octavian und Sophie heimlich küssen, werden sie von Valzacchi und Annina, zwei italienischen Intriganten, verraten: Der Baron schenkt dieser Angelegenheit keine große Aufmerksamkeit, schließlich nimmt er es selbst mit der Treue nicht so genau. Doch Octavian fordert ihn auf, von Sophie abzulassen. Im Handgemenge verletzt er den Baron mit seinem Degen. Sophies Vater greift ein und droht, sie auf ewig ins Kloster zu schicken, sollte sie sich der Heirat verweigern. Hier kann nur eine List helfen: Kurz darauf überreicht Annina dem Baron einen Brief, durch den ihn die „Kammerzofe“ der Feldmarschallin zu einem geheimen Treffen in einem Wirtshaus einlädt. Der Baron hofft auf ein amouröses Techtelmechtel und nimmt die Einladung nur allzu gerne an. Allerdings haben Octavian, Valzacchi und Annina ihm eine Falle gestellt: Während der Baron gegenüber der „Kammerzofe“ wieder aufdringlich wird, erscheint die verkleidete Annina mit diversen Kindern im Schlepptau und behauptet, der Baron wäre der Vater und hätte sie und die Kinder schändlich im Stich gelassen. Der Baron gerät so sehr in Rage, dass sogar die Polizei einschreiten muss. In diesem Tumult tauchen – wie verabredet – Sophie und ihr Vater auf. Herrn von Faninal ist entsetzt über das Verhalten von Baron Ochs und verweigert ihm die Ehe mit seiner Tochter. Doch erst die eintreffende Feldmarschallin kann endgültig für Ruhe sorgen: Sie beschwichtigt die Polizei und sorgt dafür, dass der lüsterne Baron verschwindet. Ihr selbst bleibt nichts anderes übrig, als Octavian für die Hochzeit mit seiner geliebten Sophie freizugeben.

12 Tage später: Ich hatte mir sagen lassen, dass die Premiere glanzvoll über die Bühne gegangen war. Die Kritiker*innen waren danach nur voll des Lobes. Nun saß ich (an-)gespannt im Zuschauersaal des Stadttheaters Bremerhaven und wartete auf den Beginn der 2. Aufführung. Gespannt: Ich war voller Vorfreude, auf das, was ich in wenigen Minuten zu sehen und zu hören bekomme sollte. Angespannt: Mehrfach hatte ich vorab versucht, mich dem Werk rein akustisch anzunähern und bisher keinen befriedigenden Zugang bekommen. Da halfen mir bedauerlicherweise auch keine liebgemeinten Insider-Tipps aus dem Ensemble. Und so tröstete ich mich mit dem Gedanken, dass ich vielleicht erst die theatralische Umsetzung benötigte, um so Verknüpfungen zwischen der Handlung, den Personen und der Musik herstellen zu können.

Von der Musik würde es überreichlich geben, wie mir ein staunender Blick in den Orchestergraben offenbarte. Dicht an dicht saßen die Musiker*innen neben- und hintereinander und wirkten, als hätte jemand mit ihnen Tetris gespielt, um jede noch so kleine Lücke auszufüllen. Der Dirigent erschien und hob seinen Taktstock. Schwelgerisch tobten Strauss’ Kompositionen aus dem Orchestergraben über den Bühnenrand zum Publikum hinauf in den Rang. Der rote Samtvorhang öffnete sich langsam und offenbarte eine Inszenierung mit Humor, Witz und Ironie, einen wahrgewordenen Opern-Traum, eine bunt-schillernde Seifenblase, einen überschäumenden Theater-Zauber voller Raffinesse, Stil und Klasse…


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Der rote Samtvorhang öffnete sich, und eine fiebrige Faszination nahm von mir Besitz und sollte auch den ganzen Abend über nicht weichen. Ja, ich war fasziniert – allerdings weniger von der Musik. Ich habe durchaus schon Abende im Musiktheater erlebt, da tröstete mich die Musik über so manchen inszenatorischen Firlefanz des modernen Regietheaters hinweg. Hier war es genau umgekehrt.

Sorry, Richy, doch ich fürchte, wir werden 
musikalisch nicht die besten Freunde.“

Julius Theodor Semmelmann kann sein ursprüngliches Metier nicht verleugnen (und sicher will er es auch nicht). Genauso akribisch und bis ins kleinste Detail ausgefeilt wie er seine Bühnenbilder gestaltete, ging er auch bei seiner ersten Regie-Arbeit vor: Nichts schien dem Zufall überlassen, jede Geste und jeder Blick wirkte begründet, jede Handlung war wohldurchdacht. Da meinte ich sogar ein paar neckische „Easter Eggs“ mit Bezug zum Haus bzw. zur Stadt, die vielleicht nur Kennern auffallen könnten (wenn überhaupt), zu entdecken: Flatterte zwischen all den exotischen Vögeln in der Voliere der Feldmarschallin nicht auch eine Möwe herum? Und steckte unter der rosa gepuderten Perücke vom Frisör nicht Chefmaskenbildner Henrik Pecher höchstpersönlich, um der Feldmarschallin die Haare hingebungsvoll zu ondulieren?

Dabei wirkte es auf mich, als hätte Semmelmann sich bei seinem Konzept von den Motiven „Aufbruch“ und „Vergänglichkeit“ leiten lassen. Da haben wir auf der einen Seite die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg, die – zwar noch jung an Jahren – ihrer eigenen Vergänglichkeit bewusst ist und deren Halten an bestehenden gesellschaftlichen Normen nicht nur Bürde sondern auch Schutz darstellt. Auch Herr von Faninal klammert sich an diese gesellschaftlichen Normen, da sie Ansehen, Ruhm und ein sicheres Leben für sich und seine Familie bedeuten. Baron Ochs auf Lerchenau ist es egal, von welcher Gesellschaft er schmarotzt, da er sich überall und nirgends zurechtfinden würde. Auf der anderen Seite stehen die jungen Leute Sophie und Octavian, die bereit sind, in eine neue, noch unsichere Welt aufzubrechen. Sophie ist da deutlich wagemutiger als Octavian: Allzu gerne hätte sie den Geliebten an ihrer Seite, doch sie wäre nicht bereit, ihre Prinzipien abermals einem Mann unterzuordnen. Octavian steht zwischen der alten und der neuen Welt und fühlt sich hin und her gerissen zwischen seiner Zuneigung (oder ist es doch eher Loyalität?) zur Fürstin und seiner frischen, reinen Liebe zu Sophie. Er muss sich entscheiden…!

Auch an den Kostümen von Carola Volles ist die Haltung bzw. Entwicklung der Figuren wahrnehmbar: Da überraschen zwischen all der farbigen Üppigkeit des Rokokos moderne Kostümteile und Accessoires und lassen so Rückschlüsse auf die Haltung der Figuren zu – seien es die sportiven Trekkingschuhe an den Füßen von Ochs oder die feschen Hipster-Sonnenbrillen bei Valzacchi und Annina. Besonders auffällig wird es beim Schlussbild, in dem die Feldmarschallin und Herr von Faninal im vollen Ornat auftreten, Octavian einen Mix aus Kleidungsstücken der unterschiedlichen Welten trägt und Sophie das Rokoko-Gewand abgestreift hat und sich als moderne und selbstbewusste junge Frau präsentiert. Ansonsten gelang Volles das bewundernswerte Kunststück, dass sie für jede aber wirklich absolut jede Figur das passende Kostüm kreierte, das den jeweiligen Charakter gar trefflich und höchst individuell porträtierte.

Selbst die Bühnenbilder werden Opfer des Motivs „Vergänglichkeit“: Wie ein Kaleidoskop sich dreht und immer wieder neue Bilder zusammensetzt, so dreht sich auch die Bühne. Das Boudoir der Feldmarschallin aus dem 1. Akt wird in seine Einzelteile zerlegt und für die Wirtschaft im 3. Akt wieder „anders“ zusammengefügt. Die üppige Pracht im 2. Akt besteht „nur“ aus bemalten Leinwänden, zwischen denen sich – einer Spieluhr gleich – die Möbelstücke in Position drehen und somit zeigen „Es ist alles nur Fassade!“. Dabei kann das Publikum stets an jedem Bühnenbild vorbei in den hinteren Bühnenraum schauen, so als wollte Semmelmann betonen, dass in dieser Gesellschaft mehr „Schein“ als „Sein“ vorherrscht.

Die Bühne war mit Solisten, Opernchor, Kinderchor und Extrachor nebst Statisterie reichlich bevölkert, und so befürchte ich beinah, dass ich bei meiner nun folgenden Lobhudelei mit Sicherheit jemanden vergessen werde: Ich bitte vielmals um Entschuldigung!

Die Chöre waren nicht nur zahlenmäßig groß, auch stimmlich und darstellerisch waren sie mächtig und gestalteten ihre jeweiligen Partien mit Agilität und Spielfreude. Katharina Diegritz war eine entzückend flatterhafte „Jungfer Marianne Leitermeisterin“ und nahm zudem die reizenden Kinder des Kinderchores sanft unter ihre Fittiche. Miloš Bulajić stattete den „Sänger“ mit den wichtigsten Attributen seiner Zunft aus: große Geste und tenoralem Schmelz. Andrew Irwin und Eva Maria Summerer füllten die Buffo-Partien „Valzacchi“ und „Annina“ mit Charme und Esprit aus. Marcin Hutek amüsierte als „Herr von Faninal“ mit Ahnungslosigkeit und wirrer Überforderung. In der stummen Rolle „Cupiderl“ tobte Laura Gabrielli voller überschäumender Clownerie über die Bühne und war Amor, Hermes und Luzifer in Personalunion. Philipp Mayer gab den „Baron Ochs auf Lerchenau“ mit lakonischem Witz und einer gehörigen Portion Bauernschläue. Bis ins tiefste Register ließ er seinen voluminösen Bass ertönen, ohne an Flexibilität einzubüßen.

Doch an diesem Abend standen abermals die drei Künstlerinnen auf der Bühne, die schon im vergangenen Jahr gemeinsam in BREAKING THE WAVES für Furore sorgten:

Victoria Kunzes schlanker, wendiger Sopran erklang silbrig-fein bis in die höchsten Töne. Ihre Sophie erduldet nicht sittsam, was über ihren Kopf hinweg entschieden wird. Vielmehr zeigt sie eine deutliche Haltung mit klaren Moralvorstellungen. Doch durch die Hülle der Jugend lässt Kunze auch eine gefestigte Ernsthaftigkeit schimmern, die der Figur die nötige Tiefe verleiht.

Signe Heibergs Stimme scheint über ein schier unendliches Volumen zu verfügen, das sie aber nur äußert geschmackvoll und mit einem feinen Gespür für Nuancen einsetzt. Ihre Feldmarschallin ist ganz Menschenfreundin, die voller Güte und Fürsorge auf die Ihren achtet. Doch sie ist nicht nur Herrscherin, sie ist auch Frau und weiß um ihre Vergänglichkeit. So zieht ein feiner Hauch von Melancholie und Traurigkeit durch Heibergs Rollenporträt.

Titelgebend und somit in der Partie, die die Fäden in der Hand behält, brilliert Boshana Milkov mit ihrem warmen, üppigen Mezzo mit samtenen Timbre. Bei ihr ist Octavian einerseits der Jungspund, der zum ersten Mal die Liebe überschwänglich kostet und beinah darin zu ertrinken droht. Gleichzeitig lässt Milkov die innere Zerrissenheit der Figur erahnen, die zwischen der Zuneigung zweier Frauen schwankt. Jede liebt er auf seine sehr individuelle Weise, und jede verdient seinen Respekt. Hier zeigt Milkovs Octavian eine charakterliche Reife, die allen anderen Männern in diesem Stück fehlt.

Und abermals ergänzten sich Victoria Kunze, Signe Heiberg und Boshana Milkov gar wunderbar in ihrem Zusammenspiel und vereinten ihre Stimmen ganz exquisite in einer berührenden Harmonie.

„Okay, Richy, das muss ich dir lassen:
Die Final-Szene hast Du echt klasse hingekriegt!“

Da saß ich nun im Theater, lauschte dem Gesang dieser drei großartigen Künstlerinnen, ein Schauer strich über meine Haut, und eine erste Träne rann mir über die Wange. So schön…!

❤️


Wer nun die unbändige Lust verspürt, mehr von DER ROSENKAVALIER zu erfahren, der/die…

…lauscht den Worten von Regisseur  Julius Theodor Semmelmann,…

…kann den talentierten Bühnenmaler*innen dank dem Bericht Detailverliebt – die wundervolle Bühnenmalerei für „Der Rosenkavalier“ von Björn Gerken auf LOGBUCH BREMERHAVEN bei der Arbeit über die Schultern schauen,…

…oder lässt sich bei #angeklopft von Boshana Milkov und Marcin Hutek Interessantes zu ihren Partien berichten.


Hurtig, hurtig! DER ROSENKAVALIER lässt sich im Stadttheater Bremerhaven nur für einige wenige Vorstellungen im Mai in amouröse Abenteuer verstricken.

[Oper] Engelbert Humperdinck – HÄNSEL UND GRETEL / Stadttheater Bremerhaven

Märchenoper von Engelbert Humperdinck / Libretto von Adelheid Wette

Premiere: 4. November 2023 / besuchte Vorstellungen: 11. & 23. November 2023 / Premiere der Wiederaufnahme: 7. Dezember 2024 / besuchte Vorstellung der Wiederaufnahme: 22. Dezember 2024

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Davide Perniceni / Hartmut Brüsch (22.12.)
INSZENIERUNG Marie-Christine Lüling
BÜHNE & KOSTÜME Judith Philipp
DRAMATURGIE Torben Selk
CHOR Mario El Fakih Hernández / Edward Mauritius Münch
LICHT Katharina Konopka

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
KINDERCHORASSISTENZ & STIMMBILDUNG Katharina Diegritz
INSPIZIENZ Mahina Gallinger
THEATERPÄDAGOGIK Elisabeth Schneider


Als im vergangenen Jahr im digitalen Adventskalender des Stadttheaters Bremerhaven gleich zwei Versionen des „Abendsegens“ aus HÄNSEL UND GRETEL erklangen, wagte ich dreist, Intendant Lars Tietje via Instagram die Frage zu stellen, wann mit dieser Oper endlich am Stadttheater zu rechnen wäre. Seine Antwort fiel knapp aber äußerst vielversprechend aus:

„Bald!“

Kaum ein Jahr später verirrt sich dieses berühmte Geschwisterpaar auch schon im Bremerhavener Watt – Äh! – Wald…! 😄

HÄNSEL UND GRETEL ist – neben LA BOHÈME – die Oper, die ich am häufigsten auf der Bühne anschauen durfte. Kaum ein anderes musikalisches Werk trifft so sehr meinen romantischen Nerv. Schon beim Klang der Ouvertüre beginne ich dahin zu schmelzen, und spätestens beim „Abendsegen“ habe ich mich emotional völlig verflüssigt. „Schuld“ daran ist diese unwiderstehliche Mischung aus bekannten Volksweisen, träumerischen Melodien und großen orchestral-üppigen Kompositionen, die Engelbert Humperdinck hier so vortrefflich miteinander vereint hat. Leider scheint dieses Werk aber auch prädestiniert zu sein, die Phantasie von einigen (über-)ambitionierten Regisseur*innen herauszufordern: Da präsentierten sich Hänsel und Gretel in der Vergangenheit durchaus auch mal als Punks, die in der Drogenhöhle der Hexe keine Lebkuchen sondern Joints „naschten“. Oder die beiden Partien von Mutter und Knusperhexe wurden von ein und derselben Sängerin verkörpert, um so im Sinne der Sozialpsychologie die Ambivalenz in der Beziehung zwischen der Mutter und den Kindern zu verdeutlichen… …bla bla bla! Wer es darauf anlegt, könnte in jeden Text und jedes Libretto je nach Intention so allerlei hineininterpretieren. Wobei ich der Meinung bin, dass es – insbesondere bei einem musikalischen Werk – Grenzen in der Interpretation gibt, die von der Musik vorgegeben werden.

Marie-Christine Lüling überzeugt bei ihrer Inszenierung mit einer charmanten und wohltuend unaufdringlichen Modernisierung, ohne den märchenhaften Charakter des Werkes zu vernachlässigen. Es beginnt schon mit der fein inszenierten Ouvertüre, die sich wortlos vor dem geschlossenen Vorhang abspielt. Hänsel und Gretel sind anfangs zwei hyperaktive Gören mit einer Tendenz zum ADHS, die sich rüpelhaft gegenüber der alten Nachbarin verhalten und ihre Eltern beinah in den Wahnsinn treiben. So war es mehr als verständlich, dass die beiden überforderten Erziehungsberechtigten (erfolglos) versuchen, ihren Nachwuchs ins Bett zu scheuchen, um sich endlich eine wohlverdiente Pause gönnen zu können. Im verwunschenen Wald gleiten die Geschwister im Schlaf hinüber in einen phantastischen Traum, der sie zu einer Hexe führt, die verdächtig viel Ähnlichkeit mit der Nachbarin aufweist. Lülings Konzept überrascht mit so manchen gut durchdachten, aufeinander aufbauenden Details, warf aber auch die eine oder andere Frage auf – insbesondere dann, wenn das Libretto etwas anderes aussagt als das, was auf der Bühne gezeigt wurde. Doch dieser Umstand störte absolut nicht das Gesamtbild, da die Inszenierung mit guten Ideen punktet und sehr viel fürs Auge zu bieten hat.

Ausstatterin Judith Philipp hat die Optik dieser Inszenierung deutlich aber dezent der Erlebniswelt und somit den Sehgewohnheiten der heutigen Kindergeneration angepasst. Bei ihr werden die Engel zu Waldgeistern und entspringen direkt aus dem Kinderzimmer von Hänsel und Gretel: Die Spielsachen und Plüschtiere entwickeln ein Eigenleben, und so wachen Rabe, Puschel, Dino, Nordchen und Friedel beschützend über den Schlaf der Geschwister. Bedauerlicherweise sind von den ursprünglich 14 Engeln nur noch 5 Waldgeister übrig geblieben, was für mich den Zauber in dieser Szene etwas minimierte. Der Wald wächst dschungelartig-üppig aus dem Schnürboden hinab zur Erde. Das Hexenhaus wirkt wie die Geschenkverpackung aus einer Confiserie. Hier knabbern Hänsel und Gretel nicht an Lebkuchen, vielmehr naschen sie an Donuts, Schaumzucker, Macarons und Lollis. Auch die verzauberten Kinder bestehen nicht aus Lebkuchen sondern sind zuckersüße Marshmallow-Männchen.

Ⓒ Foto Stadttheater Bremerhaven. HÄNSEL UND GRETEL

Das Taumännchen: Von der Kinderzeichnung über die Figurine zum Kostüm auf der Bühne.

Im Vorfeld fand ein Workshop mit Grundschul-Kindern statt, bei dem die Schüler*innen unter der Anleitung der Theaterpädagoginnen eigene Figuren zu Taumännchen, Sandmännchen und den Engeln/Waldgeistern entwickeln konnten. Die phantasievollen Kreationen sind dann in die Entwürfe von Judith Philipp eingeflossen. Eine großartige und nachahmenswerte Vorgehensweise, um in einer Inszenierung die Ideen von Kindern für Kinder sichtbar zu machen.


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Unter der musikalischen Leitung des 1. Kapellmeisters Davide Perniceni bot das Philharmonische Orchester Bremerhaven genau das, was ich eingangs bereits erwähnt und mir so sehr erhofft hatte: Schwelgerisch strömten die Melodien aus dem Orchestergraben. Dramatisch akzentuiert lässt Perniceni die Musiker das Geschehen auf der Bühne kommentieren, um im nächsten Augenblick die Gesangsstimmen der Sänger*innen fein nuanciert unterstützen zu lassen. Schön!

Das Stadttheater Bremerhaven gönnt sich den Luxus und besetzt die Partien von Sandmännchen und Taumännchen jeweils mit einer Sängerin. Aufgrund der Überschaubarkeit der Rollen (oder aus Kostengründen) werden diese auch gerne von nur einer einzigen Sopranistin verkörpert, was allerdings durchaus zur Folge haben kann, dass die Partien sehr ähnlich interpretier werden. Doch manchmal gibt es auch für Sänger*innen Termine, die unaufschiebbar sind: In der besuchten Vorstellung übernahm Marlene Mesa neben ihrer Rolle als Sandmännchen auch für die verhinderte Kollegin die Rolle des Taumännchen und verlieh beiden Partien ein eigenständiges Profil. Ihr Sandmännchen amüsierte mit einer sympathisch-drolligen Gemütlichkeit, während sie das Taumännchen vor positiver Energie überschäumen ließ. Die junge Künstlerin gestaltete ihre Solis mit sehr viel Wärme und erfreute mit einer individuellen Klangfarbe in ihrer Stimme.

Die gestressten Eltern werden von Eva Maria Summerer und Marcin Hutek verkörpert. Die Hektik, Überforderung und Anspannung der Mutter spiegeln sich passenderweise in der Stimme von Eva Maria Summerer wider: Ein klassischer Schöngesang wäre auch völlig fehl am Platze wäre. Der Vater von Marcin Hutek wirkt da deutlich gemächlicher und versucht im chaotischen Haushalt für Ruhe zu sorgen. Dabei sind seine Maßnahmen, um die Kids zur Räson zu bringen, nicht unbedingt „pädagogisch wertvoll“. Bei „Wenn sie sich verirrten im Walde“ zitiert Hutek mit seinem warmen, flexiblen Bariton beinah ein Horrorszenario herauf, nur um die Gören im Bett zu halten. Einziger Kritikpunkt sowohl bei Summerer als auch bei Hutek: Bei Beiden hätte ich mir eine bessere Textverständlichkeit gewünscht.

Andrew Irwin zeigt – auch dank Maske und Kostüm – abermals sein Wandlungsfähigkeit: Doch was nützt die schönste Maske, wenn der Künstler ihr kein Leben einhauchen könnte. Anfangs als alte Nachbarin war er noch bemitleidenswert unsicher auf den Beinen, ließ da aber schon nur mit einem Blick die Bedrohung erahnen. Bei seinem ersten Auftritt im Wald schwebt er spektakulär vom Himmel herab, um sich dann in einen „Devil on Drag“ zu verwandeln, der die Bühne einem Laufsteg gleich für sich einnimmt. Dabei variiert er seine Stimme vom tenoralen Ausbruch bis zum verführerischen Gesäusel und bleibt trotz rollenbedingtem Gezicke und Gezeter der faszinierende Anti-Held.

Mit Boshana Milkow und Victoria Kunze verkörpern zwei talentierte Künstlerinnen die Titel-Partien, die ihre immense Spielfreude mit Feingefühl und Takt verbinden, sodass zu keinem Zeitpunkt der feine Grad zwischen kindlichem Enthusiasmus und peinlicher Übertreibung überschritten wurde. Vielmehr spielen sich die Beiden immer wieder schelmisch die Bälle aka die Pointen gegenseitig zu. Von kleinen Gesten über gegenseitige Frotzelei bis zum liebevollen Gute-Nacht-Kuss zeigen sie ganz und gar entzückend die innige Verbundenheit des Geschwisterpaares. Dass sie zudem wundervolle Sängerinnen sind, habe ich in der Vergangenheit schon häufig und ausführlich erwähnt. Hier überzeugen sie abermals in ihren Solis mit fein geführten Gesangslinien und harmonieren ausgesprochen stimmschön in den reichlich vorhandenen Duetten. Stichwort: „Abendsegen“: Seufz!

Apropos „kindlicher Enthusiasmus“: Nicht nur der Opernchor erfuhr durch Chordirektor Mario Orlando El Fakih Hernández in den letzten Jahren eine Frischzellenkur. Gemeinsam mit Katharina Diegritz formte er ebenfalls einen ganz und gar wunderbaren Kinderchor, dessen jugendliche Mitglieder so entzückend natürlich agierten und dabei auch noch ganz famos sangen. Bravo!

In diesen verrückten Zeiten schenkt das Stadttheater Bremerhaven seinem Publikum mit dieser Inszenierung eine Rundum-Wohlfühl-Packung: 2 Stunden lang durfte ich mich einfach nur fallen lassen und konnte so meine Sorgen um mich herum sowie das Chaos auf dieser Welt vergessen. Danke! 💖


Nachtrag zum 23. November 2023: Manchmal komme ich in den luxuriösen Genuss und darf mir eine Inszenierung mehrmals anschauen. In diesem Fall habe ich es meinem Gatten zu verdanken, der beim ersten Besuch malade daheim bleiben musste. Doch dann hat er so sehr gequengelt, dass ich des lieben Friedens willen abermals Karten orderte.

So saßen wir gestern im Stadttheater Bremerhaven in einer Aufführung der Märchenoper HÄNSEL UND GRETEL. Und während für meinen Gatten alles aufregend neu war, konnte ich mich entspannt zurücklehnen, da ich mich weniger auf die Haupthandlung konzentrieren brauchte. Dafür durfte ich mehr die vielen, kleinen charmanten Details genießen, die mir teilweise beim ersten Anschauen völlig entgangen sind (Hat der Mond mir bei meinem ersten Besuch auch schon vom Bühnenhimmel zugeblinzelt?). Diesmal stand als Taumännchen die junge Sopranistin Annemarie Pfahler auf der Bühne, die diesen Part entzückend gestaltete. Für den erkrankten Kollegen übernahm Bariton Patrick Ruyters die Partie des Vaters. Ruyters ist Mitglied des Opernchores und bewies nachdrücklich, dass die dortigen Sänger*innen weit mehr sind als nur „die 2. Reihe“. Naja, und das vokale Dreigestirn, bestehend aus Hänsel, Gretel und Knusperhexe, war abermals exquisit…!

Ich bin so froh, dass ich als Zuschauer in meiner Sichtweise und Wahrnehmung nicht so festgefahren bin, dass ich ungewöhnliche Regie-Konzepte nicht zu schätzen wüste. Vielmehr empfinde ich es als eine wunderbare Chance, dass ich in einem mir bekannten Werk überraschend neue Aspekte entdecken darf.

Ich glaube, dass es gerade bei HÄNSEL UND GRETEL schier unmöglich ist, den Geschmack aller zu treffen, da viele Erinnerungen mit diesem Werk verknüpft werden. Diese Erinnerungen können es durchaus erschweren, sich unvoreingenommen einer Inszenierung zu nähern. Der daraus resultierende Unmut wird dann von einigen „Theater-Fans“ ungefiltert in die Hemisphäre gepustet. Da tauchen dann so manche „kritische“ Kommentare in den sogenannten sozialen (!) Medien auf, die weit weniger etwas über die Inszenierung als vielmehr etwas zur Geisteshaltung des Verfassers aussagen. Da gab/gibt und wird es bedauerlicherweise wohl immer geben die ewig Gestrigen und permanent Traditionellen, die eine starre Vorstellung davon haben, wie eine gelungene HÄNSEL UND GRETEL-Inszenierung auszusehen hat. Abweichungen unerwünscht! Entsprechen besagte Abweichungen nicht ihren Vorstellungen, dann taugt die gesamte Aufführung nichts, und selbst die musikalischen Qualitäten von Orchester und Sänger*innen-Ensemble verschwinden hinter dem vernichtenden Urteil. Da wird von der „schrecklichsten Produktionen, die ich je gesehen habe“ gepoltert, und Forderungen nach „Subventionen streichen“ werden laut. Ein differenziertes, faires und vor allem respektvolles Feedback scheint nicht möglich!

Wenn ich eine solche „Kritik“ lese, frage ich mich immer ernsthaft, ob ich tatsächlich genau dieselbe Inszenierung wie der Verfasser gesehen habe. Auch ich habe durchaus die eine oder andere kritische Anmerkung in meinem obigen Beitrag hinterlassen. Doch ich konnte nichts feststellen, was diese geballte Masse an Negativität rechtfertigen könnte. Im Gegenteil: Ich fühlte mich ganz und gar wunderbar unterhalten! 😍

Ich persönlich möchte nicht die ewig, gleichen Inszenierungen, die nach einem vorgegebenen Schema entstehen, auf der Bühne sehen. Ich wünsche es mir nicht nur – Nein! – ich erwarte und fordere es regelrecht, dass mir ein buntes, lebendiges Theater geboten wird, das mich auch durchaus herausfordern und zum (Mit-)Denken animieren darf und muss.


Noch bis Mitte Januar 2024 besteht die Möglichkeit, sich mit HÄNSEL UND GRETEL am Stadttheater Bremerhaven märchenhaft verführen zu lassen.

[Oper] Giacomo Puccini – TOSCA / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Giacomo Puccini / Libretto von Luigi Illica und Giuseppe Giacosa / in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 23. September 2023 / besuchte Vorstellung: 14. Oktober 2023

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann
INSZENIERUNG Angela Denoke
BÜHNE & KOSTÜME Susana Mendoza
GEMÄLDE anna.laclaque
DRAMATURGIE Torben Selk
CHOR Mario El Fakih Hernández
LICHT Thomas Güldenberg

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
ASSISTENZ BÜHNE Theresa Steiner
KINDERCHORASSISTENZ & STIMMBILDUNG Katharina Diegritz
INSPIZIENZ Regina Wittmar
THEATERPÄDAGOGIK Katharina Dürr


Stimme heiser geschrien, Arme und Schultern zum Muskelkater geschunden und Hände wund geklatscht: So saß ich nach der Vorstellung der Oper TOSCA am Stadttheater Bremerhaven neben meinem Gatten im Auto, und wir fuhren Richtung Heimat. Still saßen wir nebeneinander, sprachen kein Wort und versuchten das soeben Gehörte, Gesehene und Empfundene zu verarbeiteten. Ein geseufztes „Schön war’s!“ war zum besagten Zeitpunkt der einzige Ausspruch, den ich nicht unterdrücken konnte, danach herrschte wieder Stille. Doch genau dieses kurze und schlichte „Schön war’s!“ umrahmte ziemlich genau all die Gefühle und Gedanken, die mir in dem Moment durch Herz, Hirn und Seele tobten.

Schon mit ihrer ersten Inszenierung am Stadttheater Bremerhaven empfiehlt sich Regisseurin Angela Denoke als eine kluge Beobachterin der menschlichen Psyche. Denoke ist selbst eine international gefeierte wie auch mit Preisen ausgezeichnete Sopranistin und wagte im Jahre 2021 ihr Regie-Debüt. Auch in diesem Metier wurden ihre Arbeiten prämiert, u.a. bekam sie erst im September den renommierten Österreichischen Musiktheaterpreis 2023 für ihre Regie von SALOME am Tiroler Landestheater Innsbruck verliehen. Ihre Inszenierung in Bremerhaven besticht durch Schlichtheit, Intelligenz und Emotionalität.

Der politische Gefangene Angelotti versteckt sich in der Kirche St. Andrea, wo sein Freund, der Maler Mario Caravadossi ein Madonnenbild fertigstellt. Als Vorlage diente ihm das Gesicht einer jungen Frau, die zum Beten regelmäßig in die Kirche kommt. Der Mesner erkennt in diesen Gesichtszügen die Gräfin Attavanti, Angelottis Schwester. Als Tosca die Kirche betritt, versteckt sich Angelotti erneut. Im Bild der Maria erkennt die Primadonna ebenfalls die Ähnlichkeit mit der Gräfin und reagiert mit Eifersucht. Caravadossi überzeugt sie aber von seiner Liebe und schickt sie fort. Kanonenschüsse sind zu hören. Angelottis Flucht wurde entdeckt, und Cavaradossi bietet ihm seinen Garten als Versteck an. Der Polizeichef Scarpia kommt in die Kirche und bemerkt sofort anhand einiger Indizien, dass Angelotti an diesem Ort war. Außerdem findet Scarpia einen Fächer. Er behauptet gegenüber Tosca, dies sei der Fächer der Gräfin, die mit dem Maler eine Affäre hätte. Schluchzend verlässt Tosca die Kirche, in der jetzt ein „Te Deum“ anlässlich des Sieges über Napoleon gefeiert wird. Scarpia schwört sich unterdessen, die Gunst Toscas zu erobern. In seiner Villa lässt er Caravadossi durch seine Schergen Spoletta und Scarrione genau in dem Moment vorführen, als auch Tosca eintrifft. Der Polizeichef befiehlt, Mario Caravadossi foltern zu lassen, bis er das Versteck des geflohenen Angelotti verrät. Tosca ist erschüttert und verrät nun selbst das Versteck. Darüber ist nun Caravadossi so empört, dass er den Polizeichef verspottet, indem er sich über einen scheinbaren Sieg Napoleons freut. Daraufhin ordnet Scarpia seine Exekution an. Nur wenn Tosca sich mit ihm einlässt, würde er ihren geliebte Maler verschonen. Kurz darauf stellt sich heraus, dass sich Angelotti umgebracht hat, um der Gefangenschaft zu entgehen. Trotzdem bleibt Scarpia bei seiner erpresserischen Methode, um Tosca zu unterwerfen. Als Lohn für ihre Gunst würde er eine Scheinhinrichtung organisieren, Mario Cavaradossi aber anschließend freilassen. Als sich Scarpia schließlich Tosca nähert, ersticht sie ihn mit dem Ausruf „Hier ist Toscas Kuss!“. Die Hinrichtung von Mario Caravadossi findet in einer Stunde statt: Tosca kommt und erzählt ihm, dass sie Scarpia getötet hat, und ihm nur eine Scheinhinrichtung bevorstehe. Er solle wie in einem Theaterstück mitspielen und sich, nachdem geschossen wurde, zu Boden fallen lassen. Die Hinrichtung folgt, Schüsse fallen, und Cavaradossi stürzt zu Boden. Tosca flüstert ihm zu, dass er sich still verhalten soll, bis die Vollstrecker verschwunden sind. Dann bemerkt sie, dass ihr Geliebter tot ist. Scarpia hat sich nun endgültig gerächt und Mario tatsächlich töten lassen. Bevor der Polizeiagent Spoletta sie wegen dem Mord an Scarpia verhaften kann, wählt Tosca den Freitod.

Angela Denoke verzichtet auf billige Effekthascherei und bleibt nah am Realismus. Zeitlich ordnet sie die Handlung nicht eindeutig ein: Einerseits werden wir an die eigene Geschichte unseres Landes erinnert, andererseits wirft sie einen kritischen Blick auf aktuelle Geschehnisse in Ländern, wo Populisten an der Macht sind. Dabei zeigt sie aber ebenso auf, dass selbst in einem totalitären Regime, kleine Blumen der Menschlichkeit am Wegesrand erblühen können: Der Mesner sieht sich als Hirte/Beschützer und achtet liebevoll auf die Kinder seiner Gemeinde; der Schließer lehnt beinah scheu einen Lohn vom Gefangenen Cavaradossi ab, als er sich bereit erklärt, Tosca eine Nachricht zu überbringen.

Die Motivation der handelnden Personen entwickelt die Regisseurin aus den Vorgaben des Librettos und vermeidet klischeeartige Charakterisierungen (schwarz – weiß, schön – hässlich, gut – böse). So befreit sie die Personen aus dem Korsett schablonenhafter Opernfiguren. Vielmehr lässt Denoke sie als reale Wesen agieren, die auch durchaus eine ambivalente Haltung zueinander haben dürfen. So behauptet der „böse“ Scarpia zwar, dass er Tosca, wie alle bisherigen Frauen vor ihr, abservieren wird, nachdem er ihre Gunst erhalten hat. Allerdings sprechen ihre Porträts in seinem Zimmer und der gesenkte Blick voller Unsicherheit und Scham beim Zusammentreffen mit ihr eine andere Sprache. Und auch Tosca zeigt gegenüber ihrem Peiniger unvermittelt Mitgefühl, als sie ihm, nachdem er erstochen vor ihr liegt, beinah liebevoll das Totenbett richtet. Aus der inneren Diskrepanz und den Seelenzuständen der Figuren entwickelt sich eine so hohe emotionale Spannung, die eine äußere Ablenkung unnötig macht.

Ausstatterin Susana Mendoza kleidet das Ensemble in gedeckten Tönen bar jeglichem Glamour. Einzig Tosca darf ihre mondäne Robe einem Schutzwall gleich tragen, die ihr allerdings Schicht für Schicht entrissen wird, bis ihre Empfindungen völlig bar und bloß liegen. Auf der mit schwarzem Stoff ausgeschlagenen Bühne platziert Mendoza ein riesiges Holzkreuz, das mal als Altar, Schreibtisch oder Laufsteg fungiert und mal schutzbietend, mal offenbarend wirkt. Einzig ein langer Vorhang und die großen Porträts setzen (im Kombination mit dem stimmungsvollen Licht-Design von Thomas Güldenberg) gekonnt Akzente im eher reduzierten Bühnenbild. Minimalismus „at its best“.

Während in anderen Inszenierungen das Bild der Madonna im 1. Akt die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zieht, wird uns hier ein Blick darauf verwehrt. Vielmehr liegt der Fokus voll und ganz auf unserer Titelheldin, die ab dem 2. Akt durch drei überlebensgroße Porträts allgegenwärtig ist. Diese ausdrucksstarken Kunstwerke schuf die Performancekünstlerin anna.laclaque, und ich würde mir so sehr wünschen, dass sie nach Beendigung der Aufführungsserie einen festen Platz im Foyer des Theaters finden dürften.


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„Ich möchte Menschen zum Weinen bringen: darin liegt alles…!“ lautet ein überliefertes Zitat von Giacomo Puccini. Damit ihm dies gelang, wählte er melodramatische Sujets und schuf dafür eine aufwühlende Musik. Bei GMD Marc Niemann und dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven waren die Kompositionen des Maestros in den aller-allerbesten und -fähigen Händen. Die schwelgerischen Melodienbögen, die ich so sehr an Puccinis Musik mag, flossen schier aus dem Orchestergraben. Mal rollte die Musik leidenschaftlich und kraftvoll über mich hinweg, dann wieder erklangen die Arien zart und voller Süße. Wunderbar!

Mario El Fakih Hernández bewies auch diesmal, dass er mit Chor und Extrachor einen voluminösen Klangkörper schaffen kann, der u.a. beim „Te Deum“ stimmstark für einen Gänsehaut-Moment bei mir sorgte. Unterstützung erhielt er beim Kinderchor durch Katharina Diegritz, die abermals die kleine Rasselbande zu motivieren wusste, ohne dass der Wohlklang zu Schaden kam. Als Solist aus dem Kinderchor sang Paul Dimitrov mit einem berührenden, beinah brüchigen Knabensopran sein klagendes Lied und wirkte dabei in seinem Erscheinungsbild weniger als junger Hirte. Vielmehr stellte er für mich einen Engel des Todes dar, der in seiner Reinheit die Verstorbenen über die Schwelle führt: Richtung offen. Das Sterben kann durchaus durch schändliche Umstände befleckt sein, doch der Tod ist stets unschuldig und unberührt.

Die Schergen Scarpias wurden durch Andrew Irwin (Spoletta) und James Bobby (Scarrione) im Himmler-Look beängstigend unsympathisch porträtiert. Wobei besonders Andrew Irwin in seiner Rolle eine anbiedernde und umso abstoßendere Unterwürfigkeit darbot. Marcin Hutek konnte sein Talent in den beiden kleinen Rollen als Angelotti bzw. der Schließer leider nur bedingt zeigen: Eine große Partie (Barbier oder Don Giovanni) wäre ihm endlich zu gönnen. Ulrich Burdack gefiel als mitfühlender, allzu menschlicher Mesner und sorgte im Zusammenspiel mit dem Kinderchor für die wenigen auflockernden Momente in dieser „Opera drammatica“.

Bleibt „nur“ noch unser „Trio infernale“ bestehend aus Tosca, Cavaradossi und Scarpia: Gast Bryan Boyce ließ hinter Scarpias Fassade des machtbesessenen und geltungshungrigen Despoten auch die Unsicherheit der Figur durchblitzen. Mit seinem dunklen, vollen Bass-Bariton vermochte er sowohl die stätig unterschwellig mitschwingende Gefahr wie auch die innere Zerrissenheit, die Scarpia als gebrochenen Charakter kennzeichnet, zu vermitteln. So gelang es ihm, innerhalb eines eher statischen Rollenprofils, feine Nuancen in der Darstellung herauszukitzeln.

Konstantinos Klironomos vermittelte glaubhaft Mario Cavaradossis Wandel vom anfänglich jugendlichen Helden zum gebrochenen Mann: Klironomos platzierte seine ungestümen Ausbrüche voller tenoraler Kraft und agiler Geschmeidigkeit. In Etappen veränderte sich seine Stimme. Beinah schmerzlich spürte ich beim Zuschauen/Zuhören die zunehmende Tragik. Die Arie „E lucevan le stelle/ Es funkeln die Sterne“ gestaltete er einerseits voller Süße, und gleichzeitig schwang eine Bitterkeit in jedem Ton mit. Gemeinsam mit Signe Heiberg als Floria Tosca bildete er ein umwerfendes Leading-Paar, das sich vokal ergänzte und darstellerisch die Bälle zuwarf.

Heibergs Tosca war die absolut Künstlerin, die verehrungswürdige Diva und ganz Weib, der es unter anderen Umständen nie in den Sinn gekommen wäre, dass sie angreifbar sein könnte. Nur tröpfchenweise sickerte die Erkenntnis in ihr Bewusstsein, dass von ihrem Verhalten das Wohl anderer Menschen abhängt, und dass der Verlust von Stolz und Würde ein geringeres Opfer bedeutet gegenüber dem Tod ihres Geliebten. Heiberg schleuderte ihren auftrumpfenden Sopran wie eine Waffe ihren Gegnern entgegen, nur um im nächsten Moment in fein geführten Gesangslinien die ambivalenten Gefühle der Figur zu verdeutlichen. Mit der berühmten Arie „Vissi d’arte, vissi d’amor/ Nur der Schönheit weihte ich mein Leben“ wendet sich Tosca flehentlich zu Gott, bei der ich in der brillanten Interpretation durch Signe Heiberg Empfindungen wie Machtlosigkeit und Resignation herauszuhören schien.

Von den anfangs so selbstbewussten und kraftstrotzenden Charakteren blieben nur noch Menschen mit zerbrochenen Seelen zurück, denen die Vergangenheit genommen und die Zukunft verwehrt wurde. Und so hilten sich Floria und Mario wie verängstigte Kinder in einem kurzen, flüchtigen Moment des Glücks nochmals an der Hand, vielleicht schon ahnende, dass keine frohe Zukunft auf sie wartet, sondern dass auch sie nur allzu bald dem Engel des Todes folgen werden…!

Zwischen dem letzten verklungenen Ton aus dem Orchestergraben und dem Einsetzten des aufbrausenden Beifalls löste sich aus meiner Brust ein Seufzer: „Schön war’s!“


Nachwort: Seitdem ich mich dem Stadttheater Bremerhaven verbundener fühle, verfolge ich auch ein wenig die mediale Berichterstattung über das Haus und besonders zu den jeweiligen Inszenierungen. Dabei fällt mir zunehmend auf, dass sich im Feuilleton immer noch Plattitüden standhaft halten, die – meiner Meinung nach – wenig aussagekräftig, wenig differenziert sind. Da wird sich einer Sprache bedient, die hinter ihrem scheinbaren Wohlwollen eine kleine Giftspritze verbirgt.

So schrieb Wolfgang Denker im „Weser Kurier“ über die gesanglichen Leistungen von Signe Heiberg und Konstatinos Klironomos „Beide würden in diesen Partien auch an weit größeren Häusern Eindruck machen.“. Ich las dies und stellte mir unverzüglich die Frage „Was möchte Herr Denker mit diesem Satz ausdrücken?“. Ich machte mir da durchaus so meine Gedanken, und natürlich sind meine Interpretationen absolut subjektiv. Aber ich bin in der Zwischenzeit auch müde geworden, ständig irgendwelche indifferenten Worthülsen lesen zu müssen.

Oberflächlich wirkt dieser Satz wie ein Lob: „Hey, die Beiden hätten das Zeug, auch an größeren Häusern zu singen.“, dann der Untertext: „Doch warum sind sie dann im Kaff Bremerhaven hängen geblieben?“. Der Umkehrschluss wäre für mich: An einer provinziellen Klitsche wie das Stadttheater Bremerhaven sind brillante Künstler*innen verschwendet, da täten es doch auch durchschnittliche Sänger*innen.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie einige Schreiberlinge (m/w/d) es mit einer untrüglichen Sicherheit schaffen, den Künstler*innen und/oder dem Theater unterschwellig eine Watschen zu verpassen und dies als positives Feed-back zu verpacken. Ihr denkt vielleicht, dass ich übertreibe, allzu empfindlich reagiere, oder es sich gar um einen Einzelfall handelt?

Au contraire, mes amis!

Verpasst auch nicht die nächsten Folgen
unserer beliebten Rubrik FEUILLETON’SCHE FLOSKELN:
Folge 2 „…prädestiniert sie/ihn auch für Wagner-Partien.“
Folge 3 „…dem überdurchschnittlichen Sängercast.“
Garantiert echt und ohne Werbeunterbrechung!


Grandiose Sänger*innen, grandioses Orchester, grandiose Inszenierung: Worauf wartet ihr noch? Ab mit euch zu TOSCA am Stadttheater Bremerhaven.

[Oper] Jules Massenet – WERTHER / Stadttheater Bremerhaven

Lyrisches Drama in vier Akten von Jules Massenet / Libretto von Édouard Blau, Paul Milliet und Georges Hartmann / nach dem Briefroman Die Leiden des jungen Werthers von Johann Wolfgang von Goethe / in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 25. März 2023 / besuchte Vorstellung: 28. April 2023

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Marc Niemann
Inszenierung: Sam Brown
Bühne & Kostüme: Alex Lowde
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández


Wer von uns kennt ihn nicht? Ganze Schülergenerationen durften sich im Unterricht durch dieses Werk „quälen“. Johann Wolfgang von Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werthers war ein (un)gerngesehener Gast in den Klassenzimmern der Republik. Ich kann mich nicht mehr an allzu viel von der damaligen Schullektüre erinnern. Mein Verdrängungsmechanismus scheint im Laufe der Jahre zufriedenstellend gearbeitet zu haben. Doch an einer Empfindung aus dieser Zeit kann ich mich deutlich erinnern: Ich fand damals, dass der Werther eine ziemlich nervige Heulsuse war.

Ich persönlich hätte als Sujet für eine Oper wahrscheinlich eine andere Vorlage gewählt, aber ich bin da ja auch nicht der Profi. Und der weltweite Erfolg gab dem Komponisten Jules Massenet ja auch Recht. So war ich sehr neugierig auf die musikalische Umsetzung: Würde der singende Werther mich mit dem sprechenden Werther wieder versöhnen können?

Es ist mitten im Sommer, doch im Hause des Amtmanns Le Bailli übt dieser mit seinen Kindern schon Weihnachtslieder ein. Seinen anwesenden Freunden Schmidt und Johann erzählt er stolz von seiner ältesten Tochter Charlotte, die nach dem Tod der Frau die Mutterrolle für ihre sieben jüngeren Geschwister übernommen hat. Da ihr Verlobter Albert nicht anwesend ist, soll Werther sie auf dem abendlichen Ball begleiten. Werther ist überglücklich, da er Charlotte schon seit geraumer Zeit insgeheim liebt. Kaum haben die Beiden das Haus verlassen, taucht überraschend Albert auf, findet aber nur Charlottes jüngere Schwester Sophie vor. Mit dem Hinweis, in den nächsten Tagen Charlotte zu besuchen, verabschiedet er sich. Zu später Stunde bringt Werther Charlotte vom Ball nach Hause und gesteht ihr endlich seine Liebe. Er muss aber von ihr erfahren, dass sie am Sterbebett ihrer Mutter versprochen hat, Albert zu heiraten. Einige Monate später sind Charlotte und Albert verheiratet, das allerdings nichts an Werthers Gefühlen ändert. Auf dem Fest zum 50. Hochzeitstag des Pastors und seiner Frau treffen alle wieder aufeinander. Sophie hat ein Auge auf Werther geworfen, der ihre Avancen allerdings abschmettert. Er hat nur Augen für Charlotte, die natürlich am Arm ihres Gatten Albert erscheint, und kann seine Eifersucht kaum verbergen. Charlotte ist mit dieser Situation überfordert und bittet ihn, sie bis zum Weihnachtsfest nicht aufzusuchen. Werther ist verzweifelt: Erste Selbstmord-Phantasien spuken in seinem Kopf herum. Eilig verlässt er die Gesellschaft. Zurück bleiben eine enttäuschte Sophie, eine aufgewühlte Charlotte und ein ernüchternder Albert, dem nun bewusst wurde, welche tiefen Gefühle Werther für seine Ehefrau hegt. Weitere Monate später am Heiligabend: Charlotte hat zahlreiche Briefe von Werther erhalten, in denen er ihr seine Liebe beteuert. Sie selbst muss sich nun auch eingestehen, dass auch sie ihn liebt. Sie versucht, sich durch Gebete zu festigen. Als plötzlich Werther auftaucht, ist dieser von Charlottes Distanz aufgewühlt und wirft sich ihr zu Füßen. Charlotte flüchtet und schließt sich ein. Sie schwört, Werther niemals wiederzusehen. Werther entschließt sich zum Suizid und bittet Albert per Brief, ihm seine Pistole für eine Reise zu überlassen. Dieser schickt Charlotte, ihm die Pistole zu bringen. Später am Heiligabend quälen Charlotte schlimme Ahnungen, und sie eilt durch das Schneegestöber, um Werther zu finden und ihn von einem Selbstmord abzubringen. Sie findet ihn sterbend auf dem Boden liegend. Er hindert sie daran, Hilfe zu holen. Charlotte gesteht ihm in seinen letzten Atemzügen ihre Liebe und küsst ihn zum Abschied. In der Ferne singen die Kinder Weihnachtslieder.


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Regisseur Sam Brown versetzt die Handlung aus dem Jahre 1780 in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts. Dies gelingt ihm ohne spürbare Brüche. Er beweist so nachdrücklich, dass sich im Laufe von beinah 200 Jahren an der Stellung der Frau im sozialen Gefüge innerhalb des nach wie vor vorherrschenden Patriarchats wenig verändert hat. Vielmehr zeigt er beinah abstoßende Männer-Figuren, wie sie es damals durchaus gab (und heute leider immer noch gibt), und deren Handlungen gesellschaftlich toleriert wurden. Wir sehen den in Selbstmitleid zerfließenden Vater, der mit beängstigender Selbstverständlichkeit die eigene Verantwortung an der Familie und die Bürden der verstorbenen Ehefrau auf die älteste Tochter überträgt. Da gibt es seine beiden Freunde, die im angetrunkenen Zustand auch gerne die halbwüchsige Tochter betatschen. Auch der scheinbar charmante und rücksichtsvolle Verlobte zeigt nach der Hochzeit sein wahres Gesicht zeigt und entpuppt sich als manipulativer Kotzbrocken. Der Regisseur „zaubert“ gemeinsam mit Ausstatter Alex Lowde eine beinah dystopie-artige Endzeitstimmung auf die Bretter. Der blütenweiße Vorhang des Panorama-Fensters öffnet sich und gibt den Blick frei in eines dieser adretten Reihen-Bungalows, wie er in so manchen spießigen Vorstädten zu finden ist. Die Räume wandern am Panorama-Fenster vorbei und bilden in ihrer lähmenden Trostlosigkeit einen Kontrast zur menschlichen Tragödie, die sich in ihnen abspielt. Brown setzt in seiner kammerspielartigen Inszenierung den Fokus deutlich auf die Motivationen der handelnden Personen.

WERTHER ist durchaus kein gefälliges Werk. Da gibt es keinen voluminösen Chor und kein fröhlich tanzendes Ballett. Auch auf einen Tenor-Evergreen, wie ihn andere Opern durchaus zu bieten haben, wartet man hier vergebens. Es stehen Personen im Mittelpunkt, zu deren glaubhafter Charakterisierung der pure Schöngesang nicht ausreicht. Vielmehr fordert die Handlung den Sängerinnen und Sängern einiges ab: Hier ist nicht nur stimmliche Brillanz gefordert sondern auch ein hohes Maß an schauspielerischen Talent. In Bremerhaven war beides vorhanden!

Gast Mirko Roschkowski gab die Titelpartie als einen in seinen Empfindungen überschäumenden Jungspund. Sein Werther liebt mit jeder Faser seines Körpers und stürzt sich in diese Liebe mit all seinen Sinnen. Dabei ist er in seiner hemmungslosen Kompromisslosigkeit absolut selbstzerstörerisch. Roschkowskis gelungene Darstellung ermöglichte es mir, dass ich mich mit dem Werther meiner Schulzeit ein wenig aussöhnen konnte. Werther liebt und leidet und scheint damit völlig ausgelastet zu sein, während Charlotte einen wahren Gefühlsmarathon mit unzähligen Höhen und Tiefen durchlebt. Aufgrund der Erkrankung von Boshana Milkov sprang Mezzosopranistin Anna Werle kurzfristig ein und meisterte dies mit einer bewundernswerten Souveränität. Auch bei einer bekannten und evtl. schon auf der Bühne gesungenen Partie ist es immer eine Herausforderung, sich einem unbekannten Regie-Konzept zu stellen. Wirkte ihre Charlotte anfangs neben den Gefühlsausbrüchen eines Werthers eher zurückhaltend-beherrscht (und schrieb ich dies irrtümlich dem Umstand des Einspringens zu) so entwickelte sie sich im Laufe der Vorstellung mehr und mehr zur gefühlvollen jungen Frau. Es schien, als würde sie ein sie einschnürendes Korsett aus Erwartungen und Konventionen abstreifen und sich erlauben, Emotionen zuzulassen, die nun den nötigen Raum in ihrem Leben einnehmen.

Eingebunden waren diese beiden Gäste in dem wunderbaren Ensemble des Stadttheaters Bremerhaven, bestehend aus Victoria Kunze (Sophie), Marcin Hutek (Albert), Ulrich Burdack (Le Bailli), Andrew Irwin (Schmidt) und Patrick Ruyters (Johann), das wieder einmal nicht nur durch exzellentem Gesang überzeugte, sondern auch absolut homogen agierte. Welch ein Glück, dass dieses tolle Ensemble dem Publikum auch in der Saison 2023/2024 erhalten bleibt!

Besonders hervorheben möchte ich die sechs jungen Sänger*innen vom Kinderchor des Stadttheaters Bremerhaven, die die jüngeren Geschwister von Sophie und Charlotte darstellten und dies ganz und gar großartig machten. Schon vor einiger Zeit hat Chorleiter Mario Orlando El Fakih Hernández gemeinsam mit Katharina Diegritz den Kinderchor wiederbelebt, der mich schon zuvor im Musical HAIRSPRAY überzeugte. Ich freue mich sehr auf die kommende Spielzeit, wo die Kids sicherlich bei der Märchenoper HÄNSEL UND GRETEL wieder dabei sein werden.

GMD Marc Niemann brachte mit dem Philharmonischen Orchester die Musik Massenets sehr nuancenreich zu Gehör, sei es bei den stürmischen Arien Werthers über das zarte „Claire de lune“ im ersten Aufzug bis zu den beiden emotionalen Arien der Charlotte im 3. Akt, und verfeinerte so eine gelungene Opern-Aufführung.

Nun überlege ich ernsthaft, ob ich dem guten alten Goethe und seinem Werther nochmals eine Chance geben soll. Was meint Ihr?


…und – Schwupps! – schon ist sie leider wieder vorbei, die Aufführungsserie von WERTHER am Stadttheater Bremerhaven. Schön war´s!!!