[Konzert] ERÖFFNUNGSGALA 2026/2027 / Stadttheater Bremerhaven

mit der Sinfonia bzw. Ouvertüre zu LUISA MILLER von Giuseppe Verdi sowie Arien, Songs und Musiken von Bedřich Smetana, Camille Saint-Saëns, Johann Strauss (Sohn), Giuseppe Verdi, Herbert Grönemeyer und Norbert Schultze

mit Ausschnitten aus TRUE CRIME. DIE THOMASKATASTROPHE von Coco Plümer, DIE MAUSEFALLE von Agatha Christie, DIE LEBEN DER ANDERSEN von John von Düffel und Kai Tietje, AALI MUSS LOS von Dita Zippel und Finn-Ole Heinrich, DIDO AND AENEAS – A LOVE STORY? frei nach Henry Purcell sowie aus dem Tanzabend TANZRAUSCH von Kinsun Chan und Alfonso Palencia

Premiere: 5. September 2026 / besuchte Vorstellung: 5. September 2026

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marco Comin, Davide Perniceni, Hartmut Brüsch
CHOR Kristina Pernat Ščančar
MODERATION Lars Tietje, Marco Comin, Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Alfonso Palencia, Markus Tatzig
SZENISCHE EINRICHTUNG Annika Ellen Flindt
REGIEASSISTENZ Finn Lorenz
INSPIZIENZ Mahina Gallinger

Musiktheater: Kellan Dunlap, Timothy Edlin, Victoria Kunze, Boshana Milkov, Kai Preußker, Weilian Wang
Ballett: Melissa Festa, Marco Marongiu, Pedro Alves Marques, Kiko Noguchi, Melissa Panetta, Adrián Sánchez, Ming-Hung Wenig, Dawon Yang, Javier Zotano Bermúdez
Schauspiel: Frank Auerbach, Marscha B Zimmermann, Anna Caterina Fadda, Lotta Hackbeil, Leon Häder, Ulrike Knospe, Kay Krause, Gernot Schmidt, Alexander Smirzitz, Marc Vinzing, Henning Z Bäcker
JUB: Ümran Algün, Sander Lybeer, Coco Plümer, Tobias Sill

Opernchor am Stadttheater Bremerhaven
Kinderchor am Stadttheater Bremerhaven
Philharmonisches Orchester Bremerhaven


Ich hatte diesem Wochenende so sehr entgegengefiebert und vorab vehement Wünsche für den Dienstplan eingefordert, damit auch nichts, absolut gar nichts meiner Teilnahme an der turbulenten Spielzeiteröffnung an meinem Stadttheater Bremerhaven im Wege stand. Und wehe, irgendjemand hätte sich mir in den Weg gestellt…!!!

Die Zuschauer*innen strömten ins Theater. Überall war die Lust auf den Beginn der neuen Spielzeit spürbar. Voller Enthusiasmus begrüßte ich bekannte Gesichter und schmetterte ihnen vergnügt strahlend „Auf ein Neues!“ oder „Schön, dass es wieder losgeht!“ entgegen. Dann saß ich voller Vorfreude endlich wieder im Zuschauersaal, der rote Samtvorhang öffnete sich, und eine weitere Saison voller Theaterzauber sollte beginnen.

Bereits Ende August hatte Marco Comin, der neue GMD am Haus, sein Antrittskonzert mit dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven vor begeisterten Konzertbesuchern gegeben. Nun stellte er auch seine Qualitäten für das Musiktheater unter Beweis und konnte uns ebenso mit seinem Dirigat der Sinfonia zu LUISA MILLER begeistern. Diese eher selten gespielte Oper von Giuseppe Verdi wird die Spielzeit im Musiktheater eröffnen.

Intendant Lars Tietje führte souverän durch das Programm und holte sich gerne zu den einzelnen Programmpunkten mit Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Markus Tatzig und Alfonso Palencia die Leitung der jeweiligen Sparte auf die Bühne.

So berichtete Alfonso Palencia vom spannenden Entstehungsprozess des dreigeteilten Tanzabends TANZRAUSCH, zu dem er zwei befreundete Choreografinnen eingeladen hat, um dem Publikum wie auch den Tänzer*innen die Möglichkeit zu geben, unterschiedliche Stile erleben zu können. Als Appetizer präsentierte die Ballettcompagnie aus TANZRAUSCH einerseits die Arbeit mit dem Titel „Storm“ der Choreografin Kinsun Chan sowie direkt nach der Pause „Rush Rojo“ von Alfonso Palencia. Die Tänzer*innen erstaunten mich abermals mit einer schier unendlich scheinenden Ausdruckskraft ihrer Körper. Es ist für mich immer wieder faszinierend, wie Musik über den Tanz visualisiert werden kann.

Das Jahr 2027 wird ganz im Zeichen des Stadtjubiläums von Bremerhaven stehen, und so werden auch am Stadttheater Bremerhaven einige Produktionen zu sehen sein, die einen unmittelbaren Bezug zur Stadt haben. Im kleinen Haus startet die Saison mit TRUE CRIME. DIE THOMASKATASTROPHE und erinnert an einen furchtbaren Tag im Dezember 1875 als im Bremerhavener Hafen eine Bombe explodierte. In diesem Live-Hörspiel, bei dem Frank Auerbach, Lotta Hackbeil und Marc Vinzing unzählige Rollen verkörpern und so ihre enorme Wandelbarkeit zeigen, werden die Geräusche von einer Sounddesignerin ebenso live vor Ort produziert. Der hier gezeigte Prolog machte Lust auf diesen sicherlich spannenden Theaterabend.

Davide Perniceni übernahm den Taktstock und somit die musikalische Leitung bei den Arien aus DIE VERKAUFTE BRAUT von Bedřich Smetana. Sopranistin Victoria Kunze gestaltete die beiden Arien „Gern ja will ich dir vertrauen“ und „Wie fremd und tot ist alles um mich her“ mit schlichter Würde und fein dosierter Melancholie und zeigte so überzeugend den Wandel der Figur von „hoffnungsvoll in die Zukunft schauend“ zu „verzweifelnd über den Verlust ihres Liebsten“. Ergreifend!

Natürlich durfte auch in diesem Jahr die Verleihung des Herzlieb-Kohut-Preises, mit dem besondere künstlerische Leistungen am Stadttheater Bremerhaven gewürdigt werden, nicht fehlen. Insider werfen einen wissenden Blick auf den Programmzettel. Die Wahrscheinlichkeit ist immer recht hoch, dass der Programmpunkt, der nach der Verleihung an der Reihe ist, im direkten Zusammenhang mit dieser steht. In diesem Jahr nützte mir dieses Wissen „nüscht“, da eine Szene mit acht Schauspieler*innen aus dem Krimi DIE MAUSEFALLE folgen sollte. Es blieb somit auch für mich spannend. Preisträger wurde in diesem Jahr der Schauspieler Leon Häder, der in der vergangenen Spielzeit durch sein exzellentes Spiel überzeugen konnte. Die ausführliche Laudatio der Jury versüßte er – sehr zum Vergnügen des Publikums – mit humoristischen Akzenten in Gestik, Mimik und Haltung. Lieber Leon: HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

Ich jubilierte inner- wie äußerlich als ich erfuhr, dass ein Kriminalstück von Agatha Christie wieder auf dem Spielplan stehen sollte. Mit Marscha B Zimmermann, Anna Caterina Fadda, Leon Häder, Ulrike Knospe, Kay Krause, Gernot Schmidt, Alexander Smirzitz und Henning Z Bäcker standen nun Künstler*innen auf der Bühne, die in der dargebotenen Szene aus DIE MAUSEFALLE ganz wunderbar Christies Figuren zum Leben erweckten. Es wird mir eine immense Freude sein, mich in „Monkswell Manor“ (wiederholt) einzumieten.

Doch die Würdigungen des Abends waren noch nicht vorbei: In diesem Jahr gab es zusätzlich den Herzlieb-Kohut-Sonderpreis zu vergeben, den der Kinderchor des Stadttheaters für DIDO AND AENEAS – A LOVE STORY? in Empfang nehmen durfte. Mit Unterstützung von Edward Mauritius Münch, Bianca Sue Henne, Katharina Diegritz und Musiker*innen des Philharmonischen Orchesters erarbeiteten sich die Kinder und Jugendlichen eine sehr eigene, höchst individuelle Variation von Henry Purcells Oper, indem sie dessen Musik mit modernen Songs und persönlichen Gedanken rund um das Thema Liebe kombinierten. Wie sehr die Kids diesen Preis verdient hatten, zeigten sie mit ihrer stimmschönen und emotionalen Interpretation von Herbert Grönemeyers „Demo (Letzter Tag)“. Gänsehaut! Auch an euch: HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

Dann wurde es plötzlich glitschig: Das JUB – Junges Theater Bremerhaven bringt mit AALI MUSS LOS ein Stück über Veränderung und Abschied aus Sicht der Tiere am und im Fluss auf die Bühne. Daraus boten uns die Schauspieler*innen Ümran Algün, Coco Plümer, Tobias Sill und Sander Lybeer einen äußerst vergnüglichen wie auch erstaunlich beweglichen Ausschnitt.

„Und ewig lockt das Weib“, das war schon in der Bibel so, und so ist es auch noch heute. Mezzosopranistin Boshana Milkov ließ ihre samtene Stimme lockend und gurrend in der Arie „Amour, viens aider ma faiblesse!“ erklingen. Wehe allen Kerlen, die ihrem bezirzenden Ruf verfallen. Die Oper SAMSON ET DALILA von Camille Saint-Saëns kommt als beeindruckendes Konzerterlebnis auf die Bühne.

Deutlich fröhlicher ging es in der Operette EINE NACH IN VENEDIG zu, aus der die beiden Neuzugänge des Musiktheaters Ausschnitte zeigten. Die musikalische Leitung lag in den bewerten Händen von Hartmut Brüsch. Tenor Kellan Dunlop gab mit „Evviva Caramello“ den Barbier Caramello mit leichter flexibler Stimme. Kai Preußker stellte bei „Wenn vom Lido sacht … Pappacoda ist da“ den Makkaronikoch Pappacoda mit seinem charakteristischen Bariton männlich-markant auf die Bretter. Flankiert wurden die Beiden von einem bestens aufgelegten Opernchor.

Es ist immer eine besondere Herausforderung, einen Song zu interpretieren, der im kollektiven Gedächtnis so eng mit der Ursprungsinterpretin verankert ist. Einerseits sollte eine eigene Interpretation gefunden werden, andererseits darf sich auch nicht zu sehr vom Original entfernt werden. Schauspielerin Ulrike Knospe stand sichtbar nervös auf der Bühne. Doch sie gestaltet den bekannten Evergreen „Lili Marleen“ von Lale Andersen so schön und so berührend. Bravo! Als Background-Chor standen ihr die Mannen Frank Auerbach, Marc Vinzing und Henning Z Bäcker mit harmonischem Gesang zur Seite. Auch das Schauspiel mit Musik DIE LEBEN DER ANDERSEN hat wieder einen engen Bezug zur Seestadt und deren Geburtstag.

Mit LUISA MILLER hatte diese Eröffnungsgala begonnen, und mit LUISA MILLER sollte sie nun auch enden. Bei „Ti desta, o Luisa“ zeigten die Sänger*innen des Chores, dass sie nicht nur die leichte Operette beherrschen sondern ebenso im musikalischen Drama brillieren können. Bassbariton Timothy Edlin ließ seine Stimme bei der Arie „Ah! Tutto m´arride … Il mio sangue, la vita darei“ mit fein nuancierter Koloratur erklingen. Weilian Wang brachte seinen potenten Tenor bei „Oh! fede negar potessi … Quando le sere al placido“ vom auftrumpfenden Fortissimo bis zum sensiblen Piano zum Strahlen. So sorgten diese zwei stimmlichen „Schwergewichte“ gemeinsam mit dem Opernchor für den fulminanten Schluss dieser rundum gelungenen Gala.

Beschwingt verließ ich das Theater und machte ich mich bestens gelaunt auf den Heimweg,…


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THEATERFEST 2026 …um nur wenige Stunden später meine Karosse wieder gen Bremerhaven zu lenken: Das Stadttheater Bremerhaven hatte zum Theaterfest geladen und versprach ein pickepackevolles Programm mit Konzerten, Führungen, Besuche der verschiedenen Werkstätten, Einblicke in Proben, Lesungen, div. Workshops, Mitmach-Aktionen für Groß und Klein, einer Mini-Gala und vielem mehr. Da fiel es mir wahrlich schwer, eine Entscheidung zu treffen. Wählte ich den einen Programmpunkt würde ich einen anderen ebenso spannenden aber bedauerlich zeitgleich stattfindenden Programmpunkt verpassen. Luxusprobleme „at its best“!

So wählte ich mit Bedacht. Nach der Begrüßung durch Intendant Lars Tietje lauschte ich sowohl dem Opernchor unter der Leitung der neuen Chordirektorin Kristina Pernat Ščančar wie auch den solistischen Auftritten von Tenor Kellan Dunlap und Mezzosopranistin Boshana Milkov. Der von Boshana Milkov brillant vorgetragene Gershwin-Song „Summertime“ schien beinah programmatisch. Die sommerlichen Außentemperaturen trieben mich ins Theaterinnere direkt zum Kuchenbüfett der Landfrauen („Köstlich!“). Bestens gestärkt wartete ich im Foyer auf den Beginn der Theaterführung mit Sopranistin Victoria Kunze, die uns einmal kreuz, einmal quer durch das Theater führte und neben interessanten Infos zum Theateralltag auch köstliche Anekdoten parat hatte, wozu sie gerne die launige Unterstützung von Chefmaskenbildner Henrik Pecher in Anspruch nahm. Beim öffentlichen Balletttraining bestaunte ich voller Hochachtung abermals die Grazie und die Eleganz der Tänzer*innen.

Apropos Anekdote: Ich bog auf der Seitenbühne um die Ecke und stand unvermutet einem Tisch mit  Lebensmitteln gegenüber. Angewidert blickte ich auf einen Teller und dachte „Wie kann man nur ein Mettbrötchen hier ungekühlt liegen lassen? Da tanzen die Salmonellen vor Freude Samba.“ Ich benötigte einige Sekunden, bis ich registrierte, dass hier die Requisite ihre Kunst der täuschend echten Imitation präsentierte.

Nach einem ereignisreichen Nachmittag voller Begegnungen und Eindrücke trug mich meine brave Karosse müde aber sehr, sehr glücklich wieder zurück in Richtung Heimat.


Mit der Eröffnungsgala und dem Theaterfest beginnt offiziell die SAISON 2026/2027 am Stadttheater Bremerhaven, das mich wieder mit einem vielfältigen Programm begeistert.

[Ballett] Alfonso Palencia – DER NUSSKNACKER / Stadttheater Bremerhaven

Ballett von Alfonso Palencia / nach der Erzählung „Nussknacker und Mausekönig“ von E.T.A. Hoffmann / mit Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky

Premiere: 11. Oktober 2025 / besuchte Vorstellung: 2. November 2025
Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


CHOREOGRAFIE & INSZENIERUNG Alfonso Palencia
MUSIKALISCHE LEITUNG Davide Perniceni
BÜHNE & VIDEO Yoko Seyama
KOSTÜME Rosa Ana Chanzá
LICHT Frauke Richter

CHOREOGRAFISCHE ASSISTENZ Bobby M. Briscoe 
DRAMATURGIE Alfonso Palencia, Torben Selk 
KINDERCHOR Edward Mauritius Münch
ORGANISATION & STIMMBILDUNG KINDERCHOR Katharina Diegritz 
INSPIZIENZ Mahina Gallinger
THEATERPÄDAGOGIK Schirin Badafaras


Ich saß im Zuschauersaal, blickte zur Bühne und bemerkte kaum, wie ich mich mehr und mehr verlor und die Menschen um mich herum vergaß. Meine Brust wurde weit, als ich all die Schönheit aus Musik und Tanz in mich aufsaugte und mich in eine Welt voller Grazie und Ästhetik fallen ließ. Wie beschreibe ich eine Kunstform, ohne immer wieder und wieder dieselben abgenutzten Adjektive zu bemühen? Wie beschreibe ich etwas, was unbeschreiblich war?

Auch nach all den Jahr(zehnt)en, die ich nun schon die Bühnen dieses Landes mit meiner Anwesenheit „beglücke“, empfinde ich einen Abend im Theater, wenn der Saal sich verdunkelt und der Vorhang sich hebt, nach wie vor als ein wunderbares Geschenk, das mir – völlig unverdient – gemacht wird. Okay, ich habe vorab für ein paar Euronen eine Eintrittskarte erworben, aber das ist nur ein geringes Salaire, im Vergleich zur mannigfaltigen Freude, die ich im Gegenzug erhalte.

Ich saß im Zuschauersaal – Nein! – ich darf in einem Zuschauersaal sitzen. Dies ist für mich wahrlich keine Selbstverständlichkeit sondern vielmehr ein unschätzbarer Luxus. Es ist ein Luxus, dass wir hier in diesem Land eine so freie und somit vielfältige Kulturszene haben, die ihre Impulse durch Menschen aus unterschiedlichen Nationen erhält. Mit Inspiration, Talent und Kraft arbeiten Menschen aus unterschiedlichen Nationen vor, auf, über, unter, neben und hinter der Bühne bereits Tage zuvor, um mir dann einen unvergesslichen, einzigartigen Theaterabend zu schenken. Diesen Luxus müssen wir uns bewahren!

Schönheit, Grazie und Ästhetik: Ballettdirektor und Chefchoreograf Alfonso Palencia hätte zu dieser Zeit kein besseres Ballett auswählen können. Einerseits ist die Handlung von Tschaikowskys Märchenballett DER NUSSKNACKER prädestiniert für die nahende Adventszeit, andererseits lechzen wir Menschen in diesen verrückten wie auch beängstigenden Zeiten nach Sicherheit, Harmonie und Geborgenheit.

Am Heiligabend versammelt sich Familie Silberhaus mit Claras Freunden, um gemeinsam zu feiern. Drosselmeier, Claras Patenonkel, Zauberer und ein begabter Spielzeugmacher, hat Geschenke für die ganze Familie mitgebracht. Claras Bruder Fritz bekommt ein Schiff und Clara einen Nussknacker. Sie schließt ihn sofort ins Herz. Alle sind schlafen gegangen. Doch Clara kehrt ins Wohnzimmer zurück, um nach dem Nussknacker zu sehen. Sie nimmt ihn in den Arm und schläft ein. Ein Traum beginnt. Claras Familie und Freunde verwandeln sich in Soldaten – und in schräge Hasen. Sie beginnen, gegeneinander zu kämpfen. Der Nussknacker erscheint, um die Soldaten gegen die Truppe des Hasenkönigs anzuführen. Der Nussknacker gerät in Bedrängnis. Doch zum Glück schaltet Clara schnell. Der Nussknacker verwandelt sich in einen Prinzen. Er führt Clara durch die mondhelle Nacht in einen Wunderwald. Schneeflocken tanzen um sie. So beginnt ihre Reise in ein neues, fantastisches Land. Clara, der Prinz und Drosselmeier reisen in das Land der Süßigkeiten. Die Zuckerfee begrüßt sie und inszeniert ein Fest der Süßigkeiten aus aller Welt. Clara wacht in ihrem Sessel auf. Doch sie hat noch ihren Nussknacker. War das alles nur ein Traum?

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)


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HINWEIS: DIE OBIGE AUFNAHME STAMMTE NICHT AUS DER BESPROCHENEN INSZENIERUNG SONDERN DIENT NUR DAZU, EINEN EINDRUCK VON DER MUSIK ZU VERMITTELN.

Bereits bei der KOSTPROBE durfte ich einen vorfreudigen Blick auf die Inszenierung werfen, doch erst die überzeugende Symbiose aus Tanz, Musik, Kostüme, Bühnenbild, Licht und Projektionen beschwor die von mir mit Spannung erwartete Theatermagie herauf.

So tat Palencia gut daran, seine Choreografie nur behutsam zu modernisieren, indem er Modern Dance mit klassischem Ballett kombinierte. Dies ermöglichte ihm – je nach Anforderung an die Szene – die Tänzer*innen athletisch-akrobatisch agieren zu lassen, um dann voller Zartheit den Spitzentanz zu zelebrieren. Im Vergleich zu einer Choreografie zu einem eher abstrakten Thema, wo die Botschaft über die bewegenden Körper transportiert wird, durften hier bei diesem Handlungs-Ballett die Tänzer*innen in eine Vielzahl an Rollen schlüpfen und so auch ihr schauspielerisches Talent zeigen.

Alfonso Palencia konnte sich den Spaß nicht verkneifen, kleine Änderungen an der Handlung vorzunehmen, um so einen Bezug zu Bremerhaven herzustellen. So schenkt Onkel Drosselmeier Fritz kein Spielzeuggewehr, stattdessen erhält er das Model eines Wikingerschiffes, das in der Traumsequenz dann zu einer stattlichen Größe heranwächst, um Clara, dem Prinz und Onkel Drosselmeier als Reisegefährt zu dienen. Auch gibt es keinen Mausekönig: Stattdessen fordert ein Hasenkönig mit seiner Meute an gruseligen Hasen den Nussknacker-König und seine Armee zum Kampf heraus. Hier erinnert Palencia humorvoll an die vielen Langohren, die sich gerne auf dem Deich der Seestadt blicken lassen. Alle diese drolligen Änderungen fügen sich bestens in die Handlung ein. Da verzeihe ich Palencia auch die (entbehrlichen) modernen Tabletts, die im ersten Akt bei den Geschenken unter dem Weihnachtsbaum lagen.

Rosa Ana Chanzá schaffte mit ihren Kostümen wunderbar den Spagat zwischen Modernität und Verspieltheit, zwischen Eleganz und Charakteristik. Yoko Seyama schuf mit ihrem Bühnenbild einen perfekten Rahmen für dieses entzückende Märchenballett. Im Heim der Familie Silberhaus findet sie die gekonnte Balance zwischen „stilisiert“ (Weihnachtsbaum) und „real“ (Kamin). Bei der Traumsequenz sind ihre prächtigen Videoprojektionen sowohl stimmungs- wie auch phantasievoll. Alfonso Palancia wünschte sich eine Ästhetik à la Tim Burton: Diese ist Yoko Seyama aufs Beste gelungen.

Während bei größeren Ballettcompagnien die jeweiligen Partien mit einzelnen Tänzer*innen besetzt werden, schlüpfte hier das gesamte Ensemble in mehrere Rollen. Jede*r erhielt so die Gelegenheit, sich vielseitig zu präsentieren und im Mittelpunkt zu stehen. Insbesondere im 2. Akt nutzten die Tänzer*innen die Charaktertänze, um sich zu profilieren. Melissa Panetta gab eine entzückende ZUCKERFEE. Ming-Hung Weng brühte als CHINESISCHER TEE stets ein gutes Blatt auf. Adrián Sánchez gefiel sowohl als aufgeweckter FRITZ wie auch als kongeniale Partner für Ana Wohlfart Albarran: Als RUSSISCHES BONBON zeigten sie eine eindrucksvolle Performance. Rosana Gutiérrez Ramírez und Javier Zotano Bermúdez überzeugten als ARABISCHER KAFFEE „mit vollem Aroma“. Melissa Festa und Kuang-Yung Chao brillierten rassig als SPANISCHE SCHOKOLADE, wobei Kuang-Yung Chao bereits als geheimnisvoller ONKEL DROSSELMEIER nachhaltig auf sich aufmerksam machen konnte. Rino Watabe, Julia Acedo Nicolás und Sojeong Park ergänzten das Ensemble bestens u.a. als CLARAS FREUNDINNEN und SCHNEEFLOCKEN.

Kiko Noguchi als CLARA und Marco Marongiu als NUSSKNACKER/PRINZ war ein Leading-Paar, das keine Wünsche offenließ. Kiko Noguchi bezauberte durch Anmut und Grazie und meisterte die anspruchsvolle Partie bravourös. Marco Marongiu an ihrer Seite gab einen kraftvollen Prinzen und erstaunte mit seinen athletischen Sprüngen. Gemeinsam gestalteten sie das bekannte „Pas de deux“ im 2. Akt mit all den schwindelerregenden (zumindest für mich) Hebungen, Arabesquen und Pirouetten grandios und setzten hierbei – innerhalb einer ganz und gar wunderbaren Ensemble-Leistung voller Höhepunkte – einen strahlenden Stern auf die Spitze dieser Inszenierung.

Kurz vor Ende des ersten Aktes öffneten sich die Seitentüren zum Foyer, und die Kinder vom Kinderchor des Stadttheaters reihten sich links und rechts seitlich von der Bühne auf, um den Schneeflocken-Walzer stimmschön zu untermalten und (auch dank der versierten Einstudierung durch Edward Mauritius Münch und Katharina Diegritz) zusätzlich ein funkelndes Highlight zu setzten.

Davide Perniceni kitzelte mit dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven wohldosiert den Schmelz aus den Kompositionen, ohne in allzu viel Kitsch zu verfallen. So erklangen die Instrumente fein differenziert, und Tschaikowskys schwelgerischen Melodien kamen mit einer erfrischenden Leichtigkeit zu Gehör.

Ich saß im Zuschauersaal – Nein! – ich durfte in einem Zuschauersaal sitzen und mich von der Kunst überwältigen lassen. Während der Vorstellung lief mir immer mal wieder eine Träne über die Wange, nicht weil ich etwa traurig war – im Gegenteil – ich war so glücklich!


Von der Probe…

…zur fertigen Inszenierung:


Die Vorstellungen von DER NUSSKNACKER am Stadttheater Bremerhaven sind restlos ausverkauft. Doch manchmal kommen zurückgegebene Eintrittskarten wieder in den freien Verkauf. Dann heißt es „Zugreifen!“.