[Rezension] Alan Bradley – FLAVIA DE LUCE. DES HENKERS LETZTE MAHLZEIT

Es war für mich wie ein Nachhausekommen: Nach längerer (in diesem Fall: unfreiwilliger) Abwesenheit öffnete ich die Tür, und eine Woge der Behaglichkeit stürzte über mich herein. Das Licht, die Gerüche, der Ton – alles war mir so vertraut, dass ich mich bedingungslos und ohne Angst fallen lassen konnte. Sanft gleitete ich in ein für mich bereitetes Bett, und luftige Kissen und Decken fingen mich weich auf.

Genauso fühlte ich mich, als ich dieses Buch aufschlug und endlich wieder in Flavias Welt eintauchen durfte. Fünf lange Jahre hatte sich Alan Bradley Zeit genommen, um Flavias Geschichte weiterzuspinnen. Fünf lange Jahre musste ich (und mit mir natürlich auch alle anderen Flavia-Groupies weltweit) ohne ein Lebenszeichen von ihr ausharren, und in mir keimte schon die Angst, dass es evtl. keine weitere Geschichte geben würde. Doch nun ist sie wieder da und hat für uns allerlei Überraschungen im Gepäck…

Major Greyleigh, ein ehemaliger Henker, wird tot aufgefunden. Todesursache: der Verzehr giftiger Pilze. Schnell gerät die Köchin Mrs Mullet ins Visier der Polizei. Doch ganz so einfach ist die Lösung nicht – Flavia ermittelt auf eigene Faust. Auf der Suche nach dem Mörder wird sie auf einige Familien aufmerksam, die durch den Henker Angehörige verloren und damit alle ein Motiv haben. Oder hat etwa ihre unerträgliche Cousine Undine etwas mit dem Tod des Henkers zu tun? Am Ende ihrer Nachforschungen kommt Unvorstellbares ans Licht: Flavia erfährt, was wirklich mit ihrem toten Vater geschah – das wohl größte Rätsel ihres Lebens.

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

„Wenn irgendwo Pilze schmoren,
wird der Kriminalist unwillkürlich hellhörig.“

…äußerte sich schon Agatha Christie über diese äußerst beliebte Mordmethode in Kriminalromanen. Und hier werde auch ich als geneigter Leser natürlich sofort hellhörig. Wobei: Die herzensgute Mrs Mullet und ein heimtückischer Mord sind für mich nur schwerlich in Einklang zu bringen. Aber gerade meine durch die Lektüre der zehn Vorgänger-Bände gefestigte Vorstellung der handelnden Personen nutzt der Autor schändlich aus, um mich auf das sprichwörtliche Glatteis zu führen. Sind die Personen wirklich so, wie ich bisher meinte, dass sie es sind? In diesem Roman wird so vieles in Frage gestellt, dass ich ein wenig Zeit benötigte, um meinen kleinen Flavia-Kosmos neu aus- bzw. einzurichten.

Wie eingangs schon erwähnt, schenkt uns der Autor eine wohlige Sicherheit, indem er die bekannten Rahmenbedingungen nur wenig verändert. Und doch setzt Alan Bradley raffiniert neue Akzente, da er einige Personen in den Mittelpunkt schiebt, während andere Personen eher in den Hintergrund rücken. Dabei verändert sich zwangsläufig der Fokus: Bisher unerwähnte und darum umso überraschendere Eigenarten treten zutage und lassen die Figuren in einem neuen Licht erstrahlen. Der Autor gönnt seinen Figuren eine Weiterentwicklung, eine Wandlung, die sie wohltuend aus ihrer bisherigen Schablone (er)lösen.

Dies trifft auch auf unsere geliebte Heroin zu: Sie wird nun zu einer jungen Frau. Eine Wandlung, die auch sie selbst verwirrt, die sie aber umso menschlicher erscheinen lässt. Ähnlich wie der Titelheld der Harry Potter-Serie darf auch hier unsere Heldin einen Reifungsprozess durchleben, der ihr äußerst gut bekommt und aus der anfangs neumalklugen und nervigen Göre eine interessante und gereifte Persönlichkeit macht.

Die abermals abwechslungsreiche und packende Story würzt Bradley zusätzlich mit einem gerissenen Twist, der die Handlung urplötzlich in eine andere Richtung lenkt und so das Interesse der Leserschaft auf kommende Romane weckt. Und weitere Romane sind wahrlich vonnöten: Da sind noch so viele Fragen unbeantwortet geblieben, so viele lose Enden müssen noch miteinander verknüpft werden.

Zudem würde ich es mir so sehr wünschen, dass Alan Bradley angesichts seines reiferen Alters die Möglichkeit hätte, diese äußerst unterhaltsame Krimi-Reihe zu einem runden und somit gelungenen Abschluss zu führen. Flavia, Dogger, Mrs Mullet, Inspektor Hewitt, Undine und all die anderen wunderbaren Figuren hätten es wahrlich mehr als verdient.


erschienen bei Penhaligon / ISBN: 978-3764533168 / in der Übersetzung von Gerald Jung und Katharina Orgaß
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] José-Louis Bocquet (nach Georges Simenon) – DER PASSAGIER DER POLARLYS/ mit Illustrationen von Christian Cailleaux

Nachdem der Carlsen-Verlag schon einige Werke von Dame Agatha Mary Clarissa Christie, Lady Mallowan, DBE (kurz: Agatha Christie 😉) in Form der Graphic Novel ins Rennen um die Gunst der Krimi-Fans geschickt hatte, hielt mit Georges Simenon nun ein weiteres Schwergewicht der Kriminalliteratur Einzug ins Portfolio des Verlages. Nun sind Simenons Romane nicht so gefällig wie die seiner britischen Kollegin, nehmen aber völlig berechtigt einen wichtigen Platz auf dem Krimi-Olymp ein. Zudem wählte der Verlag für Simenons Einstand nicht etwa eine Geschichte mit dem weltberühmten Kommissar Maigret, vielmehr fiel die mutige Wahl mit DER PASSAGIER DER POLARLYS auf einen der weniger bekannten Romane.

Schon bevor die Polarlys den in frostigen Nebel getauchten Hamburger Hafen Richtung Norwegen verlässt, beschleicht Kapitän Petersen ein ungutes Gefühl. Er spürt etwas, was die Seemänner den »bösen Blick« nennen, und ahnt, dass diese Fahrt keine gewöhnliche wird. Auch der inkompetente, ihm von seinem Arbeitgeber als Dritter Offizier zugeteilte junge Niederländer gefällt ihm nicht. Noch weniger der gerade aus dem Gefängnis entlassene Rumtreiber, den der Maschinist als Ersatz für den erkrankten Heizer an Bord genommen hat. Tatsächlich lässt das Unheil nicht lange auf sich warten, denn schon einen Tag nach Lichten des Ankers wird an Bord einer der fünf Passagiere, der Polizeirat Sternberg, ermordet aufgefunden – und an Verdächtigen mangelt es nicht…

(Inhaltsangabe der Verlagsseite des Romans entnommen!)

Sowohl Agatha Christie wie auch viele ihrer Kolleg*innen, die das goldene Zeitalter der britischen Krimis prägten, siedelten die Handlungen ihrer Werke gerne in der gehobenen Mittelschicht bis hinauf zum Adel an und präsentierten so kauzige Typen in einem gediegenen Ambiente voller Luxus aber auch mit mehr Schein als Sein.

Simenon hingegen porträtierte Typen der Unterschicht: Hier ging es immer etwas direkter, schnörkelloser und handfester zu. Auch Sex und Erotik wurden da nicht nur schamhaft angedeutet. Zudem wurde nicht auf edlen Landsitzen sondern in räudigen Hinterhöfen gemordet. Der Umgangston der Straße war deftig und manches Mal deutlich ordinärer als vergleichsweise in einem malerischen englischen Cottage. 


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Die literarische Vorlage zur Graphic Novel DER PASSAGIER DER POLARLYS ist mir leider nicht bekannt. Doch mit dem Wissen um die Attribute Simenons Werke, gestatte ich mir die Einschätzung, dass es José-Louis Bocquet gelungen ist, ein stimmiges Szenario zu kreieren, in dem der raue, wortkarge Umgangston, der an Bord eines Passagier- und Frachtschiffes vorherrscht, gut getroffen wurde.

Georges Simenon ist für mich ein Meister im Erschaffen von Atmosphäre. Er beherrschte die seltene Kunst, mit nur wenigen Sätzen punktgenau ein Milieu zu schildern. Wenige Sätze, manchmal nur Wörter genügen mir, und vor meinem inneren Auge entsteht das entsprechende Setting der Geschichte. Die Umsetzung besagter Atmosphäre in Bilder ist Christian Cailleaux mit seinen Illustrationen ganz und gar wunderbar gelungen. Mit der Wahl der jeweiligen Physiognomien zum Handlungspersonal skizziert er gestrauchelte und somit vom Leben gezeichnete Charaktere. Er verweigert uns „Schönmalerei“ und entwirft ambivalente Figuren mit Ecken und Kanten. Auch sein Setting, sozusagen das Bühnenbild entspricht diesem Konzept: Er verwehrt Simenons Welt eine allzu lebensbejahende Farbigkeit. Alles wirkt gedämpft, dumpf, trostlos – und gleichzeitig beängstigend, so als würde hinter jeder Kabinentür eine Gefahr lauern. 

„Ist es so, dass das Genre der Graphic Novel mir nicht zu liegen scheint?“ zweifelte ich vor einiger Zeit selbst an mir. Dank der Lektüre von DER PASSAGIER DER POLARLYS zweifle ich nun sehr viel weniger. Was hier geschaffen wurde, ist nicht nur ein schnöder Unterhaltungs-Comic, vielmehr wurde ein Klassiker der Kriminalliteratur als eine äußerst gelungene Graphic Novel wiedergeboren.


erschienen bei Carlsen / ISBN: 978-3551804204 / in der Übersetzung von Christoph Haas
ebenfalls erschienen als Roman bei Hoffmann und Campe / ISBN: 978-3455006315 und als Taschenbuch bei Atlantik / ISBN: 978-3455008050 
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Margery Allingham – CAMPION. TÖDLICHES ERBE

Das goldene Zeitalter der Kriminalroman scheint sehr fruchtbar gewesen zu sein. Wie sonst ließe es sich erklären, dass die Verlage immer wieder in den Archiven fündig werden, so manche Wiederentdeckungen entstauben und deren Schöpfer*innen gerne vollmundig auf eine Stufe mit der „Queen of Crime“ stellen. In diesem Falle wird sogar werbewirksam auf dem Einband ein Zitat von Agatha Christie „herself“ bemüht:

„Margery Allingham sticht aus der Masse heraus
wie ein helles Licht in der Dunkelheit.“

Nach so viel Lobhudelei war meine Erwartungshaltung natürlich hoch, und mit der entsprechenden Vorfreude ausgestattet begann ich mit der Lektüre…

Die Familie Gyrth ist im Besitz eines legendären Kelches. Seine Schönheit und die Legenden, die sich um ihn ranken, machen ihn unersetzlich. In einer fensterlosen Kapelle aufbewahrt, sollte er vor Diebstahl sicher sein. Aber als Percival, der derzeitige Erbe der Familie, Opfer eines verpfuschten Entführungsversuchs wird, ahnt er, dass der Schatz in Gefahr ist. Kurzentschlossen wendet er sich an Albert Campion, einen der besten Detektiv, die England je kannte. Und so beginnt Campion zu ermitteln…

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

„Margery Allingham? Margery Allingham? Woher kenne ich diesen Namen?“ grübelte ich vor mich hin, doch der erhoffte zündende Einfall entpuppte sich als Rohrkrepierer. Erst als ich mich (dank Suchmaschine) mit der Vita der Autorin beschäftigte und mein Blick auf eine Liste vorhandener Verfilmungen haften blieb, schimmerte endlich ein Hauch von Erkenntnis durch den trüben Nebel der Unwissenheit. Ende der 80er Jahre wurden von der BBC acht Romane für das englische Fernsehen verfilmt. In den Hauptrollen standen Peter Davison in der Titelrolle und Brian Glover als Magersfontein Lugg vor der Kamera. Und eben genau diese Serie befindet sich schon seit geraumer Zeit im Bestand meiner umfangreichen DVD-Sammlung. Da ich mich nicht mehr ausreichend an sie erinnern konnte, schob ich flugs die erste DVD in den Player. Etliche Minuten später wusste ich, warum mir so wenig im Gedächtnis haften geblieben war: Die Verfilmung dieses Romans wirkte auf mich ermüdend langatmig und spannungsarm.

Dabei hält sich zumindest diese Folge nah am literarischen Original: Doch im Vergleich zur visuellen Umsetzung schaffte es die Autorin in ihrer Vorlage wenigstens eine gewisse Spannung aufzubauen und die Szenen flott abzuspulen. Ich könnte nicht behaupten, dass ich mich bei der Lektüre dieses Krimis gelangweilt hätte. Doch leider ist unser Held von einer enttäuschenden Farblosigkeit. Da werten ihn auch seine klugen Gedanken und raffinierten Schachzüge nicht auf. Sein hünenhafter Assistent Magersfontein Lugg zeigt da deutlich mehr Profil mit seiner kriminellen Vergangenheit, dem flotten Mundwerk und einer ordentlichen Portion gesundem Menschenverstand. Selbst viele der Nebenrollen haben deutlich mehr Ecken und Kanten als unser kriminalistischer Hero.

Auch wirkte die Handlung auf mich wie ein Mosaik aus nur allzu bekannten Einzelteilen und ließ mich an Werke von Edgar Allen Poe (geheimnisvolle verschlossene Räume) und Arthur Conan Doyle (geisterhafte Untier) denken. So war es dem Roman bedauerlicherweise nicht vergönnt, in Würde altern zu können, da ihm sowohl die Originalität der schon eingangs erwähnten Agatha Christie wie auch die Intelligenz einer Josephine Tey fehlen.

Fazit: Es ist durchaus ein netter, flott zu lesender Krimi. Doch leider ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass er ebenso kurz in meiner Erinnerung haften bleiben wird, wie schon zuvor die TV-Serie von der BBC.


erschienen bei Klett-Cotta / ISBN: 978-3608966756 / in der Übersetzung von Edith Walter
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Janice Hallett – DIE AUFFÜHRUNG

Ein Mord. Fünfzehn Verdächtige. Finden Sie die Wahrheit heraus?

werde ich durch den Untertitel auf dem Cover dieses Romans herausgefordert. Und eine Herausforderung war es allemal für mich – eine äußerst kurzweilige und fesselnde Herausforderung. Mit ihrem Erstlingswerk schuf Autorin Janice Hallett einen typischen „Whodunit“, der allerdings völlig untypisch erzählt wird…

Die lokale Theatergruppe „The Fairway Players“ steckt mitten in den Proben zu ihrem neuen Stück, als die Familie des Regisseurs Martin Hayward von einer Tragödie heimgesucht wird: Bei seiner kleinen Enkelin wurde eine seltene Krankheit diagnostiziert. Um die notwendigen 250.000 Pfund für die Behandlung aufzutreiben, sammeln die Mitspieler eine Menge Geld. Doch dann wird alles gestohlen, und am Tag nach der Generalprobe wird eine Leiche gefunden. Der Schuldige hält sich im Verborgenen – aber zwischen den Zeilen der innerhalb der Theatergruppe rege ausgetauschten E-Mails hat sich jemand verraten …

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Kronanwalt Roderick Tanner stellt seinen beiden Praktikanten Olufemi Hassan und Charlotte Holroyd eine herausfordernde Aufgabe: Er übergibt ihnen einen grob chronologisch geordneten Stapel mit Ausdrucken von E-Mails und Text-Nachrichten, denen er Zeitungsausschnitte und Informationen aus sozialen Medien beigelegt hat. Völlig unvoreingenommen sollen die Beiden mit einem frischen Blick auf die Korrespondenz der beteiligten Personen schauen, in der Hoffnung, dass sie Hinweise „zwischen den Zeilen“ entdecken, die so den Täter, die Täterin oder auch mehrere Täter entlarven.

Und genau diese Korrespondenz (in Form dieses Buches) liegt auch mir nun als Leser vor – zusätzlich mit den schriftlichen Anweisungen von Tanner und den WhatsApp-Nachrichten, die zwischen Hassan und Holroyd ausgetauscht wurden.

Dabei spielt die Autorin raffiniert mit dem Hang zum Voyeurismus der Leserschaft: Es scheint beinah, als werfe ich einen verbotenen Blick hinter die bürgerliche Fassade meiner Nachbarn, der mir höchst intime Details offenbart. So legen die Mails gnadenlos die menschlichen Schwächen der Absender bloß – manches Mal offensichtlicher als es der Verfasser*in lieb wäre. Da wird vorne gelächelt und hinten getreten. Das soziale Gefüge bzw. die Rangordnung (oder sollte ich lieber sagen: die Hackordnung) innerhalb dieser verschworenen Gemeinschaft tritt sehr deutlich zu Tage. Da der direkte Kontakt von Angesicht zu Angesicht fehlt, fallen die Masken der Höflichkeit, und die Hemmschwelle, offen die Meinung zu äußern, ist somit niedriger. So werden Charakterzüge präsentiert, die nicht immer konform sind mit dem Bild, das die besagte Person ihrer Umgebung gerne von sich vermitteln möchte.

Interessanterweise gibt es von zwei wichtigen Personen keine Aufzeichnungen, d.h. sie äußern sich nie selbst sondern werden stets nur aus dem jeweiligen, höchst individuellen Blickwinkel ihrer Mitmenschen beschrieben. Dieser Umstand führte dazu, dass diese Personen beinah eine Aura des Geheimnisvollen umgab, sie für mich deutlich schwerer einzuschätzen waren und somit einen unberechenbaren Faktor darstellten.

Anfangs befürchtete ich auch, dass ich bei dieser Flut an Mails den Faden verlieren und durch die Zuordnung der Personen verwirrt werden würde. Diese Befürchtung war völlig unbegründet, da die Autorin mir durch Hassan und Holroyd Hilfsmittel an die Hand gab. Unsere beiden eifrigen Praktikanten fertigten u.a. eine Liste der beteiligten Personen an, die natürlich auch mir bei der Lektüre zugutekam und mich beim Einordnen der Charaktere in den Ablauf der Geschehnisse unterstützte. Ebenso war die von ihnen erstellte Zusammenfassung der Ereignisse gegen Ende des Buches äußerst hilfreich.

Trotz dieser immensen Menge an Informationen schien auch vieles ungesagt zu bleiben, schimmerte unterschwellig zwischen den Zeilen hervor und irritierte mich. Ich konnte es anfangs nicht konkret benennen: Es war ein Gefühl, eine Ahnung…! Doch ich hegte den Verdacht, dass so die Autorin sehr bewusst – mit einer entsprechenden Formulierung oder einer scheinbar belanglosen Bemerkung – eine angespannte Atmosphäre kreieren wollte. Sollte dies ihre Beweggrund gewesen sein, darf ich ihr attestieren, dass es ihr gelungen ist.

Janice Hallett hat das Kunststück vollbracht, eine Geschichte gänzlich ohne einen klassischen Handlungsaufbau zu erzählen. Trotzdem büßte dieser gelungene Krimi nichts von seiner Spannung ein. Meine bisherige, langjährig angeeignete Lesegewohnheit geriet dabei höchst unterhaltsam durcheinander…!


erschienen bei Atrium / ISBN: 978-3855352180 / in der Übersetzung von Sabine Schilasky
Ich danke dem Literatur- und Pressebüro Politycki & Partner herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Agatha Christie – UND DANN GAB’S KEINES MEHR

Das in unserer heutigen verrückten Welt, wo Worte plötzlich eine neue Bedeutung erhalten und von Menschen für ihre niederen Zwecke missbraucht werden, literarische Werke neu überdacht werden, finde ich wichtig und richtig. Doch ich möchte auch auf folgendes hinweisen: Ich habe VOM WINDE VERWEHT gelesen und bin kein Rassist geworden. Ich habe mich als Kind über Pippi Langstrumpf und ihrem Vater, dem Negerkönig in Taka-Tuka-Land amüsiert und bin kein Rassist geworden. Ich habe auch Agatha Christies Krimi UND DANN GAB’S KEINES MEHR, in dem der alte Kindereim „Zehn kleine Negerlein“ eine entscheidende Rolle spielt, mit Freude gelesen und bin kein Rassist geworden. Kein Mensch wird ein Rassist, weil er diese Bücher gelesen hat. Ein Mensch wird ein Rassist, weil er in seinem gestörten Weltbild eine verabscheuungswürdige Ideologie verinnerlicht hat und somit zu großmütigen Gesten wie Toleranz und Menschlichkeit, die wichtige Säulen unserer Gesellschaft sind, nicht fähig ist.

So bin ich der Meinung, dass Bücher immer vor dem Kontext ihrer zeitlichen Entstehung gelesen werden sollten. Vor 96 Jahren, als dieser Roman entstand, galt ein anderes Gesellschaftsbild: Auch Agatha Christie war ein Kind ihrer Zeit und spiegelte in ihren Romanen das wieder, was die frühere Gesellschaft ihr präsentierte. Autor*innen, die ihre Werke unter dem Einfluss der damaligen Zeit verfassten, aus heutiger Sicht Antisemitismus bzw. Rassismus vorzuwerfen, halte ich für unangebracht. Ich verstehe mich als mündigen Leser und glaube einen Text auch dementsprechend einordnen zu können.

Schon häufig habe ich Rezensionen gelesen, in denen mit einem Aufschrei der Empörung darauf hingewiesen wurde, dass gewisse Formulierungen in der heutigen Zeit so nicht mehr „politically correct“ sind. Und ich gebe den Verfasser*innen dieser Rezensionen Recht – wenn es sich dabei um aktuelle Werke lebender Autor*innen handelt.

Doch auch bei älteren Werken spricht nichts gegen eine Neuübersetzung, wenn diese nicht mit einer sprachlichen Glättung bzw. inhaltlichen Verfälschung einhergeht. Und damit bin ich (endlich) beim Grund dieser Rezension angekommen: Bei der brillanten Kriminalgeschichte aus der Feder einer ebenso brillanten Autorin…

Zehn Männer und Frauen aus ganz unterschiedlichen Kreisen bekommen eine Einladung, die sie auf eine abgeschiedene Insel vor der Küste Devons lockt. Der Gastgeber, ein gewisser U.N. Owen, bleibt unsichtbar. Erst als die Gesellschaft beim Dinner zusammensitzt, ertönt seine Stimme aus einem alten Grammophon und verheißt Unheil. Ein Gast nach dem anderen kommt zu Tode, während die Verbleibenden verzweifelt versuchen, den Mörder zu enttarnen…

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Was soll/kann ich über diesen absoluten Klassiker der Kriminalliteratur noch sagen, was nicht schon tausendfach publiziert wurde? Natürlich könnte auch ich zeilenlang über den raffinierten Aufbau der Geschichte, die gelungene Charakterisierung der Figuren und die geschliffenen Dialogen schwadronieren. Zudem könnte ich mich huldvoll äußern, dass ich es durchaus nachvollziehbar finde, dass dieses Werk zu den meistverkauften Kriminalromanen aller Zeiten zählt. Dies alles (und noch viel mehr) könnte ich schreiben. Doch wozu? Vielmehr möchte ich mein Augenmerk den beiden mir vorliegenden Übersetzungen schenken.

Bei der früheren Fassung des Romans in der Übersetzung von Sabine Deitmer, die im Fischer-Verlag erschien, war folgende Anmerkung des Verlages zu lesen: Leider ließen sich im Text dieses Buches Bezeichnungen wie „Nigger Island“ und „Zehn kleine Negerlein“ nicht vermeiden, da Agatha Christie den ganzen Roman auf dem Kinderreim von Frank Green aus dem Jahre 1869 aufgebaut hat […]. Diese Bezeichnungen zu ändern würde bedeuten, das Buch völlig unverständlich zu machen. Wir bitten daher um Verständnis für Bezeichnungen, die heute diskriminierend wirken, was weder von der Autorin noch vom Verlag beabsichtigt war. Und so war ich sehr neugierig, wie Eva Bonné dieses „Problem“ in ihrer Neuübersetzung lösen würde.

Wie gekonnt Eva Bonné die bereits erwähnten Bezeichnungen entschärft, ohne den Ablauf der Geschichte zu verfälschen, verdient meinen Respekt. Aus „Nigger Island“ wird „Soldier Island“, und der bekannte Kinderreim wird so raffiniert zu „Zehn kleine Kriegerlein“ umgedichtet, dass er sich passgenau an den Ablauf der Handlung anschmiegt. Zudem passt dieser Kniff auch in die damalige Zeit, in der die Geschichte spielt: Der Roman erschien im Jahre 1939, und der Beginn des zweiten Weltkrieges warf schon dunkle Schatten.

Sowohl Sabine Deitmer wie auch Eva Bonné haben vorzügliche Arbeit geleistet. Ihre Übersetzungen befinden sich auf einem ähnlich hohen Niveau. Alle, die ein altes Exemplar aus dem Fischer-Verlag ihr Eigen nennen, müssten somit nicht zwingend die Neu-Auflage aus dem Atlantik-Verlag erwerben.

Doch für mich ist es immer eine Freude, zwei Versionen einer Geschichte zu besitzen und sie so miteinander vergleichen zu dürfen – vor allem, wenn ich spüre, dass (wie im vorliegenden Fall) ein wunderbarer Klassiker der Kriminalliteratur liebevoll behandelt und mit Respekt bedacht wurde.


erschienen bei Atlantik / ISBN: 978-3455016949 / in der Übersetzung von Eva Bonné

LESE-HIGHLIGHTS 2024…

Altes Jahr vergeht.
Wange in die Hand gestützt,
blicke ich ihm nach.

Chô-i

So wie der japanische Dichter Chô-i es zwar knapp aber treffend schon vor hunderten von Jahren beschrieben hatte, erging es mir beim Schreiben dieses Beitrags.

Ich schaue auf das Jahr 2024 mit gemischten Gefühlen: Da gab es so manche Krisen bzw. krankheitsbedingte Rückschläge, die mich zum Nachdenken zwingen… (Nein! Ich werde nicht gezwungen. Vielmehr werde ich aufgefordert.) …die mich zum Nachdenken auffordern. Ich empfinde es wahrlich nicht als Zwang. Ich sehe es vielmehr als Chance! Im Neuen Jahr wird es Veränderungen geben: Wie und in welchem Umfang wird sich noch entscheiden. Um langfristig gesund zu bleiben, sollte sich in meinem Leben allerdings einiges ändern.

Doch natürlich gab es nicht nur Krisen: Gottlob wurde ich mit vielen Glücksmomenten – kleinen wie größeren – beschenkt. Ich durfte viel Qualitätszeit mit meinen Herzensmenschen verbringen, erlebte etliche inspirierende Stunden im Theater und Konzert und las einige wunderbare Bücher.

Diese Aspekte meines Lebens werde ich ganz sicher nicht ändern!

Bei der Auswahl der Bücher bin ich mir gänzlich treu geblieben. Die Zeiten, in denen ich dachte, ich müsste hier mit der Vorstellung intellektuell herausfordernder Literatur meine Follower*innen beeindrucken, sind längst passé. Ich lese, was mir gefällt – unabhängig vom Alter des Werkes bzw. für welches Lesealter es ursprünglich vorgesehen war. Es gibt für mich nur eine einzige Voraussetzung: Ich möchte mich unterhalten fühlen!

Und hier sind sie nun endlich, meine Lese-Highlights des Jahres 2024…


Lese-Highlights 2024 - Buchcover


  • Ende Februar wurde der 125. Geburtstag von Erich Kästner gefeiert. Und auch ich ließ es mir nicht nehmen, diesen großartigen Romancier – neben einer kleinen RETROSPEKTIVE – mit Rezensionen zu DAS MÄRCHEN VOM GLÜCK und DAS MÄRCHEN VON DER VERNUFT zu gratulieren. Beide Bücher wurden phantasievoll von Ulrike Möltgen illustriert.
  • Im März tat ich etwas, was längst überfällig war: Es war mir eine große Freude, Heinrich Spoerls „Loblied auf die Schule“ DIE FEUERZANGENBOWLE zu lesen.
  • Ebenfalls im März begeisterte mit Kathrin Aehnlich mit ihrem Roman DER KÖNIG VON LINDEWITZ. Immer wieder schafft sie es, den Menschen im Osten unsere Landes eine Stimme zu geben.
  • Im April hielt ich dann das wunderbare Lese- und Bilderbuch FESTE DER WELT mit den Texten von Joanna Kończak in den Händen, das von Ewa Poklewska-Koziełło ebenso wunderbar illustriert wurde.
  • Der Mai bescherte mir mit DER TWYFORD-CODE von Janice Hallett einen ganz ungewöhnlichen Roman, der komplett aus Transkriptionen von Audiodateien bestand. Spannend!
  • Absolut Entzückendes erwartete mich im August mit SO ZÄRTLICH WAR SULEYKEN von Siegfried Lenz. Dieses kleine ostpreußische Dorf im Masurenland mit seinen liebenswert-kauzigen Menschen war mir schnell ans Herz gewachsen.
  • Im September feierte auch ich den Weltkindertag: Grund genug mich mit MEIN GROSSER MÄRCHENSCHATZ. Das Original aus den 70ern der Brüder Grimm auf eine kleine Zeitreise in meine eigene Kindheit zu begeben.
  • Der September überraschte mich auch mit dem Erzählband MÖCHTE DIE WITWE ANGESPROCHEN WERDEN, PLATZIERT SIE AUF DEM GRAB DIE GIESSKANNE MIT DEM AUSGUSS NACH VORN von Saša Stanišić, das mich so sehr begeistern konnte.
  • Im Oktober wurde es schaurig-schön mit DAS PHANTOM DER OPER von Gaston Leroux in der überzeugenden Neu-Übersetzung Rainer Moritz.
  • Der Oktober blieb weiter spannend, da ich mit Sasha Filipenko und seinem Krimi  DER SCHATTEN EINER OFFENEN TÜR einen sehr interessanten Autor entdeckte.
  • Ende November geschah ein kleines Wunder, das mich selbst überraschte: Mit Agatha Christies HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN von Isabelle Bottier (Text) und Callixte (Illustrationen) konnte mich endlich eine Graphic Novel überzeugen.
  • Im Dezember wurde es humorvoll-besinnlich mit den entzückenden Geschichten wie DER GESTOHLENE WEIHNACHTSBAUM von Hans Fallada, zu denen Ulrike Möltgen (wie schon bereits bei Erich Kästner) ihre zauberhaften Illustrationen beisteuerte.

…und das war er wieder, mein Lese-Rückblick auf das Jahr 2024, das wir in wenigen Tagen ad acta legen können. Da bleibt mir nur noch eins:

Ich wünsche Euch einen guten Rutsch ins Neue Jahr 2025!

Liebe Grüße
Andreas

[Rezension] Isabelle Bottier (nach Agatha Christie) – HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN/ mit Illustrationen von Callixte

„Ist es so, dass das Genre der Graphic Novel mir nicht zu liegen scheint? Das, was den Stil diese Genres ausmacht, entspricht anscheinend so ganz und gar nicht meinen Erwartungen. Doch bin ich deswegen nun enttäuscht oder frustriert? Ja, durchaus, vielleicht ein wenig! Mein Wunsch, eine gelungene Comic-Adaption eines Christie-Klassikers genießen zu dürfen, ist doch recht groß. Und so werde ich hoffnungsvoll wohl auch die nächste Veröffentlichung HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN, die für Herbst dieses Jahres angekündigt ist, genau unter die Lupe nehmen. Die Hoffnung stirbt eben zuletzt…!“

…tönte ich bei meiner Rezension zur Graphic Novel von DIE TOTE IN DER BIBLIOTHEK und entsprechend verhalten war mein Enthusiasmus, als ich HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN bei der Buchhandlung meines Vertrauens vorbestellte. So erregte sein Erscheinen auch nur rudimentär meine Aufmerksamkeit. Vielmehr stattete ich wegen eines ganz anderen Buches, das ich bestellt hatte, der Buchhandlung einen Besuch ab, als die Buchhändlerin meines Vertrauens mich darauf aufmerksam machte, dass da noch etwas auf mich warten würde. Ich überlegte, doch mir wollte partout nicht einfallen, was es sein könnte. Dann kam sie mit HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN um die Ecke. Ich überlegte kurz, ob ich mir diese Graphic Novel wirklich zumuten wollte, nachdem die beiden Vorgänger eher eine gemäßigte Begeisterung bei mir ausgelöst hatten. Doch bestellt war bestellt, und zudem – wie wir hier im Bremischen gerne sagen – „Drei Mal ist Bremer Recht!“. Also bezahlte ich, trug das Buch nach Hause, wo es erstmal auf den SuB wanderte und dort unbeachtet liegen blieb.

Doch dann näherte sich der Tag der Entscheidung: Ich musste (wollte) eine Auswahl treffen, welche Bücher in meiner geliebten Rubrik LEKTÜRE ZUM FEST vorgestellt werden sollten, und da fiel meine Wahl auch auf HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN. Also schlug ich dieses Buch auf und tauchte in die Geschichte ein…

Weihnachten auf dem Landsitz Gorston Hall: Mit durchschnittener Kehle liegt der alte Simeon Lee tot in einer Lache aus Blut in seinem Arbeitszimmer. Im Zimmer herrscht ein heilloses Chaos als hätte ein erbitterter Kampf stattgefunden, und aus dem Tresor wurden wertvolle Roh-Diamanten entwendet. Die einzige Tür ist verschlossen, und der Schlüssel steckt von innen im Schloss. Eine Flucht des Täters durch eines der Fenster ist nicht möglich, da sich der Raum in einer der oberen Stockwerke befindet. So deutet alles darauf hin, dass einer von der Familie, den Gästen oder der Dienerschaft der Täter zu sein scheint. Und alle Anwesende hätten mehr als einen triftigen Grund, einen tiefen Groll gegenüber dem Opfer zu hegen. Superintendent Sugden von der örtlichen Polizei steht vor einer schier unlösbaren Aufgabe und bittet den Chief Constable Colonel Johnson um Unterstützung. Dieser hat über die Feiertage niemand geringeren als Hercule Poirot zu Gast. Mit vereinten Kräften stürzt sich das ungleiche Trio in die Ermittlungen, wobei Poirot seine Mitstreiter immer wieder mit seinen unorthodoxen Ermittlungsmethoden irritiert und die Verdächtigen mit unberechenbaren Fragen aus der Fassung bringt. Poirots kleinen grauen Zellen arbeiten auch zu Weihnachten wie ein präzises Uhrwerk, und so verwundert es nicht, dass er – „et voilà“ – auch diesmal eine verblüffende Lösung des Falls bietet…!

(Inhaltsangabe meiner Rezension des Romans entnommen!)


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Es ist passiert! Ich habe nicht mehr zu hoffen gewagt, aber: Es ist passiert! Diese Comic-Adaption eines Christie-Klassikers konnte mich endlich überzeugen.

Isabelle Bottier bleibt bei ihrer Konzeption der Handlung so nah am Original, dass es mir möglich war, die Inhaltsangabe des Romans – ohne Striche oder Kürzungen – hier ebenfalls nutzen zu können. Reduzierungen sind bei einer Graphic Novel zwangsläufig zwingend notwendig und den Vorgaben des Genres geschuldet. Doch wenn mir bei der Lektüre keine nennenswerten Auslassungen auffallen und sich die Handlung sowohl schlüssig wie auch flüssig entwickelt, dann hat die Autorin vieles richtig gemacht. Zudem verstand sie es, die Dialoge den handelnden Personen passgenau in die Münder zu legen.

Unterstützung erfuhr Bottier durch die Illustrationen von Callixte (alias Damien Schmitz), der zu den Dialogen sehr individuelle Physiognomien zum Handlungspersonal kreierte, die die Person genau charakterisieren und zudem mit witzigen Details gefallen. Eine Verwechslung der Personen – selbst bei den Familienmitgliedern, die eine deutliche Ähnlichkeit vorweisen müssen (!) – ist somit ausgeschlossen. Auch die Settings überzeugen durch Diversität, Detailreichtum und Atmosphäre. Zudem wechselte er raffiniert den Blickwinkel, erzeugte dadurch Spannung und konnte sich so meiner Aufmerksamkeit sicher sein.

Im April 2025 erscheint im Carlsen-Verlag mit TOD AUF DEM NIL der nächste Christie-Klassiker, bei dem genau dieses kreative Team am Werk war: Ich freue mich jetzt schon!


erschienen bei Carlsen / ISBN: 978-3551804266 / in der Übersetzung von Thomas Schöner
ebenfalls erschienen als Roman bei Atlantik / ISBN: 978-3455600308 und als Hörbuch bei DER HÖRVERLAG / ISBN: 978-3844547405 

[Rezension] C.H.B. Kitchin – DAS GEHEIMNIS DER WEIHNACHTSTAGE

„Eine Detektivgeschichte
ist jedes Mal auch so etwas wie eine Étude de mœurs,
eine Studie des Verhaltens ganz gewöhnlicher Menschen
in ungewöhnlichen Umständen.“

…philosophiert der Held am Ende der Geschichte. Doch bis diese Erkenntnis zu ihm durchdrang, war es ein langer, beschwerlicher Weg.

Abermals legt der Klett-Cotta Verlag – pünktlich zum Weihnachtsfest – einen passenden klassischen Kriminalroman vor und hat mit dieser Wahl wieder ein äußerst glückliches Händchen bewiesen.

Clifford Henry Benn Kitchin wurde am 17. Oktober 1895 in Harrogate, Yorkshire, geboren und wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf. Ein großes Erbe ermöglichte es ihm, seine Zeit dem Schreiben und einer Vielzahl an Beschäftigungen zur Zerstreuung zu widmen. Wer allerdings annimmt, er wäre nur einer dieser verwöhnten und versnobten Müßiggänger, der irrt gewaltig. Kitchin verfügte über einen brillanten Intellekt, war ein Avantgarde-Dichter und beschäftigte sich mit Linguistik. Seine ersten beiden Romane wurden zwar gut rezensiert, doch der öffentliche Beifall blieb aus. So beschloss er, eine Detektivgeschichte zu schreiben, um eine breitere Leserschaft zu erreichen. „Der Tod meiner Tante“ erschien 1929 und wurde schnell zum Bestseller. Es sollten noch drei weitere Kriminalromane um den Börsenmakler (hauptberuflich) und Amateurdetektiv (nebenberuflich) Malcolm Warren geben. In seiner vierzigjährigen Karriere schrieb und veröffentlichte Kitchin weitere Romane, die zwar von der Kritik gefeiert wurden aber nie an die Popularität der Malcolm Warren-Krimis heranreichen sollten. Ein Umstand, der Kitchin äußerst verärgerte…!

„Mörder, so sagt man, sind oft die charmantesten Charaktere.“ Es weihnachtet sehr in der Beresford Lodge in Hampstead, unweit von Londons Zentrum. Malcom Warren, ein Börsenmakler, wird von einem seiner Klienten zu einer Weihnachtsparty eingeladen. Eine Gruppe von Bekannten und die einigermaßen komplizierte Familie des Klienten kommt zusammen, feiert ausgelassen, spielt Spiele. Doch als Warren am Weihnachtsmorgen im Gästezimmer aufwacht, findet er eine Leiche. Die Gesellschaft steht unter Schock. Handelt es sich um einen Unfall? Der Hang zum Schlafwandeln der zu Tode gekommenen Frau legt dies erst einmal nahe. Als aber ein zweiter Mord geschieht, wird die Unfalltheorie sehr schnell ausgeschlossen. Der Mörder muss einer der Bewohner oder der Gäste des großen Hauses sein – aber wer? Wer hat ein Motiv an Weihnachten zu morden? Malcolm Warren, so scheint es, soll alles in die Schuhe geschoben werden. Und so wird er gezwungenermaßen selbst zum Ermittler. Kann er den Fall lösen, bevor Weihnachten vorbei ist?

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Der Klett-Cotta Verlag schickt von dem eingangs erwähnten Krimi-Quartett den zweiten Roman ins vorweihnachtliche Rennen um die Gunst der Leserschaft, und schenkt uns abermals eine Rarität aus dem goldenen Zeitalter der britischen Kriminalromane. Kitchin war ein extrem talentierter Autor, der in bester „Whodunit“-Manier seine Geschichte aufbaute. Dabei schuf er mit dem Börsenmakler Malcolm Warren einen sympathischen Antihelden, der weit entfernt ist vom potenten Superhirn. Vielmehr wird unser Held von (Selbst-)Zweifeln geplagt und ist bei weitem nicht der Typ, der spontan heroische Taten begeht. Damit bleibt er mit mir als Leser immer auf Augenhöhe: Nie weiß er mehr als ich.

So ambivalent wie unser Held sind auch die div. Nebenfiguren, die mal mit mehr, mal mit weniger ansprechenden Charakterzügen ausgestattet wurden. Gut und Böse, schwarz und weiß, hell und dunkel vermischen sich und erschweren so das Miträtseln nach der Lösung. Wer ist der Mörder oder die Mörderin? Jede*r oder kein*r käme in Verdacht! Und könnte das Opfer nicht auch gleichzeitig ein Täter sein?

Der Autor baut die Spannung sehr subtil auf, indem er nie dann „zuschlägt“, wenn ich es als versierter Krimi-Leser erwarte. Vielmehr präsentiert er die Taten beinah unvermittelt. Auch gestaltet er die Beziehungen der handelnden Personen sehr vielschichtig und lässt in den Dialogen bedeutsame Untertöne anklingen. So meinte ich, in den Dialogen zwischen Malcolm Warren und einem der anwesenden Gäste sowie zwischen ihm und dem ermittelten Inspektor dezente homoerotische Schwingungen wahrzunehmen. Wobei natürlich durchaus die Möglichkeit besteht, dass ich, im Wissen um die Homosexualität des Autors, dies auch nur hineininterpretiert habe. Doch diese kleine Pikanterie sei mir bitte verziehen.

Zudem bietet dieser Roman eine Besonderheit, ein Extra, einen Bonus oder auch – wie der Autor es benennt – „Ein kurzer Katechismus“: Nach Beendigung der Geschichte lässt Kitchin einen imaginären Leser die Hauptfigur interviewen. All die Fragen, die bisher unbeantwortet blieben, all die losen Enden, die nicht verknüpft wurden – hier gibt es die Möglichkeit, auch die allerletzte Ungereimtheit aus dem Weg zu räumen. Eine solche überraschende wie außergewöhnliche Vorgehensweise habe ich zuvor bei keinem anderen Kriminalroman erleben dürfen. Der Autor bleibt seiner Leserschaft nichts schuldig.

C.H.B. Kitchin ist ein Name, den ich mir unbedingt merken muss, und so hoffe ich sehr, dass der Klett-Cotta Verlag auch die drei noch fehlenden Romane rund um Malcolm Warren veröffentlicht. Es würde mich freuen…!


erschienen bei Klett-Cotta / ISBN: 978-3608966398 / in der Übersetzung von Dorothee Merkel
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Celia Fremlin – DER LANGE SCHATTEN

Sie wollte nie eine Lady werden, einen Haushalt führen oder das schmückende Beiwerk an der Seite eines Gatten sein. Somit studierte Celia Fremlin (Jahrgang: 1914) in Oxford klassische Philologie und Philosophie und musste nach dem bestandenen Examen doch typische Frauenjobs, wie Verkäuferin oder Kellnerin, annehmen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Schreiben tat sie nur so nebenbei, zumal ein Weltkrieg und eine Ehe dazwischen kamen. Erst im Alter von 44 Jahren veröffentlichte sie ihren ersten Roman, der ihr auf Anhieb den renommierten Edgar Allan Poe Award bescherte.

Der vorliegende Roman DER LANGE SCHATTEN erschien erstmals im Jahre 1975 und ist bei weitem kein klassischer Kriminalroman und schon gar nicht ein Weihnachtskrimi. Er spielt zwar zum Jahreswechsel, doch das Weihnachtsfest hat hierbei eine untergeordnete Rolle. Der Winter dient eher als Kulisse zur Schaffung einer entsprechend geheimnisvollen Atmosphäre.

Vom schrillen Klingeln des Telefons aus dem Schlaf gerissen, stolpert Imogen durch das dunkle, leere Haus, um den Anruf entgegenzunehmen. Zuerst versteht sie den Mann am anderen Ende der Leitung nicht. Er will sie nicht ernsthaft beschuldigen, ihren Ehemann Ivor getötet zu haben, der vor knapp zwei Monaten bei einem Autounfall ums Leben kam! Imogen möchte doch nichts anderes als in Ruhe über ihren Schmerz hinwegkommen. Aber genau diese Ruhe will man ihr nicht gönnen. Kurz vor Weihnachten reisen nacheinander Imogens erwachsener Stiefsohn samt Freundin, die Stieftochter mit Ehemann und zwei Kindern sowie Ivors Exfrau an. Und bald darauf geschehen merkwürdige Dinge: Wer hat die halb ausgetrunkene Whiskeyflasche neben Ivors Lieblingssessel abgestellt? Hat jemand in seinen Papieren gewühlt? Und warum hört dieser Fremde nicht auf, anzurufen und darauf zu bestehen, dass er Imogens Schuld am Tod ihres Mannes beweisen kann?

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Es ist dem Roman durchaus anzumerken, dass seine Autorin schon eine gewisse Lebenserfahrung mitbrachte. Da sind die inneren Monologe der Heldin wohldurchdacht, ihre Empfindungen verständlich, ihre Gedanken nachvollziehbar. Aus ihr spricht eine gereifte Persönlichkeit, die höchst individuell mit den Tod ihres Ehemanns umgeht. Sie trauert durchaus um ihn, vermeidet aber eine Glorifizierung seiner Person, wie es ihr Umfeld tut, und dies auch von ihr erwartet. Jede*r trauert auf eine eigene, sehr persönliche Art, und doch wird anscheinend von der Witwe eines angesehenen Mannes eine bestimmte Form der Trauer vorausgesetzt.

Die Autorin kreierte ihre Heldin somit sehr dreidimensional. Umso klischeehafter fielen die Nebenrollen aus und wirkten beinah wie Karikaturen auf mich. Ein Umstand, der dazu führte, dass ich von deren beschriebenen Allüren zuerst genervt und dann gelangweilt war. Vielleicht sollten besagte Nebenrollen für die „überraschende Komik“ sorgen, wie es uns der Verlag auf dem Umschlag dieses Buches verspricht. Leider konnte ich persönlich diese Komik nicht wahrnehmen.

Dafür baute Fremlin die Spannung sehr subtil, beinah unaufgeregt auf, indem sie der Geschichte Zeit gab, sich zu entwickeln, etliche Nebenschauplätze schuf und die Handlung gerne in unterschiedliche Richtungen lenkte. Dies erfolgte so raffiniert, dass immer wieder eine andere Person meine Aufmerksamkeit erregte und so in meinen Fokus gerückt wurde: Da hatte ich – von der Exfrau über die Nachbarin bis zu den erwachsenen Kindern und sogar die Witwe selbst – nahezu alle handelnden Personen im Verdacht, einen Mord begangen zu haben. Kurzzeitig kam mir sogar der Gedanke, dass der Ehemann seinen Tod nur vorgetäuscht hätte. Die Auflösung kroch dagegen recht unspektakulär um die Ecke, war durchaus absolut schlüssig, hinterließ bei mir aber ein Gefühl der Enttäuschung: „Wie? Das war’s jetzt?“.

Doch ich hatte mich auch ein wenig über mich selbst geärgert und gedacht „Da hätte ich auch selbst drauf kommen können!“. Ich bin nicht auf die Lösung gekommen, was ja eher für das schriftstellerische Talent der Autorin spricht. Zumal auch ihre Ausgangsidee absolut genial wie beängstigend ist. Stellt euch bitte mal folgende Situation vor: Da steht plötzlich eine völlig fremde Person vor dir und flüstert…

„Ich weiß, was du getan hast!“

…und behauptet zudem, dies auch noch beweisen zu können. Gruselig!


erschienen bei Dumont / ISBN: 978-3832168483 / in der Übersetzung von Sabine Roth
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Sasha Filipenko – DER SCHATTEN EINER OFFENEN TÜR

Ich musste zu meiner Überraschung feststellen, dass ich meine Hemmschwelle gegenüber der russischen Literatur immer noch nicht gänzlich überwunden habe. Dabei war ich auf einem so guten Wege: Schon bei DAS ADELSGUT begeisterte mich wie der Autor Iwan Turgenjew die Worte mit Bedacht wählte. Auch die wunderbaren Jahreszeiten-Anthologien mit Erzählungen von Anton Čechov (in der äußerst gelungenen Übersetzung von Peter Urban), die ebenfalls im Diogenes-Verlag erschienen sind, konnten mich für sich einnehmen.

Doch anscheinend sitz der Stachel immer noch recht tief in meinem Fleisch: Ich war ungefähr 20 Jahre alt, als ich mich an ANNA KARENINA von Leo Tolstoi wagte und mich bald kläglich überfordert fühlte. Alles an diesem Roman war mir zu groß, zu mächtig, zu emotional, zu schwülstig und hatte so ganz und gar nichts mit mir und meinem kleinen, unbedeutenden Alltag zu tun. Die Russen mit ihrer Literatur und ich – wir passten wohl nicht zusammen, und diese Haltung sollte sich über Jahre nicht ändern.

Doch nun hatte ich mich doch schon langsam aber stetig angenähert, und trotzdem überlegte ich mit Bedacht, ob ich diesen kriminalistischen Roman (Die Russen und Kriminalromane: Kann das gut gehen?) lesen sollte. Dann trat ich mir selbst – natürlich rein metaphorisch – in den Hintern und bat den Verlag um ein Rezensionsexemplar.

Die gottverlassene Provinzstadt Ostrog wird von einer Suizidserie von Jugendlichen im Waisenhaus erschüttert. Kommissar Alexander Koslow aus Moskau soll die Ermittlungen in die Hand nehmen, doch die örtliche Polizei hat ihre eigenen Theorien. Als Petja, ein Sonderling mit einem Herz für die Natur, verhaftet wird, glaubt Koslow nicht an dessen Schuld. Aber warum geriet Petja damals derart außer sich, als der Bürgermeister von Ostrog den Heimkindern einen Griechenland-Urlaub spendieren wollte?

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Apropos „Hintern“: Ich bekam eben jenen nicht mehr aus dem Lesesessel heraus, nachdem ich mit der Lektüre begonnen hatte. Seite für Seite zog Sasha Filipenko mich immer tiefer in die Handlung hinein. Sein Ermittler Kommissar Alexander Koslow ist ein Sonderling, dem das Leben zwar die eine oder andere schmerzhafte Narben auf der Seele hinterließ, der sich aber bisher nicht hat brechen lassen und weiterhin seine Hoffnung im Herzen trägt. Es ist durchaus eine ambivalente Figur, die sich gerade aufgrund ihre Vielschichtigkeit meiner Sympathie sicher sein konnte.

Filipenko beschreibt die Ödnis einer Kleinstadt im russischen Nirgendwo so genau, dass diese deprimierende Atmosphäre beinah spürbar schien. Gleichgültigkeit prägt den Umgang der Menschen untereinander. Eine Gleichgültigkeit, die auch die ungewollten Kinder des Waisenhauses zu spüren bekommen – Kinder, die niemals eine Kindheit haben durften. Das Leben dieser Kinder ist ein einziger Überlebenskampf, ein Umstand, der sich für sie auch nicht ändern wird, sollten sie das Erwachsenenalter erreichen.

Unser zweiter Held Petja Pawlow ist eines dieser dem Waisenhaus entwachsenen Wesen. Unermüdlich versucht er in dem unwirtlichen Umfeld dieser tristen Kleinstadt seinen Platz zu finden. Er ist ein Phantast, ein Kindskopf, einer, bei dem das Glas stets halbvoll und nie halbleer ist. Er ist jemand, der, selbst nachdem er der brutalen Polizeiwillkür ausgesetzt war, seine positive Haltung zu den Menschen und zum Leben nicht verliert. Petja ist eine tragische Figur und gerade darum so liebenswert.

Zwischen diesen beiden (Anti-)Helden siedelt der Autor die weiteren Figuren der Handlung an, bei denen er überzeugend eine plakative Schwarz-Weiß-Zeichnung vermeidet. Auch die Handlung selbst entwickelt sich nicht stringent in eine einzige Richtung: Filipenko bricht sie auf, legt ihre losen Fäden mal hierhin und mal dorthin, um dann schlussendlich eine Lösung zu präsentieren, die im ersten Moment enttäuschend, doch vom psychologischem Standpunkt nachvollziehbar erscheint. Selbst eine sensationelle, aufsehenerregende Lösung des Falls wird diesem öden Kaff Ostrog nicht gegönnt.

Bei all dieser deprimierenden Trostlosigkeit und der wahrnehmbaren Melancholie, die mich als Leser durchaus hätte niederdrücken können, gelinkt Sasha Filipenko ein wunderbares Kunststück: Er umhüllt Figuren wie Handlung mit einem feinen Netz aus Humor, lässt sie dadurch leicht erscheinen und mildert so die Schwere hin zum Erträglichen.

Wenn ich nun behaupte, es wäre mir eine Freude gewesen, diesen Roman zu lesen, dann meine ich dies im wahrsten Sinn des Wortes: Ja, es war tatsächlich eine Freude!


erschienen bei Diogenes / ISBN: 978-3257071597 / in der Übersetzung von Ruth Altenhofer
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!