[Rezension] Märchenhafte Weihnachten. Wintermärchen aus aller Welt

Weihnachtszeit ist Märchenzeit!

So war es schon immer, und so wird es hoffentlich auch für immer bleiben. Landauf und landab öffnen die Theater ihre Pforten und präsentieren Märchen und Familienstücke zur Weihnachtszeit. Und auch in den heimischen vier Wänden wird näher zueinander gerückt, um einem Märchen zu lauschen. Dazu eignen sich Bilderbücher ganz besonders, bei denen dem Vorleser „über die Schulter geschaut“ werden kann, um so die Illustrationen bewundern zu können.

Der Wunderhaus-Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, sowohl bekannte wie auch weniger bekannte Märchen im neuen Glanz erstrahlen zu lassen und veröffentlicht hierzu thematische Märchenbücher. Unter dem Titel „Märchenhafte Weihnachten. Wintermärchen aus aller Welt“ fanden folgende Märchen ihren Weg ins Buch…

  1. Volksmärchen „Von den zwölf Monaten“
  2. H. C. Andersen „Der standhafte Zinnsoldat“
  3. Brüder Grimm „Sterntaler“
  4. H. C. Andersen „Der Tannenbaum“
  5. Brüder Grimm „Frau Holle“
  6. Manfred Kyber „Der Schneemann“
  7. Brüder Grimm „Die Wichtelmänner“
  8. H. C. Andersen „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen“
  9. Pavel Bazhov „Silberhuf“
  10. Selma Lagerlöf „Die Heilige Nacht“

…mit Illustrationen von Nina Ignatova, Olesia Kosmodemianskaia, Natalia Grebtsova, Svetlana Kondesyuk, Daria Pneva, Agata Dorobek, Elena Schweitzer und Vlada Shamova.

Nun könnte ich durchaus unken: Einerseits ist „aus aller Welt“ etwas hochgegriffen, wenn man bedenkt, dass mit jeweils drei Märchen der wohl bekanntesten Märchenerzähler zwei Länder sehr überrepräsentiert sind. Andererseits hätte mich bei den anderen Märchen durchaus interessiert, aus welchen Ländern sie ihren Ursprung haben. Auch fehlten mir sowohl entsprechende Hinweise zu den Übersetzer*innen als auch eine Zuordnung, welche Künstlerin zu welchem Märchen ihre wundervollen Illustrationen beigesteuert hat. Zugegeben: Dieser „Makel“ traf zuallererst meinen bibliophilen Nerv und dürfte einem jüngeren Klientel, das ja schließlich die Zielgruppe dieses Buches ist, völlig schnuppe sein.

Die Geschichten wurden mit individuellen Illustrationen geschmückt, die die Stimmung des Märchens jeweils sehr schön einfangen. Auch habe ich es sehr begrüßt, dass die Übersetzung nicht krampfhaft bemüht war, einen modernen, zeitgemäßen Ton anzuschlagen. Vielmehr entspinnen sich die Poesie einer Erzählung und die Schönheit einer Sprache aus dem Klang ungewohnter, wenn nicht gar altmodischer Formulierungen.

Mir hat ebenfalls sehr gefallen, dass die Märchen eine weite Spanne an Emotionen und Empfindungen abdecken: von heiter zu geheimnisvoll, über spannende bis melancholisch-traurig. Ja, auch ergreifend traurige Märchen ohne Happy End sind vertreten – müssen in Kinderbüchern, die wahrhaftig sein wollen, auch vertreten sein (Beispiel: „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen“). Einigen mag diese Haltung brutal erscheinen, doch ist das Leben von so manchem Kind nicht genau dies? Ich halte mich da an den großen Erich Kästner:

„Schließlich nahm ich ein Kinderbuch vor, das mir der Verfasser geschickt hatte, und las darin. Aber ich legte es bald wieder weg. So sehr ärgerte ich mich darüber! Ich will euch auch sagen, warum. Jener Herr will den Kindern, die sein Buch lesen, doch tatsächlich weismachen, dass sie ununterbrochen lustig sind und vor lauter Glück nicht wissen, was sie anfangen sollen! Der unaufrichtige Herr tut, als ob die Kindheit aus prima Kuchenteig gebacken sei. Wie kann ein erwachsener Mensch seine Jugend so vollkommen vergessen, dass er eines Tages überhaupt nicht mehr weiß, wie traurig und unglücklich Kinder zuweilen sein können? […] Es ist nämlich gleichgültig, ob man wegen einer zerbrochenen Puppe weint oder weil man, später einmal, einen Freund verliert. Es kommt im Leben nie darauf an, worüber man traurig ist, sondern nur darauf, wie sehr man trauert. Kindertränen sind, bei Gott, nicht kleiner und wiegen oft genug schwerer als die Tränen der Großen.“ (aus „Das fliegende Klassenzimmer“)

Märchen bzw. Bücher sind da eine ganz und gar wunderbare Möglichkeit, dass sich Kinder auch den ernsteren Themen annähern. Die Aufgabe von uns Erwachsenen ist es, ihnen dies zu ermöglichen, für ihre Fragen, Ängste und Sorgen empfänglich zu sein und ihnen den Halt zu geben, den sie brauchen und verdienen.


erschienen bei Wunderhaus / ISBN: 978-3963720314 / in der Übersetzung u.a. von Karin Ruppelt („Silberhuf“)

[Rezension] Angelika Griese – Klaben, Tod und Pfeffernüsse. Kriminelle Weihnachtsgeschichten aus Bremerhaven

Was tun, wenn man von vornherein weiß, dass die Rezension, die man verfassen wird, äußerst „durchwachsen“ ausfallen wird? Es wird zwar nicht ganz so niederschmetternd wie in meinem Beitrag zu Bilderbuch und Hörspiel zur Oper Hänsel und Gretel sein. Allerdings dürfen Lobhudeleien auch nicht erwartet werden.

Seit geraumer Zeit sprießen sogenannte Regional-Krimis wie Pilze aus dem Boden. Beinah scheint es so, dass jedes Kaff, das etwas auf sich hält, seinen eigenen Pilz – Äh! – Krimi vorweisen muss. Warum sollte da Bremerhaven, die Seestadt am Westrand des Elbe-Weser-Dreiecks, leer ausgehen?

In Bremen geboren und in Bremerhaven lebend hat Autorin Angelika Griese sich dieser Aufgabe angenommen und schließt mit ihren Werken diese Lücke auf der Landkarte der Regional-Krimis. Schon im Jahre 2016 erschien die vorliegende Anthologie. In 9 Geschichten auf 193 Seiten versammelt sie eine bunte Schar an Protagonist*innen, die mal mehr, mal weniger originell morden. Dabei handelt es sich jeweils nicht um einen klassischen „Whodunit“: Die Frage „Wer ist die Täterin/der Täter?“ stellt sich erst gar nicht, da dies von Anfang an bekannt ist. Vielmehr dreht die Autorin den Spieß um: Wir erfahren die Beweggründe, die zur Straftat führen. Ist diese erst begangen, endet die Geschichte auch schon.

Die meisten Geschichten sind nach einem ähnlichem Muster gestrickt: Eine Frau (wahlweise Mutter, Ehefrau, Freundin oder Geliebte) fühlt sich von einem Kerl betrogen, hintergangen oder auf eine sonstige Art und Weise gestört und trifft Vorkehrungen zur Beseitigung des Übels. Dabei hätten den Geschichten zwei bis drei Seiten „mehr“ sehr gut getan: Die Charakterisierung der Personen wäre dann vielleicht weniger klischeehaft bzw. weniger oberflächlich und deutlich markanter und individueller ausgefallen.

Zwei Stories stechen aus dieser Anthologie heraus: In „Tödlich rieselt der Schnee“ rächt sich ein Mann an der Person, die für den Tod seiner Nichte verantwortlich ist. Hier spürte ich erstmals Krimi-Feeling, da die Geschichte – dank eines überzeugenden Spannungsbogens – gut aufgebaut war. Bei „Nashville rockt das Altenheim“ mischen drei Rock-Oldies höchst amüsant und unterhaltsam eine Seniorenresidenz auf. Leider war auch diese Geschichte nicht gänzlich frei von ärgerlichen Klischees: Die fiese Pflegerin ist natürlich hässlich und fett, während ihre nette Kollegin als hübsch und schlank beschrieben wird. Solch plakative sowie verletzende Klischees müssen nun wirklich nicht mehr bemüht werden!

Angelika Griese hat solide Gebrauchs-Krimis abgeliefert, die beim Lesen durchaus unterhalten, allerdings auch nur kurz im Gedächtnis haften bleiben. Zudem fehlten mir sowohl eine gewisse Qualität im sprachlichen Ausdruck als auch eine Kreativität in Stil und Sprachmelodie – aber vielleicht fehlten auch hierfür die schon erwähnten zwei bis drei Seiten „mehr“.

Zudem stellte ich mir beim Lesen die Frage „Wann darf sich ein Werk mit Fug und Recht Regional-Krimi nennen?“ Meiner Meinung nach reicht es nicht aus, dass – wie in diesem Fall – Namen von Straßen, Stadtteile oder bekannten Lokalitäten in die jeweilige Handlung eingeflochten werden. Vielmehr sollte es einen direkten Bezug zwischen Straftat und Ort des Geschehens geben. Da hätte ich mir von der Autorin durchaus mehr kriminelle Phantasie gewünscht.

Ich hätte da schon einige Ideen: ertrunken im Hafenbecken direkt neben dem Museumsschiff Gera, erfroren in der Klimazone der Antarktis im Klimahaus, zerstückelt in einer Maschine der fischverarbeitenden Industrie… 😏

Autorin und Verlag verwirren zum Schluss mit einem Mysterium: Ganz am Ende dieser Sammlung taucht eine kurze Abhandlung zum Bremer Klaben auf, deren Sinn sich mir nicht erschloss, da ich keinen plausiblen Zusammenhang zu den Krimis herstellen konnte. Oder sollte diese Abhandlung für die Nichteingeweihten unter uns etwa als erläuternder Hinweis zum Titel dienen? Kurios…!


erschienen bei Prolibris/ ISBN: 978-3954751334

[Rezension] Engelbert Humperdinck – Hänsel und Gretel / im Vergleich: Bilderbuch mit Musik & Oper erzählt als Hörspiel mit Musik

Ojemine, oje, oh Schreck! Ich fürchte, dies wird in der Geschichte dieses Blogs meine erste Rezension, in der es einen reellen Verriss geben wird. Ups, sprach ich etwa von nur einem Verriss? Tschuldigung, da muss ich mich korrigieren: Ihr müsst nun sehr stark sein, denn es werden zwei Verrisse!

Wie unschwer in der Vergangenheit zu erkennen, liebe ich das Theater, besonders das Musiktheater, und bin der felsenfesten Überzeugung, dass die Kinder nicht früh genug an diese wundervolle Kunstform herangeführt werden können. So freue ich mich jedes Mal „wie Bolle“, wenn ich Bücher entdecke, die den potentiellen Mini-Zuschauer*innen auf phantasievolle und kindgerechte Weise den Zugang erleichtern und so die Angst vor einem Theaterbesuch verscheuchen. Da gibt es auf dem Markt glücklicherweise einige Verlage, die hierbei sehr rührig sind. Leider nicht immer überzeugend…

HINWEIS: Bei der obigen Aufnahme handelt es sich nicht um die, die dem Buch bzw. Hörspiel beigefügt ist. Es ist eine ältere Aufnahme, und sie dient nur dazu, einen Eindruck von der Musik zu vermitteln. 

„Hänsel und Gretel“ ist – dank der wundervollen Musik von Engelbert Humperdinck – eine der schönsten Opern, die ich kenne. Gekonnt verknüpfte Humperdinck bekannte Kinderlieder mit seinen eigenen Kompositionen und schuf so ein Werk voller traumhaft-romantischer Melodien. Diese Oper zählt zu den beliebtesten Werken in der Opernliteratur und wird besonders in der Advents- und Weihnachtszeit an vielen Theatern und Opernhäusern im Land aufgeführt. Auch „mein“ Stadttheater Bremerhaven präsentiert in diesem Jahr eine eigenständige Inszenierung, die ich mir selbstverständlich nicht entgehen lassen durfte: Bericht folgt…!


Susa HämmerleHänsel und Gretel. Kinderoper nach Engelbert Humperdinck/ mit Illustrationen von Peter Friedl

Zu den eingangs erwähnten Verlagen zählt auch der Annette Betz-Verlag. Schon die erste Begegnung mit einem der musikalischen Bilderbücher (Ein Amerikaner in Paris) löste eine Welle der Verzückung bei mir aus. Auch das zweite Werk (Die Fledermaus) konnte mich mit kleinen Einschränkungen überzeugen. Doch diesmal blätterte ich fassungslos durch dieses Bilderbuch und war maßlos enttäuscht.

Susa Hämmerle lieferte mit ihrem Text eine zwar solide doch leider wenig märchenhaft-poetische Nacherzählung. Eben auch jenes Märchenhafte suchte ich bei den Illustrationen von Peter Friedl vergebens: Ich empfand sie weniger ansprechend als vielmehr verstörend. Seinem Setting fehlten Charme und Atmosphäre, die Figuren ließen Ausstrahlung vermissen. Zudem verlieh er den Gesichtern der Kinder einen unangenehmen Ausdruck der Leere und ließ sie so unangebracht alt erscheinen.

Bei der Begleit-CD wurde auf das Archiv des renommierten NAXOS-Labels zurückgegriffen und eine historische Aufnahme aus den 50er Jahren gewählt. Unter dem Dirigat von Herbert von Karajan sangen die Sopranistinnen Elisabeth Grümmer und Elisabeth Schwarzkopf das bekannte Geschwisterpaar. Leider hört man der Aufnahme das Alter deutlich an, da auf ein sensibles Remastering verzichtet wurde. Auch bedeuten große Namen nicht zwangsläufig ein zufriedenstellendes Ergebnis. Die beiden weltberühmten Sängerinnen geben die Titelpartien unpassend geziert-damenhaft. Da spielen erwachsene Frauen wenig überzeugend zwei Kinder und gestalten so ihren Rollen völlig unglaubwürdig. Doch auch der legendäre Maestro hatte durchaus schon bessere Tage: Selten habe ich die Ouvertüre so blutleere und wenig dynamisch gehört. Ein Zustand, der leider von ihm während der gesamten Aufnahme konsequent fortgeführt wurde.

In der Neu-Auflage dieses musikalischen Bilderbuches von 2019 tauschte der Verlag sowohl die Illustrationen wie auch die Aufnahme zur Begleit-CD aus. Dieses Buch liegt mir nicht vor, und so darf ich mir zu den neuen Illustrationen von Christa Unzner kein Urteil erlauben. Bei der Auswahl der Aufnahme hatten die Verantwortlichen diesmal ein deutlich glücklicheres Händchen und wählten eine Aufnahme aus dem Archiv der BERLIN CLASSICS (s.a. unten).


1 CDs/ Hänsel und Gretel, erzählt als Hörspiel mit berühmten Melodien und Arien (2008)/ Idee, Text und Regie: Richard Braun/ mit Luca Zamperoni, Thomas Hof, Marina Mehlinger, Hans Henrik Wöhler, Manja Kloss u.a.

„Oper erzählt als Hörspiel mit Musik“: Das Konzept kann klappen, muss aber nicht…! Da hier der visuelle Aspekt durch die Illustrationen fehlte, lag die Aufmerksamkeit gänzlich auf der akustische Umsetzung. Schon mein erster Blick ins Booklet löste Enttäuschung bei mir aus, da auch hier auf die schon erwähnte Einspielung der Oper unter der musikalischen Leitung von Herbert von Karajan zurückgegriffen wurde. Richard Braun bemühte sich um eine kindgerechte und humorvolle Textfassung, die ihm streckenweise auch durchaus gelang. Einige Gags wirkten auf mich allerdings etwas bemüht witzig. Auch das Einfließen der Musik in die Handlung glückte nicht immer zufriedenstellend: Der Erzähler hatte die Handlung schon bis zu einem gewissen Punkt erzählt, als eine Musik-Einspielung folgte, die die Handlung sozusagen wieder „zurückspulte“. Zudem traf der Umstand ein, den ich im Vorfeld schon befürchtet hatte: Die Sprechstimmen harmonierten nicht mit den Gesangsstimmen. Zudem wurde das Geschwisterpaar für mich völlig unpassend von Erwachsenen gesprochen: Es gibt doch sicherlich genügend talentierte Kinder, die die Parts deutlich überzeugender gemeistert hätten, oder?


FAZIT: Liebe Vorleser*innen! Sie brauchen weder das Bilderbuch noch das Hörspiel. Aus dem großen Angebot an Aufnahmen der Oper „Hänsel und Gretel“ suchen sie sich bitte die aus, die ihnen am besten gefällt (Meine Favoriten erfahren sie am Ende dieses Beitrags!). Zudem haben sie doch sicherlich ein Buch mit Märchen der Brüder Grimm im Haus. Dies schnappen sie sich und machen sich im Märchentext dort Notizen, wo welches Musikstück passen könnte. Dann kuscheln sie sich mit ihren „Opfern“ unter einer Wolldecke zusammen, lesen das Märchen vor und lauschen gemeinsam den wundervollen Melodien. Ich bin mir sicher, das wird ganz und gar wunderbar…!!! 💖


erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219114195 (Bilderbuch) bzw. aMOR / ISBN: 978-3944063225 (Hörspiel)
Aufnahmen dieser Märchenoper gibt es viele, und natürlich sind mir nicht alle bekannt. Doch von den mir bekannten empfehle ich folgende Aufnahmen:
  • Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von Kurt Eichhorn mit Anna Moffo (Hänsel), Helen Donath (Gretel) und Christa Ludwig (Hexe), erschienen bei RCA Classics / EAN: 743212528121
  • Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Otmar Suitner mit Ingeborg Springer (Hänsel), Giesela Schröter (Gretel) und Peter Schreier (Hexe), erschienen bei Berlin Classics / EAN: 782124200725
  • Symphonie-Orchester des Bayrischen Rundfunks unter der Leitung von Jeffrey Tate mit Anne-Sofie von Otter (Hänsel), Barbara Bonney (Gretel) und Marjana Lipovšek (Hexe), erschienen bei EMI / EAN: 077775402223

[Rezension] Zsuzsa Bánk – Weihnachtshaus

Ich klappte das kleine Büchlein zu, behielt es noch für einen kurzen Moment in den Händen, bevor ich es endgültig zur Seite legte, um dann sinnierend in mich hinein zu horchen. Was war es? Welche Gründe könnten es geben? Da hat Zsuzsa Bánk einen melancholischen Roman verfasst, der in beinah märchenhaften Bildern die Geschichte einer Freundschaft erzählt. Doch der berühmte und vielbemühte Funke wollte nicht überspringen…

Zwei Freundinnen betreiben ein Café in Frankfurt am Main. Es ist Weihnachtszeit, Advent. Die eine ist Mutter von zwei Kindern, ihren Ehemann hat sie vor Jahren verloren. Ihre Freundin Lilli ist früh Mutter geworden und hat ebenfalls eine schwierige Vergangenheit. Mit einer guten Gabe Humor und Lebensklugheit meistern die beiden Frauen ihren Alltag – als Mütter, als Freundinnen, als Geschäftsfrauen und als Hausbesitzerinnen. Denn einige Zeit zuvor haben sie zusammen ein Wochenendhaus im Odenwald gekauft, unbewohnbar noch, das Dach offen, keine Fenster. Doch immer wieder Ziel ihrer Gedanken und Träume: Irgendwann einmal Weihnachten in diesem Haus feiern, alle zusammen, das wäre wunderbar! Doch so eingespannt, wie sie in ihrem Lebensalltag sind, brauchte es wohl einen Engel, der sich um alles kümmert…

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Die Autorin versucht das Wagnis, viele Themen in ihrer Erzählung anzusprechen oder zumindest anzudeuten: Trauer, Alltagsbewältigung, Demenz, psychische Erkrankung, erlittene Kränkungen. Dabei gelingt ihr dieses nicht immer ganz ungefährliche Kunststück, dass die Handlung dadurch nicht überladen, nicht zu schwer wird. Vielmehr fließen diese Themen wie selbstverständlich in die Zeilen ein, ganz unaufgeregt, nie wertend. Es sind nun mal Themen, die uns alle tagtäglich streifen könnten. Es sind alltägliche Themen, denen wir uns nicht entziehen können, vielleicht auch nicht entziehen möchten.

Bánks Schreibstil ist sehr poetisch in der Form, wie sie Wörter verwendet und dadurch die Sätze zusammenstellt. Durch die Wiederholung der Wörter und der Kreation eigener Wortschöpfungen erhalten ihre Sätze einen sehr besonderen Klang, einen sehr dynamischen Rhythmus. Dank der Leichtigkeit der Melancholie fühlte ich mich beim Lesen nie erdrückt. Zumal die positive Botschaft immer präsent war: Irgendwo ist immer Hoffnung!

Gerade die Advents- und Weihnachtszeit kann sich nach dem Verlust eines geliebten Menschen oder auch „nur“ nach einer Trennung vom Partner sehr bedrückend gestalten: Da blockieren Gedanken an Vergangenes und ein Konglomerat aus vielfachen Gefühlen den Beginn eines Trauer- und somit Heilungsprozesses. Doch trotz Themen wie Trauer und Trauerbewältigung setzt dieses Buch auch einen Appell für die Freundschaft: Freundschaften überstehen durchaus die eine oder andere Zerreisprobe und können haltbarer sein als so manches familiäre Band.

Doch warum – bei all den genannten positiven Attributen – sprang bei mir der Funke nicht über? Ich könnte es lapidar mit dem Spruch „Falsches Buch zur falschen Zeit!“ abtun und zur Tagesordnung übergehen. Doch dann würde ich es mir zu einfach machen. Ich glaube eher, dass hier ein Phänomen zum Tragen kommt, dass mir in der Vergangenheit durchaus schon begegnet ist. Es handelt sich um das Phänomen, dass ein Leser/eine Leserin eine gewisse Reife benötigt, um besondere Geschichten gänzlich begreifen und somit wertschätzen zu können.

Das „Weihnachtshaus“ wandert vorerst wieder ins Regal und bleibt dort so lange, bis ich reif für eine weitere Begegnung bin.


erschienen bei edition chrismon / ISBN: 978-3960381518

[Rezension] Marius Marcinkevičius – Adelheid & Ferkolin/ mit Illustrationen von Lina Dūdaitė

Noch toben die Herbststürme über das Land und hinterlassen eine nebelich-nasse, ungemütliche Welt. Da wünsche ich mir gerne eisige Temperaturen herbei, die die Luft wieder frischer und das Licht wieder klarer erscheinen lassen. Dann liegt plötzlich ein Funkeln auf Bäumen, Wiesen und Wegen, und bei jedem Ausatmen bildet sich eine flauschige Wolke vor den Lippen…

An einem klaren Wintertag, als der Schnee unter den Füßen knirschte, spazierte das kleine Schweinchen Ferkolin unter der strahlenden Wintersonne zum gefrorenen Flüsschen, da kam ihm die Idee: Heut ist der ideale Tag zum Schlittschuhlaufen! Das macht aber viel mehr Spaß zu zweit. So ist er bald mit seiner besten Freundin, der Kuh Adelheid auf dem Weg zum See. Plötzlich machen die beiden eine geheimnisvolle Entdeckung: Jemand unter dem Eis versucht, den beiden etwas zu sagen oder vielmehr: Zu schreiben! Gar nicht so einfach, diese verdrehte, seltsame Sprache zu entziffern – ein SLEW soll es sein, der da von der anderen Seite Botschaften in die dicke Eisschicht kratzt. Wer mag das sein? Und was will dieser SLEW von ihnen?

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Autor Marius Marcinkevičius hat eine ganz wunderbare Geschichte erschaffen, die auf so vielen Ebenen berührt. Da ist dieses entzückende Freundespaar, das so völlig ungleich ist. Augenscheinlich gibt es mehr Unterschiede, die sie trennen sollten, doch sie benötigen nur wenige Gemeinsamkeiten, um sich von Herzen zu mögen. Aus Defizite werden plötzlich Stärken, und eine gegenseitige Unterstützung ist selbstverständlich. Dabei vergessen unsere tierischen Helden nicht, ihr Umfeld aufmerksam im Blick zu behalten. Sie schauen über den Tellerrand des eigenen Erfahrungsschatzes und wagen sich in unbekanntes Terrain. Sie sind ängstlich gegenüber fremde Tiere. Doch sie lassen sich von dieser Angst nicht blockieren. Vielmehr siegt ihre Neugier und somit die Freude, neue Freunde kennenzulernen. Dank ihrer ausgeprägten Empathie nehmen sie sehr schnell wahr, dass ihr Gegenüber Hilfe benötigt, und lässt die anfängliche Angst vergessen. Schließlich muss schnell gehandelt werden!

Marcinkevičius erzählt seine Geschichte flott und pointiert voller Charme und Phantasie, die ebenso flott und pointiert vorgelesen werden kann. Durch den dramaturgischen Kniff, dass unsere Helden die Worte nur spiegelverkehrt sehen, werden die kleinen Zuhörer*innen ebenfalls spielerisch animiert, sich mit Buchstaben und Worten zu beschäftigen.

Lina Dūdaitė schuf zu dieser Geschichte gar reizende Illustrationen. Die Welt von Adelheid & Ferkolin scheint wie in rosaroter Zuckerwatte getaucht, wo der Schnee wie flauschige Pudelmützen auf den Bäumen liegt. Die Regeln der Schwerkraft bzw. der Physik setzt sie berückend märchenhaft außer Kraft. Auch amüsierten mich die kleinen Zeichnungen am Seitenrand oder die Skizzen, die im Text „eingebaut“ wurden. Die Farben wurden von ihr so geschmackvoll aufeinander abgestimmt, dass ihre Bilder durch eine pudrige Leichtigkeit bestechen. Grelle, plakative Töne sucht man hier vergeblich.

Solch hinreißende Freunde wie Adelheid & Ferkolin wären jedem Kind (und auch jedem Erwachsenen) zu wünschen, die zeigen, dass es manchmal besser ist, weniger zu grübeln und mehr zu handeln.


erschienen bei bohem / ISBN: 978-3959392228 / in der Übersetzung von Saskia Drude

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Schaurige Nächte. Unheimliche Geschichten für den Winter

Die Tage sind dunkler geworden. Graue Wolken ballen sich am Himmel und verwehren der Sonne ein Durchkommen. Regen peitscht über das Land. Der Wind zerrt an den letzten Blättern der Bäume und wirbelt das Laub in die Luft. Es riecht modrig nach Vergänglichkeit. Zudem kommen jetzt – bevor der Advent mit seiner Vielzahl an Lichtern die Dunkelheit erhellt – die traurigen Tage mit Volkstrauertag, Buß- und Bettag und Totensonntag. Erst vor wenigen Tagen begangen wir den Reformationstag… – Äh, sehe ich da etwa einige meiner Leser*innen stutzen? Ist euch etwa der Reformationstag unbekannt? Dann kennt ihr ihn sicherlich unter seinem „neuen“ Namen: Halloween!

Ich persönlich verbuche Halloween unter der Rubrik „Dinge, die die Welt nicht braucht“. Was haben wir mit Halloween zu schaffen? In jedem Jahr hoffe ich erneut, dass sich „kritische“ Stimmen erheben und schmettern „Das ist kulturelle Aneignung!“. Doch bisher wartete ich vergebens…!

Unabhängig der div. Begrifflichkeiten sind wir uns sicherlich alle einig, dass die dunkle Jahreszeit begonnen hat. Während es draußen zunehmend ungemütlicher wird, machen wir es uns drinnen mit Tee, Keksen und Kuscheldecke umso gemütlicher. Hätten wir dann noch einen Schmöker mit Grusel- und Schauergeschichten zur Hand, wäre die wohlig-warme Gänsehaut-Atmosphäre perfekt.

Glücklicherweise lieferte uns der DuMont Verlag mit „Schaurige Nächte. Unheimliche Geschichten für den Winter“ die passgenaue Lektüre. In acht Geschichten darf sich nun geängstigt, gegruselt und geschaudert werden. Dabei empfand ich es als äußerst wohltuend, dass hier nicht die bekannten Verdächtigen mit ihren schon allzu oft abgedruckten Stories zu finden waren. Vielmehr versammelte sich hier eine talentierte Schar von 7 Autorinnen und einem Quoten-Mann (Wie oft ist es genau umgekehrt!). Alle Beiträge sind frisch für diese Anthologie entstanden, somit beinah unberührt ohne jeglicher Abnutzungserscheinung.

Bridget Collins lässt in „Eine Studie in Schwarzweiß“ ihren Helden in einem einsamen Cottage eine Schachpartie gegen einen unbekannten/unsichtbaren Gegner spielen. In „Thwaites Mieter“ von Imogen Hermes Gowar versteckt sich eine junge Frau mit ihrem kleinen Sohn vor ihrem brutalen Ehemann in einem unheimlichen Haus. Bei Natasha Pulleys „Die Aal-Sänger“ stoßen die Helden mitten im unwirtlichen Moor auf eine merkwürdige Gruppe Menschen. In „Lily Wilt“ von Jess Kidd verliebt sich ein junger Mann in eine Tote und versucht ihren Geist mit ihrem Körper wieder zu vereinen. Bei Laura Purcell hat „Chillinghams Rollstuhl“ ein beängstigendes Eigenleben, das dessen Benutzerin an den Rand des Wahnsinns treibt. Andrew Michael Hurleys „Das Hängen des Grüns“ schwört beim Helden unangenehme Erinnerungen an eine grausige Vision aus der Vergangenheit herauf. Bei Kiran Millwood Hargrave fühlt sich eine junge Frau „Gefangen“, da Wahn und Wirklichkeit zunehmend miteinander verschmelzen. In „Ungeheuer“ von Elizabeth Macneal versucht ein Mann seine Gier nach Ruhm und Anerkennung zu stillen, indem er der Weltöffentlichkeit ein prähistorisches Ungeheuer präsentiert, und nicht bemerkt, wer in Wirklichkeit das Ungeheuer ist.

Häufig bei ähnlichen Anthologien gibt es zwei, drei Geschichten, die von ihrer literarischen Qualität abfallen, und beinah wirken, als wären sie als Lückenfüller im jeweiligen Buch gelandet. Doch dieser Sammlung darf ich mit Freude attestieren, dass alle Erzählungen mich mit ihrem überraschend hohen Niveau überzeugen konnten. Da mag mir zwar durchaus die eine oder andere Geschichte einen Hauch weniger gefallen haben, doch ist dies nur meinem persönlichen Geschmack geschuldet und sagt nichts über deren literarische Qualität aus.

Zumal allen Geschichten gemein ist, dass sie mit einem interessanten Handlungspersonal punkten und mit einem gekonnten Spannungsbogen meiner Aufmerksamkeit sicher sein konnten. Zudem sorgte so manches Mal ein raffinierter Twist, dass die Handlung in eine gänzlich andere Richtung zu einem für mich unvorhersehbaren Ende gelenkt wurde.

Natürlich haben die Autor*innen mit ihren gelungenen Geschichten das Genre nicht neu erfunden, aber sie zaubern durchaus die eine oder andere Nuance auf die Farb-Palette und lassen sie so bunter schillern.


erschienen bei DuMont / ISBN: 978-3832182106 / in der Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] O. Henry – Das Geschenk der Weisen/ mit Illustrationen von Patrick James Lynch

„Ein Dollar und siebenundachtzig Cent.“ Della ist verzweifelt: Mehr als diese klägliche Summe konnte sie vom kargen Haushaltsgeld nicht abzwacken und zusammensparen. Dabei würde sie ihrem Jim so gerne ein ihm würdiges Weihnachtsgeschenk bereiten. In ihrer Verzweiflung und aus Liebe zu ihrem Gatten veräußert sie ihren wertvollsten Besitz: Sie geht zu einer Perückenmacherin und verkauft ihr langes, prachtvolles Haar. Den Erlös investiert sie in eine wunderbare Uhrkette. Endlich könnte Jim seine prächtige Taschenuhr, die bisher an einem schnöden Lederband baumelt, voller Stolz vorzeigen. Doch auch Jim möchte seiner Della einen langgehegten Wunsch erfüllen und hält für sie eine Überraschung bereit…!

Es gibt sie, die Geschichten, die meine Seele berühren und für alle Zeit einen Platz in meinem Herzen haben. Dabei trifft dies – zumindest bei mir – nicht auf die großen Geschichten der Literatur zu. Es sind nicht die epischen Romane, die einen immerwährenden Platz in meinem Gedächtnis einnehmen und beim bloßen Gedanken an sie ein Lächeln auf meinen Lippen zaubern. Nein, ganz im Gegenteil! Vielmehr sind es die kleinen, beinah belanglos anmutenden Geschichten, die ohne großes Tamtam auskommen, und in denen nicht wirklich viel passiert. Aber gerade diese Schlichtheit sickert tief in mein Innerstes, bewegt mich auf einer ganz zarten Weise und überwältigt mich mit einer Flut an Gefühlen.

Eine dieser Geschichten ist „Das Geschenk der Weisen“ von O. Henry. Dabei erschien es anfangs so, dass unsere Bekanntschaft nicht von langer Dauer sein würde. Unser erstes Zusammentreffen gestaltete sich wenig vielversprechend: Ich muss ungefähr 34 Jahre alt gewesen sein, als ich auf der Suche nach einer witzig-pfiffigen Weihnachtsgeschichte war, die ich auf einer entsprechenden Feier vortragen wollte. „Das Geschenk der Weisen“ ließ mich merkwürdig unberührt. Ich fand sie „nett“ – nicht mehr, nicht weniger – und wir wissen alle, was „nett“ in Wirklichkeit bedeutet. Das Buch verschwand damals auf unbestimmte Zeit wieder im Bücherregal.

Im Jahre 2015 plante ich nun unter dem Titel „Früher war mehr Lametta!“ meine erste Adventslesung, stöberte dazu durch die Regale mit meiner Weihnachtslektüre und stieß dabei wieder auf O. Henrys Erzählung. Ich las, und beim Lesen liefen mir unvermittelt die Tränen über die Wangen. Ich erkannte, dass ich als Mensch und Leser erst reifen musste, um für den Zauber dieser Geschichte empfänglich zu sein. Seitdem sind Della und Jim ständige Gäste bei meinen Advents- und Weihnachtslesungen. Und selbst wenn keine Lesung in meinem Kalender steht, greife ich zum Buch, um abermals ihrem Zauber zu erliegen.

„Ein Dollar und siebenundachtzig Cent.“ Mit diesem Satz beginnen sie alle – alle Übersetzungen, die mir bisher bekannt sind, und bekannt waren mir bisher sieben (!) Übersetzungen. Man findet diese wunderbare Weihnachtsgeschichte in vielen Anthologien, und jeder Verlag scheint bemüht, eine eigene Übersetzung vorzulegen. Doch Übersetzung ist nicht gleich Übersetzung: Manchmal sind es nur die kleinen Feinheiten, die Einfluss auf den Tonfall einer Geschichte nehmen und so eher dem persönlichen Gusto entsprechen. So favorisiere ich die Übersetzung von Theo Schumacher, die ich als erstes kennenlernen durfte. Dieser Umstand ist sicherlich darin begründet, dass ich diese Fassung schon so häufig gelesen und mir den Text für meine Lesungen „erarbeitet“ habe. Denn fairerweise sei erwähnt, dass die anderen Übersetzer*innen ihren Job nicht weniger gut gemacht haben.


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Vielleicht werdet Ihr Euch fragen, warum ich mir – wo ich schon sieben Übersetzungen mein Eigen nenne – nun noch ein Buch mit der achten Übersetzung zulege? Ganz einfach: Es sind die Illustrationen! Schon seit einiger Zeit schleiche ich um dieses Buch herum, ohne einen Blick hineinzuwerfen, aus Angst, ich könnte zum Kauf verführt werden. Denn rein rational betrachtet, brauche ich dieses Buch nicht. Doch schon die Illustration auf dem Cover hat eine magische Anziehungskraft auf mich: Zwei junge Menschen stehen in inniger Umarmung vereint. Ihre Körperhaltung zueinander drücken so viel Liebe und Zärtlichkeit aus.

In diesem Jahr konnte ich mich nicht länger beherrschen, bzw. ich hatte das Gefühl, dass ich in der momentan verrückten Zeit ein wenig Trost brauchte und wusste instinktiv, dass ich ihn beim Betrachten dieses Buches finden werde. Und so machte ich erstmalig die Bekanntschaft mit dem Talent des irischen Künstlers Patrick James Lynch, der schon Illustrationen für Kinderbücher, Märchen und klassische Geschichten kreiert und Plakate für Opernhäuser und Theater gestaltet hat. Seine Bilder zu O. Henrys Werk sind traumhaft und von einer atmosphärischen Dichte, wie ich sie vorher noch nicht gesehen hatte. Ein Blick, eine Geste, die Körperhaltung der Personen, die gewählte Bild-Perspektive und der Sepia-Ton der Bilder – dies alles steht immer im direkten Zusammenhang mit den Worten. Und trotz aller Melancholie war immer ein Schimmer der Hoffnung spürbar.

Da mir diese Geschichte so sehr vertraut ist, brauchte ich den Text nicht parallel beim Betrachten der Bilder zu lesen. Ich schaute mir nur die herrlichen Illustrationen an und ließ sie auf mich wirken. Wieder liefen mir Tränen der Rührung die Wangen hinab, und – Ja! – da verspürte ich auch ein wenig Trost!


Für alle, die nun auch die Bekanntschaft mit Della und Jim machen möchten, habe ich hier eine Liste der mir vorliegenden Fassungen zusammengestellt.

Geschichte enthalten in Anthologien mit Werken von div. Autor*innen:

  • Die Wunder zu Weihnachten. Geschichten, die glücklich machen / Übersetzung von Christine Hoeppener / erschienen im Insel Verlag
  • Nichts als Weihnachten im Kopf / Übersetzung von Regina Roßbach / erschienen im Kampa Verlag
  • Heller Stern in dunkler Nacht / Übersetzung von Elisabeth Schnack / erschienen im Arena Verlag
  • Das große Weihnachtsbuch / Übersetzung von Franziska Kleiner / erschienen im Eulenspiegel Verlag
  • Reclams Weihnachtsbuch / Übersetzung von Siegfried Schmitz/ erschienen im Reclam Verlag
  • Alle Jahre wieder / Übersetzung von Theo Schumacher / erschienen im Diogenes Verlag

Geschichte enthalten in Anthologien mit Werken von O. Henry:

Illustrierte Fassungen:

  • O. Henry: Das Geschenk der Weisen / mit Illustrationen von Lisbeth Zwerger / Übersetzung von Theo Schumacher (s.a. oben: Alle Jahre wieder) / erschienen im NordSüd Verlag
  • O. Henry: Das Geschenk der Weisen / mit Illustrationen von Patrick James Lynch / Übersetzung von Eva-Maria Altemöller / erschienen im Sanssouci Verlag

erschienen bei Sanssouci / ISBN: 978-3990560525 / in der Übersetzung von Eva-Maria Altemöller

[Rezension] Monika Utnik-Strugata – Die schönste Zeit. Weihnachten in aller Welt/ mit Illustrationen von Ewa Poklewska-Kozietto

Blicken wir auf die Länder unserer Erde, dann wirken die Völker selten vereinter als zum Weihnachtsfest. Es scheint schier unglaublich, dass überall auf der Welt die Geburt eines Kindes gefeiert wird, das vor zweitausendunddreiundzwanzig Jahren auf die Welt kam. So identisch auch der Ursprungsgedanke war und ist, so gibt es doch von Land zu Land, manches Mal sogar von Region zu Region einige Unterschiede, wie die Menschen das Fest begehen. Diese Unterschiede zeugen von einer wunderbaren kulturellen Vielfalt auf unserer Erde. Sie zu kennen, hilft Barrieren abzubauen und stiftet Toleranz.

Autorin Monika Utnik-Strugata hat hierzu – gemeinsam mit der Künstlerin Ewa Poklewska-Kozietto – ein ganz wunderbares Bilderbuch erschaffen. In kleinen Kapiteln, die hervorragend zum Vorlesen einladen, begab ich mich auf eine Rundreise um unseren Globus und staunte über einige mir bisher unbekannten Traditionen, entdeckte humorvolle und berührende Geschichten aber erfuhr ebenso von so manchen Kuriositäten.

Das Lucia-Fest, an dem am 13. Dezember in Schweden Umzüge mit Kerzen stattfinden, ist in der Zwischenzeit ja durchaus auch uns schon bekannt. Weniger bekannt ist allerdings der Brauch aus Spanien, bei dem sechs oder zwölf Knaben einen spektakulären Tanz vor dem Hauptaltar einer Kirche aufführen. Auch war mir nicht bekannt, dass im Dezember die Menschen in Kolumbien oder Mexiko sich gern gegenseitig Streiche spielen – ähnlich unserer Aprilscherze.

Auch wird mancher Aberglaube, der in einigen Ländern noch weit verbreitet ist, beleuchtet, warum am Heiligabend etwas nicht (oder gerade doch) getan werden sollte. Anekdote aus meiner Kindheit: Ich bin mit der Warnung aufgewachsen, dass ich auf keinem Fall zwischen Weihnachten und Neujahr meine Wäsche nach draußen hängen sollte, da dies mir Unglück für das kommende Jahr bringen würde. Warum? Wieso? Weshalb? Diese Fragen konnte mir niemand beantworten: Es war eben ein Aberglaube, der von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Selbst klassische Geschichten, die schon so sehr ein Teil der internationalen Weihnachtstraditionen geworden sind, finden in diesem Buch Erwähnung: Da werden dem geizigen Scrooge „Die Geister der Weihnacht“ heraufbeschworen, und „Der Nussknacker und der Mäusekönig“ buhlen um die Gunst der entzückenden Clara. Aber auch die Herkunftsgeschichte des wohl bekanntesten Weihnachtsliedes der Welt „Stille Nacht“ bleibt nicht im Verborgenen.


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Auch den unterschiedlichen Pflanzen, die besonders zur Advents- und Weihnachtszeit beliebt sind, werden in diesem Buch ebenso gewürdigt, wie den verschiedenen Bräuchen, die Glück und Zufriedenheit für das Neue Jahr bringen sollen. Und selbstverständlich erhalten die jüngsten Leser*innen endlich Antworten auf einige sehr, sehr wichtige Fragen, wie „Wie sieht eigentlich der Nikolaus aus?“ oder „Wer bringt die Geschenke?“.

Die Illustrationen von Ewa Poklewska-Kozietto sind ganz wundervoll: Einerseits wirken sie herrlich verspielt mit einer beinah kindlichen Naivität. Andererseits sind sie aber doch so detailreich, dass sie uns einen gelungenen Einblicke zur jeweiligen Region ermöglichen, sei es in der Gestaltung der landestypischen Trachten, der landschaftlichen Unterschiede oder der architektonischen Besonderheiten.

So saß ich staunend über diesem Buch gebeugt und erfreute mich an seiner Lektüre. Dabei konnte ich mir so manches Mal einen überraschten Ausruf nicht verkneifen, um dann meinen Gatten anzusprechen: „Ach, schau mal. Das hätte ich nicht gedacht! Hast Du gewusst, dass…?“ Es folgte immer die Information über ein weihnachtliches Detail, das ich bisher für „typisch deutsch“ hielt aber anscheinend aus einem anderen Land „gemopst“ wurde. Und so fühlte ich mich wieder einmal bestätigt, dass wir alle hier auf dieser unserer Erde auf der einen oder anderen Art miteinander verbunden sind…!


erschienen bei NordSüd / ISBN: 978-3314105432 / in der Übersetzung von Angelika Gajkowski

[Rezension] O. Henry – Das Geschenk der Weisen. Und andere Weihnachtserzählungen

Der große Meister für die kleinen Geschichten über die noch kleineren Leute hat wieder zugeschlagen und erlebt – dank dem Anaconda Verlag – eine kleine Renaissance. Nachdem der Verlag mich Anfang des Jahres schon mit einer Sammlung an Geschichten quer durch sein Wirken und Werken erfreut hatte, legt er nun – pünktlich zum Weihnachtsgeschäft – ein kleines, schmales Büchlein mit Weihnachtserzählungen nach. Von Optik, Umfang und Zusammenstellung kann hier getrost von einem Geschenkbuch gesprochen werden, das durchaus als attraktive Beigabe zum Hauptgeschenk fungieren kann.

Neben o. Henrys wahrscheinlich bekannteste (und von mir so sehr geliebte) Geschichte Das Geschenk der Weisen beinhaltet diese Sammlung noch drei weitere Erzählungen mit weihnachtlichem Tenor.

Da dürfen wir den Obdachlosen Soapy kennenlernen, der beim Wintereinbruch in New York verzweifelt versucht – wie in jedem Jahr – durch ein kleines Vergehen ein warmes Plätzchen im Zuchthaus für drei Monate zu ergattern. Doch was er auch immer anstellt, die Cops wollen ihn partout nicht einbuchten…!
Oder kennt Ihr vielleicht schon den Stadtvater der Goldgräbersiedlung Yellowhammer, der es sich in den Kopf gesetzt hat, am Heiligabend alle Kinder als Weihnachtsmann verkleidet mit Präsenten zu erfreuen. Leider hat er dabei übersehen, dass es in der gesamten Siedlung kein einziges Kind gibt…!
Aber auch die Rachephantasien von Frio Kid, die er für seinen Nebenbuhler Madison Lane hegt, der statt seiner die Gunst der schönen Rosita McMullen erlangen konnte, verpuffen dank des Zaubers der Weihnacht…!

O. Henrys Geschichten handeln stets von den kleinen Leuten, die abseits des Glamours des Broadways oder fern aller Wildwest-Romantik versuchen ihr Leben zu meistern. Oftmals sind sie auf der Suche nach einem kleinen Stück vom Glück und müssen auf dem Weg dorthin so manche Unwegsamkeit überwinden. Dabei schimmert in seinen Beschreibungen immer ein Funke Hoffnung durch den scheinbar trüben Alltag. Als Meister des „Twists“ verblüfft er seine Leserschaft am Ende der Story gerne mit eben genau diesem – einer unvorhersehbaren und somit umso überraschenderen Wendung.

In seinem recht kurzen aber sehr produktiven Leben schrieb O. Henry beinah vierhundert Geschichten: Da dürfen wir uns ja noch auf so manche literarische Perle freuen.

Hinweis: Wer die Anthologie Die besten Geschichten schon sein Eigen nennt, kann sich dieses Büchlein getrost schenken, es dafür aber gerne verschenken: Die oben erwähnten vier Geschichten sind in der besagten Anthologie ebenfalls enthalten.


erschienen bei Anaconda / ISBN: 978-3730611487 / in der Übersetzung von Alexandra Berlina

[Rezension] Die Wunder zu Weihnachten. Geschichten, die glücklich machen/ herausgegeben von Clara Paul

Ach, Glück, was ist das schon! Alle hecheln ihm hinterher, doch nur die wenigsten werden ihm habhaft. Und sollte ich ihm mal habhaft werden, was passiert dann? Bin ich dann für immer und ewig, sozusagen gänzlich allumfassend zufrieden? Aber kann „glücklich sein“ wirklich ein dauerhafter Zustand sein? Ist es nicht eher nur ein kurzer Moment, kaum da und nach nur einem Wimpernschlag auch schon wieder fort – einem Schmetterling gleich, der von Blüte zu Blüte flattert?

Und hier verspricht uns Herausgeberin Clara Paul gleich ein ganzes Buch mit Geschichten, die glücklich machen – sozusagen 230 Seiten pures Glücksgefühl! „Na!“ dachte ich so bei mir „Wenn sie da mal nicht den Mund etwas zu voll genommen hat!“ und begann zu lesen – und ich las und las und las…

  • …von „Das Geschenk“, das Hauslehrer Justus unverhofft dem Schüler Martin macht (aus „Das fliegende Klassenzimmer“ von Erich Kästner),
  • …von „Der Schatz des Kindes“ (Antoine de Saint-Exupéry), das die Kleinsten uns Erwachsenen einem Geschenk gleich am Heiligen Abend bereiten,
  • …von dem bescheidenen Wunsch eines armen Mannes nach einem tierischen Weggefährten, der ihm in „Stille Nacht Zaubernacht“ (Dominique Marchand) durch einen Zauberer erfüllt wird,
  • …von den beiden kleinkriminellen aber höchst sympathischen Hallodris, die an Heiligabend „Das Wunder von Striegeldorf“ (Siegfried Lenz) erleben dürfen,
  • …von „Der Große Karpfen Ferdinand“ (Eva Ibbotson), der beim Weihnachtsfest das Leben einer ganzen Familie erschüttert,
  • …von Eltern, die in ihrem Übereifer für „Der doppelte Weihnachtsmann“ (Paul Maar) sorgen und dies ihrem Sprössling plausibel erklären müssen,
  • …von einem Doktor, der in trauter Runde eine „Weihnachtsgeschichte“ (Guy de Maupassant) zum Besten gibt, die von einem Wunder handelt, das er höchstpersönlich erlebt hat,
  • …von „Felix holt Senf“ (Erich Kästner), der für diese scheinbar simple Aufgabe ganze fünf Jahre benötigte, während seine Eltern ihm Jahr für Jahr die Bockwürste warm halten,
  • …von einer Mutter, die auf die Frage ihres Sohnes „Was war das für ein Fest?“ (Marie Luise Kaschnitz) dieses widerwillig zu erklären versucht und trotz aller negativen Beschreibungen ihm den Zauber nicht gänzlich nehmen kann,

…und ich las viele, viele weitere wunderbare Geschichten von namhaften Autor*innen, die alle von wundersamen Begegnungen, unglaublichen Begebenheiten und besinnlichen Momenten zu berichten wussten.

Da saß ich nun in meinem Lesesessel und war ganz in diesem Buch vertieft: Manchmal hielt ich vor Spannung den Atmen an, manchmal lachte ich amüsiert laut auf, und manchmal kullerte eine Träne der Rührung meine Wange hinunter. Ein warmes Gefühl breitete sich in mir aus, und ließ mich einen wohligen Seufzer ausstoßen.

Sollte mich da beim Lesen dieser Geschichten vielleicht tatsächlich ein Hauch von Glück gestreift haben…? ✨


erschienen bei Insel/ ISBN: 978-3458361015