[Rezension] Siegfried Lenz – SO ZÄRTLICH WAR SULEYKEN

Allein der Titel klingt wie ein Versprechen…!

Suleyken: dieses kleine ostpreußische Dorf im Masurenland, das mit seinen knapp über 300 Einwohnern und ohne Anschluss an eine Bahnverbindung kaum einer Erwähnung wert wäre. Hätte es da nicht diesen Literaten gegeben, der den dort lebenden Menschen mit seinen Geschichten ein literarisches Denkmal setzte.

Siegfried Lenz lässt als Ich-Erzähler die Leserschaft sehr nah an sich und seine Figuren heran. Da werden wir direkt von ihm angesprochen und aufgefordert, uns einen eigenen Eindruck von den manchmal merkwürdig anmutenden Geschehnissen in Suleyken zu machen. So lernen wir Hamilkar Schaß, den Großvater des Erzählers, kennen, der als hochgebildet gilt, da er eine ausgeprägte Liebe zur Literatur pflegt. Diese Liebe ist so mächtig, dass weder ein dramatischer feindlicher Überfall noch die Einberufung zu den Kulkaker Füsiliere seine Lese-Sucht stoppen kann. Dank dieser Sucht bleibt unser wackerer Hamilkar Schaß selbst bei den zähen Verhandlungen um die Poggenwiese völlig entspannt und lässt sich durch nichts und niemanden aus der Ruhe bringen. Der Erfolg gibt ihm Recht.

Doch auch die anderen Leut’ in diesem kleinen Dorf bezaubern durch eine listige Bauernschläue und einem recht ursprünglichen Gefühl für Ehre. Bei ihrer sehr eigensinnigen Auslegung von Recht und Ordnung, die durchaus auch sehr handgreiflich ausgetragen werden kann, sind sie niemals bösartig, hinterhältig oder gemein. So würde Alec Puch nie von Diebstahl sprechen, wenn er für sich und seine Söhne Köstlichkeiten für das Osterfest „organisiert“ (s.a. DER OSTERTISCH). Ich glaube, dass das Adjektiv „plietsch“ es am ehesten beschreibt.

Der Obrigkeit stehen die Bewohner*innen von Suleyken durchaus mit Respekt, doch nicht übermäßig ehrerbietig gegenüber. Verordnungen sind dafür da, – Naja! – um für Ordnung zu sorgen. Doch oftmals entspricht diese Ordnung nicht den Vorstellungen der Dorfbewohner*innen. Da beherbergt Jadwiga Plock, die – obwohl seit Jahren Witwe – es sich nicht nehmen lässt, regemäßig strammen Kindern das Leben zu schenken, eine mehr-köpfige Gesundheits-Kommission äußerst geduldig und gastfreundlich in ihrem Heim. Diese Kommission ist extra zusammengekommen, um die Plocksche Kinderschar zu impfen. Dumm nur, dass diese sich direkt nach Ankunft im nahen Wald versteckt hat und erst wieder auftaucht, als die Kommission nach Wochen des Ausharrens unverrichteter Dinge wieder abzieht.

Vielmehr tragen die Suleykener*innen ein gütiges Herz in ihrer Brust, das oftmals auch auf der Zunge zu finden ist. Doch manches Mal schlägt dieses Herz so voller Macht bis zum Hals, dass das Sprechen kaum möglich scheint. Wie sonst wäre der ungewöhnliche Heiratsantrag zu erklären, den der große, schweigsame Holzfäller Joseph Waldemar Gritzan seiner angebeteten Maid Katharina Knack macht (s.a. EINE LIEBESGESCHICHTE). So lässt der Autor vor unserem inneren Auge prägnante Porträts von einfachen Menschen entstehen, die stets sehr viel Wärme ausstrahlen und nie die Wertschätzung vermissen lassen.

Doch schon im Jahre 1955, als Siegfried Lenz diese zwanzig gar kunstvollen „Masurischen Geschichten“ zu Papier brachte, gab es das von ihm beschriebene Masurenland nicht mehr. Selbst direkt um die Ecke in der Stadt Lyck geboren, wurde Suleyken für ihn zum Sehnsuchtsort seiner Kindheit, zur Erinnerung an eine längst vergangene Zeit. Seine Figuren sind urwüchsig, skurril und gütig. Sie stolpern von der einen in die nächste unglaubliche Geschichte, die Lenz liebevoll mit schelmischen Witz, feiner Sensitivität und einem unverwechselbaren Charme erzählt.

Ach, Syleyken, du bist mir so sehr ans Herz gewachsen!


erschienen bei Hoffmann und Campe / ISBN: 978-3455405309
ebenfalls erschienen bei Fischer/ ISBN: 978-3596203123 und 978-3596520879

[Noch ein Gedicht…] Heinz Erhardt – DIE POLYGLOTTE KATZE

Die Katze sitzt vorm Mauseloch,
in das die Maus vor kurzem kroch,
und denkt: „Da wart nicht lange ich,
die Maus, die fange ich!“

Die Maus jedoch spricht in dem Bau:
„Ich bin zwar klein, doch bin ich schlau!
Ich rühr mich nicht von hinnen,
ich bleibe drinnen!“
Da plötzlich hört sie – statt „miau“-
ein laut vernehmliches „wau-wau“
und lacht: „Die arme Katze,
der Hund, der hatse!

Jetzt muß sie aber schleunigst flitzen,
anstatt vor meinem Loch zu sitzen!“
Doch leider – nun, man ahnt`s bereits-
war das ein Irrtum ihrerseits,
denn als die Maus vors Loch hintritt –
es war nur ein ganz kleiner Schritt –
wird sie durch Katzenpfotenkraft
hinweggerafft!—

Danach wäscht sich die Katz die Pfote
und spricht mit der ihr eignen Note:
„wie nützlich ist es dann und wann,
wenn man ’ne fremde Sprach kann…!“

Heinz Erhardt


🐱 Heute ist der INTERNATIONALE TAG der KATZE! 🐱


[Rezension] Arthur Conan Doyle – DER HUND DER BASKERVILLES (Hörspiel)

Da kann ein Autor bzw. eine Autorin noch so fleißig sein und Romane, Erzählungen, Essays und Gedichte in Hülle und Fülle aufs Papier bannen. Doch so manches Mal ist es „nur“ ein einziges Werk, das im kollektiven Gedächtnis haften bleibt und scheinbar für immer und ewig stellvertretend für alle anderen Werke in einem Atemzug mit dem Namen des Verfassers/der Verfasserin genannt wird.

Wer denkt bei MORD IM ORIENTEXPRESS nicht augenblicklich an Agatha Christie. Beim Klang des Namens Thomas Mann kommt uns sofort BUDDENBROOKS in den Sinn. Und kann jemand ein weiteres Werk von Johanna Spyri – abgesehen von HEIDI – nennen? Auch Arthur Conan Doyle gelang dieses Kunststück mit DER HUND DER BASKERVILLES.

Bastian Pastewka, Schauspieler, Komiker, Drehbuchautor, Synchronsprecher u.v.m. hegt eine tiefe Liebe zu den Krimi-Hörspielen der Vergangenheit und frönt dieser hemmungslos in seinem Podcast KEIN MUCKS! – Der Krimi-Podcast – zwischenzeitlich in der 5. Staffel. Wen wundert’s, dass er dem Angebot nicht widerstehen konnte, zu diesem Krimi-Klassiker nicht nur die Hörspielfassung zu erstellen sondern auch die Regie zu übernehmen.

Der Landarzt Dr. Mortimer fürchtet um das Leben des jungen Sir Henry Baskerville, der aus Amerika anreist um im Dartmoor sein Erbe anzutreten. Er ist der letzte aus dem Geschlecht der Baskervilles. Sein Onkel Sir Charles starb vor kurzem an einem Herzinfarkt, als er allein in der Dunkelheit wartete. Sein ganzes Leben lang fürchtete er den Fluch der Baskervilles in Form eines riesigen Hundes, und nun sieht es so aus, als hätte eben dieser Hund aus der Hölle ihn in den Tod geängstigt. Auch Sir Henry hat schon eine anonyme Warnung erhalten, die ihn vor dem Einzug auf Baskerville Hall warnte. Zudem verschwanden erst ein neuer Stiefel und dann ein alter Stiefel von ihm. Nur der neue Stiefel tauchte wieder auf, was Sherlock Holmes nachdenklich stimmt. So schickt er Dr. Watson gemeinsam mit Sir Henry und Dr. Mortimer nach Dartmoor, damit er ein wachsames Auge auf den jungen Erben werfen kann. Auf Baskerville Hall werden die Herren vom alten Haushälter-Ehepaar Barrymore begrüßt, die – wie sich im Verlauf des Aufenthaltes zeigt – ein dunkles Geheimnis verbergen. Der Bruder von Mrs. Barrymore ist aus dem Gefängnis geflohen, versteckt sich nun im Moor und wird von den Barrymores mit Nahrung und der alten, abgelegten Kleidung von Sir Henry versorgt. Dies wird dem Flüchtigen zum Verhängnis, da der geheimnisvolle Hund ihn als Sir Henry wittert, anfällt und so tödlich verletzt. Sir Henry findet Gefallen an der jungen Beryl Stapleton, die mit ihrem Bruder Jack, einem Insektenforscher, in der Nachbarschaft lebt. Jack Stapleton scheint von der Freundschaft seiner Schwester zu Sir Henry wenig angetan zu sein und reagiert höchst verdächtigt. Dies alles beunruhigt Dr. Watson ebenso, wie der geheimnisvolle Fremde, der sich im Moor versteckt und die Geschehnisse rund um Baskerville Hall zu beobachten scheint…!


2 CDs/ Der Hund der Baskervilles (2014) von Arthur Conan Doyle/ Hörspielbearbeitung & Regie: Bastian Pastewka/ Übersetzung: Gisbert Haefs/ Musik: Henrik Albrecht/ mit Frank Röth, Gerhard Garbers, Thomas Kügel, Peter Jordan, Robert Gallinowski, Debora Weigert, Walter Renneisen, Johanna Gastdorf, Ulrich Voß, Susanne Pätzold, Jochen Striebeck u.a.


Die Neu-Auflage einer alten Geschichte im Gewand des Hörspiels kommt überraschend unaufgeregt, beinah von überflüssigen Ballast befreit um die Ecke. Alle Ingredienzien, wie sie bei den Verfilmungen und Hörspiel-Fassungen der Vergangenheit bemüht wurden und die Story gerne in Richtung Mystery, Horror und Gothic rückten, wurden hier tunlichst vermieden. Vielmehr baut Bastian Pastewka bei seiner Fassung ganz auf die Kraft des Originals. Schließlich präsentierte der Autor Arthur Conan Doyle hier eine gut skizzierte Handlung mit prallen Charakteren und überraschenden Wendungen. So bemüht Pastewka den legendären Hund auch nur wohldosiert und lässt die Spannung sich aus dem Aufeinanderprallen der unterschiedlichen Personen entwickeln. Musik und Ton-Technik gelingt bestens die schwierige Aufgabe, das Klangbild fein zu beeinflussen und so für die unverzichtbare Atmosphäre in einem Sherlock Holmes-Krimi zu sorgen, ohne hier mit billigen Effekten zu übertreiben.

Wie nicht anders bei einer Produktion des Westdeutschen Rundfunks zu erwarten, wurde wieder ein erlesenes Ensemble zusammengestellt: Frank Röth gibt den Meisterdetektiv Sherlock Holmes mit präziser Artikulation, analytischem Habitus und einem Hauch Arroganz. Der Dr. Watson von Gerhard Garbers ist da deutlich rustikaler, ohne trottelig zu wirken, und meistert zudem die schwierige Aufgabe, als Erzähler die Aufmerksamkeit der Zuhörenden auf ein hohes Niveau zu halten. Peter Jordan stattet Sir Henry Baskerville mit einer aristokratischen Schnöseligkeit aus, ohne an Sympathie einzubüßen. Bei Robert Gallinowski ist Jack Stapleton von einer schmierigen Freundlichkeit, er lässt aber die Gefährlichkeit in seiner Stimme unterschwellig mitschwingen. Debora Weigert erscheint als Beryl Stapleton zwar durchaus überzeugend verängstigt aber mimt erfreulich wenig das hilfsbedürftige Weib, das auf ihren edlen Retter wartet. Inspector Lestrade wirkt in der Interpretation von Jochen Striebeck äußerst handfest und zupackend, so als könnte ihn irgend so eine Töle im Moor nicht ängstigen. Selbst für die wenigen Sätze einer Mrs. Barrymore konnte die wundervolle Johanna Gastdorf als Sprecherin gewonnen werden.

Bastian Pastewka bleibt bei seiner Bearbeitung sehr nah an der originalen Vorgabe, nimmt zwar die für eine Hörspielfassung unumgänglichen Kürzungen vor, vermeidet allerdings den Handlungsablauf zu verfälschen. Und doch überrascht er am Ende der Geschichte mit einer so genannten „kriminal-kritischen Analyse“, indem er Holmes die Aussage treffen lässt:

„Wenn man seinen Standpunkt erst einmal verändert hat,
dann wir gerade der belastenste Beweis zum Schlüssel für die Wahrheit!“

Dies bedeutet so viel, dass unter Berücksichtigung aller vorliegenden Fakten in Kombination mit dem gesunden Menschenverstand auch eine andere Lösung des Falls möglich wäre,…

…eine Lösung des Falls, die erschreckend plausibler erscheint, als die, die Conan Doyle sich erdachte. Ich hörte dies und war verwirrt: Als meine Verwirrung sich peu à peu auflöste, und ich mich langsam von diesem Schock erholt hatte, brach ich in schallendes Gelächter aus.

Da hatte der Schelm Pastewka meine schöne bequeme und über Jahre antrainierte Sicht auf die Welt von Sherlock Holmes kräftig durcheinander gewirbelt. Und gleichzeitig passt dieses durchaus möglich erscheinende Alternativ-Ende, das raffiniert konzipiert und ebenso vertont wurde, ganz und gar wunderbar in den bekannten Holmes-Kosmos.

Chapeau!


Doch lassen wir den Regisseur gerne selbst zu Wort kommen:


erschienen bei Der Hörverlag/ ISBN: 978-3844515152
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Hör-Exemplar!

[Noch ein Gedicht…] Mascha Kaléko – DER MANN IM MOND

Der Mann im Mond hängt bunte Träume,
Die seine Mondfrau spinnt aus Licht,
Allnächtlich in die Abendbäume,
Mit einem Lächeln im Gesicht.

Da gibt es gelbe, rote, grüne
Und Träume ganz in Himmelblau.
Mit Gold durchwirkte, zarte, kühne,
Für Bub und Mädel, Mann und Frau.

Auch Träume, die auf Reisen führen
In Fernen, abenteuerlich.
– Da hängen sie an Silberschnüren!
Und einer davon ist für dich.

Mascha Kaléko


🌔 …zum INTERNATIONALEN TAG des MONDES 🌖


[Rezension] BEST OF KRIMI KULT KISTE. Krimi-Hörspiele der 50er und 60er Jahre

In der Ferne hört man den typischen Lärm der Großstadt, hastige Schritte hallen auf nassem Asphalt, ein Schuss durchbricht die Sille der einsamen Straße, und der durchdringende Schrei einer Frau prallt als Echo von den Häuserwänden ab,…

…und erst nach diesem dramatischen Opener erklang die Titelmelodie:

Hach, war das damals nicht herrlich? Da versammelte sich die Familie kollektiv vereint vor dem Radio, um einer weiteren Folge einer der damals so beliebten Krimi-Hörspiele zu lauschen. Ein Fernsehapparat war damals noch eine sehr teure Anschaffung, die sich nur wenige Gutbetuchte leisten konnten. Die Mehrheit saß vor dem Radio und kreierte die Bilder mit viel Fantasie und mit Hilfe der akustischen Vorgaben aus den Rundfunkanstalten im eigenen Kopf.

Dabei waren die Verantwortlichen auf ihrer Suche nach spannenden Stories durchaus sehr erfindungsreich, griffen auf bekannte und bewährte Vorlagen zurück oder ließen eigene Krimi-Formate entwickeln. Viele der hier genannten Formate waren so beliebt und erfolgreich, dass sie es auch als Serie ins Fernsehen schafften. Warum auch nicht: Die bekannten Figuren waren schon so etabliert, dass die Wahrscheinlichkeit, sie würden auch mit Ton und Bild ebenso erfolgreich sein, als sehr hoch einzuschätzen war. So sollte es auch sein.

In der Zwischenzeit haben sie alle, die Hörspiele ebenso wie die Serien mit ihrem schwarz-weißen Retro-Charme, einen wahren Kultstatus erreicht. So peu à peu werden die alten Krimi-Hörspiele aus ihrem erzwungenen Dornröschen-Schlaf in den Archiven der Rundfunkanstalten befreit. Unter der Rubrik KRIMI KULT KISTE hat „der Hörverlag“ einige dieser Schätzchen wieder ausgegraben und sich hierbei auf die Werke des Schriftstellerehepaars Alexandra und Rolf Becker sowie der beiden Engländer Francis Durbridge und Lester Powell konzentriert. Entstanden sind insgesamt sieben Editionen mit jeweils 3 Hörspiele auf (durchschnittlich) 10 CDs, aus denen dieses BEST OF zusammengestellt wurde, das einen wunderbaren Querschnitt bietet und mir äußerst unterhaltsame wie spannende Hör-Stunden bescherte.


3 CDs/ Gestatten, mein Name ist Cox. Tod auf Gepäckschein 3311 (1959) von Alexandra & Rolf Becker/ Regie: Walter Netzsch/ mit Carl-Heinz Schroth, Konrad Georg, Karin Jacobsen, Siegfried Lowitz, Ulrich Bernsdorff, Uli Steigberg, Heinz Leo Fischer, Elisabeth Linhardt, Ursula Kube u.a.


4 CDs/ Paul Temple und der Fall Lawrence (1958) von Francis Durbridge/ Regie: Eduard Hermann/ mit René Deltgen, Annemarie Cordes, Kurt Liek, Ingeborg Schlegel, Robert Neugebauer, Carl Brückel, Willi Zickel, Peter René Körner, Herbert Hennies, Hans Fuchs, Karl-Heinz Bender, Magda Hennings u.a.


4 CDs/ Die Dame mit den grauen Löckchen (1959) von Lester Powell/ Regie: A.C. Weiland/ mit A.C. Weiland, Brigitte Dryander, Christa Adomeit, Heinz Pielbusch, Erich Herr, Hans Dilg, Friedrich Otto Scholz, Susanne Heym, Ernst Köstling, Margot Schönberger u.a.


Bonus-CD/ Kaum zu glauben (1962) von Francis Durbridge/ Regie: Heinz-Günter Stamm/ mit Eberhard Müller-Elmau, Martin Benrath, Gisela Zoch-Westphal, Alexander Kerst, Susanne Korda, Erwin Faber, Ernst Fritz Fürbringer, Horst Sachtleben, Hans Eichleiter u.a.


Wie meine verehrte Leserschaft vielleicht schon bemerkt hat, habe ich mir nicht die Mühe gemacht, für jedes Hörspiel eine Kurzfassung der Handlung zu erstellen. Es schien mir auch nicht nötig. Jede*r Krimi-Freund*in kennt das eine oder andere Hörspiel. Alle Unwissenden müssen sich nun eben auf meine Lobhudelei verlassen. Und dieses BEST OF KRIMI KULT KISTE bietet einen ganz wunderbaren Einstieg in die Materie. Schenkt sie der Zuhörerschaft doch alles, was sie für einen unterhaltsamen Krimi-Abend benötigen. Da sind zum einen die aufregenden Original-Geschichten der versierten Autor*innen, die ganz wunderbar gealtert sind und trotz Remastering glücklicherweise ihre charmante Patina nicht verloren haben. Natürlich darf bei einem Radio-Hörspiel die Musik nicht fehlen, die als Original-Kompositionen sowohl als Titel- und somit Erkennungs-Melodie zum Einsatz kam als auch zur atmosphärischen Untermalung diente. Apropos „Atmosphäre“: Hier machte auch die Tontechnik einen ganz hervorragenden Job und schuf für jeden Raum den passenden Hall, für jede Situation das passende Ambiente.

Und dann waren da noch die herausragenden Sprecher*innen, die alle Könner*innen ihres Fachs waren. Aus der Fülle an Namen möchte ich nur einige exemplarisch nennen: René Deltgen schlüpfte hier in die Rolle des plitschen Privatdetektivs Paul Tempel, bevor er später als Edgar Wallace Bösewicht „Der Hexer“ auch im Kino für Furore sorgen sollte. Ernst Fritz Fürbringer war prädestiniert für destingierte, doch auch undurchsichtige Charaktere, wie er sie später gerne in Krimi-Serien wie „Derrick“ verkörperte. Gisela Zoch-Westphal galt als eine der wichtigsten Stimmen für Hörbuch/Hörspiel und legte ihr Augenmerk auf Vertonungen der Werke von Schriftstellerinnen wie Ingeborg Bachmann, Katherine Mansfield und (insbesondere) Mascha Kaléko. Mir ging das Herz auf, als die Stimmen von Carl-Heinz Schroth und Siegfried Lowitz erklangen, die als Paul Cox und Kriminalinspektor Carter zwar beide auf der Seite von Recht und Ordnung stehen, dabei aber sehr unterschiedliche, sich konkurrierende Methoden anwenden. Auch sie sollten beide später Fernsehgeschichte schreiben. All diesen tollen Schauspieler*innen zu lauschen, die ihr Handwerk noch verstanden, bereitete mir eine außerordentliche Freude.

Darum: Gönnt euch dieses BEST OF KRIMI KULT KISTE, dimmt das Licht, huscht mit einem Getränk eurer Wahl und ein paar Knabbereien unter die Wolldecke, und dann steht einem gemütlichen Abend vor dem CD-Player nichts mehr im Wege.


Euch gelüstet es nach mehr Krimi-Spaß im Retro-Charme? Dann schaut euch gerne das Video KEIN MUCKS! in concert an. Bastian Pastewka lässt gemeinsam mit dem WDR Rundfunkorchester den Sound der legendären Krimis aus den 50er und 60er Jahren wieder aufleben und kredenzt zusätzlich herrlich amüsante Anekdoten.


erschienen bei Der Hörverlag/ ISBN: 978-3844525946
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Hör-exemplar!

SAISON-RÜCKBLICK 2023/2024

Am Ende eines Jahres präsentiert jede*r Buchverrückte gerne die persönlichen LESE-HIGHLIGHTS: Auch ich praktiziere dieses beinah schon traditionelle Ritual mit Freude, da es mir die wunderbare Chance ermöglicht, dass ich die gelesenen Bücher nochmals Revue passieren lassen kann.

Doch einen Rückblick auf eine vergangene Spielzeit hatte ich mir bisher noch nie gegönnt. Dabei ist die Kultur für mich ein so essenzieller Bestandteil meines Lebens, der Einfluss auf mein Wohlbefinden, meine Phantasie, meine Gedanken und meine Emotionalität nimmt.

Auch wenn die Corona-Pandemie in weiter Ferne verschwunden scheint, ist der Besuch einer kulturellen Veranstaltung für mich immer noch nicht zu einer Selbstverständlichkeit geworden, die ich gedankenlos „nebenbei“ konsumiere. Dafür sind mir die Zeiten des Lockdowns, in denen die kulturellen Einrichtungen geschlossen waren, weiterhin sehr präsent in meiner Erinnerung verankert – und werden es vielleicht auch immer bleiben.

Damals war meine Freude einfach zu überwältigend: Ich saß nach dem Lockdown zum ersten Mal wieder in einem Theater. Das Orchester begann die Ouvertüre zu spielen, und mir liefern Tränen über das Gesicht und sammelten sich unter meiner FFP2-Maske. Ich konnte nichts dagegen tun – es passierte einfach…! Ich war so froh und dankbar, endlich wieder Kultur erleben zu dürfen.

Darum schwelge ich nun umso hemmungsloser in Erinnerung an die Glücksmomente der Vergangenheit und hoffe sehr, es mögen in der kommenden Saison noch viele, viele weitere Glücksmomente folgen. Doch hier kommt sie nun, meine kleine, höchst persönliche Hommage an die zurückliegende Saison 2023/2024!

Ich wünsche viel Spaß! 🥰

VORSPANN
1. ERÖFFNUNGSGALA / 2. THEATERFEST / 3. DER ZERBROCHNE KRUG
4. TOSCA / 5. PE WERNER / 6.SEELEN / 7. GODE GEISTER
8. HÄNSEL UND GRETEL / 9. SPAMELOT / 10. MARY ROOS & WOLFGANG TREPPER
11. 1. OSTERHOLZER WINTERLICHTER / 12. DAS DOPPELTE LOTTCHEN
13. NEUJAHRSKONZERT / 14. RUSALKA / 15. DOOD OP REZEPT
16. HELLO, DOLLY! / 17. DIE LUSTIGE WITWE / 18. TANZ DER VAMPIRE
19. DE QUEEN VON QUEKENBÜTTEL / 20. VORLESEWETTBEWERB
21. THE APPLE TREE / 22. DIE VIER JAHRESZEITEN / 23. DER ROSENKAVALIER
24. LANGE NACHT DER KULTUR / 25. DIE 39 STUFEN
ABSPANN

[Rezension] Robert Galbraith – DAS STRÖMENDE GRAB

Seit Oktober des letzten Jahres liegt dieser Roman auf meinem SuB und wartet darauf, dass ich ihn endlich aus seinem durchsichtigen Cellophan-Kleidchen befreie. Mehrfach hielt ich ihn schon in der Hand, trug schwer an seinem Gewicht, wiegte ihn unschlüssig hin und her, zauderte und legte ihn dann doch wieder zurück. Nur zu gut erinnerte ich mich an den letzten „Galbraith“, der mir zwar durchaus sehr gefiel aber auch mit „parallel abgedruckte Chat-Verläufe, Auszüge aus Twitter-Accounts, lange Dialog-Passagen über mehrere Seiten, ein üppiges Handlungspersonal mit Klarnamen und Internet-Pseudonymen“ (Zitat aus meiner damaligen Rezension) meine Konzentration extrem herausforderte. Zudem waren mir meine Versuche noch recht präsent in Erinnerung, diesen schweren „Backstein“, der aus 1343 Seiten bestand, in einer für mich halbwegs angenehmen Art zu händeln.

Und darum lag sein Nachfolger nun schon so lange auf meinem SuB, bis ich vor einigen Tagen ein gänzlich anderes Buch suchte, dies zwar nicht fand, dafür aber wieder diesen Roman in der Hand hin und her wiegte. Aus einem spontanen Impuls heraus riss ich ihm sein Kleidchen vom papierenen Leib und begann zu lesen…

Cormoran Strike wird von einem besorgten Vater kontaktiert, dessen Sohn Will sich im ländlichen Norfolk einer undurchsichtigen Glaubensgemeinschaft angeschlossen hat. Die Universal Humanitarian Church ist nach außen hin eine friedfertige Organisation, die sich für eine bessere Welt einsetzt. Doch Strike entdeckt bald, dass unter der harmlosen Oberfläche böse Machenschaften und unerklärte Todesfälle lauern. Um Will zu retten, reist Strikes Geschäftspartnerin Robin Ellacott nach Norfolk, um sich der Sekte anzuschließen und inkognito unter den Mitgliedern zu leben. Doch sie ist nicht auf die Gefahren vorbereitet, die sie dort erwarten, geschweige denn auf den Preis, den sie wird zahlen müssen …

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Auch wenn Robert Galbraith aka Joanne K. Rowling meinen Handgelenken eine Erleichterung von 47 Seiten schenkte, die dieser Schmöker weniger als sein Vorgänger auf die Waage bringt, ist auch er mit 1296 Seiten wahrlich kein Leichtgewicht. Doch trotz dieser Fülle hatte ich während der Lektüre zu keiner Zeit das Gefühl, es wäre ein „Zuviel“. Im Gegenteil: Galbraith/Rowling baute auch diesmal die Handlung wieder äußerst raffiniert auf, so dass sie sich erst Schritt für Schritt steigerte, um mich dann beim großen Showdown mit unvorhersehbaren Wendungen zu überraschen. Dabei verteilte sie die Geschehnisse auf viele Kapitel mit überschaubaren Seitenzahlen. Dies erzielte bei mir den bekannten Effekt, dass ich am Ende eines Kapitels dachte „Ach, eins schaff’ ich noch!“. Ruckzuck hatte ich so – statt der anfangs geplanten ½ Stunde – über STUNDEN in meinem Lieblingssessel verbracht, um zu lesen.

Die Szenen, die bei der Universal Humanitarian Church spielen, sind wahrlich keine leichte Kost. Die dort praktizierte menschenverachtende Haltung erinnerte mich an Vorgehensweisen totalitärer Regime, die die Menschen mit Unterdrückung und Angst geißeln, um ihre dogmatischen Lehren mit aller Macht durchzusetzen. Die Szenen sind sehr plastisch beschrieben, wühlen emotional auf und zeugen in ihrer Detailliertheit von einer akribischen Recherche der Autorin.

Abermals staunte ich über Rowlings Talent, Dialoge schlüssig, glaubhaft, beinah organisch zu entwickeln und dabei nah an der Gefühlswelt der Protagonist*innen zu sein. Sowohl den Haupt- wie auch den Nebenrollen schenkte sie den nötigen Raum, um abermals zu reifen. Dazu verriet sie bisher unbekannte Details oder setzte sie herausfordernden Situationen aus, wodurch das Profil des jeweiligen Charakters deutlich an Schärfe gewann. So hielten – neben der Haupthandlung – auch die zwischenmenschlichen Irrungen und Wirrungen der Protagonisten so manche Überraschung bereit und sorgten dafür, dass mich die Held*innen – allen voran natürlich Cormoran Strike und Robin Ellacott – nicht eine Sekunde lang langweilten.

Und wie schon am Ende meiner Rezension zu DAS TIEFSCHARZE HERZ fordere ich auch nun: Wann gibt es bei den Kriminalromanen von Robert Galbraith endlich die längst überfällige Änderung im Titel: Ein Fall für Cormoran Strike sollte abgelöst werden von Ein Fall für Strike und Ellacott – Robin hätte es mehr als verdient!!!


erschienen bei Blanvalet / ISBN: 978-3764508654 / in der Übersetzung von Wulf Bergner,Christoph Göhler und Kristof Kurz 
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!