[Noch ein Gedicht…] Adele Schoppenhauer – AN DIE NACHT

O stille Freundin Du! O wortlos ernste Nacht!
Nimm meinen lauten Schmerz in Deine Mutterarme!
Verhüll‘ mein müdes Haupt in Deiner Schleier Pracht,
Daß dieses starre Herz in Thränenthau erwarme.
Zeig‘ mir Ihn fern im Traum, erwecke heiß’res Sehnen –
Die harte Wirklichkeit nahm mir den Trost der Thränen.

Des Tages Forderung und seiner Fragen Qual,
Sie bleiben, fern gebannt, in weitem Kreise stehen –
Und frei von fremdem Zwang erhebt zum erstenmal
Die Seele sich empor, will weithin rückwärts sehen
Dorthin – wo sie geglaubt, dem Tod sich hinzugeben,
Und ach! so tief geirrt! sie gab sich hin – dem Leben!

Adele Schoppenhauer

[Rezension] Caspar Salmon – Wie man bis eins zählt (Und fang erst gar nicht mit größeren Zahlen an!)/ mit Illustrationen von Matt Hunt

Kicher! Kicher! – Hihi! – Gnigger! Gnigger!

Da sitze ich also in meinem Ohrensessel über ein Bilderbuch gebeugt, lese den Text, betrachte die bunten Bilder dazu und gackere vor Vergnügen vor mich hin. Ganz unversehens bin ich zu diesem humorvollen Bilderbuch gekommen: Zum Welttag des Buches veranstaltete der Kunstmann-Verlag auf Instagram ein Gewinnspiel, und – Tata! – ich habe gewonnen!

Nochmals: Meinen herzlichsten Dank!

Darum sitze ich also in meinem Ohrensessel über dieses Bilderbuch gebeugt, das mich zunehmend begeistert, da es Kinder ganz raffiniert zum Zählen animiert, auch wenn der Titel etwas anderes suggeriert. Auch wenn z. Bsp. sich 5 Enten über die Seiten tummeln, so betont Autor Caspar Salmon in seinen Texten immer wieder vehement, dass nur bis EINS! gezählt werden darf. Es geht immer nur um die EINS! Wir dürfen immer nur bis EINS! zählen.

Caspar Salmon. WIE MAN BIS EINS ZÄHLT – Illustration Matt Hunt

Beinah scheint es, als wolle Salmon uns das Weiterzählen verbieten, wohlwissend, dass das, was verboten, umso reizvoller ist. Es erinnerte mich an meine eigene Kindheit: Die Eltern hatten etwas verboten, und ab diesem Zeitpunkt war das Verbotene äußerst verführerisch (Vorher war es mir pups-egal!). Und obwohl etwas verboten war, tastete ich mich langsam vor, lotete die Grenzen des Tolerablen aus und genoss das kribbelige Gefühl, etwas „Verbotenes“ getan zu haben. In diesem Buch versucht es der Autor sogar immer wieder selbst, uns zum Weiterzählen zu verführen. Ganz und gar hinterhältig nutzt er dazu die gelungenen Illustrationen von Matt Hunt.

Hunt schuf für dieses Buch witzige Bilder, die mich immer wieder durch skurrile Details amüsierten und so auch zum bloßen Betrachten (ohne Zählen) einluden. Dabei staunte ich über die scheinbare Schlichtheit, die meine Phantasie doch so sehr anregte, dass ich eigene Ideen entwickelte: Die Bilder animieren nicht nur zum Weiterzählen – Nein! – auch zum Weitererzählen, indem zu diesen Bildern Geschichten selbst erdacht werden könnten. So käme dieses Buch immer wieder und wieder zum Einsatz und könnte sich einen dauerhaften Platz in den Kinderzimmern sichern. Das Potential, ein Klassiker zu werden, hätte es allemal!

Am Schluss durfte ich dann endlich weiter als bis EINS! zählen: Puh, länger hätte ich es auch nicht mehr ausgehalten!


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-3956144912

Ich danke dem Verlag herzlich für diesen wunderbaren Gewinn!

[Rezension] John Bude – Mord an der Riviera

Strahlender Sonnenschein, klarer Himmel, weißer Strand am blauen Ozean – dumm nur, dass selbst vor der Postkartenidylle der französischen Riviera das Verbrechen nicht Halt macht und sich keine Pause gönnt. Detectiv-Inspector Meredith und sein junger Kollege Acting-Sergeant Freddy Strange sind im Auftrag des Scotland Yards vor Ort, um mit Unterstützung der hiesigen Gendarmerie eine Bande von Geldfälschern aufzuspüren, die unter der Ägide des talentierte englischen Graveurs Chalky Cobbett die Côte d’Azur mit Blüten überschwemmt. Dreh- und Angelpunkt scheint die Villa Paloma der reichen wie resoluten Witwe Nesta Hedderwick zu sein, die hier mit ihrer Nichte Dilys und einer Schar mysteriöser, wenn nicht sogar verdächtiger Gäste residiert. Während Meredith versucht, eine mögliche Beteiligung der Villa-Bewohner am Geldfälscherring nachzuweisen, erliegt Freddy Strange zunehmend dem Charme der reizenden Dily. Nach etlichen Fehlschlägen kommen die beiden Spürnasen den gesuchten Kriminellen endlich auf die Spur. Beinah scheint es so, als könnten sie ihren Auftrag erfolgreich beenden, bis sich plötzlich ein Mord ereignet, der alles nur noch verzwickter macht…!

1952, nur wenige Jahre nach dem 2. Weltkrieg, dürsteten die Leser nach Spannung vor exotischer Kulisse, um so dem eigenen grauen Alltag zu entfliehen. John Bude, damals auf dem Höhepunkt seiner Karriere, gab ihnen genau dieses. So spielt die französische Riviera eine nicht unbedeutende Rolle in diesem unterhaltsamen Krimi. Bei etlichen Orts-Beschreibungen fühlte ich mich zwangsläufig an den Film-Klassiker „Über den Dächern von Nizza“ erinnert, da der Autor detailliert die Atmosphäre dieses Landstriches vor den Augen seiner Leserschaft aufleben lässt.

Wie schon in Mord in Sussex ist auch hier Detectiv-Inspector Meredith den Ideen der Jugend durchaus zugeneigt und überlässt seinem Sergeant gerne die Bühne – allerdings nicht ohne einen wachsam-schützenden Blick auf ihn zu werfen. Könnte ihre Beziehung zueinander durchaus als kollegial bezeichnet werden, so bleibt Bude in der Zeichnung der Figuren der damals gängigen Tradition treu, indem Meredith für Strange als der erfahrenere Kollege nichtsdestotrotz auch sein Vorgesetzter ist. Die Dialoge zwischen unseren beiden Helden sind äußerst kurzweilig zu lesen und amüsierten mich durch ihre heiter-ironischen Neckereien. Aber auch das Verhältnis zur hiesigen Polizei wird als äußerst kollegial beschrieben: Meredith und Strange sind eben nicht die Super-Bullen, die sich überall als „einsame Wölfe“ allein durchschlagen. Vielmehr wird hier ein äußerst respektvoller Umgangston gepflegt sowie partnerschaftlich ermittelt.

Aber auch das übrige, durchaus üppige Personal wird klar gezeichnet und raffiniert mit der Handlung verwoben: Da kennt jemand jemanden, der jemanden kennt, der zufällig jemanden kennengerlernt hat, der wiederum mit jemanden bekannt ist. Bude beherrscht dabei bravourös die Kunst, die einzelnen Handlungsfäden erst zu verwirren, um sie dann geschickt wieder zu entknoten. Dabei behält er stets sein Ziel im Fokus: Nach ca. 200 Seiten fragte ich mich, wann im Roman der titelgebende Mord passiert. Zu diesem Zeitpunkt war die Handlung nämlich schon soweit fortgeschritten, dass Meredith und Strange sich bzgl. Überführung der Geldfälscher schon auf der Zielgerade befanden. Und so hegte ich den leisen Verdacht, dass besagter Mord womöglich als Anhängsel verreckt bzw. als Seitenfüller fungiert.

Doch weit gefehlt: John Bude war ein Kriminal-Autor alter Schule, der – wie auch div. seiner Kolleg*innen aus der goldenen Ära des britischen Krimis – sein Handwerk aus dem Effeff verstand und sich so von seinen Leser*innen mit einem überraschenden Twist verabschiedete.


erschienen bei Klett-Cotta/ ISBN: 978-3608980837

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Musical] Alan Menken – DER KLEINE HORRORLADEN / Stadttheater Bremerhaven

Musik von Alan Menken / Buch und Gesangstexte von Howard Ashman / nach dem Film von Roger Corman und dem Drehbuch von Charles Griffith / Deutsch von Michael Kunze / in einer Textfassung von Peter Hilton Fliegel und Jörg Steinberg

Premiere: 25. Februar 2022/ besuchte Vorstellung: 22. April 2022

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


Musikalische Leitung: Jan-Hendrik Ehlers
Inszenierung: Jörg Steinberg
Bühne: Fred Pommerehn
Kostüme: Susanne Füller
Choreografie: Andrea Danae Kingston

Eine Inszenierung wurde zum Kult: Als sich am 23. Januar 1993 der Vorhang zum ersten Mal für „Der kleine Horrorladen“ im Stadttheater Bremerhaven hob, konnte wohl niemand ahnen, dass dieses Musical ein Publikumsmagnet über zwei Spielzeiten sein und dem Theater ständig ausverkaufte Vorstellungen bescheren würde. In der Regie von Manfred Repp tobten damals Dirk Böhling als Seymour, Harriet Kracht als Audrey sowie die Musical-Ladies Angela Lachnit (auch Choreografie), Bettina Meske und Lynne Williams als Gossen-Supremes über die Bühne. Puppenspieler Friedo Stuck erweckte Audrey II zum Leben, der Jazz-Sänger Emo Phillips seine soulige Stimme lieh. Kay Krause (nach wie vor im Ensemble des Hauses) demonstrierte seine Wandelbarkeit in div. Nebenrollen, und der noch junge und unbekannte Christoph Maria Herbst zeigte als Orin, das schon damals eine Menge Comedy in ihm steckte. Insgesamt 6 Mal pilgerte ich nach Bremerhaven, und es war immer wieder ein Fest…!

Mushniks Blumenladen in der heruntergekommenen Skid-Row läuft schlecht – kaum Kundschaft und dazu noch unfähiges Personal. Handlanger Semour sorgt mit seiner Tapsigkeit für eine Schneise der Verwüstung, und Verkäuferin Audrey versucht erfolglos ihre Blessuren zu verdecken, die ihr ihr sadistischer Zahnarzt-Freund Orin Scivello zufügt. Als dann die drei Straßen-Gören Crystal, Chiffon und Ronette penetrant vor dem Laden herumlungern und auch noch die letzten Kunden verscheuchen, sieht Mr. Mushnik sich gezwungen, den Laden zu schließen. Auf Drängen von Audrey zeigt Seymour ihm eine seltsame Pflanze, die er vor einiger Zeit auf dem Blumengroßmarkt einem alten Chinesen abgekauft hat. Dieses Gewächs wirkt so bizarr abartig, dass Mushnik nicht glaubt, dass sie irgendjemanden in den Laden locken könnte. Doch kaum steht die Pflanze, die Seymor aus Verehrung zu seiner Kollegin „Audrey II“ genannt hat, im Schaufenster, klingelt die Ladenglocke unaufhörlich, und Aufträge über Aufträge trudeln ein. Dummerweise benötigt Audrey II zum Wachsen und Gedeihen einen ganz besonderen Dünger: Blut! Seymour fühlt sich darum nicht nur seit Tagen etwas schwindelig sondern auch reichlich blutleer. Doch je mehr die Pflanze wächst, umso größer wird sein Hunger, bis ihr die paar kläglichen Tropfen aus den Fingern ihres Pflegers nicht mehr genügen. Sie will mehr, viel mehr! Seymour, dem einerseits der Erfolg zu Kopf gestiegen ist und andererseits das Leiden seiner angebeteten Audrey durch den brutalen Orin nicht länger ertragen kann, lässt sich durch die Schmeicheleien der Pflanze zu einer Gräueltat animieren. Nachdem Orin aufgrund eines Defekts seiner Lachgasmaske jämmerlich erstickt ist, zerteilt Seymour ihn in mundgerechte Häppchen für sein unersättliches Gewächs. Doch der Appetit von Audrey II wird dadurch nur kurzfristig gestillt: Sie will nicht nur mehr! Sie will alles…!!!


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„Der kleine Horrorladen“ war diesmal in der Schauspiel-Sparte verortet, und so waren alle Rollen mit Schauspielerinnen und Schauspielern besetzt, die durch 4 Tänzer*innen unterstützt wurden. So gab es rein vom Darstellerischen her auch wenig zu bemängeln: Richard Feist gab einen quirligen Seymour mit enormen Bewegungstalent.  Marsha Zimmermann legte ihre Audrey deutlich weniger als dummes Blondchen an und verzichtete wohltuend auf das Lispeln. Frank Auersbachs Mr. Mushnik strotze vor rustikalem Charme. Marlene Jubelius, Sabine Barthelmeß und Juschka Spitzer boten als die drei Gossen-Gören eine solide Leistung. Abräumer des Abends waren allerdings Dominik Lindhorst-Apfelthaler, der sowohl als Orin als auch in div. Nebenrollen komödiantische Kabinett-Stückchen kredenzte, sowie Henning Bäcker, der als personifizierte „Audrey II“, mit diabolischem Blick und im blutroten Anzug gewandet, die Befriedigung seiner perversen Gelüste genüsslich ausspielte.

Dumm nur, dass in einem Musical zwangsläufig gesungen wird – gesungen werden muss, da es sonst die Bezeichnung „Musical“ nicht verdiente. Und hier liegt eine der großen Schwachstellen dieser Produktion: Schauspieler*innen sind nicht zwangsläufig gute Sänger*innen, und eine Sprechpassage wird anders aufgebaut als ein Song. So klangen die Gesangseinlagen nicht nur disharmonisch, weil sie wenig aufeinander abgestimmt waren bzw. ich den Eindruck hatte, dass wenig aufeinander gehört wurde, sondern taten mir manchmal sogar in den Ohren weh. Einzig Henning Bäcker konnte hier auch gesanglich überzeugen. Erschwerend kam hinzu, dass die Songtexte im englischen Original vorgetragen wurden – für mich unverständlich, da es eine wunderbare Übersetzung von Michael Kunze gibt.

Zudem wirkte die Regie von Jörg Steinberg auf mich merkwürdig hektisch: Die Schauspieler*innen agierten wie aufgezogen, mussten manchmal in einem ordentlichen Tempo die Szenen spielen, dass dabei zwangsläufig die Emotionen auf der Strecke blieben, und es mir als Zuschauer schwer fiel, mich mit den Figuren zu identifizieren und mit ihnen mitzufühlen. Leider erschloss sich mir auch nicht, warum der Regisseur gemeinsam mit Dramaturg Peter Hilton Fliegel die vorhandene Textfassung überarbeitete und dieses kurzweilige Trash-Musical mit Passagen aus Shakespears „Macbeth“ bzw. Goethes „Faust“ „anreicherte“. Steinberg hebt die Figuren so auf eine elitäre Ebene. Beinah wirkt es, als wollte er es vermeiden, dass die Rollen sich entwickeln können. Vieles erscheint oberflächlich, plakativ und beinah zu clean für mich: die adretten (optisch durchaus ansprechenden) 60er Jahre-Kostüme incl. Frisuren, der ordentlich verteilte Müll auf der Vorderbühne, die glänzenden Mülltonnen ohne Patina. Einige Szenen wirken verwirrend uninsziniert, so als hätte der Regisseur seinen Darsteller*innen zugerufen „Improvisiert mal…!“, so z.Bsp. beim Song „Mushnik and Son“, bei dem die beiden Darsteller hinter den Tänzern und somit aus dem Fokus des Publikums verschwinden.

Apropos Tanz: Andrea Danae Kingston hat an diesem Hause in der Vergangenheit schon einige exzellente Choreografien erstellt, (u.a. in der letzten Spielzeit für das Musical Chicago). Doch hier wirkten ihre Tanzszenen oft recht uninspiriert (…oder durfte sie nicht mehr zeigen?), die die grandiosen Tänzer eher unterforderten. Auch hier hatte ich häufig den Eindruck von „Improvisiert mal…!“. Dabei gab es durchaus zwei, drei ganz und gar wunderbare Beispiel, wo eine Nummer durchchoreografiert war und Musical-Zauber verbreitete, u.a. bei „Somewhere That’s Green“, wenn Audrey vom kleinen Glück im Grünen träumt und parallel zwei Paare (Alicia Navas Otero, Ting-Yu Tsai, Renan Carvalho und Tanaka Lionel Roki) dies im Tanz umsetzen. Und warum der Regisseur eine Rausschmeißer-Nummer wie „Mean Green Mother From Outer Space“ nicht zum fulminanten Dance-Act kürt, sondern das gesamte Ensemble nur über die Bühne spazieren lässt, um überall kleine Audrey II-Ableger zu verteilen, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Apropos Audrey II: Hm! Ach, ich mag auch nicht mehr meckern! Nur so viel: In der alten Fassung war Audrey II deutlich eindrucksvoller.

Last but not least: Die Band unter der Leitung von Jan-Hendrik Ehlers war der absolute Hammer und spielte ebenso perfekt die rockigen Songs mit entsprechendem Druck wie die zarten Töne der Balladen. Toll!!!

Das Publikum fühlte sich durch die Show hör- und sichtbar gut unterhalten und geizte zum Schluss nicht mit reichlichem Applaus. Auch für mich bot diese Inszenierung durchaus unterhaltsame Momente. Doch Kultstatus, an dem ich mich auch noch in 30 Jahren erinnere, wird sie leider für mich nicht erreichen.


Audrey II wird nun auch in Bremerhaven ihrer Kundschaft das Gruseln lehren:  DER KLEINE HORRORLADEN ist noch bis Mitte Juni 2022 geöffnet!

[Rezension] Rainer Moritz – Unbekannte Seiten. Kuriose Literaturgeschichte(n)

Anekdoten, diese kleinen Geschichten und Geschichtchen, die oft witzig und kurios aus dem Leben einer Person berichten und diese so oftmals sehr treffend charakterisieren. In ihrer Reduzierung auf das Wesentliche steuert die Handlung zwangsläufig auf eine Pointe hin und sorgt so oftmals für Erheiterung beim Publikum. Aber um dies zu erreichen, muss die vortragende Person sie aber auch zu erzählen wissen, da eine mittelprächtige Anekdote durchaus durch die Kunst des Vortragenden aufgewertet werden kann. Bei der Weitergabe einer Anekdote wird hier ein wenig ausgeschmückt, dort ein wenig weggelassen, und schlussendlich ist sowohl die Urheberschaft als auch der Wahrheitsgehalt nicht mehr nachweisbar.

Rainer Moritz beherrscht einerseits die Kunst der geistreichen Plauderei aus dem Effeff, andererseits kennt er als Mann mit Hang zur Bibliophilie so manches pikantes Histörchen aus dem Literaturbetrieb. Und so greift er für diese Sammlung in den großen Topf der Anekdoten und kredenzt uns eine appetitliche Vielfalt an Geschichten quer durch die Jahrzehnte bzw. Jahrhunderte. Und so erfahren wir…

Warum…
…Marcel Proust einen Kritiker zum Duell aufforderte, um seine Ehre zu retten?
…Hellmuth Karasek zu einer Lesung aufgrund kulinarischer Versuchungen verspätet erschien?
…Francoise Sagans Maserati für Aufruhr bei den Studentenrevolten sorgte?
…Oscar Wilde mit dem Muster der Tapete in seinem Pariser Hotel-Zimmer haderte?
…Friedrich Dürrenmatt sich am Brand eines Nobel-Hotels schuldig fühlte?
…Agatha Christie ihr eigenes Verschwinden inszenierte, um den untreuen Gatten zu strafen?
…Charles Dickens nach der Abreise von Hans Christian Andersen eine Bemerkung auf den Spiegel des Gästezimmers schrieb?
…Colettes niederschmetternde Kritik an George Simenons Prosa diesen auf den rechten literarischen Weg führte?

Diese und 30 weitere Kuriose Literatur-Geschichte(n) finden sich in diesem unterhaltsamen Büchlein: Einige waren mir durchaus schon bekannt. Doch die Meisten las ich zum ersten Mal, und sie amüsierten mich prächtig. Dies war natürlich auch dem ironischen aber nie verletzenden Ton von Rainer Moritz zu verdanken, der angenehm eloquent dieses Brevier aus Klatsch und Tratsch zusammenstellte, mit der ich meine Zeit äußerst kurzweilig verplemperten durfte.

Beim Lesen dieser amüsanten Berichte hatte ich oftmals das Gefühl, dass der/die Held*in die entsprechende Aufmerksamkeit selbst herausforderte, um so an der eigenen Historienbildung zu feilen. Denn: So viele Zufälle auf einem Haufen erscheinen beinah unvorstellbar. Doch: Wer bin ich, um darüber zu richten. Und schlussendlich: Wer weiß schon, was wirklich geschah? 😉


erschienen bei Oktopus (bei Kampa)/ ISBN: 978-3311300243

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Noch ein Gedicht…] Joachim Ringelnatz – OSTERN

Wenn die Schokolade keimt,
Wenn nach langem Druck bei Dichterlingen
»Glockenklingen« sich auf »Lenzes Schwingen«
Endlich reimt
Und der Osterhase hinten auch schon presst,
Dann kommt bald das Osterfest.

Und wenn wirklich dann mit Glockenklingen
Ostern naht auf Lenzes Schwingen, – – –
Dann mit jenen Dichterlingen
Und mit deren jugendlichen Bräuten
Draußen schwelgen mit berauschten Händen – – –
Ach, das denk ich mir entsetzlich,
Außerdem – unter Umständen –
Ungesetzlich.

Aber morgens auf dem Frühstückstische
Fünf, sechs, sieben flaumweich gelbe, frische
Eier. Und dann ganz hineingekniet!
Ha! Da spürt man, wie die Frühlingswärme
Durch geheime Gänge und Gedärme
In die Zukunft zieht
Und wie dankbar wir für solchen Segen
Sein müssen.
Ach, ich könnte alle Hennen küssen,
Die so langgezogene Kugeln legen.

Joachim Ringelnatz


Ich wünsche Euch von Herzen
🐰 FROHE OSTERN! 🐰

Liebe Grüße
Andreas


[Rezension] Siegfried Lenz – Der Ostertisch/ mit Illustrationen von Jacky Gleich

Ein Schrei tönt über das Deck des Schleppkahns von Alec Puch und lässt dessen drei Söhne Sybba, Schissomir und Quaken, benannt nach den masurischen Ortschaften in denen sie zur Welt kamen, erst aus dem Schlaf und dann aus den Hängematten schrecken. Ihr Vater steht weinend an Deck: Ostern naht und noch nichts ist für den Ostertisch parat. Wenn sie da nicht schleunigst Abhilfe schaffen, wird das Osterlamm sich mit seinem Erscheinen wohl ebenfalls Zeit lassen. Doch der schöne und prachtvolle Alec Puch ist ein wahrer Stratege und hat schon so einiges zustande gebracht – und damit sind nicht nur seine schönen und prachtvollen Söhne von drei ebenso schönen und prachtvollen Frauen gemeint. Und so machen sie sich auf den Weg ins nahe gelegene Örtchen und schlawinern sich die Zutaten für ihr Ostermahl zusammen: Stehlen könnte man es nicht nennen, vielmehr handelt es sich um eine Umverteilung der Güter. Doch zurück auf dem Kahn geht Papa Puchs Klagen von vorne los, denn was wäre ein richtiger Ostertisch ohne Ostergäste. So strömen die Knaben wieder in dem Örtchen aus, um Einladungen auszusprechen. Viele können nicht kommen, da schon andere Verpflichtungen sie vereinnahmen. Und die drei Gäste, die erscheinen, sind justemang die, denen Puch und seine Racker um die Leckereien für ihren Ostertisch erleichtert haben. Doch noch bevor die feierliche Stimmung kippt, steht plötzlich ein weißes, unschuldiges Lamm am Ufer des Flusses. Wer mag da nicht an ein friedvolles Wunder glauben…!

Wie schon in Das Wunder von Striegeldorf lässt Lenz auch hier den Flair seiner ostpreußischen Heimat wiederaufleben und zeichnet seine Figuren voller liebenswerten Witz. Der Hallodri Alec Puch steht dabei so einnehmend sympathisch im Mittelpunkt des Geschehens und amüsiert mit seinen kruden Ideen und seinem unkonventionellen Handeln. Dabei bringt er seinen drei Söhnen so viel Herzenswärme und Liebe entgegen, dass man ihm so manche Unzulänglichkeit verzeiht. Und auch die drei diebischen Knaben sind so schelmisch porträtiert, dass man ihnen einfach nicht böse sein kann. Haben sie doch alle gemein, dass sie das Herz am rechten Fleck tragen und uns so durch ihren Charme bezaubern.

Jacky Gleichs Illustrationen greifen den Ton der Erzählung gut auf, karikieren die Dorfbewohner amüsant und gefallen mir besonders in der Darstellung des Vaters und seiner Söhne.

Bei so viel entzückender Naivität erscheint das Lamm als Symbol für Reinheit sehr passend. Gleichzeitig gilt es allerdings auch als Symbol des Lebens und steht für Christis Auferstehung zu Ostern, der sich für die Menschheit geopfert und diese von ihren Sünden erlöst hat. Und so scheint es mir beinah, als würde mit dem Erscheinen des Lamms auch der Held in unserer Geschichte von seinen Sünden freigesprochen werden. Er hätte es verdient.

Beinah beiläufig flicht Lenz die Auferstehungsgeschichte mit dezenter Symbolik in sein Werk ein und präsentiert sich wieder als ein hinreißender Märchenerzähler.


erschienen bei Hoffmann und Campe/ ISBN: 978-3455013313