[Rezension] Anton Čechov – Späte Blumen. Herbstgeschichten

„Wir verdanken Peter Urban einen deutschen Čechov,
wie er schöner nicht sein könnte.“

…auch auf dem Umschlag zu dieser Anthologie darf das Zitat von Manfred Papst von der Züricher „NZZ am Sonntag“ natürlich nicht fehlen. Unwillkürlich musste ich schmunzeln, denn einerseits fragte ich mich, wie alt besagtes Zitat nun wohl schon sei, und ob es auch für Zitate ein Mindesthaltbarkeitsdatum gäbe, andererseits bewahrheitet sich wie schon so oft der Ausspruch „Papier ist geduldig“. Doch mein Unken soll die Leistung von Peter Urban in keiner Weise schmälern. Dank der herausragenden Arbeit des Übersetzers der Čechov’schen Geschichten habe ich mich zwar nicht unbedingt in einem ergebenen Fan verwandelt aber durchaus eine kleine Schwärmerei für den russischen Literaten entwickelt.

Der Diogenes-Verlag schließt mit diesem Band die noch offene Lücke zur bisher fehlenden literarischen Jahreszeit und kredenzt uns auch diesmal eine feine Auswahl aus dem Gesamtwerk des russischen Dichters. Ich hatte den Eindruck, dass wir mit „Herbst“ nun die raueste und unwirtlichste Jahreszeit erreicht haben. Während der „Frühling“ vom Aufkeimen in Liebe und Natur erzählte, der „Sommer“ in voller Pracht erstrahlte, und der „Winter“ sich in sein zauberhaftes, schneeweißes Kleid hüllte, schleudert uns der „Herbst“ mit brutaler Kraft seine Mahnung an die Vergänglichkeit entgegen. Natürlich erzählten nicht alle Geschichten aus den anderen Anthologien nur von „Friede, Freude, Eierkuchen“. Auch hier stolperten die handelnden Personen und fielen manches Mal unvermittelt und mit Wucht in ihr noch unbekanntes Schicksal. Doch ich hatte den Eindruck, dass es in den Herbstgeschichten besonders stürmisch zugeht.

Die Frage nach der Vergänglichkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichten. Dabei meint „Vergänglichkeit“ nicht nur, dass Blätter von den Bäumen fallen oder Blüten im Garten verwelken. Vielmehr müssen sich die Protagonist*innen mit der eigenen, manchmal schon körperlich deutlich spürbaren Vergänglichkeit auseinandersetzen. Aber auch das eigene Heim oder die geliebte Heimat kann durch Naturkatastrophen, Feuer oder Krieg zu einem Teil der Vergangenheit werden. Ein Niedergang scheint somit überall, in jeder Ecke und an allen Fronten unabwendbar. Und doch lässt Čechov in mancher Geschichte eine „späte Blume“ erblühen, die oft unvermittelt Einfluss auf den Lauf der Geschichte nimmt und diesen so sehr verändert, dass er in eine andere Richtung gelenkt wird. Diese „späten Blumen“ stehen für die Hoffnung, dass auch in allem Vergänglichen eine zarte Schönheit wohnen kann, die mit einem kleinen Fingerzeig zu einem möglichen Neubeginn deutet.

Besonders ergriffen haben mich die Erzählungen, in denen die Held*innen von familiären Ritualen und Überlieferungen, liebgewonnenen Gewohnheiten oder gesellschaftliche Strukturen Abschied nehmen mussten. Wir kennen es doch nur allzu gut selbst: Auch bei uns sorgen die genannten Faktoren allesamt für eine Grund-Ordnung im Leben, die ihm Halt und Beständigkeit gibt. Würden sie wegfallen, bedeutete dies einen Verlust an der eigenen, persönlichen und somit höchst individuellen Identität.

Čechovs Figuren sind wenig glamourös, sondern vielmehr kantig, fehlerhaft, eben menschlich. Es sind alles Menschen, die gestrauchelt sind – entweder zum Zeitpunkt an dem die Geschichte spielt, oder in der Vergangenheit, was wiederum Einfluss nimmt auf das, was uns nun von ihnen berichtet wird. Der Autor schildert das Geschehene manchmal mit einer brutalen Direktheit, dann wieder mit einer poetischen Melancholie. Er zeichnet detailreiche Charaktere, die nicht immer sympathisch erscheinen, auch nicht unbedingt sympathisch erscheinen müssen bzw. sollen. Doch stets spürte ich beim Lesen seinen ganz eigenen Rhythmus in den Zeilen und fühlte mich wieder einmal umfangen von der noblen Melodik in der Sprache.

Wer alle vier Bände sein eigen nennt, der ist gut gewappnet. „Mit Čechov durch’s Jahr!“ könnte so ein Motto lauten: Der jeweils passende Erzählband zur aktuellen Jahreszeit findet immer wieder einen Platz auf dem Tischchen neben meinem Lesesessel und lädt mich so ein, den russischen Schriftsteller, Novellist und Dramatiker immer wieder neu zu entdecken.


erschienen bei Diogenes / ISBN: 978-3257072464 / in der Übersetzung von Peter Urban

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Event] OSTERHOLZER WINTERLICHTER: …und weiter geht’s!

„I’m dreaming of a white Christmas…!“

…wird Michael Bublé mit seiner samtenen Stimme mir bald wieder ins Ohr säuseln. Und ich freue mich schon so sehr darauf, dann bald höchst offiziell mich der Weihnachtsmusik ausliefern und hingeben zu dürfen. Dabei bin ich seit meinem Engagement im Orga-Team der OSTERHOLZER WINTERLICHTER schon das ganze Jahr über in einer latenten Weihnachtsstimmung.

Vor genau einem Monat habe ich euch an eben dieser Stelle einen ersten Zwischenbericht zu unserem Event OSTERHOLZER WINTERLICHTER präsentiert, und in der Zwischenzeit ist so viel passiert…!

Neben unserer wundervollen Homepage gibt es nun auch Accounts auf facebook und Instagram. Tolle Flyer und Plakate (s.a. unten) wurden designt und mehrfach überarbeitet, bis sie endlich in den Druck gehen konnten, um dann rechtzeitig „überall und nirgends“ auf unsere OSTERHOLZER WINTERLICHTER hinzuweisen. So viele schöne Preise für unsere Tombola sind schon eingetrudelt, und auf unseren To-do-Listen prangen schon viele, viele Häkchen aber natürlich auch noch etliche offene Posten.

Plakat OSTERHOLZER WINTERLICHTER

Jede*r aus dem Orga-Team bringt sich mit so viel Kreativität und Können, Wissen und Zeit dort ein, wo Unterstützung benötigt wird. Dabei sind wir uns „erschreckend“ einig. Jede*r respektiert und schätzt die Kompetenzen der anderen Team-Mitglieder. Konstruktive Kritik ist erwünscht und wird auch gefordert. Dabei sind wir so entspannt uneitel, will sagen: Niemand hält sich und seine Institution für das Beste, Geilste und Größte!

Doch der schönste Nebeneffekt ist und bleibt dabei, dass zahlreiche Kontakte geknüpft werden, die so für eine Vernetzung im Stadtteil sorgen. Kleines Beispiel gefällig? Aber gerne! Gemeinsam mit meiner lieben Freundin Britta bin ich für die Gestaltung des kulturellen Programms zuständig, dass wir am 2. Dezember in der Klosterkirche St. Marien mit Freude präsentieren werden. Dort wird u.a. auch der Chor eines benachbarten Kindergartens ein Konzert geben. Damit die Kids vorab ein wenig die Scheu verlieren, statt in ihrer Kita-Gruppe plötzlich in einem viel größeren Raum singen zu müssen, habe ich die kleinen Sängerinnen und Sänger gemeinsam mit der Kita-Leiterin eingeladen, bei uns in der Kirche zu proben. Für zwei Termine im November haben wir uns nun schon verabredet: Ich freue mich sehr!

Wie schon erwähnt: Vieles haben wir bereits erreicht, einiges ist noch zu tun. Doch auch dies werden wir gemeinsam mit Spaß und Elan meistern.

In vier Wochen hört ihr von mir weitere Neuigkeiten von den OSTERHOLZER WINTERLICHTERn…! 💖


Die OSTERHOLZER WINTERLICHTER finden am 2. Dezember 2023 von 11.00 bis 19.00 Uhr zwischen Bördestraße, Findorffstraße und Klosterplatz in 27711 Osterholz-Scharmbeck statt.

[Rezension] Caroline Derlatka – Der Zauber der Bücher/ mit Illustrationen von Sara Ugolotti

Kann irgendein waschechter und eingefleischter Vollblut-Bücher-Nerd einem Titel wie „Der Zauber der Bücher“ ernsthaft widerstehen? Nein, selbstverständlich nicht mal ansatzweise, von „ernsthaft“ brauchen wir da gar nicht erst zu sprechen. Wobei ich den englischen Original-Titel „When You Open a Book“ noch viel ansprechender finde: Ja, was passiert denn da, wenn ich ein Buch zum ersten Mal aufschlage?

Mit magischen Worten
erfasst dich der Wind
und bläst dich zu Orten,
die Buchstaben sind.

Enthüll das Geheimnis,
der Zauber ist groß:
Schlag bloß Seite eins auf
und schon geht es los!

…lässt Caroline Derlatka die Reise zweier Kinder ins Land der literarischen Abenteuer beginnen. Denn wir alle wissen, dass in dem Moment, wo wir ein Buch aufschlagen, wir augenblicklich in eine uns unbekannte Welt entführt werden. Wir begeben uns auf eine spannende Reise, fliegen in Gedanken davon und haben uns real nicht den klitzekleinsten Millimeter von der Stelle bewegt.

Genau so ergeht es unserer Heldin und ihrem kleinen Freund: Sie machen die Bekanntschaft mit mächtigen Bären, großen Walen und freundlichen Riesen. Sie reiten auf eleganten Drachen oder segeln mit aberwitzigen Flugobjekten durch die Wolken. Sie kämpfen gegen Piraten auf dem Meer oder musizieren mit Delphinen und Kraken unter dem Meer. Sie fahren Schlitten auf einem Regenbogen oder erkunden die unendlichen Weiten des Weltraums. Dies geschieht nur, da sie ein Buch geöffnet haben.

Die Autorin schmückt die Geschichte mit poetischen Versen, die eine feine Melodik besitzen, sich ganz wunderbar vorlesen und so Raum für eine individuelle Interpretation lassen. Wobei mein Dank auch der Übersetzerin Cornelia Boese gilt, die sicherlich einen nicht unwesentlichen Anteil daran hat, dass die Poesie des Originals auch in der deutschen Übertragung erhalten blieb.


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Sara Ugolotti greift die Poesie der Verse nicht nur auf, sondern sie potenziert diese in ihren Illustrationen: Farbenfroh und phantasiereich, detailliert und humorvoll, märchenhaft und nuanciert – all dies und noch viel mehr repräsentieren ihre Bilder und laden mit ihrer harmonischen Farbgebung zum Immer-wieder-anschauen ein.

Ich habe mir dieses entzückende Buch insgesamt fünf Mal hintereinander angeschaut. Nach jedem Betrachten habe ich es zugeschlagen, einen Moment gewartet und still in mich hinein sinniert, bevor ich es abermals geöffnet habe. Meine Aufmerksamkeit blieb jedes Mal bei anderen Illustrationen haften, die mich staunend machten oder ein Lächeln auf meine Lippen zauberten. Und ich bin mir sehr sicher, dass mich dieses kleine aparte Gesamtkunstwerk noch sehr lange erfreuen wird.

Welch Abenteuer,
wag den Versuch!
Wunder erwarten dich.
Öffne ein Buch!

P.S.: Ich nahm dieses Büchlein in die Hand, und mein erster Gedanke war, dass den wunderbaren Illustrationen von Sara Ugolotti durchaus ein üppigeres Format gut gestanden hätte. Doch dann fiel mir auf, dass ich mit meinen großen Pranken nicht der passende Maßstab sein kann. Ich dachte an die viel kleineren Kinderhände, die in diesem Buch blättern würden, und befand, dass das Format genau richtig ist.


erschienen bei Knesebeck / ISBN: 978-3957287533 / in der Übersetzung von Cornelia Boese

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Lustspiel] Heinrich von Kleist – DER ZERBROCHNE KRUG / Stadttheater Bremerhaven

Lustspiel von Heinrich von Kleist

Premiere: 9. September 2023 / besuchte Vorstellung: 17. September 2023

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


INSZENIERUNG Thomas Oliver Niehaus
BÜHNE & KOSTÜME Kathrin Kemp
MUSIK Patrick Schimanski
DRAMATURGIE Elisabeth Kerschbaumer
REGIEASSISTENZ Jens Bache
INSPIZIENZ Mahina Gallinger
SOUFFLAGE Birgit Ermers
THEATERPÄDAGOGIK Schirin Badafaras
AUSSTATTUNGSHOSPITANZ Hannah Berki, Jana Rabofsky


Es war Saison-Auftakt am Stadttheater Bremerhaven mit dem Komödien-Klassiker DER ZERBROCHNE KRUG und gleichzeitig die erste Abo-Vorstellung für mich: Ich betrat also den Zuschauersaal, setzte mich auf meine gewohnten Plätze in der 2. Reihe und blickte auf fünf Kunsttannen, die üppig am Bühnenrand positioniert waren. Spontan lachte ich auf, da ich an das kleinliche Gemecker einiger Zuschauer*innen dachte, denen in der vergangenen Spielzeit in der sensationellen Inszenierung von DER FREISCHÜTZ der Wald fehlte. „Das habt ihr nun davon“, dachte ich voller Schadenfreude „Da habt ihr euren Wald!“. Doch dann blickte ich abermals auf die Bühne und langsam bahnte sich ein Gedanke seinen Weg in mein Gehirn. Meine schnöde Schadenfreude wich einer ernüchternden Erkenntnis, dass nicht nur die Meckerer im Wald stehen, auch mir würde eine freie Sicht auf die Bühne verwehrt bleiben.

Gerichtsschreiber Licht überrascht Richter Adam morgens beim Verbinden frischer Wunden. Adam erklärt, beim Aufstehen gestrauchelt und gegen den Ofen gefallen zu sein. Da lässt sich Gerichtsrat Walter melden. Er ist aus Utrecht entsandt, um Gerichtskassen und Akten zu prüfen. Adam gerät in Panik, zumal seine richterliche Perücke verschwunden und kein Ersatz zur Hand ist. Obendrein ist auch noch Gerichtstag, und Klägerin, Beklagter und Zeugen warten schon vor der Tür. Der Richter ahnt, weshalb sie gekommen sind, und dass er als Richter nun gezwungen sein wird, über eine Tat zu richten, die er selbst begangen hat. Entsprechend tut er alles, was in seiner Macht steht, um die Aufklärung des Falls, bei dem außer einem Krug auch ein Verlöbnis entzweiging, zu verhindern. Schlangengleich dreht und windet er sich, um den Verdacht auf andere zu lenken. Doch Gerichtsrat Walter und Schreiber Licht lassen sich davon nicht blenden, da beide, wenn auch aus sehr unterschiedlichen Gründen, an der Aufklärung des Falls interessiert sind. Schwitzend vor Angst wird Richter Adam in die Enge getrieben. Schritt für Schritt enthüllt sich während der Verhandlung folgender Tatbestand: Der Unbekannte, der am Vorabend des Gerichtstags hastig durch das Schlafkammerfenster von Eve Rull entwich und dabei den Krug, der ihrer Mutter Marthe lieb und teuer ist, vom Sims stieß, war er, Richter Adam selbst. Es war nicht der Beklagte, Eves Verlobter Ruprecht, der mit seinem Vater Veit Tümpel erschienen ist. Dessen vermeintlicher Nebenbuhler Lebrecht kann es ebenfalls nicht gewesen sein, da dieser sich zu dem Zeitpunkt nicht im Dorf aufhielt. Alle Indizien sprechen gegen Richter Adam: Die beiden Kopfwunden, die Adam davontrug, als Ruprecht dem unerkannt Flüchtenden zweimal die Türklinke über den Kopf hieb; Adams Klumpfuß, der die Spur vom Tatort quer durchs Dorf zu seiner Wohnung erklärt; und die fehlende Richterperücke, die die Zeugin Frau Brigitte am Weinspalier hängend unter Eves Kammerfenster entdeckt hatte. Nun rät Walter dem Richter, abzutreten, da die Würde des Gerichts auf dem Spiel stehe. Aber dieser will nicht hören und fällt sein Urteil: Ruprecht soll wegen Ungebühr der Hals ins Eisen gelegt werden. Ruprecht bäumt sich so stark gegen diese Ungerechtigkeit auf, dass Richter Adam ängstlich aus seinem Haus flüchtet. Nun wo der Schändliche nicht mehr gegenwärtig, ist Eve bereit, die volle Wahrheit zu sagen: Adam hat Eve vorgelogen, ihrem Verlobten drohe der Militärdienst in Ostindien, und nur er, der Dorfrichter könne dies verhindern, wenn Eve eine Gegenleistung erbringt. Zum Äußersten ist es, auch dank Ruprechts Eingreifen, vermutlich nicht gekommen, obwohl Eve noch zum Zeitpunkt ihrer Beschuldigung Adams befürchtet, der Erpresser besitze Macht, ihr den Verlobten zu entreißen. Deshalb hat sie lange über das geschwiegen, was wirklich in ihrer Schlafkammer geschehen ist.

30 weiße Gartenstühle aus „Plaste“ nebst div. Tische und einiger Hocker aus eben diesem Material verteilten sich scheinbar wahllos gestapelt und zusammengestellt auf der Bühne. Zusammen mit einem großen Lamellenvorhang, der den Bühnenraum unterteilt, versprühte diese Ausstattung ein steriles Schlachthof-Ambiente. Zwangsläufig stellte sich mir bei diesem Anblick die Frage, wer hier von den Charakteren wohl zur Schlachtbank geführt wird. Richter Adam als Ober-Schlachter versucht gleich mehrere Unschuldige zu opfern, nur um von sich abzulenken, und wird am Ende dann doch selbst filetiert. Auch die weißen Kostüme können als Sinnbild für die Reinheit der beteiligten Personen gesehen werden. Selbst Richter Adam erscheint anfangs ganz in weiß gekleidet, wobei sein schlampiges Outfit bestehend aus Unterhemd und langer Unterhose schon auf seinen wahren Charakter schließen lässt. So agiert er in dieser Unschuldsherde als Wolf im Schafspelz, der dieses nach seiner Enthüllung abstreift und plötzlich in schwarz gewandet erscheint. Auch sonst bemüht Ausstatterin Kathrin Kemp gerne die Symbolik. So schwebt ein großer, fauler Apfel einem Mond gleich über dem Geschehen, und auch Eve darf gerne mal in einen Apfel beißen, sozusagen – Nomen est Omen – als personifizierte Verführung durch das ewig Weibliche. Nicht unerwähnt lassen möchte ich den Kühlschrank, der in einem früheren Leben anscheinend eine Jukebox war. Beim Öffnen der Tür erklangen flotte Party-Rhythmen: ein netter Gag – mehr aber auch nicht.


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Für’s Auge bot dieser „Krug“ somit eher weniger (Da half auch nicht der „Wald“, der sich übrigens nach der Eröffnungsszene in den Orchestergraben absenkte.). Er hat solchen „Schnickschnack“ aber auch nicht nötig, da der Text mit seinen Dialogen brillant ist, und die Personen fein gezeichnet sind.

Glücklicherweise konnte Regisseur Thomas Oliver Niehaus über ein famoses Schauspielensemble am Stadttheater Bremerhaven verfügen. Wenn Frank Auerbach als Dorfrichter Adam protzt und duckmäusert, droht und säuselt, kriecht und schleimt, dann ist dies voller Komik. Er zeigt in seinen Versuchen des Vertuschens eine solche Verzweiflung, dass ich durchaus Mitgefühl für ihn empfand, und er so – trotz seiner ganzen Verderbtheit – ein absoluter Sympathie-Träger war. Eingekesselt wird Adam gleich von zwei Seiten durch moralische Instanzen: Henning Bäcker gibt den Gerichtsschreiber Licht als Mann mit Ambitionen und Prinzipien. Wohltuend unterlässt er ein übertriebenes Anbiedern und verhindert so, dass die Figur Sympathien einbüßt. Ambitionen und Prinzipien finden sind auch in der Person des Gerichtsrads Walter, wenn auch seine Beweggründe von denen des Gerichtsschreibers abweichen: Richard Feist verkörpert ihn als aufstrebende Führungskraft mit Geltungsbedarf und Hang zur Ordnung, dem der gute Ruf der Justiz über alles geht.

Wind von vorn gab es für Adam durch die Marthe Rull von Marsha Zimmermann, die schon rein optisch die Rolle vom allzu mütterlichen Gebaren befreite. Vielmehr porträtierte sie Marthe als eine gestandene und selbstbewusste Frau, die mit einer angeborenen Autorität die versammelten Männer in ihre Schranken weist. Isabel Zeumer wußte auch in der kleinen Rolle der Frau Brigitte zu gefallen, was ebenso auf Kay Krause als Veit Tümpel zutraf. Beide Rollen können als feine Farbschattierungen innerhalb eines Kunstwerkes betrachtet werden.

Herausragend sind auch die beiden jungen Neuzugänge im Schauspielensemble: Justus Henke spielt den Ruprecht Tümpel mit einer beinah tölpelhaften Naivität. Doch hinter der scheinbaren Schlichtheit versteckt sich ein aufrechter Geist mit einem Ur-Instinkt für Ehre und Gerechtigkeit. Hoch emotional agiert Anna Caterina Fadda als Eve. Ihre Verzweiflung drückt sie weniger durch Worte als vielmehr durch (Körper-)Haltung, Mimik und Blicke voller Emotionen aus und lässt ihr Leid in so mancher still vergossenen Träne gipfeln.

Für ein Lustspiel durchaus unüblich, wendete Kleist in den Dialogen die Vers-Form an und erhöhte dadurch seinen Anspruch an eine Komödie. Um dieser Vers-Form gerecht zu werden, stellte er die natürliche Wortfolge um. Dieser Umstand könnte allein schon beim Lesen für Schwierigkeiten sorgen. Wie tückisch wäre da erst das gesprochene Wort? Doch in Bremerhaven stehen Könner*innen auf der Bühne, die die Verse fein akzentuierten, wohldurchdacht Pausen setzten und so die Schönheit der Kleist’schen Sprache zum Erblühen brachten.

Kaum zu glauben, dass dieser Komödien-Klassiker aufgrund einer Wette entstand, die Kleist während eines Aufenthalts in der Schweiz mit seinen Freunden Ludwig Wieland und Heinrich Zschokke am Laufen hatte. Heinrich Zschokke berichtete über diesen Dichterwettstreit:

„In meinem Zimmer hing ein französischer Kupferstich „La cruche cassée“. In den Figuren desselben glaubten wir ein trauriges Liebespärchen, eine keifende Mutter mit einem zerbrochenen Majolika-Kruge, und einen großnasigen Richter zu erkennen. Für Wieland sollte dies Aufgabe einer Satire, für Kleist zu einem Lustspiele, für mich zu einer Erzählung werden,…

…Kleists zerbrochner Krug hat den Preis davon getragen.“


Hier findet Ihr die Termine zu weiteren Aufführungen von Kleists DER ZERBROCHNE KRUG am Stadttheaters Bremerhaven.

[Rezension] Josephine Tey – DER LETZTE ZUG NACH SCHOTTLAND

Okay, du hast mich am Haken. Du hast deinen schmackhaften Köder ausgeworfen, und ohne nachzudenken habe ich zugeschnappt und hänge nun am Haken. Ich zapple zwar noch ein wenig hin und her – gänzlich ohne Gegenwehr kann ich mich doch nicht ergeben – aber wir wissen beide genau, dass ich rettungslos verloren bin.

Mit jedem weiteren gelesenen Roman von Josephine Tey, verfalle ich dieser Autorin mehr und mehr. Dabei sind ihre Krimis einerseits absolut „old-fashioned“ und gleichzeitig so wunderbar zeitlos. Zudem schuf sie mit Inspector Alan Grant einen solch bodenständigen und menschlichen Sympathieträger, der gänzlich ohne „Superkräfte“ auskommt, herrlich normal agiert und so deutlich näher an der Leserschaft ist als mancher der beinah übernatürlich brillanten Schnüffler wie Hercule Poirot oder Sherlock Holmes.

Inspector Alan Grant von Scotland Yard reist mit dem Zug nach Schottland. Gemeinsam mit einem alten Schulkameraden will er in den Highlands eine Auszeit nehmen, die herrliche Land­schaft genießen und sich von der, im Wortlaut seines Arztes, „Überarbeitung“ erholen. Kurz vor der Ankunft beobachtet Grant, wie es dem Schaffner im Abteil nebenan nicht gelingen will, einen Mitreisenden zu wecken – der Mann ist tot! Fast freut sich Grant ein bisschen, einmal nicht zuständig zu sein. Doch beim ersten Frühstück im Hotel fällt ihm eine Zeitung in die Hände, die er im Zug eingesteckt haben muss und die offenbar dem Toten gehörte. Ein rätselhaftes Gedicht, zwischen die Meldungen gekritzelt, weckt Grants detektivisches Interesse. Ob sich anhand der Handschrift und der merkwürdigen Verse etwas über die Identität des Mannes herausfinden lässt? Was als munterer Zeitvertreib beginnt, wird allmählich zu einer umfassenden Ermittlung, bei der Grant nicht nur das Gedicht entschlüsselt, sondern schließlich auch die Wahrheit über den Mord aufdeckt.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Seit Alibi für einen König bin ich ein Fan von diesem intelligenten und integren Ermittler, der mit nur allzu menschlichen Eigenschaften bzw. –arten ausgestattet ist. Sein Sinn für Humor überschneidet sich erfreulich häufig mit meinem Sinn für Humor. So sorgte er mit seinen ironisch-spöttischen Bemerkungen bei mir nicht nur einmal für ein spontanes Gelächter. Ebenso wie Josephine Tey die Handlung sich beinah organisch entfalten lässt, so gönnt sie auch den Dialogen ihre natürliche Entwicklung. Alles baut aufeinander auf, und bleibt gleichzeitig recht unspektakulär. So lässt Tey ihren Helden viel angeln, viel wandern und auch sonst sich viel in der Natur aufhalten – und dies geschieht seitenweise…! Nicht unbedingt die typische Vorgehensweise für eine Krimi-Autorin, um Spannung aufzubauen.

Doch warum legte ich das Buch nicht gelangweilt zur Seite? Weil – wie schon erwähnt – alles aufeinander aufbaut, und die Spannung eben genau aus dieser scheinbaren Belanglosigkeit heraus entsteht: Eben noch las ich die harmlose Beschreibung der Natur-Idylle, wenige Sätze weiter offenbarten sich entscheidende Hinweise für die Lösung des Falls. Zudem glänzt sie mit ihrer Figuren-Charakterisierung und überzeugt mit einer unterhaltsamen Beziehungsstruktur der handelnden Personen. Wie der titelgebende Zug, der nach einem Halt am Bahnhof erst langsam wieder die Geschwindigkeit erhöht, lässt sie auch die Handlung nur ganz gemächlich Tempo aufnehmen. Mir blieb somit nichts anderes übrig, als weiterzulesen.

Erstaunt war ich zudem, wie präzise und gleichzeitig respektvoll sie die „Überarbeitung“ unseres Helden beschreibt, der eindeutig Symptome eines Burnouts zeigt. Für das Entstehungsjahr des Buches (1952) war dies eine absolut moderne Sichtweise auf eine psychische Erkrankung. Chapeau!

Abermals war es mir ein großes Vergnügen, den Krimi einer Autorin, die viel zu lange unbeachtet blieb, zu lesen, der erfreulich unblutig daherkam, bar jeglicher billigen Effekthascherei war aber dafür durch eine gekonnte Erzählweise überzeugte. Bitte mehr davon!


erschienen bei Oktopus (bei Kampa) / ISBN: 978-3311704546 / in der Übersetzung von Manfred Allié

[Noch ein Gedicht…] Mascha Kaléko – AN MEIN KIND

Dir will ich meines Liebsten Augen geben
Und seiner Seele flammenreiches Glühn.
Ein Träumer wirst du sein und dennoch kühn
Verschlossne Türen aus den Angeln heben.

Wirst ausziehn, das gelobte Glück zu schmieden.
Dein Weg sei frei. Denn aller Weisheit Schluss
Bleibt doch zuletzt, dass jederman hienieden
All seine Fehler selbst begehen muss.

Ich kann vor keinem Abgrund dich bewahren,
Hoch in die Wolken hängte Gott den Kranz.
Nur eines nimm von dem, was ich erfahren:
Wer du auch seist, nur eines – sei es ganz!

Du bist, vergiss es nicht, von jenem Baume,
Der ewig zweigte und nie Wurzeln schlug.
Der Freiheit Fackel leuchtet uns im Traume –
Bewahr den Tropfen Öl im alten Krug!

Mascha Kaléko


👦👧 Heute ist WELTKINDERTAG! 👧👦


[Rezension] Yoshi Yoshitani – Das Buch der Mythen und Märchen. 78 inspirierende Geschichten aus aller Welt

Märchen schreibt die Zeit,
immer wieder wahr,
eben kaum gekannt,
dann doch zugewandt,
unerwartet klar.

…summte ich vor mich hin, als ich erstmals durch die Seiten dieses Buches blätterte. Ein Blick auf die Vita der Künstlerin offenbarte mir, dass ich instinktiv den passenden Song geträllert hatte. So hatte Yoshi Yoshitani u.a. schon für Produktionsfirmen wie Disney und Dreamworks gearbeitet. Dabei sind die Illustrationen zu diesem Buch fern jeglicher Disney-Romantik. Vielmehr hat Yoshitani Geschichten aus aller Welt ausgewählt, deren Handlung sich so manches Mal recht drastisch entwickelt und sich somit nicht als Gute-Nacht-Geschichte für die Kleinen eignet. Dies war von der Künstlerin auch nicht beabsichtigt: Vielmehr wendet sie sich an eine erwachsene(re) Leserschaft, die aus den Märchen und Mythen Inspirationen für das eigene Leben ziehen sollen. Passend zum Buch (und nicht im Buch inbegriffen) gibt es ein Tarot mit allen 78 Illustrationen als Karten-Set. So tauchen bei den Bildern immer wieder die aus dem klassischen Tarot geläufigen Symbole, wie Schwerter, Kelche, Münzen und Stäbe, auf. Besonders bei den Illustrationen zu den mir bekannten Geschichten irritierten mich anfangs diese Symbole etwas, da sie für mich keinen nachvollziehbaren Bezug zur Handlung hatten. Später nach wiederholter Betrachtung der Bilder konnte ich dies gut als ein rein gestalterisches Element akzeptieren.

Für jedes Märchen hält die Künstlerin eine Doppelseite bereit: Während die linke Seite eine farbenfrohe Illustration ziert, wird auf der rechten Seite der Inhalt wiedergegeben. Hierbei handelt es sich allerdings eher um Nacherzählungen aus der Feder der Autorin und weniger um die Wiedergabe des Original-Textes. So sind die Nacherzählungen zwar durchaus gelungen, komprimieren die Geschichten allerdings zwangsläufig auf die nötigsten Handlungselemente. Am Ende des Buches hätte ich mir darum einen Anhang mit Quellenangaben bzw. Literaturhinweise sehr gewünscht, um so auf die Original-Texte zugreifen zu können.

Die Ursprungsländer der Original-Geschichten umspannen den gesamten Erdball. Da sind die uns bekannten Märchen von Hans Christian Andersen und den Brüdern Grimm ebenso vertreten, wie die Märchen aus Frankreich oder England. Persische bzw. orientalische Volksmärchen finden sind neben Mythen aus West- und Nordafrika. Auch Geschichten aus Japan, China und Vietnam dürfen hier nicht fehlen. Die Nordischen Sagen aus Alaska oder Norwegen stehen ebenbürtig neben Erzählungen aus Indien, Ägypten und Griechenland. Und auch der amerikanische Kontinent, Australien und Russland werden mit ihren oft jahrhundertealten Überlieferungen nicht vergessen.


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Im Mittelpunkt der Geschichten steht oft ein Lebensumbruch mit dem die Held*innen umzugehen versuchen. Dabei verzichtet die Autorin wohltuend auf das abgegriffene Klischee der hilflosen Prinzessin, die darauf wartet, dass ein wagemutiger Prinz auf seinem weißen Pferd angetrottet kommt, um sie aus ihrer misslichen Lage zu erretten. Vielmehr strahlen gerade die weiblichen Figuren eine enorme mentale wie körperliche Stärke aus und brauchen sicherlich so einiges zur Lösung ihres Problems aber definitiv keinen depperten Prinzen.

Bei dieser üppigen Auswahl an internationalen Geschichten wird nur allzu deutlich, dass die Menschen – egal wo sie leben – ähnliche Ängste und Sehnsüchte haben. Wir sind im Grunde eben doch nur ein Erden-Volk, was sich auch anhand einer ähnlichen Grundstruktur von Märchen aus unterschiedlichen Ländern widerspiegelt. So findet Die kleine Meerjungfrau (Dänemark, Seite 23) ihre Schwester in Julnar die Meerfrau (Persien, Seite 145). Die Schöne und das Biest (Frankreich, Seite 121) könnten mit Der weiße Bär König Walemon (Norwegen, Seite 131) verwandt sein. Und sowohl Die wunderschöne Wassilissa (Russland, Seite 101) als auch Die gute Fee (Frankreich, Seite 167) zeigen deutliche Ähnlichkeiten zu „unserem“ Aschenputtel.

Dank ihrer Eltern vereinen sich in Yoshi Yoshitani sowohl die japanische wie auch die US-amerikanische Kultur und nehmen so Einfluss auf ihre Werke. So meinte ich (aus meiner europäischen Sichtweise heraus), die besondere Ästhetik japanischer Grafiken in den Illustrationen wiederzuerkennen. Ihre Farbwahl erzeugt eine Lebendigkeit, die so die Aufmerksamkeit des Betrachtenden auf die Details lenkt. Die Illustrationen strahlen zudem eine enorme Dynamik aus, und es wirkt beinah so, als wären die Figuren in einer stetigen Bewegung.

Die kulturellen Besonderheiten eines Landes werden durchaus wiedergegeben aber nie protzig hervorgehoben. Vielmehr wird vermittelt, dass das besagte Märchen zwar in einem bestimmten Land spielt, und somit die Kulisse passend gewählt wurde. Allerdings könnte sich die Geschichte auch in jedem anderen Land zugetragen haben. Stichwort: Erden-Volk!

Dank Yoshi Yoshitani kann ich meine Märchenbuch-Sammlung um ein weiteres interessantes Werk ergänzen, das mit seiner Auswahl an Geschichten ganz wunderbar einen Bogen um den Erdball spannt und so Länder und Völker miteinander verbindet.


erschienen bei Irisiana / ISBN: 978-3424154573 / in der Übersetzung von Sven Beier

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!