MONTAGSFRAGE #86: Wie sieht eigentlich euer SuB aus, und versucht ihr ihm momentan entgegenzuwirken?

Jaja, der sogenannte Stapel ungelesener Bücher (auch kurz „SuB“ genannt) bietet immer wieder gerne Gesprächsstoff. Glücklicherweise neige ich nicht dazu, dass bei mir ein SuB ins scheinbar Unendliche ausufert. Dafür darf ich aber momentan gleich zwei SuBs mein Eigen nennen:

In SuB Nr. 1 tummeln sich so allerlei Autor*innen mehr oder weniger wild durcheinander, und ihre Werke sind scheinbar wie durch Zauberei bei mir gelandet. Neben den Büchern, die ich schon in MONTAGSFRAGE #39 erwähnt hatte, vergnügen sich in dieser illustren Runde unter anderem auch noch 2 Stouts, 2 Kaiser, 2 Dicker, 2 Wodehouse und 6 Christies. Allen Werken ist gemein, dass der Zeitpunkt ihrer Befreiung aus dem SuB Nr. 1 in einer unbestimmten Zukunft liegt.

SuB Nr. 2 dient mir sozusagen als Zwischenlager für Bücher, die ich wohlweislich vorausschauend für div. Aktionen auf meinem Blog erstanden habe. So finden sich hier die Bücher zu meiner Rubrik (ACHTUNG: sowohl hemmungs- wie auch rücksichtslose Werbung in eigener Sache!) „Literaten im Fokus“, die im nächsten Monat mit Erich Kästner in die zweite Runde geht. Aber auch die Werke weiterer Autor*innen, die in diesem oder auch erst im nächsten Jahr in dieser Rubrik ein Forum bekommen, sind ebenso zu finden, wie die ersten Bücher zur Advents- und Weihnachtszeit, die ich Euch dann gerne unter „Lektüre zum Fest“ auf meinem Blog vorstellen möchte. Im Vergleich zu ihren Artgenossen in SuB Nr. 1 können die Bücher in SuB Nr. 2 sich ziemlich sicher sein, dass sie in absehbarer Zeit gelesen werden. Zudem ist SuB Nr. 2 auch deutlich übersichtlicher als SuB Nr. 1 (s.a. Beweisfotos).

…entgegenzuwirken? Kennt hier irgendjemand ein wirksames Mittel, um der Entstehung eines SuBs in einem Leser-Haushalt entgegenzuwirken? Wenn ja, dann könnt ihr dieses Wissen gerne für Euch behalten: Es interessiert mich nicht! Um „etwas“ entgegenzuwirken, müsste ich mich im Vorfeld von diesem „etwas“ belästigt fühlen. Das tue ich nicht, denn für mich gehört in jedem ordentlichen Leser-Haushalt ein SuB einfach dazu!

Die einzige sinnvolle Maßnahme, um den Ausmaß meines SuBs entgegenzuwirken, lautet für mich…

Lesen! Lesen! Lesen!

…und wie sieht Euer SuB aus: kleine Düne oder großer Berg???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Anekdoten-Archiv] Warum Suppen etwas für den hohlen Zahn sind…

„Suppen für Syrien“ – Lesung mit Texten von Rafik Schami beim ehem. „Café 99“ in Osterholz-Scharmbeck/ Buchhandlung „die schatulle“


An einem lauen Sommerabend vor genau drei Jahren: Da wurden die Bürgersteige in der Fußgängerzone nicht schon um 18.00 Uhr hochgeklappt, und es kehrte wieder – wenn auch nur vorübergehend – Leben in das ehemalige „Café 99“ ein.

13.06.2017: Die Stadt Osterholz-Scharmbeck hatte gemeinsam mit Studierenden der Stadt- und Regionalentwicklung der Uni Bremen das Pilotprojekt „Zwischennutzung“ ins Leben gerufen. Bei dieser Zwischennutzung wurden 2 leerstehende Geschäfte der Innenstadt genutzt, um Anregungen zu geben, wie diese wiederbelebt werden könnten.

So saß ich nun auf Einladung von Ute und Sabine Gartmann von der Buchhandlung „die schatulle“ mitten in der Fußgängerzone und las vor. Die Gartmann-Schwestern hatten mir ja schon so einiges zugemutet. Wo ich nicht schon überall lesen durfte: KFZ-Zulassungsstelle, Wochenmarkt, leerstehender Laden im „Haus am Markt“ und Rathaussaal. Da ist doch die Fußgängerzone nur eine logische Weiterentwicklung, oder?

Ein kulinarisch-literarischer Hochgenuss wurde versprochen: Während ich das Vorwort (geschrieben von Rafik Schami) aus dem Kochbuch „Suppen für Syrien“ vortrug, wurden entsprechende Süppchen gereicht,…

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…dabei hatte ich mit erschwerten Bedingungen zu kämpfen: Hinter mir tönten Geräusche aus dem Geschäft, vor mir war die belebte Fußgängerzone mit Fahrradgeklingel, Kinderlachen und Hundegebell, neben mir schlürften die Zuhörer genüsslich ihre Suppen und in mir knurrte und rumorte es,…

…und auch die beiden folgenden von mir vorgetragenen Texte von Rafik Schami blieben dem Essen treu: So handelten sie doch von Nudelsalat und Döner!

…und während die Zuhörer – dank Suppen – immer satter wurden, wurde bei mir der kleine Hunger von seinem großen Bruder abgelöst. Da war das Süppchen, dass ich nach Beendigung der Lesung angeboten bekam, nur der sprichwörtliche „Tropfen auf dem heißen Stein“!

Auf dem Heimweg bin ich dann spontan im Restaurant „Zur goldenen Möwe“ eingekehrt…!

„Every time a good time.“ 🍔

[Rezension] Elementar, mein lieber Watson: Neue Fälle für Sherlock Holmes/ zusammengestellt von Daniel Kampa

Seit über 130 Jahren ist dieser Detektiv eine feste Größe innerhalb der Kriminalliteratur und hat nach all den Jahrzehnten nichts von seinem Reiz eingebüßt. Sein Schöpfer Sir Arthur Conan Doyle wäre vielleicht überrascht gewesen, hätte er gewusst, welchen Ausmaß die Verehrung der Holmes-Anhänger annimmt: So gibt es div. Bühnen- und Film-Adaptionen sowie Fernseh-Serien, die sich auf die Original-Geschichten beziehen oder Anleihen nehmen, und manches ist schlicht und ergreifend frei erfunden und der Phantasie div. Schreiberlinge entsprungen. Sherlock Holmes Faszination ist ungebrochen…!

Die vorliegende Anthologie versammelt sechs neue Geschichten um den Meisterdetektiv: Verleger Daniel Kampa hat aus dem scheinbar unerschöpflichen Fundus der Kriminalautor*innen, die sich schon an einer Holmes-Geschichte versucht haben, die Werke von vier namhaften Autor*innen ausgewählt, und mit zwei Geschichten lässt er sogar Holmes-Fans/-Experten zu Wort kommen.

Wie so oft bei solchen „Compilations“ gibt es Erzählungen unterschiedlicher Qualität zu bewundern. Ohne Licht gibt es eben keinen Schatten! In diesem Fall haben wir 2x „Sonnenschein“, 2x „leicht bewölkt“ und 2x „Halbschatten“. Ein „Zappenduster“ bleibt uns dank der versierten Zusammenstellung von Daniel Kampa zum Glück erspart.

Die zwei „halbschattigen“ Geschichten stammten von den beiden Holmes-Fans/-Experten Peter Jackob und Klaus-Peter Walter. In „Das Geheimnis von Compton Lodge“ wirft Peter Jackob einen Blick auf die Familienhistorie von Dr. Watson. Leider wirkt die Geschichte aufgrund der häufig wechselnden (und für mich nicht nachvollziehbaren) Handlungsorte etwas „zerfranst“. Bei „Sherlock Holmes und der Arpaganthropos“ lässt Klaus-Peter Walter die griechische Mythologie aufleben, Holmes auf einem Teppich à la Aladdin fliegen und Watson von Delphinen aus Seenot retten. Dagegen wirkt „Der Hund der Baskervilles“ harmlos…! 🙂

Die „leicht bewölkten“ Geschichten verdanken wir Anne Perry („Die Mitternachtsglocke“) und Anthony Horowitz („Die drei Königinnen“). Beide halten sich eng am Holmes-Korsett und liefern klassisch anmutende Geschichten, wie sie Conan Doyle für das „The Strand Magazine“ verfasst haben könnte. Leider hat dies zur Folge, dass die Stories mir wenig Unerwartetes offenbarten und somit leicht vorhersehbar erschienen.

Für den „Sonnenschein“ sind Stephen King und Alan Bradley verantwortlich. „Der Fall des Doktors“ von Stephen King wirkt wie eine klassische Holmes-Geschichte – allerdings mit vertauschten Rollen: Bei der Lösung dieses Falls steht Holmes „auf dem Schlauch“, und Watson liefert (auch für ihn) überraschend die nötigen Fakten und Indizien. Alan Bradley lässt mich als Leser bei „Verkleidung schadet nicht“ erstmal im Dunkeln tappen bzgl. der Identitäten der handelnden Personen und überrascht mit einer ungewöhnlichen Auflösung. In beiden Geschichten „verstecken“ die Autoren jeweils eine Huldigung an die „Queen of Crime“: Während King weniger offensichtlich aber durchaus erkennbar die Täter*innen wie bei „Mord im Orientexpress: Ein Fall für Poirot“ ihrer Strafe entgehen lässt, legt Bradley umso offensichtlicher in seinem Schlusssatz Holmes einen Hinweis auf Miss Marple in den Mund. Beides hat mich als Christie-Fan natürlich immens amüsiert und gefreut.

Allen Autor*innen ist gemein, dass sie äußerst respektvoll mit der literarischen Vorlage umgehen. Als Leser spürte ich ihre Verehrung gegenüber Sir Arthur Conan Doyle und seinen Schöpfungen.


erschienen bei Kampa/ ISBN: 978-3311125082

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #85: Bücher gegen Rassismus?

Irgendwie habe ich schon befürchtet, dass dieses Thema auch auf die Montagsfrage treffen wird. Und bitte versteht mich nicht falsch mit dieser Aussage: Dieses Thema ist so immens wichtig, dass ich fürchte, ihm nicht gerecht zu werden. Denn überall dort, wo die eine Gruppierung eine andere Gruppierung unterdrückt, kann und muss von Rassismus gesprochen werden. Wenn Männer Frauen unterdrücken, Homosexuelle immer noch nicht dieselben Rechte wie Heterosexuelle genießen und Menschen aufgrund ihres Glaubens verfolgt und getötet werden – auch dies sind Formen von Rassismus. Die Dimensionen dieses Themas scheinen unendlich…!

Ich blicke über den großen Teich und bin so erschüttert und zutiefst betroffen, dass mir die Worte fehlen. Nein, gänzlich fehlen mir die Worte nicht: Ich blicke auf die USA und frage mich, warum dieses Land über Jahrzehnte als das „Non-Plus-Ultra“ betrachtet wurde, als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo der Tellerwäscher zum Milliardär aufsteigen kann. Zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort zu sein, könnte dort mein Leben in einem Maße gefährden, das hier bei uns unvorstellbar wäre: Einmal zu viel gehustet in dunkler Nacht und irgendein Anwohner meint, sein Eigentum verteidigen zu müssen und findet dank Waffenlobby auch ausreichend Befürworter. Zahnbehandlung: Ein Blick in die Geldbörse offenbart mir, dass ich mir diesen Luxus nicht leisten kann. Hollywood, Broadway, Las Vegas: Werden dort die wirklichen Stars geboren? Die grellen Leuchtreklamen und der glänzende Talmi können nicht die marode Substanz und die Probleme der Gesellschaft in den USA verschleiern,…

…und was ist mit Deutschland? Auch wir sind noch weit entfernt vom „Non-Plus-Ultra“, und vielleicht werden wir ihn auch nie erreichen. Oder hoffentlich werden wir ihn nie erreichen: Schließlich muss es für jede Gesellschaft in jedem Land, die Möglichkeit zur Weiterentwicklung geben. Aber wir haben schon so viel erreicht, auf das wir wahrlich stolz sein dürfen.

Ja, Deutschland gilt nun nicht unbedingt als der Hotspot der Welt! Ja, Deutschland wirkt auch so solide, …so langweilig(?). Aber resultiert dieser Eindruck nicht auch aus dem allgemeinen Phänomen, dass das, was man hat, weniger (wert-)geschätzt wird? Ich bin so dankbar, in einem Land zuhause zu sein, das mir ermöglicht, in einer bunten, vielfältigen Gesellschaft leben zu dürfen!

Welche Bücher, die gegen die Ignoranz und Unwissenheit bezüglich dieses Themas arbeiten, kennt ihr und könnt ihr weiterempfehlen?

Antonia Leiser, die Hüterin unserer Montagsfrage hat ihre Frage nochmals differenziert. Gerne präsentiere ich Euch meine kleine Auswahl:

  • Alice Walker: Die Farbe Lila
  • Erich Kästner: Über das Verbrennen von Büchern
  • Janina David: Ein Stück Himmel
  • Theodor Schübel: Kellerjahre
  • Rafik Schami: Ich wollte nur Geschichten erzählen
  • Eric-Emmanuel Schmitt: Monsieur Ibrahim und die Blume des Koran
  • Scholem Alejchem: Tewje, der Milchmann

USA scheint zwar so weit weg (Aber dachten wir dies nicht auch von China und der Corona-Pandemie?), hält uns nun aber einen Spiegel vor und zeigt uns die hässliche Fratze des Rassismus. Ich möchte nicht, dass so etwas bei uns/ mit uns passiert.

Darum: Lasst es uns gemeinsam besser machen!

…???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Noch ein Gedicht…] Friedrich Pesendorfer – NATIONALITÄTENHASS

Ich hab‘ ein Kätzchen und einen Hund,
Die schlossen einen Freundschaftsbund,
Obwohl sonst, wie die Leute sagen,
Sich Hund und Katze nicht vertragen.

Und nur der Mensch, der dank seinem Geist
Der König der ganzen Schöpfung heißt,
Verfolgt den Bruder mit grimmigem Hasse,
Gehört er nicht zu seiner Rasse.

Friedrich Pesendorfer

[Rezension] Anne Müller – Zwei Wochen im Juni

Ada ist auf dem Weg Richtung Ostsee. Nach dem überraschenden Tod der Mutter steht das Elternhaus an der Küste leer und soll verkauft werden. Zwei Wochen im Juni bleiben Ada und ihrer älteren Schwester Toni, um das Zuhause ihrer Kindheit und Jugend zu entrümpeln. Doch mit jedem Zimmer, das sie ausräumen, mit jedem Schrank, den sie öffnen, mit jeder Kiste, deren Deckel sie heben, tauchen scheinbar vergessene Begebenheiten vom Grund ihrer Erinnerungen an die Oberfläche und kratzen bei den ungleichen Schwestern an der dünnen Schicht aus Konventionen und Routinen. Die Trauer um den Tod der Mutter ist noch frisch, und die Nerven liegen blank. Frühere Animositäten kommen wieder zutage, und Eifersüchteleien werden wieder spürbar. Die Schwestern rutschen in alte Rollen-Klischees. Und doch ist eine intensive Verbundenheit zwischen den beiden Frauen vorhanden. Sie begegnen sich mit einer Offenheit, die für sie neu, überraschend und gleichzeitig wunderschön ist, und sie zwingt, das eigene bisherige Leben zu rekapitulieren. Zwei Wochen im Juni reichen aus, um die Weichen im Leben dieser beiden Frauen neu zu stellen.

Schon Anne Müllers Erstlingswerk Sommer in Super 8 hatte mich vor zwei Jahren gepackt und aufgerüttelt und war für mich die Neu-Entdeckung des Jahres. So war meine Freude auf diesen Roman groß und meine Erwartungshaltung entsprechend hoch. Vielleicht lag hier auch der Grund verborgen, warum dieser Roman mich nicht gänzlich für sich einnehmen konnte. Es war eine Berg- und Tal-Fahrt zwischen fesselnden und weniger fesselnden Lesemomenten: Einige Dialoge zwischen den Schwestern plätscherten scheinbar belanglos dahin. Dann gab es wieder Szenen voller Intensität und Emotionen. Irgendwie hoffte ich, dass bei mir der Spirit von „Sommer in Super 8“ wieder spürbar wird. Dieser Roman traf mich genau zur richtigen Zeit, im richtigen Moment, in der richtigen Stimmung. Unter diesen Voraussetzungen konnte „Zwei Wochen im Juni“ nur verlieren, und gleichzeitig war das Lesen dieses Romans für mich kein Verlust. Widersprüchlich…? Ja, das ist es! Ich habe das Gefühl, das ich gegenüber „Zwei Wochen im Juni“ nicht fair bin. Beide Romane stammen von ein und derselben Autorin, und so tappe ich in die Falle und vergleiche und wäge ab. Leider war es mir nicht möglich, mich aus diesem Zwiespalt zu befreien, um beide Romane als jeweils eigenständiges Werk zu sehen. „Zwei Wochen im Juni“ ist ein guter Roman und hätte es wahrlich verdient.

Doch Anne Müller schafft es auch diesmal, ihre Leserschaft an die Hand zu nehmen, um mit ihr eine Reise in die Vergangenheit anzutreten. Diese Reise bleibt nicht nur ihren Protagonistinnen vorbehalten: Zwangsläufig schweiften meine Gedanken während der Lektüre ab. Ich dachte zurück, als ich vor einigen Jahren mein Elternhaus ausräumen musste. Nicht nur eine Welle – Nein! – ein ganzer Orkan an Emotionen überrollte mich mit jedem Stück, dass ich in die Hand nahm. Persönliche Gegenstände, Briefe und Unterlagen wurden von mir gesichtet und offenbarten die Facetten der elterlichen Persönlichkeit: einige waren überraschend, einige waren irritierend, viele waren bekannt. Der schnörkellose Blick auf das Leben meiner Eltern hatte eine schmerzhafte Rekapitulation meines eigenen Lebens zur Folge: Auf die Klärung der Frage „Wo komme ich her?“ folgten die Fragen „Wo stehe ich?“ und „Wo will ich hin?“, die beantwortet werden wollten. Sie wurden von mir beantwortet,…

…und ich gelang zu der traurigen Erkenntnis, dass recht wenig von einem Menschenleben zurück bleibt!


erschienen bei Penguin/ ISBN: 978-3328601098

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #84: Sollten weibliche Autoren mehr aus Sicht von weiblichen Protagonisten schreiben?

Die Hüterin der Montagsfrage klärt diese Frage sehr differenziert in Form von drei „Unterfragen“, deren Antworten zum Nachdenken anregen und animieren, das eigene Leseverhalten zu hinterfragen. Meine Antwort fällt da weniger detailliert und deutlich pragmatischer aus:

Nö, warum sollten sie…?

Ich bin der Meinung, jede/r sollte aus der Sichtweise schreiben, die zum Entstehungszeitraum des Werkes die größtmögliche Inspiration bietet und dem Geist und der Ästhetik des Werkes zuträglich ist. Dabei spielt es für mich als Leser vordergründig keine Rolle, ob eine Frau oder ein Mann die weibliche oder männliche Perspektive einnimmt. Viel wichtiger wäre es für mich, dass es sich hierbei um eine/n gute/n Autor*in handelt, die/der ihr/sein Handwerk versteht und mich mit ihrer/seiner Geschichte emotional packen kann (Gender-neutral einen Text zu schreiben, kann sehr anstrengend sein…!). Dabei kann ein Perspektivwechsel durchaus für eine erfrischend neue/andere Sichtweise sorgen. Gerade ein Blick außerhalb des eigenen Dunstkreises kann deutlich unverfälschter und weniger von Konventionen der Geschlechter eingeengt sein. Schwachpunkte treten offenkundiger hervor, aber auch neue Impulse bieten die Chance auf Veränderung.

Unwillkürlich musste ich beim Lesen dieser Frage schmunzeln, da sie unweigerlich meine Gedanken ins Absurde schweifen lies. Diese Frage verführt mich geradezu, um die Aussage zu potenzieren, und sie auf die Spitze zu treiben:

  • Sollten schwule Autoren mehr aus Sicht von schwulen Protagonisten schreiben?
  • Sollten Ärzte nur Arztromane schreiben?
  • Dürfen Kinderbücher nur von Kindern verfasst werden?
  • Wie lange muss ein Autor in einem Herrenhaus in Cornwall gelebt haben, bevor er einen Roman à la Rosamunde Pilcher schreiben kann?
  • Darf nur ein ehemaliger Fuchs, der als Autor wiedergeboren wurde, eine Fabel über Meister Reineke verfassen?
  • …??? (Lasst Eurer Kreativität freien Lauf: Liste bitte ergänzen!)

Ich wünsche Euch einen humorvollen Pfingstmontag! 😄

…geschlechtskonform oder nicht geschlechtskonform: Das ist hier die Frage???

WordPress teilt mir gerade mit, dass ich mit der Beantwortung dieser Frage meinen 500. Beitrag auf .LESELUST veröffentlicht habe. Na, da köpfe ich doch jetzt ein Piccolöchen und stoße mit mir selbst an. Prost!


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

Ich wünsche Euch von Herzen…

Heute ist Pfingstsonntag. Pfingsten bedeutet „der fünfzigste Tag“, wird somit am 50. Tag nach Ostern gefeiert und ist der letzte Tag der Osterzeit. Es soll daran erinnern, dass der Heilige Geistes den Aposteln erschienen ist, damit sie das Wort Gottes zu allen Völkern bringen. Für die Christen bedeutet dieses Fest ein Neu-Anfang.

„Heiliger Geist“: Das wirkt auf mich manchmal doch sehr abstrakt, nicht greifbar. Wer oder was ist dieser „Heilige Geist“? Welchen Zweck erfüllt er? Wie darf ich ihn mir vorstellen? An sein ikonenhaftes Erscheinungsbild als Taube mit einem Olivenzweig im Schnabel mag/kann ich nicht glauben. Und doch gibt es Momente, da meine ich die Anwesenheit des „Heiligen Geistes“ zu spüren – bei anderen aber auch in mir!

Es sind keine großen weltbewegenden Situationen. Vielmehr sind es eher die kleinen, scheinbar unbedeutenden Begegnungen im zwischenmenschlichen Miteinander, die hoffentlich gleich dem Schmetterlingseffekt nach Lorenz Edward etwas Größeres (aber bitte ohne Chaos) auslösen könnten: der erste Cappuccino nach Wochen bei meinem Stamm-Eiscafé, das Hupen und Winken von Auto zu Auto beim Anblick einer bekannten Person, ein Anruf „nur mal so“, das geduldige Warten bei meinem Bäcker „umme Ekke“.

Ich trete häufiger gerne einen Schritt zurück, um einem anderen Menschen den Vorrang zu lassen. Freundlichkeit vervielfältigt sich, da bin ich mir ganz sicher.

Pfingsten bedeutet Neu-Anfang: Vielleicht ist diese Zeit unsere Chance für einen Neu-Anfang. Lasst sie uns gemeinsam nutzen!

Ich wünsche Euch von Herzen ein frohes Pfingstfest!

Liebe Grüße
Andreas

[Rezension] Leo Timmers – Wo steckt der Drache?

Der König macht kein Auge mehr zu, seitdem er aus dem Fenster seiner Burg den Schatten eines riesengroßen Drachens erblickt hat. Eilig schickt er seine drei tapfersten Ritter aus, damit diese das Ungeheuer dingfest machen. Doch alles, was in der Dunkelheit einen Schatten wie ein Drache wirft, ist bei Licht betrachtet etwas völlig anderes. Der Drache muss beim Anblick der Ritter geflohen sein, und so wird die Suche abgebrochen. Doch der König hat weiterhin allen Grund, sich zu fürchten…!

Schon mit Ein Haus für Harry konnte Leo Timmers mich überzeugen. So habe ich voller Begeisterung zugestimmt, als vom Verlag die Anfrage kam, ob ich sein neustes Bilderbuch rezensieren möchte. Natürlich tat ich dies „nur“ dem liebsten Patenkind der Welt zuliebe…!

Leo Timmers spielt in seinen Illustrationen gekonnt mit Hell und Dunkel: Seine drei Helden müssen auf ihrer Suche nach dem Ungeheuer so einiges durchmachen und kehren aus diesem Abenteuer mit der einen oder anderen Blessur zurück. Erst wenn das Licht auf den Schatten des fraglichen Drachens fällt, erkennen die Ritter, was wirklich dahinter steckt. Doch in diesem Moment tappen sie im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln, und es passieren ihnen einige Missgeschicke, deren Auswirkung erst im nächsten Bild bei Licht betrachtet erkennbar wird. So hatte ich als Betrachter gleich meine doppelte Freude mit der phantasievollen Auflösung der Schatten und der witzigen Schattenspiele der Ritter. Timmers schaffte es abermals, mich mit seinen originellen Illustrationen zu amüsieren. Die Bilder sind mit einfachen aber charmanten Reimen „untertitelt“.

Leo Timmers thematisiert in diesem Bilderbuch ein Phänomen, das schon bei vielen Kindergenerationen aufgetaucht ist und auch bei kommenden Generationen weiterhin auftauchen wird: Unter dem Bett oder im Schrank lauert ein grässliches Monster und sorgt für Alpträume im Kinderzimmer. Doch in Wirklichkeit steckt hinter einem beängstigend wirkenden Schatten oft etwas absolut Harmloses.

Übrigens: Das liebste Patenkind der Welt fand dieses Bilderbuch „ganz okay“ und wollte danach viel lieber ein weiteres Kapitel vom „Räuber Hotzenplotz“ vorgelesen bekommen, und dabei ist er erst 4. Was liest er, wenn er 12 ist? Arthur Schopenhauer?! Aber daran wurde mir nochmals deutlich, dass Altersempfehlungen genau DAS sind – Empfehlungen: nicht mehr und nicht weniger! Jedes Kind entscheidet individuell, was (vor-)gelesen wird.

Bei den nächsten Bilderbüchern von Leo Timmers, die zukünftig erscheinen, werde ich wohl mein Patenkind als Alibi nicht mehr vorschieben können und gezwungen sein, mich zu outen:

„Okay! Ich gebe es hier und jetzt offen zu: Ich liebe wunderschöne Bilderbücher!!!“


erschienen bei aracari/ ISBN: 978-3907114131

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Noch ein Gedicht…] Richard Dehmel – BEKENNTNIS

Ich will ergründen alle Lust,
so tief ich dürsten kann;
ich will sie aus der ganzen Welt
schöpfen, und stürb‘ ich dran.

Ich will’s mit all der Schöpferwut,
die in uns lechzt und brennt;
ich will nicht zähmen meiner Glut
heißhungrig Element.

Ward ich durch frommer Lippen Macht,
durch zahmer Küsse Tausch?
Ich war erzeugt in wilder Nacht
und großem Wollustrausch!

Und will nun leben so der Lust,
wie mich die Lust erschuf,
Schreit nur den Himmel an um mich
ihr Beter von Beruf!

Richard Dehmel