[Rezension] Agatha Christie – Vorhang. Poirots letzter Fall

Alt, krank und gebrechlich kehrt Meisterdetektiv Hercule Poirot an den Ort seines ersten Triumphes zurück: Auf dem Landsitz Styles verbringt er seine letzten Tage – nicht aus Sentimentalität sondern um einem perfiden Mörder das Handwerk zu legen. Unter den Anwesenden vermutet er einen Psychopathen, der nie selbst Hand anlegte, dafür aber schon häufig andere Menschen durch geschickte Manipulation zum Morden verleitete. Doch hinter welcher, der scheinbar harmlos wirkenden Fassaden der Anwesenden, verbirgt sich ein perfider Verbrecher? Poirot bittet seinen langjährigen Freund Captain Hastings, ihn zu unterstützen: Hastings soll als Poirots Augen und Ohren fungiert. Doch trotz Hastings Wachsamkeit geschieht ein weiteres Unglück, und selbst Hastings ist vor dem Einfluss des Mörders nicht gefeit. Der Tod seiner Frau und die Anwesenheit seiner Tochter Judith lösen ambivalente Gefühle bei ihm aus. Hercule weiß, dass er schnell handeln muss: Seine kleinen grauen Zellen arbeiten nach wie vor brillant, doch sein Körper wird zunehmend schwächer. Er stirbt und hinterlässt eine überraschende Lösung des Falls…!

„Vorhang: Poirots letzter Fall“ ist der 33. und letzte Krimi mit dem belgischen Meisterdetektiv und gleichzeitig auch der letzte Roman, der zu Lebzeiten Agatha Christies erscheinen sollte. Mit Poirot und Styles begann und endete ihre sagenhafte Karriere: Kreise schließen sich! Kurioserweise war dies aber nicht der letzte Roman, den sie geschrieben hatte: Das Manuskript zu „Vorhang“ lag über 30 Jahre im Tresor der Bank und war so etwas wie Christies Rücklage für schlechte Zeiten. Da der Roman im Jahre 1975 erschien, entstand das Manuskript somit in den 40er Jahren. Unter Berücksichtigung dieser Tatsache empfinde ich es umso erstaunlicher, mit welcher Raffinesse Christie diese Geschichte aufbaute: Einerseits lässt sie den Leser die Handlung – nach klassischer Manier – stellvertretend durch die Person Arthur Hastings erleben und lässt beide, Hastings und den Leser, bis zum Schluss im Dunkeln tappen. Andererseits erfährt der Leser prägnante Einzelheiten durch die schriftlichen Aufzeichnungen von Hercule Poirot.

Zudem überraschte Christie gerne ihre Leser*innen, indem sie in ihren Romanen heikle Themen ansprach: So folgte ich als Leser einer konträr geführten Diskussion zwischen Captain Hastings und seiner Tochter Judith, bei der ich mich fragte, ob hier noch über Sterbehilfe oder schon über Euthanasie gesprochen wird. Häufig wurde der Autorin Antisemitismus vorgeworfen: Agatha Christie war ein Kind ihrer Zeit, nahm gesellschaftliche Ströme wahr, und so sind ihre Werke im historische Kontext der damaligen Epoche zu bewerten. Ich selbst habe schon viele ihrer Werke gelesen, empfand diese nie als rassistisch und hatte dabei eher den Eindruck, dass Christie bestimmten Personen der Handlung provokante Thesen in den Mund legte, um so ihrer Leserschaft und somit der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Dies ist selbstverständlich meine persönliche Interpretation, und eine Interpretation kann sowohl zu der einen wie auch zur anderen Richtung tendieren: Wer sucht wird finden!

In der gewohnten und von ihr perfektionierten „Whodunit“-Manier erfreut die Autorin auch bei diesem Roman mit einem spannenden Plot und interessanten Charakteren. Gleichzeitig schwingt Melancholie und ein Hauch Vergänglichkeit durch die Szenerie: Alle Personen sind an einem Scheideweg angelangt, blicken auf ihr bisheriges Leben zurück, hadern mit sich und ihrer momentanen Situation und sind unentschlossen, was die Zukunft ihnen bringen mag. Nur für den großen Meisterdetektiv wird es keine Zukunft mehr geben.

Ich gebe zu, dass mir beim Tod von Poirot – und als ich seine letzten Zeilen las – eine Träne über die Wange rann: „Es waren gute Zeiten. Ja, es war eine gute Zeit…“

Ja, das war sie – definitiv!

Nachruf Hercule Poirot - New Yorker Times.jpg

Hercule Poirot war bisher der einzige fiktive Charakter, der nach Erscheinen seines letzten Falls einen Nachruf in der „New York Times“ erhielt – auf der Titel-Seite!!!


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455008722

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #79: Habt ihr ein „Comfort“-Buch?

„Comfort“-Buch: Welch eine herrliche Wortschöpfung von Antonia…!

…komfortabel, genauso sollte sich ein Buch, das Antonia meint, auch anfühlen.

Egal, was in der Welt da draußen auch passiert und ob ich das Gefühl habe, kurz vor dem Ertrinken zu sein, dieses Buch gibt mir Halt und Geborgenheit. Ich schlüpfe hinein, und schon beim Überstreifen fühle ich die Wärme, die es umgibt. Ich darf mich fallen lassen in der Gewissheit, dass ich gut aufgehoben bin. Und während ich meine Wunden lecke, streicheln die gelesenen Worte über meine Seele, spülen in mir die richtigen Kanäle frei und lassen so die Emotionen hemmungslos fließen. Ich lache und weine gleichzeitig, tauche am Ende der Lektüre befreit wieder auf und bin gestärkt für die weiteren Anforderungen, die das Leben mir stellt.

Ja, ein solches Buch gibt es für mich! Im Rahmen meiner Geburtstags-Aktion [Die Bücher meines Lebens] im letzten Jahr habe ich sehr ausführlich berichtet, warum dieser Roman mich immer wieder berührt: Mein persönliches „Comfort“-Buch ist Drei Männer im Schnee von Erich Kästner.

Ich bin sehr dankbar, dass es schon immer und in jeder Kultur so viele außergewöhnliche Autorinnen und Autoren gab, die überreich mit Talent gesegnet waren und uns großzügig mit den Resultaten ihres Talents beschenkten. Und ich bin dankbar, dass wir in einer Zeit leben, in der es möglich ist, die Talente anderer Kulturen für sich zu entdecken, um so über Grenzen und Sprachbarrieren hinweg das persönliche und einzigartige „Comfort“-Buch für sich aufzustöbern.

Die Welt ist so bunt: Es lebe die Vielfalt!

…und mögt Ihr mir Euer „Comfort“-Buch verraten???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Rezension] Traudl Bünger – The Queen of Crime: Agatha Christie (Hörbuch)

Agatha Christie hat zu Lebzeiten tunlichst vermieden, ihre beiden beliebten kriminalistischen Spürnasen Miss Marple und Hercule Poirot gemeinsam ermitteln zu lassen, und tat gut daran: Bei den sehr unterschiedlichen Herangehensweisen und Ermittlungsmethoden der Beiden wäre womöglich ein erbitterter Konkurrenzkampf unumgänglich gewesen.

Erst Traudel Bünger, Autorin und bis 2018 als Programleitung des Literaturfestivals lit.COLOGNE tätig, wagte es, diese „heilige Kuh“ zu schlachten: Mit „The Queen of Crime: Agatha Christie“ lässt sie diese außergewöhnlichen Charaktere aufeinandertreffen. Mit Jürgen Tarrach als herrlich snobistischer Poirot mit französischen Akzent und Monica Bleibtreu als pfiffig-resolute Miss Marple mit Herz am rechten Fleck standen ihr zwei Vollblut-Akteure zur Verfügung.

Am 3. Dezember 1926 verschwand die damals 36-jährige Agatha Christie auf mysteriöse Weise, tauchte erst 11 Tage später wieder auf und machte aus diesem Umstand stets ein Geheimnis. Nach eigener Aussage war für Traudel Bünger, die „das Leben einer Kriminalschriftstellerin in einem literarischen Bühnenprogram erzählen will, ein solches Geheimnis ein Geschenk“. Und so nehmen Poirot & Marple alias Tarrach & Bleibtreu die Ermittlungen auf und liefern sich so einen verbalen Schlagabtausch auf Augenhöhe. Während Poirot die Tatsachen systematisch anhand der Chronologie der Ereignisse dem Publikum darlegt, unterbricht Marple ihn immer wieder, um anhand von Anekdoten aus ihrem Dorf St. Mary Mead die mitfühlende (zwischen-)menschliche Komponente nicht zu vernachlässigen. So stricken sie gemeinsam geschickt ein feines Netz der damaligen Ereignisse aus den wenigen bekannten Fakten, Zeitungsartikeln und Interviews von Agathas erstem Ehemann Archibald Christie und analysieren gemeinsam das Verhalten der beteiligten Personen.

Überzeugend arbeitet Traudel Bünger die sehr unterschiedlichen Methoden dieser gewieften Ermittler heraus: Während Poirot seine kleinen grauen Zellen sehr rational einsetzt und die reinen, unverfälschten Fakten berücksichtigt, achtet Miss Marple – sozusagen von Frau zu Frau – auf die Kleinigkeiten im Verhalten und auf Veränderungen im Auftreten von Mrs. Christie. Dabei diskutieren die Schöpfungen durchaus konträr über ihre Schöpferin.

So wagen sie eine Einschätzung, in wieweit die Geschehnisse im Dezember 1926 Einfluss auf die darauf folgenden Werke der Autorin Christie hatten. Auch werden sowohl ihr weiterer Lebensweg wie auch ihre Karriere pointiert beleuchtet: Scheidung vom ersten (untreuen) Ehemann, Reisen mit dem Orient-Express und in den Nahen Osten, Heirat mit dem 14 Jahre jüngeren Archäologen Max Mallowan, weltweite Erfolge als Autorin von Romanen und Bühnenstücke („Die Mausefalle“ wird seit dem Jahre 1952 ohne Unterbrechung in London aufgeführt), von der UNESCO zur erfolgreichsten britischen Schriftstellerin gekürt. Dabei wird deutlich, dass Agatha Christie zu ihrer Zeit schon eine sehr unkonventionelle Frau mit Humor war. So äußerte sie sich zu ihrer Ehe mit einem jüngeren Mann „Heiraten sie einen Archäologen: Je älter sie werden, desto interessanter findet er sie!“ Als sie am 12. Januar 1976 verstarb, zollte ihr die Theaterwelt von London Tribut: Von 22.00 bis 23.00 Uhr wurde das Westend dunkel und trauerte um die „Queen of Crime“.

Doch das Rätsel um die Geschehnisse im Dezember 1926 bleibt unaufgeklärt: Christie gab hierzu nur ein einziges Interview, dass so gut wie nichts zur Klärung beitrug, danach herrschte Schweigen…!

Aber Hercule Poirot und Miss Marple wären nicht DIE exzellenten Kriminologen, wenn sie nicht auch hierfür mit einer jeweils sehr persönlichen Lösung des Falls – jede/r im ganz eigenem Stil – glänzen würden. Und die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte…!

Die 78 Minuten dieses Live-Mitschnitts der lit.COLOGNE aus dem Jahre 2009 vergingen wie im Flug: Neben dem gelungenem Buch von Traudel Bünger ist dies in erster Linie den beiden vortrefflichen Darstellern Monica Bleibtreu und Jürgen Tarrach zu verdanken: Mit Charme und Humor hauchten sie ihren Charakteren Leben ein. Einziger (wirklich nur klitzekleiner) Wehrmutstropfen an dieser Einspielung ist der Umstand, dass der Zuhörer ihrer Performance hin und wieder die Lesung anmerkt, d.h. einige Dialoge wirken eher abgelesen als „frei“ interpretiert. Dafür lebt diese Aufnahme umso mehr von der Live-Atmosphäre mit den Reaktionen des Publikums.


erschienen bei Random House Audio/ ISBN: 978-3837104134

MONTAGSFRAGE #78: Lest ihr außer Bücher auch andere Medien (Zeitungen & Co.) regelmäßig?

Bei der heutigen Montagsfrage dreht es sich nur bedingt um Literatur: Vielmehr geht es um Presse-Erzeugnisse, die mir neben der Literatur noch so „schwarz auf weiß“ vor die Augen kommen – und zwar regelmäßig: Damit fallen alle Klatschblätter, die mir beim Friseur oder im ärztlichen Wartezimmer zwischen die Finger kommen „könnten“ (!), schon mal weg. Beim Friseur muss ich glücklicherweise nie lange warten, und beim Arzt habe ich immer ein Buch dabei und oute mich so zwischen all den Handy-Glotzern als literarisch-versnobter Außenseiter.

Und doch gibt es ein paar Presse-Erzeugnisse, die ihren Weg in unser Haus finden und nach der Lektüre dort verbleiben, weitergereicht oder entsorgt werden.

Gern werfe ich einen Blick in unser täglich erscheinendes Lokalzeitung Osterholzer-Kreisblatt, das von uns Einheimischen auch gerne liebevoll „Käseblatt“ genannt wird. Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Kultur, Stellen- und Todesanzeigen werden von mir mit großem Interesse gelesen. Schließlich fühle ich mich mit meiner Heimatstadt verbunden und möchte über die dortigen Entwicklungen informiert sein. Einzig der Sportteil buhlt völlig vergeblich um meine Aufmerksamkeit. Sollte das Blatt nach der Lektüre nicht als Unterlage für Bastelarbeiten oder zur Auspolsterung von Paketen dienen, wandert es ganz unprätentiös in die blaue Tonne.

Die Aufgaben in unsere Beziehung sind klar definiert: Während mein Mann für das Kochen und Backen zuständig ist und in diesem Bereich zwei Abonnements sein Eigen nennt, die ihn mit vielen kulinarischen Ideen versorgen, bin ich die selbsternannte Deko-Queen und für das Ambiente und die Gemütlichkeit in unserem Heim zuständig. Früher kamen die Inspirationen per Abo ins Haus, heute entscheide ich am Kiosk nach Lust und Laune, welche Zeitschrift sich mit mir auf den Weg nach Hause machen darf. Da diese Zeitschriften in der Anschaffung nicht unbedingt günstig und zum bloßen Wegwerfen viel zu schade sind, wandern die „ausgelesenen“ Exemplare weiter zu zwei Freundinnen und sorgen dann dort für Unterhaltung und Inspiration.

Im Jahre 1988 saß ich im Theater am Goetheplatz in Bremen und sah nicht nur meine erste „My Fair Lady“ sondern mein erstes Musical überhaupt: Es war um mich geschehen! Diese Symbiose aus Text, Tanz, Schauspiel, Gesang und Musik war für mich unwiderstehlich und ist es bis zum heutigen Tage geblieben. Erst ein paar Jahre nach meiner „Infizierung“ entdeckte ich, dass ich meiner Leidenschaft auch regelmäßig in gedruckter Form frönen kann: Seit dem Heft Nr. 31 von Oktober/November 1991 kommt die Fachzeitschrift musicals: Das Musicalmagazin (damals noch unter dem Titel „Das Musical“) im Abonnement zu mir nach Hause. Dies ist das einzige Magazin, in dem ich wirklich jeden Bericht lese, und das unser Haus nicht wieder verlässt sondern archiviert wird.

…und was haltet Ihr Euch vor die Nase: Tageszeitung, Fachzeitschrift oder Klatschblatt???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Rezension] Agatha Christie – Zeugin der Anklage/ Erzählung und Theaterstück im Vergleich

Leonard Vole steht vor Gericht. Er wird beschuldigt, eine wohlhabende Witwe aus Habgier ermordet zu haben. Alle Beweise sprechen gegen ihn, doch er beteuert eisern seine Unschuld. Seine einzige Chance, dem Strick zu entgehen, ist die Aussage seiner Frau Romaine, die sein Alibi bestätigen soll. Doch seine Frau liefert ihn eiskalt ans Messer und fungiert als Zeugin der Anklage. Der Verteidiger Sir Wilfrid Robarts zweifelt an der Aussage der Ehefrau und kann Beweise vorlegen, die ihre Glaubwürdigkeit in Frage stellt. Immer mehr und mehr verstrickt sie sich in Widersprüche. Leonard Vole wird freigesprochen. Doch wer war nun der Täter…?

Was war zuerst da: die Henne oder das Ei? Im vorliegenden Fall gab es zuerst die Kurzgeschichte, und erst Jahrzehnte später entstand daraus die Bühnenfassung. Im Jahre 1925 erscheint die Erzählung unter dem Titel „Traitor’s Hands“ (dt.: Die Hände der Verräterin) erstmals in der britischen Zeitschrift „Flynn’s“. In den 30er und 40er Jahren folgen unter dem heute bekannten Titel „Witness for the Prosecution“ in Großbritannien und den Vereinigten Staaten einige Wiederveröffentlichungen. Erst im Jahre 1953 wird das Werk zum Theaterstück umgearbeitet, wobei der Schluss seine bühnenwirksame Veränderung erfährt.

Die Erzählung wirkt – mit nur 24 Seiten Umfang – eher „schmalbrüstig“. Zwar sind alle wichtigen Handlungspersonen (wenn auch zum Teil unter einem anderen Namen als im Theaterstück) vertreten, und auch die elementaren Handlungsstränge werden erwähnt. Doch ist eine Entwicklung der Figuren schwer möglich, da die jeweiligen Beweggründe nur unzureichend beleuchtet werden können. Dies ist dem ursprünglichen Format der Veröffentlichung geschuldet: Da das Werk als nettes Geschichtchen in einer Zeitschrift erschien, war seinem Umfang entsprechend Grenzen gesetzt.

Wie bei einem Theatertext üblich sind hier sowohl Beschreibungen des Setting wie auch von Personen und deren Reaktionen auf ein Minimum reduziert. Vielmehr wird hier auch nicht benötigt: Schließlich entsteht aus einer „schnöden“ Textvorlage erst durch die Kunst aller Theaterschaffenden eine packende Inszenierung für die Bühne (…oder – wie in meinem Fall – vor dem inneren Auge des Lesers). Somit liegt der Schwerpunkt auf die Dialoge. Wie schon in ihren Romanen liefert Christie auch hier versierte Dialoge, die die handelnden Personen treffend charakterisieren und Spannung erzeugen. Dabei ist die Kunst des Schauspiels extrem gefordert: So spielt bei den Dialogen der s.g. „Untertext“ eine immense Bedeutung bei der Aussage. Nicht „was“ gesagt wird ist von Bedeutung sondern „wie“ es gesagt wird und drückt somit unausgesprochene Gefühle, Gedanken und Meinungen der Personen aus.

Das Stück bietet für die drei Hauptrollen ein immenses Potential zur Entfaltung:

  • Leonard Vole: jung, gutaussehend, sympathisch, naiv, wirkt hilflos, mit der Situation überfordert.
  • Romaine Heilger: geheimnisvolle Ausländerin, intelligent, wirkt gefühlskalt und berechnend, innerlich leidenschaftlich.
  • Sir Wilfrid Robarts: versierter Rechtsanwalt, kluger Stratege, sehr erfahren, hat trotzdem Ideale.

Mit den Nebenrollen sorgt Christie für eine humorvolle Auflockerung der eher dramatischen Handlung, um die aufgestaute Spannung beim Publikum zu lösen. Sie lässt die Zuschauer kurz „von der Leine“, um diese im nächsten Moment wieder anzuziehen und die Zuschauer wieder an die Kandare zu nehmen. Hier beweist sich Christies enormes Talent, Geschichten so zu kreieren und die Handlung so geschickt aufzubauen, dass die ständige Aufmerksamkeit des Publikums ihr gewiss ist.

Wie bereits erwähnt wurde das Ende beim Theaterstück gegenüber der Erzählung verändert: Die Erzählung endet mit dem Geständnis von Romain, dass sie über die tatsächlichen Umstände des Mordes informiert war. Das Theaterstück endet deutlich spektakulärer und (passenderweise) theatralischer. Es war früher Gang und Gebe, dass zu einer Erstaufführung eines Stückes Textbücher gedruckt wurden. Diese konnten vom Publikum käuflich erworben werden: Vor dem Theaterbesuch dienten sie zur Vorbereitung auf das Stück und hinterher fungierten sie als Souvenir. Bei „Witness for the Prosecution“ untersagte Agatha Christie das Abdrucken des neuen Endes, um das Publikum nicht um den Überraschungsmoment zu betrügen.

Die Verfilmung aus dem Jahre 1957 glänzt mit einer exzellenten Besetzung: Charles Laughton, Marlene Dietrich und Tyrone Power liefern gemeinsam mit dem restlichen Cast unter der genialen Regie von Billy Wilder Schauspielkunst vom Feinsten. Dagegen wirkt – trotz sexueller Komponente – die Neu-Verfilmung aus dem Jahre 2016 eher farblos und spannungsarm.

Dieses Werk gilt – nach „Die Mausefalle“ – als eines der erfolgreichsten Stücke aus der Feder von Agatha Christie und wird weiterhin gerne auch an deutschen Bühnen von München (2016: Blutenburg Theater) und Berlin (2005: Berliner Kriminal Theater) bis Hamburg (2017: Imperial Theater) inszeniert. Bis zur Schließung aller Theater aufgrund der Corona-Pandemie wurde das Stück äußerst erfolgreich im alten Gerichtssaal der ehrwürdigen London County Hall aufgeführt: Gibt es eine passendere Kulisse für dieses packende Werk?!

Habe ich Eure Neugierde geweckt? Dann greift bitte zum Theatertext. Die Erzählung kann hierbei getrost (Mrs. Christie, ich bitte um Verzeihung!) außer Acht gelassen werden!


Die Erzählung ist zurzeit nur antiquarisch zu erwerben und im Laufe der Jahre in div. Verlagen erschienen, z. Bsp. bei Diogenes/ ISBN: 978-3257208269 oder bei Fischer/ ISBN: 978-3596174621.

Das Theaterstück wird aktuell bei Felix Bloch Erben: Verlag für Bühne, Film und Funk verlegt. Die mir vorliegende Text-Fassung ist in der DDR im Jahre 1971 im Henschel-Verlag erschienen.

[Rezension] María Isabel Sánchez Vegara – Little People, Big Dreams: Agatha Christie/ mit Illustrationen von Elisa Munsó

„Little People, Big Dreams“ lautet eine Reihe im Insel-Verlag, in der biografische Bilderbücher über berühmte Persönlichkeiten veröffentlicht werden. Standen anfangs die starken Frauen im Fokus der Veröffentlichungen, so haben sich jetzt auch schon einige Kerle in die Reihe „geschummelt“. „Biografie“ klingt dabei auch etwas hochtrabend: Vielmehr wird kindgerecht vom Leben dieser herausragenden Persönlichkeiten erzählt, die alle Großes geschaffen haben und somit als Vorbilder für die Kleinen dienen können.

Werfen wir einen Blick auf das Leben von Agatha Christie: Die kleine Agatha liebte schon immer Bücher, und das Lesen von spannenden Geschichten war ihr liebster Zeitvertreib. Was läge da näher, als das sie – sobald sie ein gewisses Alter erreicht hatte – eigene spannende Geschichten schrieb…!

„Als junges Mädchen habe ich mich großartig damit unterhalten,
unerhört finstere Geschichten zu schreiben, in denen
alle vorkommenden Personen draufgingen.“
Agatha Christie

Äußerst ansprechend und somit durchaus auch schon für jüngere Leser*innen geeignet wird auf nur 26 illustrierten Seiten geschildert, wie aus der kleinen Agatha die große „Queen of Crime“ wurde. Dabei wird der Fokus nicht auf die pikanten Details eines Künstlerlebens gerichtet: Ihr mysteriöses Verschwinden im Jahre 1926 bleibt ebenso unerwähnt wie ihre glücklose Ehe und die anschließende Scheidung von ihrem ersten Mann. Die Erwähnung dieser Details wären in einem Bilderbuch auch völlig deplatziert, da sie dem Kerngedanken dieser Buch-Reihe nicht gerecht werden.

Vielmehr geht es darum, zu verdeutlichen, wie Christies Leidenschaft zu Schreiben geweckt wurde, woraus sie ihre Inspiration schöpfte, und wo und wie sie sich das nötige Wissen aneignete. Hierbei wird ein verspielter Blick auf ihre genialen Schöpfungen geworfen, und so dürfen auch ihre beiden bekanntesten und beliebtesten Spürnasen nicht unerwähnt bleiben: Mr. Hercule Poirot und Miss Jane Marple.

Illustrationen Elisa Munsó Little People, Big Dreams - Agatha Christie Insel Verlag (4)

Die Texte von María Isabel Sánchez Vegara sind auf das Wesentliche beschränkt und könnten somit eher als beschreibende Bildunterschriften bezeichnet werden. Vielmehr sind es die Illustrationen von Elisa Munsó, die – auch beim mehrfachen Betrachten – die meisten Informationen zu Agatha Christie preisgeben: Da gibt es charmante Anspielungen auf die Krimis „Mord im Orientexpress“ und „Tod auf dem Nil“ sowie auf ihr wohl bekanntestes Theaterstück „Die Mausefalle“. Auch das berühmte Porträt mit Christie zwischen den Bücherstapeln findet Entsprechung in einer Zeichnung. Die Illustratorin gestaltet dabei ihre Hauptperson mit einem markanten Wiedererkennungswert, da sie in ihr die Physiognomie der realen Person deutlich werden lässt.

Am Ende eines jeden Buches findet die Leserin/ der Leser zudem eine Zeitleiste mit Original-Fotos sowie einen Lebenslauf in Text-Form.

Mit „Little People, Big Dreams“ ist eine wunderbare Reihe entstanden, die unterhaltsam vom Werden großer Persönlichkeiten, die Außergewöhnliches geleistet haben, berichten. Denn auch diese Heldinnen und Helden waren einmal klein, und diese kleinen Leute hatten große Träume!


erschienen bei Insel/ ISBN: 978-3458178378

MONTAGSFRAGE #77: Buch mit Huhn (oder Ei)?

Das letzte Mal, wo ich – so wie heute – nach dem Lesen einer Frage hysterisch aufgelacht habe, war im Jahre 1989, als ich einen ersten Blick auf die Aufgaben der Abi-Klausur im Fach „BWL“ warf. Das Ergebnis waren „sensationelle“ 3 Punkte. Für meine Abi-Klausur im Fach „Deutsch“, in der ich eine gelungene Abhandlung zu „Die Geschwister Oppermann“ von Lion Feuchtwanger lieferte, gab es dann stattliche 13 Punkte. Somit dürfte klar sein, warum ich hier Bücher rezensiere und keine Wirtschafts-Tipps gebe!

Doch nun habe ich ausgelacht, mich halbwegs wieder beruhigt und könnte mich somit der Beantwortung der heutigen Montagsfrage widmen. Unsere Hüterin der Montagsfragen Antonia sprach von einer recht leichten Frage: Hm, ja, nee, is klar…!

Morgen erscheint auf meinem Blog der erste Beitrag zu „Literaten im Fokus“, und so kreisen meine Gedanken seit einigen Tagen um Agatha Christie und ihren literarischen Geschöpfen. Wen wundert es da, dass mir bei dieser Frage als erstes der Name eines kleinen Belgiers (…nicht Franzose: Drauf legt er gesteigerten Wert!) einfiel.

  • Frage: Buch mit Huhn (oder Ei)?
  • Antwort: Jeder Roman mit Hercule Poirot in dem er ein Frühstück zu sich nimmt!

Unser genialer wie pedantischer Meisterdetektiv hat ein ausgewachsenes Faible für Symmetrie. Dieser Spleen geht soweit, dass er zum Frühstück immer 2 weichgekochte Eier zu sich nimmt, die in Größe und Aussehen absolut identisch sein müssen. Hierbei verlässt sich Poirot (ausnahmsweise) nicht auf sein exzellentes Augenmaß, sondern prüft Höhe und Breite der Eier mit Hilfe eines kleinen Lineals. Sind diese Eier nicht vollkommen, dann müssen sie – Vite! Vite! – schnellstens durch 2 neue Eier ersetzt werden. Poirot liebt die Perfektion, die er bis zur Manie pflegt.

Aber wahrscheinlich haben gerade diese kauzigen Eigenarten ihn zu dem erfolgreichen Meisterdetektiv werden lassen, dessen Beliebtheit bei der Leserschaft nach wie vor ungebrochen scheint.

…Buch, Huhn oder Ei? Was war als erstes da???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Noch ein Gedicht…] August Heinrich Hoffmann von Fallersleben – DAS OSTEREI

Hei, juchhei! Kommt herbei!
Suchen wir das Osterei!
Immerfort, hier und dort
und an jedem Ort!

Ist es noch so gut versteckt,
endlich wird es doch entdeckt.
Hier ein Ei! Dort ein Ei!
Bald sind’s zwei und drei!

Wer nicht blind, der gewinnt
einen schönen Fund geschwind.
Eier blau, rot und grau
kommen bald zur Schau.

Und ich sag’s, es bleibt dabei,
gern such ich ein Osterei:
Zu gering ist kein Ding,
selbst kein Pfifferling.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

[Rezension] Das Buch der Märchen/ ausgewählt und illustriert von Friedrich Hechelmann

Mit „Es war einmal…“ fangen alle Märchen an! Tatsächlich alle? Bei den in diesem Buch versammelten 22 Märchen beginnen nur 8 von ihnen mit diesem bekannten Opener, wovon 7 Geschichten aus der Feder der Brüder Grimm stammen. Ist dies nur ein Zufall und der vorliegenden Auswahl geschuldet? Ich weiß es nicht. Es ist aber auch nicht wichtig. Wichtig ist nur zu wissen, dass Friedrich Hechelmann hier eine abwechslungsreiche Auswahl an bekannten und weniger bekannten Märchen getroffen hat. Dies gilt sowohl für die Werke des schon genannten Brüderpaars (12) als auch für die Märchen von Wilhelm Hauff (3) und Ludwig Bechstein (6). Selbst Eduard Mörike ist mit seinem Märchen „Die Historie von der schönen Lau“ vertreten und bildet den krönenden Abschluss einer gelungenen Zusammenstellung, bei der sich Hechelmann auf die deutschen Märchensammler beschränkt hat.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich einen enormen Nachholbedarf an Märchen von Hauff und Bechstein hatte, und auch Mörike war mir nicht als Märchenerzähler in Erinnerung. Doch dank dieses Märchenbuches konnte ich Abhilfe leisten…!

Märchen regen die Fantasie an, verpacken ihre Botschaft in eine spannende Geschichte und spielen mit Zeit und Raum. Die Charakterisierung der Figuren erfolgt in klaren Grenzen: Menschen mit guten Tugenden werden belohnt und das Böse hart bestraft. Märchen sind in ihrer Aussage oft auch sehr plakativ. Und so gibt es nur wenige Märchenbücher, die ihre Geschichten nicht in Kombination mit Illustrationen präsentierten.

Auch hier war Friedrich Hechelmann sehr aktiv und schuf für jedes Märchen einerseits ganzseitige Illustrationen, andererseits fügte er Bilder hinzu, die durchaus passend aber nicht explizit für dieses Märchen entstanden sind. Bei den Märchenbildern spielt der Künstler teilweise sehr humorvoll mit den Regeln der Dimension, verschiebt die Proportionen der Figuren beinah ins Groteske, präsentiert aber eine kindgerechte Märchenwelt in warmen, satten Farben. Die Illustrationen, die nicht unbedingt dem Märchen zugeordnet werden können, sind deutlich „stiller“. Sie „schreien“ nicht und springen dem Betrachter nicht unbedingt sofort ins Gesicht. Dafür verströmen sie eine zarte, beinah mystische Atmosphäre und zeigen mit der meisterlichen Kombination von Licht, Schatten und Farben eine Tiefe, die einen enormen Sog entwickelt. Die ausgewählten Bilder repräsentieren eine Schaffensperiode von vierzig Jahren.

Erwähnenswert empfinde ich auch die Zeichnungen zu den Anfangsbuchstaben der Märchen: Hier zimmern und bauen zwei Männchen – zum Teil mit einer Leiter bewaffnet – die Buchstaben aus Einzelteilen zusammen. Ein wunderbarer, augenzwinkernder Spaß…!

Ich besitze schon so einige Märchenbücher, und doch kommt von Zeit zu Zeit immer gerne wieder eins dazu!

Mein liebes Cousinchen, ich danke Dir von Herzen für dieses wundervolle Geschenk! ❤


erschienen bei Sanssouci/ ISBN: 978-3990560099

MONTAGSFRAGE #76: Welche Bücher könnt ihr Eltern (& gelangweilten Kindern) gerade sehr empfehlen?

Hihihi! So eine einfache Frage…! Antwort: Na, alles von Astrid Lindgren und Erich Kästner! So, fertig…!

Nein, keine Bange, so einfach mache ich es mir natürlich nicht. Aber da ich immer sehr gerne und mit wachsender Begeisterung auch der Kinder- und Jugendliteratur ein Plätzchen auf meinem Blog einräume, stöbere ich für Euch etwas in meiner Rubrik „Das geschriebene Wort…“ und stelle Euch eine kleine Kollektion zusammen:

Für kleine und große Entdecker…

Zauberhafte Bilderbücher mit Botschaft…

Klassiker: neu interpretiert…

Märchen schreibt die Zeit…

Lindgren, Kästner & Co. …

Woher nehmen und nicht stehlen…

Wer sich nun noch fragt, wie er in Zeiten der heimischen Isolation an Lesestoff kommen soll, für den habe ich hier drei ganz pragmatische Tipps:

  • Viele Buchhändler sind nach wie vor telefonisch, per Mail oder Fax für uns erreichbar und verfügen über einen Online-Shop: Einfach das gewünschte Buch bestellen und – Schwupps! – wird es bis vor die Haustür geliefert. Die Buchhandlung in Eurer Nachbarschaft findet Ihr hier.
  • Auch die Bibliotheken im Land sind weiterhin sehr rührig. Viele bieten in Zeiten von Corona eine kostenlose „Onleihe“ an. Erkundigt Euch gerne bei der Bibliothek in Eurer Nähe, ob sie diesen Service auch anbietet. Adressen findet Ihr hier.
  • Tauschen, tauschen, tauschen: Einfach mal bei Familie, Freunden und Nachbarn nachfragen, ob diese interessante Bücher haben oder ihnen die eigenen Bücher anbieten. Beim nächsten Spaziergang wird das Buch sicher am vereinbarten Ort (Terrasse, Garage, Carport) hinterlegt. Zudem wäre es eine wunderbare Geste, wenn eine witzige Karte mit einer persönlichen Nachricht beim Buch liegen würde! Manchmal bedarf es nur einer Kleinigkeit, um anderen Menschen eine Freude zu bereiten! 🥰

Wer jetzt noch jammert, sie/er hätte nix mehr zu lesen, ist selber schuld!

…???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.