[Rezension] Ralf Butschkow – Wir gehen in die Buchhandlung

Sofie ist traurig! Sie hat sich so sehr auf ihr neues Regal gefreut, doch ihr Vater ist außerstande ihr diesen kleinen Wunsch zu erfüllen. Zu groß ist für ihn die Anstrengung und zu schwer scheint für ihn diese Aufgabe, ein Regal an der Wand zu befestigen. Sofie ist verzweifelt: Was kann sie nur tun, um sich aus dieser prekären Situation zu befreien? Nur in der Buchhandlung ihres Vertrauens „die schatulle“ findet sie ein offenes Ohr für ihre Nöte: Die Buchhändlerin Frau Gartmann weiß genau, was ihr fehlt – ein Buch! Es ist nicht irgendein Buch. – Nein! – Dieses Buch hilft Sophies Mutter sich aus der erdrückenden Dominanz ihres Versager-Ehemanns zu lösen und aus eigener Kraft das Regal an die Wand zu dübeln…!

Dem Autor ist hier ein Standard-Werk der Kinderliteratur gelungen: Schonungslos werden die Sorgen der heutigen Kindergeneration thematisiert – Themen wie Verlust,  Enttäuschung und Zukunftsängste. Zu alledem kommt eine sozialkritische Brisanz: Sophie erfährt, dass die Buchhändlerin ein Seniorenpflegeheim mit Büchern versorgt, um den dort von ihren Angehörigen abgeschobenen Senioren ein wenig Freude in ihren öden Alltag zu bringen. So lernen die Kinder schon früh zu erkennen, dass auf dieser Welt kein Platz ist für Phantastereien, unbekümmertes Spiel und kindlicher Freude. Für alle Zweifler gibt es bestimmt das passende Buch…!

Dieses Werk steht völlig zu Recht auf der SPIEGEL Bestseller-Liste und wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert. Das Kultusministerium für Niedersachsen hat per Dekret angeordnet, dass dieses Werk nun Pflichtlektüre an allen Schulen wird.

Endlich ein Lichtblick im kinderliterarischen Einerlei…!!!

erschienen bei pixi (Carlsen)/ ISBN: 978-3551685759

Ich danke dem Verlag herzlich für das nicht zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

Ihr Lieben! Die Buchhandlung meines Vertrauens hat nun ein eigenes pixi-Buch (Wie geil ist das denn?!), und ich konnte mir den kleinen Spaß nicht verkneifen, zu diesem entzückenden und gänzlich harmlosen Büchlein eine deprimierende Rezension zu verfassen. Wobei ich den Inhalt absolut wahrheitsgetreu wiedergegeben habe: Schließlich ist es ja alles nur eine Frage der Interpretation! Nicht wahr? 😉 Herzliche Grüße…!

Ein Porträt: Edgar Allan Poe

Edgar Allan Poe (* 19. Januar 1809/ † 7. Oktober 1849)

Edgar Allan Poe wurde als Sohn eines Schauspieler-Ehepaares geboren. Nach 4 Jahren Ehe verließ der Vater die Familie. Nur ein Jahr später starb die Mutter an Tuberkulose. Der zweijährige Poe, sein zwei Jahre älterer Bruder William Henry Leonard und seine ein Jahr jüngere Schwester Rosalie blieben als Waisen mittellos zurück. Die Kinder wuchsen getrennt voneinander bei Pflegefamilien auf. Poe verbrachte seine Kindheit auf einem Internat in England bis die Pflegeeltern gezwungen waren, aufgrund der Wirtschaftskrise von 1819 nach Amerika zurückzukehren.

Dort immatrikulierte Poe an der Universität von Virginia in Charlottesville. Hier kam sein Hang zur Selbstzerstörung zum ersten Mal zum Vorschein: Er trank übermäßig, war spielsüchtig und hatte nach nur acht Monaten Studium Schulden in Höhe von 2000 US-Dollar. Von seinem Pflegevater konnte er keine Unterstützung erhoffen, dem er eh vorwarf, ihn nur unzureichend finanziell zu unterstützen. Um seinen Gläubigern zu entgehen flüchtete Poe nach Boston und lebte dort unter falschem Namen, bevor er der US Army beitrat. Während dieser Zeit erschien auch sein erster Gedichtband, der allerdings ohne nennenswerte Resonanz blieb.

Auch seine Karriere bei der US Army gestaltete sich ebenso schwierig wie sein Verhältnis zu seinem Pflegevater, der sich für seine Aufnahme bei der US Army eingesetzt hatte. Um diesen zu verletzen, provozierte er seine Entlassung aus der Armee. Er wurde vor ein Kriegsgericht gestellt und der Militärakademie verwiesen.

Sein weiteres Leben sollte unstetig bleiben: Baltimore, Richmond, New York, Philadelphia und Dupin waren nur einige Stationen. Die ersten kleinen schriftstellerischen Erfolge stellten sich ein. Um sich finanziell über Wasser zu halten, nahm Poe Arbeiten bei verschiedenen Zeitschriften an, bei denen auch einige seiner Erzählungen erschienen und seinen Ruf als Prosaautor festigten. Dabei waren es weniger die Erzählungen, die ihn berühmt (wenn nicht gar berüchtigt) machten, sondern seine gefürchteten Literaturkritiken, mit denen er versuchte den restaurativen Literaturbetrieb abzuschütteln. Er bemühte sich um allgemeingültige, ästhetische Maßstäbe in der Literatur.

1845 entstand in New York wohl sein bekanntestes Gedicht Der Rabe und verschaffte ihm Erfolg und Popularität.

Poes Phasen künstlerischen Schaffens wurden immer wieder durch sein selbstzerstörerisches Verhalten unterbrochen: Er gab sich Alkoholexzesse hin! Sein Verhältnis zu Frauen galt als zwiespältig: Seine Schwärmereien zu älteren Frauen wie auch zu jungen Mädchen könnten noch als Mutter- bzw. Schwester-Komplex gedeutet werden. Dieses zwiespältige Verhältnis zu Frauen greift Poe in den meisten seiner Erzählungen auf, dabei wird insbesondere der Tod einer schönen, oft jungen Frau thematisiert.

Nach dem Tod seiner Ehefrau Virginia trifft Poe im Jahr 1849 seine Jugendliebe Elmira Shelton in Richmond wieder. Sie verlieben sich, und Elmira akzeptiert seinen Heiratsantrag.

Am Morgen des 27. September 1849 reist Poe per Schiff von Richmond nach Baltimore, um in seinem Haus in Fordham Vorbereitungen für die Hochzeit zu treffen. Was in den darauf folgenden Tagen geschieht, bleibt nebulös im Dunkel. Erst am 3. Oktober 1849 wird er in einem verwahrlosten und verwirrten Zustand in Baltimore aufgefunden und ins Krankenhaus gebracht. Dort stirbt er am 7. Oktober 1849: Die Umstände des Todes sind unklar. Die Todesursache ist unbekannt.

Edgar Allan Poe gilt als der Wegbereiter der modernen Kriminal-, Horror- und Schauerliteratur. Seine Werke offenbaren die menschlichen Abgründe, sind düster und gleichzeitig poetisch und haben eine ausgeprägte Symbolik. Zudem war er ein sehr vielseitiger Schriftsteller, der Kurzgeschichten und Gedichte schrieb aber auch theoretische Aufsätze verfasste.


Auswahl seiner Werke:
  • Der Rabe (Übersetzer: Hans Wollschläger) erschienen bei Insel/ ISBN: 978-3458190066
  • Der Rabe (Übersetzer: Theodor Etzel) erschienen bei Anaconda/ ISBN: 978-3730601693
  • Unheimliche Geschichten: Illustrierte Buchreihe erschienen bei Galiani/ ISBN: 978-3869711676
  • Unheimliche und phantastische Geschichten (3 Bände) erschienen bei Anaconda/ ISBN: 978-3730605943
  • Gesammelte Werke erschienen bei Anaconda/ ISBN: 978-3866477568

MONTAGSFRAGE #28: Wie hat sich dein Leseverhalten innerhalb der letzten zehn Jahre (nicht) verändert?

Montagsfrage (1)

Moment! Moment! Um diese Frage beantworten zu können, muss ich mein jüngeres Ich vor meinem geistigen Auge erscheinen lassen:

Es ist der 18. März 2009, und ich bin zu diesem Zeitpunkt 39 Jahre alt. Mein Mann und ich hatten im Jahr zuvor still und heimlich geheiratet (oder uns vielmehr lebenspartnerschaftlich eintragen lassen), wollten ein Jahr später Familie und Freunde mit der Einladung zu einem rauschenden Fest überraschen, das leider aus persönlichen Gründen nie stattfinden sollte. Trotzdem fanden wir es an der Zeit, dass besagte Familie und Freunde endlich über diese für uns so wichtige Veränderung unserer Beziehung informiert werden. Und das hatten wir gerade per postalischer Bekanntmachung getan.

Ich kann mich noch genau an die Reaktionen erinnern. Ich weiß auch noch genau, was ich beruflich zu diesem Zeitpunkt gemacht habe. Aber was habe ich damals (nicht) gelesen??? Hmm!!!

Im Wesentlichen war mein damaliges Leseverhalten schon sehr ähnlich meinem heutigen: Krimis nahmen einen großen Stellenwert ein. Ich war ein großer Fan von den Katzen-Krimis von Rita Mae Brown: Wobei mein Enthusiasmus im Jahre 2009 schon am Abklingen war. Ich hatte allerdings mit Colin Cotterill einen würdigen Nachfolger gefunden, und Alan Bradley stand auch schon bei mir in den literarischen Startlöchern.

Auf jedem Fall war meine Leidenschaft zu Agatha Christie noch nicht wieder zur vollen Blüte erwacht: Sie war immer vorhanden, schlummert allerdings noch! Auch meine Liebe zu Kurzgeschichten wurde erst einige Jahre später mit meiner zunehmenden Tätigkeit als Vor-Leser erweckt, und auch die Lyrik musste noch ein wenig ausharren, bis ich ihr eines Blickes würdigte.

Fazit: Das Leseverhalten von dem 39-jährigen Andreas unterscheidet sich nicht gravierend von dem jetzigen Andreas. Der Mensch ist eben das berühmt-berüchtigte Gewohnheitstier, und mit zunehmenden Alter hat sich auch das Leseverhalten entwickelt und gefestigt.

…oder ist an dem Mythos „Alle 7 Jahre ändert sich der Mensch!“ doch etwas dran? Was meint Ihr???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Rezension] Chiaki Okada & Ko Okada – Bist du der Frühling?

Seine großen Brüder können alle schon in die Äste der Bäume springen. Seine großen Brüder kennen auch alle schon den Frühling. Nur das jüngste Hasenkind hat den Frühling noch nie gesehen und würde es seinen Brüdern so gerne gleichtun. So schleicht er an einem frühen Morgen aus der Hütte, da er glaubt, die Schritte des Frühlings gehört zu haben…!

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Illustration: Chiaki Okada/ Text: Ko Okada

Mit zarten Strichen lässt Chiaki Okada in ihren detailreichen Illustrationen die winterliche Heimat des kleinen Hasen aufleben. Nur wenigen Farben bedarf es, um die Schönheit einer verschneiten Landschaft wiederzugeben. Mit dem gekonnten Einsatz von Schattierungen bringt sie den Schnee auf dem Waldboden zum Glänzen und die ersten Sonnenstrahlen auf den Ästen der Bäume zum Tanzen. Dabei sind ihre Bilder von einer einnehmenden Ästhetik und strahlen eine wohltuende Ruhe aus.

Unterstützung finden ihre Illustrationen in den wenigen Sätzen von Ko Okada, die sehr reduziert aber durchaus wohlüberlegt eingesetzt werden und in der Kombination mit den Bildern eine emotionale Tiefe schaffen.

Auf dem ersten Blick wirkt dieses Bilderbuch wenig spektakulär, wenig abwechslungsreich…! Seine Botschaft drängt sich nicht plakativ beim oberflächlichen Betrachten auf. Der Zauber erschließt sich erst im wiederholten Anschauen der Bilder, wenn der Blick über die Illustrationen der wunderbaren Winterlandschaft wandert und bei kleinen Details hängen bleibt.

Ohne den pädagogisch erhobenen Zeigefinger ist dem Künstlerpaar ein wahrlich entzückendes Bilderbuch gelungen, das sehr einfühlsam Themen wie „Großwerden“, „(Ab-)Warten können“, „Freundschaft“ und „Anders sein“ den Kleinen näher bringt!

Und ich kann die Ungeduld des kleinen Hasen sooo gut verstehen: So warte auch ich voller Sehnsucht auf den Frühling!

erschienen bei Moritz/ ISBN: 978-3895653728

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Noch ein Gedicht…] Erich Kästner – FRÜHLINGSLÄCHELN

Die Sonne lockt nach einem Weilchen
die schönsten Dinge an das Licht,
zum Beispiel: Birkengrün und Veilchen,
und Reiselust und Liederzeilchen,
und manches lächelnde Gesicht.

Der Frühling neckt uns. Wir erwachen.
Die Welt wird wieder froh und grün
und möchte sich vertausendfachen.
Die Blumen blühen, wenn sie lachen.
Die Frauen lächeln, wenn sie blühn.

Erich Kästner

[Rezension] Vea Kaiser – RÜCKWÄRTSWALZER. oder Die Manen der Familie Prischinger

Lorenz Prischinger ist am Ende: seine Schauspiel-Karriere stagniert, seine Freundin verlässt ihn für irgendeinen Deppen, die Schulden stehen ihm bis zum Hals, weswegen er seine schicke Wiener Nobel-Wohnung untervermieten muss. Nun nächtigt er im ehemaligen Kinderzimmer seiner Cousine, denn er ist bei seiner Tante Hedi und seinem Onkel Willi untergeschlüpft und muss eine geballte Ladung Tanten-Power über sich ergehen lassen, da Hedis Schwestern Mirl und Wetti auch stets zur Stelle sind. Tiefer kann er nicht sinken, denn schlimmer kann es nicht werden! Doch! Kann er! Sicher! Wird es!

Überraschend stirbt Onkel Willi (ein schwaches Herz, hatte seine Mutter schon): Gemäß seinem letzten Wunsch soll er in seiner Heimat Montenegro beerdigt werden. Eine offizielle Überführung ist zu teuer, also wird zu einer unkonventionellen Lösung gegriffen: Lorenz macht sich im kleinen Fiat Panda mit dem toten, tiefgefrorenen Onkel auf dem Beifahrersitz und seinen drei Tanten auf dem Rücksitz auf den Weg in die 1029 km entfernte Heimat seines Onkels.

Vea Kaiser lässt – eingerahmt von diesem ausgefallenen „Road Trip“, der im hier und jetzt spielt – die Vergangenheit der Prischinger-Familie wiederaufleben. Dabei erscheint es, als würde sie einen Film zurückspulen, anhalten und ein Stück wieder laufen zu lassen, um dem Publikum (=Leser) eine weitere Szene als Rückblende vorzuführen. In Etappen verrät sie dem Leser die Lebensgeschichten der 5 Prischinger-Kinder: neben Mirl, Hedi und Wetti gibt es noch Sepp, den Vater von Lorenz, und Nenerl, den verstorbenen Zwillingsbruder von Mirl. In dieser schon äußerst abwechslungsreichen Familiengeschichte verwebt Vea Kaiser zusätzlich den Lebensweg von Onkel Willi. Mit all diesen parallel verlaufenden Handlungsstränge und Rückblenden hätte es für den Leser sehr schnell unübersichtlich und unverständlich werden können! Das wird es nicht, da Vea Kaiser immer die Zügel in der Hand behält, den Weg im Blick und somit das Ziel vor Augen hat.

Vea Kaiser liebt ihre Protagonisten mit all ihren Fehlern, Marotten und (Fehl-)Entscheidungen. Sie portraitiert die einzelnen Personen sehr detailliert und ironisch aber nie entlarvend. Ihr Humor ist manches Mal lakonisch, mit viel Mutterwitz (…oder sollte ich lieber „Tantenwitz“ sagen?) aber stets respektvoll.

Dabei scheinen auch immer die Verstorbenen der Familie aus dem Jenseits, Einfluss auf die Protagonisten zu nehmen und somit deren Handeln zu prägen: „Die Manen der Familie Prischinger“ lautet nicht ohne Grund der Untertitel dieses Romans. Der Begriff „Manen“ kommt aus dem lateinischen und meint die Geister der Toten der römischen Mythologie. Ist unser aller Handeln nicht ebenso geprägt durch Begegnungen und Erfahrungen aus der Vergangenheit? Erschrecken wir nicht über uns selbst, wenn wir Eigenarten eines Elternteils an uns entdecken, die wir „nie und nimmer“ annehmen wollten? Erkennen wir es nicht auch selbst, dass die Taten unserer Ahnen, Einfluss auf unser Werden hatten?

Dieser Roman öffnet sich dem Leser nur Seite für Seite, Szene für Szene, Stück für Stück…!

Ich habe über dieses komplexe Handlungsgerüst, die vielschichtigen Charaktere und intelligenten Dialoge gestaunt: Nie gab es für mich einen Moment der Langeweile. Im Gegenteil: Stets wollte ich mehr über diese Familie erfahren, amüsierte mich über die humorvollen Situationen, die durchaus in Richtung Slapstick hätten abgleiten können aber immer rechtzeitig ausgebremst wurden, oder war gerührt von der Wärme, mit der die allzu menschlichen und somit verständlichen Schwächen der Familienmitglieder beschrieben wurden.

Vea Kaiser liebt ihre Protagonisten, und darum lieben wir sie ebenso!


erschienen bei Kiepenheuer & Witsch/ ISBN: 978-3462051421

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

Wer noch eine 2. oder gar 3. Meinung benötigt, der wird bei Lesen… in vollen Zügen und bei Leseschatz fündig!

Welche Freude: Am 22. Mai wird Vea Kaiser mit einer Lesung aus diesem Roman bei uns zu Gast sein!

 

MONTAGSFRAGE #27: Die schönsten Buchcharakter-Namen…?

Montagsfrage (1)

In meiner Erinnerungs-Kommode rappelt es wieder…!

Dachte ich noch im ersten Moment, dass ich bei dieser Frage kläglich scheitern würde, da ich mir so schlecht Namen merken kann, und darum einige Romane mit ihrem üppigen Handlungspersonal mich schon sehr herausfordern. Doch ich musste gar nicht so tief in den Schubladen der oben genannten Kommode kramen: Zwei meiner liebsten Krimi-Held*innen haben sehr schöne klangvolle Namen…!

Da ist zum einen die von Alan Bradley erdachte jugendliche Heldin mit Namen FLAVIA DE LUCE – ein  Name, der anfangs sehr kapriziös erscheint und so gar nicht zu dieser vorlauten, altklugen Göre mit dem unerschütterlichen Selbstbewusstsein zu passen scheint. „Luce“ bedeutet im Italienischen „Licht“, und so wirkt dieser Name für eine Krimiheldin doch äußerst passend. So bringt Flavia immer wieder Licht ins Dunkel, indem sie so manches Geheimnis lüftet und „nebenbei“ gerne einen Mord aufklärt.

Dank Colin Cotterill durfte ich die Bekanntschaft mit Dr. SIRI PAIBOUN machen. Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob Absicht dahinter steckt, dass „Paiboun“ sich auf „Taifun“ reimt. Doch ebenso wie ein tropischer Wirbelsturm über das Land fegt, so stürmt auch Dr. Siri als einziger Gerichtsmediziner des Landes über das kommunistische Laos der 70er Jahre. Er hinterlässt nicht unbedingt eine Stätte der Verwüstung, rüttelt aber zumindest mit seinen unkonventionellen Methoden und seinem Hang zum Spirituellen seine Umwelt gehörig durcheinander.

Während ich dies schrieb, kam mir zudem die Heldin aus Tennessee Williams Drama „Endstation Sehnsucht“ in den Sinn (zwar kein Roman aber als Schauspiel durchaus auch ein literarisches Werk). BLANCHE DUBOIS: Allein der Name klingt nach einem schwülen Sommerabend in New Orleans, wo die leisen Klänge eines Banjos durch einen warmen Windhauch zart getragen von Haus zu Haus, von Ohr zu Ohr schweben…!

Seht Ihr, es geht schon los! Mein Kopfkino ist angesprungen…!!!

…und bei welchen Namen springt Euer Kopfkino an???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

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[Musical] John Kander – CABARET / Stadttheater Bremerhaven

Buch von Joe Masteroff nach dem Stück Ich bin eine Kamera von John van Druten und Erzählungen von Christopher Isherwood / Gesangstexte von Fred Ebb / Musik von John Kander / Deutsch von Robert Gilbert / in der reduzierten Orchesterfassung von Chris Walker

Premiere: 23. Februar 2019/ besuchte Vorstellung: 8. März 2019

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


Inszenierung: Mark Zurmühle
Musikalische Leitung: Jan-Hendrik Ehlers
Choreographie: Andrea Danae Kingston
Bühne: Eleonore Bircher

Kostüme: Cornelia Schmidt


„Willkommen, Bienvenue, Welcome!„

Clifford Bradschaw tritt auf. Er ist Schriftsteller aus Amerika und auf dem Weg ins Berlin der Weimarer Republik, um dort im pulsierenden Leben der Großstadt endlich die Inspiration für seinen großen Roman zu finden. Auf der großen Leinwand flackern die ersten Bilder und formen sich zu Konturen: Clifford sitzt im Zugabteil und lernt den Devisenschmuggler Ernst Ludwig kennen, der ihm nicht nur eine Bleibe vermittelt sondern auch die Freundschaft anbietet. Clifford nimmt – trotz der Warnung des windigen Conférenciers – beides an,…

…und taucht am Silvesterabend des Jahres 1929 in die dekadente Welt dieser Metropole ein, lernt Nachtclub-Sängerin Sally Bowles kennen und lieben, sieht wie die zarte, späte Liebe seiner Wirtin Fräulein Schneider zum jüdischen Obsthändler Herr Schulz aufgrund der politischen Entwicklungen zerbricht und erkennt die Nationalsozialisten, die immer mehr Einfluss gewinnen, als Bedrohung der Freiheit des Einzelnen und als Zerstörung der Grundfeste der demokratischen Gesellschaft.

Harter Tobak für ein Musical…! „Cabaret“ wird im Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven darum auch unter „Schauspiel“ geführt. Und so sind die Hauptrollen (mit einer Ausnahme) aus dem Schauspielensemble besetzt. Zudem wurde auf das große Orchester verzichtet: Die Musik klingt in der Besetzung der 6-Mann-starken Band unter der Leitung von Jan-Hendrik Ehlers darum auch mehr nach Weill/ Brecht als nach Broadway-Sound.

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Während in anderen Inszenierungen das Hauptaugenmerk gerne eher auf Sally Bowles und dem Conférenciers liegt, steht hier der Schriftsteller Clifford Bradshaw im Mittelpunkt und rückt so das Musical näher an seine Vorlage, der Erzählung „Goodbye to Berlin“ von Christopher Isherwood. Henning Bäcker füllt diese Aufgabe bravourös aus. Er trägt diese anspruchsvolle Rolle, ist nicht nur Erzähler – Nein! – er ist der Chronist seiner Zeit: Nah genug, um betroffen zu sein/ fern genug, um ein krankes System zu erkennen! Bäckers Clifford Bradshaw bleibt, trotz aller Ambivalenz und sich den Verlockungen kurzfristig hingebend, das Gewissen des Stücks: Für ihn steht die Menschlichkeit über allem!

Die Sally Bowles von Dorothea Maria Müller (Gast und einziger Musicalprofi im Ensemble) erscheint anfangs als oberflächliches Flittchen, der Spaß (auch am Sex) und die eigene, klägliche Karriere wichtiger zu sein scheinen, als eine ernste Beziehung oder die angespannte politische Atmosphäre. Erst im 2. Akt ändert sich diese Haltung, als Sally schmerzhaft erkennen muss, dass sie selbst für ihr Tun (oder auch Nicht-Tun) verantwortlich ist. Hier hat Dorothea Maria Müller die Gelegenheit nicht nur gesanglich sondern auch schauspielerisch zu glänzen: Ihre Konfrontation mit Cliff ist voller Dramatik und geht unter die Haut. Zudem verfügt Müller über eine tolle Stimme und bringt die Song-Klassiker dank ihrer individuellen Phrasierung zum Blühen.

Sascha Maria Icks wurde unlängst in einem Artikel eines Boulevard-Magazins als „Grande Dame“ des Stadttheater Bremerhaven bezeichnet. Soweit würde ich nicht gehen: Klingt dies doch zu sehr nach nahender Rente, und davon ist sie weit entfernt. Im Gegenteil: Auch in der Rolle des Conférenciers zeigt sie wieder ihre Kunst. Ihr Conférencier ist ein anpassungsfähiges Wesen (sexuell/ politisch) voller Ironie und der diabolische, scheinbar unberührbare Strippenzieher, dem menschliche Schicksale oder politische Entwicklungen „am A…“ vorbei geht. Selten wird diese Rolle von einer Frau verkörpert: Dabei ist sie mit ihrer Ambivalenz, Androgynität und sexueller Flexibilität auf kein Geschlecht festgelegt. Icks ist in guter Gesellschaft: Bei der deutschsprachigen Ur-Aufführung 1970  am Theater an der Wien wurde diese Rolle von der großartigen Blanche Aubry verkörpert.

Isabel Zeumer und Kay Krause als Fräulein Schneider und Herr Schulz glänzen nicht: Sie schimmern nur zart inmitten dieses ganzen grellen Tands und Flitters und berühren darum im Spiel umso mehr. Gerade die Zerstörung dieses kleinen Glücks der älteren Menschen berührt beinah mehr als die große Dramatik zwischen Sally und Cliff.

Jakob Tögel ist schon rein optisch der Vorzeige-Deutsche: groß und blond. Er legt die Rolle des Ernst Ludwig anfangs beinah zu sympathisch an. Er ist der attraktive Verführer, der scheinbar ungefährlich, dafür sexuell sehr aufgeschlossen, das Vertrauen seiner Mitmenschen gewinnt, um dann später die Fratze des Nationalsozialisten zu zeigen.

Mark Zurmühle ist eine aufwühlende Inszenierung gelungen: Der erste Akt plätschert scheinbar belanglos vor sich hin. Das Amüsement steht im Vordergrund. Alles scheint banal! Umso mächtiger treffen das Publikum die Entwicklungen des 2. Aktes und machen betroffen – ähnlich wie die politischen Entwicklungen unserer Gegenwart: erst in Sicherheit wiegen, dann zuschlagen! Einzige (kleine) Wermutstropfen dieser Inszenierung waren für mich die farblos wirkende Choreografie von Andrea Danae Kingston und die wenig individuelle Zeichnung der Kit-Kat-Girls und -Boys (Vielleicht auch so gewollt?).

Eine absolut sehenswerte „Cabaret“-Inszenierung, bei der Schauspiel vor Show steht!

„Life is a Cabaret!„


CABARET wird am Stadttheater Bremerhaven noch bis zum Ende der Spielzeit 2018/19 gezeigt.

[Rezension] Barry Anthony – MORD AN DER MUSIC HALL

Das viktorianische London zwischen 1830 und 1900 ist ungebrochen ein äußerst beliebter Schauplatz in Film, Fernsehen und Literatur: So führte uns z. Bsp. die Serie „Ripper Street“ hinab in die Tiefen der Londoner Unterwelt, der Film „Prestige – Die Meister der Magie“ thematisierte die Rivalität zweier Magier im Vaudeville, und der Dickens Klassiker „Oliver Twist“ prangerte die sozialen Missstände der damaligen Zeit an.

Barry Anthony ist Historiker und Publizist und hat sich auf die viktorianische Epoche sowie die Zeit der Jahrhundertwende spezialisiert. Sein besonderes Interesse gilt der Kultur und der Unterhaltungsindustrie dieser Epoche.

Mit „Mord an der Music Hall: Verbrechen und Laster im viktorianischen London“ nimmt er den Leser mit auf eine historische Reise. Wobei nicht unbedingt die brutalen Verbrechen à la Jack the Ripper im Mittelpunkt stehen – vielmehr versucht Anthony in seiner exakt recherchierten und gut lesbaren Reportage den vielen unterschiedlichen Persönlichkeiten dieser Zeit Raum zu geben und somit den  sozialen Niedergang dieser Epoche zwischen billigen Glamour und menschlichen Elend zu schildern.

Heute ist „The Strand“ eine elegante Straße mit Theatern und Hotels. Früher war es die Gegend Londons mit dem zweifelhaftesten Ruf: Gauner und Raufbolde, Schausteller und Komödianten, Prostituierte und Obdachlose tummelten sich in den engen Gassen und bildeten in diesem Mikrokosmos eine Gemeinschaft aus skurrilen, erstaunlichen und bemitleidenswerten Schicksalen.

Da findet das mysteriöse Verschwinden der jungen und hübschen Schauspielerin Mabel Love ebenso Erwähnung, wie die äußerst abwechslungsreiche Lebensgeschichte des gewieften Geschäftsmanns, Theaterbesitzers, Vergnügungsparkbetreibers und Halunken Lord Chief Baron Nicholson. Da werden Männer in Frauenkleider zum öffentlichen Ärgernis und schüren die kollektive Empörung, ein skrupelloser Einbrecher wird Teil der Londoner Folklore, und ein Ermittler erfährt eine gar abenteuerliche Karriere. Alle diese Personen sind Teil einer Gemeinschaft bei der Glanz und Elend, Ruhm und Absturz gefährlich nah beieinander liegen. Gleichzeitig wirft es einen kritischen Blick auf das damalige Rechtssystem mit seinem komplizierten Polizeiapparat.

Zusammen mit historischen Zeichnungen und Fotografien gelingt Anthony das abwechslungsreiche Portrait einer Stadt und eine Reise in eine Epoche, die es so nicht mehr geben wird.


erschienen bei Reclam/ ISBN: 978-3150110584

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Robert Galbraith – WEISSER TOD

Ein eindeutig psychotischer junger Mann poltert plötzlich in das Büro von Privatdetektiv Cormoran Strike und schwafelt von einem Mord, den er als Kind beobachtet haben soll. Bevor Strike nähere Informationen erfahren kann, ist dieser junge Mann ebenso plötzlich wieder verschwunden. Doch diese kurze Episode lässt Strike nicht ruhen, zudem er vom Kulturminister höchst persönlich engagiert wird, belastende Fotos von einer Verfehlung aus seiner Vergangenheit aufzuspüren. Mit Hilfe seiner Assistentin Robin Ellacott – nun glücklich (?) verheiratete Cunliffe – nimmt er die Ermittlungen auf…!

Ebenso wie Joanne K. Rowling eine begnadete Märchen-Erzählerin ist, ist Robert Galbraith ein exzellenter Geschichten-Erzähler. Wie sollte er auch nicht: Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich hinter dem Pseudonym „Robert Galbraith“ niemand geringeres als Mrs. Rowling verbirgt. Wobei es durchaus verständlich ist, dass sie sich anfangs hinter Mr. Galbraith „versteckt“ hat. So sollten die Krimis ihre Fans ohne den „Harry Potter“-Bonus finden und nicht mit ihnen verglichen werden.

Es ist schier erstaunlich, wie bravourös sie den Genrewechsel meisterte: Stand bei „Harry Potter“ ganz die spektakuläre Zauberwelt mit seinen phantastischen Wesen im Mittelpunkt, schafft sie es bei „Cormoran Strike“ ein modernes „Whodunit“ mit überzeugenden Charakteren und einer glaubwürdigen Hintergrundgeschichte zu kreieren.

Nun liegt mit „Weisser Tod“ der 4. Fall mit dem hünenhaften Privatdetektiv Cormoran Strike und seiner Assistentin Robin Ellacott vor, der auf 860 Seiten eine Geschichte um Erpressung, Korruption und einem brutalen Mord im Schatten der Olympischen Spiele des Jahres 2012 aufblättert. Vielleicht bekommt nun der eine oder die andere Leser*in Schnappatmung aufgrund der hohen Seitenzahl: Viele Rezensenten bemängelten die Beschreibungen der Szenerie und die Dialoge als langatmig und langweilig – eine Meinung, die ich in keiner Weise teilen kann!

Joanne K. Rowling stellt jedem Kapitel ein Zitat aus dem Drama „Rosmersholm“ von Henrik Ibsen, das Themen wie Schuld, Manipulation, Inzest und Trauer behandelt, vorweg, sodass auf beinah genialer Weise der Inhalt des folgenden Kapitels illustriert wird. Ein intelligenter Schachzug…!

Rowling ist eine meisterhafte Autorin: Sie hat das Talent, – dank ihrer detailreichen Beschreibungen – realistische Welten vor meinem inneren Auge zu entwerfen. Ihre Charakterzeichnung der Protagonisten ist sehr präzise. Ihre Milieuschilderung zeugt von einer großen Beobachtungsgabe. Diese Zutaten sorgen in ihren Krimis für Atmosphäre und Authentizität, sodass ich zu keiner Zeit Langeweile verspürte.

Nur peu à peu entblättert sie die Handlung vor dem Leser, kann sich somit dessen Aufmerksamkeit sicher sein und hält die Spannung aufrecht. Dabei scheut sie sich nicht einen über mehrere Kapitel aufgebauten Handlungsbogen mit einem überraschenden Knall-Effekt wieder zu vernichten, nur um dann ihre Protagonisten gemeinsam mit dem Leser von vorne beginnen zu lassen.

Mrs. Rowling ist gemeinsam mit Mr. Galbraith wieder ein „Pageturner“ gelungen!


erschienen bei blanvalet/ ISBN: 978-3764506988

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!