URLAUBSLEKTÜRE 2025

🌞

Sommerzeit ist Urlaubszeit,…

…und das bedeutet, es kann wieder unbeschwert in den Tag hineingelebt werden. Da stört uns kein penetranter Blick auf die Uhr, da wir zum Glück keine dringenden Termine wahrnehmen müssen, die unseren Tag in kleine Häppchen zerteilen. Die Tage stehen uns zur freien Verfügung, und dies können/dürfen/sollten wir nutzen, um unbeschwert in eine Geschichte einzutauchen – gänzlich ohne Angst, irgendetwas „Wichtigeres“ zu verpassen.

Die Auswahl der Urlaubslektüre darf da gerne vielfältig sein: Die einen lieben einen zünftigen Krimi, die anderen greifen zu einem Klassiker, wieder andere schmökern in einem fesselnden Roman.

Auch in diesem Jahr habe ich mich bemüht, aus den von mir gelesenen Büchern der vergangenen 12 Monate eine kleine, urlaubstaugliche Auswahl zu treffen.


Beginnen möchte ich den Reigen mit einer äußerst populären Spürnase: Zu Miss Marple gibt es zwölf neue Geschichten, die nicht aus der Feder von Agatha Christie stammen. Vielmehr haben sich namhafte Autorinnen der Figur angenommen und mit Talent und Respekt weitere tolle Kriminalfälle kreiert. Alan Bradley ließ seine Fans ganze 5 Jahre zappeln, bis endlich Flavia de Luce wieder die literarische Bühne betrat, und somit ihre spannende Geschichte weitererzählt wurde. Kate Atkinson legte einen aufregenden Roman zwischen Gesellschaftsstudie, Sittengemälde und Kriminalroman vor, der zudem in den „Roaring Twenties“ spielt.


Dieser Autor war für mich eine wahre Entdeckung: Sasha Filipenko gelingt das Kunststück, die Melancholie und Tristesse in seinem Roman durch ein feines Netz aus Humor aufzuhellen. Kathrin Aehnlich warf wieder einen liebevollen Blick auf die Menschen in den so genannten neuen Bundesländern und beschreibt die Charaktere in ihrer Geschichte voller Wärme. Saša Stanišić war Entdeckung wie Offenbarung für mich: Seine Erzählungen sind warmherzig, humorvoll und melancholisch – einfach wundervoll.


Sind wir alle nicht hin und wieder ein wenig neugierig und möchten erfahren, wie es hinter den Kulissen so zugeht? Mit spitzbübischer Freude schenkt uns Rainer Moritz einen humorvollen Blick in die (Un-)Tiefen der Buchbranche. Heinrich Spoerls Klassiker um den scheinbaren Pennäler „Pfeiffer mit drei Eff“ hat in all den Jahrzehnten nichts von seinem Charme verloren und amüsiert auf ganzer Linie. Von Winifred Watsons federleichtem Unterhaltungsroman gibt es hier noch keine Rezension, da ich ihn erst vor kurzem ausgelesen habe. Doch ich wollte euch diese wunderbar beschwingte Geschichte nicht vorenthalten.


Allen Büchern ist gemein, dass sie mich ausnehmend gut unterhalten haben, und so hoffe ich sehr, dass sie auch euren Geschmack treffen und euch wohlige Lese-Stunden schenken.

Die Fachleute in der Buchhandlung eures Vertrauens stehen euch gerne mit Rat und Tat zur Seite und sind sowohl bei der Suche als auch bei der Beschaffung dieser oder einer anderen Urlaubslektüre mit Freude behilflich! 💖

Ich wünsche euch einen wunderbaren Urlaub
mit viel Spaß beim entspannten Schmökern!!!

🌞

[Rezension] FRÜHLING. Die schönsten Geschichten und Gedichte/ ausgewählt von Mareike von Landsberg

Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohl bekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.

…zitierte ich unlängst erst vor wenigen Tagen in meinem Beitrag zu LE NOZZE DE FIGARO aus dem Gedicht „Er ist’s“ von Eduard Mörike, das natürlich auch in dieser Anthologie mit Geschichten und Gedichte rund um den Frühling nicht fehlen darf.

Der Anaconda-Verlag hatte im vergangenen Jahr mit dem Untertitel „Geschichten und Gedichte“ eine kleine, feine Reihe gestartet: In jedem Buch versammeln sich besagte „Geschichten und Gedichte“ zu einem bestimmten Thema. Gestartet wurde mit GROSSELTERNJAHRE. Gemeinsam mit FRÜHLING erschien auch VOM GLÜCK, AUF’S MEER ZU SCHAUEN. GOLDENER HERBST und CHRISTIAN MORGENSTERN sind schon für die zweite Jahreshälfte angekündigt.

Und abermals wird der Verlag seinem guten Ruf gerecht, Weltliteratur auch für Leser*innen mit einem schmaleren Geldbeutel erschwinglich zu machen. In einfacher Ausstattung zwischen zwei Pappbuchdeckeln versteckt sich hier eine illustre Gruppe hochkarätiger Literatinnen und Literaten. Da finden sich – sowohl heitere wie auch melancholische – Ergüsse in Vers-Form u.a. von Wilhelm Busch, Annette von Droste-Hülshoff, Max Dauthendey, Paula Dehmel, Joseph von Eichendorf, Elisabeth Langgässer, Heinrich Heine, Joachim Ringelnatz, Ludwig Uhland, Else Lasker-Schüler und Rainer Maria Rilke.

Als Leser wurde ich erfreut mit Kurzgeschichten bzw. passenden Auszügen aus einem Roman z. Bsp. von Theodor Storm, Adalbert Stifter, Johann Wolfgang von Goethe („Wilhelm Meisters Lehrjahre“ und „Die Leiden des jungen Werther“), Stefan Zweig und Arthur Schnitzler.

Die jeweiligen Werke gruppieren sich unter eine der Rubriken „Vorfrühling“, „Das Wunder des Frühlings“, „Ostern“, „Der dunkle Frühling“ und „Frühlingsgefühle“, und erleichterten mir so das Finden der passenden Prosa bzw. Lyrik zum jeweiligen Anlass bzw. zu meiner persönlichen Gemütsverfassung.

Zudem verführte dieses Büchlein mich, es immer mal wieder in die Hand zu nehmen, um mal hier ein Gedicht zu lesen oder sich dort eine kleine Geschichte zu gönnen. Wobei die Gedichte deutlich in der Überzahl gegenüber den Geschichten sind, was für mich allerdings kein Nachteil darstellt. Vielmehr machte der FRÜHLING mich neugierig auf die weiteren Bände dieser Reihe.

Wer nun allerdings bei Anaconda die hippen, trendigen Poet*innen der aktuellen Literaturszene sucht, der hat leider das Prinzip des Verlages nicht verstanden.


erschienen bei anaconda / ISBN: 978-3730615102

[Rezension] Jürgen von der Lippe – SEXTEXTSEXTETT. Geschichten und Glossen

Ich fürchte beinah, dies wird eine meiner kürzesten Rezensionen, die ich je geschrieben habe. Ich weiß absolut nicht, was ich – möglichst wortreich – zu diesem Buch schreiben soll. Und so sitze ich nun schon seit einiger Zeit vor einem leeren Blatt Papier – natürlich metaphorisch gesprochen – und grüble so vor mich hin.

Ach, was soll’s. Ich fange mal ganz simple an.

Das Buch ist nett, oft auch durchaus unterhaltsam. Doch irgendwie ist es wie Zuckerwatte: viel Volumen bei eher geringem Gewicht, süß aber wenig nahrhaft und somit von geringer Sättigung. Und kaum war es verzehrt, schon hatte ich Appetit nach etwas Reellem.

71 Geschichten und Glossen verteilen sich auf 228 Seiten (Netto: purer Text ohne Tüdelüt), das bedeutet, dass – kaum begonnen – nach wenigen Seiten der Spaß auch schon wieder vorbei ist. So wirkten die Texte in ihrer Überschaubarkeit auch eher wie intellektuell leicht angehauchte Fips Asmussen-Witze auf mich. Da wird intensiv mit Doppeldeutigkeiten in der deutschen Sprache gespielt, mal mehr mal weniger sexuell orientiert, mal mehr mal weniger originell, mal mehr mal weniger lustig. Die Unterschiede zwischen Männlein und Weiblein und die daraus resultierenden Missverständnisse werden als gepflegte Herrenwitze präsentiert.

Erträglich wird dies nur, da Jürgen von der Lippe einen ironischen Blick auch auf die eigenen Unzulänglichkeiten wirft und niemals Partei für ein Geschlecht ergreift. Dies alles ist zwar hin und wieder durchaus ganz nett aber auf Dauer nicht Abendfüllend, da die Geschichten leider keinen Nachhall hinterlassen – zumindest nicht bei mir: Kaum gelesen, da waren sie auch schon rückstandslos aus meinem Gedächtnis verschwunden.

Ich möchte nicht missverstanden werden: Ich schätze Jürgen von der Lippe sehr und liebe seine verschmitzt-schelmischen Moderationen. Mit ihm und seinen bunten Hawaii-Hemden bin ich groß geworden, und er war mir immer ein Garant für gute Unterhaltung. Doch auch bei ihm greift das Phänomen, dass seine Texte nur dann gewinnen, wenn er sie höchstpersönlich zum Besten gibt: In der rein gedruckten Form fehlt ihnen das Charisma des Meisters.


erschienen bei Penguin / ISBN: 978-3328603696
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] James Norbury – DIE KATZE, DIE NACH WEISHEIT SUCHT

James Norbury ist Künstler, Illustrator und Schriftsteller, der sich mit Spiritualität, insbesondere dem Buddhismus beschäftig. Er schöpft hieraus seine Ideen und Sichtweisen auf das Leben, die er in seinen Texten einfließen lässt. Bei seinen Illustrationen arbeitet er bevorzugt mit schwarzer Tinte, Pinsel und Wasserfarben und lässt sich durch Arbeit von Zen-Malern, Mangaka- und Ukiyo-e-Künstlern inspirieren. So entstehen seine Bilder sehr intuitiv, fallen in keiner Weise einer Bearbeitung „zum Opfer“, sondern bleiben in ihrer Originalität erhalten.

Er lebt mit seiner Frau und sieben (!) Katzen in Wales, England. Da liegt die Vermutung nah, dass seine tierischen Hausgenossen die Vorbilder für die Haupt-Charaktere seiner neusten Geschichte waren.

Dies ist die Geschichte einer Katze, die nach Frieden, innerer Ruhe und einem Sinn im Leben sucht. Eines Tages erfährt sie von einer sagenumwobenen alten Kiefer. Unter dem Schutz ihrer Äste, so heißt es, lässt sich unendliche Weisheit erlangen. Die Katze begibt sich auf die Reise, und unterwegs trifft sie eine Reihe von Tieren, die alle ihre eigene Geschichte haben: einen sorgenvollen Affen, eine Schildkröte, die ihren Lebensmut verloren hat, einen Tiger, der mit seiner Wut kämpft, ein verwirrtes Wolfsjunges und eine begehrliche Krähe. Aber erst die unerwartete Begegnung mit einem Katzenjungen wird sie zwingen, alle Gewissheiten infrage zu stellen.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Eine Geschichte, in der sich der Hauptcharakter auf eine Wanderschaft begibt, auf diesem Weg etliche skurrile Gestalten begegnet, die ihm alle Schritt für Schritt der inneren Läuterung näher bringen, die dabei noch Denkanstöße für die Leserschaft parat hält, dies in einer poetischen Sprache verpackt und mit Illustrationen des Autors schmückt,…!

Hm? Gab es so etwas nicht schon einmal?

Ich bitte um Entschuldigung, aber der Vergleich mit DER KLEINE PRINZ von Antoine de Saint-Exupéry sollte erlaubt sein. Nun ist Saint-Exupérys entzückende Geschichte voller Zauber und Poesie und völlig zurecht ein literarischer Dauerbrenner. Ob DIE KATZE, DIE NACH WEISHEIT SUCHT diesen Status einmal erreichen wird, möchte ich nicht beurteilen.

Bei seiner Erzählung bezieht sich James Norbury auf die traditionellen Zen-Geschichten und verwebt diese mit seiner Handlung. Nun sind die darin enthaltenen Lebensweisheiten nicht unbedingt revolutionär neu, womit mein Erkenntnisgewinn auch eher überschaubar ausfiel. Doch Norbury überzeugte mich mit seinem erholsam ruhigen Erzählton: Die Lektüre war beinah meditativ. Und zugegeben: Auch wenn die enthaltenen Weisheiten beinah simple erscheinen, wissen wir doch alle, dass deren Umsetzung in den Alltag die wahre Herausforderung darstellt. So war ich dankbar für die Impulse und Denkanstöße, die Augenblicke im Leben als einzigartige Chancen zu betrachten und sowohl neuen Begegnungen wie auch Herausforderungen aufgeschlossen zu sein.

Die Illustrationen sind deutlich von der fernöstlichen Malerei beeinflusst und passen mit ihrer harmonischen wie auch reduzierten Farbgebung ganz wunderbar zum ruhigen Erzählton der Geschichte.

So kommt dieses charmante Büchlein ebenso sanft und leichtfüßig daher, wie eine Katze, die sich auf leisen Pfoten fortbewegt, und schenkte mir als Leser erholsame Momente der Ruhe.


erschienen bei Wunderraum / ISBN: 978-3442317639 / in der Übersetzung von Sibylle Schmidt
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

LESE-HIGHLIGHTS 2024…

Altes Jahr vergeht.
Wange in die Hand gestützt,
blicke ich ihm nach.

Chô-i

So wie der japanische Dichter Chô-i es zwar knapp aber treffend schon vor hunderten von Jahren beschrieben hatte, erging es mir beim Schreiben dieses Beitrags.

Ich schaue auf das Jahr 2024 mit gemischten Gefühlen: Da gab es so manche Krisen bzw. krankheitsbedingte Rückschläge, die mich zum Nachdenken zwingen… (Nein! Ich werde nicht gezwungen. Vielmehr werde ich aufgefordert.) …die mich zum Nachdenken auffordern. Ich empfinde es wahrlich nicht als Zwang. Ich sehe es vielmehr als Chance! Im Neuen Jahr wird es Veränderungen geben: Wie und in welchem Umfang wird sich noch entscheiden. Um langfristig gesund zu bleiben, sollte sich in meinem Leben allerdings einiges ändern.

Doch natürlich gab es nicht nur Krisen: Gottlob wurde ich mit vielen Glücksmomenten – kleinen wie größeren – beschenkt. Ich durfte viel Qualitätszeit mit meinen Herzensmenschen verbringen, erlebte etliche inspirierende Stunden im Theater und Konzert und las einige wunderbare Bücher.

Diese Aspekte meines Lebens werde ich ganz sicher nicht ändern!

Bei der Auswahl der Bücher bin ich mir gänzlich treu geblieben. Die Zeiten, in denen ich dachte, ich müsste hier mit der Vorstellung intellektuell herausfordernder Literatur meine Follower*innen beeindrucken, sind längst passé. Ich lese, was mir gefällt – unabhängig vom Alter des Werkes bzw. für welches Lesealter es ursprünglich vorgesehen war. Es gibt für mich nur eine einzige Voraussetzung: Ich möchte mich unterhalten fühlen!

Und hier sind sie nun endlich, meine Lese-Highlights des Jahres 2024…


Lese-Highlights 2024 - Buchcover


  • Ende Februar wurde der 125. Geburtstag von Erich Kästner gefeiert. Und auch ich ließ es mir nicht nehmen, diesen großartigen Romancier – neben einer kleinen RETROSPEKTIVE – mit Rezensionen zu DAS MÄRCHEN VOM GLÜCK und DAS MÄRCHEN VON DER VERNUFT zu gratulieren. Beide Bücher wurden phantasievoll von Ulrike Möltgen illustriert.
  • Im März tat ich etwas, was längst überfällig war: Es war mir eine große Freude, Heinrich Spoerls „Loblied auf die Schule“ DIE FEUERZANGENBOWLE zu lesen.
  • Ebenfalls im März begeisterte mit Kathrin Aehnlich mit ihrem Roman DER KÖNIG VON LINDEWITZ. Immer wieder schafft sie es, den Menschen im Osten unsere Landes eine Stimme zu geben.
  • Im April hielt ich dann das wunderbare Lese- und Bilderbuch FESTE DER WELT mit den Texten von Joanna Kończak in den Händen, das von Ewa Poklewska-Koziełło ebenso wunderbar illustriert wurde.
  • Der Mai bescherte mir mit DER TWYFORD-CODE von Janice Hallett einen ganz ungewöhnlichen Roman, der komplett aus Transkriptionen von Audiodateien bestand. Spannend!
  • Absolut Entzückendes erwartete mich im August mit SO ZÄRTLICH WAR SULEYKEN von Siegfried Lenz. Dieses kleine ostpreußische Dorf im Masurenland mit seinen liebenswert-kauzigen Menschen war mir schnell ans Herz gewachsen.
  • Im September feierte auch ich den Weltkindertag: Grund genug mich mit MEIN GROSSER MÄRCHENSCHATZ. Das Original aus den 70ern der Brüder Grimm auf eine kleine Zeitreise in meine eigene Kindheit zu begeben.
  • Der September überraschte mich auch mit dem Erzählband MÖCHTE DIE WITWE ANGESPROCHEN WERDEN, PLATZIERT SIE AUF DEM GRAB DIE GIESSKANNE MIT DEM AUSGUSS NACH VORN von Saša Stanišić, das mich so sehr begeistern konnte.
  • Im Oktober wurde es schaurig-schön mit DAS PHANTOM DER OPER von Gaston Leroux in der überzeugenden Neu-Übersetzung Rainer Moritz.
  • Der Oktober blieb weiter spannend, da ich mit Sasha Filipenko und seinem Krimi  DER SCHATTEN EINER OFFENEN TÜR einen sehr interessanten Autor entdeckte.
  • Ende November geschah ein kleines Wunder, das mich selbst überraschte: Mit Agatha Christies HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN von Isabelle Bottier (Text) und Callixte (Illustrationen) konnte mich endlich eine Graphic Novel überzeugen.
  • Im Dezember wurde es humorvoll-besinnlich mit den entzückenden Geschichten wie DER GESTOHLENE WEIHNACHTSBAUM von Hans Fallada, zu denen Ulrike Möltgen (wie schon bereits bei Erich Kästner) ihre zauberhaften Illustrationen beisteuerte.

…und das war er wieder, mein Lese-Rückblick auf das Jahr 2024, das wir in wenigen Tagen ad acta legen können. Da bleibt mir nur noch eins:

Ich wünsche Euch einen guten Rutsch ins Neue Jahr 2025!

Liebe Grüße
Andreas

[Rezension] Hans Fallada – DER GESTOHLENE WEIHNACHTSBAUM/ mit Illustrationen von Ulrike Möltgen

Ich liebe die Bücher aus der Insel-Bücherei! Jedes für sich ist ein kleiner literarischer Schatz, hochwertig in der Ausstattung, verführerisch im Inhalt. Diesmal konnte ich der unnummerierten Sonderausgabe mit Erzählungen von Hans Fallada nicht widerstehen, die in diesem Jahr in einem größeren Format erschienen ist.

Zumal es mir eine wunderbare Möglichkeit bot, mich diesem Autor dezent anzunähern. Hans Fallada zählt zu den Literaten, an dessen Werk ich mich bisher noch nicht herangetraut hatte, dies aber gerne ändern möchte. Schließlich gilt Hans Fallada als einer der bedeutendsten sozialkritischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts Deutschlands. Wenn ich mir sein Leben – zwischen Sucht und Suizid, zwischen Systemkritik, Opportunismus und Repression, zwischen Genie und Wahnsinn – anschaue, dann ist es umso erstaunlicher, welche Fülle an Werke er geschaffen hatte. Doch vielleicht konnte er nur so seine kreative Kraft vollständig entfalten.

Ebenso erstaunlich ist es, dass (zumindest) die in diesem Büchlein vereinten vier weihnachtlichen Geschichten trotzdem eine wunderbare Leichtigkeit ausstrahlen und durch ihre kesse Ironie und einem spitzbübischen Humor überzeugen. Die durchaus vorhandene Kritik an Obrigkeit und Gesellschaft drängt sich nie dominant in den Vordergrund. Vielmehr stecken diese Geschichten voller Witz, Wärme und einer Menge Menschlichkeit.

Was tun, wenn Weihnachten kurz vor der Tür steht und immer noch kein Baum im Haus ist? Oder der Wunschzettel lang ist, aber man „immer so mit dem Pfennig rechnen muss“? Und ob die Tiere draußen auch das Fest feiern können? Der Bestsellerautor Hans Fallada erinnert in seinen Erzählungen an die schönste Zeit des Jahres: „Dies Gefühl aufzuwachen und zu wissen: Heute ist wirklich Weihnachten. Wovon wir seit einem Vierteljahr geredet, auf was wir so lange schon gehofft hatten, nun war es wirklich…“

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Jede Familie entwickelt im Laufe der Zeit eigene, ganz persönliche FAMILIENBRÄUCHE zur Weihnachtszeit: Es beginnt mit der Essensauswahl, nimmt Einfluss auf den Ablauf des Heiligen Abends und endet mit dem Besorgen des Weihnachtsbaumes, und dabei sind die Rollen klar verteilt. So auch hier: Da macht der Vater ein großes Gewese um den Kauf des Weihnachtsbaumes. Das Objekt der Begierde darf nicht zu groß, nicht zu schlank, nicht unregelmäßig gewachsen und (vor allem) nicht zu teuer sein. Jedes Jahr treibt er seine Familie in den Wahnsinn und schürt so die Ängste der Kinder, dass der perfekte Baum nicht rechtzeitig gefunden wird. Doch ebenfalls wie in jedem Jahr lösen sich alle Ängste in Wohlgefallen auf, wenn am Heiligen Abend ein üppig geschmückter Baum mit den Kinderaugen um die Wette strahlt.

In LÜTTENWEIHNACHTEN machen sich die Kinder Friedrich, Alwert und Frieda auf den Weg, um für die Tiere des Hofes einen kleinen, eigenen Weihnachtsbaum zu besorgen. Dabei dürfen sie sich nicht vom Rotvoß, wie sie den rotbärtigen Förster insgeheim nennen, erwischen lassen. Rotvoß ist ein strenger Mann, der hart durchgreift, wenn in seinem Revier Bäume „gewildert“ werden. So machen sich die Kinder an einem besonders nebligen Tag auf den Weg, in der Hoffnung, unerkannt ein Bäumchen für die Tiere stibitzen zu können. Doch gerade als sie eine passende Fichte gefunden und gefällt hatten, laufen sie dem Förster in die Arme. Doch der ist weit davon entfernt, sie auszuschimpfen: Hat er doch selbst genau in jenem Moment ein Lüttenweihnachten für die Wildgänse ausgerichtet. Und so schließen der Mann und die drei Kinder stillschweigend einen Pakt…!

Jung, frisch verheiratet und verliebt: Da fehlen nur noch FÜNFZIG MARK UND EIN FRÖHLICHES WEIHNACHTSFEST zum vollkommenden Glück. Doch bis diese Wünsche sich erfüllen, muss sich unser junges Paar ordentlich strecken. Die Zeiten sind schlecht, das Geld sitzt bei niemanden mehr so locker, und alles ist teurer geworden. Da werden die Taler von einem Posten der Haushaltskasse zum nächsten Posten der Haushaltskasse verschoben. Und ein Loch wird aufgerissen, um ein anderes zu stopfen, stets mit der Hoffnung, dass es sich irgendwie irgendwann schon richten wird. Da sorgt die Weihnachtsgratifikation, die am 24. Dezember dann doch noch überraschend ins Haus flattert, dass sich die kleine Mansardenwohnung zu einem Stückchen vom Paradies verwandelt.

Doch mein persönlicher Favorit ist DER GESTOHLENE WEIHNACHTSBAUM: Seitdem der Förster Kniebusch den Herrn Rogge beim „Besorgen“ eines Weihnachtsbaumes im Forst erwischt hat, und der eine saftige Strafe zahlen musste, sind die Beiden nicht mehr gut aufeinander zu sprechen. Nur allzu gerne würde Kniebusch den Rogge wieder auf frischer Tat ertappen. Und woher sonst soll Familie Rogge – bei klammer Haushaltskasse – einen Baum zum Weihnachtfest herbekommen. Herr Rogge macht sich schon seit Wochen so seine Gedanken. Ebensolche Gedanken machen sich auch seine drei Kinder, die allerdings zur Tat schreiten und im Wald nach einem passenden Bäumchen Ausschau halten. Zufällig stoßen sie dabei auf den Hallodri Kakeldütt, der just in diesem Moment eine Tanne gefällt hat. Zufällig taucht Herr Rogge auf und Kakedütt ab. Zufällig stößt Kniebusch dazu und erwischt seinen Erzfeind scheinbar „in Flagranti“. Doch bei all diesen Zufälligkeiten nimmt die Geschichte plötzlich eine ganz und gar überraschende Wendung…!


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Von einem Büchlein aus der Insel-Bücherei erwarte ich, dass die optische Umsetzung eine nicht unwesentliche Rolle spielt: Wie schon bei Erich Kästners DAS MÄRCHEN VOM GLÜCK und DAS MÄRCHEN VON DER VERNUNFT schuf Ulrike Möltgen auch hier wieder ganz wunderbare Kollagen zwischen Realismus und Romantik, lässt die Szenerie sich wie bei der Aufführung eines Weihnachtsmärchens entblättern und umrahmt dieses Buch mit einem stimmungsvollen Einband.

Es war mir eine Freude, diesen außergewöhnlichen Literaten etwas näher kennenzulernen. Falladas KLEINER MANN – WAS NUN? liegt schon viel zu lange auf meinem SuB. Was meint ihr? Soll ich es endlich wagen?


erschienen bei Insel-Bücherei / ISBN: 978-3458644651
textidentisch mit Insel-Bücherei 2532 / ISBN: 978-3458205326

[Rezension] AGATHA CHRISTIE’S MISS MARPLE. Zwölf neue Kriminalgeschichten

„Sex, Crime & Action“ werden gerne als scheinbar unverzichtbare Zutaten für einen gelungenen Kriminalroman bemüht. Wer würde da vermuten, dass eine Roman-Heldin, die mit der erstgenannten Ingredienz so absolut nicht dienen kann, trotzdem zu einer der beliebtesten Kriminalfiguren der Welt avancierte. Mit einer gehörigen Portion Sex-Appeal kann Miss Jane Marple nun wahrlich nicht für sich einnehmen. Muss sie auch, denn sie hat dafür andere Reize – Äh! – ich meinte natürlich: Qualitäten.

Ab dem Jahre 1927 hatte die ältliche Jungfer aus dem beschaulichen Dörfchen St. Mary Mead ihre ersten Auftritte in einigen Kurzgeschichten, bevor ihre Schöpferin Agatha Christie sie dann 1930 erstmals in dem Roman MORD IM PFARRHAUS umfangreicher kriminalisieren ließ. Insgesamt sollte in 12 Romanen und 20 Kurzgeschichten ihr scharfer Verstand gepaart mit einer gehörigen Portion Menschenkenntnis beim Lösen vielfältiger Mordfälle zum Einsatz kommen.

Doch wäre Agatha Christie der Meinung gewesen, dass weitere Miss Marple-Stories benötig werden, hätte sie diese sicherlich während ihrer langandauernden Karriere verfasst, oder? Hat sie aber nicht!

Ergo: Wozu brauchen wir nun zwölf neue Kriminalgeschichten?
Antwort: „Brauchen“ brauchen wir sie nicht! Aber es macht so viel Spaß, sie zu lesen!

Zumal die hier versammelten Autorinnen mit so viel Liebe und Respekt einen Blick auf die erdachte Figur ihrer großen Kollegin werfen. Allen Geschichten ist gemein, dass sie nah am Original und somit innerhalb des bekannten Rahmens bleiben und sich höchstens nur kleine, charmante „Zugaben“ zum Charakter der Hauptperson erlauben. Somit muss kein eingefleischter Christie-Fan befürchten, dass seiner geliebte Miss Marple „neue“ Eigenschaften angedichtet werden, und sie womöglich nun Motorrad fährt, sich vulgär ausdrückt oder vielleicht sogar hemmungslos über Sex spricht („Shocking!“). Nein, Miss Marple ist und bleibt so, wie wir sie alle kennen und lieben.

Überrascht und mit Freude durfte ich feststellen, dass sich alle Autorinnen anscheinend so intensiv mit der Welt der Miss Marple beschäftigt haben, dass die jeweiligen Geschichten beinah nahtlos an die Originale anknüpfen konnten. Da tauchen die schon bekannten und beliebten Personen abermals auf, aber auch die neu-erdachten Figuren fügen sich ganz wunderbar in Miss Marples Welt ein. Nur der eine oder andere Handlungsort ist ein wenig „exotischer“, als wir es vom Original gewöhnt sind.

Bei DER ZWEITE MORD IM PFARRHAUS knüpft Val McDermid an den ersten Marple-Roman an und lässt auch diesmal die Geschichte aus der Sicht von Rev. Leonard Clement erzählen, dem es äußerst unangenehm ist, dass in seinem Haus ein zweiter Mord verübt wurde. In MISS MARPLE EROBERT MANHATTAN von Alyssa Cole begleitet Miss Marple ihren Neffe Raymond West und dessen Frau Joan nach New York, wo ein Stück von Raymond innerhalb der alternativen Theater-Szene am Broadway zur Aufführung kommen soll, was einige dubiose Gestalten zu verhindern versuchen.

Bei DIE JADEKAISERIN von Jean Kwok befindet sich Miss Marple auf einem Kreuzfahrt-Schiff Richtung Hongkong, wo der überraschende Tod eines Mitreisenden gepaart mit chinesischen Ritualen ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Den an einer Schaffenskrise leidende Schriftsteller Felix Jeffries, der einen unorthodoxen Mord plant, lernt Miss Marple bei einem MORD IN DER VILLA ROSA (von Elly Griffiths) an der wunderschönen Amalfiküste Italiens kennen.

Ein Wiedersehen mit Miss Marples langjähriger Freundin Dolly Bantry gibt es gleich im Doppelpack: In DAS VERSCHWINDEN von Leigh Bardugo sorgen sowohl der Selbstmord eines jungen Mädchens als auch das Verschwinden eines ebenso jungen Mannes für Unruhe in der Gemeinde. MISS MARPLES WEIHNACHTEN von Ruth Ware verspricht ein stimmungsvolles Rätselraten um verschwundene Perlen auf dem Landsitz der Bantrys.

Die weiteren, ebenso kurzweiligen Geschichten stammen aus den Federn von Lucy Foley, Natalie Haynes, Naomi Alderman, Dreda Say Mitchell, Karen M. McManus und Kate Mosse.

Bei solchen Anthologien scheint es beinah unvermeidbar, dass sie Erzählungen unterschiedlicher Qualität in sich vereinen: Da überzeugt dann leider nicht jede Geschichte gleichermaßen. Doch in diesem Fall darf ich den versammelten Autorinnen das große Kompliment machen, dass sie sich alle literarisch auf einem ähnlich hohen Niveau bewegen. Bravo!

Nein, „brauchen“ brauchen wir diese zwölf neuen Kriminalgeschichten sicherlich nicht. Aber das Leben besteht nicht nur aus dem, was der Mensch wirklich lebensnotwendig braucht. Manchmal darf es für mich gerne dieses Quäntchen „mehr“ sein, das das Leben versüßt und mir eine gute Zeit schenkt. Diese Anthologie hat dies definitiv geschafft…!


erschienen bei Atlantik / ISBN: 978-3455017014 / in der Übersetzung von Alexander Weber
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Saša Stanišić – MÖCHTE DIE WITWE ANGESPROCHEN WERDEN, PLATZIERT SIE AUF DEM GRAB DIE GIESSKANNE MIT DEM AUSGUSS NACH VORN

Irgendetwas Außergewöhnliches muss an diesem Kerl doch dran sein, dass er mit Preisen nur so überschüttet und von Kritiker*innen und Leser*innen (Ein äußerst seltener Fall!) frenetisch bejubelt wird. Selbst ein Denis Scheck vollführt während eines Interviews zu seiner Sendung DRUCKFRISCH vor ihm einen verbalen Kniefall. „Okay“, dachte ich mir „dann reicht mir doch mal sein neustes Werk rüber – mit diesem ellenlangen Titel, der kaum fehlerfrei ausgesprochen werden kann.“ Meine eh schon faltige Stirn legte sich voller Skepsis in zusätzliche Falten: „Will ich doch selbst mal sehen, was an diesem Kerl dran ist. So leicht lasse ich mich nicht überzeugen…!“,…

…und schon mit der ersten Geschichte hatte er mich am Haken.

Was wäre, wenn man nicht diese eine Entscheidung getroffen hätte, sondern jene andere? Was wäre, hätte man der Erwartung getrotzt? Und dann ist da trotzdem die Furcht, feige gewesen zu sein, zu lange gezögert und etwas verpasst zu haben, ein besseres Ich, ein größeres Glück, die lustigeren Haustiere und Partner. Sasa Stanisic führt uns an Orte, an denen das auf einmal möglich ist: den schwierigeren Weg zu gehen, eine unübliche Wahl zu treffen oder die eine gute Lüge auszusprechen. So wie die Reinigungskraft, die beschließt, mit einer Bürste aus Ziegenhaar in der Hand, endlich auch das Leben in die eigenen Hände zu nehmen. So wie der Justiziar, der bereit ist zu betrügen, um endlich gegen seinen achtjährigen Sohn im Memory zu gewinnen. Und so wie der deutsch-bosnische Schriftsteller, der zum ersten Mal nach Helgoland reist, nur um dort festzustellen, dass er schon einmal auf Helgoland gewesen ist. Am besten wäre ja, man könnte ein Leben probeweise erfahren, bevor man es wirklich lebt.

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

12 wunderbare, feine Erzählungen sind in diesem Buch versammelt: Erzählungen, wo durchaus jede für sich stehen kann aber in der Kombination miteinander, in der Gemeinschaft aller Geschichten zueinander eine wundersame Wirkung offenbaren. Staunend nahm ich Anteil an den Leben so unterschiedlicher wie vielschichtiger Persönlichkeiten, bzw. ich durfte sie für wenige Augenblicke, für einige Momente, fragmentarisch in ihrem Leben begleiten.

Schon die erste Geschichte katapultierte mich mitten hinein in Stanišićs Universum, ins „Stanišićum“: Ich machte die Bekanntschaft mit diesen halbstarken Rotznasen (zu denen auch der Autor höchstpersönlich gehörte), die sich nur allzu gerne in ihrem Viertel auf Spielplätzen oder – in diesem Fall – im Weinberg herumtreiben und harmlosen Blödsinn verzapfen. Da kommen sie doch im pubertären Überschwang auf die kuriose Idee, einen Probenraum für das Leben zu entwickeln, in dem man 10 Minuten aus der Zukunft anprobieren könnte. Klingt verrückt, mag man meinen. Doch diese Idee wird mit so viel jugendlichem Elan vorgebracht und besitzt eine solche philosophische Klarheit, dass ich bei mir dachte „Ja, klar, genau so etwas brauchen wir!“.

In der zweiten Geschichte bleibt für eine ausländische Reinigungskraft (zufällig die Mutter einer unserer Protagonisten aus der ersten Geschichte) die Zeit plötzlich stehen und schenkt ihr die einzigartige Gelegenheit, einen unverstellten Blick auf ihr Leben zu werfen, um dieses dann endlich in die eigenen Hände nehmen zu können. In einer anderen Geschichte mutiert die Nordseeinsel Helgoland zum Sehnsuchtsort des Autors, die Erinnerungen nach Begegnungen und Situationen bei ihm heraufbeschwört, die so nie passiert sein können (…oder vielleicht doch?).

Über allen thront herrschaftlich die titelgebende Geschichte dieses Buches, die so warmherzig und lebensbejahend daherkommt und mir während der Lektüre vehement ins Ohr flüsterte „Es ist nie zu spät, eine Veränderung zu wagen! Du musst dich nur trauen!“. Und bevor ich mich versah, schaute ich am Ende des Buches kurz nochmals bei den halbstarken Rotznasen vorbei und stelle mir die Frage „Welche Rolle spielt hierbei eigentlich Heinrich Heine?“.

Im „Stanišićum“ wirkt alles irgendwie real, als könnte es genau so passiert sein. Doch gleichzeitig erscheint jede Geschichte mit einem Hauch Illusion überpudert, der die Grenze zwischen Träumerei und Wirklichkeit verschmelzen lässt. Mit einer unwiderstehlichen Kombination aus Humor und Wehmut lässt der Autor seine Erzählungen aneinander andocken wie Puzzle-Teile, um so Stück für Stück ein Bild in seiner Gesamtheit entstehen zu lassen.

So sehr ich es bedaure, dass der Autor seine ursprüngliche Heimat verlassen musste, so sehr freut es mich, dass uns dadurch ein wundervoller Poet geschenkt wurde.


erschienen bei Luchterhand / ISBN: 978-3630877686
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Oscar Wilde – DAS GESPENST VON CANTERVILLE (Hörspiel)

Es sollte Oscar Wildes erste veröffentlichte Geschichte werden: Auch 137 Jahre später wird DAS GESPENST VON CANTERVILLE nach wie vor geliebt und gelesen. Zudem animierte sie die Kreativität vieler Künstler*innen, die aus diesem bezaubernden Grusel-Spaß eigene Adaptionen schufen. Natürlich dürfen in diesem illustren Reigen der Versionen die wunderbaren Hörspiele nicht fehlen: Hier entstehen nur dank der Aneinanderreihung vieler Töne die bunten Bilder im imaginären Kopfkino der Zuhörer*innen.

Der amerikanische Gesandte Hiram B. Otis reibt sich begeistert die Hände: Er hat soeben vom amtierenden Lord Canterville das Familienanwesen nebst Hausgeist käuflich erworben. Doch die Warnung des Lords vor eben diesem Gespenst, das seit Hunderten von Jahren im Schloss sein Unwesen treibt und schon so manchen Bewohner in den Wahnsinn getrieben hat, schlägt er leichtfertig in den Wind. Schließlich kommt er aus der neuen Welt und ist sowohl ein modern denkender Mensch als auch waschechter Republikaner. Für übernatürliche Phänomene fehlt ihm schlicht das Verständnis. So zieht Mr. Otis zusammen mit seiner Gattin Lucretia, dem ältesten Sohn Washington, seiner Tochter Virginia und den Zwillingen „The Star and Stripes“ in ihr neues Heim. Der Geist gibt sein Bestes, die neuen Hausbesitzer gebührend zu empfangen, und lässt seine Ketten gar schauerlich nächtens rasseln. Ein Umstand der Mr. Otis veranlasst, ihm eine Flasche Schmieröl auszuhändigen mit der freundlichen aber bestimmten Aufforderung, er möge seine Ketten ölen. Das Gespenst von Canterville ist erschüttert über diese bodenlose Respektlosigkeit und droht mit drastischeren Maßnahmen. Dummerweise hat er nicht mit dem vehementen Widerstand der Familie gerechnet. Nur Virginia hält sich diskret aus dem sich immer weiter zuspitzenden Scharmützel heraus…!


1 CD/ DAS GESPENST VON CANTERVILLE von Oscar Wilde (1993)/ Hörspielbearbeitung & Regie: Lilian Westphal & Gabriele Sachtleben/ Musik: Benedikt Hoenes/ Ton & Technik: Hans Scheck & Susanne Herzig/ mit Peter Fricke, Marion van de Kamp, Robinson Reichel, Dorothee Hartinger, Jakob Haas, Julian Sonner, Horst Sachtleben, Philipp Moog, Irmgard Först, Henning Schlüter, Rufus Beck u.a.


Schritte hallen, Schreie ertönen, Ketten klirren: Doch ein Gefühl des Gruselns – so richtig mit Gänsehaut, angespannten Nerven und sonstigem Zipp und Zapp – wollte sich bei mir nicht einstellen. Und das war auch gut so, denn dafür ist Wildes Geschichte einfach viel zu lustig. So saß ich auch eher lachend vor dem CD-Player und erfreute mich an der gelungenen Hörspiel-Adaption, die trotz obligatorischer Kürzungen den Spirit (in diesem Zusammenhang mochte ich nicht von „Geist“ sprechen) von Oscar Wildes Originalgeschichte ganz wunderbar einfängt.

Zu verdanken ist dies natürlich sowohl der behutsamen Bearbeitung durch Lilian Westphal und Gabriele Sachtleben, die auch für die Regie verantwortlich zeichneten, wie auch der Kunst der Tontechnik durch Hans Scheck und Susanne Herzig. Leider ist Benedikt Hoenes mit seiner Musik nicht kontinuierlich auf diesem hohen Niveau: Da schuf er atmosphärisch stimmige Kompositionen, die sowohl die Szenerie unterstützt wie auch für die Zeit, in der die Geschichte spielt, sehr passend sind. Dann mixte er immer wieder Jingles dazwischen, die an einer TV-Kindersendung erinnern und den Spannungsbogen eher unterbrechen als aufrecht erhalten.

Größtes Pfund dieser Hörspiel-Produktion ist allerdings das talentierte Ensemble, das von dem bekannten TV-Mimen Peter Fricke angeführt wird, der als Mr. Otis einerseits äußerst pragmatisch, andererseits ganz wunderbar nonchalant daherkommt. Seite an Seite steht ihm Marion van de Kamp als resolute Mrs. Otis in nichts nach. Umschwirrt werden sie von talentierten Jung-Sprecher*innen: Robinson Reichel verleiht dem ältesten Sohn Washington eine altkluge Reife, Jakob Haas und Julian Sonner als die Zwillinge begeistern durch eine quirlige Natürlichkeit, und Dorothee Hartinger als Virginia bezaubert durch ihren mädchenhaften Charme.

Horst Sachtleben kann als amtierender Lord Canterville mit aristokratischen Attitüden aufwarten, während sein bemitleidenswerter Vorfahr, eben jenes Titelgebende Gespenst, durch Henning Schlüter mit markanter Stimme überzeugend zwischen „beängstigend“ und „bemitleidend“ hin und her schwankt.

Über 30 Jahre hat diese Ausgrabung aus dem Hörspiel-Archiv des Bayerischen Rundfunks nun schon auf dem Buckel und klingt nach wie vor so herrlich frisch, dass sicherlich auch die nächsten 30 Jahre ihm nichts anhaben werden. Gutes ist und bleibt eben zeitlos!


erschienen bei DAV / ISBN: 978-3742426376

[Rezension] Siegfried Lenz – SO ZÄRTLICH WAR SULEYKEN

Allein der Titel klingt wie ein Versprechen…!

Suleyken: dieses kleine ostpreußische Dorf im Masurenland, das mit seinen knapp über 300 Einwohnern und ohne Anschluss an eine Bahnverbindung kaum einer Erwähnung wert wäre. Hätte es da nicht diesen Literaten gegeben, der den dort lebenden Menschen mit seinen Geschichten ein literarisches Denkmal setzte.

Siegfried Lenz lässt als Ich-Erzähler die Leserschaft sehr nah an sich und seine Figuren heran. Da werden wir direkt von ihm angesprochen und aufgefordert, uns einen eigenen Eindruck von den manchmal merkwürdig anmutenden Geschehnissen in Suleyken zu machen. So lernen wir Hamilkar Schaß, den Großvater des Erzählers, kennen, der als hochgebildet gilt, da er eine ausgeprägte Liebe zur Literatur pflegt. Diese Liebe ist so mächtig, dass weder ein dramatischer feindlicher Überfall noch die Einberufung zu den Kulkaker Füsiliere seine Lese-Sucht stoppen kann. Dank dieser Sucht bleibt unser wackerer Hamilkar Schaß selbst bei den zähen Verhandlungen um die Poggenwiese völlig entspannt und lässt sich durch nichts und niemanden aus der Ruhe bringen. Der Erfolg gibt ihm Recht.

Doch auch die anderen Leut’ in diesem kleinen Dorf bezaubern durch eine listige Bauernschläue und einem recht ursprünglichen Gefühl für Ehre. Bei ihrer sehr eigensinnigen Auslegung von Recht und Ordnung, die durchaus auch sehr handgreiflich ausgetragen werden kann, sind sie niemals bösartig, hinterhältig oder gemein. So würde Alec Puch nie von Diebstahl sprechen, wenn er für sich und seine Söhne Köstlichkeiten für das Osterfest „organisiert“ (s.a. DER OSTERTISCH). Ich glaube, dass das Adjektiv „plietsch“ es am ehesten beschreibt.

Der Obrigkeit stehen die Bewohner*innen von Suleyken durchaus mit Respekt, doch nicht übermäßig ehrerbietig gegenüber. Verordnungen sind dafür da, – Naja! – um für Ordnung zu sorgen. Doch oftmals entspricht diese Ordnung nicht den Vorstellungen der Dorfbewohner*innen. Da beherbergt Jadwiga Plock, die – obwohl seit Jahren Witwe – es sich nicht nehmen lässt, regemäßig strammen Kindern das Leben zu schenken, eine mehr-köpfige Gesundheits-Kommission äußerst geduldig und gastfreundlich in ihrem Heim. Diese Kommission ist extra zusammengekommen, um die Plocksche Kinderschar zu impfen. Dumm nur, dass diese sich direkt nach Ankunft im nahen Wald versteckt hat und erst wieder auftaucht, als die Kommission nach Wochen des Ausharrens unverrichteter Dinge wieder abzieht.

Vielmehr tragen die Suleykener*innen ein gütiges Herz in ihrer Brust, das oftmals auch auf der Zunge zu finden ist. Doch manches Mal schlägt dieses Herz so voller Macht bis zum Hals, dass das Sprechen kaum möglich scheint. Wie sonst wäre der ungewöhnliche Heiratsantrag zu erklären, den der große, schweigsame Holzfäller Joseph Waldemar Gritzan seiner angebeteten Maid Katharina Knack macht (s.a. EINE LIEBESGESCHICHTE). So lässt der Autor vor unserem inneren Auge prägnante Porträts von einfachen Menschen entstehen, die stets sehr viel Wärme ausstrahlen und nie die Wertschätzung vermissen lassen.

Doch schon im Jahre 1955, als Siegfried Lenz diese zwanzig gar kunstvollen „Masurischen Geschichten“ zu Papier brachte, gab es das von ihm beschriebene Masurenland nicht mehr. Selbst direkt um die Ecke in der Stadt Lyck geboren, wurde Suleyken für ihn zum Sehnsuchtsort seiner Kindheit, zur Erinnerung an eine längst vergangene Zeit. Seine Figuren sind urwüchsig, skurril und gütig. Sie stolpern von der einen in die nächste unglaubliche Geschichte, die Lenz liebevoll mit schelmischen Witz, feiner Sensitivität und einem unverwechselbaren Charme erzählt.

Ach, Syleyken, du bist mir so sehr ans Herz gewachsen!


erschienen bei Hoffmann und Campe / ISBN: 978-3455405309
ebenfalls erschienen bei Fischer/ ISBN: 978-3596203123 und 978-3596520879