SAISON-RÜCKBLICK 2024/2025

Am Ende eines Jahres präsentiert jede*r Buchverrückte gerne die persönlichen LESE-HIGHLIGHTS: Auch ich praktiziere dieses beinah schon traditionelle Ritual mit Freude, da es mir die wunderbare Chance ermöglicht, dass ich die gelesenen Bücher nochmals Revue passieren lassen kann.

Im letzten Jahr gönnte ich mir erstmals auch einen Rückblick auf die vergangene Spielzeit. Ich kann es nur immer wieder und wieder betonen: Die Kultur ist für mich ein so essenzieller Bestandteil meines Lebens, der Einfluss auf mein Wohlbefinden, meine Phantasie, meine Gedanken und meine Emotionalität nimmt, dass ich mir nicht vorstellen könnte, ohne sie zu sein.

Da habe ich mir gedacht, ich mache aus diesem SAISON-RÜCKBLICK auch mein höchst persönliches Ritual und schwelge nochmals in vielen schönen Erinnerungen. Es gab in der vergangenen Monaten so wunderbare kulturelle Glücksmomente für mich, und ich hoffe natürlich, dass die Zukunft noch viele weitere für mich bereithält.

Doch genug geplaudert: Hier kommt sie nun, meine kleine Hommage an die zurückliegende Saison 2024/2025!

Ich wünsche euch viel Spaß!

VORSPANN
1. BOSHANA MILKOV & JAN-HENDRIK EHLERS / 2. RAINER MORITZ
3. ERÖFFNUNGSGALA / 4. THEATERFEST / 5. TURANDOT
6. DER DIENER ZWEIER HERREN / 7. AMTSNOTEN / 8. INGRID PFEIFFER

9. KEEN UTKAMEN MIT DAT INKAMEN / 10. MY FAIR LADY
11. MOZARTS ERBE(N) / 12. ROMEO UND JULIA / 13. DER GOLDENE BRUNNEN
14. HÄNSEL UND GRETEL / 15. GESCHICHTEN AUS SAND
16. LÜGEN HABEN JUNGE BEINE / 17. CATCH ME IF YOU CAN
18. VORLESEWETTBEWERB / 19. BILDERBUCHKINO

20. ENTDECKERTOUR HAFENBUS / 21. KAMMERKONZERT
22. DER KUSS DER SPINNENFRAU / 23. LE NOZZE DI FIGARO
24. ALLENS, WAR ICK SEKER WEET / 25. THEATERSNACK / 26. PE WERNER
27. SCHNEEWITTCHEN / 28. SAMMELMAPPEN / 29. LISA FELLER
30. PEER GYNT / 31. DIE BREMER STADTMUSIKANTEN
ABSPANN

💖

[Lustspiel] Carlo Goldoni – DER DIENER ZWEIER HERREN / Stadttheater Bremerhaven

Komödie nach Carlo Goldoni / in einer Fassung von Kay Neumann

Premiere: 21. September 2024 / besuchte Vorstellung: 13. Oktober 2024

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


INSZENIERUNG Kay Neumann
BÜHNE & KOSTÜME Monika Frenz
MUSIK Jan-Hendrik Ehlers
DRAMATURGIE Peter Hilton Fliegel
LICHT Katharina Konopka


„Logik? Die ist für gut zwei Stunden außer Kraft gesetzt.
Wird ohnehin überbewertet.“

lässt Tobia Fischer in ihrem Bericht zur Premiere in der Nordsee-Zeitung verlauten. Und: Recht hat sie! Es ist manchmal ein Vergnügen, auf die Logik zu pfeifen. Dann genieße ich es, mich in meinem Sitz im Zuschauersaal einfach nur zurücklehnen zu dürfen, wunderbar unterhalten zu werden und alles um mich herum – von den Katastrophen in der Welt bis zu meinen kleinen Alltagsärgernissen – auszublenden.

Über 270 Jahre hat die Komödie von Carlo Goldoni nun schon auf dem Buckel. Damals in Mailand uraufgeführt gilt sie als Höhepunkt der Commedia dell’arte. Doch kann man die damaligen Rollenklischees der Geschlechter heutzutage noch auf einer Bühne zeigen, und zündet der Humor von 1746 auch noch im Jahre 2024? Antwort: „Ja!“ und „Ja!“, wenn jemand wie Regisseur Kay Neumann fähig ist, eine eigene Fassung zu kreieren ohne dabei das Original gänzlich zu verstümmeln. Kay Neumann schuf eine Bremerhavener Fassung und traf damit sowohl voll ins Schwarze wie auch mitten in mein Humor-Zentrum. Da werden die Namen der Charaktere einge(nord)deutscht, die Handlung wird einfach von Venedig nach Bremerhaven transferiert und mit viel Lokalkolorit und Anspielungen auf hiesige Gegebenheiten garniert. Er scheucht das talentierte Schauspiel-Ensemble des Stadttheaters Bremerhaven in einem immensen Tempo über die Bühne und krönt dies – als Running Gag – mit drei Musikern, die, kaum sind sie auf der Bühne erschienen, auch schon wieder von ihr verjagt werden. Zudem spickt er seine Inszenierung mit witzigen Regie-Einfällen zwischen Slapstick und Groteske.

Wobei: So genau will Neumann sich bzgl. der Zeit, in der die Handlung spielt, nicht festlegen lassen. Bühne und Kostüme von Monika Frenz würden zu den 80ern ebenso wie ins Heute passen. Auf jeden Fall spielt die Komödie zu einer Zeit, in der es noch kein TikTok, Smartphone und ähnlichen entlarvenden Schnickschnack gab, da sonst folgende Irrungen und Wirrungen schier unmöglich gewesen wären…

Kaufmann Hosemann hat gerade die Verlobung seiner Tochter Clara mit dem Anwaltssohn Silvester Friesdorf bekannt gegeben, da kündigt sich sein tot geglaubter Geschäftspartner an: Frederick Rasperg, dem Clara versprochen war. Hosemann wittert ein Geschäft, ist Rasperg doch wesentlich reicher als Doktor Friesdorf. In Fredericks Kleidern steckt jedoch dessen Schwester Beatrix, die dringend Geld braucht, um ihren flüchtigen Geliebten zu unterstützen, nachdem dieser ihren Bruder bei einem Streit erstochen hat. Ihr Diener Plietschmann ist dabei keine Hilfe, flirtet er doch lieber mit Hosemanns Bedienter Charlotte, streunt hungrig in der Stadt herum, statt vor Hosemanns Haus zu warten wie befohlen, und verdingt sich noch bei einem zweiten Herrn (der Beatrix’ Geliebter Felix ist), um endlich an etwas zu essen zu kommen. Als jetzt noch für beide Herren Briefe von der Post abzuholen sind, obwohl Plietschmann nicht lesen kann, die Koffer von zwei Herren im selben Gasthaus untergebracht werden müssen, ohne dass die es gegenseitig merken, und als Gipfel der Verwirrung Beatrix mit Hosemann in einem Zimmer und Felix im anderen gleichzeitig ein Menu serviert bekommen sollen, ohne dass Wirt Schunke das Spiel durchschaut – als all das kulminiert, kommt selbst das ausgekochte Schlitzohr Plietschmann ins Schwitzen. Dass Silvester durch die Straßen zieht und den vermeintlichen Rivalen Frederick Rasperg umlegen will; Clara weiß, dass Beatrix kein Mann ist, aber das nicht verraten darf; dass Charlotte und Plietschmann sich ihre Liebe gestehen und im nächsten Moment in einen üblen Streit geraten; dass Plietschmann, um nicht aufzufliegen, sowohl Felix als auch Beatrix erzählt, dass der jeweils andere tot sei – auch in diesem Durcheinander behält DER DIENER ZWEIER HERREN alle Bälle in der Luft, doch so langsam wird die Luft dünn. Wie es sich für eine Verwechslungskomödie gehört, löst sich am Ende alles in Wohlgefallen auf und alle Liebenden finden zueinander. Wie im richtigen Leben – „das war ironisch!“

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)

Bei offenem Vorhang hat das Publikum bereits vor Vorstellungsbeginn die Möglichkeit, einen Blick auf das Bühnenbild von Monika Frenz zu werfen: Hohe Betonwände mit stilvollen Holzelementen suggerieren Modernität – beinah so, als wäre eine der alten Bremerhavener Fischhallen zum stylischen Loft umgebaut worden. Die unterschiedlichen Schauplätze entstehen durch das Öffnen der Holzelemente und dem Versenken der Betonwände und bieten so dem Regisseur die Möglichkeit, sein Ensemble einer Screwball-Komödie gleich durch die eine Öffnung verschwinden und durch eine andere Öffnung wieder erscheinen zu lassen. Da wirkt die Außenfassade der Gaststätte von Wirt Schunke, die eine frappierende Ähnlichkeit mit dem real existierenden Hafenrestaurant „Treffpunkt Kaiserhafen“, der selbsternannten „letzten Kneipe vor New York“, aufweist, schon beinah wie eine Reminiszenz an die gute alte Zeit (Wann immer diese auch war?!).


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Wenn eine Komödie reibungslos funktionieren soll, bedarf es eines gut eingespielten Ensembles, bei dem niemand sich in den Vordergrund drängt, sondern sich gegenseitig die Pointen zugespielt und gegönnt werden. Frank Auerbach gibt einen schleimigen, speichelleckenden Hosemann, der stets auf seinen Vorteil bedacht ist und sogar seine Tochter meistbietend verhökert. Als sein Gegenüber zeichnet Kay Krause den Doktor Friesdorf als aalglatten Strategen, der gleichzeitig Vater von Silvester und Anwalt von Hosemann in Personalunion ist. Interessenskonflikt: Friesdorf doch nicht, da seine Interessen nur bei ihm selbst liegen.

Hosemanns Tochter Clara wird von Anna Caterina Fadda als moderne junge Frau porträtiert, die erfrischend unprätentiös ihr Leben äußerst patent selbst in die Hand nimmt und ihren Liebsten aufrichtig liebt. Ihr „love interest“ Silvester wird von Alexander Smirzitz als nerdiger Schlacks verkörpert, der so herrlich jammern kann und sich mit seinem vermeintlichen Nebenbuhler Frederick alias Beatrix einen urkomischen Zweikampf liefert, der mit Taekwondo beginnt und in einem Schuhplattler endet. Julia Lindhorst-Apfelthaler in der Doppelrolle Frederick/Beatrix versucht verzweifelt ihre Maskerade aufrecht zu erhalten und verzettelt sich dabei immer mehr in die von ihr provozierten Widersprüche. Apropos „love interest“: Beatrix zu Unrecht verdächtigter Lover Felix kommt in der wohlgeformten Gestalt von Marc Vinzing als selbstverliebter Ken-Verschnitt mit gebleachtem Zahnpasta-Lächeln daher.

Aom Flury kredenzt als Wirt Schunke seinen Gästen so manches, was bereits jenseits der Grenze des Genießbaren scheint, dass ich ihm und seiner Kaschemme von Herzen einen Besuch des Gesundheitsamtes wünsche. Marsha B Zimmermann führt als Charlotte, der Bediensteten im Hause Hosemann, ein strenges Regime, sorgt resolut für Ordnung, zeigt Haltung und bietet so jedem, der sich ihr entgegen stellt, die Stirn: Obrigkeit hin oder her.

Auch wenn es bei einer guten Komödie auf die Ensemble-Leistung ankommt, braucht es doch oft einen Charakter, der die Fäden in der Hand behält und den anderen Figuren Impulse sendet, um sie so zum Agieren zu befähigen. Hier ist es selbstverständlich unser Titelheld: Als Plietschmann, DER DIENER ZWEIER HERREN, hat Henning Z Bäcker alle Hände voll zu tun, seine*n Arbeitgeber*in (scheinbar) zufriedenzustellen, doch dabei die jeweilige Situation möglichst zum eigenen Vorteil zu nutzen. Da wird schwadroniert und geprotzt, mit der holden Weiblichkeit in Form Hosemanns Bediensteter Charlotte geschäkert, mit den (Waden-)Muskeln gespielt und die Wahrheit voller Überzeugung so sehr gedehnt und verzehrt, dass auch wir im Publikum ihm nur Glauben schenken konnten. Bei der fulminanten Menü-Szene hechtet er von dem einem zum nächsten Séparée, immer bedacht von den servierten Köstlichkeiten ausreichend für sich selbst abzuzweigen: Tupperware, wer braucht schon Tupperware, wenn das (letzte) Hemd am Leibe eine Brusttasche besitzt.

Last but not least: Jan-Hendrik Ehlers und seine beiden Musikus-Kollegen Marco Priedöhl und Stephan Werner konnten mir wahrlich leidtun. Kaum waren sie auf der Bühne erschienen, um fröhlich aufzuspielen, da wurden sie von Charlotte auch schon wieder vom Parkett gescheucht, gefegt, gelockt oder sonst wie komplimentiert. Nach dem frenetischen Schlussapplaus standen die auf der Bühne arg verschmähten Musiker im Foyer, um ihrer Kunst zu frönen. Lachend rief ich Jan-Henrik Ehlers zu „Na, da kommt ihr ja doch noch zum Zuge,…!“ „…und endlich dürfen wir bis zum Ende spielen!“ gab er grinsend zurück. Und noch beim Parkhaus waren die schmissigen Melodien, die durch die geöffneten Türen des Theaters nach draußen strömten, zu hören.

Wer ein geeignetes Mittel gegen die Herbst-Depression sucht, der wird im Stadttheater Bremerhaven fündig. Nebenwirkungen: Zerrungen der Gesichtsmuskulatur, Zwerchfell-Verspannung und ganz viel gute Laune! 🤣


Kleine Appetithappen von DER DIENER ZWEIER HERREN gefällig?

Mit Plietschmann alleine im Fahrstuhl…?! Ich bin mir nicht sicher, ob es eine ungetrübte Freude wäre. Was meint ihr,…

…oder vielleicht doch eher einen kleinen Probeneinblick mit Henning Z Bäcker?


Noch bis zum Februar 2025 darf am Stadttheaters Bremerhaven beobachtet werden, wie DER DIENER ZWEIER HERREN seine Gunst verteilt.

[Konzert] Boshana Milkov & Jan-Hendrik Ehlers – MEET THE GERSHWINS / „Food and Music“ Bremerhaven

Songs von George und Ira Gershwin / mit „Gast“-Kompositionen u.a. von George Shearing, George David Weiss, Sonny Burke und Henry Mancini

besuchtes Konzert: 23. August 2024

„Food an Music“ in Bremerhaven


GESANG Boshana Milkov
MUSIKALISCHE LEITUNG, PIANO, AKKORDEON & MODERATION Jan-Hendrik Ehlers


„I have a dream…!“

Naja, ganz so geschichtsträchtig und vor allem weltbewegend wird der Ausruf von Heinz Kromminga nicht gewesen sein. Doch einen Traum hat er sich mit „Food and Music“ definitiv erfüllt. Er verbindet zwei seiner Leidenschaften miteinander: gutes Essen und gute Musik. Um seine Koch-Leidenschaft auf ein solides Fundament zu stellen, hat er sogar zwei mehrwöchige Praktika in zwei Seafood-Restaurants in Irland absolviert. Doch auch als Musiker in einer Irish Folk-Band ist er aktiv. Wobei es ihm ein immenses Anliegen ist, möglichst viele Menschen zu erreichen, um sie  für die Musik zu begeistern.

So lädt er – völlig ungezwungen und gänzlich unaufgeregt – in sein Heim zu Wohnzimmerkonzerte ein, bei denen auch Gast-Künstler*innen gerne gesehen werden: Da wird das Wohnzimmer kurzerhand zum Konzert-Podium umfunktioniert, und die Küche mutiert zur Bar, wo der Gastgeber gemeinsam mit seiner reizenden Frau neben Getränke auch leckere Snacks anbieten.

In diesem Fall handelten es sich bei den Gast-Künstler*innen um Boshana Milkov und Jan-Hendrik Ehlers: Zwei Namen, die aufmerksamen Leser*innen meines Blogs durchaus schon vor die Augen gekommen sind. Seit Boshana ans Stadttheater Bremerhaven als Mezzosopranistin engagiert wurde, und ich ihrer Vita entnehmen konnte, dass ihr Herz für den Jazz schlägt, lauerte ich auf eine Gelegenheit, sie live abseits der Opernbühne erleben zu dürfen. Jan-Hendrik Ehlers ist nicht nur der musikalische Leiter der Schauspiel-Sparte des Stadttheater Bremerhavens, vielmehr ist er „Jan (😀) Dampf in allen Gassen“ und überzeugt in diversen Band-Formationen und in unterschiedlichen musikalischen Formaten.


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Nun ist nicht per se jede klassisch-ausgebildete Sängerin eine gute Jazz-Interpretin. Nur weil jemand die schweren, dramatischen Partien des Opern-Repertoires meistern kann, bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass auch die Songs der sogenannten „leichten“ Muse geschmeidig aus der Kehle fließen. Entsprechende (negative) Beispiele wurden in der Vergangenheit leider reichlich auf Vinyl und CD konserviert. Damit die leichte Muse so fluffig über die Rampe kommt, bedarf es vorab harte Arbeit gepaart mit einer gehörigen Portion Talent.

Apropos: Talent besitzt Boshana Milkov reichlich. So überzeugte sie in den zurückliegenden zwei Spielzeiten am Stadttheater Bremerhaven im Musical HAIRSPRAY ebenso wie in der zeitgenössischen Oper BREAKING THE WAVES oder doch lieber klassisch in DER ROSENKAVALIER.

Leicht führt sie ihre Stimme durch die grandiosen Gershwin-Standards. Das Publikum wird von ihr mit einem bejahenden „’S wonderful“ begrüßt. Melancholie lässt sie bei „The Man I Love“ spüren, und sehnsuchtsvoll gedenkt sie der „Summertime“. Doch bevor beim Publikum die Sentimentalität überhandnimmt, zieht sie das Tempo wieder an und präsentiert mit Schwung Songs wie „I Got Rhythm“, „Strike Up The Band“ und „Fascinating Rhythm“. Mit feiner Gesangslinie und warm moduliertem Timbre gestaltet sie die weltbekannten Kompositionen von George Gershwin. Sein Bruder Bruder Ira Gershwin steuerte oftmals die brillanten Texte zu den Songs bei, die in der nuancierten Interpretation von Boshana in Balladen wie „Someone To Watch Over Me“ und „But Not For Me“ ihren Charme gänzlich entfalteten.

Jan-Hendrik Ehlers entpuppte sich als kongenialer Begleiter am Piano ebenso wie am Akkordeon. Gekonnt zauberte er zu jedem Song ein wunderbares Intermezzo, verlor sich dabei wohltuend wenig in die Improvisation, sondern ließ das Grundthema der jeweiligen Komposition immer erkennbar mitschwingen. Zudem präsentiert er sich als sympathischer und eloquenter Moderator, der es humorvoll verstand, das Publikum bei Laune zu halten.

Auch scheute er sich nicht, die eine oder andere Komposition abseits der Gershwin-Brüder in das Programm zu streuen, wie „Lullaby Of Birdland“, „Black Coffee“ und (wunderschön) „What a Wonderful World“. Mit einem von Boshana zum Dahinschmelzen grandios vorgetragenen „Moon River“ als Zugabe endete ein ganz und gar wundervolles Konzert.

Fröhlich ein Lied summend stieg ich ins Auto und ließ mich be-swingt mit Ella Fitzgeralds Gershwin-Songbook im Player durch die Nacht gen Heimat tragen.


Eine musikalische Impression:

Alle, die nicht bis zum nächsten Auftritt von Boshana und Jan-Hendrik warten möchten oder generell einen musikalischen Motivationsschub benötigen, sollten mal bei YouTube vorbeischauen!


Viele weitere Informationen findet ihr auf der jeweiligen Homepage von BOSHANA MILKOV und JAN-HENDRIK EHLERS sowie auf FOOD AN MUSIC.

[Krimi] Agatha Christie – MORD IM ORIENTEXPRESS / Stadttheater Bremerhaven

Kriminalstück von Agatha Christie / für die Bühne bearbeitet von Ken Ludwig / deutsch von Michael Raab

Premiere: 25. Februar 2023 / besuchte Vorstellungen: 19. März & 17. Mai 2023

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


INSZENIERUNG Andreas Kloos
BÜHNE Sven Hansen
KOSTÜME Viola Schütze
MUSIKALISCHE LEITUNG Jan-Hendrik Ehlers
CHOREOGRAFIE Lidia Melnikova


Der Vorhang hebt sich ca. 80 cm über den Boden und gibt den Blick auf verschiedene Beinpaare frei. Wie Stimmen aus der Vergangenheit hören wir über den Lautsprecher, wie die kleine Daisy Armstrong ihren Eltern gute Nacht sagt, von ihrem Kindermädchen ins Bett gebracht wird, mitten in der Nacht erwacht, da ein Fremder vor ihrem Bett steht und sie entführt. Und mit dem letzten verzweifelten Schrei eines Kindes verstummen die Stimmen aus der Vergangenheit, der Vorhang öffnet sich zur Gänze und enthüllt die Gegenwart des Jahres 1934. Das Spiel um Mord, Rache und Selbstjustiz beginnt…!

„Wenn ich nachts allein im Dunkeln liege, frage ich mich wieder und wieder:
Habe ich richtig gehandelt? War das wirklich Gerechtigkeit?“
Hercule Poirot

Auf den Beginn der Vorstellung wartend, saß ich im Zuschauersaal und war sowohl äußerst gespannt als auch ein wenig ängstlich. Ich war gespannt auf diese Bühnen-Adaption des wohl bekanntesten Romans von Agatha Christie durch den amerikanischen Dramatiker Ken Ludwig, gespannt, wie „mein“ Stadttheater diese Adaption auf der Bühne umsetzten würde und ängstlich, ob ich mich mit der Interpretation der von mir so geliebten Figuren – allen voran Hercule Poirot – anfreunden könnte. Doch glücklicherweise überwog die Spannung vor meiner Ängstlichkeit!

Ken Ludwig hat die Anzahl der Charaktere des Romans geschickt für die Bühne auf 10 Personen reduziert und ihnen dabei teilweise neue Aufgaben zugewiesen, ohne die Grundgeschichte zu verfälschen. Auch bei den Dialogen orientierte er sich an dem literarischen Original und bereicherte sie durch launige Bonmots.


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Regisseur Andreas Kloos hätte aus diesem Stück eine wahre Klamauk-Klamotte zimmern können: Die Rollen bieten in ihrer Gestaltung durchaus das Potential dazu. Doch er verzichtet glücklicherweise auf dieses „Zuviel“ und überrascht mit witzigen Regie-Ideen. Gemeinsam mit dem Ensemble lotet er äußerst geschickt die Grenzen des Humors aus, ohne ins übertrieben Alberne abzudriften. Die Personen werden leicht „over-the-top“ als scheinbar unantastbare Upper-Class porträtiert. Doch als ihre fein konstruierte Fassade aus Lügen von Poirot eingerissen wird, stehen plötzlich verletzliche und verletzte Wesen auf der Bühne, die weit weniger unantastbar sind.

Schauspieler Frank Auerbach schlüpft in die Rolle des Meisterdetektivs und stellt sich somit der herausfordernden Aufgabe, den Erwartungen des Publikums an dieser Figur gerecht zu werden. Denn schließlich hatten schon einige renommierte Mimen (Finney, Ustinov, Suchet) diese Rolle in der Vergangenheit höchst überzeugend verkörpert und jeweils ihren ureigenen Stempel aufgedrückt. Doch auch Auerbach überzeugt mit seiner Darstellung auf ganzer Linie: Sein Poirot ist durchaus eine Spur rustikaler, wenn nicht sogar bodenständiger als in der Rollengestaltung seiner namhaften Vorgänger. Er bleibt im bekannten Rahmen der literarischen Vorgaben, zeigt Poirots Marotten aber sehr dezent, bemüht den Akzent nur wohldosiert und findet so zu einer eigenständigen und überzeugenden Interpretation.

Eingerahmt wird Auerbach durch seine talentierten Schauspiel-Kolleg*innen, die jede*r für sich in der jeweiligen Rolle eine fulminante Performance bieten. Kay Krause (Monsieur Bouc), Julia Lindhorst-Apfelthaler (Mary Debenham), Marc Vinzing (Hector MacQueen), Leon Häder (Michel), Isabel Zeumer (Prinzessin Dragomiroff), Nikola Frehsee (Greta Ohlson), Marsha Zimmermann (Gräfin Andrenyi), Sibylla Rasmussen (Helen Hubbard) und Richard Feist (Oberst Arbuthnot/ Samuel Ratchett) agieren gemeinsam auf Augenhöhe und liefern sich geschickt einen gekonnten Wechsel zwischen Slapstick und Dramatik.

Die Drei-Mann Band, bestehend aus Jan-Hendrik Ehlers, Marco Priedöhl und Olaf Satzer, sorgt für die passende musikalische Untermalung, unterstütz das Ensemble bei swingenden Show-Einlagen (Choreografie: Lidia Melnikova) und amüsiert auch solistisch u.a. am Akkordeon als verkapptes Funkgerät oder beim gefühlvollen Schlagen der Triangel.

Bühnenbildner Sven Hansen bemüht die Technik, ohne dass er diese in den Mittelpunkt stellt. Er zaubert sowohl die Außenansicht einen Wagon wie auch das Innenleben des Speisewagens auf die Bühne. Der Schlafwagen wird von ihm über zwei Ebene präsentiert, bei denen das Publikum gleichzeitig Einblicke erhält, was im Inneren der Kabinen sowie auf dem Gang davor passiert. Dabei wirkt die Ausstattung des titelgebenden Fortbewegungsmittels eher dezent. Es scheint, als sollte die Aufmerksamkeit des Publikums auf die handelnden Personen fokussiert und nicht von einem luxuriösen Ambiente des Orientexpress abgelenkt werden. Die Kostüme von Viola Schütze unterstreichen das „over-the-top“ der Personen und überzeugen durch Raffinesse und witzige Details.

Auf dem Heimweg machte ich mir so meine Gedanken. Es ist ganz und gar erstaunlich: Unabhängig davon, wie häufig ich diese Bühne besuche und egal, was ich mir dort anschaue, es gefällt mir. Das kann doch nicht sein? Selbst an der Bühnen-Adaption eines meiner Lieblingsromane von Agatha Christie mit dem von mir heißgeliebten und hochverehrten Hercule Poirot fand ich keinen Makel. Es muss doch irgendwann eine Inszenierung geben, die mir nicht oder zumindest weniger zusagt, oder?

Doch glücklicherweise neige ich nicht dazu, das vielbemühte Haar in der Suppe zu suchen. Vielmehr genieße ich mit wachen Sinnen und aus vollem Herzen, dass diese Bühne eben verdammt gutes Theater macht!


Alle, die beim MORD IM ORIENTEXPRESS miträtseln möchten, haben dazu noch bis Mitte Mai 2023 am Stadttheater Bremerhaven die Möglichkeit.

[Musical] Alan Menken – DER KLEINE HORRORLADEN / Stadttheater Bremerhaven

Musik von Alan Menken / Buch und Gesangstexte von Howard Ashman / nach dem Film von Roger Corman und dem Drehbuch von Charles Griffith / Deutsch von Michael Kunze / in einer Textfassung von Peter Hilton Fliegel und Jörg Steinberg

Premiere: 25. Februar 2022/ besuchte Vorstellung: 22. April 2022

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


Musikalische Leitung: Jan-Hendrik Ehlers
Inszenierung: Jörg Steinberg
Bühne: Fred Pommerehn
Kostüme: Susanne Füller
Choreografie: Andrea Danae Kingston

Eine Inszenierung wurde zum Kult: Als sich am 23. Januar 1993 der Vorhang zum ersten Mal für „Der kleine Horrorladen“ im Stadttheater Bremerhaven hob, konnte wohl niemand ahnen, dass dieses Musical ein Publikumsmagnet über zwei Spielzeiten sein und dem Theater ständig ausverkaufte Vorstellungen bescheren würde. In der Regie von Manfred Repp tobten damals Dirk Böhling als Seymour, Harriet Kracht als Audrey sowie die Musical-Ladies Angela Lachnit (auch Choreografie), Bettina Meske und Lynne Williams als Gossen-Supremes über die Bühne. Puppenspieler Friedo Stuck erweckte Audrey II zum Leben, der Jazz-Sänger Emo Phillips seine soulige Stimme lieh. Kay Krause (nach wie vor im Ensemble des Hauses) demonstrierte seine Wandelbarkeit in div. Nebenrollen, und der noch junge und unbekannte Christoph Maria Herbst zeigte als Orin, das schon damals eine Menge Comedy in ihm steckte. Insgesamt 6 Mal pilgerte ich nach Bremerhaven, und es war immer wieder ein Fest…!

Mushniks Blumenladen in der heruntergekommenen Skid-Row läuft schlecht – kaum Kundschaft und dazu noch unfähiges Personal. Handlanger Semour sorgt mit seiner Tapsigkeit für eine Schneise der Verwüstung, und Verkäuferin Audrey versucht erfolglos ihre Blessuren zu verdecken, die ihr ihr sadistischer Zahnarzt-Freund Orin Scivello zufügt. Als dann die drei Straßen-Gören Crystal, Chiffon und Ronette penetrant vor dem Laden herumlungern und auch noch die letzten Kunden verscheuchen, sieht Mr. Mushnik sich gezwungen, den Laden zu schließen. Auf Drängen von Audrey zeigt Seymour ihm eine seltsame Pflanze, die er vor einiger Zeit auf dem Blumengroßmarkt einem alten Chinesen abgekauft hat. Dieses Gewächs wirkt so bizarr abartig, dass Mushnik nicht glaubt, dass sie irgendjemanden in den Laden locken könnte. Doch kaum steht die Pflanze, die Seymor aus Verehrung zu seiner Kollegin „Audrey II“ genannt hat, im Schaufenster, klingelt die Ladenglocke unaufhörlich, und Aufträge über Aufträge trudeln ein. Dummerweise benötigt Audrey II zum Wachsen und Gedeihen einen ganz besonderen Dünger: Blut! Seymour fühlt sich darum nicht nur seit Tagen etwas schwindelig sondern auch reichlich blutleer. Doch je mehr die Pflanze wächst, umso größer wird sein Hunger, bis ihr die paar kläglichen Tropfen aus den Fingern ihres Pflegers nicht mehr genügen. Sie will mehr, viel mehr! Seymour, dem einerseits der Erfolg zu Kopf gestiegen ist und andererseits das Leiden seiner angebeteten Audrey durch den brutalen Orin nicht länger ertragen kann, lässt sich durch die Schmeicheleien der Pflanze zu einer Gräueltat animieren. Nachdem Orin aufgrund eines Defekts seiner Lachgasmaske jämmerlich erstickt ist, zerteilt Seymour ihn in mundgerechte Häppchen für sein unersättliches Gewächs. Doch der Appetit von Audrey II wird dadurch nur kurzfristig gestillt: Sie will nicht nur mehr! Sie will alles…!!!


Diese Diashow benötigt JavaScript.


„Der kleine Horrorladen“ war diesmal in der Schauspiel-Sparte verortet, und so waren alle Rollen mit Schauspielerinnen und Schauspielern besetzt, die durch 4 Tänzer*innen unterstützt wurden. So gab es rein vom Darstellerischen her auch wenig zu bemängeln: Richard Feist gab einen quirligen Seymour mit enormen Bewegungstalent.  Marsha Zimmermann legte ihre Audrey deutlich weniger als dummes Blondchen an und verzichtete wohltuend auf das Lispeln. Frank Auersbachs Mr. Mushnik strotze vor rustikalem Charme. Marlene Jubelius, Sabine Barthelmeß und Juschka Spitzer boten als die drei Gossen-Gören eine solide Leistung. Abräumer des Abends waren allerdings Dominik Lindhorst-Apfelthaler, der sowohl als Orin als auch in div. Nebenrollen komödiantische Kabinett-Stückchen kredenzte, sowie Henning Bäcker, der als personifizierte „Audrey II“, mit diabolischem Blick und im blutroten Anzug gewandet, die Befriedigung seiner perversen Gelüste genüsslich ausspielte.

Dumm nur, dass in einem Musical zwangsläufig gesungen wird – gesungen werden muss, da es sonst die Bezeichnung „Musical“ nicht verdiente. Und hier liegt eine der großen Schwachstellen dieser Produktion: Schauspieler*innen sind nicht zwangsläufig gute Sänger*innen, und eine Sprechpassage wird anders aufgebaut als ein Song. So klangen die Gesangseinlagen nicht nur disharmonisch, weil sie wenig aufeinander abgestimmt waren bzw. ich den Eindruck hatte, dass wenig aufeinander gehört wurde, sondern taten mir manchmal sogar in den Ohren weh. Einzig Henning Bäcker konnte hier auch gesanglich überzeugen. Erschwerend kam hinzu, dass die Songtexte im englischen Original vorgetragen wurden – für mich unverständlich, da es eine wunderbare Übersetzung von Michael Kunze gibt.

Zudem wirkte die Regie von Jörg Steinberg auf mich merkwürdig hektisch: Die Schauspieler*innen agierten wie aufgezogen, mussten manchmal in einem ordentlichen Tempo die Szenen spielen, dass dabei zwangsläufig die Emotionen auf der Strecke blieben, und es mir als Zuschauer schwer fiel, mich mit den Figuren zu identifizieren und mit ihnen mitzufühlen. Leider erschloss sich mir auch nicht, warum der Regisseur gemeinsam mit Dramaturg Peter Hilton Fliegel die vorhandene Textfassung überarbeitete und dieses kurzweilige Trash-Musical mit Passagen aus Shakespears „Macbeth“ bzw. Goethes „Faust“ „anreicherte“. Steinberg hebt die Figuren so auf eine elitäre Ebene. Beinah wirkt es, als wollte er es vermeiden, dass die Rollen sich entwickeln können. Vieles erscheint oberflächlich, plakativ und beinah zu clean für mich: die adretten (optisch durchaus ansprechenden) 60er Jahre-Kostüme incl. Frisuren, der ordentlich verteilte Müll auf der Vorderbühne, die glänzenden Mülltonnen ohne Patina. Einige Szenen wirken verwirrend uninsziniert, so als hätte der Regisseur seinen Darsteller*innen zugerufen „Improvisiert mal…!“, so z.Bsp. beim Song „Mushnik and Son“, bei dem die beiden Darsteller hinter den Tänzern und somit aus dem Fokus des Publikums verschwinden.

Apropos Tanz: Andrea Danae Kingston hat an diesem Hause in der Vergangenheit schon einige exzellente Choreografien erstellt, (u.a. in der letzten Spielzeit für das Musical Chicago). Doch hier wirkten ihre Tanzszenen oft recht uninspiriert (…oder durfte sie nicht mehr zeigen?), die die grandiosen Tänzer eher unterforderten. Auch hier hatte ich häufig den Eindruck von „Improvisiert mal…!“. Dabei gab es durchaus zwei, drei ganz und gar wunderbare Beispiel, wo eine Nummer durchchoreografiert war und Musical-Zauber verbreitete, u.a. bei „Somewhere That’s Green“, wenn Audrey vom kleinen Glück im Grünen träumt und parallel zwei Paare (Alicia Navas Otero, Ting-Yu Tsai, Renan Carvalho und Tanaka Lionel Roki) dies im Tanz umsetzen. Und warum der Regisseur eine Rausschmeißer-Nummer wie „Mean Green Mother From Outer Space“ nicht zum fulminanten Dance-Act kürt, sondern das gesamte Ensemble nur über die Bühne spazieren lässt, um überall kleine Audrey II-Ableger zu verteilen, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Apropos Audrey II: Hm! Ach, ich mag auch nicht mehr meckern! Nur so viel: In der alten Fassung war Audrey II deutlich eindrucksvoller.

Last but not least: Die Band unter der Leitung von Jan-Hendrik Ehlers war der absolute Hammer und spielte ebenso perfekt die rockigen Songs mit entsprechendem Druck wie die zarten Töne der Balladen. Toll!!!

Das Publikum fühlte sich durch die Show hör- und sichtbar gut unterhalten und geizte zum Schluss nicht mit reichlichem Applaus. Auch für mich bot diese Inszenierung durchaus unterhaltsame Momente. Doch Kultstatus, an dem ich mich auch noch in 30 Jahren erinnere, wird sie leider für mich nicht erreichen.


Audrey II wird nun auch in Bremerhaven ihrer Kundschaft das Gruseln lehren:  DER KLEINE HORRORLADEN ist noch bis Mitte Juni 2022 geöffnet!

[Musical] John Kander – CABARET / Stadttheater Bremerhaven

Buch von Joe Masteroff nach dem Stück Ich bin eine Kamera von John van Druten und Erzählungen von Christopher Isherwood / Gesangstexte von Fred Ebb / Musik von John Kander / Deutsch von Robert Gilbert / in der reduzierten Orchesterfassung von Chris Walker

Premiere: 23. Februar 2019/ besuchte Vorstellung: 8. März 2019

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


Inszenierung: Mark Zurmühle
Musikalische Leitung: Jan-Hendrik Ehlers
Choreographie: Andrea Danae Kingston
Bühne: Eleonore Bircher

Kostüme: Cornelia Schmidt


Willkommen, Bienvenue, Welcome!

Clifford Bradschaw tritt auf. Er ist Schriftsteller aus Amerika und auf dem Weg ins Berlin der Weimarer Republik, um dort im pulsierenden Leben der Großstadt endlich die Inspiration für seinen großen Roman zu finden. Auf der großen Leinwand flackern die ersten Bilder und formen sich zu Konturen: Clifford sitzt im Zugabteil und lernt den Devisenschmuggler Ernst Ludwig kennen, der ihm nicht nur eine Bleibe vermittelt sondern auch die Freundschaft anbietet. Clifford nimmt – trotz der Warnung des windigen Conférenciers – beides an,…

…und taucht am Silvesterabend des Jahres 1929 in die dekadente Welt dieser Metropole ein, lernt Nachtclub-Sängerin Sally Bowles kennen und lieben, sieht wie die zarte, späte Liebe seiner Wirtin Fräulein Schneider zum jüdischen Obsthändler Herr Schulz aufgrund der politischen Entwicklungen zerbricht und erkennt die Nationalsozialisten, die immer mehr Einfluss gewinnen, als Bedrohung der Freiheit des Einzelnen und als Zerstörung der Grundfeste der demokratischen Gesellschaft.

Harter Tobak für ein Musical…! „Cabaret“ wird im Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven darum auch unter „Schauspiel“ geführt. Und so sind die Hauptrollen (mit einer Ausnahme) aus dem Schauspielensemble besetzt. Zudem wurde auf das große Orchester verzichtet: Die Musik klingt in der Besetzung der 6-Mann-starken Band unter der Leitung von Jan-Hendrik Ehlers darum auch mehr nach Weill/ Brecht als nach Broadway-Sound.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Während in anderen Inszenierungen das Hauptaugenmerk gerne eher auf Sally Bowles und dem Conférenciers liegt, steht hier der Schriftsteller Clifford Bradshaw im Mittelpunkt und rückt so das Musical näher an seine Vorlage, der Erzählung „Goodbye to Berlin“ von Christopher Isherwood. Henning Bäcker füllt diese Aufgabe bravourös aus. Er trägt diese anspruchsvolle Rolle, ist nicht nur Erzähler – Nein! – er ist der Chronist seiner Zeit: Nah genug, um betroffen zu sein/ fern genug, um ein krankes System zu erkennen! Bäckers Clifford Bradshaw bleibt, trotz aller Ambivalenz und sich den Verlockungen kurzfristig hingebend, das Gewissen des Stücks: Für ihn steht die Menschlichkeit über allem!

Die Sally Bowles von Dorothea Maria Müller (Gast und einziger Musicalprofi im Ensemble) erscheint anfangs als oberflächliches Flittchen, der Spaß (auch am Sex) und die eigene, klägliche Karriere wichtiger zu sein scheinen, als eine ernste Beziehung oder die angespannte politische Atmosphäre. Erst im 2. Akt ändert sich diese Haltung, als Sally schmerzhaft erkennen muss, dass sie selbst für ihr Tun (oder auch Nicht-Tun) verantwortlich ist. Hier hat Dorothea Maria Müller die Gelegenheit nicht nur gesanglich sondern auch schauspielerisch zu glänzen: Ihre Konfrontation mit Cliff ist voller Dramatik und geht unter die Haut. Zudem verfügt Müller über eine tolle Stimme und bringt die Song-Klassiker dank ihrer individuellen Phrasierung zum Blühen.

Sascha Maria Icks wurde unlängst in einem Artikel eines Boulevard-Magazins als „Grande Dame“ des Stadttheater Bremerhaven bezeichnet. Soweit würde ich nicht gehen: Klingt dies doch zu sehr nach nahender Rente, und davon ist sie weit entfernt. Im Gegenteil: Auch in der Rolle des Conférenciers zeigt sie wieder ihre Kunst. Ihr Conférencier ist ein anpassungsfähiges Wesen (sexuell/ politisch) voller Ironie und der diabolische, scheinbar unberührbare Strippenzieher, dem menschliche Schicksale oder politische Entwicklungen „am A…“ vorbei geht. Selten wird diese Rolle von einer Frau verkörpert: Dabei ist sie mit ihrer Ambivalenz, Androgynität und sexueller Flexibilität auf kein Geschlecht festgelegt. Icks ist in guter Gesellschaft: Bei der deutschsprachigen Ur-Aufführung 1970  am Theater an der Wien wurde diese Rolle von der großartigen Blanche Aubry verkörpert.

Isabel Zeumer und Kay Krause als Fräulein Schneider und Herr Schulz glänzen nicht: Sie schimmern nur zart inmitten dieses ganzen grellen Tands und Flitters und berühren darum im Spiel umso mehr. Gerade die Zerstörung dieses kleinen Glücks der älteren Menschen berührt beinah mehr als die große Dramatik zwischen Sally und Cliff.

Jakob Tögel ist schon rein optisch der Vorzeige-Deutsche: groß und blond. Er legt die Rolle des Ernst Ludwig anfangs beinah zu sympathisch an. Er ist der attraktive Verführer, der scheinbar ungefährlich, dafür sexuell sehr aufgeschlossen, das Vertrauen seiner Mitmenschen gewinnt, um dann später die Fratze des Nationalsozialisten zu zeigen.

Mark Zurmühle ist eine aufwühlende Inszenierung gelungen: Der erste Akt plätschert scheinbar belanglos vor sich hin. Das Amüsement steht im Vordergrund. Alles scheint banal! Umso mächtiger treffen das Publikum die Entwicklungen des 2. Aktes und machen betroffen – ähnlich wie die politischen Entwicklungen unserer Gegenwart: erst in Sicherheit wiegen, dann zuschlagen! Einzige (kleine) Wermutstropfen dieser Inszenierung waren für mich die farblos wirkende Choreografie von Andrea Danae Kingston und die wenig individuelle Zeichnung der Kit-Kat-Girls und -Boys (Vielleicht auch so gewollt?).

Eine absolut sehenswerte „Cabaret“-Inszenierung, bei der Schauspiel vor Show steht!

Life is a Cabaret!


CABARET wird am Stadttheater Bremerhaven noch bis zum Ende der Spielzeit 2018/19 gezeigt.