[Noch ein Gedicht…] Eugen Roth – DER URLAUB

Ein Mensch, vorm Urlaub, wahrt sein Haus,
Dreht überall die Lichter aus,
In Zimmern, Küche, Bad, Abort –
Dann sperrt er ab, fährt heiter fort.
Doch jäh, zu hinterst in Tirol,
Denkt er voll Schrecken: »Hab ich wohl?«
Und steigert wild sich in den Wahn,
Er habe dieses nicht getan.

Der Mensch sieht, schaudervoll, im Geiste,
Wie man gestohlen schon das meiste,
Sieht Türen offen, angelweit.
Das Licht entflammt die ganze Zeit!
Zu klären solchen Sinnentrug,
Fährt heim er mit dem nächsten Zug
Und ist schon dankbar, bloß zu sehn:
Das Haus blieb wenigstens noch stehn!

Wie er hinauf die Treppen keucht:
Kommt aus der Wohnung kein Geleucht?
Und plötzlich ist’s dem armen Manne,
Es plätschre aus der Badewanne!
Die Ängste werden unermessen:
Hat er nicht auch das Gas vergessen?
Doch nein! Er schnuppert, horcht und äugt
Und ist mit Freuden überzeugt,
Dass er – hat er’s nicht gleich gedacht? –
Zu Unrecht Sorgen sich gemacht.

Er fährt zurück und ist nicht bang. –
Jetzt brennt das Licht vier Wochen lang.

Eugen Roth

URLAUBSLEKTÜRE 2024

🌞

Sommer, Sonne, Sandstrand…!

In wenigen Tagen beginnen hier in Niedersachsen die Sommerferien und somit begeben sich viele meiner Mitmenschen auf eine urlaubsbedingte Völkerwanderung. Doch bevor es so richtig losgehen kann, stürzen sich einige freiwillig in den Vor-Urlaubs-Stress beim Abarbeiten div. To do-Listen: Da werden Klamotten zurecht gelegt, scheinbar unentbehrliche Utensilien zusammengestellt sowie Papiere und Unterlagen griffbereit platziert. Absprachen mit Nachbarn, Verwandtschaft oder Freunden werden getroffen, damit auch Tiere und/oder Zimmerpflanzen versorgt sind und der Briefkasten regelmäßig geleert wird. Ach, und hat jemand die Zeitung abbestellt? Die To do-Liste weist zu diesem Posten einen beruhigenden Haken auf, was ein erleichterndes Ausatmen zur Folge hat.

Allerdings zweifle ich ernsthaft daran, dass auf wirklich jeder To do-Liste einer der wichtigsten Posten verzeichnet ist:

🔲 sich mit ausreichend Urlaubslektüre in der Buchhandlung des Vertrauens eindecken

Doch was wäre ein Urlaub ohne eine unterhaltsame Urlaubslektüre? Es wäre wie BA ohne AB, wie Hila ohne Voku, wie Doof ohne Dick – genau, es wäre doof.

Ein Urlaub ohne Urlaubslektüre wäre einfach nur doof!

Darum habe ich es mir nicht nehmen lassen, aus den von mir gelesenen Büchern der vergangenen 12 Monate eine kleine, urlaubstaugliche Auswahl zu treffen. Da nehmen die Krimis unübersehbar den deutlich größten Raum ein. Aber ihr müsst zugeben: Krimi und Urlaub passen einfach sensationell gut zusammen!

Urlaubslektüre 2024-1

MORD AUF DER KREUZFAHRT von Nicholas Blake
🌈 EIN SPIEL ZUVIEL von P.D. James
WIE EIN HAUCH IM WIND von Josephine Tey

Urlaubslektüre 2024-2

🌈 NEUN LEBEN von Peter Swanson
LACROIX UND DIE TOTEN VOM PONT-NEUF von Alex Lépic
🌈 DER TWYFORD-CODE von Janice Hallett

Urlaubslektüre 2024-3

LEB WOHL, MISTER CHIPS von James Hilton
🌈 WER BRAUCHT SCHON WUNDER von Anne Müller
SO ZÄRTLICH WAR SULEYKEN von Siegfried Lenz

Und so gibt es neben den eher klassischen bzw. klassisch-angehauchten Kriminalromanen auch drei neuere Werke aus dem Genre der Spannungsliteratur zu entdecken. Trotzdem kann ich euch zu den Krimis auch noch zwei wunderbare Romane bieten, die mir beide – jeder auf seiner ganz besonderen Weise – sehr gefallen haben. Zu meinem letzten Vorschlag gibt es doch tatsächlich noch keine Rezension hier auf meinem Blog: Die Erzählungen in SO ZÄRTLICH WAR SULEYKEN von Siegfried Lenz lese ich gerade selbst, bin aber so begeistert von den entzückenden und warmherzigen Geschichten, dass ich sie euch nicht vorenthalten wollte.

Sowohl bei der Suche als auch bei der Beschaffung dieser oder einer anderen Urlaubslektüre ist Euch mit Freude die Buchhandlung Eures Vertrauens behilflich! 💖

Ich wünsche Euch einen wunderbaren Urlaub
mit viel Spaß beim entspannten Schmökern!!!

🌞

[Rezension] Dominique Ziegler (nach Agatha Christie) – DIE TOTE IN DER BIBLIOTHEK. Ein Miss-Marple-Krimi/ mit Illustrationen von Olivier Dauger

O je, da habe ich es doch tatsächlich wieder getan. Und das, obwohl ich mir beim letzten Mal so sicher war, dass es nicht noch einmal passieren würde. Ich bin leider dem neusten Streich aus dem Carlsen-Verlag, der unter der Rubrik „Agatha Christie Classics“ veröffentlicht wurde, abermals auf den Leim gegangen. Alles, wo Agatha Christie draufsteht, scheint beinah eine unwiderstehliche Sog-Kraft auf mich auszuüben. Vielleicht ist dies auch meinem unausgesprochenen Wunsch geschuldet, endlich eine Comic-Adaption einer Christie-Geschichte in den Händen zu halten, die beides – korrekte Wiedergabe des Inhalts und ansprechende Illustrationen – für mich zufriedenstellend miteinander verbindet.

Bedauerlicherweise habe ich bis jetzt eine entsprechende Graphic Novel noch nicht gefunden…!

In der Bibliothek des Landhauses des Ehepaares Bantry wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Sie wurde augenscheinlich erwürgt. Dolly Bantry zieht ihre alte Freundin Miss Marple hinzu, da sie befürchtet, dass ihr Mann hinter vorgehaltener Hand immer als Verdächtiger gelten würde, sollte der Mord nicht aufgeklärt werden. Da es keinen Hinweis auf eine Verbindung zwischen der Toten und dem Ehepaar gibt, versucht man anhand von Vermisstenmeldungen den Namen der Toten zu ermitteln. Dem Alter nach kommt nur die Pfadfinderin Pamela Reeves infrage, ihre Beschreibung passt aber nicht zu der der Toten. Dann trifft die Vermisstenmeldung von Ruby Keene ein. Sie wird von ihrer Cousine Josie Turner identifiziert, die – wie auch Ruby – als Tänzerin im nahe gelegenen Majestic Hotel in Danemouth arbeitete. Kurzerhand quartieren sich die beiden Damen im besagten Hotel ein, wo Miss Marple den Täter zur Strecke bringen will – mit viel Gespür und noch mehr Verstand. Doch sowohl die ermittelnden Polizeibeamten wie auch Miss Marple werden mit allerlei verdächtigen Personen konfrontiert. Zum einen sind da die verwitweten Schwiegerkindern des vermögenden Mr. Jefferson, der eine gewisse Zuneigung zu Ruby Keene entwickelt hatte und ihr einen erheblichen Teil seines Vermögens vermachen wollte. Dann gibt es da noch einen sehr nervösen jungen Mann namens Bartlett und den im Filmgeschäft tätigen Basil Blake. Allerdings haben die Schwiegerkinder zur Tatzeit ein Alibi. Bartlett verhält sich zwar verdächtig, hat allerdings kein Motiv, und Blake war mit dem Mädchen kaum bekannt. Doch wenig später wird die Leiche einer weiteren jungen Frau im ausgebrannten Wagen von Bartlett gefunden…


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Die wesentlichen Details der Handlung hat Dominique Ziegler bei seiner Konzeption des Comics durchaus berücksichtigt und gibt diese nachvollziehbar wieder. Zwangsläufig musste er einige Passagen kürzen bzw. das Handlungspersonal entsprechend reduzieren, um dem vorgegebenen Rahmen einer Graphic Novel gerecht zu werden. Leider ließ er einige Personen sehr unsympathisch und schon beinah abstoßend arrogant wirken, wieder anderen legte er so manche hohle Plattitüde in den Mund, die absolut unglaubwürdig und somit unpassend zur Szene wirkte.

Die Zeichnungen von Olivier Dauger sind zwar detailreich, wirken allerdings in ihrer einheitlichen „Ausleuchtung“ ohne jegliche Schattierung sehr steril und ließen darum an Atmosphäre deutlich vermissen. Bei der Physiognomie des Handlungspersonals zeigte er durchaus Abwechslung in der Gestaltung. Ob die jeweilig gewählte Optik nun überzeugt, muss jede*r Betrachter*in der Geschichte selbst für sich entscheiden. Ich hätte mir bei einigen Figuren durchaus mehr Charakter – insbesondere bei Miss Marple – gewünscht.

Ist es so, dass das Genre der Graphic Novel mir nicht zu liegen scheint? Das, was den Stil diese Genres ausmacht, entspricht anscheinend so ganz und gar nicht meinen Erwartungen. Doch bin ich deswegen nun enttäuscht oder frustriert? Ja, durchaus, vielleicht ein wenig! Mein Wunsch, eine gelungene Comic-Adaption eines Christie-Klassikers genießen zu dürfen, ist doch recht groß. Und so werde ich hoffnungsvoll wohl auch die nächste Veröffentlichung HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN, die für Herbst dieses Jahres angekündigt ist, genau unter die Lupe nehmen.

Die Hoffnung stirbt eben zuletzt…!


erschienen bei Carlsen / ISBN: 978-3551794130 / in der Übersetzung von Thomas Schöner
ebenfalls erschienen als Roman bei Atlantik / ISBN: 978-3455650051 und als Hörbuch bei DER HÖRVERLAG / ISBN: 978-3899407860 

[Event] LANGE NACHT DER KULTUR in Bremerhaven

22. LANGE NACHT DER KULTUR in Bremerhaven
Termin des Events: 8. Juni 2024


Je mehr ich mich Bremerhaven näherte, umso dunkler türmten sich die grauen Wolken vor mir auf, und ein Regenschauer nach dem anderen ließen den Scheibenwischer meines kleinen Autos im Akkord arbeiten. Sollte mein innerer Schweinehund Günther tatsächlich Recht behalten? Schon seit dem Morgen brüllte er mir immer wieder ins Ohr – sozusagen ins Innen-Ohr: „Bleib’ lieber zuhause! Auf dem Sofa ist es sicher, warm und trocken!“ Dabei war ich so stolz auf mich, dass ich seinem Zerren und Ziehen nicht nachgegeben hatte.

Die Stadt Bremerhaven präsentierte abermals die LANGE NACHT DER KULTUR: An verschiedenen Orten in der Stadt wurde Theater, Musik, Tanz, Kunst, Führungen und vieles mehr – natürlich kostenlos – geboten. Kulturschaffende aus den unterschiedlichsten Bereichen zeigten mit ihrem Können die kulturelle Vielfalt, die diese Stadt zu bieten hat. Völlig unverbindlich und in entspannter Atmosphäre konnten wir so in künstlerische Bereiche schnuppern, an die wir uns sonst vor lauter Respekt vielleicht nicht getraut hätten.

Wie könnte es auch anders sein, begann mein persönliches Programm am Stadttheater Bremerhaven. Von dort starteten im ¼-Stunden-Takt die „theatralen Stadtspaziergänge“: Da ließ es sich Intendant Lars Tietje nicht nehmen, die erste Führung zu übernehmen und uns – gut sichtbar anhand seines Regenschirms – zu den einzelnen Etappen der Tour zu geleiten. An vier Orten der Hafenwelten wurden wir von Ensemble-Mitgliedern aller Sparten erwartet, die uns mit einer kleinen Darbietung erfreuten.

Da verwandelte sich die Einfahrt einer Tiefgarage kurzerhand zum weltberühmten Balkon in Verona, wo „Romeo“ Richard Feist seiner großen Liebe „Julia“ Anna Caterina Fadda leidenschaftliche Worte zurief. Shakespeares ROMEO UND JULIA ist momentan auf der Sommerbühne am Stadttheater Bremerhaven zu sehen. Wenige Schritte weiter am Längengrad 8 auf der Havenplaza neben dem Klimahaus erwarteten uns die Tänzer*innen des Balletts mit Ausschnitten aus DIE VIER JAHRESZEITEN. Tür auf und raus Richtung Weser und schon stolperten wir über Carina Sönksen, Ulrich Fassnacht und Janek Biedermann vom JUB – Junges Theater Bremerhaven, die im Windschatten des Klimahauses einen Auszug aus DIE BIENE IM KOPF präsentierten. Von dort wanderten wir weiter zum Tourismuszentrum „Hafeninsel“: Direkt dahinter hatten es sich der Opernchor und Mitglieder des Musiktheater-Ensembles in der Werkhalle der gläsernen Werft gemütlich gemacht. Mit sonorer Stimme schickte Seebär Ulrich Burdack die weiße Taube „La Paloma“ auf Reise, bevor Leichtmatrose Marcin Hutek gemeinsam mit Wassernixe Victoria Kunze sehnsuchtsvoll die traditionell irische Weise „Both Sides the Tweed“ vortrug, bei der Kunze sie an der Harfe selbst begleitete. Mit Melodien aus der Operette DIE LUSTIGE WITWE hatte uns der Opernchor voller Schmiss begrüßt und verabschiedete uns ebenso wieder in den nass-grauen Abend.


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Wer sich nun fragt, wo bei diesem theatralen Stadtspaziergang das Philharmonische Orchester zu finden war, dem sei verraten „Gar nicht!“. Das Orchester stand zeitgleich im Stadtteil Wulsdorf auf der Bühne des TiF – Theaters im Fischereihafen und bot dort ein Konzert mit Werken von Béla Bartók und Johannes Brahms. Dieses sicherlich wundervolle Konzert verpasste ich ebenso wie die (ebenfalls zeitgleiche und ebenso wundervolle) Tanz-Vorführung „Wir tanzen um die Welt“ der Tanzschule DanceArt, die gemeinsam mit dem Historischen Museum zu Gast im Weser Yacht Club im Stadtteil Geestemünde waren.

Und selbst ortsnah direkt in der City war die Fülle an Angeboten so groß, dass ich vorab mir schon ein kleines Programm zusammengestellt hatte, das mich allerdings von spontanen Änderungen nicht abhielt. So statte ich der Bgm.-Smidt-Gedächtniskirche zwar einen Besuch ab, verzichtete allerdings auf das Crossover-Orgelkonzerte mit Hits von Udo Lindenberg und Herbert Grönemeyer, da dies parallel zur Jazz-Session in der Stadtbibliothek stattfinden würde. Meinen Durst nach Rock, Pop und Schlager stillte dafür das Blasorchester Wulsdorf, das mit Medleys aus Songs von Abba bis Les Humphries Singers das Publikum in der Fußgängerzone ordentlich einheizte.

Apropos einheizen: Nachdem ich mich nun zwei Stunden lang vom typischen norddeutschen Schmuddelwetter hatte durchwehen und durchfeuchten lassen, freute ich mich auf ein warmes Plätzchen vor der Strandkorbbühne der Stadtbibliothek, wo ich mich auch innerlich mit einem Heißgetränk wieder aufwärmen konnte. Für meine Wärme an Herz und Seele sorgten auf der Bühne die fünf Mannen der Jazzformation „Can`t Stop & Friends“: Sie boten so herrlich relaxt die Jazz-Standards in Kombination mit Samba- und Bossa Nova-Rhythmen dar, dass ich verzückt mitgrooven musste.

Nachdem mein kultureller Hunger ausgiebig und auf das Allerbeste gestillt wurde, meldete sich nun ganz profan der körperliche Hunger, der meine Füße (incl. dem nicht unerheblichen Rest meines Körpers) zu einer Würstchenbude lenkte. Da ich mich nicht zwischen Schinkenkrakauer und Rostbratwurst entscheiden konnte, nahm ich einfach beides. Denn bei diesem „Programm“ musste ich mich nicht entscheiden: Hier durfte und konnte ich parallel genießen. „Möchten Sie Senf zu ihren Würstchen?“ „Aber bitte gerne!“

„Ach ja, und Günther?! Du kannst mich mal!“ 😝


BITTE VORMERKEN: Im nächsten Jahr findet die LANGE NACHT DER KULTUR in Bremerhaven am 14. Juni 2025 statt.

[Rezension] Joachim Mischke – DER KLASSIK-KANON. 44 Komponisten, von denen man gehört haben muss/ mit Illustrationen von Lucia Götz

Vielleicht geht´s euch auch so: „Eigentlich“ (Ich bitte, meine Wortwahl zu beachten!) kenne ich doch schon recht viele klassische Kompositionen. „Die vier Jahreszeiten“ von Vivaldi haben sich zu wahren Evergreens gemausert. Wenn Mozart seinen Helden Tamino in „Die Zauberflöte“ von „Dies Bildnis ist bezaubernd schön“ schwärmen lässt, bin ich nur allzu gerne bereit, mich ebenfalls dem Schwärmen hinzugeben. Natürlich weiß ich auch, wo Tschaikowski die Rohrflöten zum Tanzen bringt. Und bei „Da-da-da-da Da-da-da-da“ denke ich weniger an die Neue Deutsche Welle sondern vielmehr an Beethovens „Sinfonie Nr. 5“.

Doch dann dringt eine vertraute Melodie an mein Ohr, bei der ich weder die Komponistin bzw. den Komponisten benennen kann, noch dass ich sie einem Werk zuordnen könnte. Müsste ich mich nun für dieses Unwissen schämen? Ganz sicher nicht! Meine Devise lautete immer „Ich muss nicht alles wissen. Ich muss nur wissen, wo es steht!“, und so greife ich beherzt zu einer sachkundigen Lektüre…!

Klassik ist für viele ein Buch mit sieben Siegeln und zudem ein Thema, bei dem man sich leicht blamiert: Was war noch mal der Unterschied zwischen Haydn und Händel, Schostakowitsch und Schubert? Dabei verbinden sich mit diesen Komponisten und ihren Werken die faszinierendsten Geschichten. Joachim Mischke stellt die 44 Wichtigsten von ihnen vor und erzählt von bunten Pullovern, tödlichen Duellen, wüsten Fehden – und lässt uns dabei erleben, warum man die Welt der Klassik am Liebsten nie wieder verlassen möchte, wenn man sie erst einmal betreten hat.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

„Dieses Buch soll ein kurzer, kein erschöpfender Ratgeber sein, eine legale Einstiegsdroge in die Kunstform des Komponierens von Musik. Für Vollständigkeit ist hier kein Platz, dann wäre es bloß ein weiteres Lexikon. Die Lust an der Lücke ist mir wichtiger.“ verrät uns der Autor schon im Vorwort, traf mit diesen Worten bei mir genau ins Schwarze und ließ mich innerlich jubeln. So macht er Mut, sich gänzlich unbefangen mit der klassischen Musik zu beschäftigen. Ressentiments gegenüber dieser oft als Hochkultur betitelten Kunstform sind gänzlich unbegründet: Im Mittelpunkt sollte immer die Freude an der Musik (insbesondere, wenn sie live dargeboten wird) stehen.

Als interessierter Laie brauche ich zum Einstieg ins Thema kein seitenstarkes Lexikon und keine allumfassende Biografie. Im Gegenteil: Kurz, knapp und möglichst unterhaltsam möchte ich etwas über die Komponistin bzw. den Komponisten erfahren. Und genau dies bietet mir Joachim Mischke auf jeweils 4½ Seiten, auf denen er im lässigen Plauderton die Höhen und Tiefen aber auch so manche Anekdote aus dem Künstler*innen-Leben nicht verschweigt. Musik-Tipps bietet er uns am Ende des Lebenslaufs unter den Rubriken „Die Einstiegsdroge“, „Das typischste Stück“ und „Für Fortgeschrittene“ sowie mit ein bis zwei weiteren Punkten, die Hinweise auf Originelles, Ungewöhnliches oder Kurioses im jeweiligen Œuvre geben.

Glücklicherweise vermied Lucia Götz in ihren Illustrationen eine ironische Überhöhung. Vielmehr tilgte sie aus den Porträts den unnötigen Tand, indem sie sie auf die markantesten Merkmale reduzierte. Und doch blieb die Persönlichkeit stets klar zu erkennen – wenn auch mit einem humorvollen Augenzwinkern. Dieses launige Gesamtpaket aus Porträt, Text und Musik-Tipps animierte mich, mich mit der einen oder anderen Komposition weiter zu beschäftigen bzw. sie neu für mich zu entdecken.

Mit „Abgesehen von den Giganten, an denen man wirklich nicht vorbeikommt, ist die Auswahl der Komponisten und Komponistinnen sehr subjektiv und gerade deswegen garantiert ein Anlass, sich aufzuregen, weil diese fehlt oder jener.“ versucht Joachim Mischke bereits im Vorwort potenziellen Unken-Rufern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Nein, aufregen will und mag ich mich nicht, denn dafür gefällt mir dieses Buch zu sehr. Unken muss ich aber leider trotzdem: Es verwundert mich schon sehr, dass Herr Mischke als ein ausgewiesener Klassik-Experte unter den „44 Komponisten, von denen man gehört haben muss“ mit Fanny Hensel und Clara Schumann nur zwei Frauen einen Platz einräumte. Ich unterstelle Herrn Mischke, das er da sicherlich noch einige mehr benennen könnte. Zumal die Frauen nicht weniger oder schlechter komponiert haben als die Männer. Oftmals erschufen sie ihre Meisterinnen-Werke sogar unter deutlich beschwerlicheren Bedingungen. Diesen Umstand empfinde ich bei einem relativ aktuellen Werk (Erstveröffentlichung: 2020) wie diesem als sehr bedauerlich. Nur allzu gerne hätte ich seine launigen Lebensläufe zu weiteren herausragenden Komponistinnen gelesen, die somit meine Neugier geweckt hätten, mehr über sie in Erfahrung zu bringen. Dass es da für mich als amateurhafter Klassik-Fan noch viel zu entdecken gilt, verdeutlicht mir sehr eindrucksvoll diese Liste von Komponistinnen verschiedener Epochen der Musikgeschichte.

Lieber Herr Mischke, lieber Hoffmann und Campe-Verlag! Ich hoffe sehr auf eine Neu-Auflage, bei der die Damen gleichermaßen berücksichtigt werden. Es würde mich sehr freuen!


erschienen bei Hoffmann und Campe / ISBN: 978-3455010039

[Rezension] Janice Hallett – DER TWYFORD-CODE

Da gibt es Brief-Romane, wo wir Leser*innen die Handlung aus der Korrespondenz meistens zweier Personen herauslesen können (wie beispielsweise: DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER von Johann Wolfgang von Goethe/ GUT GEGEN NORDWIND von Daniel Glattauer). Auch sind Romane bekannt, in denen nur ein*e Einzelne*r einen inneren Monolog führt und so die Handlung aus der Sicht eben dieser einzigen Person wiedergeben wird (ULYSSES von James Joyce/ MEDEA von Christa Wolf). Und vor einiger Zeit überraschte Robert Galbraith aka Joanne K. Rowling uns damit, dass er/sie in DAS TIEFSCHWARZE HERZ seitenweise Chat-Verläufe und Auszüge aus Twitter-Accounts eingewoben hatte. Doch ein Roman, der komplett aus Transkriptionen von Audiodateien besteht, ist mir bisher nicht in die Finger geraten.

Als Teenager findet Steven Smith, genannt Smithy, zufällig ein Kinderbuch, geschrieben von Edith Twyford. Seine Lehrerin Miss Trout ist davon überzeugt, dass darin ein geheimer Code verborgen ist. Auf einem anschließenden Klassenausflug verschwindet Miss Trout spurlos. Vierzig Jahre später beschließt Smithy, gerade aus dem Gefängnis entlassen, dem Geheimnis von damals nachzugehen. Wurde Miss Trout ermordet? Hatte sie mit dem Code recht? Und wird er heute noch verwendet? Als Smithy auf der Suche nach Antworten die Menschen und Orte seiner Kindheit aufsucht, wird bald klar, dass Edith Twyford nicht nur eine Autorin vergessener Kindergeschichten war. Der Twyford-Code hat große Macht, und Smithy ist nicht der Einzige, der versucht, ihn zu lösen.

(Inhaltsangabe der Homepage der Presseagentur entnommen!)

Da vermittelt die offizielle Inhaltsangabe des Verlages zwar durchaus einen groben Eindruck der Handlung, doch Rückschlüsse auf die Besonderheit dieses Romans lässt sie nicht zu: Dieser Roman besteht komplett – und wenn ich sage „komplett“, dann meine ich es auch so – aus Abschriften von einer Fülle an Audiodateien. Zum besseren Verständnis bedarf es zudem eine Erklärung, wie und warum diese Audiodateien entstanden sind.

Das Leben hat es mit unserem Helden Steven „Smithy“ Smith nicht gut gemeint: desolates Elternhaus, keine Bezugspersonen, Schwierigkeiten in der Schule, Verwicklungen in illegale Geschäfte. Doch nach seinem letzten Gefängnisaufenthalt soll nun alles anders werden: Ehrlich will er nun leben, zumal ihm das Schicksal gänzlich überraschend einen Sohn in Gestalt des Mathematikprofessors Max Mansfield geschickt hat. Max ist das Ergebnis aus einer früheren Beziehung, und seine Mutter hatte ihm bisher die Identität des Vaters wohlweislich verschwiegen. Und so treffen plötzlich zwei völlig konträre Welten aufeinander: Der angesehene und hochintelligente Professor steht einem Vater mit krimineller Vergangenheit, der kaum lesen und schreiben kann, gegenüber. Die Annäherung gestaltet sich entsprechend schleppend, bis sie von Max gänzlich abgebrochen wird. Und so nutzt Smithy die Aufnahmefunktion eines alten Handys von Max für eine Art Audio-Tagebuch, indem er angeblich seiner Bewährungshelferin Maxine (!) seine Lebensgeschichte erzählt, die sich irgendwie mit dem titelgebenden Code verwoben hat. Doch plötzlich ist Smithy wie vom Erdboden verschwunden. Nur das alte Handy wird gefunden: Die ausgedruckten Transkriptionen der Audiodateien finden ihren Weg zu Max…!

Und genau das ist es, was uns als Roman nun hier vorliegt. Autorin Janice Hallett hat die Handlung sehr raffiniert aufgebaut und mit so vielen Details gespickt, dass meine volle Konzentration gefordert war. Ein Folgen der Geschichte war, solange nur Smithy sprach und somit die Identität des Verfassers eindeutig bestimmt werden konnte, einfach. Allerdings nimmt Smithy auch Gespräche mit anderen Personen auf: Bei diesen Dialogen werden die Sprecher*innen in der Reihenfolge des Auftritts durchnummeriert. Rückschlüsse zur jeweiligen Identität können so nur anhand der Aussagen getätigt werden. Zudem werden Slang-Ausdrücke, Akzente oder auch anstößige Äußerungen verfälscht bzw. zensiert wiedergegeben, was den Lesefluss durchaus hätte erschweren können – aber in keiner Weise tat. Umso überraschter war ich über den stringenten Spannungsbogen, den Hallett gekonnt konstruierte, um sich so die Aufmerksamkeit der Leserschaft zu sichern. Ihre Erzählweise wirkte auf mich äußerst dynamisch und sehr unmittelbar. Beinah schien es so, als würde ich zum Zeitpunkt der Aufnahme neben Smithy stehen.

Für die Kinderbüchern einer Edith Twyford standen eindeutig die Werke von Enid Blyton Pate: Ich musste schmunzeln bei dem Gedanken, dass sich in den gänzlich harmlosen Geschichten einer Enid Blyton ein geheimnisvoller Code verbergen könnte. Doch dieser Kunstgriff war klug gewählt, da Blytons Kinderbücher international sehr bekannt sind und somit viele der Leser*innen – so wie auch ich – diese in ihrer Kindheit regelrecht verschlungen haben. Somit war mir der Charakter der Geschichten durchaus geläufig: Allen voran natürlich die „Fünf Freunde“-Reihe, aber auch die „Geheimnis um…“- bzw. „Rätsel um…“-Reihe sowie die Abenteuer-Serie, die nun gerade eine Wiederbelebung erfährt. Da schon die Originalgeschichten vor geheimnisvollen Phänomenen nur so strotzen, schienen sie für Hallett geradezu prädestiniert zu sein, dass sie die Vorlage für die scheinbaren Verschwörungstheorien innerhalb der fiktiven Twyford-Bücher bildeten.

Vielleicht stellt ihr euch nun die durchaus berechtigte Frage, um welches Genre es sich bei DER TWYFORD-CODE handelt. Wir Deutschen lieben ja das Denken in Schubladen: Da können wir einfach nicht aus unserer Haut. Und so stellte sich auch mir diese Frage, was ich hier nun genau vorliegen hatte. Vater-Sohn-Konflikt? Coming of Age-Story? Kriminalroman? Vergangenheitsbewältigung? Spionage-Thriller? Eine eindeutige Zuordnung war mir leider nicht möglich. Es schien mir schlussendlich auch nicht wichtig genug.

Fakt ist, dass Autorin Janice Hallett mir eine raffiniert gestrickte Geschichte präsentierte, die mich am Ende mit einer unvorhersehbaren Wendung überraschen konnte.

P.S.: Wenn ihr nun erfahren möchtet, was es mit dem Fisch auf dem Cover auf sich hat, bleibt euch leider keine andere Möglichkeit, als den Roman selbst zu lesen. Viel Spaß!


erschienen bei Atrium / ISBN: 978-3855351787 / in der Übersetzung von Stefanie Kremer
Ich danke der presseagentur Politycki & Partner herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!