[Rezension] Erich Kästner – DAS MÄRCHEN VON DER VERNUNFT/ mit Illustrationen von Ulrike Möltgen

Noch bevor ich auch nur ein einziges Wort von der Hauptgeschichte lesen konnte, fiel mein Blick auf diesen Zusatz im vorderen Teil des Buches:

„Erich Kästners Werke erscheinen im Atrium Verlag in ihrer originalen Textgestalt. Die Sprache hat sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt, manche Begriffe werden nicht mehr oder anders verwendet. Aus urheberrechtlichen Gründen wurde darauf verzichtet, Kästners Sprache – die eines aufgeklärten Moralisten und Satirikers – dem heutigen Sprachgebrauch anzupassen.“

Ich las und jubelte innerlich! Der Atrium Verlag ist nicht dem momentanen Trend verfallen, die Texte deutscher Autor*innen zu modernisieren und dem momentanen Sprachgusto anzupassen. Ich gewinne eh den Eindruck, dass diese Unsitte vornehmlich hier in unserem Land praktiziert wird – oder kann sich irgendjemand ernsthaft vorstellen, dass die Engländer ihren Shakespeare oder die Franzosen die Texte von Molière dem heutigen Sprachgebrauch angleichen? Natürlich ist die Sprache immer Veränderungen unterworfen, und das ist auch gut und schön und richtig. Doch für mich als Leser und vor allem als Vor-Leser ist es immer wieder eine freudige Herausforderung, mich der Sprachmelodik vergangener Zeiten zu stellen, um mich an ihrer Schönheit zu erfreuen. Sprache zu entdecken – sei es die Muttersprache oder die Sprache eines anderen Landes – stellt eine ganz besondere, beinah sinnliche Erfahrung dar. So danke ich dem Atrium Verlag von ganzem Herzen für ihre klare Haltung, die von gesundem Menschenverstand und Vernunft zeugt.

Womit wir direkt beim Thema wären: Aus Kästners scheinbar unerschöpflicher Wundertüte DER TÄGLICHE KRAM. CHANSONS UND PROSA 1945-1948 wählte der Verlag als illustrierte Neu-Auflage zu seinem Geburtstag eben genau DAS MÄRCHEN VON DER VERNUNFT aus.

Ein alter Mann, reich und angesehen, hat leider diese dumme Angewohnheit, sich vernünftige Dinge auszudenken und seine Gedanken auch noch öffentlich kundzutun. Die Staatshäupter und Staatsoberhäupter hören sich Zähne knirschend immer wieder seine in ihren Augen wirren Vorschläge an. Nun sitzt der alte Mann abermals mit einer seiner vernünftigen Ideen vor ihnen und behauptet, er wüsste, wie sie langfristig Zufriedenheit für alle Menschen auf der Erde schaffen könnten. Es würde nur die lächerliche Summe von einer Billion Dollar kosten, genau die Summe, die auch der letzte Krieg gekostet hätte. Die Staatshäupter und Staatsoberhäupter sind empört über diesen irrsinnigen Vorschlag. Doch der alte Mann lässt sich nicht beirren: Warum darf ein langer Friede nicht ebenso viel wert sein wie ein langer Krieg?


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Und wieder kleidete Ulrike Möltgen Kästners Geschichte in ihren kollagenartigen Illustrationen ein. In atmosphärischen Bildern, die einer Theater-Inszenierung würdig wären, versieht sie den namenlosen Helden mit dem Konterfei Kästners. Auch lässt sie bei den Staatshäupter und Staatsoberhäupter so manches bekannte Gesicht auf der Bühne erscheinen. Dabei arbeitet sie mit einer deutlichen Symbolik: Da umgibt die hohen Herren eine Art Blase, die wohl verdeutlichen soll, dass alles, was sich außerhalb befindet, nicht für die Herrschaften von Interesse ist. Ähnliches drücken die identischen Masken mit ihrer neutralen bis desinteressierten Mimik aus, die die Staatsmänner sich vor ihre Gesichter halten. Auch sitzt der alte Mann, der in einem Harlekin’eskem Sakko gekleidet ist, bei seinen Gesprächen mit den hohen Tieren an einem Tisch, der eine frappierende Ähnlichkeit mit dem bekannten Tisch von Vladimir Putin aufweist.

Abermals zeigte Kästner mit dieser Geschichte sein herausragendes Können, mit schlichten Mitteln hinter die Fassaden des gesellschaftlichen Konformismus zu blicken, um beinah lapidar-harmlos auf vorhandene Missstände hinzuweisen. Einerseits ist Kästners Geschichte fest mit seiner Entstehungszeit und den noch sehr frischen Eindrücken des 2. Weltkrieges verhaftet, andererseits hat sie bedauerlicherweise nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Denn die beinah kindlich-naive Frage des alten Mannes „Warum darf ein langer Friede nicht ebenso viel wert sein wie ein langer Krieg?“ hat leider auch noch heute seine gültige Berechtigung. Kästner stellte eine scheinbar einfache Frage, auf die er wohl nie eine vernünftige Antwort erhalten hat. Wie auch? Sie blieb bis heute unbeantwortet. Doch seine Frage implementiert den Gedanken zu einer weiteren, viel wichtigeren Frage:

„Sollte der Friede nicht mehr wert sein als ein Krieg?“


erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3855350704

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Noch ein Gedicht…] Erich Kästner – DER FEBRUAR

Nordwind bläst. Und Südwind weht.
Und es schneit. Und taut. Und schneit.
Und indes die Zeit vergeht
bleibt ja doch nur eins: die Zeit.

Pünktlich holt sie aus der Truhe
falschen Bart und goldnen Kram.
Pünktlich sperrt sie in die Truhe
Sorgenkleid und falsche Scham.

In Brokat und seidnen Resten,
eine Maske vorm Gesicht,
kommt sie dann zu unsren Festen.
Wir erkennen sie nur nicht.

Bei Trompeten und Gitarren
drehn wir uns im Labyrinth
und sind aufgeputzte Narren
um zu scheinen, was wir sind.

Unsre Orden sind Attrappe.
Bunter Schnee ist aus Papier.
Unsre Nasen sind aus Pappe.
Und aus welchem Stoff sind wir?

Bleich, als sähe er Gespenster,
mustert uns Prinz Karneval.
Aschermittwoch starrt durchs Fenster.
Und die Zeit verläßt den Saal.

Pünktlich legt sie in die Truhe
das Vorüber und Vorbei.
Pünktlich holt sie aus der Truhe
Sorgenkleid und Einerlei.

Nordwind bläst. Und Südwind weht.
Und es schneit. Und taut. Und schneit.
Und indes die Zeit vergeht,
bleibt uns doch nur eins: die Zeit.

Erich Kästner

[Rezension] Erich Kästner – DAS MÄRCHEN VOM GLÜCK/ mit Illustrationen von Ulrike Möltgen

Es ist das Jahr 1945: Deutschland kämpft mit den Folgen des 2. Weltkrieges, und Erich Kästner übernimmt die Leitung des Feuilletons der „Neuen Zeitung“ in München. Nun, wo die Nazis nicht mehr an der Macht sind, darf er auch wieder schreiben. Dies tut er auf seine eigene, unnachahmliche Art. Es entstehen brillante Satiren und feinfühlige Reportagen, er schreibt für Kabarett und Rundfunk. Mit DER TÄGLICHE KRAM. CHANSONS UND PROSA 1945-1948 (aus dem auch die vorliegende Geschichte stammte) schenkt er den nachfolgenden Generationen einzigartige Einblicke in das Leben in einem Land nach dem Zusammenbruch.

„Es handelt sich um eine bunte, um keine willkürliche Sammlung. Sie könnte, im Abglanz, widerspiegeln, was uns in den drei Jahren nach Deutschlands Zusammenbruch bewegte. Worüber man nachdachte. Worüber man lächelte. Was uns erschütterte. Was uns zerstreute.“ Erich Kästner

Als hellwacher Chronist deutscher Nachkriegsgeschichte kleidete er seine Glossen oder Kritiken gerne in einen märchenhaften Mantel:

Das sitzt ein junger Mann unglücklich und mit sich und der Welt hadernd auf einer Bank. Plötzlich und gänzlich ohne Vorwarnung taucht ein alter Mann neben ihm auf und gewährt ihm drei Wünsche, damit er endlich ein glücklicher Mensch werde. Der junge Mann ist so verbittert und verbiestert, dass er äußerst leichtsinnig seinen ersten Wunsch verschleudert, nur um den alten Mann loszuwerden. Sein Wunsch wird erfüllt. Nun kommen dem jungen Mann Zweifel, und sein schlechtes Gewissen rührt sich. Denn schließlich kann er den alten Mann dort nicht lassen, wo er ihn hingewünscht hat. Und so opfert er seinen zweiten Wunsch…!


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Glück: Was ist das schon? Können wir Glück erzwingen? Oder ist es nicht vielmehr ein flüchtiges Empfinden, dass genau so schnell wieder verschwindet, wie es erschienen ist? Und wann bin ich glücklich, muss ich glücklich sein, wird erwartet, dass ich glücklich bin. Und warum bin ich nicht glücklich, obwohl das Schicksal, der Zufall oder der liebe Gott es so gut mit mir meinte?

Ulrike Möltgen schuf Illustrationen zwischen Realität und Fantasie. Sie wählte strenge Formen und brach diese durch märchenhafte Komponenten auf. Selbst scheinbar Alltägliches wie fliegende Vögel am Firmament entpuppen sich bei näherer Betrachtung als Origami-Schwäne. Ihr kollagenartiger Stil lässt genügend Freiraum für eigene Interpretationen und bietet doch viele Details für das Auge.

Glück: Was wollte Kästner mit dieser kleinen Parabel ausdrücken? Wer weiß es schon genau? Doch ich könnte mir denken, dass er uns ermutigen wollte, das Glück nicht voller krampfhafter Verzweiflung für sich einzufordern. Besonders das GROSSE Glück klopft äußerst selten an die Tür. Vielmehr gibt er uns einen Fingerzeig, das Glück im Kleinen zu suchen. Denn gerade das kleine Glück lässt sich recht häufig blicken. Und er lehrt uns, nicht allzu verschwenderisch oder unbedarft mit der persönlichen Portion Glück – unabhängig ob sie nun in Gramm, Sekunden oder Wünsche gemessen wird – umzugehen, denn…

„Das Glück ist schließlich keine Dauerwurst, von der man
sich täglich seine Scheibe herunterschneiden kann!“


erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3855351299

[Retrospektive] Zum 125. Geburtstag von ERICH KÄSTNER…

Heute wäre sein 125. Geburtstag:
ERICH KÄSTNER

Für mich zählt er zu den ganz großen Literaten, die dieses Land der Dichter und Denker hervorgebracht hat – und auf ihn traf diese Bezeichnung vollumfänglich zu. Er war einer der wenigen, der meisterlich „auf verschiedenen Hochzeiten“ tanzen konnte.

Einerseits schrieb er wunderbare Kinder- und Jugend-Romane, die mit ihrer Klarheit, Aufrichtigkeit und Wärme auch noch weit bis ins Erwachsenenalter wirken (Zumindest war es bei mir so!). Seine Held*innen sind einzigartig: klug, frech, traurig, mutig, nachdenklich oder ängstlich. Und nie wurden sie von ihrem Schöpfer bewertet, sondern stehen gleichberechtigt beieinander. Auch war er stets offen und ehrlich gegenüber seinen jungen Leser*innen. Er machte ihnen nichts vor, indem er behauptete, dass das Leben eines Kindes voller Sonnenschein wäre. Nein, er thematisierte – für die damalige Zeit durchaus unüblich – auch die unangenehmen Seiten des Kindseins und musste sich dafür so manche Schelte anhören. Dabei blickte er doch stets voller Liebe und Respekt auf diese kleinen Menschen.

Dann gab es den lyrischen Kästner, der erkannte, dass ein Gedicht die hohe Kunst bedienen und zugleich zeitkritisch, humorvoll und modern sein kann. Zumindest zeigte er dies bei seinen eigenen Versen. Für ihn schien es kein Thema zu geben, das er nicht würdig erachtete, in Versmaß beleuchtet zu werden. Sicherlich könnte er dem Zitat „An apple a day keeps the doctor away“ sehr viel abgewinnen und würde es auf das Lesen von Lyrik übertragen. Wer täglich ein wundervolles Gedichte liest, kann doch nicht krank werden, zumindest nicht an Geist und Seele, oder?

Der Kästner für Erwachsene schaute mit lakonischem Humor und ironischem Unterton auf die Schwächen der Menschen, war dabei aber niemals zynisch oder gemein. Dafür liebte er die Menschen zu sehr. Ja, er liebte sie, auch wenn es in seinem Leben eine Zeit gab, wo ihm dies sicherlich manchmal schwer fiel. Doch auch während der Jahre des dritten Reiches hielt er aus und schrieb weiter, auch wenn seine Werke in Deutschland nicht mehr veröffentlicht wurden, sondern den Flammen der Bücherverbrennung zum Opfer fielen. Er schrieb weiter und wurde zum Chronisten der NS-Schreckens-Herrschaft, der auch im Nachkriegsdeutschland weiter den Finger auf die Wunden der Gesellschaft legte, um so auf Unrecht aufmerksam zu machen. Ja, er liebte die Menschen, und so sind auch seine Figuren fehlerhaft, dürfen Fehler machen, sollen Fehler machen, sind eben menschlich und gerade darum so liebenswert.

Der Drehbuchautor Kästner sorgte für einen schlüssigen und spannenden Plot mit brillanten Dialogen voller Witz und Doppeldeutigkeit. Besonders bei den filmischen Umsetzungen seiner eigenen Werke sorgte er dafür, dass die Verfilmungen nah am Original blieben und so auch noch nach all den Jahren immens viel von seinem Geiste verströmen.

Erich Kästner war all das, was ich oben nannte, und noch so viel mehr. Alle seine Talente und Tätigkeiten aufzuzählen, würde den Rahmen dieser kleinen Retrospektive sprengen. Doch bevor ich Euch einladen möchte, in den von mir verfassten Rezensionen zu seinen Werken zu schmökern, sei mir abermals erlaubt zu erwähnen:

Für mich zählt er zu den ganz Großen
als Literat, als Vorbild, als Mensch!
💖


Erich Kästners literarisches Œuvre scheint schier unerschöpflich zu sein. Das mag daran liegen, dass man sich an ihm weder „überlesen“ noch „sattlesen“ kann und selbst beim „Wiederlesen“ immer neue Aspekte in seinen Werken entdeckt. Ich selbst habe bisher – nach eigenem Empfinden – viel zu wenig von ihm gelesen. Doch dieses wenige möchte ich Euch sehr gerne vorstellen:

Einen knappen Überblick über Kästners Leben gewährt das PORTRÄT, das aus Anlass seines 45. Todestages hier auf meinem Blog erschienen ist.

Neben seinen eigenen Werken findet Ihr auch Bücher anderer Autoren, die sich mit ihm beschäftigt haben – sei es in Form eines Jugendromans oder als Stadtführer der besonderen Art. Dabei möchte ich Euch besonders meinen Beitrag zu Kästners Freund Erich Ohser (aka E.O. Plauen) ans Herz legen, dessen Schicksal mich äußerst berührt hat.

KINDER- UND JUGENDLITERATUR

LYRIK

   …eine kleine Auswahl seiner Gedichte:

LITERATUR FÜR ERWACHSENE

   …mit Kästner unterwegs:

KÄSTNER AUF DER BÜHNE

FREUND UND WEGGEFÄHRTE

UND SONST SO?

  • alle BEITRÄGE meines Blogs zu Erich Kästner in chronologischer Reihenfolge der Veröffentlichung (u.a. mit Zitaten von ihm oder aus seinen Werken)

HINWEIS: Im Laufe dieses Tages gibt es auf meinem Blog noch einiges mehr von Erich Kästner zu entdecken. Ich hoffe, Ihr bleibt „dran“!!! 😊

[Noch ein Gedicht…] Dorothy Parker – STROPHEN ÜBER EINE SPÄTE EINSICHT

Gesetzt, eine Lady ist sorglos verliebt,
In Stück und Roman:
Dann sieht man sie schlendern, und sie umgibt
Ein Hauch tizian.
Man rühmt ihre Traute, ihr Ungestüm,
Sie fliegt mit dem Lover gen Alpes-Maritimes,
Beschreitet auf ewig vereint mit ihm
Die Lebensbahn.

Real ist das anders, oft hab ich’s gesehn
Und tief geht der Schnitt:
Die Lady bekommt oft fürs Liebesflehn
auch noch einen Tritt.
Die Rosenzier tarnt nur den Dorn und den Stich.
Wenn’s hoch kommt? nen Schuss vor den Bug holt sie sich.
Autoren und Stückschreiber kriegen, glaub ich,
Nur selten was mit.

Dorothy Parker

[Musical] Jim Steinman – TANZ DER VAMPIRE / Stage Operettenhaus in Hamburg

Musik von Jim Steinman / Buch & Liedtexte von Michael Kunze

Premiere in Hamburg: 7. Dezember 2003 / Stage Theater Neue Flora in Hamburg / besuchte Vorstellung: 8. Juli 2004 / Premiere der Wiederaufnahme in Hamburg: 17. September 2017 / Stage Thea­ter an der Elbe in Ham­burg / besuchte Vorstellung der Wiederaufnahme: 13. November 2017 / Premiere der 2. Wiederaufnahme in Hamburg: 12. November 2023 / Stage Operettenhaus in Ham­burg / besuchte Vorstellung der 2. Wiederaufnahme: 14. Februar 2024


Musikalische Leitung: Martin Gallery
Inszenierung: Roman Polanski
Choreographie: Dennis Callahan
Set-Design & Video-Projektionen: William Dudley
Kostüme, Perücken & Make-up Design: Sue Blane
Licht-Design: Hugh Vanstone


Seit über 25 Jahren geistern sie überaus erfolgreich über die deutschsprachigen Theaterbühnen und sind einfach nicht totzukriegen (Hähähä! – Vampire und „nicht totzukriegen“ – wie witzig – Hihi!). Seit der Wiener Uraufführung im Jahre 1997 tauchen sie regelmäßig sowohl in Österreich wie auch in Deutschland auf und wurden ebenfalls international in den USA, Frankreich, Russland und Japan gesichtet. In Deutschland ist nun das Hamburger Operettenhaus die 15. Station, bei der diese Show seit der Deutschlandpremiere im März 2000 haltmacht. Und zumindest bei den drei Stippvisiten in Hamburg waren auch wir zu Gast bei den populären Blutsaugern.

Ich könnte jetzt wortreich und äußerst kenntnisreich über das Geheimnis dieses Erfolges palavern, die Gründe für ein solches Phänomen erörtern, über die sexuell-erotische Anziehungskraft der Untoten schwadronieren oder insbesondere den Fan-Kult, der sich rund um die Rolle des Grafen von Krolock im Laufe der Jahrzehnte entwickelt hat, kritisch beäugen. Ja, das könnte ich alles tun! Aber: Nein, ich tue es nicht!

Warum tue ich dies nicht? Weil ich für Blutsauger aller Art recht wenig übrig habe. Mich begeisterten noch nie irgendwelche Vampir-Filme, noch konnte ich mein Herz für die unsäglichen literarischen Ergüsse jüngerer Zeit erwärmen. Und auch TANZ DER VAMPIRE zählt nicht zu meinem favorisierten Musical.

Mein Gatte hingegen liebt die Vampire – von Bram Stokers Erfolgsroman über die Filme mit Bela Lugosi, Christopher Lee und Gary Oldman bis eben zu diesem Musical. Vor den „zwielichtigen“ Neuinterpretationen schreckt zum Glück auch er zurück. Doch zu seinem diesjährigen Geburtstag äußerte er den Wunsch nach einem Besuch der Blutsauger, und als liebender Gatte habe ich mich selbstverständlich sofort an den PC begeben, um schnellstens die Eintrittskarten zu buchen.

Professor Abronsius ist mit seinem Assistenten Alfred im verschneiten Transsilvanien auf einer Forschungsmission, um seine Theorien über den Vampirismus zu beweisen. Erste Hinweise finden sie in einem einsamen Gasthaus, wo unübersehbar viel Knoblauch verbraucht wird. Aber jeder bestreitet, an die Existenz von Vampiren zu glauben. Selbst der Wirt Chagal streitet sogar ab, etwas von einem Schloss in der Nähe zu wissen, obwohl täglich ein buckliger Diener namens Koukol erscheint, um Einkäufe für einen scheinbar unbekannten Herren zu erledigen. Während Professor Abronsius weiter versucht, die Vampire ausfindig zu machen, verliebt sich Alfred in Sarah, der Tochter des Wirts. Doch er ist nicht der einzige, dem die verführerische Schöne gefällt. Auch Graf von Krolock, der Oberhaupt der Vampire, hat ebenfalls ein Auge auf Sarah geworfen und lockt sie in sein Schloss. Sofort macht sich ihr Vater auf den Weg zu ihrer Rettung und wird selbst Opfer der Vampire. Professor Abronsius will den toten Chagal umgehend pfählen, um zu verhindern, dass er als Vampir wiederaufersteht, wird jedoch von seiner Frau Rebecca daran gehindert. Wenig später erwacht der Wirt als Vampir und findet in der Magd Magda sein erstes Opfer. In der Nacht kehren Professor Abronsius und Alfred zurück, um das Pfählen von Chagal zu vollenden, müssen aber entdecken, dass sie zu spät sind. Doch sie können ihn überreden, sie zum Schloss des Grafen von Krolock zu führen. Dieser empfängt sie herzlich und lädt sie ein, über Nacht zu bleiben. Sein Sohn Herbert ist begeistert und zeigt sein deutliches Interesse an Alfred. In der Nacht hat Alfred einen schrecklichen Albtraum, in dem er und Sarah von Krolock gebissen werden. Am nächsten Morgen ist für ihn klar: Er muss Sarah sofort finden. Doch Abronsius will erst einmal dem Vampirismus ein Ende setzen, und so machen sie sich auf die Suche nach der Familiengruft, um die beiden Vampire zu pfählen. Diese Mission wird jedoch zum Desaster und muss abgebrochen werden. Als Alfred Sarah endlich findet, versucht er, sie zur Flucht zu überreden. Doch Sarah möchte lieber am abendlichen Ball teilnehmen, zudem der Graf sie geladen hat. Am Abend auf dem Ball mischen sich Professor Abronsius und Alfred in Verkleidungen unter die geladenen Gäste. Doch sie können nicht verhindern, dass der Graf auch Sarah beißt, die sich ihm allzu willig hingibt. Im letzten Augenblick befreien sie Sarah vom Einfluss des Grafen und können gemeinsam fliehen. Auf ihrer Flucht ruhen sie sich einen kurzen Moment aus. Während der Professor sich Notizen macht, träumen die beiden jungen Leute von einem neuen, besseren Leben. Dann blitzen bei Sarah Vampirzähne auf, die sie in Alfreds Hals schlägt, so dass auch er zum Untoten mutiert. Damit triumphieren am Ende doch die Vampire…!


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Zugegeben: Wir wurden extrem gut und höchst professionell unterhalten. Die bombastische Ausstattung mit den raffinierten Projektionen war sehr faszinierend, und die detailreichen Kostüme waren traumhaft. Zudem saß diesmal ein richtiges Orchester im Graben vor der Bühne, das von Martin Gallery mit straffen Dirigat geleitet wurde. Doch kann mir hier bitte irgendjemand erklären, warum bei den großen Musical-Produktionen der Ton so brutal laut abgemischt wird?! 😵

Die Darsteller*innen boten im Großen und Ganzen wirklich gute Leistungen, und die Tanzsolisten waren atemberaubend. Nur leider ist TANZ DER VAMPIRE nicht nur ein Musical: Es ist im Laufe der Jahre zu einer Marke geworden. Das durchschnittliche Musical-Publikum erwartet eine bestimmte Optik. So findet für das Ensemble zwangsläufig ein Typ-Casting statt, d.h. als Künstler*in musst du sowohl ein entsprechendes Aussehen wie auch deine Stimme das passende Timbre vorweisen, um eine klar definierte Rolle ausfüllen zu können. Diese Vorgehensweise sichert zwar einerseits eine gleichbleibend hohe Qualität dieses Produkts, andererseits lässt es den Künstler*innen nur sehr wenig Raum für eigene Interpretationen. Die Individualität der Künstler*innen verschwindet hinter Kostüm und Maske und lassen sie so recht austauschbar erscheinen. Als Zuschauer*in kaufst du Eintrittskarten für die Marke TANZ DER VAMPIRE. In den seltensten Fällen besucht das Publikum die Show, um von ihnen verehrte und geschätzte Künstler*innen auf der Bühne zu bewundern.

Da erfreut es, wenn Darsteller*innen trotzdem hervorstechen, aber es verwundert ebenso, wenn andere hinter den Erwartungen zurückbleiben. Frederik Stuhllemmer als Alfred und Kristin Backes als Sarah harmonierten als junges Liebespaar vokal und darstellerisch ganz famos. Rachel Bahler punktete als Magda (wie schon vor genau einem Jahr in MAMMA MIA!) mit ihrer blendenden Stimme und bot reichlich üppige Erotik. Till Jochheim (Professor Abronsius), Oleg Krasovitskii (Chagal), Anne Hoth (Rebecca) und Jonas Steppe (Herbert) machten das Beste aus den jeweiligen Rollenvorgaben, die recht plakativ angelegt sind. Alexander Ruttig amüsierte mit rustikalem Charme und viel Witz als Koukol, dem buckligen Faktotum vom Grafen.

In der von uns besuchten Vorstellung schlüpfte der Australier Simon Loughton in die beinah schon ikonische Rolle des Grafen von Krolock. Optisch bringt er alles mit, was diese Rolle verlangt: hochgewachsen, athletisch-schlank. Bemühte er sich anfangs um den bekannten baritonalen Sound in der Stimme, verlor er sich dann im Laufe der Vorstellung stimmlich eher zu einem lyrischen Pop-Tenor und büßte dabei leider einiges an Charisma ein. Auch darstellerisch schien er noch nicht den richtigen Weg für sich gefunden zu haben: Der Song „Unstillbare Gier“ wurde von ihm recht „ambitioniert“ bzgl. Ausdruck und Gesang gestaltet. Es sei ihm zu gönnen, dass „sein“ Graf von Krolock im Laufe der Spielzeit weiter reifen darf.

Ansonsten lief alles wie am Schnürchen: Es war die ganz große Show! Aber: Genau dieser Umstand war wahrscheinlich auch der Grund, warum ich emotional so wenig berührt war.

Es fehlte mir der künstlerische Ausdruck!
Es fehlte mir die Persönlichkeit!
Es fehlte mir das Herz!
❤️

Und abermals fühlte ich mich bestätigt: Für einen Musical-Besuch, der mich begeistert, verzaubert und berührt, brauche ich nicht die großen Produktionen. Das funktioniert auch „kleiner“!!!


Für alle Freunde des gepflegten Gruselns: Zum TANZ DER VAMPIRE wird gerne auch weiterhin ins Operettentheater in Hamburg geladen!

[Rezension] Siegfried Lenz – EINE LIEBESGESCHICHTE. Zärtliches aus Suleyken/ mit Illustrationen von Franziska Harvey

Wo die Liebe so hinfällt! Manchmal braucht sie Zeit zur Entfaltung, muss wachsen und reifen. Dann schlägt sie ein wie ein Blitz, trifft gänzlich unvorbereitet aus heiterem Himmel. So oder ähnlich muss es auch Joseph Waldemar Gritzan ergangen sein, als er zum ersten Mal Katharina Knack erblickte…

Da steht er nun, dieser große, schweigsame Holzfäller, und ist bis über beide Ohren verliebt. Amor hat ihn nicht nur mit einem kleinen Pfeil getroffen, gefühlsmäßig steckt eine stattliche Axt zwischen seinen Schulterblättern. Er weiß nicht, wie er sich seiner Angebeteten erklären soll, aber er ist sich sicher, dass kein Weg an ein Ehebündnis vorbei führt. So besorgt er sich beim Pfarrer von Suleyken vorsorglich einen Taufschein. Doch die holde Maid weiß noch nichts von ihrem Glück. Vielmehr kniet sie ahnungslos am Flussufer und walkt die Wäsche, bis sich dieser stille Hüne zu ihr setzt. Da sitzen sie nun nebeneinander, schauen über Wiesen und Wälder und werfen sich verstohlene Blicke zu, bis er in die Tasche greift und scheu fragt „Lakritz?“


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„Entzückend…!!!“ kann ich nach der Lektüre dieser kleinen, durch und durch charmanten Geschichte nur ausrufen. Während ich die drolligen Bilder von Franziska Harvey betrachtete, umspielte ein Lächeln meine Lippen. Wie schon bei DAS WUNDER VON STRIEGELDORF. Eine Weihnachtsgeschichte hat sie auch hier wieder berückende Illustrationen geschaffen, die sowohl mit einer gewinnenden Leichtigkeit die Atmosphäre im ländlichen Dörfchen Suleyken im ostpreußischen Masuren einfangen, wie auch die von Siegfried Lenz erschaffenen Figuren sympathisch und gar trefflich charakterisieren.

Möglich machten dies natürlich die Worte des großen Meisters: Siegfried Lenz Sprache ist einfach gehalten. Seine Sätze überzeugen durch ihre schlichte Poesie und berühren so mein Herz als Leser viel unmittelbarer. Er trifft den Kern einer Szene, ohne dass der Blick von literarischem Firlefanz abgelenkt wird. Das Ganze umhüllt er mit einem gut dosierten Hauch Ironie, der nicht bloßstellt und nie verletzend wirkt. Da wirft er zwar durchaus einen humorvollen doch nie diffamierenden Blick auf seine Schöpfungen und ihre Beweggründe. Voller Respekt und Liebe porträtiert er die einfachen Menschen aus dem Masurenland und schenkte der literarischen Welt Typen voller schlichter Eleganz und mit immens viel Herzenswärme.

Ich wünsche Euch heute
einen wundervollen VALENTINSTAG!

💞


erschienen bei cadeau (bei Hoffmann und Campe)/ ISBN: 978-3455381344

[Operette] Franz Lehár – DIE LUSTIGE WITWE / Stadttheater Bremerhaven

Operette von Franz Lehár / Libretto von Victor Léon und Leo Stein

Premiere: 3. Februar 2024 / besuchte Vorstellungen: 08.02., 28.04. & 12.05.2024

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Hartmut Brüsch / Davide Perniceni (28.04.)
INSZENIERUNG Isabel Hindersin
BÜHNE & KOSTÜME Tanja Hofmann
CHOREOGRAFIE Rosemary Neri-Calheiros
DRAMATURGIE Markus Tatzig
CHOR Mario Orlando El Fakih Hernández
LICHT Frauke Richter

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
CHOREOGRAFISCHE ASSISTENZ Lucia Giarratana
INSPIZIENZ Regina Wittmar


Na? Gelüstet es euch manchmal auch nach einer großen Portion Schmalz? Einige schauen sich mit einer Familienpackung Papiertaschentücher bewaffnet drei Rosamunde Pilcher-Verfilmungen nacheinander oder mehrere Staffeln „friends“ in Folge an, andere werfen eine Schlager-CD in den Player und erklären lautstark „Schuld war nur der Bosa Nova!“ oder behaupten vehement „Er gehört zu mir!“.

Sollte ich hingegen ein unbändiges Verlangen nach Schmalz verspüren, stille ich dieses gerne, indem ich mich auf den Weg ins Theater mache, um mich dank eines passenden Stücks in Unmengen Schmalz zu wälzen, zu suhlen, zu ertränken,…

…und wenn dann noch mit DIE LUSTIGE WITWE ein wahrer Schmacht-Fetzen aus dem Operetten-Himmel auf dem Programm steht, dann ist mein Glück perfekt, und ich gebe mich diesem Zustand hemmungslos hin. ACHTUNG: Jede Störung wird gnadenlos geahndet!

HINWEIS: Die obige Aufnahme stammte nicht aus der besprochenen Inszenierung sondern dient nur dazu, einen Eindruck von der Musik zu vermitteln. 

Es gibt so viele wunderbar unterhaltsame Werke im Operetten-Repertoire, doch zum (ungekrönten) Königspaar würde ich zwei Werke wählen. Da gibt es einerseits DIE FLEDERMAUS (1874) von Johann Strauß, die pikant-frivol die Bigotterie des gehobenen Bürgertums auf den Arm nimmt, andererseits DIE LUSTIGE WITWE (1905) von Franz Lehár, die äußerst amüsant die Eitelkeit der Männer bloßlegt. Beiden Operetten ist gemein, dass sie mit präsenten Frauen-Porträts aufwarten und die sogenannten „Herren der Schöpfung“ recht blass aussehen lassen.

Im pontevedrinischen Gesandtschaftspalais in Paris wird fröhlich der Geburtstag des Fürsten gefeiert. Nur Baron Mirko Zeta ist besorgt. Die junge reiche Witwe Hanna Glawari soll demnächst eintreffen. Sollte sie nun einen Pariser zum neuen Mann nehmen, so würde der finanziell schlecht dastehende pontevedrinische Staat nicht mehr von ihrem Geld profitieren. Daher plant Baron Zeta, den Gesandtschaftssekretär Graf Danilo Danilowitsch mit Hanna Glawari zu verkuppeln. Doch Graf Danilo vergnügt sich lieber im „Maxim“ mit den aufreizenden Grisetten und muss erst durch Njegus, dem Assisteneten des Barons, in den Gesandtschaftspalais geschleppt werden. Als Hanna Glawari erscheint, sind gleich alle von ihr angetan. Sie ist sich allerdings durchaus bewusst, dass die anwesenden Herren sie nur wegen ihres Geldes begehren. Graf Danilo kommt müde vom nächtlichen Treiben im „Maxim“ zum Fest. Er kennt Hanna von früher und hätte sie damals auch gerne geheiratet, wenn nicht sein Onkel dagegen gewesen wäre. Dieser fand die aus ärmlichen Verhältnissen stammende Hanna nicht standesgemäß. Doch Danilo liebt Hanna immer noch, zeigt dies nicht, denn sie soll nicht glauben, dass er sie nur wegen ihres Reichtums begehrt. Darum lehnt er auch Baron Zetas Verkuppelungsversuch ab. Valencienne, Zetas junge Frau, hat ihren Fächer verloren, auf dem ihr Verehrer Camille de Rosillon eine Liebeserklärung geschrieben hat. Zu allem Unglück gerät der Fächer in die Hände ihres Ehemannes, der aber nicht ahnt, dass er seiner Frau gehört. Bei der Damenwahl wählt Hanna Danilo als ihren Tänzer, was er jedoch ablehnt. Er bietet diesen Tanz für 10.000 Francs zum Verkauf an. Die anwesenden Herren sind brüskiert und suchen das Weite. Endlich ist er mit Hanna allein und überredet sie zum gemeinsamen Tanz. Am darauffolgenden Tag hat Hanna die Gesellschaft in ihr Palais zu einem pontevedrinischen Fest geladen. Ihr ist bewusst geworden, dass sie Danilo immer noch liebt. Doch dieser verhält sich weiterhin reserviert und versucht zudem herauszufinden, wem der Fächer mit der Liebeserklärung gehört. Durch einen Zufall gelangt der Fächer aber wieder in die Hände von Valencienne. Sie bittet Camille de Rosillon, er möge doch um Hanna Glawari werben. So wunderbar ihre gemeinsamen Träumereien auch seien, sie ist schließlich verheiratet: Als anständige Frau würde sie seinem Werben nie nachgeben. Camille bittet zum Abschied um ein letztes Treffen in einem kleinen Pavillon. Baron Zeta hat die beiden heimlich beobachtet und lässt den Pavillon öffnen. Doch gemeinsam mit Camille tritt Hanna heraus. Um Valencienne nicht zu kompromittieren, hat sie schnell ihren Platz eingenommen. Als sie dreist verkündet, dass sie sich mit Camille de Rosillon verloben werde, kann Danilo seine Eifersucht nicht mehr verbergen. Nun erkennt Hanna deutlich, dass Danilo sie immer noch liebt. Wütend flüchtet er in sein geliebtes „Maxim“. Hanna lässt den Saal in ihrem Palais mit Unterstützung von Njegus nicht nur in das „Maxim“ verwandelt sondern hat auch das komplette Ensemble engagiert. So gelingt es ihr, Danilo wieder in ihre Nähe zu locken. Baron Zeta ist noch immer in großer Sorge um die Millionen der Glawari, denn wenn Hanna den Pariser Camille de Rosillon heiratet, ist der pontevedrinische Staatsbankrott nicht mehr abzuwenden. Danilo appelliert an Hannas Vaterlandsliebe, doch die hatte ohnehin nie vor, einen Franzosen zu heiraten. Sie klärt Danilo über die prekäre Situation im Gartenpavillon auf. Doch leider erfährt auch Baron Zeta davon und fordert von Valencienne die sofortige Scheidung. Jetzt, wo er frei ist, könnte er selbst Hanna Glawari heiraten. Diese klärt alle Anwesenden über eine pikante Klausel im Testament ihre verstorbenen Mannes auf: Im Falle einer neuerlichen Heirat würde sie das gesamte Vermögen verlieren. Endlich gesteht ihr Danilo seine Liebe, denn jetzt kann Hanna ihm nicht mehr vorwerfen, dass er sie nur ihres Geldes wegen heiraten möchte. Doch Hanna hat noch eine weitere Überraschung parat: Zwar würde sie das Vermögen verlieren, allerdings ginge es über in den Besitz ihres neuen Ehemanns. Auch Baron Zeta muss seiner Gattin Abbitte leisten. Valencienne hat ihn auf ihre Antwort aufmerksam gemacht, die sie unter der Liebeserklärung auf dem Fächer hinterlassen hat. Dort steht deutlich geschrieben: „Ich bin eine anständige Frau“.

Es war wieder einer der Abende, an dem sich schon beim Klang der ersten Töne aus dem Orchestergraben ein penetrant-permanentes Dauergrinsen auf meinem Gesicht einnistete und mich grenzdebil erscheinen ließ. Doch ich konnte nichts dagegen tun, bzw. ich wollte nichts dagegen tun. Bereits bei der Ouvertüre begann Hartmut Brüsch mit dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven auch noch das letzte Quäntchen Schmalz aus der Partitur zu kitzeln. Da erklangen Lehars Kompositionen so herrlich schwelgerisch und schmissig. Dann ließ er die bekannten Melodien wieder erfrischend schlank erklingen, um bei einige Arien diese beinah Couplet-artig zu umschmeicheln.

Ebenso schlank – beinah entschlackt – zeigte sich die Inszenierung von Isabel Hindersin. Hindersin sah sich anscheinend die Vorlage (s.a. die obige Inhaltsangabe) sehr genau an, entdeckte Widersprüche darin und bemühte sich, diese auszumerzen. Die Vorlage bietet Porträts von selbstbewussten Frauen, die dann im entscheidenden Moment doch wieder nur den männlichen Ansprüchen genügen. Dieser Umstand wirft Fragen auf. Ein Beispiel: Bleibt Hanna Single, kann sie eigenständig über ihr Erbe verfügen; heiratet sie, dann fällt das Erbe an ihren neuen Ehemann. „Hä?“ (unverständliches Kopfschütteln) Jede kluge Frau würde unter diesen Umständen eine „wilde“ Ehe vorziehen. Solche unzeitgemäßen Ungereimtheiten finden sich öfter in diesem Stück und sind natürlich dessen Entstehungszeit geschuldet. Bei Hindersin behauptet Hanna einfach, sie hätte ihr Erbe schon ausgegeben, somit ist das Objekt der allgemeinen männlichen Begierde nicht mehr existent, was das Verhalten der Herren ad absurdum führt. Auch Valenciennes Fächerbekenntnis „Ich bin eine anständige Frau“ wird von ihrem Gatten ignoriert, der sich ihrer nur allzu schnell entledigt, um sich dann der scheinbar reichen Witwe anbiedernd vor die Füße zu werfen. Warum sollte sie loyal gegenüber einer solchen Kanaille sein, wenn sie sich stattdessen der Liebe des feschen Camille de Rosillon sicher sein kann? Selbst das schmissige von den Herren vorgetragene „Ja, das Studium der Weiber ist schwer“ erhält eine Frischzellenkur, indem die Damen sich einmischen mit „Das Studium der Männer ist schwer“, was zu einem gemeinsamen „Das Studium der Menschen ist schwer“ gipfelt und somit implementiert, dass es durchaus auch Menschen mit einer nichtbinären Geschlechtsidentität gibt. Damit verleiht die Regisseurin den Figuren einen Hauch Realismus, der durchaus auch Raum für Tragik und Trauer bietet. Sie befreit so die Charaktere aus dem gängigen klischeehaften Operetten-Korsett. Für die ersten beiden Akte findet sie – auch für die Modernisierungen – eine stringente Erzählweise. Der dritte Akt wirkte dagegen auf mich etwas zerfasert in seiner Struktur.

Auch Tanja Hofmann spendierte der Ausstattung diesen Hauch Realismus. Die pontevedrinische Botschaft hat schon deutlich bessere Zeiten erlebt: Da blättert der Putz von den Wänden, und die Gäste müssen aufpassen, dass sie von herunterstürzenden Dekorationsteilen nicht getroffen werden. Es wirkt eher wie ein in die Jahre gekommenes Vereinsheim „irgendwo im Nirgendwo“ auf dem Lande. Hannas Palais hingegen fungiert als eine Art Spiegelkabinett, als wolle es die Protagonist*innen zwingen, einen offenbarenden Blick in den Spiegel und somit hinter die Fassaden zu werfen. Für den 3. Akt kreiert Hofmann diesen einzigartigen Pariser Flair: Hier dürfen sich Valencienne und Camille zum Tête-à-Tête in eine Litfaßsäule aka Pavillon zurückziehen, und unsere Held*innen finden am Fuße des Eifelturms unterm funkelnden Sternenhimmel endlich zueinander. Auch bei den Kostümen beweist Tanja Hofmann Raffinesse und Chic. Sie kleidet die Figuren so stimmig und geschmackvoll, dass die Garderobe schon auf den jeweiligen Charakter schließen lässt. Einzig beim wunderbaren Paris-Bild bewies sie leider bei den Kostümen für Ballett und Chor weniger Gespür. Beinah schien es, als wäre ein Sturm, wie er häufig an der Küste vorkommt, mit Schmackes durch den Kostümfundus gefegt, und alles, was zu Boden gefallen ist, musste nun auf der Bühne getragen werden.

Choreografin Rosemary Neri-Calheiros sorgte bei den Solisten und dem Chor für flinke Füße und ließ das Ballett u.a. als Grisetten (m/w/d) beim Can-Can „Ja, wir sind es, die Grisetten“ temperamentvoll über die Bühne toben.


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Glücklicherweise sind die Zeiten vorbei, in denen die Operette von der 2. Sängergarde bestritten wurde, eben durch jene Sänger*innen, bei denen die Stimmen für die große Oper nicht ausreichten. Wenn bei den Genren im Musiktheater so unterschiedliche Kriterien angelegt werden, darf es nicht verwundern, wenn die Qualität entsprechend ausfällt. Das Stadttheater Bremerhaven verfügt momentan (zur Freude des Publikums) über ein hochtalentiertes Musiktheater-Ensemble, wo jede*r ebenso in TOSCA oder RUSALKA brilliert wie im Musical oder in der Operette.

In der klassischen Operette gibt es sogenannte Stimmfächer, die den entsprechenden Rollen zugeordnet werden. Da gibt es das Leading-Paar, bestehend aus dramatischem Sopran und Heldentenor, und das Buffo-Paar, das sich aus Soubrette und Spieltenor zusammensetzt. Hierbei soll sich die jeweilige Charakterisierung der Figur schon im Klang der Stimme widerspiegeln.

Apropos „Drama“: Selten habe ich das „Vilja-Lied“ so gefühlvoll und zugleich so traurig vernommen, wie in der Interpretation durch Signe Heiberg. Bei ihr ist Hanna Glawari eine moderne, selbstbewusste Frau, die von den enervierenden Avancen der Männer so angewidert ist, dass sie nur mit Mühe höflich bleiben kann. Fein nuanciert setzte sie ihren Sopran ein, um so auch musikalisch die Kränkungen zu verdeutlichen, die die Figur erleiden musste. Das Duett „Lippen schweigen, ’s flüstern Geigen“ gestaltete sie gemeinsam mit Konstantinos Klironomos äußerst innig und exquisit. Graf Danilo Danilowitsch ist bei Konstantinos Klironomos ein absoluter Heißsporn. Mit seinem potenten Tenor setzte Klironomos beim Gassenhauer „O Vaterland/ Da geh’ ich zu Maxim“ eine erste gesangliche Marke. Doch auch darstellerisch konnte er das ambivalente Verhalten dieses charmanten Hallodris glaubhaft vermitteln, der seine wahren Gefühle gegenüber Hanna nur schwerlich verstecken kann.

Abermals stehen Victoria Kunze und Andrew Irwin als kongeniale „Partners in Crime“ auf der Bühne und bieten sich ein höchst amüsantes Gefecht. Kunze gab eine quirlige, beinah naiv-unbedarfte Valencienne, die immer wieder hin und her gerissen wurde zwischen ehelicher Treue und dem Wunsch nach echter Zuneigung. Irwins Camille de Rosillon wirkte beinah, als würde ihn so viel weibliches Temperament überfordern. Dabei litt er sichtlich bei dem Gedanken, „seiner“ Valencienne entsagen zu müssen. Gemeinsam harmonierten sie abermals ganz und gar wunderbar in ihren Duetten, wobei das voller Wehmut vorgetragene „Wie eine Rosenknospe/ Sieh dort den kleinen Pavillon“ besonders herausstach.

Sollte ich die Stimm-Konstellationen beider Paare beschreiben, wären Heiberg/Klironomos ein vollmundiger Rotwein mit komplexen Aromen, während Kunze/Irwin eher ein prickelnd-leichter Schaumwein sind, der gar köstlich am Gaumen perlt. Dies stellt keine Wertung dar: Beide Weine sind absolut köstlich! Interessant war es für mich erstmals zu bemerken, wie Franz Lehár bei den beiden Paaren die jeweilige Beziehung bzw. deren Entwicklung schon rein musikalisch (an)deutete. Während das Buffo-Paar Valencienne und Camille ihre innige Vertrautheit direkt von Beginn an mit gefühlvollen Duetten verdeutlichte, hält der Komponist das Leading-Paar Hanna und Danilo musikalisch auf Abstand, indem er ihnen jeweils Solo-Arien in die Kehlen komponierte oder sie voller Ironie wie beim „Lied vom dummen Reiter“ aufeinander prallen lässt. Erst zum fulminanten Happy End gestehen sich die Beiden mit „Lippen schweigen, ’s flüstern Geigen“ ihre gegenseitige Zuneigung und dürfen sich so im Gesang vereinen.

Nun ist die Rolle des Baron Mirko Zeta eher eine Sprechrolle als eine Gesangsrolle. Glücklicherweise braucht Ulrich Burdack niemanden mehr zu beweisen, dass er singen kann. Doch selten habe ich ihn so komödiantisch leichtfüßig auf der Bühne erleben dürfen: Da wurde geprotzt und schwadroniert, selbstverliebt der Bart gebürstet und sich so voller Elan in die Brust geworfen, dass die daran gehefteten Orden mächtig klapperten. Voller Schadenfreude beobachtete das Publikum, wie dem eitlen Gockel die Federn gerupft wurden, währenddessen er seinen Handlanger Njegus schikanierte. Mit der Rolle des Njegus fand Hans Neblung abermals den Weg ins Stadttheater Bremerhaven, mit dem er sich schon über Jahre verbunden fühlt. Sein Njegus ist weniger der speichelleckende Opportunist, wie er gerne in anderen Inszenierungen dargestellt wird, sondern vielmehr der wissende Vertraute, der um Schadensbegrenzung bemüht ist. Nun stellt man einen Musical-Darsteller mit internationalem Renommee nicht einfach so auf eine Bühne und lässt ihn dann nicht singen. So gönnte das Produktionsteam dem Nejegus von Hans Neblung einen Solo-Auftritt, den er in einem spektakulären Blütenkleid gewohnt charmant präsentierte.

„Last but not least“: Abermals sorgte Chordirektor Mario Orlando El Fakih Hernández für einen voluminösen Wohlklang bei den Sänger*innen des Opernchores, von denen sich einige auch höchst unterhaltsam solistisch in div. Nebenrollen profilierten.


Nachtrag zum 12. Mai 2024: Da sah ich mir doch tatsächlich zum 3. Mal die Operette DIE LUSTIGE WITWE an und saß diesmal im Stadttheater Bremerhaven neben „meiner“ Ute. Ute lebt in einer Wohngemeinschaft der Lebenshilfe, und ich begleite sie ehrenamtlich bei Kultur- und Freizeitaktivitäten. Da sind die Damen von der Theaterkasse auch immer ganz wunderbar: Ute bekommt genau DIE Karten zu DEN Plätzen, von denen sie der Aufführung trotz Handicaps bestmöglich folgen kann.

Es war für mich immer wieder ein Fest, Ute zu erleben, mit welch überschwänglicher Freude sie die Aufführung genoss und mir auf dem Heimweg in den höchsten Tönen vorschwärmte

„Die haben alle so toll gesungen und so toll getanzt,
und die Musik war so schön und die Kostüme so cool…!“

Angefangen hat alles im Jahre 2013 als ich bei der Lebenshilfe zu arbeiten begann und u.a. für Ute die Aufgaben des Bezugsbetreuers übernahm. Bis dahin nahm Ute aufgrund der verschiedensten Faktoren kaum an kulturellen Angeboten teil. Ich war der Meinung, dies müsste dringend geändert werden. Ute war von dieser Idee begeistert, und so formulierten wir für sie ihren ganz persönlichen Förderplan. Auch als ich im Herbst 2019 den Arbeitgeber wechselte, blieb ich Ute ehrenamtlich als ihr persönlicher Kultur-Attaché erhalten.

Doch damals musste ich mir von einigen „netten“ Kolleginnen ungehörige Fragen anhören wie „Versteht sie denn überhaupt alles?“ und „Hat sie denn auch was davon?“. Meine Antworten fielen mit „Nein!“ und „Ja!“ sehr knapp aus. Danach ließ ich keine weiteren Diskussionen mehr zu.

Nein, sie braucht nicht alles zu verstehen: Kultur zu erleben ist schließlich kein Wettkampf, bei dem man ein vorher gesetztes Ziel erreichen muss. Kultur ist bunt und vielfältig und berührt emotional auf so unterschiedlichen Ebenen, dass Ute sich intuitiv genau das heraussucht, was ihr gefällt, und was sie für sich braucht. Darum: Ja, sie hat enorm viel davon!

Zudem schafft sie es immer wieder, auch meine eingefahrene Sichtweise aufzubrechen: Die Möglichkeit, Kultur erleben zu dürfen, ist für Ute nicht selbstverständlich. Diese Freiheit hat sie sich erkämpft und erarbeitet und genießt es nun.

Seit 10 Jahren gehen wir nun schon zusammen ins Theater. Ende offen…! ❤


Dank #angeklopft erhalten wir sogar eine Audienz beim pontevedrinischen Botschafter Ulrich Burdack.


Noch bis Ende Mai geht´s weiterhin recht turbulent zu bei DIE LUSTIGE WITWE am Stadttheater Bremerhaven.