[Event] LANGE NACHT DER KULTUR in Bremerhaven

22. LANGE NACHT DER KULTUR in Bremerhaven
Termin des Events: 8. Juni 2024


Je mehr ich mich Bremerhaven näherte, umso dunkler türmten sich die grauen Wolken vor mir auf, und ein Regenschauer nach dem anderen ließen den Scheibenwischer meines kleinen Autos im Akkord arbeiten. Sollte mein innerer Schweinehund Günther tatsächlich Recht behalten? Schon seit dem Morgen brüllte er mir immer wieder ins Ohr – sozusagen ins Innen-Ohr: „Bleib’ lieber zuhause! Auf dem Sofa ist es sicher, warm und trocken!“ Dabei war ich so stolz auf mich, dass ich seinem Zerren und Ziehen nicht nachgegeben hatte.

Die Stadt Bremerhaven präsentierte abermals die LANGE NACHT DER KULTUR: An verschiedenen Orten in der Stadt wurde Theater, Musik, Tanz, Kunst, Führungen und vieles mehr – natürlich kostenlos – geboten. Kulturschaffende aus den unterschiedlichsten Bereichen zeigten mit ihrem Können die kulturelle Vielfalt, die diese Stadt zu bieten hat. Völlig unverbindlich und in entspannter Atmosphäre konnten wir so in künstlerische Bereiche schnuppern, an die wir uns sonst vor lauter Respekt vielleicht nicht getraut hätten.

Wie könnte es auch anders sein, begann mein persönliches Programm am Stadttheater Bremerhaven. Von dort starteten im ¼-Stunden-Takt die „theatralen Stadtspaziergänge“: Da ließ es sich Intendant Lars Tietje nicht nehmen, die erste Führung zu übernehmen und uns – gut sichtbar anhand seines Regenschirms – zu den einzelnen Etappen der Tour zu geleiten. An vier Orten der Hafenwelten wurden wir von Ensemble-Mitgliedern aller Sparten erwartet, die uns mit einer kleinen Darbietung erfreuten.

Da verwandelte sich die Einfahrt einer Tiefgarage kurzerhand zum weltberühmten Balkon in Verona, wo „Romeo“ Richard Feist seiner großen Liebe „Julia“ Anna Caterina Fadda leidenschaftliche Worte zurief. Shakespeares ROMEO UND JULIA ist momentan auf der Sommerbühne am Stadttheater Bremerhaven zu sehen. Wenige Schritte weiter am Längengrad 8 auf der Havenplaza neben dem Klimahaus erwarteten uns die Tänzer*innen des Balletts mit Ausschnitten aus DIE VIER JAHRESZEITEN. Tür auf und raus Richtung Weser und schon stolperten wir über Carina Sönksen, Ulrich Fassnacht und Janek Biedermann vom JUB – Junges Theater Bremerhaven, die im Windschatten des Klimahauses einen Auszug aus DIE BIENE IM KOPF präsentierten. Von dort wanderten wir weiter zum Tourismuszentrum „Hafeninsel“: Direkt dahinter hatten es sich der Opernchor und Mitglieder des Musiktheater-Ensembles in der Werkhalle der gläsernen Werft gemütlich gemacht. Mit sonorer Stimme schickte Seebär Ulrich Burdack die weiße Taube „La Paloma“ auf Reise, bevor Leichtmatrose Marcin Hutek gemeinsam mit Wassernixe Victoria Kunze sehnsuchtsvoll die traditionell irische Weise „Both Sides the Tweed“ vortrug, bei der Kunze sie an der Harfe selbst begleitete. Mit Melodien aus der Operette DIE LUSTIGE WITWE hatte uns der Opernchor voller Schmiss begrüßt und verabschiedete uns ebenso wieder in den nass-grauen Abend.


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Wer sich nun fragt, wo bei diesem theatralen Stadtspaziergang das Philharmonische Orchester zu finden war, dem sei verraten „Gar nicht!“. Das Orchester stand zeitgleich im Stadtteil Wulsdorf auf der Bühne des TiF – Theaters im Fischereihafen und bot dort ein Konzert mit Werken von Béla Bartók und Johannes Brahms. Dieses sicherlich wundervolle Konzert verpasste ich ebenso wie die (ebenfalls zeitgleiche und ebenso wundervolle) Tanz-Vorführung „Wir tanzen um die Welt“ der Tanzschule DanceArt, die gemeinsam mit dem Historischen Museum zu Gast im Weser Yacht Club im Stadtteil Geestemünde waren.

Und selbst ortsnah direkt in der City war die Fülle an Angeboten so groß, dass ich vorab mir schon ein kleines Programm zusammengestellt hatte, das mich allerdings von spontanen Änderungen nicht abhielt. So statte ich der Bgm.-Smidt-Gedächtniskirche zwar einen Besuch ab, verzichtete allerdings auf das Crossover-Orgelkonzerte mit Hits von Udo Lindenberg und Herbert Grönemeyer, da dies parallel zur Jazz-Session in der Stadtbibliothek stattfinden würde. Meinen Durst nach Rock, Pop und Schlager stillte dafür das Blasorchester Wulsdorf, das mit Medleys aus Songs von Abba bis Les Humphries Singers das Publikum in der Fußgängerzone ordentlich einheizte.

Apropos einheizen: Nachdem ich mich nun zwei Stunden lang vom typischen norddeutschen Schmuddelwetter hatte durchwehen und durchfeuchten lassen, freute ich mich auf ein warmes Plätzchen vor der Strandkorbbühne der Stadtbibliothek, wo ich mich auch innerlich mit einem Heißgetränk wieder aufwärmen konnte. Für meine Wärme an Herz und Seele sorgten auf der Bühne die fünf Mannen der Jazzformation „Can`t Stop & Friends“: Sie boten so herrlich relaxt die Jazz-Standards in Kombination mit Samba- und Bossa Nova-Rhythmen dar, dass ich verzückt mitgrooven musste.

Nachdem mein kultureller Hunger ausgiebig und auf das Allerbeste gestillt wurde, meldete sich nun ganz profan der körperliche Hunger, der meine Füße (incl. dem nicht unerheblichen Rest meines Körpers) zu einer Würstchenbude lenkte. Da ich mich nicht zwischen Schinkenkrakauer und Rostbratwurst entscheiden konnte, nahm ich einfach beides. Denn bei diesem „Programm“ musste ich mich nicht entscheiden: Hier durfte und konnte ich parallel genießen. „Möchten Sie Senf zu ihren Würstchen?“ „Aber bitte gerne!“

„Ach ja, und Günther?! Du kannst mich mal!“ 😝


BITTE VORMERKEN: Im nächsten Jahr findet die LANGE NACHT DER KULTUR in Bremerhaven am 14. Juni 2025 statt.

[Rezension] Joachim Mischke – DER KLASSIK-KANON. 44 Komponisten, von denen man gehört haben muss/ mit Illustrationen von Lucia Götz

Vielleicht geht´s euch auch so: „Eigentlich“ (Ich bitte, meine Wortwahl zu beachten!) kenne ich doch schon recht viele klassische Kompositionen. „Die vier Jahreszeiten“ von Vivaldi haben sich zu wahren Evergreens gemausert. Wenn Mozart seinen Helden Tamino in „Die Zauberflöte“ von „Dies Bildnis ist bezaubernd schön“ schwärmen lässt, bin ich nur allzu gerne bereit, mich ebenfalls dem Schwärmen hinzugeben. Natürlich weiß ich auch, wo Tschaikowski die Rohrflöten zum Tanzen bringt. Und bei „Da-da-da-da Da-da-da-da“ denke ich weniger an die Neue Deutsche Welle sondern vielmehr an Beethovens „Sinfonie Nr. 5“.

Doch dann dringt eine vertraute Melodie an mein Ohr, bei der ich weder die Komponistin bzw. den Komponisten benennen kann, noch dass ich sie einem Werk zuordnen könnte. Müsste ich mich nun für dieses Unwissen schämen? Ganz sicher nicht! Meine Devise lautete immer „Ich muss nicht alles wissen. Ich muss nur wissen, wo es steht!“, und so greife ich beherzt zu einer sachkundigen Lektüre…!

Klassik ist für viele ein Buch mit sieben Siegeln und zudem ein Thema, bei dem man sich leicht blamiert: Was war noch mal der Unterschied zwischen Haydn und Händel, Schostakowitsch und Schubert? Dabei verbinden sich mit diesen Komponisten und ihren Werken die faszinierendsten Geschichten. Joachim Mischke stellt die 44 Wichtigsten von ihnen vor und erzählt von bunten Pullovern, tödlichen Duellen, wüsten Fehden – und lässt uns dabei erleben, warum man die Welt der Klassik am Liebsten nie wieder verlassen möchte, wenn man sie erst einmal betreten hat.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

„Dieses Buch soll ein kurzer, kein erschöpfender Ratgeber sein, eine legale Einstiegsdroge in die Kunstform des Komponierens von Musik. Für Vollständigkeit ist hier kein Platz, dann wäre es bloß ein weiteres Lexikon. Die Lust an der Lücke ist mir wichtiger.“ verrät uns der Autor schon im Vorwort, traf mit diesen Worten bei mir genau ins Schwarze und ließ mich innerlich jubeln. So macht er Mut, sich gänzlich unbefangen mit der klassischen Musik zu beschäftigen. Ressentiments gegenüber dieser oft als Hochkultur betitelten Kunstform sind gänzlich unbegründet: Im Mittelpunkt sollte immer die Freude an der Musik (insbesondere, wenn sie live dargeboten wird) stehen.

Als interessierter Laie brauche ich zum Einstieg ins Thema kein seitenstarkes Lexikon und keine allumfassende Biografie. Im Gegenteil: Kurz, knapp und möglichst unterhaltsam möchte ich etwas über die Komponistin bzw. den Komponisten erfahren. Und genau dies bietet mir Joachim Mischke auf jeweils 4½ Seiten, auf denen er im lässigen Plauderton die Höhen und Tiefen aber auch so manche Anekdote aus dem Künstler*innen-Leben nicht verschweigt. Musik-Tipps bietet er uns am Ende des Lebenslaufs unter den Rubriken „Die Einstiegsdroge“, „Das typischste Stück“ und „Für Fortgeschrittene“ sowie mit ein bis zwei weiteren Punkten, die Hinweise auf Originelles, Ungewöhnliches oder Kurioses im jeweiligen Œuvre geben.

Glücklicherweise vermied Lucia Götz in ihren Illustrationen eine ironische Überhöhung. Vielmehr tilgte sie aus den Porträts den unnötigen Tand, indem sie sie auf die markantesten Merkmale reduzierte. Und doch blieb die Persönlichkeit stets klar zu erkennen – wenn auch mit einem humorvollen Augenzwinkern. Dieses launige Gesamtpaket aus Porträt, Text und Musik-Tipps animierte mich, mich mit der einen oder anderen Komposition weiter zu beschäftigen bzw. sie neu für mich zu entdecken.

Mit „Abgesehen von den Giganten, an denen man wirklich nicht vorbeikommt, ist die Auswahl der Komponisten und Komponistinnen sehr subjektiv und gerade deswegen garantiert ein Anlass, sich aufzuregen, weil diese fehlt oder jener.“ versucht Joachim Mischke bereits im Vorwort potenziellen Unken-Rufern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Nein, aufregen will und mag ich mich nicht, denn dafür gefällt mir dieses Buch zu sehr. Unken muss ich aber leider trotzdem: Es verwundert mich schon sehr, dass Herr Mischke als ein ausgewiesener Klassik-Experte unter den „44 Komponisten, von denen man gehört haben muss“ mit Fanny Hensel und Clara Schumann nur zwei Frauen einen Platz einräumte. Ich unterstelle Herrn Mischke, das er da sicherlich noch einige mehr benennen könnte. Zumal die Frauen nicht weniger oder schlechter komponiert haben als die Männer. Oftmals erschufen sie ihre Meisterinnen-Werke sogar unter deutlich beschwerlicheren Bedingungen. Diesen Umstand empfinde ich bei einem relativ aktuellen Werk (Erstveröffentlichung: 2020) wie diesem als sehr bedauerlich. Nur allzu gerne hätte ich seine launigen Lebensläufe zu weiteren herausragenden Komponistinnen gelesen, die somit meine Neugier geweckt hätten, mehr über sie in Erfahrung zu bringen. Dass es da für mich als amateurhafter Klassik-Fan noch viel zu entdecken gilt, verdeutlicht mir sehr eindrucksvoll diese Liste von Komponistinnen verschiedener Epochen der Musikgeschichte.

Lieber Herr Mischke, lieber Hoffmann und Campe-Verlag! Ich hoffe sehr auf eine Neu-Auflage, bei der die Damen gleichermaßen berücksichtigt werden. Es würde mich sehr freuen!


erschienen bei Hoffmann und Campe / ISBN: 978-3455010039

[Rezension] Janice Hallett – DER TWYFORD-CODE

Da gibt es Brief-Romane, wo wir Leser*innen die Handlung aus der Korrespondenz meistens zweier Personen herauslesen können (wie beispielsweise: DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER von Johann Wolfgang von Goethe/ GUT GEGEN NORDWIND von Daniel Glattauer). Auch sind Romane bekannt, in denen nur ein*e Einzelne*r einen inneren Monolog führt und so die Handlung aus der Sicht eben dieser einzigen Person wiedergeben wird (ULYSSES von James Joyce/ MEDEA von Christa Wolf). Und vor einiger Zeit überraschte Robert Galbraith aka Joanne K. Rowling uns damit, dass er/sie in DAS TIEFSCHWARZE HERZ seitenweise Chat-Verläufe und Auszüge aus Twitter-Accounts eingewoben hatte. Doch ein Roman, der komplett aus Transkriptionen von Audiodateien besteht, ist mir bisher nicht in die Finger geraten.

Als Teenager findet Steven Smith, genannt Smithy, zufällig ein Kinderbuch, geschrieben von Edith Twyford. Seine Lehrerin Miss Trout ist davon überzeugt, dass darin ein geheimer Code verborgen ist. Auf einem anschließenden Klassenausflug verschwindet Miss Trout spurlos. Vierzig Jahre später beschließt Smithy, gerade aus dem Gefängnis entlassen, dem Geheimnis von damals nachzugehen. Wurde Miss Trout ermordet? Hatte sie mit dem Code recht? Und wird er heute noch verwendet? Als Smithy auf der Suche nach Antworten die Menschen und Orte seiner Kindheit aufsucht, wird bald klar, dass Edith Twyford nicht nur eine Autorin vergessener Kindergeschichten war. Der Twyford-Code hat große Macht, und Smithy ist nicht der Einzige, der versucht, ihn zu lösen.

(Inhaltsangabe der Homepage der Presseagentur entnommen!)

Da vermittelt die offizielle Inhaltsangabe des Verlages zwar durchaus einen groben Eindruck der Handlung, doch Rückschlüsse auf die Besonderheit dieses Romans lässt sie nicht zu: Dieser Roman besteht komplett – und wenn ich sage „komplett“, dann meine ich es auch so – aus Abschriften von einer Fülle an Audiodateien. Zum besseren Verständnis bedarf es zudem eine Erklärung, wie und warum diese Audiodateien entstanden sind.

Das Leben hat es mit unserem Helden Steven „Smithy“ Smith nicht gut gemeint: desolates Elternhaus, keine Bezugspersonen, Schwierigkeiten in der Schule, Verwicklungen in illegale Geschäfte. Doch nach seinem letzten Gefängnisaufenthalt soll nun alles anders werden: Ehrlich will er nun leben, zumal ihm das Schicksal gänzlich überraschend einen Sohn in Gestalt des Mathematikprofessors Max Mansfield geschickt hat. Max ist das Ergebnis aus einer früheren Beziehung, und seine Mutter hatte ihm bisher die Identität des Vaters wohlweislich verschwiegen. Und so treffen plötzlich zwei völlig konträre Welten aufeinander: Der angesehene und hochintelligente Professor steht einem Vater mit krimineller Vergangenheit, der kaum lesen und schreiben kann, gegenüber. Die Annäherung gestaltet sich entsprechend schleppend, bis sie von Max gänzlich abgebrochen wird. Und so nutzt Smithy die Aufnahmefunktion eines alten Handys von Max für eine Art Audio-Tagebuch, indem er angeblich seiner Bewährungshelferin Maxine (!) seine Lebensgeschichte erzählt, die sich irgendwie mit dem titelgebenden Code verwoben hat. Doch plötzlich ist Smithy wie vom Erdboden verschwunden. Nur das alte Handy wird gefunden: Die ausgedruckten Transkriptionen der Audiodateien finden ihren Weg zu Max…!

Und genau das ist es, was uns als Roman nun hier vorliegt. Autorin Janice Hallett hat die Handlung sehr raffiniert aufgebaut und mit so vielen Details gespickt, dass meine volle Konzentration gefordert war. Ein Folgen der Geschichte war, solange nur Smithy sprach und somit die Identität des Verfassers eindeutig bestimmt werden konnte, einfach. Allerdings nimmt Smithy auch Gespräche mit anderen Personen auf: Bei diesen Dialogen werden die Sprecher*innen in der Reihenfolge des Auftritts durchnummeriert. Rückschlüsse zur jeweiligen Identität können so nur anhand der Aussagen getätigt werden. Zudem werden Slang-Ausdrücke, Akzente oder auch anstößige Äußerungen verfälscht bzw. zensiert wiedergegeben, was den Lesefluss durchaus hätte erschweren können – aber in keiner Weise tat. Umso überraschter war ich über den stringenten Spannungsbogen, den Hallett gekonnt konstruierte, um sich so die Aufmerksamkeit der Leserschaft zu sichern. Ihre Erzählweise wirkte auf mich äußerst dynamisch und sehr unmittelbar. Beinah schien es so, als würde ich zum Zeitpunkt der Aufnahme neben Smithy stehen.

Für die Kinderbüchern einer Edith Twyford standen eindeutig die Werke von Enid Blyton Pate: Ich musste schmunzeln bei dem Gedanken, dass sich in den gänzlich harmlosen Geschichten einer Enid Blyton ein geheimnisvoller Code verbergen könnte. Doch dieser Kunstgriff war klug gewählt, da Blytons Kinderbücher international sehr bekannt sind und somit viele der Leser*innen – so wie auch ich – diese in ihrer Kindheit regelrecht verschlungen haben. Somit war mir der Charakter der Geschichten durchaus geläufig: Allen voran natürlich die „Fünf Freunde“-Reihe, aber auch die „Geheimnis um…“- bzw. „Rätsel um…“-Reihe sowie die Abenteuer-Serie, die nun gerade eine Wiederbelebung erfährt. Da schon die Originalgeschichten vor geheimnisvollen Phänomenen nur so strotzen, schienen sie für Hallett geradezu prädestiniert zu sein, dass sie die Vorlage für die scheinbaren Verschwörungstheorien innerhalb der fiktiven Twyford-Bücher bildeten.

Vielleicht stellt ihr euch nun die durchaus berechtigte Frage, um welches Genre es sich bei DER TWYFORD-CODE handelt. Wir Deutschen lieben ja das Denken in Schubladen: Da können wir einfach nicht aus unserer Haut. Und so stellte sich auch mir diese Frage, was ich hier nun genau vorliegen hatte. Vater-Sohn-Konflikt? Coming of Age-Story? Kriminalroman? Vergangenheitsbewältigung? Spionage-Thriller? Eine eindeutige Zuordnung war mir leider nicht möglich. Es schien mir schlussendlich auch nicht wichtig genug.

Fakt ist, dass Autorin Janice Hallett mir eine raffiniert gestrickte Geschichte präsentierte, die mich am Ende mit einer unvorhersehbaren Wendung überraschen konnte.

P.S.: Wenn ihr nun erfahren möchtet, was es mit dem Fisch auf dem Cover auf sich hat, bleibt euch leider keine andere Möglichkeit, als den Roman selbst zu lesen. Viel Spaß!


erschienen bei Atrium / ISBN: 978-3855351787 / in der Übersetzung von Stefanie Kremer
Ich danke der presseagentur Politycki & Partner herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Enid Blyton – FÜNF FREUNDE IM ALTEN TURM (Hörspiel)

Kennt ihr das auch? Es gibt Bücher, die man als Kind gelesen hat, die in der Erinnerung einen verklärten Eindruck hinterlassen haben. Obwohl: Es ist weniger ein Eindruck sondern vielmehr ein Gefühl, das man zum besagten Zeitpunkt mit dem Lesen eben jenes Buches verbindet. Allein die Erinnerung daran lässt dieses Gefühl wieder aufleben.

In meinem Fall ist es das Gefühl nach Ruhe und Geborgenheit – beides war in meinem chaotischen Elternhaus eher wenig vorhanden. Dank der Intention meines Großvaters lernte ich, mich dem Chaos zu entziehen, und so wird FÜNF FREUNDE IM ALTEN TURM immer zur Rubrik DIE BÜCHER MEINES LEBENS gehören und somit stets einen Platz in meinem Herzen haben.


1 CD/ FÜNF FREUNDE IM ALTEN TURM von Enid Blyton (1980)/ Hörspielbearbeitung & Regie: Heikedine Körtling/ Musik: Bert Brac/ mit Lutz Mackensy, Oliver Rohrbeck, Oliver Mink, Ute Rohrbeck, Maud Ackermann, Marianne Kehlau, Karl-Walter Diess, Marlen Krause u.a.

In den Weihnachtsferien wollen sich die fünf Freunde in einer tollen Skihütte so richtig erholen und freuen sich auf einen zünftigen Urlaub mit Ski, Rodel und viel, viel Schnee. Doch dann entdecken sie auf dem gegenüberliegenden Berg eine Burg mit einem geheimnisvollen Turm, der von einem scharfen Hund bewacht wird und mit einem elektrischen Zaun gesichert ist. Als die fünf Freunde einen unterirdischen Gang aufspüren, der zu einem verschlossenen Gewölbe führt, sind sie mitten in einem neuen Abenteuer.

(Inhalt dem Cover der CD bzw. der Homepage der Produktionsfirma entnommen.)

Auch das vorliegende Hörspiel drehte sich häufig auf meinem Plattenteller. Ja, ich besaß noch Schallplatten. Für die jüngere Generation: Die Schallplatte war der Vorgänger der Compact Disc, war allerdings größer, hatte dafür in der Mitte ein kleineres Loch und konnte von beiden Seiten abgespielt werden. 😉🙂😄

Dieses Hörspiel lief so oft – gefühlte unendliche Male – auf dem kleinen orange-farbenen Plattenspieler in meinem Kinderzimmer, dass ich die Dialoge mitsprechen konnte. Und auch diesmal ertappte ich mich dabei, wie meine Lippen sich lautlos bewegten. So lauschte ich voller Sentimentalität den ach so bekannten Stimmen von Lutz Mackensy als Erzähler, Oliver Rohrbeck (Julian), Oliver Mink (Dick), Ute Rohrbeck (Anne) und Maud Ackermann (George). Ich erfreute mich an der liebevollen Umsetzung der Geschichte, die dank der versierten Arbeit der Tontechniker auch akustisch trefflich in Szene gesetzt wurde.

Doch auch der verklärte Blick durch die Brille der Nostalgie täuschte mich nicht darüber hinweg, dass Enid Blytons Geschichten mir als Erwachsener eher wenig bieten können. Sie hat sehr genau für „ihre“ Zielgruppe der 8- bis 12-jährigen Kinder geschrieben. Ein „Extra“, eine zweite Ebene oder einen Untertext in der Geschichte, wie z. Bsp. die sanfte Melancholie einer Astrid Lindgren oder die feine Ironie des Erich Kästners, die ihre Werke auch für ältere Generationen so reizvoll machen, suchte ich bei Enid Blyton vergeblich.

Enid Blyton schrieb ganz und gar wahrhaftig „nur“ für die Kinder. Und das ist auch gut so und darf so sein! ❤


erschienen bei Europa (Sony Music)/ ISBN: 978-3866296251

[Noch ein Gedicht…] Friedrich Rückert – ZU PFINGSTEN

Zu Pfingsten sang die Nachtigall,
Nachdem sie Tau getrunken;
Die Rose hob beim hellen Schall
Das Haupt, das ihr gesunken.

O kommt, ihr alle, trinkt und speis’t,
Ihr Frühlingsfestgenossen,
Weil über’s ird’sche Mal der Geist
Des Herrn ist ausgegossen.

Friedrich Rückert


🌞 Ich wünsche Euch ein FROHES PFINGSTFEST! 🌞


[Rezension] Loriot – LORIOTS KLEINER OPERNFÜHRER

Schallendes Gelächter hallte durch das Haus. Mein Mann öffnete die Tier zu unserem Lesezimmer einen Spalt, spähte herein und fragte „Na, was liest Du denn da, das so witzig ist?“. Ich blickte von meiner Lektüre auf und antwortete lachend „Einen Opernführer!“. Er schaute mich fragend an. Dann hielt ich ihm den Titel des Buches entgegen. Ein Blick genügte, und er schloss verständnisvoll lächelnd wieder die Tür.

Bekanntermaßen war Loriot alias Vicco von Bülow ein großer Freund und Bewunderer der Oper im Allgemeinen und der Werke von Richard Wagner im Besonderen. Doch dieser Umstand ließ ihn weder vor Ehrerbietung zur Salzsäule erstarren, noch fehlten ihm vor Ergriffenheit die Worte. Vielmehr spornte ihn diese Liebe zu humoristischen Höchstleistungen an, getreu dem bekannten und (zugegeben) von mir zurechtgebogenen Motto „Was man liebt, das neckt man!“.

Über viele, viele Jahre war Loriot der Moderator der Berliner Operngala, die nach wie vor jährlich zugunsten der Deutschen AIDS-Stiftung in der Deutschen Oper Berlin stattfindet. Loriots Moderationstexte sollten später als Grundstock für diesen witzigen Opernführer dienen.

Nur noch einige wenige Vorstellungen: Dann ist der letzte Ton gesungen, der Taktstock wird zur Seite gelegt, und der Vorhang fällt zur Sommerpause. Doch für mich ist die Musiktheater-Saison an „meinem“ Stamm-Theater nun bereits beendet. Und so nutze ich diese Rezension auch, um voller Dankbarkeit einen liebevollen Blick auf die vergangene Spielzeit zu werfen. Dank der Original-Texte aus diesem Büchlein erinnerte ich mich abermals an die vielen äußerst unterhaltsam im Theater verbrachten Stunden und kann mir so die nun kommende theaterlose Zeit ein wenig versüßen.


Giacomo Puccini – TOSCA

Ein Aufenthalt in Rom ist nur dann ein Gewinn, wenn man sich bei täglichen Unternehmungen nicht überanstrengt. Die Sängerin Floria Tosca beispielsweise und ihr Bekannter, der Kunstmaler Mario Cavaradossi, verhelfen vormittags in der Kirche Sant’ Andrea della Valle einem gesuchten Staatsfeind zur Flucht, ermorden nachmittags im Palazzo Farnese den Polizeipräsidenten und treffen sich abends auf der Engelsburg zur standrechtlichen Erschießung. Das ist für den Anfang einfach zuviel. Darum endet der Tag auch eher enttäuschend.


Loriot wäre nicht Loriot würde er nicht auch die hehre Kunstform „Oper“ durch die ironisch-schelmische Brille des Humors betrachten. Dabei wirft er einen sehr genauen Blick auf die Sujets, die voller Liebe, Leid, Aufopferung und Entbehrung nur so triefen, und stößt diese vom hohen Sockel der überbordenden Emotionen hinunter auf die Stufe der banalen Normalität. Und plötzlich – nüchtern betrachtet – entwickelt die Tragik eine höchst erfrischende Komik.


Antonín Dvořák – RUSALKA

Die Teichnixe Rusalka – nach Nixenart halb Frau, halb Fisch – empfindet im Hinblick
auf eine ersehnte Liebschaft mit dem ortsansässigen Prinzen, ihren Unterleib als unzweckmäßig. Nach Rücksprache mit einer sachkundigen Hexe und Umwandlung in eine Menschenfrau versucht sie, dem Prinzen Appetit zu machen. Doch diesem, einem Mann mit feiner Zunge, ist nicht nach Fisch, und Rusalka plumpst mit Schwanz in ihren Teich zurück. Von dort bezaubert sie uns – nun gewissermaßen als Verflossene – mit ihrem Lied „Du lieber Mond“. Übrigens wird das Werk in der Originalsprache gesungen, aber soviel tschechisch werden Sie ja wohl noch können.


Dabei outet sich der Autor mit diesen kleinen, höchst pointierten Inhaltsangaben als versierter Kenner der Materie. Denn nur mit einer fundierten Kenntnis der Opern-Literatur hätte er so spitzfindig wie -züngig und gleichzeitig auf das Wesentliche reduziert die Handlung so gekonnt auf den Punkt bringen können. Und doch spürte ich beim Lesen dieses Ulks auch den tiefen Respekt, den Loriot gegenüber dieser „Kunst der Widersprüche“ hegte.


Richard Strauss – DER ROSENKAVALIER

Dieses Werk hat ein ungewöhnliches Verdienst:
es zeigt die Männer als solche von ihrer dämlichsten Seite. Nur der jugendliche
Liebhaber hat unsere Sympathie, und den singt eine Frau!
Sonderbar: Man gewöhnt sich an alles…


Der Kunsthistoriker und Musikschriftsteller Oskar Bie formulierte in seinem 1913 erschienen Werk „Geschichte der Oper“ sieben Widersprüche. „Die Oper ist die Kunst der Widersprüche.“ äußerte er und meinet damit, dass es für uns völlig selbstverständlich ist, dass wir bei der Oper Unlogik oder auch Irrationales akzeptieren und nicht hinterfragen. Im realen Leben würde eben genau dies für Verwirrung und Irritationen sorgen. Die Oper als Kunstform funktioniert entgegen (oder vielleicht auch vielmehr: aufgrund) aller Widersprüche.

Loriot besaß die Dreistigkeit und beraubte die Opernsujets von all diesem Schnickschnack, und so lachen wir nicht nur über die manchmal allzu hanebüchenen Handlungen. Nein, wir lachen auch über uns selbst, da wir uns diesen Bären haben widerstandslos aufbinden lassen. Doch seien wir ehrlich: Auch bei unserem nächsten Opernbesuch wird sich besagter Bär wieder fest auf unseren Buckel schnüren. Und warum lassen wir es zu? Weil es sooo schön ist, die Grenzen der Logik ausblenden zu dürfen und nichts hinterfragen zu müssen!

Beim Schmökern in den 56 Inhaltsangaben, dem Exkurs „Rund um die Oper“ und einem Interview „“Statt eines Nachworts“ stellte ich mir vor, wie einst der Meister des Humors dies alles mit einem wissenden aber auch verständnisvollen Lächeln zu Papier brachte, während aus den Boxen seiner Stereo-Anlage die holden Töne von Wagners „Götterdämmerung“ flossen und die Fensterscheiben zum Klirren brachten. 🙃🙂


erschienen bei Diogenes / ISBN: 978-3257261738 (diogenes deluxe)
ebenfalls erschienen bei Diogenes / ISBN:978-3257064827 (Hardcover) und ISBN: 978-3257235951 (Taschenbuch)

[Oper] Richard Strauss – DER ROSENKAVALIER / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Richard Strauss / Libretto von Hugo von Hofmannsthal / in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 4. Mai 2024 / besuchte Vorstellungen: 10. & 16. Mai 2024

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann / Hartmut Brüsch (10.05.)
INSZENIERUNG & BÜHNE Julius Theodor Semmelmann
KOSTÜME Carola Volles
DRAMATURGIE Markus Tatzig
CHÖRE Mario Orlando El Fakih Hernández
LICHT Thomas Güldenberg

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
ASSISTENZ BÜHNE & KOSTÜM María del Mar Sánchez Expósito
ORGANISATION & STIMMBILDUNG KINDERCHOR Katharina Diegritz
INSPIZIENZ Mahina Gallinger


Da saßen wir am Montag vor der Premiere bei der „Kostprobe“ im oberen Rangfoyer, blickten auf die kleine Bühne und staunten: Die Kostümabteilung hatte dort zur Anschauung drei Schneiderpuppen mit traumhaften Roben drapiert. Mit Ehrfurcht betrachteten wir die detailreiche und filigrane Arbeit, bevor Regisseur Julius Theodor Semmelmann sich den Fragen von Dramaturg Markus Tatzig stellte, die uns Einblicke in den Entstehungsprozess von DER ROSENKAVALIER gaben. Es ist Semmelmanns erste Regiearbeit, und er schwärmte in den höchsten Tönen über die Zusammenarbeit mit dem Stadttheater Bremerhaven. „Musste“ er sich als Bühnenbildner und Ausstatter bisher den Wünschen und Vorstellungen anderer Regisseure fügen, durfte er hier „in die Vollen gehen“ und ein Rokoko-Ambiente par excellence kreieren, wie er uns auch anhand von Bühnenbildentwürfen und Arbeitsproben vermittelte.

Die Frage aus dem Auditorium, ob sich ein solch großer Aufwand für nur 5 Vorstellungen überhaupt lohne, konterte er charmant mit „Es ist doch alles da!“. Oftmals können die Kolleg*innen in den Werkstätten ihr Können und ihre Kunst nicht gänzlich zeigen, da der verantwortliche Regisseur dies für seinen Inszenierungsstil nicht einfordert. Semmelmann berichtete von der Kollegin aus dem Malersaal, der vor Freude die Tränen kamen, da sie nun endlich einmal zeigen durfte, was sie in ihrer Ausbildung gelernt hatte. Auch bei den üppigen Kostümen griff man auf Stücke aus dem Fundus zurück und änderte diese entsprechend um, bzw. bei der Neu-Anfertigung wurden passende Stoffe verwendet, die schon vorhanden waren. Stichwort: Nachhaltigkeit!

Auch bzgl. einer Kuriosität in DER ROSENKAVALIER, die der Entstehungszeit der Oper geschuldet aber heute nicht tolerierbar ist, konnte Semmelmann uns beruhigen: Es wird kein Mohr auftreten. Stattdessen flattert ein kleiner Putto namens Cupiderl durch die Szenerie.

Eingedeckt mit diesen und vielen weiteren Informationen schlichen wir leise in die Sitzreihen des Rangs, um der laufenden Probe von DER ROSENKAVALIER zu lauschen…

Feldmarschallin Fürstin Werdenberg vergnügt sich in ihrem Schlafzimmer mit ihrem jungen Geliebten Octavian. Ihr Techtelmechtel wird durch das überraschende wie taktlose Eintreffen ihres Vetters, den Baron Ochs auf Lerchenau jäh unterbrochen. Octavian gelingt es im letzten Moment in die Kleider einer Kammerzofe zu schlüpfen. Dadurch entgeht er zwar den verdächtigen Blicken des Barons, muss stattdessen aber seine plumpen Annäherungsversuche über sich ergehen lassen. Um seine ständigen Geldnot zu lindern, gedenkt Baron Och die Tochter des wohlhabenden und frischgeadelten Herrn von Faninal zu ehelichen. Die Feldmarschallin schlägt vor, dass Octavian (von dessen Anwesenheit der Baron nichts ahnt) als Bräutigamsführer – den sogenannten Rosenkavalier – auftreten soll. Als Baron Ochs das Bild des Erwählten betrachtet, ist er von der Ähnlichkeit mit der Kammerzofe überrascht und vermutet, dass sie eine uneheliche Schwester des Grafen sei. Auch an diesem Tag strömen Massen an Bittsteller in die Gemächer der Feldmarschallin in der Hoffnung auf Zuwendung. Nach einer anstrengenden Audienz bleibt sie allein in ihren Gemächern zurück. Müde und erschöpft fühlt sie sich alt. Ihre Jugend scheint sie zunehmend zu verlassen, und so fürchtet sie, dass sie ihrem jungen Liebhaber bald nicht mehr genügen wird. Im Haus des Herrn von Faninal erwartet seine Tochter Sophie die Ankunft des Rosenkavaliers. Octavian erscheint in dieser Funktion, überreicht ihr die silberne Rose und verliebt sich augenblicklich in sie. Auch Sophie ist von dem charmanten Jüngling angetan. Kurz darauf stößt Baron Ochs dazu, der Manieren vermissen lässt und sich gegenüber Sophie ungehobelt verhält. Sophie fühlt sich von ihrem zukünftigen Ehemann regelrecht abgestoßen. Als sich Octavian und Sophie heimlich küssen, werden sie von Valzacchi und Annina, zwei italienischen Intriganten, verraten: Der Baron schenkt dieser Angelegenheit keine große Aufmerksamkeit, schließlich nimmt er es selbst mit der Treue nicht so genau. Doch Octavian fordert ihn auf, von Sophie abzulassen. Im Handgemenge verletzt er den Baron mit seinem Degen. Sophies Vater greift ein und droht, sie auf ewig ins Kloster zu schicken, sollte sie sich der Heirat verweigern. Hier kann nur eine List helfen: Kurz darauf überreicht Annina dem Baron einen Brief, durch den ihn die „Kammerzofe“ der Feldmarschallin zu einem geheimen Treffen in einem Wirtshaus einlädt. Der Baron hofft auf ein amouröses Techtelmechtel und nimmt die Einladung nur allzu gerne an. Allerdings haben Octavian, Valzacchi und Annina ihm eine Falle gestellt: Während der Baron gegenüber der „Kammerzofe“ wieder aufdringlich wird, erscheint die verkleidete Annina mit diversen Kindern im Schlepptau und behauptet, der Baron wäre der Vater und hätte sie und die Kinder schändlich im Stich gelassen. Der Baron gerät so sehr in Rage, dass sogar die Polizei einschreiten muss. In diesem Tumult tauchen – wie verabredet – Sophie und ihr Vater auf. Herrn von Faninal ist entsetzt über das Verhalten von Baron Ochs und verweigert ihm die Ehe mit seiner Tochter. Doch erst die eintreffende Feldmarschallin kann endgültig für Ruhe sorgen: Sie beschwichtigt die Polizei und sorgt dafür, dass der lüsterne Baron verschwindet. Ihr selbst bleibt nichts anderes übrig, als Octavian für die Hochzeit mit seiner geliebten Sophie freizugeben.

12 Tage später: Ich hatte mir sagen lassen, dass die Premiere glanzvoll über die Bühne gegangen war. Die Kritiker*innen waren danach nur voll des Lobes. Nun saß ich (an-)gespannt im Zuschauersaal des Stadttheaters Bremerhaven und wartete auf den Beginn der 2. Aufführung. Gespannt: Ich war voller Vorfreude, auf das, was ich in wenigen Minuten zu sehen und zu hören bekomme sollte. Angespannt: Mehrfach hatte ich vorab versucht, mich dem Werk rein akustisch anzunähern und bisher keinen befriedigenden Zugang bekommen. Da halfen mir bedauerlicherweise auch keine liebgemeinten Insider-Tipps aus dem Ensemble. Und so tröstete ich mich mit dem Gedanken, dass ich vielleicht erst die theatralische Umsetzung benötigte, um so Verknüpfungen zwischen der Handlung, den Personen und der Musik herstellen zu können.

Von der Musik würde es überreichlich geben, wie mir ein staunender Blick in den Orchestergraben offenbarte. Dicht an dicht saßen die Musiker*innen neben- und hintereinander und wirkten, als hätte jemand mit ihnen Tetris gespielt, um jede noch so kleine Lücke auszufüllen. Der Dirigent erschien und hob seinen Taktstock. Schwelgerisch tobten Strauss’ Kompositionen aus dem Orchestergraben über den Bühnenrand zum Publikum hinauf in den Rang. Der rote Samtvorhang öffnete sich langsam und offenbarte eine Inszenierung mit Humor, Witz und Ironie, einen wahrgewordenen Opern-Traum, eine bunt-schillernde Seifenblase, einen überschäumenden Theater-Zauber voller Raffinesse, Stil und Klasse…


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Der rote Samtvorhang öffnete sich, und eine fiebrige Faszination nahm von mir Besitz und sollte auch den ganzen Abend über nicht weichen. Ja, ich war fasziniert – allerdings weniger von der Musik. Ich habe durchaus schon Abende im Musiktheater erlebt, da tröstete mich die Musik über so manchen inszenatorischen Firlefanz des modernen Regietheaters hinweg. Hier war es genau umgekehrt.

„Sorry, Richy, doch ich fürchte, wir werden 
musikalisch nicht die besten Freunde.“

Julius Theodor Semmelmann kann sein ursprüngliches Metier nicht verleugnen (und sicher will er es auch nicht). Genauso akribisch und bis ins kleinste Detail ausgefeilt wie er seine Bühnenbilder gestaltete, ging er auch bei seiner ersten Regie-Arbeit vor: Nichts schien dem Zufall überlassen, jede Geste und jeder Blick wirkte begründet, jede Handlung war wohldurchdacht. Da meinte ich sogar ein paar neckische „Easter Eggs“ mit Bezug zum Haus bzw. zur Stadt, die vielleicht nur Kennern auffallen könnten (wenn überhaupt), zu entdecken: Flatterte zwischen all den exotischen Vögeln in der Voliere der Feldmarschallin nicht auch eine Möwe herum? Und steckte unter der rosa gepuderten Perücke vom Frisör nicht Chefmaskenbildner Henrik Pecher höchstpersönlich, um der Feldmarschallin die Haare hingebungsvoll zu ondulieren?

Dabei wirkte es auf mich, als hätte Semmelmann sich bei seinem Konzept von den Motiven „Aufbruch“ und „Vergänglichkeit“ leiten lassen. Da haben wir auf der einen Seite die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg, die – zwar noch jung an Jahren – ihrer eigenen Vergänglichkeit bewusst ist und deren Halten an bestehenden gesellschaftlichen Normen nicht nur Bürde sondern auch Schutz darstellt. Auch Herr von Faninal klammert sich an diese gesellschaftlichen Normen, da sie Ansehen, Ruhm und ein sicheres Leben für sich und seine Familie bedeuten. Baron Ochs auf Lerchenau ist es egal, von welcher Gesellschaft er schmarotzt, da er sich überall und nirgends zurechtfinden würde. Auf der anderen Seite stehen die jungen Leute Sophie und Octavian, die bereit sind, in eine neue, noch unsichere Welt aufzubrechen. Sophie ist da deutlich wagemutiger als Octavian: Allzu gerne hätte sie den Geliebten an ihrer Seite, doch sie wäre nicht bereit, ihre Prinzipien abermals einem Mann unterzuordnen. Octavian steht zwischen der alten und der neuen Welt und fühlt sich hin und her gerissen zwischen seiner Zuneigung (oder ist es doch eher Loyalität?) zur Fürstin und seiner frischen, reinen Liebe zu Sophie. Er muss sich entscheiden…!

Auch an den Kostümen von Carola Volles ist die Haltung bzw. Entwicklung der Figuren wahrnehmbar: Da überraschen zwischen all der farbigen Üppigkeit des Rokokos moderne Kostümteile und Accessoires und lassen so Rückschlüsse auf die Haltung der Figuren zu – seien es die sportiven Trekkingschuhe an den Füßen von Ochs oder die feschen Hipster-Sonnenbrillen bei Valzacchi und Annina. Besonders auffällig wird es beim Schlussbild, in dem die Feldmarschallin und Herr von Faninal im vollen Ornat auftreten, Octavian einen Mix aus Kleidungsstücken der unterschiedlichen Welten trägt und Sophie das Rokoko-Gewand abgestreift hat und sich als moderne und selbstbewusste junge Frau präsentiert. Ansonsten gelang Volles das bewundernswerte Kunststück, dass sie für jede aber wirklich absolut jede Figur das passende Kostüm kreierte, das den jeweiligen Charakter gar trefflich und höchst individuell porträtierte.

Selbst die Bühnenbilder werden Opfer des Motivs „Vergänglichkeit“: Wie ein Kaleidoskop sich dreht und immer wieder neue Bilder zusammensetzt, so dreht sich auch die Bühne. Das Boudoir der Feldmarschallin aus dem 1. Akt wird in seine Einzelteile zerlegt und für die Wirtschaft im 3. Akt wieder „anders“ zusammengefügt. Die üppige Pracht im 2. Akt besteht „nur“ aus bemalten Leinwänden, zwischen denen sich – einer Spieluhr gleich – die Möbelstücke in Position drehen und somit zeigen „Es ist alles nur Fassade!“. Dabei kann das Publikum stets an jedem Bühnenbild vorbei in den hinteren Bühnenraum schauen, so als wollte Semmelmann betonen, dass in dieser Gesellschaft mehr „Schein“ als „Sein“ vorherrscht.

Die Bühne war mit Solisten, Opernchor, Kinderchor und Extrachor nebst Statisterie reichlich bevölkert, und so befürchte ich beinah, dass ich bei meiner nun folgenden Lobhudelei mit Sicherheit jemanden vergessen werde: Ich bitte vielmals um Entschuldigung!

Die Chöre waren nicht nur zahlenmäßig groß, auch stimmlich und darstellerisch waren sie mächtig und gestalteten ihre jeweiligen Partien mit Agilität und Spielfreude. Katharina Diegritz war eine entzückend flatterhafte „Jungfer Marianne Leitermeisterin“ und nahm zudem die reizenden Kinder des Kinderchores sanft unter ihre Fittiche. Miloš Bulajić stattete den „Sänger“ mit den wichtigsten Attributen seiner Zunft aus: große Geste und tenoralem Schmelz. Andrew Irwin und Eva Maria Summerer füllten die Buffo-Partien „Valzacchi“ und „Annina“ mit Charme und Esprit aus. Marcin Hutek amüsierte als „Herr von Faninal“ mit Ahnungslosigkeit und wirrer Überforderung. In der stummen Rolle „Cupiderl“ tobte Laura Gabrielli voller überschäumender Clownerie über die Bühne und war Amor, Hermes und Luzifer in Personalunion. Philipp Mayer gab den „Baron Ochs auf Lerchenau“ mit lakonischem Witz und einer gehörigen Portion Bauernschläue. Bis ins tiefste Register ließ er seinen voluminösen Bass ertönen, ohne an Flexibilität einzubüßen.

Doch an diesem Abend standen abermals die drei Künstlerinnen auf der Bühne, die schon im vergangenen Jahr gemeinsam in BREAKING THE WAVES für Furore sorgten:

Victoria Kunzes schlanker, wendiger Sopran erklang silbrig-fein bis in die höchsten Töne. Ihre Sophie erduldet nicht sittsam, was über ihren Kopf hinweg entschieden wird. Vielmehr zeigt sie eine deutliche Haltung mit klaren Moralvorstellungen. Doch durch die Hülle der Jugend lässt Kunze auch eine gefestigte Ernsthaftigkeit schimmern, die der Figur die nötige Tiefe verleiht.

Signe Heibergs Stimme scheint über ein schier unendliches Volumen zu verfügen, das sie aber nur äußert geschmackvoll und mit einem feinen Gespür für Nuancen einsetzt. Ihre Feldmarschallin ist ganz Menschenfreundin, die voller Güte und Fürsorge auf die Ihren achtet. Doch sie ist nicht nur Herrscherin, sie ist auch Frau und weiß um ihre Vergänglichkeit. So zieht ein feiner Hauch von Melancholie und Traurigkeit durch Heibergs Rollenporträt.

Titelgebend und somit in der Partie, die die Fäden in der Hand behält, brilliert Boshana Milkov mit ihrem warmen, üppigen Mezzo mit samtenen Timbre. Bei ihr ist Octavian einerseits der Jungspund, der zum ersten Mal die Liebe überschwänglich kostet und beinah darin zu ertrinken droht. Gleichzeitig lässt Milkov die innere Zerrissenheit der Figur erahnen, die zwischen der Zuneigung zweier Frauen schwankt. Jede liebt er auf seine sehr individuelle Weise, und jede verdient seinen Respekt. Hier zeigt Milkovs Octavian eine charakterliche Reife, die allen anderen Männern in diesem Stück fehlt.

Und abermals ergänzten sich Victoria Kunze, Signe Heiberg und Boshana Milkov gar wunderbar in ihrem Zusammenspiel und vereinten ihre Stimmen ganz exquisite in einer berührenden Harmonie.

„Okay, Richy, das muss ich dir lassen:
Die Final-Szene hast Du echt klasse hingekriegt!“

Da saß ich nun im Theater, lauschte dem Gesang dieser drei großartigen Künstlerinnen, ein Schauer strich über meine Haut, und eine erste Träne rann mir über die Wange. So schön…!

❤️


Wer nun die unbändige Lust verspürt, mehr von DER ROSENKAVALIER zu erfahren, der/die…

…lauscht den Worten von Regisseur  Julius Theodor Semmelmann,…

…kann den talentierten Bühnenmaler*innen dank dem Bericht Detailverliebt – die wundervolle Bühnenmalerei für „Der Rosenkavalier“ von Björn Gerken auf LOGBUCH BREMERHAVEN bei der Arbeit über die Schultern schauen,…

…oder lässt sich bei #angeklopft von Boshana Milkov und Marcin Hutek Interessantes zu ihren Partien berichten.


Hurtig, hurtig! DER ROSENKAVALIER lässt sich im Stadttheater Bremerhaven nur für einige wenige Vorstellungen im Mai in amouröse Abenteuer verstricken.