
Autor: Andreas Kück - .LESELUST
[Rezension] Alex Lépic – Lacroix und die Toten vom Pont Neuf
Zu seinen Markenzeichen zählen der Hut, der Mantel und die qualmende Pfeife im Mundwinkel. Von Vorgesetzen und Kollegen gleichermaßen geschätzt wie von der Unterwelt gefürchtet sind die Straßen von Paris sein Revier. Nein, ich spreche hier nicht vom weltberühmten Kommissar Maigret, an dessen Kriminalfällen sein Schöpfer Georges Simenon seine Leserschaft in 75 Romane und 28 Erzählungen ab den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts teilnehmen ließ. Vielmehr befinden wir uns im hier und jetzt, in der Gegenwart, im heutigen Paris…
Kaum zurück aus dem Urlaub, erreicht Lacroix ein Anruf: Unter dem Pont Neuf wurde ein toter Clochard gefunden. Obwohl der Kommissar und seine Kollegen die folgenden Nächte am Ufer der Seine verbringen, können sie nicht verhindern, dass zwei weitere Männer ermordet werden. Drei Tote in drei Nächten, allen wurde brutal die Kehle durchgeschnitten. Keine Zeugen, keine Angehörigen, die Clochards sind die Vergessenen der Stadt. Ein gefundenes Fressen für die Presse, die überzeugt ist, dass ein Serienmörder sein Unwesen treibt. Vor dreißig Jahren gab es einen vergleichbaren Fall, und der Täter wurde nie gefasst. Hat er nun erneut zugeschlagen? Oder steckt ein schwerkriminelles Brüderpaar dahinter, das von den Obdachlosen Schutzgeld erpresst? Wer, wenn nicht Commissaire Lacroix, mit seiner Intuition und seiner Menschenkenntnis, könnte alle drei Fälle gleichzeitig lösen?
(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages bzw. dem Klappentext des Romans entnommen!)
Bei Entstehung dieses Romans im Jahre 2019 lag die wahre Identität des Autors noch im Verborgenen und wurde vom Verlag wie einen Schatz gehütet. Die Fachpresse spekulierte wild und verglich den Schreibstil mit den div. Kriminalautor*innen. Kein Wunder, dass bei diesem großen Interesse um die wahre Identität, dieses Geheimnis nicht lange geheim bleiben konnte. Kurz nachdem im Oktober 2020 mit Lacroix und die stille Nacht von Montmartre der 3. Teil dieser Kriminalroman-Serie erschienen war, wurde das Geheimnis gelüftet. Hinter dem Pseudonym „Alex Lépic“ verbarg sich Journalist und Autor Alexander Oetker.
Warum sich Verlag und Autor für diese Geheimniskrämerei entschieden, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich habe es für mich als witzigen Werbe-Gag verbucht, mit dem eine neue Kriminalroman-Reihe in den Fokus des Interesses gerückt werden sollte. Und? Hält das Produkt auch das, was die Werbung verspricht? Ich würde urteilen: durchaus!
Schon ab dem ersten Satz schupst uns Autor Alex Lépic (Der Name steht so auf dem Cover, also bleibe ich dabei.) in die Welt von Commissaire Lacroix mit den typischen Pariser Straßen und Parks, den Sehenswürdigkeiten, den Bistros und Cafés. Und da ist es gleich zu spüren, dieses Savoir-vivre, das jede*r mit Paris verbindet, vielleicht gar nicht vorhanden ist und nur dazu dient, uns unwissenden Touristen anzulocken. Egal, denn ich wünsche/erhoffe/erträume mir dieses Flair, da es für mich einfach zu Paris gehört, und ein Roman, der in Paris spielt, hat es zu haben: Basta!
So mixt Lépic aus unseren Erwartungen, einem Quäntchen von der Kriminalliteratur à la Maigret und einer Prise modernem Zeitgeist einen locker-leichten Unterhaltungsroman, der flüssig zu lesen ist, mit einer angenehmen Spannung punktet und interessante Charaktere präsentiert. Zudem überrascht dieser Krimi, der als klassischer Whodunit konzipiert wurde, mit einigen unvorhergesehenen Wendungen.
Und während er Lacroix durch die Straßen von Paris spazieren lässt, huldigt der Autor mit diesen Rundgängen die Stadt und die Menschen, die dort leben. So animiert er auch uns, dieses besondere Lebensgefühl in den eigenen Alltag zu integrieren. Denn die angenehmen Seiten des Lebens können daheim im kleinen Städtchen Osterholz-Scharmbeck ebenso genossen werden wie in der Weltmetropole Paris.
„Savoir-vivre“
erschienen bei Kampa / ISBN: 978-3311125006
URLAUBSLEKTÜRE 2023
Der Sommer ist da! Zweifellos, unumstößlich und deutlich spürbar!
Und während die einen in heimischen Gefilden vor sich hin schwitzen und den Urlaub auf Balkonia oder in Bad Meingarten verbringen, zieht es die anderen in die Weite zu (un)bekannten Orten in fernen Ländern. Dabei dürstet es jedem Buch-Junkie nach einer leichten, unaufgeregten doch kurzweiligen Lektüre, deren Erscheinungsform locker in die Strandtasche oder in den Picknick-Korb passt und die beim Einnicken im Liegestuhl keine unschönen Druckstellen auf der Haut hinterlässt. Aus diesem Grund habe ich auf durchaus wunderbare doch leider voluminöse Bildbände bei meiner Auswahl verzichtet.
Seien es klassische Krimis vor exotischer Kulisse, eine Bootsfahrt von Müßiggängern, wehmütige Erinnerungen an Gärten, eine literarische Städte-Tour, ein humorvoller „Coming of Age“-Roman, ein satirischer Urlaubs-Ratgeber oder eine Sammlung witziger Anekdoten: Beim Stöbern in den Rezensionen aus 5 Jahren .LESELUST habe ich die nun folgenden neun Werke ausgewählt, die alle absolut urlaubstauglich und somit gut bekömmlich sind.

☀ Mord an der Riviera von John Bude
🌈 Parker Pyne ermittelt von Agatha Christie
☀ Maigret macht Ferien von Georges Simenon

🌈 Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome
☀ Der Akazienkavalier. Von Menschen und Gärten von Ulla Lachauer
🌈 Junger Mann von Wolf Haas

☀ Keks, Frau K. und Katastrophen von Fanny Müller
🌈 Hamburg zum Verweilen/ Antje Flemming & Folke Havekost (Hrsg.)
☀ Touristisch für Anfänger von Clemens Dreyer
Sowohl bei der Suche als auch bei der Beschaffung dieser oder einer anderen Urlaubslektüre ist Euch mit Freude die Buchhandlung Eures Vertrauens behilflich! 💖
Ich wünsche Euch viel Spaß beim entspannten Schmökern!!!
[Noch ein Gedicht…] Friedrich Müller – DER MONDSÜCHTIGE
Du bleicher Mann da droben,
Siehst wieder so mürrisch aus:
Bist wohl recht unzufrieden
Mit deinem luftigen Haus?
Hör‘, Freund, wir wollen tauschen:
Ich geh‘ und räume dir
Für diesen kühlen Abend
Mein warmes Lager hier.
Dafür sollst du mich heben
In deinen Mond hinauf,
Mich mit ihm wandeln lassen
Den hellen Himmelslauf.
Will auch auf deiner Warte
Ganz mäuschenstille stehn,
Und nach der bösen Erde
Nicht viel herunter sehn.
Will keinen Dieb verrathen,
Will stören kein liebendes Paar:
Nur Eines möcht‘ ich sehen,
Und das recht hell und klar.
Dir, Mond, will ich’s vertrauen:
Es ist die Liebste mein,
Die ich beschauen möchte
In deinem goldnen Schein.
Sie wohnet in der Ferne,
Blickt oft empor zu dir:
Du guckst im Weltgetümmel
Wohl kaum einmal nach ihr.
Ich wollt‘ sie besser finden,
Ich kenn‘ ihr Fensterlein;
Durch Laden, Glas und Gitter
Schlüpft‘ ich zu ihr hinein.
Hinein in ihre Kammer
Mit aller Strahlen Flut! –
Wo ist der Mond geblieben?
Der Himmel auf Erden ruht.
Friedrich Müller
🌙✨ Heute ist der INTERNATIONALE TAG des MONDES! 🌙✨
Apho·ri·si·a·kum…

[Rezension] Anne Müller – Wer braucht schon Wunder
Vor beinah genau fünf Jahren traf Anne Müllers Erstlingswerk Sommer in Super 8 bei mir einen Nerv: Wie durch einen Sog fühlte ich mich beim Lesen in meine eigene Vergangenheit zurück katapultiert. Längst vergessene bzw. verschüttete Erinnerungen kamen wieder an die Oberfläche und sorgten für aufgewühlte Emotionen. Nicht ganz so gewaltig aber durchaus ähnlich erging es mir mit ihrem neusten Roman. Standen bei „Sommer in Super 8“ die 70er Jahre im Mittelpunkt, spielt die Handlung von „Wer braucht schon Wunder“ nun in den 80ern.
Sommer 1983: Lika hat endlich das Abitur in der Tasche. Bevor sie die norddeutsche Heimatstadt Kappeln, ihren Vater und kleinen Bruder verlassen und in ein neues Leben eintauchen wird, fängt sie als Bedienung bei Fränki im Kakadu an. Kellnerin Biggi ist hier die gute Seele, auch wenn es privat alles andere als rund läuft bei ihr. Der Kakadu wird für Lika schnell zu einer Art Ersatzfamilie. Das liegt auch am französischen Koch, der sie mit seinem Charme und seinen Kochkünsten umwirbt. Ob Picknick beim Segeln oder nächtliches Schwimmen, durch Antoine entdeckt Lika in diesen sommersatten Wochen ganz neue Facetten der Liebe. Aber es wird auch ein Sommer der schmerzlichen Wahrheit, denn Lika erfährt etwas über ihre verstorbene Mutter, was sämtliche Gewissheiten erschüttert.
(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)
Abermals fängt Anne Müller gekonnt den Flair eines Jahrzehnts ein. Jede*r, der selbst in dieser Zeit in einem ähnlichen Alter wie die Protagonistin war, wird sich an diese Jahre deutlich erinnern. Die Autorin schuf einen unaufgeregten, beinah sanften „Coming of Age“-Roman. Unsere Heldin hat das Abitur in der Tasche und jobbt, um die Zeit bis zum Beginn des Studiums zu überbrücken. Es ist eine Zeit der Abnabelung: Die Kindheit scheint noch existent, das Erwachsensein klopft schon an der Tür des eigenen Lebens.
Äußerlich passiert im Grunde recht wenig, zumindest nichts, was für eine dauerhafte Spannung in der Handlung sorgen könnte. Doch innerlich durchleben die Protagonist*innen über ihre Gefühle und Gedanken wahre Berg- und Talfahrten, die mir nur allzu vertraut waren und mich mitfühlen und -leiden ließen. Die Autorin zeigt hier abermals ihr Können, wertschätzend und respektvoll glaubhafte Charaktere zu porträtieren und deren Geschichte in einen Hauch Melancholie, der gepaart ist mit einem Quäntchen Wehmut, zu tauchen.
Eine beinah schwebende Atmosphäre ist spürbar, und der Sommer scheint unendlich. Doch wir alle wissen nur allzu genau, dass dies täuscht. Auch unsere Heldin macht diese Erfahrung: Ein einziger Sommer kann ein Leben verändern.
erschienen bei Bertelsmann/ ISBN: 978-3570105115
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!
Herzlichen Glückwunsch: 5 Jahre .LESELUST
Ihr Lieben!
Ich weiß, ich schreibe dies in jedem Jahr zu meinem Blog-Geburtstag, aber in diesem Jahr passt es wie nie zuvor: Ich kann es kaum glauben,…
…denn plötzlich waren 5 Jahre rum! 5 Jahre, das entspricht 60 Monate oder 3.120 Wochen oder 21.840 Tage oder 524.160 Stunden oder…
…einundreizigmillionenvierhundertneunundvierzigtausendsechhundert Minuten!
Natürlich könnte ich hier nun abermals aufzählen, wie viele Bücher ich während diesem Zeitraum gelesen, wie viele Rezensionen ich geschrieben, wie oft ich ein Theater oder Konzert besucht und hinterher darüber berichtet habe. Ja, all dies könnte ich hier nennen. Doch vielmehr möchte ich einen Blick abseits des Blogs werfen, einen Blick jenseits der virtuellen Welt.
In diesen 5 Jahren ist so viel passiert – mit mir, in meinem Umfeld, auf der Welt:
- Ich habe meinem Mann ein weiteres Mal geheiratet: Nach 18 Jahren Beziehung incl. 10 Jahre „Eingetragene Lebenspartnerschaft“ haben wir uns nochmals „getraut“ und uns höchst offiziell auf dem Standesamt trauen lassen. Und bevor hier nun eine Flut an Glückwünschen auf mich/uns herniederprasselt: Es war schon im Jahre 2018! 😉
- Ich habe während dieser Jahre zwei Mal den Arbeitsplatz gewechselt (genaugenommen waren es drei Mal: „…aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden!“), habe viele neue Kolleg*innen, Patient*innen bzw. Klient*innen kennenlernen dürfen. Jeder Arbeitsplatzwechsel hat mich auf sehr unterschiedliche Weise gefordert, jede Begegnung hat mich reifen lassen.
- Wir haben gemeinsam einer Pandemie getrotzt, aus der wohl jede*r von uns verändert hervorgegangen ist. Für mich erhielten einige Dinge einen anderen Stellenwert, und meine Beziehungen zu einigen Mitmenschen haben sich verändert. Doch vor allem bin ich demütiger geworden und nehme nichts mehr für selbstverständlich hin.
- Als hätten wir mit Pandemie, Klimakrise und Inflation nicht schon genug um die Ohren, da muss ein durchgeknallter Diktator „in unmittelbarer Nachbarschaft“ zu unserem Land innerhalb Europas einen Krieg anzetteln, der nach wie vor tobt und Leid und Verwüstung hinterlässt. Ende offen! Es scheint unfassbar und ist erschreckend und schockierend…!
Das alles und noch viel mehr ist in den vergangenen 5 Jahren passiert, während ich hier auf meinem Blog „nur“ über Literatur und Kultur berichtet habe. Doch wo wären wir, wo wäre ich ohne sie? Sie bereichern mein Leben in guten Zeiten und machen die schlechten Zeiten erträglicher. Sie liefern nicht immer Lösungen, doch schaffen oftmals Erklärungen. Sie füttern meinen Geist und fordern ihn heraus. Sie sensibilisieren und streicheln meine Seele gleichermaßen. Sie haben den Schlüssel zu der Pforte meines Herzens und öffnen mir diese, auf das ich empfänglicher bin für die schönen Dinge des Lebens.
Denn ja, trotz Chaos und Katastrophen gibt es sie immer noch – die schönen Dinge des Lebens! Wir selbst haben es in der Hand, dies zu gestalten. Jede und jeder kann dazu beitragen, indem Tugenden wie Moral, Toleranz und Respekt weiterhin gelebt werden, auch wenn vielfältige Gegen-Einflüsse spürbar sind. Diese Tugenden sorgen dafür, dass diese, unsere gemeinsame Welt ein lebens- und liebenswerter Ort bleibt. Lasst ihn uns bitte gemeinsam bewahren.
Bleibt bitte gesund und mir weiterhin gewogen! ❤️
Herzliche Grüße
Euer
Literarische Helden…

[Rezension] Vicki Baum – Menschen im Hotel (Hörspiel)
„Ich bin eine erstklassige Schriftstellerin zweiter Kategorie.“
…lautete Vicki Baums Selbsteinschätzung. Viele Leser*innen weltweit würden ihr vehement widersprechen. Dafür sind ihre Romane extrem gut und packend geschrieben und lassen auch eine gewisse ergreifende Dramatik nicht vermissen. Zudem konnte ihre Leserschaft gewiss sein, dass ihre Romane eine vergnügliche Lektüre versprachen. Wobei das Etikett „Unterhaltungsschriftstellerin“ sie nur unzulänglich beschreiben würde. Auch Vicki Baum zählte zu den Autor*innen, deren Werke am 10. Mai 1933 von den Nationalsozialisten verbrannt wurden. Ein Umstand, der im Nachhinein beinah als Qualitätsprädikat gedeutet werden könnte.
Menschen im Hotel erschien im Jahre 1929 und wurde ein internationaler Erfolg, auf dem sich die Autorin nicht ausruhte. Für sie war es eine Selbstverständlichkeit, hart zu arbeiten und sich vorab gründlich mit den Themen, über die sie dann schrieb, zu befassen. Zur Recherche für „Menschen im Hotel“ arbeitete sie wochenlang als Stubenmädchen in einem großen Berliner Hotel.
Die Drehtür des Berliner Grand Hotels rotiert: Gäste checken ein, checken aus, begegnen sich in der Lobby, im Tearoom oder im Wintergarten, und für einen kurzen Moment kreuzen sich ihre Lebensbahnen. Da haben wir den Generaldirektor Preysing, der sich voller Verzweiflung in Verhandlungen stürzt, um seine Firma zu retten. Im Nebenzimmer logiert der totkranke Buchhalter Otto Kringelein, der, nach einem unbedeutenden Dasein des Sparens und Darbens, noch einmal leben möchte. Der smarte Baron Gaigern ist ihm nicht ganz uneigennützig behilflich, eine gehörige Portion „Leben“ zu erfahren. Immer knapp bei Kasse aber auf großem Fuß lebend, schlägt er sich „hauptberuflich“ als Fassadenkletterer durch. Bei einem dieser Aktionen landet er im Zimmer der alternden und lebensmüden Primaballerina Grusinskaja. Doch anstatt ihr ihre berühmten Perlen zu stellen, findet er in ihr eine verwandte Seele auf der Suche nach Zuneigung und Glück. Ein kleines Stückchen Glück wünscht sich auch die kokette Sekretärin Flämmchen, die auf ihrer Suche danach durchaus gewillt ist, das unmoralische Angebot von Generaldirektor Preysing anzunehmen. Wenige Tage später, manchmal auch nur nach wenigen Stunden trennen sich diese Menschen wieder, doch ihre Begegnungen haben Spuren im Lebenslauf der anderen hinterlassen…!
Wie ich schon mehrfach erwähnte, kann ich mit Hörbüchern nichts anfangen. Natürlich gibt es da Hörbücher, die sehr gut produziert sind und mit wunderbar talentierten Sprecher*innen punkten können. Doch ich werde beim Anhören von Hörbüchern recht schnell ungeduldig: Die sprechende Person liest nicht in meinem Tempo, interpretiert eine Rolle vielleicht nicht in meinem Sinne, oder die Stimme passt für mich nicht zum Inhalt des Buches. Zudem wirken die Hörbücher auf mich oft auch sehr steril. Ganz anders ergeht es mir bei einem Hörspiel, das für mich gewissermaßen „ein Schauspiel für die Ohren“ ist. Hier werden die Rollen von unterschiedlichen Personen interpretiert, und Musik- und Geräuscheinspielungen sorgen für die akustische Atmosphäre.
Seit geraumer Zeit werden die alten Hörspielschätze der Rundfunkanstalten aus den Archiven befreit und neu aufgelegt. Für eine solche Hörspielproduktion traten damals wahre Schauspiel-Koryphäen vor das Mikrofon: Schauspieler*innen, die noch richtig sprechen konnten und ihre Stimme als Instrument sahen, das trainiert und gepflegt werden musste. Hier wurden Sätze nicht „vernuschelt“ oder Silben der „neuen Natürlichkeit“ geopfert. Hier erkannte die Hörerschaft den Künstler allein am prägnanten Klang der Stimme.
Die vorliegende Aufnahme von „Menschen im Hotel“ entstand im Jahre 1958 und versammelte ebenso prominente Mim*innen, die damals schon von Film und Bühne bekannt waren, wie auch aufstrebende Jung-Schauspieler*innen, die einige Jahre später in Film und Fernsehen Bekanntheit erlangen sollten.
1 CD/ Menschen im Hotel von Vicki Baum (1958)/ Hörspielbearbeitung: Gerda Corbett/ Regie: Heinz-Günter Stamm/ Musik: Raimund Rosenberger/ mit Brigitte Horney, Willy Maertens, Erik Schumann, Paul Dahlke, Günter Pfitzmann, Lisa Helwig, Gisela Zoch-Westphal, Dinah Hinz, Eva Pflug u.a.
…und nun sitze ich und lausche und lausche und lausche und freue mich, freue mich über diese gelungene Umsetzung, freue mich über diese grandiosen Schauspieler*innen, die mit ihren Stimmen den Personen des Romans Leben einhauchen, und die mir aus so vielen Fernsehspielen bekannt sind.
Gerda Corbett gelingt das Kunststück, einen komplexen Roman auf 82 Minuten zu komprimieren ohne dabei den Grundtenor zu verändern bzw. die Motivationen der Figuren zu verfälschen. Regisseur Heinz-Günter Stamm stellte für diese Hörspielproduktion eine Besetzung zusammen, die auch Eins-zu-eins bei einer filmischen Umsetzung dieser Geschichte überzeugend hätte mitwirken können. Brigitte Horney mimt die alternde Primaballerina Grusinskaja voll trauriger Melancholie und lebensmüder Erschöpfung. Unterstützung erhält Grusinskaja durch ihre ergebene Zofe Suzanne, die Lisa Helwig mütterlich-mitfühlend interpretiert. Willy Maertens berührt sehr als totgeweihter Otto Kringelein ohne in allzu schwülstiger Sentimentalität abzugleiten. Dem Generaldirektor Preysing leiht Charakter-Mime Paul Dahlke seine markante Stimme und lässt diesen zwischen Überheblichkeit und Verzweiflung hin und her pendeln. Erik Schumann gibt den Baron von Gaigern zwischen weltgewandter Nonchalance und mitfühlender Empathie. Das Flämmchen von Gisela Zoch-Westphal ist kokett-lebenshungrig ohne dabei ordinär zu wirken. Selbst die kleinen bis kleinsten Nebenrollen sind mit bekannten Namen wie Günter Pfitzmann, Dinah Hinz oder Eva Pflug besetzt, die so zum Gelingen dieses Hörspiels beitragen.
Allein der Klang dieser Stimmen versetzt mich zurück in eine Zeit, wo Fernsehen noch „anders“ gemacht wurde, wo das Erzähltempo gemächlicher war, wo mehr Wert auf Qualität und weniger auf Quantität gelegt wurde. Nein, früher war wahrlich nicht alles besser, doch manches schon…!
erschienen bei der Hörverlag/ ISBN: 978-3867179621
[Rezension] Christoph Wagner-Trenkwitz – Die Fledermaus. Operette von Johann Strauß/ mit Illustrationen von Lisa Manneh
Überall und allerorten schließen die Theater so peu à peu ihre Pforten und begeben sich in die wohlverdiente Sommerpause. Und ich? Was mache ich? Ich versuche den Abschied der Saison 2022/2023 mit entsprechender „Theater“-Lektüre hinauszuzögern.
Und so trudelt mit „Die Fledermaus“ von Johann Strauß ein weiteres musikalisches Bilderbuch aus dem Annette Betz-Verlag bei mir ein. „Die Fledermaus“ wird auch gerne als die Königin der „Goldenen Ära der Operette“ bezeichnet, und dies auch völlig zu Recht. Neben einer turbulenten Handlung mit viel Humor, prallen Charakteren und der Möglichkeit zur opulenten Ausstattung, punktet sie mit der wundervollen Musik von Johann Strauß. Diese charmant-pikante aber gänzlich harmlose Verwechslungskomödie eignet sich ganz hervorragend, um Kinder an das Musiktheater heranzuführen.
Vorgeschichte: Herr von Eisenstein lässt den Notar Dr. Falke nach einer Ballnacht betrunken als Fledermaus verkleidet durch die Straßen irren. Das ist für den Notar, der von dem Zeitpunkt an „Dr. Fledermaus“ genannt wird, eine peinliche Situation. Er will sich an Eisenstein rächen und klügelt einen Plan zur „Rache der Fledermaus“ aus.
Adele, das Stubenmädchen, erhält eine Einladung zu einem Fest von Prinz Orlofsky, angeblich von ihrer Schwester Ida. Eisenstein muss wegen Beamtenbeleidigung eine Gefängnisstrafe antreten. Dr. Falke überredet ihn, mit ihm zum Souper bei Prinz Orlofsky zu kommen und die Gefängnisstrafe erst am nächsten Morgen anzutreten. Eisenstein ist bald überredet. Er nimmt Abschied von der „betrübten“ Rosalinde, die aber schon Alfred, ihre Jugendliebe erwartet. Nachdem Eisenstein gegangen ist, kommt Alfred vorbei und macht es sich in Eisensteins Schlafrock gemütlich. Da erscheint Gefängnisdirektor Frank, der Eisenstein persönlich inhaftieren will und hält Alfred für Eisenstein. Dieser folgt Frank ins Gefängnis, um Rosalinde nicht in eine peinliche Situation zu bringen. Das Fest bei dem reichen aber stets gelangweilten Prinzen Orlofsky ist im vollen Gange. Alles verläuft so, wie Falke es sich vorgestellt hat. Adele erscheint in der Garderobe der gnädigen Frau und wird für eine aufstrebende Künstlerin gehalten. Weiter erscheint Eisenstein, den Falke als Marquis Renard in die Gesellschaft einführt. Auch der Gefängnisdirektor erscheint unter dem falschen Namen Chevalier Chargrin. Doch der Höhepunkt des Abends ist das Erscheinen einer geheimnisvollen ungarischen Gräfin. Diese maskierte Gräfin ist niemand andere als Rosalinde, die entsetzt ist, dass ihr Mann sie angelogen hat und hier ungeniert erst mit dem verkleideten Stubenmädel und dann mit ihr selbst flirtet. Dabei gelingt es ihr, ihm seinen sogenannten „Damenköder“, eine Uhr mit Melodie, abzunehmen. Man feiert, preist den Champagner, verbrüdert sich und macht sich nach der durchzechten Nacht wieder auf nach Hause, beziehungsweise ins Gefängnis. Im Gefängnis erlebt Eisenstein eine Überraschung nach der anderen: Nicht nur, dass sich sein neuer Freund Chevalier Chargrin als Gefängnisdirektor Frank entpuppt, auch irritiert ihn, dass er bereits inhaftiert wurde. Eisenstein ist wütend, als er erfährt, wie es zu dieser Verwechslung mit Alfred kam, und fühlt sich von Rosalinde hintergangen. Er schreit nach Rache. Doch als Rosalinde erscheint, hält sie ihm seine Uhr unter die Nase: Ihr Gatte war um keinen Deut besser als sie und hat ihr somit nichts vorzuwerfen. Bevor die Situation eskaliert, erscheint Dr. Falke mit dem Prinzen und den Ballgästen und erklärt Eisenstein, dass diese ganze Inszenierung nur Falkes gelungene „Rache der Fledermaus“ war. Eisenstein nimmt es mit Humor und entschuldigt sich mit „Schuld war nur der Champagner…!“
HINWEIS: Bei der obigen Aufnahme handelt es sich nicht um die, die dem Buch beigefügt ist. Es ist eine ältere Aufnahme, und sie dient nur dazu, einen Eindruck von der Musik zu vermitteln.
Mit Christoph Wagner-Trenkwitz, einst langjähriger Chefdramaturg der Volksoper Wien, nun Dramaturg am Staatstheater am Gärtnerplatz in München, war ein Fachmann des Genres am Werk, der für Konzept und Text verantwortlich zeichnete, sowie als Sprecher auf der beigefügten CD fungierte. Bei dieser geballten Ladung an Fachkompetenz hätte ich mir in der Umsetzung ein wenig mehr Innovation gewünscht. Wagner-Trenkwitz bleibt mit seinem Konzept auf dem bekannten Pfad des Genres und liefert mit seinem Text eine flüssige, gut zu lesende Inhaltsangabe der Operette – nicht weniger, leider auch nicht mehr. Die Rahmenhandlung, um die kleine Steffi, die mit ihrer Oma eine Aufführung der berühmten Operette besucht, ist so rudimentär ausgearbeitet, dass sie vernachlässigt werden kann. Als Sprecher gefällt Wagner-Trenkwitz mit seinem charmanten Wiener Idiom.
Bei der Musikaufnahme handelt es sich um eine Live-Aufnahme mit Solisten, Chor und Orchester aus der Volksoper Wien, die zwar recht ordentlich ausfällt, bei mir aber trotzdem einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt. Einerseits vermittelt sie gut Theater-Atmosphäre, da vom Stimmen der Instrumente über Schritte auf der Bühne bis zum Husten und Räuspern im Publikum alles zu hören ist, und zudem die meisten Ensemblemitglieder mit Spielfreude überzeugen. Andererseits sind die Solist*innen bedauerlicherweise manchmal schlecht zu verstehen, was die Aufmerksamkeit der jungen Zuhörerschaft etwas herausfordern könnte. Auch sind leider nicht alle Solist*innen auf dem gleichen gesanglichen Level, was aber wohl eher dem erwachsenen Zuhörer auffallen würde.
Schade finde ich es auch, dass hier die Chance vertan wurde, auf die Besonderheit der sogenannten Hosenrolle in Oper und Operette einzugehen. Bei der Hosenrolle handelt es sich um eine männliche Figur, die von einer Frau verkörpert wird, um so zu verdeutlichen, dass der Charakter besonders jung bzw. androgyn-geheimnisvoll ist. Auch bei dieser Aufnahme wird die Partie des Prinzen Orlofsky von einem Mezzo-Sopran gesungen. Die entsprechende Figur in den Illustrationen zeigt dagegen deutlich männlich-markante Züge.
Die Illustrationen von Lisa Manneh fangen ganz wunderbar den Zauber der Operette ein. Weit entfernt von jedweden Realismus lässt sie in eleganten Bühnenbildern die Paare wie im Traum beschwingt tanzen. Ihr gelingt das Kunststück, dass trotz der Vielzahl an Frackschöße und Tüll die einzelnen Figuren in ihrer Physiognomie gut zu unterscheiden sind. Dabei ist eine ironische Überhöhung durchaus erkennbar, die wunderbar zur Leichtigkeit des Werkes passt.






