[Rezension] Fabian Neidhardt – Immer noch wach

Wer mich und meinen Blog kennt und somit regelmäßig meine Rezensionen liest, weiß, dass ich mich nie allzu lange mit den Inhaltsangaben der zu rezensierenden Bücher aufhalte (s.a. Was sonst noch?). Doch diesmal war es mir einfach nicht möglich, den Inhalt auf wenige Zeilen herunter zu brechen. Ich bin mir sicher, Ihr werdet mir verzeihen und – passend zum Grundtenor des Romans – es auch überleben…! 😉

Alexander Fink ist 30 Jahre alt, Lebenspartner der entzückenden Lisa, gemeinsam mit seinem besten Freund Bene frisch-gebackener Café-Besitzer, an Krebs erkrankt und wird sterben…! Die Nachricht trifft Alex wie ein Hammerschlag: Alle Pläne, Wünsche, Hoffnungen sind mit dieser Diagnose für Null und Nichtig erklärt. Ja, da gäbe es durchaus die eine oder andere vielversprechende Therapie, die ihm zwar nicht heilt aber den Tod evtl. ein, zwei Monate hinauszögern könnte. Doch Alex lehnt kategorisch weitere Behandlungsmethoden und Untersuchungen ab: Er möchte nicht das Schicksal seines Vaters teilen, der erbärmlich am Krebs zugrunde ging. Vielmehr will er die verbliebende Zeit nutzen, um überfällige Dinge zu regeln, aufgeschobene Gespräche zu führen, und noch eine ruhige Zeit mit seinen Lieben verbringen. Dann, wenn er meint, dass die Zeit reif ist, wird er sich von seinen Leuten verabschieden, sich in ein nur ihm bekanntes Hospiz begeben und dort alleine sterben. Doch gerade diese Entscheidung sorgt dafür, dass die verbleibende Zeit alles andere als ruhig verläuft: Denn eine Krebs-Diagnose betrifft nicht nur den Erkrankten sondern auch seine Angehörigen. Und so stößt seine Idee bei Lisa und Bene auf wenig Verständnis sondern löst eine Fülle an Gesprächen mit Tränen und Emotionen aus. Doch Alex bleibt bei seiner Entscheidung und verabschiedet sich in Richtung Hospiz. Das Sterben und der Tod gehören dort zum „Tagesgeschäft“ und sind allgegenwärtig. In den Gesprächen mit seinen Mit-Bewohner*innen werden sie zur alltäglichen Normalität und verlieren so ihren Schrecken. Der todkranke Kasper ist ihm dabei Beichtvater und Stimme des Gewissens zugleich. Doch nach einer Routine-Untersuchung erwartet ihn der nächste Hammerschlag: Ja, er hat einen Tumor! Und: Nein, er wird nicht sterben, denn der Tumor ist gutartig (Vielleicht hätte er doch weiteren Untersuchungen zustimmen sollen.)! Sein Aufenthalt im Hospiz ist somit beendet, und ein neues Leben könnte für ihn beginnen. Doch die Zeit außerhalb des Hospizes ist nicht stehengeblieben, und auch Lisa und Bene haben weitergelebt, haben weiterleben müssen – ohne ihn. Alex wagt es nicht, wieder in deren Leben einzubrechen, und so fasst er gemeinsam mit Kasper einen kühnen Plan. Er wird die letzten Wünsche seiner (auch durchaus schon verstorbenen) Freunde aus dem Hospiz stellvertretend für sie erfüllen: Er gewinnt eine Partie Schach für Peter, tanzt Lindy Hop für Wilhelm, reist in die italienische Heimat von Lilia, lässt sich ein Tattoo für Kasper stechen. Doch Alex hat weder mit den Tücken des Schicksals noch mit der List des Zufalls gerechnet…! Denn Beide können den schönsten, noch so raffiniert ausgeklügelten Plan ruckzuck durchkreuzen…!

„Uih!“ dachte ich „Heikles Thema!“ und „Wenn das mal gut geht!“. Doch dann siegte die Neugierde:  „Mal sehen, wie er (=der Autor) das hinkriegt!“

…und nun ist der Roman ausgelesen, ich sitze hier vor der Tastatur und weiß nicht, wie ich eine Rezension beginnen soll. Vorweg: Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal bei einer Lektüre so sehr geweint habe. Dabei ist diese Geschichte aus der Feder von Fabian Neidhardt weder kitschig, noch gefühlsduselig, noch sentimental und ebenso wenig wird ein übermäßiger Druck auf die Tränendrüsen ausgeübt. Die Geschichte ist schlicht und ergreifend einfach nur traurig…, traurig und berührend…, traurig, berührend und menschlich…! Und weitere Worte müssen „eigentlich“ (!) nicht darüber verloren werden, außer „Bitte lesen!“.

Natürlich könnte ich mich noch zeilenweise über die Storyline auslassen, die der Autor sehr geschickt aufbaut, um so dem Handlungspersonal dort Entwicklungsmöglichkeiten zu geben, wo es im Sinne der Geschichte angebracht erscheint. Über etliche Zeilen könnte ich auf die Sinnhaftigkeit der Rückblenden hinweisen, die der Autor immer wieder mit der Haupthandlung verwebt, damit seine Leserschaft in der Lage ist, die Gefühle und Beweggründe der Protagonist*innen plausibel nachzuvollziehen. Einige weitere Zeilen könnte ich dafür verwenden, den Autor bis über den grünen Klee zu loben und für seinen Mut zu bewundern, da er darauf verzichtet hat, für seinen zweiten Roman ein massenkompatibles Thema zu wählen. Vielmehr rüttelt er an der gesellschaftlichen Gemütlichkeit und bricht eine Lanze für den selbstbestimmten Umgang des Menschen mit Sterben und Tod.

Das alles und noch viel mehr könnte ich zeilenweise schreiben. Doch ich will nicht! Denn (wie ich bereits erwähnte) weitere Worte müssen nicht darüber verloren werden, außer „Bitte lesen!“.

Doch! Ein Wort sei mir noch gestattet: Denn dieser Roman ist nicht nur traurig…, auch nicht nur traurig und berührend…, schon gar nicht nur traurig, berührend und menschlich…, sondern er ist traurig, berührend, menschlich und durch und durch lebensbejahend…!!!

Auf der Homepage von WAS MIT BÜCHERN! Findet Ihr ein lesenswertes Interview mit Fabian Neidhardt.


erschienen bei Haymon/ ISBN: 978-3709981184

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #128: Wie gehst Du damit um, wenn sich herausstellt, dass ein Autor, dessen Bücher Du sehr schätzt, Auffassungen äußert, mit denen Du nicht übereinstimmst?

So, Ihr Lieben, nun ist es passiert: Die Fragen wiederholen sich! Es sei denn, dass sich mir die diffizilen Unterschiede zwischen dieser Frage und 

MONTAGSFRAGE #32:
Gibt es einen Autor, den du früher sehr bewundert hast, heute aber kritischer siehst?

nicht erschließen. Aber vielleicht habe ich auch die tiefere Bedeutung der Frage #32 nicht erkannt und mir damals einfach mal wieder die Antwort in meinem Sinne kreativ hingebo… – Äh! – …interpretiert?!

Fakt ist und bleibt, dass die Antwort der Vergangenheit absolut passgenau mit der Frage der Gegenwart korrespondiert, sozusagen wie Topf und Deckel, wie Faust aufs Auge, wie A…. auf Eimer. Darum: Hier ein Selbst-Zitat…

In den 90er Jahren habe ich den Katzenkrimi „Felidae“ von Akif Pirinçci verschlungen: Ich fand ihn spannend, ungewöhnlich, beängstigend – einfach großartig. Den Rassenwahn eines Josef Mengele im überschaubaren Umfeld von Hauskatzen anzusiedeln galt für mich als Mahnmal gegen Rechts.

Ich konnte damals ja nicht ahnen, dass dies anscheinend schon ein Hinweis auf die wahre Gesinnung eines Akif Pirinçci war. Als ich seine Hassreden sah und von seinen populistischen Veröffentlichungen las, war ich entsetzt.

Dass Menschen, die es aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Biografie, ihrer sexuellen Ausrichtung etc. besser wissen müssten, sich vor den braunen Karren spannen lassen, erschüttert mich zutiefst und widerspricht meinem humanitären Menschenbild.

Entgleisungen gegen Menschenrechte, Würde, Toleranz und Demokratie entsetzen mich über alle Maßen. Da gibt es für mich auch keine Diskussionsgrundlage: Für ein solches menschenverachtendes Verhalten gibt es keine Entschuldigung! Meine Meinung dazu ist eine in mir verankerte Grundhaltung und somit die Quelle meines Handelns!

Ich hätte es nicht ertragen können, dass die Werke dieses Mannes in meinem Bücherregal neben den Werken von Rafik Schami, Astrid Lindgren oder Erich Kästner stehen.

Ich werfe keine Bücher in die Recycling-Tonne: In diesem Fall habe ich eine Ausnahme gemacht!

(Ironie an!) Oder hätte ich das Buch lieber verbrennen sollen? (Ironie aus!)

Meine Meinung zu diesem „Herren“ hat sich bis heute nicht geändert und wird sich auch nicht ändern. Selbst wenn dieses Individuum plötzlich in einen Taumel der Menschlichkeit ausbrechen und zum Vater Theresius der guten Taten mutieren würde, wäre er für mich absolut inakzeptabel. Es gibt humanitäre Werte, die sind für mich unumstößlich und nicht verhandelbar. Da kann ich nicht meine Einstellung (auch nicht als prominenter Autor) einfach ändern, indem ich sie wie das viel zitierte Fähnchen in den Wind hänge und mal Ja!, mal Nein!, mal Hüh!, mal Hot! dazu sage. Diese Werte sind keinen momentanen Launen unterworfen und dürfen nicht mit Füssen getreten werden: 

DAS MACHT MAN NICHT! BASTA!!!

…??? 


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Gastbeitrag] ITALIENISCH – DEUTSCH / DEUTSCH – ITALIENISCH. ZWEI HERZEN SCHLAGEN IN MEINER BRUST von Carmela Silvia Sanfilippo

Ist es Schicksal? Manchmal begegnet man einen Menschen und findet ihn spontan sympathisch. So erging es mir mit Carmela, als sie uns (mehrmals) in unserem Stamm-Hotel im Hamburg über den Weg lief. Morgens beim Frühstück fiel mir eine junge Frau im Service-Team auf, die mit ihrer Herzlichkeit für sich einnahm und dank einem enormen Sprachtalent problemlos mit den internationalen Gästen kommunizierte. Da ich ein neugieriges Kerlchen bin, sprach ich sie an. Ich vermutete, dass sie „irgendetwas mit Sprachen“ studiert hätte. Beinah schüchtern gestand sie mir, dass sie ursprünglich Schauspielerin sei. Und wie viele ihrer ebenso talentierten Kolleg*innen gab bzw. gibt es eben auch bei Carmela zwischen den Produktionen immer wieder s.g. Durststrecken, in denen trotzdem gelebt (vielleicht manchmal sogar: überlebt) werden muss.

Über die sozialen Netzwerke blieben wir in Kontakt und nahmen Anteil am Leben des anderen, indem wir „Likes“ verschenkten und mit Kommentaren nicht geizten. Carmela sendete mir immer ein mutmachendes „Toi-Toi-Toi“ zu meinen Lesungen, und ich freute mich mit ihr über jedes Theater- und Film-Projekt, an dem sie beteiligt war. Doch unseren Wunsch, uns in Hamburg wieder zu treffen, konnten wir uns bisher leider nicht erfüllen, da unser Timing bisher denkbar ungünstig war („Gerne“ verpassten wir uns um nur wenige Tage). Und dann erschien Corona auf der Bildfläche, und das Reisen kam vorerst zum Erliegen. Umso mehr freue ich mich nun, dass Carmela sich bereit erklärt hat, einen Gastbeitrag für meinen Blog beizusteuern. Im Vorfeld war sie sehr unsicher, ob ihr schriftstellerisches Talent mir genügen würde. Meiner Meinung nach schätzt sie sich völlig falsch ein: Ich finde ihren Text ganz wundervoll…!


„Zwei Herzen? Ja, natürlich, aber warum nicht auch zwei Seelen?“ Das war das Erste, woran ich gedacht habe, als Andreas mir dieses Thema vorschlug. Ich weiß auch nicht warum! Irgendwie fehlte mir das Wort „Seele“ in diesem Zusammenhang, denn „Seele“ ist nicht gleich „Herz“. Vielleicht hat „Herz“ mit Temperament zu tun, mit Lebhaftigkeit, vor allem, wenn ich an „Herzschlag“ denke. Das Wort „Seele“ verbinde ich eher mit langsamen Gedanken, Gefühlen und einer inneren Stimmung.

Ich schwebe zwischen zwei völlig entgegengesetzten Welten: Sizilien (Das nicht gleich Italien ist!) und Deutschland. Meine Mutter ist im schönen Celle geboren, in der Nähe von Hannover, während mein Vater Sizilianer war, und ein Stipendium für ein Medizinstudium in Hamburg bekommen hatte. Es waren die 60er Jahre: Die beiden hatten sich am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf kennengelernt und wurden ein Paar. Nach einigen Jahren entschied sich mein Vater, zurück in die Heimat zu kehren, um dort einer Tätigkeit als Medizin-Professor an der Universität Catania nachzugehen.

Meine Mutter fuhr einfach nach und blieb bis heute auf der Insel. Vier Kinder sind aus dieser Beziehung entstanden, und alle sind auf Sizilien geboren. Aber die Verbindung zu Deutschland wurde nie schwächer, vor allem für die ersten zwei Kinder, die viel häufiger als die letzten Zwei (Ich bin die Jüngste!) die deutschen Verwandten besuchten. Als Kind und als Mädchen war ich selten in Deutschland, aber meine Mutter sprach Deutsch (das „gute“ Deutsch aus Hannover 😉). Von den Tanten und Großtanten bekamen wir immer die leckere Süßigkeiten aus dem Norden und führten lustige Telefongespräche, in denen sich die zwei Sprachen auf drolligste Weise vermischten.

Ich kam später dazu, eine persönlichere Beziehung zu Deutschland aufzubauen: Zuerst studierte ich Germanistik an der Uni, und nach dem Studium besuchte ich die Theaterschule Aachen für Schauspiel und Regie. Ich lernte Deutschland auf meine eigene Weise kennen und vor allem ganz allein. Seitdem habe ich angefangen, regelmäßig zu „pendeln“. Wenn ich ehrlich bin, und mir kommen dabei wieder die Wörter „Herz“ und „Seele“ in den Sinn, verbinde ich das erste Wort mit „meiner“ Insel und „meinem“ Vulkan, der so mächtig über Catania herrscht, und das zweite Wort mit Deutschland, das in mir ein Gefühl von Ruhe und „Pause machen“ erweckt.

Sizilien – das „Herz“ – bedeutet für mich Chaos, Schmutz, Gewalt, Desorganisation, Arbeitslosigkeit, Mafia und Schlamperei aber auch Schönheit, Geschichte, Fröhlichkeit, Hitze und Liebe. Deutschland – die „Seele“ – steht bei mir für Sauberkeit, Respekt, Ordnung, Organisation, Kälte und Regen, wunderbaren Kuchen und ausgezeichnetes Brot. In Deutschland kann ich mich vom „Inferno“ Siziliens erholen, mir die geweinten Tränen über das Desaster auf der Insel aus dem Gesicht wischen und meiner Seele Gutes tun. Dann aber – nach einer gewissen Weile – muss ich mein Herz wieder stärker schlagen spüren und dem Tempo des Ätnas folgen. Ich möchte wieder laut sprechen und laut schreien und mich bei Wein und Musik treiben lassen.

Und das geht sicherlich immer so weiter bis ans Ende meiner Tage: Solange mein Herz schlägt und meine Seele fühlt…!

Carmela Silvia Sanfilippo


Carmela Silvia SanfilippoCarmela Silvia Sanfilippo zeigte ihr Talent schon in div. Theater-, Film- und Fernsehproduktionen sowohl in Deutschland als auch in Italien. So war sie dort u.a. festes Ensemble-Mitglied der Satire-Show „Metropolitaun“ und spielte Rollen in den beliebten TV-Krimis „Amore criminale“ und „Il commissario Montalbano“. Doch auch auf der Bühne konnte sie Publikum wie Kritiker gleichermaßen begeistern: So wurde ihr 2019 von der Stadt Leonford der „38. Premio Città di Leonforte“ für ihre schauspielerische Leistung im Stück „Una lunga attesta“ verliehen. Mit Gresi e gli altri (Gresi und die Anderen) schuf sie ihre eigene One-Women-Show, in der sie in unterschiedliche Rollen-Typen schlüpft und diese satirisch persifliert. Als Gresi könnt Ihr sie sowohl auf facebook als auch auf instagram bewundern.

Weitere Informationen findet Ihr auch hier.


MONTAGSFRAGE #127: Welches Buch, das fast alle Welt toll findet und lobt, findest Du selbst grottenschlecht und enttäuschend?

Ich las heute Morgen die Frage, und… Nein! Es ertönte nicht der MONTAGSFRAGE-Schrei. Vielmehr grummelte ich mir etwas verstimmt in den Bart „Hatten wir das nicht schon!?“ und dachte an die #114. Ich schloss lustlos die Seite am PC und beschäftigte mich erstmal mit anderen Dingen. Doch die Frage spukte weiter in meinem Kopf herum. Je länger ich darüber nachdachte, umso mehr fielen mir die Unterschiede zwischen #114 und #127 auf, und – trotz allem Grummeln – kam mir recht schnell ein bestimmtes Buch in den Sinn…!

In den 90er Jahren war die Zeit anscheinend reif für eine neue Rubrik in der bundesdeutschen Buchszene: Der „neue deutsche Frauenroman“ eroberte die Nachttische der vornehmlich weiblichen Leserschaft und sorgte für verzückte Seufzer in so manchen Haushalten. Doch was war passiert? Unterm Strich nicht viel…! Findige Leute im Literaturbetrieb kreierten leichte Lektüre mit einem frech-frivolen Touch, die (scheinbar) zeitgemäßer daherkam und doch weiterhin stereotype Klischees bediente.

Ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, ob „Das Superweib“ von Hera Lind diesen Hype im Jahre 1994 ausgelöst hat, doch dieser Roman war plötzlich in aller Hände/Haushalte/Munde. Etliche Freundinnen von mir schwärmten sich damals gegenseitig davon vor und übertrafen sich mit ihren Lobhudeleien. Das Buch wurde im Kolleginnen-Kreis weitergereicht als wäre es der momentan „heißeste Scheiß“ – ein so genanntes „Must-have“, ohne dessen Kenntnis du absolut „out“ bist.

So lieh ich mir das Buch von einer Freundin, begann zu lesen und begann zu zweifeln – an mir, an dem Geschmack meiner Freundinnen, an der Literaturszene. Was – bitteschön – sollte das sein? Wenn das der „neue deutsche Frauenroman“ war, der das Leben der Frauen von heute (also damals im Jahre 1994) abbilden soll, dann ist es zur Emanzipation noch ein langer und steiniger Weg. Ich konnte diesem Roman nichts aber auch gar nichts abgewinnen und fand ihn noch nicht einmal im Ansatz lustig. Auch der nur ein Jahr später von Sönke Wortmann mit prominenter Besetzung produzierte Kinofilm machte es nicht besser: Eine triviale Vorlage verwandelt sich nicht automatisch in ein kurzweiliges Vergnügen nur weil das Medium ein anderes ist.

Nur ein Jahr später löste „Suche impotenten Mann für Leben“ von Gaby Hauptmann eine ähnlichen Welle der Begeisterung aus. Doch dank meiner Erfahrung mit dem „Superweib“ war ich diesmal gewappnet und lies diese Welle einfach über mich hinweg schwappen…!

…und welches literarische „Kleinod“ findet Ihr grottenschlecht und sollte lieber in ebendieser verschwinden??? 


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

MONTAGSFRAGE #126: Sind Euch eher ständige Handlungswendungen oder eine logische Geschichte wichtig?

Ach ja, mit der Logik ist es ja so eine Sache: Was dem einen absolut logisch erscheint, ist und bleibt für den nächsten das viel zitierte Buch mit den sieben Siegeln…! Ähnlich verhält es sich mit der Abwechslung: Der eine braucht ständig neuen Input, da für ihn Stagnation automatisch Langeweile bedeutet. Der andere ist durchaus für eine gewisse Zeit in der Lage, sich mit dem momentanen Status Quo zufrieden zu geben. Und die Literatur…?!

Die Literatur bietet für alle und jeden die passende Lektüre, denn sie ist – passend zum Pride-Monat – bunt wie das Leben: Es lebe die Vielfalt! 🌈💕🌈

Doch zurück zum Ursprung unserer heutigen MONTAGSFRAGE: Wie verhält es sich bei mir? Favorisiere ich eher Romane, in denen in schnellen Schritten die Handlung vorangetrieben wird, und bei denen ich über Logik-Fehler generös hinweg sehe? Oder empfinde ich diese schnellen Wechsel in der Handlung eher als Hetze, da Details zwangsläufig nicht ausreichend ausgearbeitet werden können, und folge lieber einer sich logisch aufbauenden Geschichte?

Darf ich mir auch beides wünschen?

Denn meine Antwort fällt wieder äußerst diplomatisch aus: Es kommt darauf an! Es kommt darauf an, welcher Intention die/der Autor*in folgt, und ob es der Geschichte dienlich ist.

Ich erinnere mich, dass Karsten Dusse in seinem Erstlingswerk Achtsam morden die Handlung mit schnellen Wechseln und Wendungen forciert, und es ihm trotzdem gelingt – im Rahmen dieser leichten Krimi-Comedy – die Gesetze der Logik nicht allzu sehr überzustrapazieren. In dieser Form machte mir die Lektüre enormen Spaß.

Bei Friedrich Christian Delius Werk Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich passiert eigentlich so gut wie nix. Handlungswendungen suchte ich vergebens: Der Protagonist schreibt sich seinen Alt-Herren-Frust in Form eines Tagebuchs von der Seele direkt in den Laptop, und meint in seiner grenzenlosen Selbstüberschätzung, dass spätere Generationen von seinen geistigen Ergüssen profitieren könnten. Nach 100 Seiten kapitulierte meine (!) Logik, und ich habe das Buch zur Seite gelegt.

Aber wenn Ihr mir nun die Pistole auf die Brust setzt, und ich mich partout entscheiden müsste, dann würde meine Wahl immer zugunsten der Logik ausfallen. Dann wäre es mir völlig egal, ob die Handlung vor lauter Wendungen nicht zur Ruhe käme oder ob sie detailreich und ausführlich aufgebaut wird, wenn dies für mich nicht logisch nachvollziehbar ist, dann war die Mühe des Autors bzw. der Autorin buchstäblich „für die Katz“!

…und wie darf Eure Lektüre sein: logisch und/oder abwechslungsreich??? 


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Noch ein Gedicht…] Erich Fried – WAS ES IST

Es ist Unsinn – sagt die Vernunft
Es ist was es ist – sagt die Liebe

Es ist Unglück – sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz – sagt die Angst
Es ist aussichtslos – sagt die Einsicht
Es ist was es ist – sagt die Liebe

Es ist lächerlich – sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig – sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich – sagt die Erfahrung
Es ist was es ist – sagt die Liebe

Erich Fried

[Ballett] Sergei Vanaev – Feuerwerksmusik (UA) / Stadttheater Bremerhaven

Tanzabend von Sergei Vanaev mit Musik von Georg Friedrich Händel / Uraufführung

Premiere: 29. Februar 2020 / besuchte Vorstellung: 25. Juni 2021

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Choreographie & Bühne & Kostüme: Sergei Vanaev


„Gut Ding will Weile haben.“ oder auch „3x ist Bremer Recht.“

Seit Beginn der Pandemie stand dieser Tanzabend schon zwei Mal auf unserem Programm und fiel den div. Lockdowns und somit der Schließung der Theater zum Opfer. Nun konnten wir für die absolut letzte Vorstellung noch Karten ergattern und durften dank der niedrigen Inzidenz-Werte sogar während der Vorstellung auf den Mund-Nasen-Schutz verzichten. Wieder eine von den vielen kleinen Etappen auf den Weg zur Normalität…!

Bei diesem Tanzabend gab es keine zusammenhängende Handlung, vielmehr hat Chefchoreograph und Ballettmeister Sergei Vanaev der Musik von Georg Friedrich Händel (mit einem kleinen Abstecher zu Henry Purcell) sehr konzentriert gelauscht und dazu dynamische, sinnliche und durchaus auch überraschende Bewegungsabläufe für die Tänzer*innen erdacht.

Unter den Funken eines auf der Rückwand projizierten Feuerwerks stampfte das Ensemble – jede*r drollig wie Feuerwehrmann Sam gekleidet – über die Bühne und entrollte den großen Löschschlauch: Spätestens hier wurde deutlich, dass der Abend zwar „Feuerwerksmusik“ lautet, aber das Element Wasser die herausragende Rolle spielen wird. So kam von Händel auch deutlich mehr von seiner „Wassermusik“ zu Gehör. Das titelgebende Feuerwerk entfachten die Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne, indem sie sich und uns keinen Moment des Stilstands gönnten. Vielmehr gingen Solo-, Paar- und Gruppentanz harmonisch ineinander über und boten mit einer Mischung aus Akrobatik, Hipp Hopp, Modern Dance und (dem musikalischen Sujet angemessen) Barocktanz eine abwechslungsreiche Bandbreite.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Und wieder war ich verzaubert von der Grazie, dem Ausdruck und der Dynamik des Tanzes und zollte der Leistung aller Ensemble-Mitglieder meinen uneingeschränkten Respekt. Ein Beispiel von vielen außergewöhnlichen Momenten an diesem Abend: Tänzerin Lidia Melnikova schien – mit Unterstützung ihrer vier männlichen Kollegen – alle Regeln der Schwerkraft aufzuheben und bot eine absolut atemberaubende Performance, indem sie scheinbar mühelos senkrecht die Wand hinauf… (Ja, wie soll ich es nur beschreiben?) …glitt?! …tanzte?! …schwebte?!

Zur zweiten Hälfte des Abends verwandelte sich die Bühne dank div. Eimer Wasser und einer Dauer-Dusche in ein Wasser-Bassin. Auf diesem Aquaplaning vollführten die Tänzer*innen erstaunliche Drehungen und Pirouetten und ließen das Wasser in Fontänen oder Strudeln über die Bühne ergießen. Dabei schossen die Künstler*innen mit einem Tempo über die Bühne, dass ich so manches Mal ganz angespannt auf meinem Platz saß, da ich damit rechnete, dass sie erst durch die Kulisse oder die erste Reihe im Zuschauerraum gebremst werden. Doch dank der immensen Körperbeherrschung der Tänzer*innen blieben zwar keine Augen trocken (😉) aber alle Beteiligten unverletzt.

Ich saß staunend im Publikum und war abermals begeistert, mit wie viel Leidenschaft hier in der so genannten Provinz hochrangiges Tanz-Theater gemacht wird (Hatte ich es schon erwähnt? Ich liebe die Provinz!).

So gibt es nicht viel mehr darüber zu sagen, außer: Es war unbeschreiblich schön!!!

…und: Auch dies war wieder Futter für Herz und Hirn, für Geist und Seele und für alles, was sonst noch so dazwischen liegt…! ❤


Die getanzte FEUERWERKSMUSIK wurde leider zum letzten Mal am Stadttheater Bremerhaven gezündet. Doch in der kommenden Spielzeit gibt es neue aufregende Choreografien zu entdecken…!

MONTAGSFRAGE #125: Hört Ihr Stimmen oder seht Ihr Bilder beim Lesen?

„Ich lese ein Buch, und die Handlung läuft wie ein Film vor meinem inneren Auge ab.“

Kommt Euch dieser Ausspruch nicht auch sehr bekannt vor? Ja! Mir auch, da ich ihn in der Vergangenheit durchaus selbst schon geäußert habe. Doch wenn ich genau darüber nachdenke und mir mich selbst „vor meinem inneren Auge“ während des Lesens eines Romans vorstelle, dann entspricht es nicht zu 100% der Wahrheit.

Vieles, was ich in einem Roman lese, interpretiert meine Phantasie durchaus in einer Art filmischen Erzählweise. Doch sehe ich dabei weder ein detailreiches Setting noch ein lebensechtes Handlungspersonal. Vielmehr nehme ich das Umfeld der Handlung eher als Stimmungs-Schnappschuss wahr, erspüre die Atmosphäre einer Szene und sehe sogar das Licht, in das es getaucht ist. Auch das Handlungspersonal formt sich in meinem Kopf weniger zu Personen, die real existieren könnten, als vielmehr zu den entsprechenden Typen, die zum Setting und zum Lichtdesign passen würden (Dies trifft selbst auf Romane zu, wo mir die Verfilmung bekannt ist.).

Es handelt sich hierbei bei mir um einen Stumm-Film: Ich höre beim Lesen keine Stimmen in meinem Kopf. Sollte ich eine Stimme hören, dann wäre es meine eigene. Manchmal merke ich es erst etwas später, dass ich mitten im Lesen anfange ganze Passagen laut vorzutragen. Ich ergründe dann den (Unter-)Ton in den Dialogen und versuche, die Beweggründe der handelnden Personen zu erforschen und mich in ihre Gefühlswelt hineinzuversetzen.

Ich glaube, diesen Umstand verdanke ich zwei Faktoren: Von meinem 19. bis zum 30. Lebensjahr habe ich hier in meiner Heimatstadt recht anspruchsvolles Amateur-Theater gemacht, mich in einigen recht unterschiedlichen Genres (Märchen, Schwank, Krimi, Schauspiel, musikalische Komödie) ausprobiert und konnte so in vielfältige Rollen schlüpfen. Diese Zeit war für mich sehr prägend!

Naja, und als passionierter Vor-Leser beschäftige ich mich zur Vorbereitung natürlich intensiv mit einem Text. Beim Vorlesen setze ich dann sehr bewusst meine Stimme zur Interpretation ein, um meinen Zuhörer*innen einen Zugang zum Text zu ermöglichen. Ich nehme sie sozusagen „an die Hand“, erleichtere ihnen die Auseinandersetzung mit dem Gehörten und setzte zur Unterstützung meine Gestik, Mimik und Körperhaltung ein – womit sich der Kreis zu meiner Theatertätigkeit in der Vergangenheit schließt!

P.S.: Wenn Ihr gerne erfahren möchtet, wie ich mich auf eine Lesung vorbereite, dann schaut Euch doch bitte diesen Beitrag an.

…und wie ist es bei Euch? Hört Ihr etwa auch Stimmen, und wenn ja, wie viele??? 😂


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Krimi] Mizzi Meyer – DER TATORTREINIGER / bremer kriminal theater

Krimi-Komödie von Mizzi Meyer / nach der gleichnamigen NDR-Serie

Premiere: 11. Juni 2021 / besuchte Vorstellung: 18. Juni 2021 / bremer kriminal theater


Inszenierung: Ralf Knapp
Bühne: Gisela Brünkner / Ralf Knapp / Heiko Windrath

Kostüme: Miep Koudijs


Vor ca. 10 Jahren strahlte der NDR die ersten Folgen von „Der Tatortreiniger“ noch gänzlich versteckt im Nachtprogramm aus und machte mit dieser Entscheidung deutlich, dass es diesem speziellen Format wenig Erfolg in Aussicht stellte. Doch alles kam anders: Wie viele andere Fernsehzuschauer mit mir war auch ich ein Fan der ersten Stunde, der nach einer Krimi-Komödie lechzte, die mit Skurrilität, schwarzem Humor, Selbstironie, pikanten Themen und exzellenten Schauspielern überzeugte und sich wohltuend vom oberflächlichen massenkompatiblen TV-Humor abhob. Und schon damals stellte ich mir die Frage, wann diese intelligent-humoristischen Episoden im Kammerspiel-Format ihren Weg auf die Bühnen finden. Doch erst im August letzten Jahres feierte Schotty im „Das kleine Hoftheater“ im Hamburger Stadtteil Horn seine theatralische Uraufführung. Und natürlich lässt sich das „bremer kriminal theater“ eine solche Chance nicht entgehen und kündigte für den 18. Dezember 2020 die Bremer Premiere an. Naja, und dann kam Lockdown Nr. XYZ…!

Das bremer kriminal theater rühmt sich, das spannendste Theater Bremens zu sein, und dem können wir nur zustimmen. Nicht umsonst zählt es zu DEN Theatern, bei denen wir gerne zum Wiederholungstäter mutieren. Regisseur Ralf Knapp und sein Team wählten aus der Füller an Aufträgen, die Schotty bisher meistern musste, die drei ersten Folgen der allerersten Staffel aus.

Das Bühnenbild überzeugt wieder in der b.k.t.-eigenen Ästhetik: Wenige Versatzteile werden variabel eingesetzt und schaffen so unterschiedliche perspektivische Möglichkeiten. Als Blutflecke kommen rote Stofffetzen zum Einsatz, die von Schotty – wie durch Zauberkraft – weggeputzt werden. Nur wenige Requisiten werden benötigt, dafür liefern die Muster auf Tapeten und Sofaüberwurf Bezüge zur jeweiligen Handlung.

Ralf Knapp besetzte die Rollen mit bekannten Gesichtern aus dem b.k.t.-Kosmos. Wohltuend bleibt er in seiner Inszenierung dem ruhigen Grundton der Vorlage treu, legt den Fokus auf die geniale Textvorlage aus der Feder von Mizzi Meyer, überzeichnet, wo es angebracht schien, und reduziert, wo es Sinn macht. Dabei erhält er die Unterstützung durch drei talentierte Schauspieler*innen. Multitalent Denis Fischer sorgt als blutbefleckte „Lampe“ für die musikalische Untermalung, schlüpft gerne in die köstlich überdrehten Mini-Rollen, hält sich ansonsten eher dezent am Bühnenrand auf. Mateng Pollkläseners Schotty hat schon alles gesehen oder kennt jemanden, der entsprechendes schon gesehen hat. Ihm ist nichts Menschliches mehr fremd, und so begegnet er den Menschen an den Stätten seines Wirkens vorurteilsfrei und beinah pragmatisch aber nie gleichgültig. Pollkläsener porträtiert seinen Tatortreiniger abseits des bekannten TV-Egos und lässt so einen Vergleich gar nicht erst zu. Ein besonderes Highlight war für mich das „textfreie“ Zusammenspiel zwischen ihm und seiner Bühnenpartnerin Janina Zamani: sei es in der ersten Episode beim gemeinsamen Rauchen einer Zigarette, wo die Kommunikation nur über Blicke, Mimik und Gesten funktionierte, oder auch in der dritten Episode, wo Pollkläsener verzweifelt versuchte, Zeitungspapier möglichst lautlos in eine Mülltüte zu stopfen, während Zamani im Nebenzimmer auf jeden noch so leisen Ton hyper-empfindlich reagierte.

Die schauspielerisch größte Herausforderung meistert Janina Zamani an diesem Abend: Mit Mimik, Körperhaltung und Stimmfärbung porträtiert sie gekonnt drei doch sehr unterschiedliche Frauentypen. In „Ganz normale Jobs“ ist sie die patente Prostituierte, die mehr oder weniger zufällig am Ort des Geschehens auftaucht und sich charmant mit Schotty über die Ethik der jeweiligen Berufe, deren Praktiken und Risiken austauscht. Als versnobte Oberschichten-Witwe in „Nicht über mein Sofa“ lässt sie sich entrüstet über einen Einbrecher aus, der es gewagt hat, ihr antikes Chaiselongue aufzuschlitzen, „unglücklicherweise“ über die Treppe zu Tode stürzte und dabei „zufälligerweise“ mit ihrem 9er-Golfschläger in Kontakt kam. Es war die pure Comedy, als sie Slapstick-artig und in gespielter Zeitlupe selbst die Treppenstufen hinab zu Boden glitt. Ebenso überzeugend gibt Zamani in „Spuren“ die intellektuell-verkopfte Schriftstellerin, die verzweifelt nach den richtigen Wörtern ringt und auf die göttliche Eingabe hofft, um so endlich in den Olymp der Träger des Deutschen Buchpreises aufzusteigen. Doch erst der Anblick von Schottys Wurstbrot erlöst sie von ihrer hemmenden Schreibblockade.

„Der Tatortreiniger“ strotzt nur so vor grandiosen Dialogen, die nicht nur witzig sondern auch intelligent sind und hier von den Künstlern famos umgesetzt werden. Meine b.k.t.-Hitliste hat nun einen Top-Titel mehr…!


DER TATORTREINIGER wird am bremer kriminal theater auch noch weiterhin für Sauberkeit sorgen.

[Rezension] Chris Campe – Hamburg Alphabet

Hamburg – meine Perle!

Zwar würden die aktuellen Inzidenz-Werte ein Besuch der Hansestadt durchaus in den Rahmen des Möglichen rücken, doch bin ich momentan noch ganz der Euphorie verfallen, die wiedergewonnenen Freiheiten auszukosten und die Möglichkeiten in meinem näheren Umfeld wieder(neu)zuentdecken und zu genießen. Und so reise ich auch weiterhin eher literarisch als real in unsere Lieblingsstadt…!

Das Bild einer Stadt wird durch eine Vielzahl an Faktoren geprägt: Bevölkerung, kulturelle Vielfalt, historischer Kontext…! Doch was fällt jeder/m von uns beinah als erstes auf, würden wir mit dem Zug am Hauptbahnhof eintreffen? Neonreklamen, Fassadenbeschriftungen und Schilder buhlen um unsere Aufmerksamkeit. Sie werben, weisen den Weg und informieren.

Autorin Chris Campe hat sich ihre Kamera geschnappt und sich auf einen Rundgang durch die Stadtteile der Metropole an der Elbe gemacht. Ihre Fotos offenbaren die plakative Fassadenwerbung in einer enormen Bandbreite an Typografien und Stilen. In ihrem Hamburg-Fotoalbum finden sich zwar durchaus auch die Beschriftungen von touristisch bekannten Orten, wie z. Bsp. Café Gnosa in St. Georg, dem großen Volksfest „Hamburger Dom“ oder den St. Pauli Landungsbrücken. Um einiges spannender fand ich die Bilder von Typografien, deren Herkunft weniger bekannt ist, die beim Betrachten meine Fantasie anregten und mir so beinah ganze (Lebens-)Geschichten erzählten.

Da entfaltet sich der morbide Charme vergangener Epochen, der verblasste Glanz lässt mich eine ehemals bessere Zeit erahnen, und das grelle Licht der großstädtischen Sündenmeile versucht, ihre Kundschaft zum ebenso sündigen Vergnügen zu locken. Es blättert die Farbe von den Buchstaben, Risse zieren das Glas der Leuchtreklamen, und an manchen Wänden ist ein nicht mehr vorhandener Schriftzug nur noch an der Verfärbung des darunterliegenden Untergrunds zu erkennen.

Aber nicht nur aufgrund des gewählten Sujets hat dieses kleine Büchlein ein großes ästhetisches Potential: Die Autorin arrangiert die Typografien sowohl alphabetisch als auch farblich und thematisch. So schafft sie einen optisch ansprechenden Rahmen für diesen Stadtführer der besonderen Art. Dank des Anhangs, indem die Adressen und somit die „Fundorte“ des Hamburg Alphabets notiert sind, könnte ich mich auf die Spuren der Autorin begeben. Doch ich fürchte, dass viele der hier gezeigten Schriftzüge nicht mehr zu finden sind. Läden wechseln ihre Besitzer, ganze Häuser werden verkauft, modernisiert oder gar abgerissen, Stadtteile verändern ihr Gesicht im Namen des Fortschritts. Und so verschwinden auch an den Fassaden einer Stadt die Zeichen der Vergangenheit und somit ein Stück Identität – für immer und ewig…!


erschienen bei Junius/ ISBN: 978-3885064664