MONTAGSFRAGE #84: Sollten weibliche Autoren mehr aus Sicht von weiblichen Protagonisten schreiben?

Die Hüterin der Montagsfrage klärt diese Frage sehr differenziert in Form von drei „Unterfragen“, deren Antworten zum Nachdenken anregen und animieren, das eigene Leseverhalten zu hinterfragen. Meine Antwort fällt da weniger detailliert und deutlich pragmatischer aus:

Nö, warum sollten sie…?

Ich bin der Meinung, jede/r sollte aus der Sichtweise schreiben, die zum Entstehungszeitraum des Werkes die größtmögliche Inspiration bietet und dem Geist und der Ästhetik des Werkes zuträglich ist. Dabei spielt es für mich als Leser vordergründig keine Rolle, ob eine Frau oder ein Mann die weibliche oder männliche Perspektive einnimmt. Viel wichtiger wäre es für mich, dass es sich hierbei um eine/n gute/n Autor*in handelt, die/der ihr/sein Handwerk versteht und mich mit ihrer/seiner Geschichte emotional packen kann (Gender-neutral einen Text zu schreiben, kann sehr anstrengend sein…!). Dabei kann ein Perspektivwechsel durchaus für eine erfrischend neue/andere Sichtweise sorgen. Gerade ein Blick außerhalb des eigenen Dunstkreises kann deutlich unverfälschter und weniger von Konventionen der Geschlechter eingeengt sein. Schwachpunkte treten offenkundiger hervor, aber auch neue Impulse bieten die Chance auf Veränderung.

Unwillkürlich musste ich beim Lesen dieser Frage schmunzeln, da sie unweigerlich meine Gedanken ins Absurde schweifen lies. Diese Frage verführt mich geradezu, um die Aussage zu potenzieren, und sie auf die Spitze zu treiben:

  • Sollten schwule Autoren mehr aus Sicht von schwulen Protagonisten schreiben?
  • Sollten Ärzte nur Arztromane schreiben?
  • Dürfen Kinderbücher nur von Kindern verfasst werden?
  • Wie lange muss ein Autor in einem Herrenhaus in Cornwall gelebt haben, bevor er einen Roman à la Rosamunde Pilcher schreiben kann?
  • Darf nur ein ehemaliger Fuchs, der als Autor wiedergeboren wurde, eine Fabel über Meister Reineke verfassen?
  • …??? (Lasst Eurer Kreativität freien Lauf: Liste bitte ergänzen!)

Ich wünsche Euch einen humorvollen Pfingstmontag! 😄

…geschlechtskonform oder nicht geschlechtskonform: Das ist hier die Frage???

WordPress teilt mir gerade mit, dass ich mit der Beantwortung dieser Frage meinen 500. Beitrag auf .LESELUST veröffentlicht habe. Na, da köpfe ich doch jetzt ein Piccolöchen und stoße mit mir selbst an. Prost!


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

Ich wünsche Euch von Herzen…

Heute ist Pfingstsonntag. Pfingsten bedeutet „der fünfzigste Tag“, wird somit am 50. Tag nach Ostern gefeiert und ist der letzte Tag der Osterzeit. Es soll daran erinnern, dass der Heilige Geistes den Aposteln erschienen ist, damit sie das Wort Gottes zu allen Völkern bringen. Für die Christen bedeutet dieses Fest ein Neu-Anfang.

„Heiliger Geist“: Das wirkt auf mich manchmal doch sehr abstrakt, nicht greifbar. Wer oder was ist dieser „Heilige Geist“? Welchen Zweck erfüllt er? Wie darf ich ihn mir vorstellen? An sein ikonenhaftes Erscheinungsbild als Taube mit einem Olivenzweig im Schnabel mag/kann ich nicht glauben. Und doch gibt es Momente, da meine ich die Anwesenheit des „Heiligen Geistes“ zu spüren – bei anderen aber auch in mir!

Es sind keine großen weltbewegenden Situationen. Vielmehr sind es eher die kleinen, scheinbar unbedeutenden Begegnungen im zwischenmenschlichen Miteinander, die hoffentlich gleich dem Schmetterlingseffekt nach Lorenz Edward etwas Größeres (aber bitte ohne Chaos) auslösen könnten: der erste Cappuccino nach Wochen bei meinem Stamm-Eiscafé, das Hupen und Winken von Auto zu Auto beim Anblick einer bekannten Person, ein Anruf „nur mal so“, das geduldige Warten bei meinem Bäcker „umme Ekke“.

Ich trete häufiger gerne einen Schritt zurück, um einem anderen Menschen den Vorrang zu lassen. Freundlichkeit vervielfältigt sich, da bin ich mir ganz sicher.

Pfingsten bedeutet Neu-Anfang: Vielleicht ist diese Zeit unsere Chance für einen Neu-Anfang. Lasst sie uns gemeinsam nutzen!

Ich wünsche Euch von Herzen ein frohes Pfingstfest!

Liebe Grüße
Andreas

[Rezension] Leo Timmers – Wo steckt der Drache?

Der König macht kein Auge mehr zu, seitdem er aus dem Fenster seiner Burg den Schatten eines riesengroßen Drachens erblickt hat. Eilig schickt er seine drei tapfersten Ritter aus, damit diese das Ungeheuer dingfest machen. Doch alles, was in der Dunkelheit einen Schatten wie ein Drache wirft, ist bei Licht betrachtet etwas völlig anderes. Der Drache muss beim Anblick der Ritter geflohen sein, und so wird die Suche abgebrochen. Doch der König hat weiterhin allen Grund, sich zu fürchten…!

Schon mit Ein Haus für Harry konnte Leo Timmers mich überzeugen. So habe ich voller Begeisterung zugestimmt, als vom Verlag die Anfrage kam, ob ich sein neustes Bilderbuch rezensieren möchte. Natürlich tat ich dies „nur“ dem liebsten Patenkind der Welt zuliebe…!

Leo Timmers spielt in seinen Illustrationen gekonnt mit Hell und Dunkel: Seine drei Helden müssen auf ihrer Suche nach dem Ungeheuer so einiges durchmachen und kehren aus diesem Abenteuer mit der einen oder anderen Blessur zurück. Erst wenn das Licht auf den Schatten des fraglichen Drachens fällt, erkennen die Ritter, was wirklich dahinter steckt. Doch in diesem Moment tappen sie im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln, und es passieren ihnen einige Missgeschicke, deren Auswirkung erst im nächsten Bild bei Licht betrachtet erkennbar wird. So hatte ich als Betrachter gleich meine doppelte Freude mit der phantasievollen Auflösung der Schatten und der witzigen Schattenspiele der Ritter. Timmers schaffte es abermals, mich mit seinen originellen Illustrationen zu amüsieren. Die Bilder sind mit einfachen aber charmanten Reimen „untertitelt“.

Leo Timmers thematisiert in diesem Bilderbuch ein Phänomen, das schon bei vielen Kindergenerationen aufgetaucht ist und auch bei kommenden Generationen weiterhin auftauchen wird: Unter dem Bett oder im Schrank lauert ein grässliches Monster und sorgt für Alpträume im Kinderzimmer. Doch in Wirklichkeit steckt hinter einem beängstigend wirkenden Schatten oft etwas absolut Harmloses.

Übrigens: Das liebste Patenkind der Welt fand dieses Bilderbuch „ganz okay“ und wollte danach viel lieber ein weiteres Kapitel vom „Räuber Hotzenplotz“ vorgelesen bekommen, und dabei ist er erst 4. Was liest er, wenn er 12 ist? Arthur Schopenhauer?! Aber daran wurde mir nochmals deutlich, dass Altersempfehlungen genau DAS sind – Empfehlungen: nicht mehr und nicht weniger! Jedes Kind entscheidet individuell, was (vor-)gelesen wird.

Bei den nächsten Bilderbüchern von Leo Timmers, die zukünftig erscheinen, werde ich wohl mein Patenkind als Alibi nicht mehr vorschieben können und gezwungen sein, mich zu outen:

„Okay! Ich gebe es hier und jetzt offen zu: Ich liebe wunderschöne Bilderbücher!!!“


erschienen bei aracari/ ISBN: 978-3907114131

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Noch ein Gedicht…] Richard Dehmel – BEKENNTNIS

Ich will ergründen alle Lust,
so tief ich dürsten kann;
ich will sie aus der ganzen Welt
schöpfen, und stürb‘ ich dran.

Ich will’s mit all der Schöpferwut,
die in uns lechzt und brennt;
ich will nicht zähmen meiner Glut
heißhungrig Element.

Ward ich durch frommer Lippen Macht,
durch zahmer Küsse Tausch?
Ich war erzeugt in wilder Nacht
und großem Wollustrausch!

Und will nun leben so der Lust,
wie mich die Lust erschuf,
Schreit nur den Himmel an um mich
ihr Beter von Beruf!

Richard Dehmel

MONTAGSFRAGE #83: Welches Buch, in dem Geschwister eine zentrale Rolle spielen, kennt ihr eigentlich?

Bei der Beantwortung dieser Frage hat die Hüterin der Montagsfragen eine kleine, wehmütige Träne im Knopfloch, da in den von ihr präferierten Geschichten sich eher Einzelkinder = Einzelkämpfer tummeln. Im Vergleich zu Antonia habe ich bei mir schon eher das Gefühl, dass mir eine Menge Geschwister literarisch vor die Nase springen.

Allein im Märchen-Universum gibt es unzählige Geschwister-Konstellationen: Hänsel und Gretel, Die sechs Schwäne, Brüderchen und Schwesterchen, Die zwölf Brüder, Frau Holle…!

Augenblicklich fallen mir auch die zauberhaften Kinderbuch-Klassiker ein, wie „Die Brüder Löwenherz“ und „Wir Kinder aus Bullerbü“ von Astrid Lindgren oder Erich Kästners „Das doppelte Lottchen“. Und bei meiner ersten Kinderbuch-Krimi-Reihe 5 Freunde von Enid Blyton toben 3 Geschwister + 1 Cousine + 1 Hund durch die Abenteuer.

Auch die Phantasie der Queen of Crime machte vor Geschwistern nicht Halt und lieferte in ihrem äußerst lesenswerten Krimi Tödlicher Irrtum einen Mord innerhalb eine Gruppe von Brüdern und Schwestern, die allesamt adoptiert wurden. Vielleicht nicht unbedingt im Mittelpunkt der Geschichte stehen die Kämpfe, die Flavia de Luce mit ihren beiden Schwestern Ophelia und Daphne ausficht und somit für eine amüsante Komponente in der Handlung sorgt. Ebenso nehmen aktuelle Krimis gerne das Geschwister-Thema auf: In Bis ihr sie findet von Gytha Lodge steht eine junge Frau im Verdacht am Tod ihrer jüngeren Schwester beteiligt zu sein.

Aktuell lese ich „Zwei Wochen im Juni“ von Anne Müller, indem zwei Schwestern nach dem Tod der Mutter das Elternhaus ausräumen und sich so ihrer gemeinsamen Vergangenheit stellen: Rezension folgt! Doch auch in ihrem Erstlingswerk Sommer in Super 8 schaffte es die Autorin ganz wunderbar die Atmosphäre einer Kindheit in den 70er Jahren wiederzugeben.

„Geschwister, wohin das Auge reicht!“ – Wenn wundert’s: Schließlich bin auch ich ein Geschwist! 😄

…und welche Geschichten über Geschwister könnt Ihr mir empfehlen???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Rezension] Jerome K. Jerome – Drei Mann in einem Boot. Ganz zu schweigen vom Hund!

Drei überarbeitete Müßiggänger machen – samt Hund – eine Bootsfahrt entlang des Ufers der Themse, um ihre gestressten Nerven zu beruhigen und sich so von ihren eingebildeten Krankheiten zu erholen. Doch diese harmlos anmutende Bootsfahrt bietet ihnen tückische Missgeschicke, unverhoffte Bekanntschaften und wetterbedingte Herausforderungen am Busen der Natur und wird so zu einem Füllhorn an Anekdoten.

Dies ist die Handlung dieses Romans: Mehr passiert nicht!

Eine Gruppe von Individuen machen sich auf eine Reise von A nach B. In filmischer Form würden wir das Werk als „Road Movie“ bezeichnen. Doch als was charakterisieren wir es in seiner literarischen Form? Gerne schließe ich mich der Einschätzung von Harald Martenstein an, der in seinem Nachwort diesen Roman als „Road Novelle“ betitelt. Sie rudern los. Sie kommen an. Und dazwischen passiert eine ganze Menge und gleichzeitig reichlich wenig. Diese Form von Unterhaltungsroman bietet dem Autor eine willkommene Möglichkeit, etliche Geschichten und Geschichtchen, reichlich Weisheiten und kritische Ansichten über die Gesellschaft in eine lose Rahmenhandlung einzubinden.

Dies gelingt Jerome K. Jerome im Grunde auch ganz wunderbar: Wie Perlen auf einer Schnur reihen sich seine Anekdoten entlang des Laufs der Themse aneinander und bieten humoristische Bonmots, ironische Übertreibung, sozialkritische Seitenhiebe, Albernheiten und Slapstick. Die Nichtigkeiten des Alltags werden zu Wichtigkeiten und fordern unsere Helden immer wieder auf ein Neues heraus. Die Tücke des Objekts bietet unzählige Möglichkeiten des Scheiterns. Jerome blickt auf seine drei Männer durchaus liebevoll, überschüttet sie aber mit der nötigen Ironie und verhindert so, dass sie wie unsympathische Taugenichtse wirken. Wobei seine Freude am galanten Fabulieren und detaillierten Schwadronieren auf jeder Seite spürbar bleibt und so auch mir beim Lesen Freude bereitete.

Leider nutzen sich diese Talente bei einem Roman mit einem (vorliegenden) Umfang von über 350 Seiten etwas ab: Aufgrund Ermangelung einer echten Handlung mit Spannungsbogen, Konflikte etc. wirkte auf mich manches zu sehr austauschbar. Die Fülle an Geschichten lässt wenig Raum für erinnerungswürdige Highlights. Weniger wäre mehr gewesen!

Was mir bleibt ist eine schöne Erinnerung an eine literarische Seifenblase (in vielfältigen Farben schimmernd), die trotz des Alters (Erscheinungsjahr: 1889) noch eine überraschende Frische besitzt!

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meiner Blogger-Kollegin Janina Lehmann von „Frau Lehmann liest“.


erschienen bei Manesse/ ISBN: 978-3717524403

MONTAGSFRAGE #82: Welche Neuerscheinung des Jahres hat dich bisher richtig umgehauen?

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mich keines der neu erschienenen und von mir gelesenen Bücher „richtig umgehauen“ hat. Das mag daran liegen, dass ich mich einigen Romanen aus dem Herbst-Programm erst jetzt widmen konnte und somit nur wenig Zeit fand, um die Neuerscheinungen dieses Jahres zu lesen. Zudem war ich für April mit der ersten Runde zu Literaten im Fokus beschäftigt, bin weiterhin in der Vorbereitung für die nächsten Runden und musste leider die Vorstellungen der Autoren neu terminieren: Der Erscheinungstermin für einige Bücher, die ich unbedingt vorstellen möchte, wurde vom Verlag verschoben, und so gibt es meine Mini-Retrospektive über Georges Simenon erst im Frühjahr 2021.

Doch die wenigen Neuerscheinungen, die mir in die Finger kamen, haben mir durchaus gefallen,…

…aber „richtig umhauen“ mit Karacho, Trommeln und Fanfaren konnte mich leider keines der beiden Werke.

Am ehesten trifft dies auf die Neu-Übersetzung eines alten Klassikers zu,…

…der in Text und Optik „ent-kitscht“ wurde und somit verjüngt auf neue Leser*innen wartet.

Es zeichnet sich jedoch jetzt schon ab, dass auch die Herbst-Saison mir nur vereinzelt Neuerscheinungen bescheren wird: Mit „Literaten im Fokus“ bin ich weiterhin gut beschäftigt, und zudem möchte ich meinem SuB mehr Aufmerksamkeit schenken.

…und welche Neuerscheinungen haben Euch begeistert???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

INTERNATIONALER TAG gegen HOMOPHOBIE…

Ist es tatsächlich erst ein Jahr her, dass ich mich hier an dieser Stelle sehr ausführlich zu dem Thema geäußert habe? Oder ist es eher „schon“ ein Jahr her…! Alles eine Frage der persönliche Sichtweise und des individuellen Empfindens. Braucht es diesen Tag überhaupt noch? Es wurde doch schon so viel erreicht!

Diese Woche hat gezeigt: „Ja! Leider brauchen wir diesen Tag weiterhin!“

Am Donnerstag wurde im Bundestag über die Änderung des Transfusionsgesetzes abgestimmt und diese mit den Stimmen aus CDU/CSU, SPD und AfD abgelehnt. Zur Erklärung: Das Transfusionsgesetz regelt u.a. wer Blut spenden darf, d.h. Männer, die Sex mit Männern haben, dürfen auch künftig erst nach 12 Monaten Sex-Abstinenz Blut spenden.

Ich darf als homosexueller Mann, der seit 20 Jahren eine monogame Beziehung führt, kein Blut spenden, wenn ich nicht vorher eine Erklärung unterschreibe, dass ich seit einem Jahr keinen Sex mehr hatte. Ein heterosexueller Mann, der jedes Wochenende durch Bars und Clubs zieht und „alles pimpert, was nicht bei 3 auf dem Baum ist“ (entschuldigt bitte meine blumige Sprache), braucht diese Erklärung nicht abzugeben. Dabei scheinen die Verantwortlichen ein wichtige Tatsache zu übersehen: Nicht die sexuelle Orientierung schützt vor sexuell übertragbaren Krankheiten! Nur Safer Sex schützt davor! Somit werde ich als schwuler Mann per se unter Generalverdacht gestellt und per Gesetz diskriminiert. Abgesehen davon, dass es niemanden etwas angeht, wann, wie, wie oft, warum und ob ich überhaupt Sex hatte. Wahrung der Intimsphäre, Normalität und Gleichberechtigung sehen für mich anders aus!

Nun könnte eine naive Stimme rufen: „Wozu die Aufregung? Dann lüge doch bzgl. deiner sexuellen Identität!“ Dem möchte ich erwidern: „Warum sollte ich?!“ Innerhalb meiner 50 Lenze gab es Zeiten, da habe ich bzgl. meiner sexuellen Orientierung gelogen und meine wahren Gefühle versteckt. Diese Zeiten waren für mich belastend, erdrückend, einfach schrecklich! Und bei einer dringend benötigten Blutspende, bei der ich freiwillig und unentgeltlich einen Teil von mir geben möchte, um anderen Menschen damit vielleicht helfen zu können, soll ich lügen? Ich werde mich nicht verleugnen! Nie mehr!

Zudem rührt sich mein Rechtsempfinden: Nicht ich habe ein Unrecht begangen! Die Politker*innen, deren Parteinamen sich mit „christlich“ und „sozial“ schmücken, haben diese Ungerechtigkeit zu verantworten und sollten dringend ihr Gewissen prüfen (Naja, und von den „Alternativen“ habe ich nichts anderes erwartet.). Darum…

Diese Woche hat gezeigt: „Ja! Leider brauchen wir diesen Tag weiterhin!“

🌈

[Rezension] Anne Enright – Die Schauspielerin

Wenn Katherine O’Dell die Bühne betritt, fliegen ihr die Herzen der Zuschauer zu. Eine zarte Geste, ein scheuer Blick – und Magie scheint in der Luft zu liegen. Sie selbst kann sich dieses Phänomen nicht erklären. Doch sie scheint ES zu haben, was sie von anderen Schauspielerinnen unterscheidet. Beinah versteckt in der Kulisse steht Norah und beobachtet das Leben dieser Künstlerin. Sie ist die Tochter dieser berühmten irischen Schauspielerin, die in Wirklichkeit Engländerin ist, und das Irische vor ewigen Zeiten übergestreift hat wie eine Rolle, bis aus der Illusion ihre eigene Realität wurde, die niemand zu hinterfragen wagte. Mutter und Tochter: Sie stehen sich so nahe und sind gleichzeitig getrennt durch die völlig verschiedenen Frauenbilder, die sie jeweils leben. Katherine feierte im England der Nachkriegsjahre ihre ersten Erfolge, schaffte den Sprung über den großen Teich an den Broadway und folgte dem Ruf Hollywood. Doch die Rolle der Frauen im engen Korsett der Hollywood-Studios ließ keinen Raum für die ungewollte Schwangerschaft einer unverheirateten Schauspielerin. Gedemütigt kehrt Katherine nach Irland zurück, um ihr Kind alleine groß zu ziehen (Um die Vaterschaft machte sie zeitlebens ein Geheimnis.). Norah wird im Irland der 70er Jahre erwachsen, erfährt den Irland-Konflikt hautnah, studiert und entwickelt ihr feministisches Selbstbewusstsein. Und während die Mutter mit dem Älterwerden, schlechten Rollenangeboten und verblassenden Ruhm kämpft, versucht die Tochter ihr eigenes Leben zu gestalten.

Romane über Mutter-Tochter-Konflikte gibt es ebenso „en masse“, wie mehr oder weniger biografisch angehauchte Werke von Töchtern berühmter Mütter. Bei letzterem fällt es mir schwer, einzuschätzen, in wieweit die Töchter mit diesen Veröffentlichungen mit den übermächtigen Müttern abrechnen, Erlittenes aufarbeiten oder aus dem prominenten Namen Profit schlagen möchten. Werke wie „Meine liebe Rabenmutter“ von Christina Crawford und „Meine Mutter Marlene“ von Maria Riva hinterlassen bei mir darum immer einen bitteren Beigeschmack.

Bei „Die Schauspielerin“ greift die Autorin in den großen Topf der Fiktion und erschafft die Lebensentwürfe zweier Frauen, die es so nie gegeben hat aber durchaus hätte geben können. Wohltuend geht es Anne Enright weniger um die Aneinanderreihung plakativ konstruierter Konflikte zwischen Mutter und Tochter. Auch wenn die Geschichte aus der Sicht von Norah erzählt wird, gönnt sie ihren Protagonistinnen eine Auseinandersetzung ohne Zuweisung von Schuld: Sie wertet nicht und lässt auch nicht zu, dass ihre Heldin dies tun. Entscheidungen, die die Mutter bzw. die Tochter zum Handeln verführten, stehen ebenbürtig nebeneinander. Enright vermeidet es so, dass Norah „schmutzige Wäsche wäscht“, indem sie die große Schauspielerin Katherine O’Dell bloßstellt und vom imaginären Sockel stößt. Spannung erhält der Roman somit nicht aus dramatisch-pathetischen Szenen eines Mutter-Tochter-Konflikts als vielmehr aus der präzise ausgearbeiteten Charakterisierung der Personen. Auf der Suche nach ihren eigenen Wurzeln muss die Tochter zwangsläufig den Lebenslauf der Mutter entmystifizieren, doch dies geschieht mit Respekt und Liebe und lässt die Tochter die Entscheidungen der Mutter in einem anderen Licht sehen.

Anne Enright schenkt uns mit wohlmodulierten Sätzen sprachlich fein ausgefeilte Bilder. Selbst schockierende Szenen werden so erträglicher und erhalten oft eine ironische Komponente. Ihre Personenzeichnungen sind subtil und kraftvoll und lassen die fiktiven Lebensläufe überraschend authentisch wirken. Sentimentalität wird vermieden.

Die darstellende Kunst ist flüchtig, und so weht ein Hauch von Melancholie durch diese Geschichte und zelebriert voller Wehmut die Erinnerung an Vergangenes,…

…an eine Zeit, als es noch Schauspielerinnen gab, die von einer scheinbar magischen Aura umgeben waren.

„Die Schauspielerin“ von Anne Enright hat es auf die diesjährige Longlist für den „WOMEN’S PRIZE FOR FICTION 2020“ geschafft.

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezensionen von Rainer Moritz vom Literaturhaus Hamburg.


erschienen bei Penguin/ ISBN: 978-3328601340

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #81: Wie steht ihr zu Kurzgeschichten?

Ich liebe sie…!

Ich liebe sie…! Zwangsläufig…! Was bleibt mir als Vorleser auch anderes übrig! 😉

Kurzgeschichten bzw. Erzählungen sind die von mir bevorzugte literarische Form des Vortrages. Ich gestalte voller Freude Lesungen mit Texten verschiedener Autoren. Und so überprüfe ich immer (zwangsläufig) die Texte, die ich lese, ob sie zum Vorlesen geeignet sind. Und da spielen viele Komponenten eine Rolle: Wie ist die Geschichte aufgebaut? Gibt es einen Spannungsbogen, und wie wird er eingesetzt? Reichen die Beschreibungen der Szenerie aus, um in meinem Kopf ein Bild zu kreieren? Agiert das Handlungspersonal für mich nachvollziehbar, und zeigt es eine Persönlichkeit, die mich fesselt? Wie setzt die Autorin/ der Autor Dialoge ein? Wie ist die Qualität im sprachlichen Ausdruck?

Das mag nun alles sehr theoretisch, verkopft und kompliziert klingen. Ist es aber nicht! Dieser Vorgang läuft bei mir ganz automatisch und völlig mühelos im Hintergrund ab. Ich mache mir darüber keine Gedanken.

Kurzgeschichten zu schreiben ist für mich die literarische Königsdisziplin: In einem Roman auf 200 bis 300 Seiten (oder mehr), die o.g. Punkte zu berücksichtigen, kann jeder (Naja! Nicht jeder! Ich kann’s nicht!). Aber eine ganze Welt auf 10 bis 15 Seiten zu erschaffen, ist die große Kunst. Da werde ich als Leser ohne Vorwarnung, ohne Einleitung in die Geschichte hinein katapultiert. Plötzlich spult sich auf nur wenigen Seiten eine ganze Welt vor mir ab und bietet Emotionen in allen Schattierungen zwischen Komödie und Tragödie. Wenn ein*e Autor*in diese Königsdisziplin beherrscht, dann wird es einfach magisch – magisch, es allein für mich zu lesen; magisch, es vorlesen zu dürfen.

Hier zum Nachlesen eine kleine Auswahl an Werken von Könner*innen:

  • Elke Heidenreich: Nurejews Hund
  • Agatha Christie: Der unfolgsame Esel
  • Anton Čechov: Kleiner Scherz
  • Carl Nixon: Seines Auges Apfel
  • Ria Neumann: Meines Vaters Ringelrosen

Ich wünsche Euch viel Spaß an der Neu- bzw. Wieder-Entdeckung von Kurzgeschichten!

…???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.