NEUJAHRSANSPRACHE 2026

Nein, so förmlich soll es nicht werden. Das überlasse ich lieber dem Profi oder demjenigen, der sich für einen Profi hält.

Doch so ein Jahresbeginn lässt mich immer sehr demütig werden: Wieder liegen zwölf Monate vor mir. Wieder liegt es an mir, Chancen zu nutzen, oder sie – mehr oder weniger bewusst – verstreichen zu lassen. Gleichzeitig ist es aber auch eine wunderbare Gelegenheit, um einen Blick über die Schulter zurück zu werfen. Da gibt es so vieles, das ich gerne vergessen oder zumindest verarbeiten möchte.

Gleichzeitig birgt so ein Jahresbeginn auch die Möglichkeit, sich bei den Menschen zu bedanken, die von mir vielleicht im Laufe eines manchmal doch recht hektischen Jahres viel zu wenig Dank erfahren. Dass es Menschen gibt, die mir und meinem Blog teilweise schon ab dem ersten zaghaft veröffentlichten Beitrag folgen, nehme ich wahrlich nicht für selbstverständlich. Darum:

Ich danke Euch für Eure Treue und Verbundenheit,
für all die mutmachenden Worte, die kollegiale Unterstützung
und das respektvolle Miteinander im vergangenen Jahr,

und ich wünsche Euch von ganzem Herzen
ein friedvolles, gesundes und glückliches
NEUES JAHR!
💖

Liebe Grüße
Andreas

LESE-HIGHLIGHTS 2025…

Nun ist das Jahr 2025 beinah Geschichte, und wieder frage ich mich, ob es für mich ein gutes oder ein schlechtes Jahr war. Wobei so ein Jahr für sich betrachtet weder das eine noch das andere Extrem sein kann. Das Jahr ist neutral. Vielmehr liegt es an mir (und an vielen Faktoren, die von Außen Einfluss nehmen), wie ich die mir zur Verfügung stehenden 12 Monate fülle und sich das Jahr dadurch für mich entwickelt.

Doch bleiben wir beim Jahr 2025: Die vergangenen Monate waren emotional, arbeitsintensiv, kraftraubend, aufwühlend und brachten schlussendlich eine entscheidende Veränderung. Doch hatte sich diese Veränderung nicht schon am Anfang des Jahres angekündigt? Hatte ich den Beitrag 7 WOCHEN ANDERS LEBEN: …fasten, wem fasten gegeben! nicht bereits mit den Worten „Anscheinend steht dieses Jahr bei mir ganz im Zeichen des Aufbruchs…!“ eingeleitet? Ja, die Veränderungen warfen schon ihren Schatten, doch ich benötigte offenbar deutlichere Impulse, bevor ich den Mut fand, Neues zu wagen.

Ich bin so dankbar, dass ich in all dem Chaos so viel Halt und Unterstützung erfahren durfte. Darum schicke ich voller Dankbarkeit einen herzlichen Gruß an meinen geliebten Gatten, meine wunderbare Familie und an liebe Freunde. Einen besonderen Dank sende ich an meine geschätzten Kolleg*innen, mit denen ich bisher zusammenarbeiten durfte, sowie an frühere Kolleg*innen, die mir abermals ihr Vertrauen schenken und zukünftig mit mir arbeiten werden.

Und ich merke besonders in diesen herausfordernden Phasen in meinem Leben, dass ich die Kultur so sehr brauche. Die Auseinandersetzung mit der Kultur in ihren vielfältigen Facetten ist mir Inspiration, Trost und Zerstreuung zugleich. Neben den Besuchen von Theatern, Konzerten und Ausstellungen zählt für mich natürlich auch die Literatur dazu, und so durfte ich meine Nase auch in diesem Jahr wieder in einige wundervolle Bücher versenken.

Und hier sind sie nun endlich, meine Lese-Highlights des Jahres 2025…



  • Der März begann mit der Entdeckung der äußerst gelungenen Graphic Novel DER PASSAGIER DER POLARLYS nach einem Roman von Georges Simenon. José-Louis Bocquet und Christian Cailleaux haben die düstere Atmosphäre des Originales sehr gut eingefangen.
  • Ebenfalls im März besuchte mich nach fünf langen Jahren der Abwesenheit eine meiner liebsten Schnüfflerinnen: FLAVIA DE LUCE. DES HENKERS LETZTE MAHLZEIT. Ich hoffe, dass ihr Schöpfer Alan Bradley uns nicht wieder so lange auf ihr nächstes Abenteuer warten lässt.
  • Im April entführte mich Štěpán Zavřel mit seinen absolut traumhaften Illustrationen im Bilderbuch TRAUM VON VENEDIG in die sagenhafte Lagunenstadt.
  • Der Mai brachte mir die Bekanntschaft mit der Autorin Kate Atkinson: Ihr neuster Roman NACHT ÜBER SOHO ist spannend, fesselnd und absolut vielschichtig.
  • Im Juni amüsierte mich Winifred Watsons charmanter wie humorvoller Roman MISS PETTIGREWS GROSSER TAG ganz famos und bescherte mir kurzweilige Stunden.
  • Im Juli traute ich mich abermals an Tomasz Jedrowskis IM WASSER SIND WIR SCHWERELOS. Bereits zwei Mal hatte ich diesen Roman zu lesen begonnen und wieder abgebrochen. Es lag definitiv nicht an der literarischen Qualität der Geschichte.
  • Ich liebe Musik: Sie umgibt mich täglich und zu (beinah) jeder Lebenslage. Doch wie entwickelt sich der persönliche Musik-Geschmack? Im August fand ich dank Michel Faber und seinem Buch HÖR ZU! Was Musik mit uns macht darauf und zu vielen weiteren Fragen die Antwort.
  • Ebenfalls im August tauchte ich mit den Illustrationen in ALLE FARBEN DES LEBENS in die wunderbar poetische Welt der Künstlerin Lisa Aisato.
  • Der Oktober überraschte mich mit der bisher besten Adaption eines Agatha Christie-Klassikers, die ich bisher lesen durfte. Als Graphic Novel konnte mich DIE MORDE DES HERRN ABC von Frédéric Brémaud und Alberto Zanon völlig überzeugen.
  • Im November startete ich mit meiner alljährlichen Rubrik LEKTÜRE ZUM FEST:  Beim Lauschen der Hörspiele TOD UNTER LAMETTA. Teil 1+2 von Kai Magnus Sting bekam ich vor Lachen Schnappatmung. Kein Wunder bei dieser exquisiten Besetzung!
  • Doch auch Ernsteres hielt der November und somit die Rubrik LEKTÜRE ZUM FEST bereit: Kirsten Boies Erzählung DER WEIHNACHTSFRIEDEN, zu der Claire Harrup stimmungsvolle Illustrationen geschaffen hatte, rührte mich zu Tränen.

…und das war er wieder, mein Lese-Rückblick auf das Jahr 2025, das viel zu schnell vergangen ist. Da bleibt mir nur noch eines zu erwähnen:

Ich wünsche Euch einen guten Rutsch ins Neue Jahr 2026!

Liebe Grüße
Andreas

[Konzert] Adventskonzert MERRY CHRISTMAS / Philharmonisches Orchester Bremerhaven

Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy, Georg Friedrich Händel, Tom A. Kennedy, César Franck, Morten Lauridsen, Johann Sebastian Bach, Gustav Holst, Georges Bizet, Jesse Edgar Middleton, James Bobby, John Williams sowie traditionelle Weihnachtslieder

Premiere: 30. November 2025/ besuchtes Konzert: 27. Dezember 2025

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


DIRIGENT & MODERATION Hartmut Brüsch 
CHOR Edward Mauritius Münch
SOLIST:INNEN  Meredith Hoffmann-Thomson, Boshana Milkov, Weilian Wang, Timothy Edlin

Opernchor des Stadttheaters Bremerhaven
Philharmonisches Orchester Bremerhaven
Kinderchor des Stadttheaters Bremerhaven
Kinder- und Jugendchöre der Musikschule Geestland

ORGANISATION & STIMMBILDUNG KINDERCHOR Katharina Diegritz
EINSTUDIERUNG KINDER- UND JUGENDCHÖRE DER MUSIKSCHULE GEESTLAND Gabriele Brüsch


An den Tagen zwischen den Feiertagen habe ich in jedem Jahr erneut das Gefühl, als würde sich die Welt langsamer drehen, so als würde sie – nur für diese wenigen Tage – ausgebremst werden. Natürlich ist mir bewusst, dass dies leider nicht der Fall ist: Die Welt dreht und dreht und dreht sich unbeirrbar, und irgendwo auf ihr passieren ungeheure Ungerechtigkeit – auch jetzt in diesem Moment, in dieser Sekunde.

Doch ich brauche am Ende eines ereignisreichen Jahres diese kurze Zeitspanne so sehr, um atmen zu können, zur Ruhe zu kommen und auch um zu träumen. Die Wochen vor Weihnachten brachten mir noch eine gehörige Portion Aufregung und sorgten so für reichlich Verwirrung. Doch nun waren alle Unsicherheiten beseitigt, und auch die vor-weihnachtliche Hektik war von mir abgefallen. Entsprechend entspannt machte ich mich auf den Weg in Richtung Bremerhaven, um einen Tag nach Weihnachten beim Adventskonzert MERRY CHRISTMAS die besinnliche Zeit nochmals „nachzuschmecken“. Der Weihnachtsmarkt in der Seestadt dauert traditionell bis zum 30. Dezember an, und so drehte sich auf dem Theodor-Heuss-Platz vor dem Theater immer noch das bunt beleuchtete Riesenrad. Von den geschmückten Buden wehten köstliche Düfte zu mir herüber: Bratwürstchen und Churros munden auch nach Weihnachten gar köstlich!

Nachdem der Leib im ausreichenden Maße gefüttert wurde, waren nun Herz und Hirn an der Reihe, um genussvoll gesättigt zu werden. Magnetisch zog mich das warme Licht durch die geöffneten Türen ins Innere des Theaters, wo zahlreiche Weihnachtsbäume und Lichterketten für ein festliches Ambiente sorgten. Auf der stimmungsvoll dekorierten Bühne hatten bereits vereinzelt Musiker*innen des Philharmonischen Orchester Platz genommen, um an ihren Instrumenten die eine oder andere tückische Passage nochmals zu üben.

Peu à peu füllte sich das Orchesterpodium. Das Licht im Zuschauersaal wurde gedimmt, und unter Applaus betrat der musikalische Leiter Hartmut Brüsch mit den Sänger*innen des Opernchors die Bühne, um gemeinsam das Konzert mit „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ von Felix Mendelsohn Bartholdy musikalisch prachtvoll zu eröffnen. Hartmut Brüsch erwies sich abermals als versierter Moderator, der es verstand, Wissen so leicht und humorvoll zu vermitteln, das wir im Publikum kaum wahrnahmen, dass wir etwas lernten.


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Das Programm führte uns durch 400 Jahre Musikgeschichte (vom Barock über die Romantik zu zeitgenössischen Werken), ließ uns musikalisch – neben Deutschland – auch Länder wie England, USA, Kanada und Frankreich bereisen und war so imposant gefüllt mit so vielen bemerkenswerten Momenten, dass es mir unmöglich ist, die mitwirkenden Künstler*innen für alle ihrer Darbietungen gebührend zu würdigen.

Boshana Milkovs samtener Mezzo umschmeichelte mit feiner Koloratur insbesondere die Oboe bei „Bereite dich, Zion“ aus WEIHNACHTSORATORIUM von Johann Sebastian Bach. Weilian Wangs schön timbrierter Tenor schien bei „Panis Angelicus“ von César Franck mit dem Klang des Orchesters zu verschmelzen. Sopranistin Meredith Hoffmann-Thomson entzückte mit einem zauberhaft beseelten „In the Bleak Midwinter“ von Gustav Holst. Timothy Edlin gestaltete mit seinem warmen Bass äußerst gefühlvoll „O little Town of Bethlehem“ und bot so dem nachfolgenden Kinderchor einen wunderbaren Einstieg in seinen ersten Auftritt.

Der Kinderchor setzte sich aus dem Kinderchor des Stadttheaters Bremerhaven (Einstudierung: Edward Mauritius Münch und Katharina Diegritz) und den Kinder- und Jugendchören der Musikschule Geestland (Einstudierung: Gabriele Brüsch) zusammen, der die englischen Carols ebenso entzückend zu Gehör brachte wie zu einem späteren Zeitpunkt die deutschen traditionellen Weihnachtslieder. Manche Kinder und Jugendlichen waren so hochkonzentriert bei der Sache, dass ihnen vor Aufregung der Text entfiel. Ich erkannte es an ihrem leicht verschreckten Gesichtsausdruck, was mir ein verständnisvolles Schmunzeln entlockte. Zumal sie bravourös auch anspruchsvolle Chorpartien meisterten, so das älteste kanadische Weihnachtslied „The Huron Carol“ von Jesse Edgar Middleton, das sie gemeinsam mit dem Opernchor a cappella vortrugen.

Auch das mystisch-sphärische „O Magnum Mysterium“ von Morten Lauridsen erklang stimmgewaltig a cappella durch den Opernchor. Beim würdigen Finale mit „Merry Christmas“ aus KEVIN ALLEIN IN NEW YORK von John Williams verband sich die orchestrale Kraft des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven mit dem brillanten Gesang der Sänger*innen des exzellenten Opernchors.

Traditionell endete auch dieses ADVENTSKONZERT mit einem fulminanten Chor – bestehend aus Solist*innen, Opern- und Kinderchor sowie den 685 Zuschauer*innen – im gänzlich ausverkauften Großen Haus des Stadttheaters Bremerhaven. Mit „Stille Nacht, heilige Nacht“ und „Dat Joahr geiht to End“ endete ein so beglückendes Konzert, das mich beseelt nach Hause fahren ließ und einen versöhnlichen Abschluss für dieses herausfordernde Jahr bildete.

„Du denkst still bi di: Wedder een Joahr vorbi,
un wat wür, wür dat schlecht oder good?“

Ich sende ein großes Dankeschön an alle, die dieses wunderbare Konzert möglich gemacht haben: Euch ist es zu verdanken, dass ich nun zuversichtlicher in mein persönliches Neues Jahr 2026 blicke!


Das Philharmonische Orchester Bremerhaven bietet in jeder Saison ein Vielzahl an abwechslungsreichen Konzerten: Ein Blick in das PROGRAMM lohnt sich sehr!

[Rezension] Johanna Lindemann – DIE GESTOHLENE WEIHNACHTSGANS/ mit Illustrationen von Andrea Stegmaier

Nun ist er bald da, innig herbeigesehnt und doch so manches Mal gewiss auch verflucht: der Heiligabend. Ich hoffe doch sehr, dass ihr alles, was erledigt werden musste, erledigen konntet, dass alles, was für ein feierliches Weihnachten benötigt wird, längst besorgt wurde. Dann steht hoffentlich einem entspannten Weihnachtsfest nichts mehr im Wege. Oder vielleicht doch noch…?

Bei Emma und ihren Eltern soll dieses Weihnachten alles ganz besonders perfekt sein. Das führt zu sehr viel Stress in der doch eigentlich besinnlichen Zeit. Als auch noch die Weihnachtsgans verschwindet, ist das Chaos komplett. Die Nachbarn haben nichts gesehen. Die Supermärkte haben schon geschlossen. Warum nicht einfach mal Spaghetti an Heiligabend? Doch plötzlich klingelt es an der Tür: Der Reihe nach trudeln Nachbarn ein, bringen Essen mit und alle feiern gemeinsam. So wird es schließlich ein richtig schönes und besonderes Weihnachtsfest.

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Was passiert eigentlich alles in dieser Geschichte? Oberflächlich betrachtet passiert nicht viel – doch schaut man genauer hin, dann passiert da eine ganze Menge. Autorin Johanna Lindemann bastelte – in lässiger Anlehnung an die Geschichte von Jesu Geburt – eine charmante Story um ein wunderbar perfekt unperfektes Weihnachtsfest, die erfreulich normal erscheint, wenig Weihnachts-Kitsch dafür umso mehr Weihnachts-Gefühl präsentiert und mir sehr viel Spaß bereitete.


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Wie bei jedem guten Bilderbuch „erzählen“ die Illustrationen vieles, was der Text verschweigt, auch verschweigen kann und darf. Dabei bleiben einige Fakten wohltuend ungenannt: So wird weder im Text erwähnt, dass es sich bei den Nachbarn aus dem zweiten Stock um ein schwules Paar handelt, noch das die Familie aus dem ersten Stock Migranten zu sein scheinen. Warum wird es nicht erwähnt? Weil es schlicht und ergreifend keine Rolle spielt bzw. keine Rolle spielen sollte. Da wird mit einer erfrischenden Leichtigkeit und einer erfreulichen Selbstverständlichkeit Diversität gezeigt, ohne, dass ich als Betrachter ständig das Gefühl habe, es würde ein imaginärer grell leuchtender Hinweispfeil penetrant darauf aufmerksam machen (Blink! Schaut her, wir sind divers! Blink!).

Gemeinsam mit der Illustratorin Andrea Stegmaier porträtiert die Autorin die Hausbewohner als liebenswerte Typen (durchaus mit einem humorvollen Augenzwinkern), die gemeinsam ein schönes Weihnachtsfest feiern möchten, zu dessen Gelingen jede*r mit Freude etwas beiträgt. Die Illustrationen von Andrea Stegmaier erfreuen sowohl die Jüngsten durch ihre bunte Vielfalt, aber auch die Reiferen werden beim Betrachten der vielen liebevollen Details ihren Spaß haben.

Zudem liebe ich Bilderbücher, die zur offensichtlichen Hauptgeschichte zusätzlich noch eine weitere Ebene bedienen: Emmas liebstes Kuscheltier scheint ein Plüsch-Fuchs zu sein, der in den Bildern immer wieder an allen möglichen und unmöglichen Stellen auftaucht. Da fühlte ich mich geradezu herausgefordert, dass ich – gemäß dem Motto „Finde den Fuchs“ – aktiv werde und mich auf die Suche durch die Illustrationen begebe. Dabei ertappte ich mich doch tatsächlich selbst dabei, dass ich leise die Melodie zu „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ summte.

ACHTUNG SPOILER Schlussendlich erfahren wir dann doch noch, wer die Weihnachtsgans gestohlen hat. Soviel sei verraten: Es war niemand von den Hausbewohner*innen, aber das hatte ich von vornerein bereits ausgeschlossen.


erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219118995

[Noch ein Gedicht…] Rudolf Kinau – KUJEES KUMMT GLIEK

„Een Viddelstündn kann’t woll noch du’rn!“
hett Mudder eben segt.
He kümmt nu bald. Man good, – dütt Lu’rn
Dat is mi goarne recht.
Ick hebb vör em keen Angst dütt Joahr,
dat hebbt jo blooß de Görn.
Ick bin man bang‘, dat geiht ne kloar,
ick krieg den Wind van vörn,
van Vadder her. Wenn he dat sühtt, –
mien Büx is achter twei,
mien sünndogs Büx. Ach, wenn ick sitt,
denn is’t jo eenerlei.

Wenn de Kujees hier frogen deit:
„Na, mokt de Jung sick good?“
Un Mudder segt: „Ach jo, dat geiht!“
Denn krieg ick jo woll Noot,
un rappel mien Gebett gau her,
as wenn ick updreiht bün. –
Blooß denn, — denn schall ick no de Dör, –
denn mütt ick doar jo hin,
un mütt mien Fatt mit Appeln holn
un allerhand wat Nees
un mit son „Diener“ glich betolhn:
„Mein Dank ook, Herr Kujees!“

Un Vadder – steiht dann achter mi, –
Un sühtt mien tweide Büx, — ?
Ach ne, Kujees,- goh man vöörbi!
Ick bruk dütt Joahr mol nix!

Rudolf Kinau

(Kujees =Wienachtsmann/Weihnachtsmann)

[Rezension] David Wagner – ALLE JAHRE WIEDER

ALLE JAHRE WIEDER ist nicht nur der Titel eines beliebten Weihnachtsliedes. Es könnte auch so treffend als Überschrift für lang gepflegte Weihnachtstraditionen, die wir wie selbstverständlich und ohne zu hinterfragen Jahr für Jahr zelebrieren, gelten. Eine (vielleicht sogar nur minimale) Änderung im gewohnten Ablauf wird da schon als drastische Störung empfunden und hätte das Potential, massive Familiendramen auszulösen…

Kommst du Weihnachten nach Hause? Und was wünschst du dir? Mit diesen Fragen beginnt ein Telefongespräch zwischen einem Vater und seiner erwachsenen Tochter. Humorvoll und leichtfüßig diskutieren die beiden, wer wo mit welchem Elternteil das Fest verbringt und wie Weihnachten heute überhaupt gefeiert werden soll: mit geschmückten Baum oder ohne? Vegetarisch oder doch mit Braten? Mit Jingle Bells oder Stille Nacht, Christkind oder Weihnachtsmann? So wie früher oder ganz anders? In berührendes Nachdenken darüber, was Weihnachten ausmacht und immer wieder besprochen werden muss.

 (Inhaltsangabe dem Klappentext des Buches entnommen!)

„Kommst du Weihnachten nach Hause?“

So startet dieser charmante Dialog. Welches erwachsene Kind hat diese Frage von einem Elternteil nicht schon gestellt bekommen? Manchmal habe ich diese Frage regelrecht gefürchtet. Da war ich selbst bereits in einem Alter, indem ich eine Familie hätte gegründet haben können und wo ein enger Freundeskreis sich etabliert hatte. Da würde manche*r von uns gerne die Chance erhalten, eigene Weihnachtstraditionen zu kreieren und zu festigen. Und gleichzeitig gibt es da dieses Dürsten nach der Vergangenheit, wo man mit glänzenden Kinderaugen zuerst den Christbaum und dann die Geschenke bestaunt hat, und von dem bis heute das Gefühl, dass früher alles besser war, zurückgeblieben ist. Ich weiß sehr wohl, dass früher nicht alles besser war, aber die Empfindung fühlt sich gut an.

David Wagner lässt Vater und Tochter miteinander all diese Fragen diskutieren. Obwohl: Sie diskutieren nicht, vielmehr entspinnt sich ein unaufgeregtes Gespräch über „heute“ und „damals“. Da werden Erinnerungen über vergangene Weihnachtsfeste ausgetauscht, die beide teilweise recht unterschiedlich wahrgenommen haben. Da geht es durchaus sehr viel um Traditionen aber auch um die Erforschung der eigenen Wurzeln. Es gab viele, viele schöne weihnachtliche Momente. Doch sie können nicht über die Krisen und Fehlentscheidungen im Leben hinwegtäuschen und lassen – manchmal nur in einer kleinen Bemerkung – Melancholie in diesem Dialog zweier Generationen anklingen.

„Wie passend!“ dachte ich, als ich dies zwischen den Zeilen erspürte. Melancholie und Weihnachten gehören für mich zusammen. Dabei ist es für mich durchaus eine sehnende aber keine erdrückende Melancholie und sorgt dafür, dass mein Weihnachten nie grell und bunt wird, vielmehr zart und still und darum so schön.

Ebenso still gestaltet sich dieses Telefonat: In der Vergangenheit lief nicht immer alles glatt zwischen Vater und Tochter, aber beide haben dies scheinbar bewältigt und einen wunderbaren Weg gefunden, miteinander umzugehen. Aus ihrem Dialog ist eine Menge Respekt, reichlich Toleranz und ganz viel Liebe herauslesbar. Das vorwurfsvolle Begleichen alter Rechnungen ist nicht nötig, da sie mit sich und miteinander im Reinen sind.

So endet dieses Telefonat auch mit der (von mir erwarteten) Antwort auf die Eingangsfrage:

„Klar komme ich. Ist doch Weihnachten.“


erschienen bei edition chrismon / ISBN: 978-3960383215

[Noch ein Gedicht…] August Heinrich Hoffmann von Fallersleben – LIED DES NUSSKNACKERS

König Nussknacker, so heiß ich.
Harte Nüsse, die zerbeiß ich.
Süße Kerne schluck ich fleißig.
Doch die Schalen, ei, die schmeiß ich
Lieber andern hin,
Weil ich König bin.
Aber seid nicht bang!
Zwar mein Bart ist lang
Und mein Kopf ist dick
Und gar wild mein Blick.
Doch was tut denn das?

Tu keinem Menschen was,
Bin im Herzensgrund,
Trotz dem großen Mund,
Ganz ein guter Jung,
Lieb Veränderung,
Amüsier mich gern
Wie die großen Herrn.
Arbeit wird mir schwer,
Und dann mag ich sehr
Frommen Kindersinn,
Weil ich König bin.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben