[Rezension] Agatha Christie – Zeugin der Anklage/ Erzählung und Theaterstück im Vergleich

Leonard Vole steht vor Gericht. Er wird beschuldigt, eine wohlhabende Witwe aus Habgier ermordet zu haben. Alle Beweise sprechen gegen ihn, doch er beteuert eisern seine Unschuld. Seine einzige Chance, dem Strick zu entgehen, ist die Aussage seiner Frau Romaine, die sein Alibi bestätigen soll. Doch seine Frau liefert ihn eiskalt ans Messer und fungiert als Zeugin der Anklage. Der Verteidiger Sir Wilfrid Robarts zweifelt an der Aussage der Ehefrau und kann Beweise vorlegen, die ihre Glaubwürdigkeit in Frage stellt. Immer mehr und mehr verstrickt sie sich in Widersprüche. Leonard Vole wird freigesprochen. Doch wer war nun der Täter…?

Was war zuerst da: die Henne oder das Ei? Im vorliegenden Fall gab es zuerst die Kurzgeschichte, und erst Jahrzehnte später entstand daraus die Bühnenfassung. Im Jahre 1925 erscheint die Erzählung unter dem Titel „Traitor’s Hands“ (dt.: Die Hände der Verräterin) erstmals in der britischen Zeitschrift „Flynn’s“. In den 30er und 40er Jahren folgen unter dem heute bekannten Titel „Witness for the Prosecution“ in Großbritannien und den Vereinigten Staaten einige Wiederveröffentlichungen. Erst im Jahre 1953 wird das Werk zum Theaterstück umgearbeitet, wobei der Schluss seine bühnenwirksame Veränderung erfährt.

Die Erzählung wirkt – mit nur 24 Seiten Umfang – eher „schmalbrüstig“. Zwar sind alle wichtigen Handlungspersonen (wenn auch zum Teil unter einem anderen Namen als im Theaterstück) vertreten, und auch die elementaren Handlungsstränge werden erwähnt. Doch ist eine Entwicklung der Figuren schwer möglich, da die jeweiligen Beweggründe nur unzureichend beleuchtet werden können. Dies ist dem ursprünglichen Format der Veröffentlichung geschuldet: Da das Werk als nettes Geschichtchen in einer Zeitschrift erschien, war seinem Umfang entsprechend Grenzen gesetzt.

Wie bei einem Theatertext üblich sind hier sowohl Beschreibungen des Setting wie auch von Personen und deren Reaktionen auf ein Minimum reduziert. Vielmehr wird hier auch nicht benötigt: Schließlich entsteht aus einer „schnöden“ Textvorlage erst durch die Kunst aller Theaterschaffenden eine packende Inszenierung für die Bühne (…oder – wie in meinem Fall – vor dem inneren Auge des Lesers). Somit liegt der Schwerpunkt auf die Dialoge. Wie schon in ihren Romanen liefert Christie auch hier versierte Dialoge, die die handelnden Personen treffend charakterisieren und Spannung erzeugen. Dabei ist die Kunst des Schauspiels extrem gefordert: So spielt bei den Dialogen der s.g. „Untertext“ eine immense Bedeutung bei der Aussage. Nicht „was“ gesagt wird ist von Bedeutung sondern „wie“ es gesagt wird und drückt somit unausgesprochene Gefühle, Gedanken und Meinungen der Personen aus.

Das Stück bietet für die drei Hauptrollen ein immenses Potential zur Entfaltung:

  • Leonard Vole: jung, gutaussehend, sympathisch, naiv, wirkt hilflos, mit der Situation überfordert.
  • Romaine Heilger: geheimnisvolle Ausländerin, intelligent, wirkt gefühlskalt und berechnend, innerlich leidenschaftlich.
  • Sir Wilfrid Robarts: versierter Rechtsanwalt, kluger Stratege, sehr erfahren, hat trotzdem Ideale.

Mit den Nebenrollen sorgt Christie für eine humorvolle Auflockerung der eher dramatischen Handlung, um die aufgestaute Spannung beim Publikum zu lösen. Sie lässt die Zuschauer kurz „von der Leine“, um diese im nächsten Moment wieder anzuziehen und die Zuschauer wieder an die Kandare zu nehmen. Hier beweist sich Christies enormes Talent, Geschichten so zu kreieren und die Handlung so geschickt aufzubauen, dass die ständige Aufmerksamkeit des Publikums ihr gewiss ist.

Wie bereits erwähnt wurde das Ende beim Theaterstück gegenüber der Erzählung verändert: Die Erzählung endet mit dem Geständnis von Romain, dass sie über die tatsächlichen Umstände des Mordes informiert war. Das Theaterstück endet deutlich spektakulärer und (passenderweise) theatralischer. Es war früher Gang und Gebe, dass zu einer Erstaufführung eines Stückes Textbücher gedruckt wurden. Diese konnten vom Publikum käuflich erworben werden: Vor dem Theaterbesuch dienten sie zur Vorbereitung auf das Stück und hinterher fungierten sie als Souvenir. Bei „Witness for the Prosecution“ untersagte Agatha Christie das Abdrucken des neuen Endes, um das Publikum nicht um den Überraschungsmoment zu betrügen.

Die Verfilmung aus dem Jahre 1957 glänzt mit einer exzellenten Besetzung: Charles Laughton, Marlene Dietrich und Tyrone Power liefern gemeinsam mit dem restlichen Cast unter der genialen Regie von Billy Wilder Schauspielkunst vom Feinsten. Dagegen wirkt – trotz sexueller Komponente – die Neu-Verfilmung aus dem Jahre 2016 eher farblos und spannungsarm.

Dieses Werk gilt – nach „Die Mausefalle“ – als eines der erfolgreichsten Stücke aus der Feder von Agatha Christie und wird weiterhin gerne auch an deutschen Bühnen von München (2016: Blutenburg Theater) und Berlin (2005: Berliner Kriminal Theater) bis Hamburg (2017: Imperial Theater) inszeniert. Bis zur Schließung aller Theater aufgrund der Corona-Pandemie wurde das Stück äußerst erfolgreich im alten Gerichtssaal der ehrwürdigen London County Hall aufgeführt: Gibt es eine passendere Kulisse für dieses packende Werk?!

Habe ich Eure Neugierde geweckt? Dann greift bitte zum Theatertext. Die Erzählung kann hierbei getrost (Mrs. Christie, ich bitte um Verzeihung!) außer Acht gelassen werden!


Die Erzählung ist zurzeit nur antiquarisch zu erwerben und im Laufe der Jahre in div. Verlagen erschienen, z. Bsp. bei Diogenes/ ISBN: 978-3257208269 oder bei Fischer/ ISBN: 978-3596174621.

Das Theaterstück wird aktuell bei Felix Bloch Erben: Verlag für Bühne, Film und Funk verlegt. Die mir vorliegende Text-Fassung ist in der DDR im Jahre 1971 im Henschel-Verlag erschienen.

[Rezension] María Isabel Sánchez Vegara – Little People, Big Dreams: Agatha Christie/ mit Illustrationen von Elisa Munsó

„Little People, Big Dreams“ lautet eine Reihe im Insel-Verlag, in der biografische Bilderbücher über berühmte Persönlichkeiten veröffentlicht werden. Standen anfangs die starken Frauen im Fokus der Veröffentlichungen, so haben sich jetzt auch schon einige Kerle in die Reihe „geschummelt“. „Biografie“ klingt dabei auch etwas hochtrabend: Vielmehr wird kindgerecht vom Leben dieser herausragenden Persönlichkeiten erzählt, die alle Großes geschaffen haben und somit als Vorbilder für die Kleinen dienen können.

Werfen wir einen Blick auf das Leben von Agatha Christie: Die kleine Agatha liebte schon immer Bücher, und das Lesen von spannenden Geschichten war ihr liebster Zeitvertreib. Was läge da näher, als das sie – sobald sie ein gewisses Alter erreicht hatte – eigene spannende Geschichten schrieb…!

„Als junges Mädchen habe ich mich großartig damit unterhalten,
unerhört finstere Geschichten zu schreiben, in denen
alle vorkommenden Personen draufgingen.“
Agatha Christie

Äußerst ansprechend und somit durchaus auch schon für jüngere Leser*innen geeignet wird auf nur 26 illustrierten Seiten geschildert, wie aus der kleinen Agatha die große „Queen of Crime“ wurde. Dabei wird der Fokus nicht auf die pikanten Details eines Künstlerlebens gerichtet: Ihr mysteriöses Verschwinden im Jahre 1926 bleibt ebenso unerwähnt wie ihre glücklose Ehe und die anschließende Scheidung von ihrem ersten Mann. Die Erwähnung dieser Details wären in einem Bilderbuch auch völlig deplatziert, da sie dem Kerngedanken dieser Buch-Reihe nicht gerecht werden.

Vielmehr geht es darum, zu verdeutlichen, wie Christies Leidenschaft zu Schreiben geweckt wurde, woraus sie ihre Inspiration schöpfte, und wo und wie sie sich das nötige Wissen aneignete. Hierbei wird ein verspielter Blick auf ihre genialen Schöpfungen geworfen, und so dürfen auch ihre beiden bekanntesten und beliebtesten Spürnasen nicht unerwähnt bleiben: Mr. Hercule Poirot und Miss Jane Marple.

Illustrationen Elisa Munsó Little People, Big Dreams - Agatha Christie Insel Verlag (4)

Die Texte von María Isabel Sánchez Vegara sind auf das Wesentliche beschränkt und könnten somit eher als beschreibende Bildunterschriften bezeichnet werden. Vielmehr sind es die Illustrationen von Elisa Munsó, die – auch beim mehrfachen Betrachten – die meisten Informationen zu Agatha Christie preisgeben: Da gibt es charmante Anspielungen auf die Krimis „Mord im Orientexpress“ und „Tod auf dem Nil“ sowie auf ihr wohl bekanntestes Theaterstück „Die Mausefalle“. Auch das berühmte Porträt mit Christie zwischen den Bücherstapeln findet Entsprechung in einer Zeichnung. Die Illustratorin gestaltet dabei ihre Hauptperson mit einem markanten Wiedererkennungswert, da sie in ihr die Physiognomie der realen Person deutlich werden lässt.

Am Ende eines jeden Buches findet die Leserin/ der Leser zudem eine Zeitleiste mit Original-Fotos sowie einen Lebenslauf in Text-Form.

Mit „Little People, Big Dreams“ ist eine wunderbare Reihe entstanden, die unterhaltsam vom Werden großer Persönlichkeiten, die Außergewöhnliches geleistet haben, berichten. Denn auch diese Heldinnen und Helden waren einmal klein, und diese kleinen Leute hatten große Träume!


erschienen bei Insel/ ISBN: 978-3458178378

MONTAGSFRAGE #77: Buch mit Huhn (oder Ei)?

Das letzte Mal, wo ich – so wie heute – nach dem Lesen einer Frage hysterisch aufgelacht habe, war im Jahre 1989, als ich einen ersten Blick auf die Aufgaben der Abi-Klausur im Fach „BWL“ warf. Das Ergebnis waren „sensationelle“ 3 Punkte. Für meine Abi-Klausur im Fach „Deutsch“, in der ich eine gelungene Abhandlung zu „Die Geschwister Oppermann“ von Lion Feuchtwanger lieferte, gab es dann stattliche 13 Punkte. Somit dürfte klar sein, warum ich hier Bücher rezensiere und keine Wirtschafts-Tipps gebe!

Doch nun habe ich ausgelacht, mich halbwegs wieder beruhigt und könnte mich somit der Beantwortung der heutigen Montagsfrage widmen. Unsere Hüterin der Montagsfragen Antonia sprach von einer recht leichten Frage: Hm, ja, nee, is klar…!

Morgen erscheint auf meinem Blog der erste Beitrag zu „Literaten im Fokus“, und so kreisen meine Gedanken seit einigen Tagen um Agatha Christie und ihren literarischen Geschöpfen. Wen wundert es da, dass mir bei dieser Frage als erstes der Name eines kleinen Belgiers (…nicht Franzose: Drauf legt er gesteigerten Wert!) einfiel.

  • Frage: Buch mit Huhn (oder Ei)?
  • Antwort: Jeder Roman mit Hercule Poirot in dem er ein Frühstück zu sich nimmt!

Unser genialer wie pedantischer Meisterdetektiv hat ein ausgewachsenes Faible für Symmetrie. Dieser Spleen geht soweit, dass er zum Frühstück immer 2 weichgekochte Eier zu sich nimmt, die in Größe und Aussehen absolut identisch sein müssen. Hierbei verlässt sich Poirot (ausnahmsweise) nicht auf sein exzellentes Augenmaß, sondern prüft Höhe und Breite der Eier mit Hilfe eines kleinen Lineals. Sind diese Eier nicht vollkommen, dann müssen sie – Vite! Vite! – schnellstens durch 2 neue Eier ersetzt werden. Poirot liebt die Perfektion, die er bis zur Manie pflegt.

Aber wahrscheinlich haben gerade diese kauzigen Eigenarten ihn zu dem erfolgreichen Meisterdetektiv werden lassen, dessen Beliebtheit bei der Leserschaft nach wie vor ungebrochen scheint.

…Buch, Huhn oder Ei? Was war als erstes da???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Noch ein Gedicht…] August Heinrich Hoffmann von Fallersleben – DAS OSTEREI

Hei, juchhei! Kommt herbei!
Suchen wir das Osterei!
Immerfort, hier und dort
und an jedem Ort!

Ist es noch so gut versteckt,
endlich wird es doch entdeckt.
Hier ein Ei! Dort ein Ei!
Bald sind’s zwei und drei!

Wer nicht blind, der gewinnt
einen schönen Fund geschwind.
Eier blau, rot und grau
kommen bald zur Schau.

Und ich sag’s, es bleibt dabei,
gern such ich ein Osterei:
Zu gering ist kein Ding,
selbst kein Pfifferling.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

[Rezension] Das Buch der Märchen/ ausgewählt und illustriert von Friedrich Hechelmann

Mit „Es war einmal…“ fangen alle Märchen an! Tatsächlich alle? Bei den in diesem Buch versammelten 22 Märchen beginnen nur 8 von ihnen mit diesem bekannten Opener, wovon 7 Geschichten aus der Feder der Brüder Grimm stammen. Ist dies nur ein Zufall und der vorliegenden Auswahl geschuldet? Ich weiß es nicht. Es ist aber auch nicht wichtig. Wichtig ist nur zu wissen, dass Friedrich Hechelmann hier eine abwechslungsreiche Auswahl an bekannten und weniger bekannten Märchen getroffen hat. Dies gilt sowohl für die Werke des schon genannten Brüderpaars (12) als auch für die Märchen von Wilhelm Hauff (3) und Ludwig Bechstein (6). Selbst Eduard Mörike ist mit seinem Märchen „Die Historie von der schönen Lau“ vertreten und bildet den krönenden Abschluss einer gelungenen Zusammenstellung, bei der sich Hechelmann auf die deutschen Märchensammler beschränkt hat.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich einen enormen Nachholbedarf an Märchen von Hauff und Bechstein hatte, und auch Mörike war mir nicht als Märchenerzähler in Erinnerung. Doch dank dieses Märchenbuches konnte ich Abhilfe leisten…!

Märchen regen die Fantasie an, verpacken ihre Botschaft in eine spannende Geschichte und spielen mit Zeit und Raum. Die Charakterisierung der Figuren erfolgt in klaren Grenzen: Menschen mit guten Tugenden werden belohnt und das Böse hart bestraft. Märchen sind in ihrer Aussage oft auch sehr plakativ. Und so gibt es nur wenige Märchenbücher, die ihre Geschichten nicht in Kombination mit Illustrationen präsentierten.

Auch hier war Friedrich Hechelmann sehr aktiv und schuf für jedes Märchen einerseits ganzseitige Illustrationen, andererseits fügte er Bilder hinzu, die durchaus passend aber nicht explizit für dieses Märchen entstanden sind. Bei den Märchenbildern spielt der Künstler teilweise sehr humorvoll mit den Regeln der Dimension, verschiebt die Proportionen der Figuren beinah ins Groteske, präsentiert aber eine kindgerechte Märchenwelt in warmen, satten Farben. Die Illustrationen, die nicht unbedingt dem Märchen zugeordnet werden können, sind deutlich „stiller“. Sie „schreien“ nicht und springen dem Betrachter nicht unbedingt sofort ins Gesicht. Dafür verströmen sie eine zarte, beinah mystische Atmosphäre und zeigen mit der meisterlichen Kombination von Licht, Schatten und Farben eine Tiefe, die einen enormen Sog entwickelt. Die ausgewählten Bilder repräsentieren eine Schaffensperiode von vierzig Jahren.

Erwähnenswert empfinde ich auch die Zeichnungen zu den Anfangsbuchstaben der Märchen: Hier zimmern und bauen zwei Männchen – zum Teil mit einer Leiter bewaffnet – die Buchstaben aus Einzelteilen zusammen. Ein wunderbarer, augenzwinkernder Spaß…!

Ich besitze schon so einige Märchenbücher, und doch kommt von Zeit zu Zeit immer gerne wieder eins dazu!

Mein liebes Cousinchen, ich danke Dir von Herzen für dieses wundervolle Geschenk! ❤


erschienen bei Sanssouci/ ISBN: 978-3990560099

MONTAGSFRAGE #76: Welche Bücher könnt ihr Eltern (& gelangweilten Kindern) gerade sehr empfehlen?

Hihihi! So eine einfache Frage…! Antwort: Na, alles von Astrid Lindgren und Erich Kästner! So, fertig…!

Nein, keine Bange, so einfach mache ich es mir natürlich nicht. Aber da ich immer sehr gerne und mit wachsender Begeisterung auch der Kinder- und Jugendliteratur ein Plätzchen auf meinem Blog einräume, stöbere ich für Euch etwas in meiner Rubrik „Das geschriebene Wort…“ und stelle Euch eine kleine Kollektion zusammen:

Für kleine und große Entdecker…

Zauberhafte Bilderbücher mit Botschaft…

Klassiker: neu interpretiert…

Märchen schreibt die Zeit…

Lindgren, Kästner & Co. …

Woher nehmen und nicht stehlen…

Wer sich nun noch fragt, wie er in Zeiten der heimischen Isolation an Lesestoff kommen soll, für den habe ich hier drei ganz pragmatische Tipps:

  • Viele Buchhändler sind nach wie vor telefonisch, per Mail oder Fax für uns erreichbar und verfügen über einen Online-Shop: Einfach das gewünschte Buch bestellen und – Schwupps! – wird es bis vor die Haustür geliefert. Die Buchhandlung in Eurer Nachbarschaft findet Ihr hier.
  • Auch die Bibliotheken im Land sind weiterhin sehr rührig. Viele bieten in Zeiten von Corona eine kostenlose „Onleihe“ an. Erkundigt Euch gerne bei der Bibliothek in Eurer Nähe, ob sie diesen Service auch anbietet. Adressen findet Ihr hier.
  • Tauschen, tauschen, tauschen: Einfach mal bei Familie, Freunden und Nachbarn nachfragen, ob diese interessante Bücher haben oder ihnen die eigenen Bücher anbieten. Beim nächsten Spaziergang wird das Buch sicher am vereinbarten Ort (Terrasse, Garage, Carport) hinterlegt. Zudem wäre es eine wunderbare Geste, wenn eine witzige Karte mit einer persönlichen Nachricht beim Buch liegen würde! Manchmal bedarf es nur einer Kleinigkeit, um anderen Menschen eine Freude zu bereiten! 🥰

Wer jetzt noch jammert, sie/er hätte nix mehr zu lesen, ist selber schuld!

…???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

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[Rezension] Sarah-Jane Stratford – Radio Girls

Die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts: Der 1. Weltkrieg war zwar vorbei aber noch lange nicht vergessen. Die Gesellschaft war im Umbruch begriffen. Das öffentliche Leben nahm wieder an Fahrt auf, und auch die Frauen definierten sich und ihre Rollen neu. Die Welt schien ihnen offen zu stehen: Doch viele unausgefochtene Kämpfe warteten noch auf sie, da das männliche Patriarchat noch allgegenwärtig war. Frauen eroberten sich Berufe, die sonst den Männern vorbehalten waren. Und auch das neubeschlossene Frauenwahlrecht leistete seinen grundlegenden Anteil zur weiblichen Emanzipation…!

Es ist das Jahr 1926. Die aus einfachen Verhältnissen stammende Maisie Musgrave bewirbt sich bei der BBC – British Broadcasting Corporation, in der Hoffnung einen der begehrten Posten als Sekretärin zu ergattern. Das Glück ist ihr hold: Trotz mangelnder Referenzen wird sie einerseits die Assistentin der Sekretärin vom Generaldirektor John Reith, andererseits soll sie auch als Sekretärin für den Programmdirektor der Vortragsabteilung tätig sein. Zu ihrer größten Überraschung entpuppt sich der Programmdirektor als die agile, moderne und intelligente Hilda Matheson, die mit gewagten Themen und provokanten Referenten einen frischen, modernen Wind durch die BBC wehen lässt – häufig sehr zum Missfallen von Direktor John Reith, der zwar eine gute Publicity durchaus zu schätzen weiß, ansonsten allerdings eher einen konservativen Kurs fährt. Maisie ist fasziniert von dieser scharfsinnigen Frau und entdeckt dank dieser Mentorin ihr eigenes Potential. Peu à peu entwickelt sie sich vom schlichten, verängstigten Mädchen zur gescheiten, selbstbewussten jungen Frau, die, selbst als ihr Liebster dem Einfluss von Faschisten verfällt, nicht von ihrer Haltung abweicht…!

Der Autorin Sarah-Jane Stratford ist – Wie formuliere ich es treffend? – ein pulsierender Roman gelungen. Ja, „pulsierend“ trifft es am besten: Sie treibt die Handlung zügig voran und porträtiert das Arbeiten im Savoy Hill, dem damaligen Sitz der BBC, als ein schwirrender Bienenstock, wo weder die Zeit noch die dort tätigen Menschen still zu stehen scheinen. Alles ist in Bewegung! Schnelligkeit scheint gefordert! Ein rasches Handeln entscheidet über Erfolg oder Misserfolg!

Das Auftreten historischer Persönlichkeiten und die geschichtlichen Ereignisse der Zeit (Frauenwahlrecht, der schwarze Freitag) werden geschickt mit der Handlung verwoben, ohne dass dies aufgesetzt wirkt oder den Fluss der Geschichte bremst. Auch die Gefahr, die durch die Anhänger des Faschismus in Großbritannien ausgeht, wird glaubhaft dargestellt und ohne übermäßige Effekthascherei beschrieben.

So gibt die Autorin uns einen interessanten Einblick hinter den Kulissen der damals noch recht jungen BBC, der den Rahmen für die eigentliche Geschichte bildet. „Radio Girls“ ist im Grunde eine Geschichte über die Emanzipation der Frauen. Maisie Musgrave steht stellvertretend für alle Frauen, die die Ketten der Vergangenheit abschüttelten, den männlichen Konventionen trotzten und ihre Chancen ergriffen, da sie mehr wollten (und konnten!) als einzig und allein Schreibkraft, Vorzimmerdame, Ehefrau oder Mutter zu sein.

…ein lockerer Unterhaltungsroman, der sich – wie in meiner Antwort zur MONTAGSFRAGE# 74 schon erwähnt – definitiv als Quarantäne-Lektüre eignet. 😉


erschienen bei btb/ ISBN: 978-3442716449

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #75: Habt ihr im Moment mehr oder weniger Zeit zum Lesen?

Die heutige Montagsfrage kann ich mit einem schlichten und pragmatischen „weder/noch“ beantworten.

Mein Leben verläuft (noch) in verhältnismäßig normalen Bahnen: Ich gehe nach wie vor in gewohnter Weise meiner Arbeit nach, kümmere mich um Haushalt und Garten und tätige die Einkäufe des täglichen Bedarfs. Auch das tägliche Füttern der .LESELUST-Seite auf facebook mit Inhalt bindet eine gewissen Zeit.

Nebenbei mache ich mir schon Gedanken bzgl. der Oster-Präsente für Familie und Freunde und habe diesbezüglich schon die ersten Gutscheine bei den ortsansässigen Geschäften geordert.

Durchaus fehlen mir die regelmäßigen Besuche von Theater, Konzert, Kino u.v.m., und ich versuche dies mit einem Klick auf die div. kulturellen Online-Seiten zu kompensieren.

Was ich allerdings nur mäßig kompensieren kann (und da helfen Telefonate auch nur bedingt), sind Treffen mit lieben Menschen. Ich bin eben der soziale Typ und brauche den direkten Kontakt mit meiner Familie und meinen Freunden. Der Gedanke, dass dieser Zustand vielleicht noch Wochen anhält, lässt mich durchaus schwindlig werden. Aber aufgeben und jammern wären definitiv keine Optionen für mich. Da heißt es eher „Arschbacken zusammenkneifen und durch…!“

Doch dass die Langeweile mich nun schier überrollt und zum vermehrten Lesen animiert, kann ich nun nicht behaupten.

…und wie sieht es bei Euch aus: Lese-Flut oder Lese-Flaute???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

Literaten im Fokus…

Manchmal ist es wie verhext: Ohne eigenem Zutun und somit beinah wie aus heiterem Himmel fallen mir manchmal Bücher zu Autorinnen und Autoren in den Schoss, die sich wunderbar eignen, um im überschaubaren Rahmen einer kleinen Monats-Reihe hier auf meinem Blog rezensiert zu werden. Dabei handelt es sich einerseits um Original-Werke der jeweiligen Autorin/ des jeweiligen Autors aber auch um Begleit-Werke, die auf die originalen Werke Bezug nehmen, von ihnen inspiriert wurden oder deren Autor*innen als Zeitzeugen fungieren.

Bei allen 4 Autor*innen handelt es sich um bekannte Namen in der Literatur: Alle werden von mir gleichermaßen hochgeschätzt und sind mit ihren Werken durchaus schon häufiger auf meinem Blog in Erscheinung getreten. Doch nun möchte ich Euch nicht länger auf die Folter spannen und Euch die Namen meiner 4 Auserwählten verraten…!

Ladies First: Ich beginne meine kleine Reihe im April mit Agatha Christie, der unumstrittenen „Queen of Crime“. Im Juni werfen wir einen (Augen-)Blick auf das Schaffen vom großen Literaten Erich Kästner. Der August offenbart uns das eine oder andere Highlight aus dem Œuvre von Georges Simenon. Im Oktober verweilen wir einen Moment bei Christopher Isherwood und ergötzen uns an seinem Talent.

Wir Buch-Blogger neigen dazu, allzu häufig auf die Verlagsvorschauen mit den Neuerscheinungen zu schielen und übersehen darüber leicht die literarischen Schätze der Vergangenheit. Vielleicht kann ich mit meiner kleinen Reihe dem ein wenig entgegenwirken und hoffe, dass Euch diese kleinen Retrospektiven viel Freude bereiten!!!

[Rezension] Jeff Cohen – Eine Leiche riskiert Kopf und Kragen

Samuel Hoenig ist der felsenfesten Überzeugung, dass die Menschheit nur auf seine neugegründete Agentur „Fragen Beantworten“ gewartet hat. Schließlich hat jeder Mensch hin und wieder eine Frage, die es effizient und logisch zu beantworten gilt, und darin ist Samuel ein wahrer Meister. In vielen anderen Bereichen des täglichen Lebens ist er eher überfordert und neigt zu Fehleinschätzungen. Als Asperger-Autist liegen seine Kernkompetenzen eben nicht im zwischenmenschlichen Bereich. Da kommt ihm die Unterstützung von Janet Washburn gerade recht, die der Zufall in sein Büro geweht zu haben scheint, und die er kurzerhand als seine Partnerin/Assistentin rekrutiert. Aber auf die Verlässlichkeit vom „Zufall“ verlässt sich Samuel nicht, besonders nicht beim Beantworten der Frage „Wo ist der Kopf von Mrs. Masters-Powell?“, die Dr. Marschall Ackerman ihm stellt. Als Direktor eines Instituts, das sich mit Kryonik beschäftigt, war ihm bedauerlicherweise der tiefgefrorene Kopf eines „Gastes“ abhanden gekommen. Bei einem Ortstermin stolpern Samuel und Janet zudem über die Leiche einer beim Institut angestellten Ärztin und finden sich unversehens zwischen einem inkompetenten Detective, dem ruppigen Sicherheits-Chef, der neugierigen Science-Bloggerin und den aufgebrachten Familienangehörigen von Mrs. Masters-Powell wieder. Da heißt es umso mehr, einen kühlen Kopf zu bewahren, um nicht ebendiesen zu verlieren…!

„Spezielle“ Ermittler scheinen seit einiger Zeit sehr „en Vogue“: So flimmerte ab 2002 Tony Shalhoub als neurotischer Adrian Monk über unsere Bildschirme, und auch der deutsche Autor Gil Ribeiro (alias Holger Karsten Schmidt) schickte 2017 mit Lost in Fuseta einen Ermittler mit Asperger-Syndrom ins literarische Rennen.

Bei allen genannten Darstellungen wird der Betroffene nie als Witzfigur oder Freak bloßgestellt, und auch zum Mitleid besteht hier keinen Grund. Gerade diese Andersartigkeit, die oftmals gepaart ist mit einem extrem logischen Geist, macht diesen Ermittler-Typ so einzigartig und vielschichtig.

Ebendies ist Autor Jeff Cohen auch mit der Figur des Samuel Hoenig gelungen. Dadurch, dass er sich nicht von menschlichen Empfindungen, verbalen Floskeln und gesellschaftlichen Konventionen ablenken lässt, arbeitet er äußerst effizient. Damit er nicht in peinliche Fallen tappt, die das zwischenmenschliche Miteinander so mit sich bringen, etabliert Cohen mit der empathischen Janet Washburn eine Figur, die einerseits als attraktiver Sidekick für Hoenig fungiert, andererseits mit einer eigenen Geschichte, die sicherlich Potenzial für weitere (auch zwischenmenschliche) Verwicklungen in sich birgt, ausgestattet wurde.

Seine Erfahrungen als Drehbuchautor kommen auch diesem Krimi zugute: Die Handlung gewinnt mehr und mehr an Fahrt, Verwicklungen nehmen zu, und jede/r erscheint irgendwie verdächtig. Zudem spielt Cohen unterhaltsam mit Klischees, die wir aus bekannten TV-Serien kennen und lieben. Zudem gelingt ihm das Kunststück, den „Behinderten“ zwischen all den „Nichtbehinderten“ mit ihren Allüren, Ängsten und Geheimnissen erfreulich „normal“ erscheinen zu lassen und gönnt dieser Figur den nötigen Raum zur Entwicklung.

Alles in allem ist dem Autor ein witziger und kurzweiliger Krimi für entspannte Lesestunden geglückt: Manchmal braucht es aber auch nicht mehr!


erschienen bei Blanvalet/ ISBN: 978-3734103490