[Noch ein Gedicht…] Klaus Göltl – ADVENT ADVENT: EIN JEDER RENNT

Im Kaufhaus sieht man Menschen flitzen.
An Fenstern grelle Lichter blitzen.
Auch seit November hängt nun schon
der Weihnachtsmann dort vom Balkon.

Die Hausfrau überlegt seit Wochen:
Was tut sie wann an Weihnacht kochen?
Wo ist sie die Besinnlichkeit
in dieser Vorweihnachtszeit?

Der Plätzchenduft, der Kerzenschimmer,
Geschenke basteln im warmen Zimmer,
Weihnachtslieder und Geschichten,
die von der Geburt Jesu berichten.

Ich wünsch euch für die kommende Zeit
etwas mehr von der Besinnlichkeit.

Klaus Göltl

[Die Bücher meines Lebens] Erich Kästner – DREI MÄNNER IM SCHNEE

– 2007 –


Es gibt sie, die Bücher, die Balsam für die Seele sind.
Es gibt sie, die Bücher, die dich einhüllen wie in einen schützenden Kokon.

Es gibt sie, die Bücher, die dich gleichzeitig zum Lachen und zum Weinen bringen.

Der Roman „Drei Männer im Schnee“ von Erich Kästner zählt für mich zu diesen kleinen, literarischen Schätzen, die gar nicht häufig genug gewürdigt werden können.

Natürlich habe ich als Kind die wunderbaren Kinderbücher von Kästner gelesen, schließlich war ich Dauergast in unserer kleinen Gemeindebücherei in meinem Heimatort. Anfangs war sie sogar in zwei Klassenräumen in meiner Grundschule untergebracht. Da meine Eltern nicht über die finanziellen Mittel verfügten, mich mit ausreichend Lesestoff zu versorgen, war die Gemeindebücherei mein Buch-Paradies, mein Lese-Eldorado, mein Zufluchtsort! Zumal die Ausleihe für Kinder und Jugendliche damals noch kostenfrei war. Wahrlich paradiesisch…!

…und so schloss ich Freundschaft mit Emil und Gustav mit der Hupe, mit Pünktchen und Anton, mit Lotte und Luise,…

…und erst viele Jahre später begriff ich, welch feinsinniger Beobachter Erich Kästner war, der die Sorgen der Kinder wahrnahm und auf seine einfühlsamen Art thematisierte. Dabei stellte er die Kinder mit ihren Problemen nie bloß sondern nahm sie in ihren Nöten ernst. Leider dauerte es einige Jahre bis ich den „Kästner für Erwachsene“ für mich entdeckte. Warum es dauerte, kann ich nicht sagen. Manchmal braucht etwas seine Zeit, und manchmal muss der Mensch erst reifen, um für ein bestimmtes, literarisches Werk empfänglich zu sein.

Für den „Kästner für Erwachsene“ war ich erst in meinen 30ern erwachsen genug, für den „Kästner für Kinder“ bin ich hoffentlich nie zu erwachsen. Wie passend, dass „Drei Männer im Schnee oder Das lebenslängliche Kind“ einen absoluten Spitzenplatz in meinem Kästner-Kosmos einnimmt. So erfreue ich mich bei jedem Wieder-Lesen an den intelligent-witzigen Dialogen und genieße die feine Kästner’sche Ironie, die so leicht zu überlesen wäre, wenn der geneigte Leser zu oberflächlich lesen würde. Erich Kästner war ein wahrer Könner seines Fachs: Schaute er auch sehr genau auf die menschliche Natur und entlarvte Eitelkeiten und Standesdünkel, so blieb er doch durch und durch ein Menschenfreund und kommentierte als Satiriker und Romancier die Schwächen der Leute immer mit einem Augenzwinkern,…

…und so menschelt es an allen „Ecken und Kanten“: Die Geschichte durchzieht ein altruistischer Grundgedanke ohne den erhobenen Zeigefinger der Moral. Ein allzu dogmatisches Verweisen auf die offensichtliche Botschaft vom Gutmenschen wäre bei mir auch eher auf Ablehnung gestoßen. Wie schon erwähnt, erscheinen mir dogmatisch und vehement vertretende Ansichten fragwürdig und lösen meinen Impuls zur Kritik aus. Vielmehr fliest der humanitäre Geist leise und unaufdringlich durch die Zeilen. Diese charmante Geschichte katapultierte sich in mein Herz hinein, und ich konnte nichts dagegen tun! Immer wenn meine Seele eine ordentliche Portion Streicheleinheiten benötigt, greife ich zu diesem Buch oder schaue mir den alten Film mit Paul Dahlke, Günther Lüders und Claus Biederstaedt an,…

…und dann rollten sie bei mir wieder, die Tränen: vor Lachen und vor Rührung.

Ein richtiger Seelentröster…!!!


erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3855359585 / Neu-Auflage erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3038820161

[Rezension] Weihnachten mit Astrid Lindgren/ herausgegeben von Anne-Kristin zur Brügge

Dies war eines dieser Bücher, um das ich in den Buchhandlungen Jahr für Jahr drum rum geschlichen bin, immer mit dem Satz im Kopf „Du brauchst es nicht wirklich: Du findest die Geschichten sicherlich in all den Lindgren-Büchern, die Du schon besitzt!“ Dann war die Saison vorbei, und meine Gedanken an dieses Buch verblassten. Doch in der nächsten Saison drehte ich wieder meine Runden und hinterließ eine Spurrille im Parkett so mancher Buchhandlung. Doch nun habe ich es mir selbst zu meinem 50. Geburtstag geschenkt (Glückwünsche nehme ich nach wie vor gerne huldvoll entgegen!), da es einfach nur wunderbar ist, die zauberhaften Winter- und Weihnachtsgeschichten von Astrid Lindgren gesammelt zwischen zwei Buchdeckel zu besitzen.

Zudem entzünden wir morgen die erste Kerze auf dem Adventskranz, die besinnliche Zeit beginnt, und so könnte kein anderes Buch passender sein, um meine kleine Reihe „Lektüre zum Fest“ zu eröffnen.

Hallo! Da seid ihr ja wieder: ihr Rotzlöffel und Abenteurer, ihr Angsthasen und Weltenerkunder, ihr Naseweise und Frechdachse. Und wie sehr liebe ich Euch alle!

Da ist Pelle, der vor der Ungerechtigkeit der Welt in Form seines Papas flieht und demonstrativ in das kleine Gartenhäuschen zieht. Da ist Johann, der um seine geliebte Kuh trauert und dem wie aus heiterem Himmel ein Kälbchen vor die Füße fällt. Da ist Tomte Tummetott, der Jahr für Jahr über seinen Hof, seine Tiere und seine Menschen wacht. Da ist Pippi, die außer- und ungewöhnlich aber nicht weniger stimmungsvoll Weihnachten feiert. Da ist Michel, der nach einem turbulenten Weihnachtsfest seinen letzten Willen aufschreibt. Und natürlich feiern die Kinder aus Bullerbü das Weihnachtsfest gemeinsam und tanzen fröhlich um den festlich geschmückten Weihnachtsbaum.

Allein die Geschichten von Astrid Lindgren rühren das Herz, lassen Kindheitserinnerungen an vergangene Weihnachten aufleben und pflanzen ihre Botschaft ganz sachte in die Seele.

Veredelt wird diese Anthologie durch die Talente der Illustrator*innen Björn Berg, Katrin Engelking, Lars Klinting, Rolf Rettich, Jutta Timm, Harald Wiberg und Ilon Wikland. Sie schaffen mit ihren Bildern für die jeweilige Geschichte eine stimmige Atmosphäre: schelmisch-drollig, rührend-poetisch, bunt-humorvoll, modern-verspielt oder klassisch-dezent. Jede und jeder überzeugt mit einem individuellen Stil.

Dieses Buch werde ich zur Advents- und Weihnachtszeit sicherlich sehr häufig zur Hand nehmen, in ihm blättern und mich in die Geschichten meiner kleinen Held*innen vertiefen,…

…und dazu benötige ich nicht unbedingt das liebste Patenkind der Welt als Alibi: Wobei das Vorlesen der Geschichten und das gemeinsame Betrachten der Illustrationen uns beiden ein großes Vergnügen bereiten werden.


erschienen bei Oetinger/ ISBN: 978-3789141843

[Die Bücher meines Lebens] Truman Capote – FRÜHSTÜCK BEI TIFFANY

– 2002 –


Na, da bist du ja wieder, Holly Golightly! Wie viele Jahre haben wir uns nicht gesehen? Dabei haben wir uns nie aus den Augen verloren – vielmehr: Ich habe dich nie gänzlich aus den Augen verloren. Manchmal hat sich mir vielleicht etwas in den Vordergrund gedrängt und dich verdeckt (Als wenn es möglich wäre!), aber du bist nie völlig aus meinem Blick entschwunden. Häufig hörte ich schon die ersten zarten Töne deiner Gitarre, lange bevor ich dich erblickte. Im Gegenzug hast du mir nie Deine Aufmerksamkeit geschenkt. Warum solltest Du auch? Ich gehörte nie zu deinen präferierten Verehrern: zu unscheinbar, zu mittellos, zu wenig Stiel. Ich spiele nicht in deiner Liga! Aber das ist absolut okay für mich. Ich bin sehr zufrieden mit meiner stillen Beobachter-Rolle und sehr glücklich, hin und wieder meinen Blick auf dich, du kapriziöses Geschöpf, werfen zu dürfen…!

„Moon river, wider than a mile / I’m crossing you in style some day!“

Na, da bist du ja wieder, Holly Golightly! Und nach all den Jahren, nachdem Truman Capote im Jahre 1958 zum ersten Mal der Welt von deiner Existenz berichtete, hast du nichts von deinem Zauber eingebüßt. Dabei lag selbst die Geschichte, die Truman uns erzählte, schon einige Jahre zurück: Es war 1943 als Du in dieses alte Backsteinhaus in der East Side von New York gezogen bist – zusammen mit dem namenlosen Kater, den du irgendwann am Flussufer aufgegabelt hattest. Da er dir nicht gehörte, wolltest du ihm auch keinen Namen geben. Du wolltest nichts in Besitz nehmen, solange du nicht die Stelle gefunden hast, wo du und dein Besitz gemeinsam hingehören. Heute weiß ich, dass du nach einem Ort gesucht hast, den du hättest „Heimat“ nennen können…!

„Oh, dream maker, you heart breaker / Wherever you’re goin‘, I’m goin‘ your way!“

Völlig egal ob deine Geschichte 1943, 1958, 1961, 2002 oder heute erzählt wird: Du bist so jung, so schön, so mondän, so voller Klasse – und so modern, eine moderne Frau mit einer Vergangenheit voller Geheimnisse und einer Zukunft voller Ungewissheit.

Völlig egal ob du mir schwarz auf weiß oder in Zelluloid gehüllt erscheinst: Dein Lächeln betört, dein Blick verlockt, dein Charme verführt und deine Grazie überwältigt – und sei gewiss, dies wird sich nie ändern. Eine bitter-süße Wehmut überkommt mich, da ich spüre, dass du längst schon wieder fort bist – lange bevor der letzte Ton deiner Gitarre verstummt ist.

Am Briefkasten des Backsteinhauses in der East Side klebt immer noch deine Visitenkarte (das einzige, das du dir von Tiffany leisten konntest) mit dem Aufdruck „Miss Holly Golightly, Auf Reisen“.

Der namenlose Kater hat seine Heimat gefunden. Du bist weiterhin auf Reisen.

Lebe wohl, Holly!

❤️


erschienen bei Langen-Müller/ ISBN: 978-3784429946 / Neu-Auflage erschienen bei Kain & Aber/ ISBN: 978-3036951591

[Die Bücher meines Lebens] Armistead Maupin – STADTGESCHICHTEN

– 1997 –


Ich war mitten drin in meinem Outing! Ein Jahr zuvor war ich endlich aus dem elterlichen Käfig entflohen, hatte meine erste eigene kleine Wohnung bezogen und zudem mich einer Kurs-Kameradin (= Freundin = Trauzeugin = Wahl-Schwester) offenbart. Einige mir wichtige Menschen sollten ihr peu à peu folgen. Ihre Reaktionen waren alle doch recht ähnlich: „Ja, nee, war klar!“ über „Ja, und…?“ bis „Ist mir egal! Ich hab dich lieb!“. Mit all diesen sehr wertvollen Menschen (sofern leider nicht schon verstorben) bin ich auch heute noch sehr eng befreundet. Mein Outing hatte sich zu einer emotionalen „Tour de Force“ entwickelt, die allerdings gleichzeitig aufregenden, unvorhersehbar und absolut beglückenden für mich war.

Irgendwann im Laufe des Jahres fielen mir Armistead Maupins Stadtgeschichten vor die Füße, klammerten sich an meinem Hosenbein fest und schienen „Bitte nimm mich mit!“ zu winseln. Wer hätte dieser Bitte wiederstehen können? Ich ganz sicher nicht! Und so adoptierte ich kurzerhand die bunte Patchwork-Familie aus der Barbary Lane Nr. 28 in San Franzisco: Mary Ann Singelton brachte mich mit ihrem Hang zu misslungenen Dates mit Männern zum Schmunzeln, während mein Herz bei Michael Tolliver deutlich schneller schlug (Ich könnte nicht mit 100%iger Sicherheit sagen, ob ich standhaft geblieben wäre, hätte er mir „Bitte nimm mich mit!“ zugeflüstert.), und die unübertreffliche Anna Madrigal wurde von mir kurzerhand zu meiner „Leih“-Mutter auserkoren. Ja, da war es das pralle Leben voller Lust, Leidenschaft und Liebeshunger, das gleichzeitig tieftraurig sein konnte und eine berührende Tragik beinhaltete. Waren sie doch alle Suchende nach Liebe, Akzeptanz und Anerkennung…!

Gleichwohl schafft Maupin den schwierigen Spagat zwischen „Comedy & Tragedy“: Sein Humor durchzieht alle 6 Romane und sorgt dafür, dass ich mich als Leser wohl, ja, sogar geborgen fühle. Doch sobald ich mich sicher fühlte, packte er mich emotional und rührte mich zu Tränen. Seine Figuren lassen auf ihrer Suche nach „’nem kleenen Stückchen Glück“ viele Chancen verstreichen, treffen nicht die richtigen Entscheidungen, scheitern. Da ist Trauer und Melancholie spürbar. Doch jammervoll aufgeben ist keine Option: Mit erhobenem Kopf geht es weiter!

Armistead Maupin mag seine Figuren mit all ihren Macken, Fehlern und Absonderlichkeiten und zeichnet die Charaktere zwar durchaus ironisch aber sehr, sehr liebevoll. Seine Botschaft ist eindeutig: „Es ist vollkommen in Ordnung, anders zu sein!“

Die Botschaft galt auch für mich und gab mir Halt auf meiner Suche nach einem Platz im Leben,…

„Es ist vollkommen in Ordnung, anders zu sein!“

…und diese Botschaft gilt für mich noch heute!!!


erschienen bei Rowohlt/ ISBN: 978-3499239694, 978-3499239762, 978-3499239823, 978-3499239908, 978-3499239960 & 978-3499240058

MONTAGSFRAGE #60: Empfehlenswertes Buch mit Tier?

Liebe Antonia! Ein Hoch auf Deine Großzügigkeit: Du bist da ja glücklicherweise sehr entspannt, was die Auslegung dieser Frage anbelangt, d.h. von „Animal Farm“ bis „irgendwo in der Handlung zwitscherte mal ein Vögelchen“ ist alles erlaubt. 😸

Ich habe früher mit großer Begeisterung die Katzenkrimis von Rita Mae Brown (mit Co.-Autorin Sneaky Pie Brown) verschlungen: Katzendame Mrs Murphy löst zusammen mit der tatkräftigen Unterstützung vom Welsh Corgi Tee Tucker so manches Verbrechen, das ursprünglich hinter der beschaulichen Fassade von Crozet, einer Kleinstadt in Virginia, im Verborgenen bleiben sollte. In den ersten Bänden dieser Reihe habe ich besonders die Personenzeichnung sehr geliebt: In Crozet versammelt sich eine illustre Schar gar außergewöhnlicher Charaktere. Leider beschlich mich im Laufe der Jahre das Gefühl, dass sich die Serie ein wenig „totgelaufen“ hatte und somit von seiner persönlichen Note und seinem Charme einbüßte. 😿

Besonders in den Kinder- und Jugendbüchern tummelt sich gar außergewöhnliches Getier, dem ich mit so mancher Rezensionen auch schon ausgiebig gehuldigt habe. Darum möchte ich an dieser Stelle dezent auf eben jene Rezensionen mit Herr Eichhorn, Hund Hugo, Kommissar Gordon und Kater Harry verweisen. Trotzdem muss ich ein Tier aus dieser bemerkenswerten Reihe hervorheben: Das Tagebuch einer Killerkatze von Anne Fine hat mir und meinen Zuhörer*innen bei so mancher Gelegenheit (=Lesung) schon eine immense Freude bereitet. 😹

Im Mai diesen Jahres stolperte ich über ein kleines Büchlein: Heinz und sein Herrl von Eva Woska-Nimmervoll. Bei uns war es eher Liebe auf dem 2. Blick, da ich mich anfangs mit der spröden Geschichte etwas schwertat. Aber mit Geschichten ist es wie mit den Menschen: Einige haben eine zweite Chance verdient.  😼

Dass Elke Heidenreich eine große Tierfreundin ist, hat sie mit Nero Corleone, „Nurejews Hund“ und „Am Südpol, denkt man, ist es heiß“ hinreichend unter Beweis gestellt. Doch besonders nun zur Advents- und Weihnachtszeit möchte ich Euch gerne ihre Geschichte „Erika – oder der verborgene Sinn des Lebens“ ans Herz lesen (auch wenn es sich bei Erika um ein Plüsch-Tier handelt). Ich hatte vor einigen Jahren im Konzerthaus „Die Glocke“ in Bremen das außerordentliche Vergnügen, die Autorin persönlich beim Vortrag dieser entzückende Geschichte erleben zu dürfen – mit musikalischer Unterstützung durch das Bremer Kaffeehaus Orchester. …ein Genuss! 😻

…und welche mauzenden, bellenden oder zwitschernden Werke würdet Ihr mir empfehlen?


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Die Bücher meines Lebens] Rita Mae Brown – VENUSNEID

– 1993 –


Es war das Jahr, in dem ich mich (äußerst erfolglos) zum 1. Mal outete. Ich fühlte mich eingeengt und wie gefesselt, wollte mich nicht mehr verstecken und somit verstellen müssen. Ergo offenbarte ich mich den Menschen, bei denen ich dachte, dass ich ihnen am Meisten vertrauen könnte und somit das größtmögliche Verständnis erhalten würde: meinen Eltern!

Ich hätte es lassen sollen! Ich hätte es besser wissen müssen!

Es war ein unangenehm-beschämendes und gleichzeitig skurril-absonderliches Gespräch! Die unappetitlichen Details erspare ich meiner geschätzten Leserschaft. Das Fazit könnte wie folgt lauten: „Gehe in das Gefängnis. Begib Dich direkt dorthin. Gehe nicht über Los.“

…und das Thema wurde die folgenden 6 Jahre von meinen Eltern totgeschwiegen!

Zurück auf Anfang: Somit war ich wieder mit mir allein, aber daran war ich ja schon gewöhnt.

Ich weiß nicht mehr, ob ich diesen Roman vor meinem Outing gelesen und somit unbewusst als Inspiration genommen habe, oder ob er erst danach zu mir fand und als Trostspender fungierte. Egal!

Rita Mae Brown war damals schon eine feste Größe in meinem Bücherregal. Neben ihren Katzenkrimis las ich sehr gerne ihre Romane. Endlich wurde Tacheles geredet bzw. geschrieben: Die Liebe zwischen zwei Menschen (unabhängig welchen Geschlechts) wurde hier ohne süßlichen Liebesschmonzetten-Kitsch, dafür sehr direkt und humorvoll auf den (Höhe-)Punkt gebracht.

Die junge Frazier Armstrong liegt mit starken Schmerzen in der Brust im Krankenhaus und erfährt, dass sie Lungenkrebs hat, somit todkrank ist und nur noch wenige Wochen (vielleicht auch nur Tage) zu leben hat. Frazier macht sich so ihre Gedanken: „Wie nutzte ich meine wenige verbleibende und darum so kostbare Lebenszeit?“. Zeit! Jawohl, es wird Zeit, der Familie, den Freunden und Verwandten endlich zu sagen, was sie wirklich von ihnen hält und zudem zu bekennen, dass sie lesbisch ist. Noch in derselben Nacht greift sie zum himmelblauen Briefpapier und schreibt sie sich mit brutaler Offenheit alles von der Seele. Der nächste Tag birgt dann die große Überraschung: Aufgrund eines dummen Computerfehlers der Klinik wurden Patientendaten vertauscht. Frazier wird weiterleben. Sie hat „nur“ eine Lungenentzündung. Doch das überwältigende Glücksgefühl will sich bei ihr partout nicht einstellen, sind doch die himmelblauen Abschiedsbriefe schon auf dem Weg zu ihren Empfängern…!

Was wäre wenn? Oh, ich hatte die Möglichkeiten schon so häufig in Gedanken durchgespielt. Wenn ich mich dem Freund offenbare, wie würde er wohl reagieren? Wenn ich dieser Freundin die Wahrheit verrate, was würde wohl geschehen? Die Gedanken spielten Pingpong in meinem Kopf. Gleichzeitig spürte ich in meinem Inneren eine Schwere, die drohte, mich zu Boden zu ringen. Erst wenn der Leidensdruck unerträglich wird, trifft ein Mensch eine Entscheidung, die die Situation verändert. Plötzlich stand meine Entscheidung klar, deutlich und unumstößlich für mich fest: Ja, ich werde mich outen – nicht allen auf einmal, sondern in kleinen für mich ertragbaren Etappen und zum richtigen Zeitpunkt. Als diese Entscheidung getroffen war, löste sich langsam der seelische Knoten in meiner Brust, und ich spürte schon beinah eine kribbelige Neugierde auf die Reaktionen meines Umfelds.

Und eine wichtige Erkenntnis reifte in mir heran: Dann trennt sich nun die Spreu vom Weizen. Wer mich nicht so mag, wie ich wirklich bin, verdient meine Zuneigung nicht und kann mir gestohlen bleiben!

Das „Abenteuer“ Outing begann…!


erschienen bei Rowohlt/ ISBN: 978-3498005719

[Die Bücher meines Lebens] Victor Hugo – DIE ELENDEN

– 1990 –


Es war das Jahr 1990: Ich fühlte mich gefangen in einer ungeliebten Ausbildung, in einem Elternhaus voller Probleme und in mir selbst: zu jung, zu ängstlich und darum zu unfähig, Entscheidungen zu treffen. In der Stadtteil-Bibliothek in Bremen-Lesum (mein damaliger Ausbildungsbetrieb befand sich dort in der Nähe) fand ich Zuflucht zwischen Ende der Berufsschule und Arbeitsbeginn im Ausbildungsbetrieb.

Jede einzelne Minute habe ich herausgekitzelt, um ja nicht zu früh im Betrieb in Erscheinung treten zu müssen. Der Grund für mein Verhalten nannte sich selbst „Ausbilderin“: Ab Tag eins der Ausbildung war mir klar, dass die Chemie zwischen uns niemals stimmen würde. Ab Tag eins der Ausbildung war ich ihr bevorzugter Prügelknabe: Lob gab es selten, dafür hagelte es Kritik. Natürlich alles im Rahmen einer qualifizierten Ausbildung…!

„Herr Kück, wie schreiben sie „nah“?“
„N A H!“ buchstabierte ich.
„Und warum haben sie es in diesem Bericht N H A geschrieben?“
„Ja, weil ich mich vertippt habe, Du dusselige Schnepfe!“ hätte ich ihr am liebsten ins Gesicht gebrüllt, aber da ich zu höflich, zu rücksichtsvoll, zu gut erzogen war, tat ich es natürlich nicht!

„Mobbing“, den Begriff kannte damals noch kein Mensch. Eher hieß es noch „Lehrjahre sind keine Herrenjahre!“. Aber – Hey! – ich war ein 1A-Mobbing-Opfer.

So saß ich also Stunde um Stunde in der Bibliothek, vertrödelte meine Zeit oder stöberte in den Büchern und fand diesen Roman: Eine alte Auflage aus den 70ern, wenig verliehen und somit wenig gelesen. Warum ich mir dieses Buch auslieh? Ich weiß es nicht! Ich bin nur froh, dass ich es tat. Ich tauchte ein in Jean Valjeans Welt, begleitete ihn durch sein Leben und wurde Teil seines Kosmos. Bei manchen Passagen rannen mir die Tränen über das Gesicht, und ich musste hemmungslos schlurzen. Bei manchen Passagen hatte ich das Gefühl, dass das Gelesene mir auf Brust und Seele drückte. Doch ich las weiter: morgens vor der Arbeit, in der Mittagspause, am Abend vorm Zubettgehen. Kaum brachte ich es über mich, dieses Buch nach Ablauf der Leihfrist wieder zur Bibliothek zurückzubringen, nur um es einige Wochen später abermals auszuleihen.

Ich wollte/musste unbedingt „Die Elenden“ selbst besitzen und machte mich verzweifelt auf die Suche: Nur leider war die letzte Auflage vergriffen und eine weitere Auflage stand in den berühmt-berüchtigten Sternen. Die damalige Buchhändlerin meines Vertrauens muss meine Enttäuschung gespürt haben: Ohne das ich davon wusste, ging sie weiter auf die Suche und fand „Die Elenden“ in den damals noch neuen Bundesländern. Seitdem nenne ich eine Ausgabe vom Verlag Volk & Welt mein Eigen, die ich nicht mehr missen möchte und wie meinen Augenapfel hüte.

Victor Hugo hat ein Epos voller Menschlichkeit geschaffen, das mit seiner humanitären Botschaft mein Herz und meine Seele zutiefst berührte. Ich fühlte mich in meinen Nöten verstanden und schöpfte Kraft für die Herausforderungen meiner kleinen, wirren Welt. Nachdem ich das Buch zu Ende gelesen hatte, war ich ein anderer Mensch – ob auch ein besserer? Ich weiß es nicht. Dieses Urteil maße ich mir nicht an. Ich bin mir aber absolut sicher, dass das Lesen dieses Romans mich verändert hat! Lesen bewegt!

Nachtrag Ich habe durchaus etwas von meiner damaligen Ausbilderin gelernt: Als Praxisanleiter in der Krankenpflege (meine 2. Ausbildung) weiß ich nun sehr genau, wie ich mich meinen Auszubildenden gegenüber NICHT verhalte!

„Liebe Frau S., dafür danke ich Ihnen. Ansonsten vermeiden Sie es bitte in meiner Gegenwart zu verunfallen. Ich käme als examinierter Krankenpfleger evtl. in Versuchung, spontan an fachlicher Amnesie zu leiden.“

Hallo?! Ich habe gesagt, der Roman hat mich zu einem anderen Menschen gemacht. Von einem Heiligen war nie die Rede…!!!


erschienen bei Volk und Welt/ ISBN: 978-3353001030 / Neu-Auflage erschienen bei Anaconda/ ISBN: 978-3730600429

[Glosse] Midlife Crisis: In the heat of the night!

Ihr Frauen habt es wahrlich gut: Ihr habt über Jahrzehnte die Möglichkeit, Eure Menstruation voll auszukosten! Wir Männer haben da im Vergleich nur einige wenige Jahre für unsere Midlife Crisis! Das ist doch ungerecht! Und: Wann setzt bei mir endlich MC (=Midlife Crisis) ein?

Wie ich wiederholt nicht müde wurde zu betonen, habe ich meinen 50. Geburtstag vor wenigen Wochen gefeiert. Bin ich somit nicht genau im richtigen Alter für MC? Moment! Ich glaube, da passiert was! Ich spüre, da kommt was auf mich zu! Wartet, gleich ist sie da: meine eigene, ganz persönliche MC! Es kann nicht mehr lange dauern. Sobald bei mir MC einsetzt, werde ich sie so hemmungslos wie möglich zelebrieren und voll und ganz auskosten. Mein ganzes Leben war geprägt von Anpassung und Unauffälligkeit: Das wird dann anders…!

Als erstes werde ich meinen Kleiderschrank ausmisten: Diese Klamotten passen durchaus zu einem Typen, der angepasst und unauffällig ist, aber doch nicht zu einem heißen Hengst mit MC. Ein neues Outfit muss her: Zum Polo-Shirt mit Krokodil-Stickerei werde ich lässig einen leichten Kashmir-Pulli über die Schultern werfen, meine dürren Beine durch ein Paar Chinos in grellen Farben verhüllen und barfuß in Segelschuhe schlüpfen.

Auf meiner Solarium gebräunten Haut schmiegt sich der protzige Goldschmuck. Das Sonnenlicht wird entweder durch die Highlights in meinem Haar oder durch die gebleachten Zähne reflektiert – je nachdem in welchem Winkel ich keck meinen Kopf neige.

Galt bisher bei mir eine gutgefüllte Bibliothek als Maß aller Dinge in Sachen „Statussymbol“, so werde ich nun meine schwindende Männlichkeit mit einem möglichst großen und lauten Auto kompensieren, den ich prinzipiell immer über zwei Parkplätze „kreativ“ parken werde. Alternativ käme auch ein werksneuer Sportwagen in die engere Wahl, aus dem ich – aufgrund meines Alters – zwar nicht mehr würdevoll ein- und aussteigen könnte, dafür schmückt ein blondes Jüngelchen dekorativ den Beifahrersitz: Interessenten können sich gerne unter Einsendung der gängigen Bewerbungsunterlagen bei mir vorstellen!

Apropos Jüngelchen: Kann ich beim Kauf eines neuen Models meinen Alten in Zahlung geben? Nein! Wie werde ich ihn denn dann los? Ach, ich setze ihn einfach auf den Deckel der Restmülltonne und schiebe diese zur Abholung an den Straßenrand. Oder gehört er eher in den Sonder- bzw. Biomüll? Über die Zusendung von praxisnahen und erprobten Tipps & Tricks wäre ich äußerst dankbar!

Da fällt mir ein: Auch ein neues Hobby muss her! Lesen käme für mich als favorisierte Freizeitbeschäftigung der ersten Wahl nicht mehr in Frage: Mit diesem profanen Zeitvertreib können sich Krethi und Plethi verlustieren. Für mich käme selbstverständlich nur eine Beschäftigung in die engere Wahl, bei der ich ein möglichst teures Equipment benötige oder ordentlich einen auf „dicke Hose“ machen kann, wie beim Segeln oder Golfen. Besser noch: Beides!

Moment, ich werde die Kosten meiner MC mal eben durchkalkulieren: Um oben genannte Veränderungen meines Lebensstils finanzieren zu können, müsste ich als examinierter Krankenpfleger bei einem tariflich festgesetzten Gehalt einhundertundvierkommasieben Stunden in der Woche arbeiten und das bis zu meinem letzten Atemzug…!

…!?…

…ich glaube, da verzichte ich doch lieber auf meine MC und warte stattdessen geduldig auf meinen MA (=Morbus Alzheimer): Den kann ich wahrlich billiger haben!

Jetzt gehe ich mal eben schnell an die Straße und helfe meinem Mann von der Mülltonne.

[Die Bücher meines Lebens] Margaret Mitchel – VOM WINDE VERWEHT

– 1986 –


Was liest ein schwuler Junge Mitte der 80er Jahre auf dem Höhepunkt der AIDS-Debatte? Richtig! …ein 916-Seiten starkes Epos über Bürgerkrieg, Sklaven und verzärtelten Ladies in Korsett und Krinoline!

Dabei interessierte mich weniger Scarlett O’Hara: In ihr konnte ich lesen wie in dem sprichwörtlich offenen Buch. So war sie in ihren egoistischen Beweggründen völlig durchschaubar, hatte in ihrer unverblümten Arroganz allerdings durchaus Unterhaltungswert. Vielmehr war Rhett Butler das Objekt meines Interesses und (im schicklichen Maße) meiner Begierde. Dieser hochgewachsene Mann in den besten Jahren und mit dem frechen Funkeln in den Augen war geradezu prädestiniert, als Projektionsfläche meiner erotischen Fantasien zu fungieren. Was blieb mir auch anderes übrig? Es waren die 80er Jahre, und die sogenannte Schwulen-Seuche AIDS wütete. „Schwul“ galt als gängiges Schimpfwort. Zuhause, in der Schule oder im Freundeskreis zuzugeben, selbst „ein warmer Bruder“ zu sein, wäre einem emotionalen Todesurteil gleichgekommen. Selbst noch 7 Jahre später endete mein erstes Outing gegenüber meinen Eltern in einem völligen Desaster, da hätte ich mich im Jahre 1986 nie getraut, irgendetwas in dieser Richtung anzudeuten. So blieb ich alleine mit meinen Gefühlen und Sehnsüchten…

…und flüchtete mich in die Welt meines Romanhelden. Männliche Vorbilder waren in meiner näheren Umgebung absolute Mangelware: Zu mindestens gab es keine, die ich mir gerne zum Vorbild genommen hätte (Schwule Vorbilder waren schier nicht existent.). „Vom Winde verweht“ bot all das, was das schwule Herz eines naiven, jungen Mannes begehrte: das große, seitenstarke Drama voller Emotionen, Irrungen und Wirrungen. Zwischen den Zeilen meinte ich, Parallelen zu meinem eigenen Leben, meinen eigenen Empfindungen zu entdecken: Was passiert mit Menschen, die aus ihrer Welt gerissen (verstoßen) werden? Sind sie ebenso in der Lage, in einem anderen Lebensmodel hinein zu wachsen und zu gedeihen? Besteht auch für diese Menschen die Möglichkeit, glücklich zu werden?

Ich war verunsichert, ängstlich und voller Zweifel…!

Rhett Buttler schien nie zu zweifeln: Inmitten des Chaos stand dieser attraktive Kerl mit dem dunklen Haar und den breiten Schultern wie ein Fels in der Brandung, handelte mit stoischer Ruhe und scheute sich nicht, unbequeme Entscheidungen zu treffen und ungewöhnliche Wege zu gehen. Konventionen interessierten ihn nicht. Seite für Seite, Kapitel für Kapitel schlich sich diese Romanfigur tiefer in mein Herz und prägte somit sowohl mein Männer-Bild als auch meinen Männer-Geschmack.

Um eventuellen Fragen vorzubeugen: Nein! Mein Angetrauter entspricht äußerlich so gar nicht diesem Männer-Bild. Die Wege der Liebe sind eben tückisch und voller Überraschungen…!

❤️


erschienen bei claassen/ ISBN: 978-3546467544
Im Januar 2020 erscheint die lang erwartete und längst überfällige Neu-Übersetzung im Verlag Antje Kunstmann/ ISBN: 978-3956143182.