[Noch ein Gedicht…] Erich Kästner – DER JANUAR

Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Der Weihnachtsmann ging heim in seinen Wald.
Doch riecht es noch nach Krapfen auf der Stiege.
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Man steht am Fenster und wird langsam alt.

Die Amseln frieren. Und die Krähen darben.
Und auch der Mensch hat seine liebe Not.
Die leeren Felder sehnen sich nach Garben.
Die Welt ist schwarz und weiß und ohne Farben.
Und wär so gerne gelb und blau und rot.

Umringt von Kindern wie der Rattenfänger,
tanzt auf dem Eise stolz der Januar.
Der Bussard zieht die Kreise eng und enger.
Es heißt, die Tage würden wieder länger.
Man merkt es nicht. Und es ist trotzdem wahr.

Die Wolken bringen Schnee aus fremden Ländern.
Und niemand hält sie auf und fordert Zoll.
Silvester hörte man’s auf allen Sendern,
dass sich auch unterm Himmel manches ändern
und, außer uns, viel besser werden soll.

Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und ist doch hunderttausend Jahre alt.
Es träumt von Frieden. Oder träumt’s vom Kriege?
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und stirbt in einem Jahr. Und das ist bald.

Erich Kästner

[Rezension] Erich Kästner – DIE 13 MONATE/ mit Illustrationen von Dirk Schmidt

Das Neue Jahr steht noch am Anfang. Ganz klein und bloß liegt es da vor uns. Beinah hilflos ist es uns ausgeliefert. Was wird mit ihm geschehen? Wie wird es sich entwickeln? Sicher ist, es wird wirken – im Großen wie im Kleinen – je älter es wird. Das wusste auch schon Erich Kästner, als er im Jahre 1955 seinen Gedichtband DIE 13 MONATE veröffentlichte. Nun sehe ich meine geneigte Leserschaft bereits verdutzt die Augen aufreißen und verwirrt den Kopf schütteln „13 Monate? Wieso 13 Monate? Das handelsübliche Jahr besteht doch nur aus 12 Monaten! Extras waren nie vorgesehen.“ Wir haben es hier mit niemand geringerem als Erich Kästner zu tun – da muss immer mit Extras gerechnet werden.

Kästner wäre nicht Kästner würde er in seinen Versen „nur“ über die Besonderheiten der einzelnen Monate, die Schönheit der Natur, das Wetter, Flora und Fauna und vom Menschen im Wandel der Jahreszeiten schwadronieren. Das tut er natürlich auch in seiner ganz unverwechselbaren Art und Weise. Doch zwischen seinen Zeilen, sozusagen als „Untertext“, beinah versteckt und für die oberflächlichen Leser*innen schnell zu übersehen, streut er eine feine Prise Ironie über seine Lyrik, die seinen Versen eine pikante Note verleiht. Doch – wie bereits erwähnt – dafür sollte bei den verkonsumierenden Leser*innen ein empfindsamer Gaumen ausgeprägt sein, um dieses feine Geschmackserlebnis voll auskosten zu können.

Ursprünglich reimte Erich Kästner die ersten zwölf Gedichte (also der klassische Umfang eines Jahres in 12 Monate) im Auftrag der „Schweizer Illustrierten Zeitung“. Hier erschienen sie vom 30. Dezember 1952 bis zum 7. Dezember 1953 als monatliche Serie. Erst als die Buchausgabe vorbereitet wurde, schrieb er das Vorwort und verfasste das dreizehnte Gedicht. „Die hier versammelten Gedichte schrieb, im Laufe eines Jahres, ein Großstädter für Großstädter.“ eröffnet Kästner sein Vorwort und gibt unumwunden aber auch ein wenig beschämt zu, dass er zur korrekten Wiedergabe des Jahresablaufs vielfältige Quellen aus der Literatur zu Rate gezogen hat – obwohl er selbst bereits in einem so fortgeschrittenem Alter wäre, dass er die recherchierten Fakten hätte wissen müssen.

Das Altern, die Vergänglichkeit und das Vergehen der Zeit – dies sind alles Themen, die er gerne in diesen Gedichten aufgreift. So wird im Januar das Jahr als „klein und liegt noch in der Wiege“ beschrieben, während es im Dezember „dünne Haar“ hat und „gar nicht mehr gesund“ wirkt, und somit sein baldiges Ende unausweichlich ist. Zwischen diesen beiden Extremen zeigt sich das Jahr in seiner ganzen verschwenderischen Vielfalt. Kästner präsentiert die Monate beinah als Individuen, so als hätten sie eine eigene Persönlichkeit, mit der sie willentlich Einfluss auf den Jahresablauf nehmen.

Er erweckt ein heiteres Bild, betont die Schönheit jedes einzelnen Monats, mischt aber auch eine sanfte Melancholie unter seine Verse. Dabei variiert er sowohl mit der Länge der Gedichte als auch mit deren Versmaß und fordert mich als Leser stets auf Neue heraus, mich diesem wandelnden Rhythmus der Verse (wie auch der Monate) anzupassen. In „Der dreizehnte Monate“ schickt er unsere Phantasie auf Reise, sich einen Bonus-Monat zu erträumen und wagt eine kritische Anmerkung. Wozu brauchen wir einen dreizehnten Monat? Wer die vorherigen zwölf Monate nicht mit Farben füllen konnte, wird dies mit einem weiteren Monat auch nicht mehr bewerkstelligen und so das Versäumte nie mehr aufholen können.

In der Vergangenheit wurde das Kästner’sche Jahres-Menü gerne mit würzigen Illustrationen verfeinert, die die lyrische Idylle aufbrachen und so vor einer süßlichen Romantik retteten. Oftmals waren es Illustratoren wie Richard Seewald, Walter Trier und Celestino Piatti, die auch durch ihre politischen Karikaturen bekannt waren. In einer der mir vorliegenden vorangegangenen Auflagen schuf Hans Traxler die Monatsblätter mit seinem markanten wie unverwechselbaren Pinselstrich.

Doch nun sind wir im modernen Digital-Zeitalter angekommen, wo sich Sehgewohnheiten stetig verändern: Diesmal hat sich Dirk Schmidt, der bereits für renommierte Zeitungen und Illustrierten wie „Stern“, „Der Spiegel“ und „Süddeutsche Zeitung“ gearbeitet hat, der Visualisierung der Monate angenommen. Seine Illustrationen sind nett, durchaus charmant, betonen allerdings weniger die kabarettistische Note und lassen so an Biss vermissen.

So rutschen Kästners DIE 13 MONATE in der aktuellen Aufmachung eher in Richtung „gefälliges Geschenkbüchlein“, was ihnen leider nicht gerecht wird. Sollten so allerdings DIE 13 MONATE einem breiteren Publikum wieder zugänglicher werden, würde mich dies außerordentlich freuen!


erschienen bei Atrium / ISBN: 978-3855352357
Ich danke der Presseagentur Politycki & Partner herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] MEINE LIEBSTEN WEIHNACHTSGESCHICHTEN/ herausgegeben von Dirk Böhling

Im Mai dieses Jahres stand Dirk Böhling noch als Prof. Henry Higgins im Musical MY FAIR LADY auf der großen Bühne des Stadttheaters Bremerhaven, nun macht er sich auf den Weg, um die kleineren Bühnen zwischen Bremen und Bremerhaven (und alles, was drumherum liegt) zu erklimmen und das Publikum mit seiner musikalischen Weihnachtslesung zu erfreuen.

Passend zu dieser Tournee erschien mit MEINE LIEBSTEN WEIHNACHTSGESCHICHTEN ein Buch mit 40 Geschichten und Gedichten. 40 Beiträge auf (netto) 100 Seiten verteilt: Das nenne ich mal ein sportliches Unterfangen. Zwangsläufig zogen in dieser Anthologie die knappen, kurzen und prägnanten Werke ein: Geschichten, die manches Mal eher wie Anekdoten wirken, sowie launige Gedichte.

Neben vier Geschichten aus seiner eigenen Feder hat Böhling eine namhafte Schar an Literaten in diesem Büchlein versammelt, u.a. Joachim Ringelnatz, Wilhelm Busch, Erich Kästner, Guy de Maupassant, Hans Dieter Hüsch und Charles Dickens. Der Herausgeber ging bei seiner Auswahl auf Nummer sicher, indem er auf weithin bekannte wie beliebte Werke zurückgriff und so auf den Wiedererkennungswert bei der Kundschaft im Buchhandel wie auch bei den Besuchern seiner Weihnachtslesung setzte. Wobei aus diesem Reigen eher heiterer Beiträge die Geschichte DAS GESCHENK DER WEISEN von O. Henry sowohl von der Stimmung wie auch von der Länge hervorsticht und so beinah wie ein Kontrapunkt wirkt.

Leider muss ich dem Verlag attestieren, dass beim Korrekturlesen nicht aufmerksam genug gearbeitet wurde: So schlichen sich einige kleine Fehler ins Buch, wie beim Einsatz von kursiver Schrift oder beim Versmaß bei einem Gedicht. Doch wahrscheinlich fällt dies nur mir als Vor-Leser und pingeliger Bücher-Nerd auf.

Als Vor-Leser und pingeliger Bücher-Nerd hätte ich mir allerdings sehr gewünscht, dass Dirk Böhling als Herausgeber das Wagnis eingegangen wäre und mich mit dem einen oder anderen weniger bekannten Beitrag überrascht hätte, z.Bsp. mit Werken von Literatinnen, die in dieser Anthologie leider gänzlich fehlen.

So ist dies durchaus ein nettes Büchlein für alle, die ein heiteres Gedicht oder eine kurze Geschichte für die Weihnachtsfeier im Kollegenkreis oder im Sportverein suchen.


erschienen bei Kellner / ISBN: 978-3956514616

LESE-HIGHLIGHTS 2024…

Altes Jahr vergeht.
Wange in die Hand gestützt,
blicke ich ihm nach.

Chô-i

So wie der japanische Dichter Chô-i es zwar knapp aber treffend schon vor hunderten von Jahren beschrieben hatte, erging es mir beim Schreiben dieses Beitrags.

Ich schaue auf das Jahr 2024 mit gemischten Gefühlen: Da gab es so manche Krisen bzw. krankheitsbedingte Rückschläge, die mich zum Nachdenken zwingen… (Nein! Ich werde nicht gezwungen. Vielmehr werde ich aufgefordert.) …die mich zum Nachdenken auffordern. Ich empfinde es wahrlich nicht als Zwang. Ich sehe es vielmehr als Chance! Im Neuen Jahr wird es Veränderungen geben: Wie und in welchem Umfang wird sich noch entscheiden. Um langfristig gesund zu bleiben, sollte sich in meinem Leben allerdings einiges ändern.

Doch natürlich gab es nicht nur Krisen: Gottlob wurde ich mit vielen Glücksmomenten – kleinen wie größeren – beschenkt. Ich durfte viel Qualitätszeit mit meinen Herzensmenschen verbringen, erlebte etliche inspirierende Stunden im Theater und Konzert und las einige wunderbare Bücher.

Diese Aspekte meines Lebens werde ich ganz sicher nicht ändern!

Bei der Auswahl der Bücher bin ich mir gänzlich treu geblieben. Die Zeiten, in denen ich dachte, ich müsste hier mit der Vorstellung intellektuell herausfordernder Literatur meine Follower*innen beeindrucken, sind längst passé. Ich lese, was mir gefällt – unabhängig vom Alter des Werkes bzw. für welches Lesealter es ursprünglich vorgesehen war. Es gibt für mich nur eine einzige Voraussetzung: Ich möchte mich unterhalten fühlen!

Und hier sind sie nun endlich, meine Lese-Highlights des Jahres 2024…


Lese-Highlights 2024 - Buchcover


  • Ende Februar wurde der 125. Geburtstag von Erich Kästner gefeiert. Und auch ich ließ es mir nicht nehmen, diesen großartigen Romancier – neben einer kleinen RETROSPEKTIVE – mit Rezensionen zu DAS MÄRCHEN VOM GLÜCK und DAS MÄRCHEN VON DER VERNUFT zu gratulieren. Beide Bücher wurden phantasievoll von Ulrike Möltgen illustriert.
  • Im März tat ich etwas, was längst überfällig war: Es war mir eine große Freude, Heinrich Spoerls „Loblied auf die Schule“ DIE FEUERZANGENBOWLE zu lesen.
  • Ebenfalls im März begeisterte mit Kathrin Aehnlich mit ihrem Roman DER KÖNIG VON LINDEWITZ. Immer wieder schafft sie es, den Menschen im Osten unsere Landes eine Stimme zu geben.
  • Im April hielt ich dann das wunderbare Lese- und Bilderbuch FESTE DER WELT mit den Texten von Joanna Kończak in den Händen, das von Ewa Poklewska-Koziełło ebenso wunderbar illustriert wurde.
  • Der Mai bescherte mir mit DER TWYFORD-CODE von Janice Hallett einen ganz ungewöhnlichen Roman, der komplett aus Transkriptionen von Audiodateien bestand. Spannend!
  • Absolut Entzückendes erwartete mich im August mit SO ZÄRTLICH WAR SULEYKEN von Siegfried Lenz. Dieses kleine ostpreußische Dorf im Masurenland mit seinen liebenswert-kauzigen Menschen war mir schnell ans Herz gewachsen.
  • Im September feierte auch ich den Weltkindertag: Grund genug mich mit MEIN GROSSER MÄRCHENSCHATZ. Das Original aus den 70ern der Brüder Grimm auf eine kleine Zeitreise in meine eigene Kindheit zu begeben.
  • Der September überraschte mich auch mit dem Erzählband MÖCHTE DIE WITWE ANGESPROCHEN WERDEN, PLATZIERT SIE AUF DEM GRAB DIE GIESSKANNE MIT DEM AUSGUSS NACH VORN von Saša Stanišić, das mich so sehr begeistern konnte.
  • Im Oktober wurde es schaurig-schön mit DAS PHANTOM DER OPER von Gaston Leroux in der überzeugenden Neu-Übersetzung Rainer Moritz.
  • Der Oktober blieb weiter spannend, da ich mit Sasha Filipenko und seinem Krimi  DER SCHATTEN EINER OFFENEN TÜR einen sehr interessanten Autor entdeckte.
  • Ende November geschah ein kleines Wunder, das mich selbst überraschte: Mit Agatha Christies HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN von Isabelle Bottier (Text) und Callixte (Illustrationen) konnte mich endlich eine Graphic Novel überzeugen.
  • Im Dezember wurde es humorvoll-besinnlich mit den entzückenden Geschichten wie DER GESTOHLENE WEIHNACHTSBAUM von Hans Fallada, zu denen Ulrike Möltgen (wie schon bereits bei Erich Kästner) ihre zauberhaften Illustrationen beisteuerte.

…und das war er wieder, mein Lese-Rückblick auf das Jahr 2024, das wir in wenigen Tagen ad acta legen können. Da bleibt mir nur noch eins:

Ich wünsche Euch einen guten Rutsch ins Neue Jahr 2025!

Liebe Grüße
Andreas

[Rezension] Erich Kästner – DAS FLIEGENDE KLASSENZIMMER (Hörspiel)

Wie fühlt es sich für mich an, wenn ich Erich Kästner lese? Ich werde warm umarmt und von einer Welle aus Humor, Weisheit und Menschlichkeit umspült. Er schafft es wie kein anderer Literat, dass mir seine Werke auch beim wiederholten Lesen niemals langweilig werden. Vielmehr entdecke ich immer wieder neue Aspekte, die mich berühren und/oder zum Nachdenken anregen.

Doch würde dies im gleichen Maße auch eine Adaption schaffen? Bei den älteren Verfilmungen gelingt dies ganz famos, da hier der Meister am Entstehungsprozess elementar beteiligt war. Nun habe ich zum ersten Mal einem Hörbuch, das auf einem seiner Werke basiert, gelauscht…


1 CD/ DAS FLIEGENDE KLASSENZIMMER von Erich Kästner (1964)/ Produktion & Hörspielbearbeitung: Kurt Vethake/ Regie: Benno Schurr/ mit Heinz Schimmelpfennig, Wolfgang Reinsch, Ludwig Thiesen, Hannes Tannert, Maja Scholz, Irene Marwitz, G. Noebel, Rainer Baudisch, Lutz Hochstrate, Thomas Rosengarten, Tim Elstner, Karl-Heinz Butzen, Herbert Dardel u.a.


Seit Jahren sind die Schüler aus dem Internat Kirchberg und von der benachbarten Realschule verfeindet. Beide Gruppen denken sich die verrücktesten Streiche aus, um die anderen zu ärgern. Als die Realschüler die Diktathefte der Gymnasiasten klauen und dabei auch noch einen Schüler gefangen nehmen, hört der Spaß allerdings auf: Uli, Matthias und ihre Freunde fordern die Realschüler zum alles entscheidenden Kampf auf.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Schon zu meiner Rezension des Romans DAS FLIEGENDE KLASSENZIMMER fiel es mir schwer, die Inhaltsangabe für eine Geschichte zusammenzuschustern, in der so viel passiert. Wie mag es da den Verantwortlichen des vorliegenden Hörspiels ergangen sein, die sich der herausfordernden Aufgabe stellen mussten, ein komplexes Werk auf eine vertretbare Länge (in diesem Fall: 51 Minuten) kürzen zu müssen? Da werden Handlungsstränge zwangsläufig nur komprimiert wiedergegeben. Einige Aspekte können nur angerissen werden, andere fallen völlig weg. So taucht die titelgebende Schulaufführung nur als Randerscheinung auf, und auch das Wiedersehen zwischen Dr. Johannes „Justus“ Bökh und dem Nichtraucher wird arg verkürzt wiedergegeben.

Wie die obige Inhaltsangabe des Verlages offenbart, wurde der Schwerpunkt auf die Fehde zwischen den Schülern der unterschiedlichen Schulen gelegt. Dies gelingt Kurt Vethake mit seiner Hörspielfassung auch sehr charmant. Regisseur Benno Schurr sorgt in der Umsetzung für ausreichend jugendlichen Elan und lässt die vor allem jungen Sprecher sehr natürlich agieren.

Die Jungenschar war durchweg talentiert besetzt und wirkte so homogen in ihrem Zusammenspiel, dass ich niemanden hervorheben möchte bzw. kann. Anfangs irritierten mich allerdings die unterschiedlichen Tonlagen der Jungs: Es klang, als wären die Einen noch weit vom Stimmbruch entfernt, während andere schon in einer reiferen Bariton-Lage brummten.

Heinz Schimmelpfennig übernimmt hier den Part, den Kästner bei den Verfilmungen gerne selbst übernommen hat, und führt als Erzähler souverän-sympathisch durch die Handlung. Wolfgang Reinsch (Dr. Bökh) und Ludwig Thiesen (der Nichtraucher) mimen überzeugend die erwachsenen Bezugspersonen der Jungs. Hannes Tannert sorgt als Professor Kreuzkamm für die kauzig-komischen Momente.

Der Geist von Erich Kästner war bei diesem Hörspiel zwar durchaus spürbar, und ich fühlte mich fraglos gut unterhalten. Doch aufgrund der Kürzungen, die zwangsläufig bei der Umsetzung für dieses Medium unerlässlich sind, konnte mich das Hörspiel emotional nicht so sehr berühren wie es Roman oder Film vermögen:

Da lache und weine ich – immer im Wechsel, und hinterher bin ich glücklich.


erschienen bei Oetinger. audio / ISBN: 978-3837301458
ebenfalls erschienen als Roman bei Atrium / ISBN: 978-3855356072 und als Hörbuch bei Oetinger. audio / ISBN: 978-3837307207

[Rezension] Erich Kästner – DAS MÄRCHEN VON DER VERNUNFT/ mit Illustrationen von Ulrike Möltgen

Noch bevor ich auch nur ein einziges Wort von der Hauptgeschichte lesen konnte, fiel mein Blick auf diesen Zusatz im vorderen Teil des Buches:

„Erich Kästners Werke erscheinen im Atrium Verlag in ihrer originalen Textgestalt. Die Sprache hat sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt, manche Begriffe werden nicht mehr oder anders verwendet. Aus urheberrechtlichen Gründen wurde darauf verzichtet, Kästners Sprache – die eines aufgeklärten Moralisten und Satirikers – dem heutigen Sprachgebrauch anzupassen.“

Ich las und jubelte innerlich! Der Atrium Verlag ist nicht dem momentanen Trend verfallen, die Texte deutscher Autor*innen zu modernisieren und dem momentanen Sprachgusto anzupassen. Ich gewinne eh den Eindruck, dass diese Unsitte vornehmlich hier in unserem Land praktiziert wird – oder kann sich irgendjemand ernsthaft vorstellen, dass die Engländer ihren Shakespeare oder die Franzosen die Texte von Molière dem heutigen Sprachgebrauch angleichen? Natürlich ist die Sprache immer Veränderungen unterworfen, und das ist auch gut und schön und richtig. Doch für mich als Leser und vor allem als Vor-Leser ist es immer wieder eine freudige Herausforderung, mich der Sprachmelodik vergangener Zeiten zu stellen, um mich an ihrer Schönheit zu erfreuen. Sprache zu entdecken – sei es die Muttersprache oder die Sprache eines anderen Landes – stellt eine ganz besondere, beinah sinnliche Erfahrung dar. So danke ich dem Atrium Verlag von ganzem Herzen für ihre klare Haltung, die von gesundem Menschenverstand und Vernunft zeugt.

Womit wir direkt beim Thema wären: Aus Kästners scheinbar unerschöpflicher Wundertüte DER TÄGLICHE KRAM. CHANSONS UND PROSA 1945-1948 wählte der Verlag als illustrierte Neu-Auflage zu seinem Geburtstag eben genau DAS MÄRCHEN VON DER VERNUNFT aus.

Ein alter Mann, reich und angesehen, hat leider diese dumme Angewohnheit, sich vernünftige Dinge auszudenken und seine Gedanken auch noch öffentlich kundzutun. Die Staatshäupter und Staatsoberhäupter hören sich Zähne knirschend immer wieder seine in ihren Augen wirren Vorschläge an. Nun sitzt der alte Mann abermals mit einer seiner vernünftigen Ideen vor ihnen und behauptet, er wüsste, wie sie langfristig Zufriedenheit für alle Menschen auf der Erde schaffen könnten. Es würde nur die lächerliche Summe von einer Billion Dollar kosten, genau die Summe, die auch der letzte Krieg gekostet hätte. Die Staatshäupter und Staatsoberhäupter sind empört über diesen irrsinnigen Vorschlag. Doch der alte Mann lässt sich nicht beirren: Warum darf ein langer Friede nicht ebenso viel wert sein wie ein langer Krieg?


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Und wieder kleidete Ulrike Möltgen Kästners Geschichte in ihren kollagenartigen Illustrationen ein. In atmosphärischen Bildern, die einer Theater-Inszenierung würdig wären, versieht sie den namenlosen Helden mit dem Konterfei Kästners. Auch lässt sie bei den Staatshäupter und Staatsoberhäupter so manches bekannte Gesicht auf der Bühne erscheinen. Dabei arbeitet sie mit einer deutlichen Symbolik: Da umgibt die hohen Herren eine Art Blase, die wohl verdeutlichen soll, dass alles, was sich außerhalb befindet, nicht für die Herrschaften von Interesse ist. Ähnliches drücken die identischen Masken mit ihrer neutralen bis desinteressierten Mimik aus, die die Staatsmänner sich vor ihre Gesichter halten. Auch sitzt der alte Mann, der in einem Harlekin’eskem Sakko gekleidet ist, bei seinen Gesprächen mit den hohen Tieren an einem Tisch, der eine frappierende Ähnlichkeit mit dem bekannten Tisch von Vladimir Putin aufweist.

Abermals zeigte Kästner mit dieser Geschichte sein herausragendes Können, mit schlichten Mitteln hinter die Fassaden des gesellschaftlichen Konformismus zu blicken, um beinah lapidar-harmlos auf vorhandene Missstände hinzuweisen. Einerseits ist Kästners Geschichte fest mit seiner Entstehungszeit und den noch sehr frischen Eindrücken des 2. Weltkrieges verhaftet, andererseits hat sie bedauerlicherweise nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Denn die beinah kindlich-naive Frage des alten Mannes „Warum darf ein langer Friede nicht ebenso viel wert sein wie ein langer Krieg?“ hat leider auch noch heute seine gültige Berechtigung. Kästner stellte eine scheinbar einfache Frage, auf die er wohl nie eine vernünftige Antwort erhalten hat. Wie auch? Sie blieb bis heute unbeantwortet. Doch seine Frage implementiert den Gedanken zu einer weiteren, viel wichtigeren Frage:

„Sollte der Friede nicht mehr wert sein als ein Krieg?“


erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3855350704

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Noch ein Gedicht…] Erich Kästner – DER FEBRUAR

Nordwind bläst. Und Südwind weht.
Und es schneit. Und taut. Und schneit.
Und indes die Zeit vergeht
bleibt ja doch nur eins: die Zeit.

Pünktlich holt sie aus der Truhe
falschen Bart und goldnen Kram.
Pünktlich sperrt sie in die Truhe
Sorgenkleid und falsche Scham.

In Brokat und seidnen Resten,
eine Maske vorm Gesicht,
kommt sie dann zu unsren Festen.
Wir erkennen sie nur nicht.

Bei Trompeten und Gitarren
drehn wir uns im Labyrinth
und sind aufgeputzte Narren
um zu scheinen, was wir sind.

Unsre Orden sind Attrappe.
Bunter Schnee ist aus Papier.
Unsre Nasen sind aus Pappe.
Und aus welchem Stoff sind wir?

Bleich, als sähe er Gespenster,
mustert uns Prinz Karneval.
Aschermittwoch starrt durchs Fenster.
Und die Zeit verläßt den Saal.

Pünktlich legt sie in die Truhe
das Vorüber und Vorbei.
Pünktlich holt sie aus der Truhe
Sorgenkleid und Einerlei.

Nordwind bläst. Und Südwind weht.
Und es schneit. Und taut. Und schneit.
Und indes die Zeit vergeht,
bleibt uns doch nur eins: die Zeit.

Erich Kästner