[Operette] Emmerich Kálmán – DIE CSÁRDÁSFÜRSTIN / Stadttheater Bremerhaven

Operette von Emmerich Kálmán / Libretto vom Leo Stein und Béla Jenbach // in deutscher Sprache

Premiere: 8. November 2025 / besuchte Vorstellungen: 08.11. & 21.12.2025

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Hartmut Brüsch
INSZENIERUNG Sebastian Kranner
BÜHNE & KOSTÜME Anna Kreinecker
CHOREOGRAFIE Katharina Glas
DRAMATURGIE Torben Selk
CHOR Edward Mauritius Münch
LICHT Katharina Konopka

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
ASSISTENZ KOSTÜME & BÜHNE Elisabeth Pscheidl
DANCE CAPTAIN Melissa Panetta, Annika Ellen Flindt
STUDIENLEITUNG Hartmut Brüsch
MUSIKALISCHE EINSTUDIERUNG Jorrit van den Ham, Tonio Shiga
INSPIZIENZ Regina Wittmar
REGIEHOSPITANZ & FSJ KULTUR Josefine-Alicia Ocko


Hach! Es ist manchmal so wohltuend, sich dem Schmalz hinzugeben und in eine Phantasie-Welt abzutauchen, wo die Probleme überschaubar sind und sich die Liebenden nach einigen unterhaltsamen Irrungen und Wirrungen schlussendlich in die Arme fallen. Happy End! Welches Genre wäre da besser geeignet als die gute alte, oftmals schon todgesagte Operette. Doch wie heißt es so schön:

„Todgesagte leben länger!“.

Insbesondere am Stadttheater Bremerhaven wird eine jahrzehntelange Operetten-Tradition gepflegt. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, da gab es sowohl ein Opern- wie auch Operetten-Ensemble. Letzteres bediente pro Saison neben mind. zwei Operetten auch noch das Musical. Ob die Qualität der Inszenierungen mit der Quantität der Aufführungen mithalten konnte, wage ich nicht mehr zu beurteilen (In meinem hohen Alter sieht man einiges auch schon sehr verklärt. 😁). Heutzutage widmen sich am Stadttheater Bremerhaven dieselben Sänger*innen der so genannten leichten Muse, die sonst auch in der Oper brillieren, und garantieren so Gesangskunst auf hohem Niveau.

In dieser Saison stand nach langer Zeit wieder einmal ein Werk von einem der Begründer der Silbernen Operettenära auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven. Denn wenn ich mich richtig erinnere, dann „verirrte“ sich zuletzt in der Spielzeit 2018/2019 mit DIE HERZOGIN VON CHICAGO ein Werk von Emmerich Kálmán auf die große Bühne meines Stammtheaters.

Sylva Varescu ist der Star der Budapester Varietészene. Der adlige Edwin Lippert-Weylersheim ist unsterblich in sie verliebt. Seine Freunde Boni und Feri raten ihm, die Finger von ihr zu lassen und das leichte Leben zu genießen. Edwins Eltern, Anhilte und Leopold Maria, sind gegen Edwins Verbindung. Sie schicken den Vetter Eugen von Rohnsdorff, um Edwin zum Militärdienst zu rufen und an seine Verlobung mit Cousine Anastasia Eggenberg, genannt Stasi, zu erinnern. Edwin verspricht, seinen Dienst anzutreten, macht Sylva aber zuvor einen Heiratsantrag – den sie annimmt. Als sie erfährt, dass Edwin bereits verlobt ist, beschließt sie, nach Amerika zu gehen. Edwin hat sich damit abgefunden, Stasi heiraten zu müssen. Seine Eltern bleiben aber skeptisch. Boni und Sylva – mittlerweile zurück aus Amerika – tauchen als vermeintliches Grafen-Ehepaar auf. Sie wollen Edwins Eifersucht wecken. Es funktioniert. Edwin bittet Sylva erneut, ihn zu heiraten. Sie sagt wieder Ja. Gleichzeitig gesteht Boni Stasi seine Liebe. Edwin will, dass Sylva ihren erfundenen Titel als Gräfin behält, um die Zustimmung seiner Eltern zu gewinnen. Sylva lehnt ab und verlässt Edwin. Boni versucht, Sylva wieder mit Edwin zu versöhnen. Erfolglos. Stattdessen ermuntert Feri Sylva, auf die Bühne zurückzukehren. Als Feri Edwins Vater begegnet, erzählt er von seiner eigenen Liebe zu einer Chansonette, die später adlig geheiratet hat. Leopold Maria erkennt, dass diese Frau seine eigene Ehefrau ist. Er gibt seinen Widerstand auf – und der Liebe von Edwin und Sylva steht nichts mehr im Weg.

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)


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Es passiert viel, es muss auch viel passieren, und Regisseur Sebastian Kranner tat auch gut daran, viel passieren zu lassen. So gestaltete er die Übergänge zwischen Sprechtext, Gesang und Tanz sehr fließend, setzte dafür gekonnt die Drehbühne ein und erfreute mit originellen Ideen: Da schaute via Gemälde hoch oben über der Bühne Kaiser Franz Joseph mahnend auf die Gesellschaft herab und drohte bei allzu vielen Verfehlungen auch schon mal mit Absturz. Oder das fürstliche Paar LEOPOLD MARIA und ANHILTE kehrte pompös vom Ausritt heim, der sich als Hobby Horsing entpuppte. Doch auch ernste Töne lässt der Regisseur zu: Da klingt der gesellschaftlichen Wandel der damaligen Zeit ebenso an wie der Umgang mit der Prostitution. Dies machte er durchaus sehr deutlich aber ohne den moralinsauren erhobenen Zeigefinger.

Allerdings sorgten einige Szenen bei mir auch für Irritation, da ich nicht ergründen konnte, durch welche der beiden Brillen (Ironie oder Ernsthaftigkeit) der Regisseur sie betrachtet hatte. Diese Szenen wirkten irgendwie so „dazwischen“. Dabei gab es sie durchaus, die herrlich komischen Szenen voller Ironie und Witz, die purer Spaß waren, ebenso wie Momente der Ernsthaftigkeit, die den Mantel der Operetten-Seligkeit abwarfen und dafür umso mehr berührten.

Bedauerlicherweise hatte ich auch den Eindruck, dass Kranner nicht ausreichend mit den Solist*innen an den Dialogen gearbeitet hat. Bei der Operette wird auch sehr viel gesprochen, da über die Dialoge Informationen transportiert und so wichtige Einzelheiten zur Handlung bzw. zu den Figuren dem Publikum offenbart werden. Hier litt am Premierenabend leider manchmal die Textverständlichkeit (unabhängig vom individuellen sprachlichen Hintergrund): Betonungen wurden ungewöhnlich gesetzt, Gesprochenes hatte keinen natürlichen Fluss und wirkte dadurch hölzern. Da wünschte ich mir einen Otto Schenk herbei: Der legendäre österreichische Schauspieler und Regisseur, der vornehmlich Opern aber auch Operetten inszenierte, war bekannt für seine exzellente Dialog-Regie. Oder zumindest hätten mir zum besseren Verständnis deutsche Übertitel sicherlich geholfen. So hoffe ich sehr, dass die Sänger*innen sich im Laufe der weiteren Vorstellungen freispielen, und sie die Worte selbstverständlicher über die Lippen bringen.

Denn gesungen wurde – wie eingangs bereits erwähnt – auf hohem Niveau: Meredith Hoffmann-Thomson gab die Titelfigur SYLVA VARESCU mit großer Stimme und geschmackvoller Erotik und machte auch tänzerisch – insbesondere bei den Revue-Szenen – eine gute Figur. Stimmlich ihr ebenbürtig und von attraktiver Gestalt war Alexander Geller. Allerdings zeigte sein EDWIN RONALD sehr wenig Rückgrat bzw. hatte „keine Eier in der Hose“ (Von der Regie so gewollt?). Da hätte ich der CSÁRDÁSFÜRSTIN einen schneidigeren Galan gewünscht.

Einen Mangel an Schneid konnte man GRAF BONI KÁNCSIÁNU von Andrew Irwin nicht vorwerfen: Da wurde mit Elan vorangeprescht, um aus vollen Zügen das Leben und (vor allem) die Liebe zu genießen. Wie gut, dass Irwins BONI mit der lebenslustigen KOMTESSE STASI von Victoria Kunze eine kongeniale Partnerin zur Seite gestellt wurde. Kunze brillierte abermals mit ihrem wunderbaren Timing für Komik und der Fähigkeit, auch den irrwitzigsten Dialogen Leben einzuhauchen.

Timothy Edlin als väterlicher Freund FERI VON KEREKES ruhte gänzlich in sich selbst, war der ausgleichende Pol gegenüber seinen jugendlichen Freunden und schaffte es, einen wohldosierten Hauch von Melancholie und Vergänglichkeit zu versprühen. James Bobby als LEOPOLD MARIA und Iris Wemme-Baranowski als dessen Gattin ANHILTE sorgten für reichlich Amüsement als herrlich exaltiertes „Sissi & Franzl-Look alike“. Róbert Tóth gab einen (nach Außen) polternden, doch (innerlich) gutmütigen EUGEN VON ROHNSDORFF, und Ines Mayhew-Begg, Yvonne Blunk und Elena Zehnoff gefielen als handfeste MÄDIS.

Doch für mich waren die heimlichen Stars der Inszenierung der prachtvoll singende wie ebenso agierende Opernchor sowie die großartigen Tänzer*innen vom Ballett-Ensemble, die die spritzige Choreografie von Katharina Glas schwungvoll über die Rampe brachten. Wenn sie auftraten, passierte in jeder Ecke der Bühne immer so viel, dass ich meinen Blick so manches Mal förmlich von ihnen losreißen musste, um mich wieder auf die Hauptpartien konzentrieren zu können.

Ausstatterin Anna Kreinecker schuf stimmige Kostüme, die die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten klar voneinander trennten. Die Kostüme in den Revue-Szenen strahlten extravagant im Stil der legendären 20er Jahre, während der Adel allzu üppig und immer etwas „Over the Top“ gewandet war. Zudem stellte sie ein wandlungsfähiges Bühnenbild auf die Drehbühne, das nach vorne glitzerte und prunkte, nach hinten eher nüchtern bzw. heruntergewirtschaftet wirkte und so symbolisierte, dass alles „mehr Schein als Sein“ ist.

„Last“ doch definitiv „not least“: Operetten-Spezialist Hartmut Brüsch kitzelte aus dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven wieder so herrlich süffig schmelzend die Kálmán’schen Melodien hervor, die längst schon zu Evergreens geworden sind. Dabei pendelten die Musiker*innen gekonnt zwischen folkloristischen Pusta-Klängen, sehnsuchtsvollen Duetten und schmissigen Tanz-Nummern.

Auf meiner „Tanz-Karte“ stehen mindestens noch zwei weitere Vorstellungen von DIE CSÁRDÁSFÜRSTIN: Endlich ein Naschwerk, das nach Verzehr nicht sofort eins zu eins auf meiner Hüfte landet!


Operetten-Seligkeit bis ins Neue Jahr: Dies verspricht DIE CSÁDÁSFÜRSTIN am Stadttheater Bremerhaven allen Fans beschwingter Unterhaltung. 

[Oper] Sergei Prokofjew – DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Sergei Prokofjew / Libretto vom Komponisten und Vera Janacópulos / nach Wsewolod Meyerholds Adaption eines Stückes von Carlo Gozzi / deutsche Textfassung von Werner Hintze / reduzierte Orchestrierung von Philipp Haag // in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 13. September 2025 / besuchte Vorstellung: 16. Oktober 2025

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann
INSZENIERUNG & BÜHNE Julius Theodor Semmelmann
KOSTÜME Devin McDonough
DRAMATURGIE Markus Tatzig
CHOR Edward Mauritius Münch
LICHT Katharina Konopka

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
STUDIENLEITUNG Hartmut Brüsch
MUSIKALISCHE EINSTUDIERUNG Jorrit van den Ham, Tonio Shiga
INSPIZIENZ Regina Wittmar
REGIEHOSPITANZ & FSJ KULTUR Josefine-Alicia Ocko


Ja, Donnerlittchen! Potz Blitz! Himmel, Arsch und Wolkenbruch! Was ist denn hier passiert? Welche halluzinogenen Substanzen hatte sich Komponist Sergei Prokofjew eingeworfen, bevor er diesen überdrehten Spaß zusammenschusterte? Oder gönnte er sich – nachdem er aufgrund der Oktoberrevolution in Russland Exil in den USA suchte – die Freiheit, mit allen Opern-Konventionen zu brechen? Gemäß dem Motto „Neues Land – neues Glück: Ich erfinde mich neu!“.

Alles, was sich der durchschnittliche Opernkonsument von einer Oper erhofft, wird bei DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN gänzlich gegen den Strich gebürstet. Ouvertüre: Fehlanzeige! Koloraturarie und Tenorschmelz: Fehlanzeige! Gassenhauer: Fehlanzeige! Logik: Fehlanzeige! Realismus (Okay! Kann beim Genre Oper manchmal durchaus hinterfragt werden.): Fehlanzeige!

Und Regisseur und Bühnenbildner Julius Theodor Semmelmann machte sich noch nicht einmal die Mühe, irgendeinen Sinn aus dieser kruden Geschichte herauszukitzeln (Frechheit!). Es darf übertrieben werden! Es darf so übertrieben werden, dass es manches Mal beim Zuschauen beinah schmerzt! Es muss übertrieben werden!

Doch werfen wir zum besseren Verständnis (oder zur gänzlichen Verwirrung) einen Blick auf die so genannte (!) Handlung:

PROLOG Im Theater kracht es. Das Publikum ist sich uneinig, welches Stück gespielt werden soll. Die Bühnentechniker bringen Ordnung ins Chaos. Heute Abend: Die Liebe zu den drei Orangen. // 1. AKT Im Palast gibt es nichts zu lachen. Zumindest nicht für den Prinzen, der trübselig im Bett liegt und keinen Spaß versteht. Truffaldino soll ihn aufmuntern – bisher ohne Erfolg. In einem albtraumhaften Kartenspiel unterliegt der gute Magier Tschelio der bösen Zauberin Fata Morgana. Währenddessen schmieden Prinzessin Clarice und ihr Handlanger Leander Pläne für den Sturz der Königsfamilie. // 2. AKT Im Palast wird gefeiert. Der Prinz soll mit einem absurden Fest geheilt werden. Im Tumult mit Truffaldino geht Fata Morgana zu Boden – und der Prinz lacht! Im Zorn verwünscht die Zauberin diesen: Er soll sich in drei Orangen verlieben. Trotz aller Warnungen macht sich der Prinz mit Truffaldino auf die Reise. // 3. AKT Im Rückenwind des Luftgeists Farfarello erreichen der Prinz und Truffaldino das Zauberschloss der Riesin Cremona. In der Küche bewacht die Köchin die drei Orangen. Mit der Hilfe des Zauberers überlisten der Prinz und Truffaldino diese, schnappen sich die Früchte und ziehen in die Wüste. Durstig und erschöpft öffnet Truffaldino heimlich zwei Orangen, die sich als die verzauberten Prinzessinnen Linetta und Nicoletta entpuppen – und kurzerhand verdursten. Aus der dritten Orange schlüpft Prinzessin Ninetta. Eine plötzlich erscheinende Wasser-flasche ist ihre Rettung. Der Prinz ist verliebt. Listig verzaubert Fata Morgana die Prinzessin in eine Ratte und ersetzt sie durch Smeraldina als falsche Braut. Tschelio und Fata Morgana streiten erneut. // 4. AKT Im Palast wird Hochzeit gefeiert. Die Pläne von Fata Morgana werden durchkreuzt. Tschelio verwandelt die Ratte zurück in Ninetta. Dieses Märchen kennt ein glückliches Ende. Vielleicht sogar für arglose Bösewichte.

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)


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Im Vergleich zu seinen bekannteren Werken – beispielsweise zum später entstandenen Musikmärchen PETER UND DER WOLF (1936) – ist DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN nicht das Werk von Prokofjew, das aufgrund seiner eingängigen Melodien in meinem Gedächtnis haften bleiben wird. Aus dem Orchestergraben musizierte das Philharmonische Orchester Bremerhaven unter der Leitung von Marc Niemann natürlich wieder auf höchstem Niveau, und auch die Solist*innen, der Opernchor sowie der Extrachor zeigten eine so wunderbar ausgewogene Ensembleleistung, dass man es mir verzeihen möge, wenn ich den musikalischen wie gesanglichen Aspekten diesmal weniger Beachtung schenke.

Vielmehr gab es inszenatorisch und somit auch darstellerisch so viel zu sehen, dass ich kaum entscheiden konnte, wohin ich zuerst blicken sollte, und Gefahr lief, mir einen Tennis-Nacken einzufangen. Julius Theodor Semmelmann hat die imaginäre 4. Wand gnadenlos zum Einstürzen gebracht: Schon vor Beginn trudelten peu à peu die Sängerinnen des Chores im Zuschauersaal ein, um – kaum vom realen Publikum zu unterscheiden – in der ersten Reihe Platz zu nehmen. Doch kaum hatte die Vorstellung begonnen, erhob sich aus besagter Reihe lautstark Protest und gemeinsam mit ihren männlichen Kollegen, die aus dem Foyer hinzukamen, stürmten sie die Bühne. Dort hatte Semmelmann den Zuschauersaal über die Bühne hinweg verlängert, indem er die Konzert-Muschel, die normalerweise zwecks Verbesserung der Akustik bei philharmonischen Konzerten zu Einsatz kommt, frecherweise zum Königspalast umfunktioniert: das königliche Bett in die Mitte, Lüster drüber und fertig. Doch die erste Reihe blieb nicht ungenutzt: Auch einige Solist*innen durften dort im Laufe der Vorstellung Schutz suchen und boten dem Publikum so die Gelegenheit, die exaltierten Kostüme und Frisuren von Devin McDonough näher in Augenschein zu nehmen.

Semmelmanns Inszenierung ist gespickt mit kruden Ideen und aberwitzigen Details, die meine Phantasie beflügelten und mich animierten, ebensolchen wirren Mumpitz in einige Szenen hinein zu interpretieren. Beispiele gefällig? Sehr gerne!

  • Wenn eine studierte Harfenistin sich an der Alt-Panflöte abarbeitet.
  • Wenn beim Film-mäßigen Vorspann – statt der brüllende MGM-Löwe – ein ORANG-Utan (!) von der Leinwand lächelt.
  • Wenn Prinzessin Clarice sich probeweise die Hermelinschärpe vom Königsmantel um die Schulter wirft, obwohl der König noch im Mantel steckt.
  • Wenn die Köchin per Kamera auf eine große Leinwand, vor der Truffaldino agiert, übertragen wird, und so die Illusion entsteht, die Riesin würde den kleinen Zwerg in die Pfanne hauen.
  • Wenn ich meine im Küchen-Bild der Köchin, freche Easter-Eggs zu entdecken.
  • Wenn der ehrwürdige Magier Tschelio plötzlich in seiner schättrigen Long John Cowboy-Unterwäsche vor dem Publikum steht.
  • Wenn der Luftgeist Farfarello so aufgeblasen auftritt, dass selbst sein Kostüm wie ein Luftballon anschwillt.
  • Wenn die Zauberin Fata Morgana von den Bühnenarbeitern betäubt und in eine Plastikplane gehüllt wird, bei deren Anblick mir prompt der Werbe-Slogan einer Gefrierbeutel-Marke in den Sinn kommt.
  • Wenn eine wilde Verfolgungsjagd mit allen Beteiligten zu einer irrwitzigen Slapstick-Szene wie aus „Väter der Klamotte“ mutiert.
  • Wenn…! Wenn…! Wenn…!

Und ich bin sehr sicher, dass mir bei einem zweiten Besuch der ORANGEN noch viele weitere Details auffallen würden.

Und das Ensemble nutze diese Möglichkeit zur schamlosen Übertreibung mit spürbarer Freude hemmungslos aus: Timothy Edlin wirkte als KÖNIG TREFF so introvertiert ehrwürdig und gleichzeitig so grau und farblos, als wäre er von einer Krankheit betroffen und nicht sein Sohn, der frisch und gesund seine hypochondrische Depression pflegte. Als herrlich schräge KÖCHIN à la Julia Child war Edlin dann extraordinär-extrovertiert und ging darin gänzlich aus sich heraus. Weilian Wang zeigte als PRINZ „der traurigen Gestalt“ seine hypochondrische Depression so bewundernswert konsequent in Körperhaltung und Mimik, dass mich ein kurzzeitig auftauchendes Lächeln auf seinem Gesicht völlig irritierte. Victoria Kunze bot an der Alt-Panflöte ein komödiantisches Kabinettstückchen, um dann als PRINZESSIN NINETTA (Orange Nr. 3) völlig sphärisch wie von einem anderen Stern zu sein. Andrew Irwin gab TRUFFALDINO mit vollem Körpereinsatz und dem burlesquen Charme eines Schmierenkomödianten. Boshana Milkov hauchte PRINZESSIN CLARICE alle nötigen Attitüden einer waschechten, karrieregeilen Intrigantin à la Lucrezia Borgia ein, gefiel aber auch in der kleinen Partie der PRINZESSIN LINETTA (Orange Nr. 1). LINETTAs Handlanger LEANDER lieh Kai Preußker seine männlich-markante Gestalt, der – stets auf seinen Vorteil bedacht – auch schamlos mit FATA MORGANA flirtete. Meredith Hoffmann-Thomson gab FATA MORGANA im glamourösen 50er Jahre Hollywood-Outfit mit divenhafter Exaltiertheit. Ihren Kontrahenten ZAUBERER TSCHELIO versuchte Frederic Mörth erfolglos würdevoll erscheinen zu lassen und scheiterte bereits daran, seinen festgeklemmten Zauberstab aus dem Bühnenboden zu befreien. Marcin Hutek wirkte als PANTALON, der rechten Hand von KÖNIG TREFF, bemitleidenswert überfordert und somit kurz vor dem Nervenzusammenbruch, war dafür als FARFARELLO (im wahrsten Sinne des Wortes) ganz wunderbar aufgeblasen. Katharina Diegritz verkörperte die undankbare Rolle der SMERALDINA mit Souveränität: Immer dann, wenn die Handlung neue Impulse brauchte oder eine Wendung benötigte, war SMERALDINA zur Stelle. Auch die entzückende PRINZESSIN NICOLETTA (aka Orange Nr. 2) von Minji Kim und der jugendliche, hochmotivierte ZEREMONIEMEISTER von Anton Kononchenko sollen nicht unerwähnt bleiben.

Bedauerlicherweise blieben bei der von mir besuchten Vorstellung viele Plätze im Zuschauerraum unbesetzt. Jaja, mit dem Humor ist es halt so eine Sache: Je weniger massenkompatibel der gezeigte Humor ist, umso schwerer lassen sich Menschen für ihn begeistern, bzw. umso weniger sind sie bereit, sich dem Unbekannten zu stellen.

Mein Humorzentrum hingegen wurde an diesem Abend ganz wunderbar wachgekitzelt und entlockte noch auf dem Heimweg meiner Kehle wieder und wieder ein amüsiertes Gekicher.


Vitamine sind ja so gesund – besonders im Herbst: Darum darf von diesen Frücht(ch)en weiterhin genascht werden. Noch bis zum Ende des Jahres steht DIE LIEBE ZU DEN FREI ORANGEN auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven. 

[Oper] Jüri Reinvere – PEER GYNT (UA) / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Jüri Reinvere / Libretto vom Komponisten nach dem gleichnamigen Schauspiel von Henrik Ibsen // Uraufführung der originalen deutschsprachigen Fassung / in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 3. Mai 2025 / besuchte Vorstellung: 25. Mai 2025

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann
INSZENIERUNG & BÜHNE Johannes Pölzgutter
KOSTÜME & VIDEO Tassilo Tesche
DRAMATURGIE Markus Tatzig
CHOR Edward Mauritius Münch
LICHT Katharina Konopka

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
ASSISTENZ BÜHNE & KOSTÜME Mina Purešić
ORGANISATION & STIMMBILDUNG KINDERCHOR Katharina Diegritz
STUDIENLEITUNG Hartmut Brüsch
MUSIKALISCHE EINSTUDIERUNG Jorrit van den Ham & Tonio Shiga
INSPIZIENZ Regina Wittmar
SOUFFLAGE Mahina Gallinger
REGIEHOSPITANZ & FSJ KULTUR Tyler Wefer 


Mit „Es war eine Herausforderung,…“ habe ich hier schon den einen oder anderen Beitrag begonnen, um dann den Satz mit „…der ich mich gerne gestellt habe!“ zu beenden. In diesem Fall stimmte der erste Teil des Satzes vollumfänglich. Doch beim zweiten Teil des Satzes muss ich leider attestieren „Nein, ich habe es nicht gerne getan!“.

Die Oper PEER GYNT von Jüri Reinvere war für mich – Hm! Wie umschreibe ich es am besten? – verwirrend? …verstörend? …belastend?

Noch nie habe ich eine Opernkomposition gehört, bei der die Töne so schräg und (in meiner Wahrnehmung) willkürlich aneinander gereiht wurden, wie es bei diesem Werk der Fall war. Melodik? Fehlanzeige! So manches Mal fragte ich mich, ob es noch Töne seien oder doch eher nur Krach. Zumal diese massive Disharmonie auch physische Reaktionen bei mir auslösten: Da brach unvermittelt der Schweiß bei mir aus, und ich spürte, wie meine Nackenmuskulatur sich zunehmend verspannte. Als ein Mensch, der öfter unter Migräne zu leiden hat, reagiere ich bedauerlicherweise sensibler auf eine laute Geräuschkulisse und vermeide darum nach Möglichkeit, mich allzu viel Lärm auszusetzen. Einige Zuschauer*innen waren nach der Pause nicht mehr zu ihrem Platz zurückgekehrt. Warum ich trotzdem der Oper bis zum Ende beigewohnt habe, lag an dem Respekt, den ich für die Künstler*innen empfand. Zumal mir einige Sängerinnen und Sänger des Ensembles persönlich bekannt sind, und ich sowohl sie wie auch das restliche Ensemble für deren Leistung sehr bewundere.

Die Oper wurde zwar auf Deutsch vorgetragen, doch aufgrund der ungewöhnlichen Formulierungen, der fragwürdigen Betonungen und einem Gesang, der manchmal an der Grenze zum Schreien kratzte, war die Sprache irgendwann nebensächlich. Zudem manche für mich unlogische Antwort/Reaktion bei den Duetten (Ich nenne es mal so, da mir kein besserer Begriff einfällt.) bei mir für zusätzliche Verwirrung sorgte.

Apropos Verwirrung:

Peer Gynt ist ein Aufschneider. Ein Fantast. Ein Träumer. Seine Geschichten sind größer als das Leben im norwegischen Dorf. Auf einer Hochzeit überschreitet er alle Grenzen: Er reißt Ingrid, die Braut eines anderen, mit sich in den Wald. Sie scheint ihm zu verfallen. Doch Peer stößt sie von sich. Er flieht in die Berge. Im Reich der Trolle begegnen ihm groteske Figuren. Peer soll die Grüne heiraten, die triebhafte, animalische Tochter des Trollkönigs. Doch Peer entkommt – vor allem sich selbst. Solveig, ein Mädchen aus dem Dorf, sucht Peer mit dessen Mutter Åse. Geduldig findet sie Verständnis für Peers wankelmütiges Treiben. Sie könnte seine Wahrheit werden. Doch Peer geht wieder. Ein Luftgeist warnt ihn: «Du fliehst nicht.» Doch Peer flieht weiter. Åse stirbt. Peer bleibt allein und verlässt seine Heimat. In Marokko wird Peer Geschäftsmann, Prophet, Betrüger. Man feiert ihn als norwegischen Messias. In Rom sieht er in einem Schlachthaus Menschen, die sich aufgegeben haben. Die Macht der Zerstörung verführt ihn und legt seine brutalen Charakterzüge frei. Solveig erscheint ihm – wie eine Erinnerung an seinen Ursprung. Zerrissen landet Peer in einer Irrenanstalt in Ägypten. Er zweifelt: Wer bin ich? Was ist Wahrheit? Was ist Lüge? Ihm wird vor Augen geführt: Er ist nur ein Denkmal seiner selbst, eine Projektionsfläche für die Möglichkeiten eines gelebten Lebens. Die Grinsekatze erscheint – spöttisch und allwissend. Sie entlarvt Peers Lügen. Er bleibt allein. Zurück in Norwegen gerät Peer auf einen Friedhof. Bei Nacht wird ein junger Mann begraben. Peer ahnt: Dieses Begräbnis gilt auch ihm. Solveig erscheint. Vergangenheit und Gegenwart berühren sich für einen Moment. Die junge Solveig singt ein Schlaflied des Friedens und der Vergebung. In der späten Vereinigung mit seiner Seelenverwandten findet Peer endlich Frieden. Und seine Geschichten Unendlichkeit.

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)


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Ob Regisseur und Ausstatter Johannes Pölzgutter eine stringente Inszenierung gelungen ist, mag ich nicht beurteilen, da sich die Handlung alles andere als schlüssig, geschweige denn stringent aufbaut. Vielmehr sind es aneinandergereihte Tableaus, die Pölzgutter auf der Drehbühne um einen offenen Quader herum schuf. Hier sind ihm einige eindrückliche Szenen gelungen, sei es der Auftritt der Trolle, der Tod von Åse, das Marokko-Bild sowie die Szenen im Schlachthaus, im Irrenhaus und auf dem Friedhof. Auch die Projektionen von Tassilo Tesche, die überlebensgroß das Gesicht des Hauptdarstellers auf die Wand warfen, und so PEER GYNTs innere Zerrissenheit bzw. seine ambivalenten Gefühle widerspiegelten, waren sehr gelungen. Tesche war auch für die kreativen Kostüme zuständig.

GMD Marc Niemann stand am Dirigentenpult und lotste mit sicherer Hand Orchester wie Sänger*innen durch die tobenden Wogen der Partitur. Hier möchte ich die Orchestermusiker*innen loben, die hochkonzentriert der Partitur folgten, mit nur wenigen Tönen ihren Beitrag zu diesem Klang-Konglomerat beitrugen, um danach wieder auf den nächsten Einsatz zu warten. Der Orchestergraben war so überfüllt, dass das Percussion-Instrumentarium auf die Seitenbühne ausweichen musste. Ein großes Lob möchte ich auch dem Opernchor, dem Kinderchor sowie dem Extrachor aussprechen, die unter der Leitung von Edward Mauritius Münch aus ihren Stimmen einen beeindruckenden Klangteppich woben und in jeder Szene mit schauspielerischer Präsenz überzeugten.

Die Solist*innenriege bot Bewundernswertes: Michael Müller-Kasztelan verausgabte sich in der Titelrolle PEER GYNT bis zur Erschöpfung, forderte seinen kräftigen Tenor abseits des Schöngesangs, um dann in den ruhigeren Passagen mit feinem Pianissimo zu überraschen. Alle anderen Solist*innen hatten mehrere Rollen zu bewältigen. Kristín Anna Guðmundsdóttir war als INGRID, GRÜNE oder auch ANITRA mit ihrem durchschlagenden Sopran eine ebenbürtige Partnerin zu Müller-Kasztelans PEER GYNT und scheute sich auch nicht vor Töne an der Grenze des Wohlklangs. Boshana Milkov berührte mit ihrem sensiblen Spiel und hüllte ÅSE und die ALTE SOLVEIG in ihren Rolleninterpretationen in einen Mantel voller Melancholie. Victoria Kunze als SOLVEIG bzw. SOLVEIGS ERSCHEINUNG war mit ihrem zarten Sopran nicht nur ein Lichtblick im Leben des PEER GYNT sondern verkörperte auch einfühlsam die Hoffnung und die Unschuld. Ulrich Burdack überzeugte gleich in vier prägnanten Rollen (DER ALTE VOM BERGE aka Trollkönig, VON EBERKOPF, BEGRIFFELDFELDT und FRIEDHOFSWÄRTER) und führte seinen flexiblen Bass scheinbar mühelos durch die Partitur. Marcin Hutek (PFARRER, MONSIEUR BALLON, SCHLACHTER, HUSSEIN und PROBST) und Andrew Irwin (SCHMIED, HERR TRUMPETERSTRALE, HUHU und GEALTETER SCHMIED) zeigten auch in diesen kleineren Rollen ihre solistischen Qualitäten, indem sie jeweils überzeugend sehr individuelle Rollenporträts kreierten. Countertenor Gerben van der Werf als DER LUFTGEIST und GRINSEKATZE gestaltete seine Auftritte sehr geheimnisvoll und wirkte so beinah auf mich, als wäre er der Teufel, der PEER GYNT im Nacken sitzt.

Am Ende der Vorstellung spendete ich voller Überzeugung reichlich Applaus – nicht für das Werk, dafür umso herzlicher für alle Beteiligten. 💖

P.S.: Liebes Team am Stadttheater Bremerhaven, bitte bietet mir weiterhin Stücke abseits des gängigen Repertoires. Doch beim nächsten Mal hoffe ich, dass ich dann den Satz „Es war eine Herausforderung,…“ voller Überzeugung mit „…der ich mich gerne gestellt habe!“ beenden darf. 🙂


So schnell wie er aufgetaucht ist, so rasch verschwindet PEER GYNT auch wieder vom Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen außergewöhnlichen Opernabend.

[Musical] Frederick Loewe – MY FAIR LADY / Stadttheater Bremerhaven

Musik von Frederick Loewe / Buch von Alan Jay Lerner / nach Bernhard Shaws PYGMALION und dem Film von Gabriel Pascal / deutsch von Robert Gilbert / in deutscher Sprache

Premiere: 2. November 2024 / besuchte Vorstellungen: 17. November 2024, 5. Januar 2025, 7. Februar 2025, 13. April 2025 & 11. Mai 2025

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Hartmut Brüsch / Tonio Shiga (05.01. & 07.02.)
INSZENIERUNG Toni Burkhardt
BÜHNE Wolfgang kurima Rauschning
KOSTÜME Susana Mendoza
CHOREOGRAFIE Kati Heidebrecht
DRAMATURGIE Torben Selk
CHOR Edward Mauritius Münch
LICHT Katharina Konopka

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt, Florian Thiel
DANCE CAPTAIN BALLETT Melissa Panetta
DANCE CAPTAIN CHOR Annika Ellen Flindt
INSPIZIENZ Mahina Gallinger


Es war am 5. Juni 1988: Es sollte mein erster Besuch eines Musicals werden. Ich saß mit einer vergünstigten Schülerkarte im zweiten Rang des Theaters am Goetheplatz in Bremen (Bei meinem damaligen Budget, das ich mir durch Zeitungsaustragen verdingte, war Besseres nicht drin.), blickte aus der Vogelperspektive von oben herab über den ersten Rang und das Parkett zur Bühne und wartete gespannt auf das, was mich erwartete. Schließlich war ich als Theaterbesucher noch völlig unbeleckt und konnte diesbezüglich auf keine Erfahrungen zurückgreifen. Alles war für mich neu und aufregend: Die Musiker*innen des Orchesters stimmten ihre Instrumente, während das grelle Schrillen einer Klingel den Beginn der Vorstellung ankündigte. Langsam wurde das Licht gedimmt, und eine vibrierende Spannung bemächtigte sich meiner. Der Dirigent erschien, und das Publikum applaudierte, also applaudierte auch ich. Zu den ersten Takten der Ouvertüre hob sich der Vorhang und gab den Blick frei auf das Bühnenbild, das Covent Garden in London darstellen sollte. Das Spiel begann. Niemals zuvor hatte ich eine verführerische Symbiose, wie diese aus Musik, Text, Gesang, Schauspiel und Tanz, erleben dürfen. Es war um mich geschehen!

Seitdem hat mich das Musicalfieber nie mehr losgelassen, und gerade MY FAIR LADY nimmt hier eine Sonderstellung ein. So sah ich im Laufe der Jahrzehnte auf den Bühnen dieses Landes bisher vier verschiedene Inszenierungen dieses Musical-Klassikers. Doch seit unserem letzten Zusammentreffen mussten satte 21 Jahre verstreichen, bis ich nun der LADY abermals meine Aufwartung machen durfte. Und so schummelte sich mir beim Klang der traumhaften Ouvertüre eine kleine Träne ins Auge – vor Rührung, doch noch vielmehr vor Freude,…


HINWEIS: DIE OBIGE AUFNAHME STAMMTE NICHT AUS DER BESPROCHENEN INSZENIERUNG SONDERN DIENT NUR DAZU, EINEN EINDRUCK VON DER MUSIK ZU VERMITTELN.

Bei seinen Feldstudien vor der Londoner Oper erregt das Blumenmädchen Eliza Doolittle mit ihrer Art zu sprechen die Aufmerksamkeit von Henry Higgins, einem international anerkannter Professor für Phonetik. Als ihr auffällt, dass er sich Notizen macht, protestiert sie und sucht Unterstützung bei Oberst Pickering, der gerade die Oper verlässt. Es stellt sich heraus, dass er, als Fachmann der indischen Dialektik, ein Kollege von Higgins und extra seinetwegen aus Indien nach London gereist ist. Beide beginnen sofort zu fachsimpeln, wobei Higgins erwähnt, dass er – mit Hilfe des richtigen Unterrichts – aus diesem ordinären Blumenmädchen mit Leichtigkeit eine Lady machen könnte. Elizas Aufmerksamkeit ist geweckt. Beim Gehen wirft Higgins Eliza gönnerhaft einige Münzen zu. Eliza ist von diesem unerwarteten „Reichtum“ entzückt und erträumt für sich einige bescheidene Annehmlichkeiten. Auf den Boden der Realität bringt sie ihr Vater Alfred P. Doolittle, der offiziell als Müllkutscher tätig ist, inoffiziell aber lieber in der Kneipe seinen unbändigen Durst stillt und hofft, von seiner Tochter ein paar Münzen schnorren zu können. Am nächsten Tag steht Eliza bei Higgins vor der Tür, um den erwähnten Unterricht zu buchen. Sie träumt von einer Anstellung in einem feinen Blumenladen. Doch Higgins macht sich einen Spaß aus ihrem Ansinnen. Er ist für dergleichen nicht zu haben, selbst nicht gegen Bezahlung, die Eliza ihm anbietet. Wieder geraten die Männer ins fachsimpeln, und schließlich bietet Oberst Pickering eine Wette an: Er würde alle Kosten übernehmen, wenn Higgins es tatsächlich schaffen sollte, Eliza so weit zu bringen, dass niemand – selbst nicht am britischen Hofe – sie als armes Mädchen der Unterschicht erkennen würde. Higgins kann nicht widerstehen und nimmt die Herausforderung an. Eliza sieht ihre Chance auf eine bessere Zukunft und stimmt ebenfalls zu. Das Mädchen wird umgehend im Haus von Higgins einquartiert und erhält von der Hausdame Mrs. Pearce widerstrebend eine optische Rundumerneuerung. Schon am nächsten Tag beginnt ihr Unterricht. Plötzlich steht Elizas Vater vor der Tür und versucht den Herren ein paar Pfund aus der Tasche zu locken. Dabei stellt er sich rhetorisch so raffiniert an, dass Higgins ihn als „originellsten Moralisten“ weiterempfiehlt. Über Wochen ziehen sich die quälenden Sprachübungen hin. Alle sind erschöpft, bis sich plötzlich bei Eliza die ersten Erfolge einstellen. Zur Probe nimmt Higgins sie zum Pferderennen nach Ascot in die Loge seiner Mutter. Mrs. Higgins ist anfangs wenig begeistert von dieser Idee, schließt Eliza aber zunehmend in ihr Herz. Zwar sticht Eliza dank ihrer Natürlichkeit aus der Masse der versnobten Upperclass hervor und erregt so die Aufmerksamkeit des jungen Freddy Eynsford-Hill, doch im Eifer entfleucht ihr ein sprachlicher Fauxpas, mit dem sie die Anwesenden schockiert. Allein Freddy ist von ihr entzückt und begibt sich eilends zum Haus von Henry Higgins, in der Hoffnung mit ihr sprechen zu können. Doch Elizas Drill geht Woche für Woche weiter, und aus dem soziale Rohdiamant entwickelt sich langsam ein funkelnder Edelstein. Auf dem festlichen Botschafterball soll sie sich nun abermals bewähren: Eliza ist absolut reizend und so überzeugend, dass selbst der anwesende Sprachforscher Zoltan Karpathy keinen Makel an ihr erkennen kann. Vielmehr ist ihr Englisch zu exzellent: Karpathy ist davon überzeugt, dass Engländer nie ein so reines Englisch sprechen. Vielmehr findet man dies nur bei Ausländern, und so vermutet er, dass Eliza eine ungarische Prinzessin sein muss. Zurückgekehrt im Haus von Higgins gratuliert Oberst Pickering den Kollegen für seine herausragende Arbeit. Dieser zeigt sich wiederum erleichtert darüber, dass jetzt endlich alles vorbei sei. Eliza, die still danebensteht und zu Recht auf ihre Leistungen stolz sein könnte, wird von den beiden Herren gänzlich übersehen. Sie ist zutiefst verletzt und verlässt noch während der Nacht das Haus. Vor der Tür stolpert sie über den dort wartenden Freddy, der ihr abermals wortreich zu vermitteln versucht, wie sehr er sie liebt. Doch Eliza hat genug von Männern, die nur sprechen und nicht handeln. Da sie nun nicht mehr weiß, wo sie hingehört, zieht es sie zu ihrer alten Heimat. Dort trifft sie ihren Vater, der im Begriff ist, zu heiraten. Aufgrund der Empfehlung von Higgins hat er ein erträgliches Erbe erhalten. Grund genug für seine „Madam“, endlich in den Hafen der Ehe zu schippern, auch wenn Alfred P. Doolittles Begeisterung sich in Grenzen hält. Eliza erkennt, dass sie auch hier keine Zuflucht finden kann, und verabschiedet sich endgültig von ihrem Vater. Am nächsten Morgen ist Higgins außer sich, dass Eliza ohne ein Wort verschwunden ist. Eilends geht er auf die Suche und findet sie bei seiner Mutter, die ihrem Sohn deutlich zu verstehen gibt, wie richtig Eliza gehandelt hat. Eliza bietet ihm die Stirn: Aus der Schülerin ist eine ebenbürtige Persönlichkeit geworden. Geknickt kehrt Higgins zurück und muss sich eingestehen, wie sehr er sie vermisst. Wehmütig schaltet er den Phonografen an und lauscht den Tonaufzeichnungen ihrer Stimme. Da betritt Eliza das Zimmer: Sie ist zurück…!


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…und meine Freude sollte sich im Laufe der Vorstellung weiter stetig steigern. Regisseur Toni Burkhardt und sein Produktionsteam schenkten dem Bremerhavener Publikum eine Inszenierung, die ein permanentes Hochgefühl bei mir auslöste, ein wahres Vergnügen und eine einzige Wonne war. Voller charmanter Ideen und mit witzige Details gespickt, gab es nicht eine einzige Sekunde Langatmigkeit. Alles war im Fluss: Szene für Szene entblätterte sich die Handlung schlüssig vor meinen Augen. Behutsam schraubte Burkhardt an den Rollenvorgaben, drehte hier ein bisschen, regulierte dort ein wenig, um die antiquierte Darstellung der Geschlechterrollen zu mildern. Und doch erkannte ich weiterhin die vertrauten Charaktere. Es war immer noch „meine“ LADY. Gekonnt verschmolz er ganz viel Entertainment mit einem Hauch Drama: Dass er beide Extreme beherrscht, zeigte er in der Vergangenheit sowohl beim Musical HAIRSPRAY (Entertainment) wie auch bei der Oper BREAKING THE WAVES (Drama). Unter seiner Regie wurden beinah unmerklich zwei Neben-Rollen aufgewertet: So stellt er dem dominanten Herren-Trio (Higgins, Pickering, Doolittle) ein selbstbewusstes Damen-Trio (Doolittle jun., Higgins sen., Pearce) gegenüber, das auf Augenhöhe den Kerlen Paroli bot. Bravourös bündelte er die Künstler*innen der unterschiedlichen Sparten (Gesang, Schauspiel, Tanz) zu einem homogenen Ensemble, indem er die Grenzen zwischen den einzelnen Professionen verschwinden ließ.

Das Bühnenbild von Wolfgang kurima Rauschning zeigt ein London wie aus dem Märchenbuch: Die Hintergrundprojektionen, die stilisierte Ansichten der Schauplätze zeigen, erstrahlen phantasievoll in allen Farben des Regenbogens. Dominat in der Mitte der Bühne steht eine Konstruktion in Kombination mit Treppen und Balkone, die – je nach Grad der Drehung – einen Grammophontrichter (Higgins Arbeitszimmer) oder eine Blüte (Außenansichten) darstellen könnte und so schnelle Szenenwechsel ermöglicht. Susana Mendoza schuf stimmige Kostüme: Die Upperclass erschien in einer pastellenen Garderobe, während das einfach Volk eher gedeckte Farben trug. Der Haushalt um Henry Higgins schien in der Zeit um die Jahrhundertwende stehengeblieben zu sein, während Elizas Metamorphose auch anhand ihrer Kostüme (Sonnengelb mit Schwarz/ vom einfachen Blumenmädchen, die ihre Ware in einer Schürze feilbietet, zum eleganten Audrey-Hepburn-Style) zu erkennen war.

Choreografin Kati Heidebrecht brachte das gesamte Ensemble – von den Solisten über dem Chor bis zum Ballett – in Bewegung und schuf auch hier für die einzelnen Gruppen prägnante Bewegungsabläufe: Das einfache Volk tanzte und steppte ausgelassen über die Bühne, der Adel hingegen wurde mit minimalistischen Gesten porträtiert. Auch die talentierten Tänzer*innen vom Ballett waren nicht nur schmückendes Beiwerk. Bei anderen Inszenierungen durfte ich es durchaus erleben, dass das Ballett „mal eben“ zum Tanzen auf die Bühne gescheucht wurde, ansonsten aber nicht präsent war. Hier bereicherten sie die Szenerie als quirlige Straßengaukler oder gefielen als zauberhafte Debütant*innen auf dem Ball.

Mit Hartmut Brüsch stand ein wahrer Kenner und Könner der Materie am Pult vor dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven. Mit Verve brachten die Musiker*innen die bekannten Evergreens zum Erklingen. Schwelgerisch strömten die wunderbaren Melodien über das Ohr direkt in mein Herz und sorgten für ein wohliges Gefühl.

Die Sänger*innen des Chores am Stadttheater Bremerhaven (Leitung: Edward Mauritius Münch) überzeugten abermals sowohl stimmschön als auch durch ihre Wandlungsfähigkeit: Eben noch flott singend durch Londons Straßen getanzt, intonieren sie nur wenige Augenblicke später ganz etepetete die „Ascot Gavotte“.

Robert Tóth und MacKenzie Gallinger waren als HARRY und JAMIE die witzigen Side-Kicks zu ALFRED P. DOOLITTLE. Gallinger gab zudem einen herrlich schmierigen ZOLTAN KARPATHY. Iris Wemme-Baranowski stattete MRS. PEARCE mit der nötigen Contenance aus, war nie nur bloße Hausangestellte, sondern vielmehr das Gewissen von HENRY HIGGINS. Isabel Zeumer präsentierte als MRS. HIGGINS punktgenau ihre Pointen und setzte sich mit mütterlichem Pragmatismus wohltuend von ihren überkandidelten Freunden aus der Upper-Class ab.

Kay Krause porträtierte OBERST PICKERING als liebenswerten Schussel mit viel Verständnis und noch mehr Herz für seine Mitmenschen. Andrew Irwin erschien als FREDDY EYNSFORTH-HILL optisch wie ein Schlager-Star aus den 70ern, mimte glaubhaft den verliebten jungen Mann und bot abermals – wie ich bereits in meinem Beitrag zur ERÖFFNUNGSGALA erwähnte – eine der besten Interpretationen von „Weil ich weiß, in der Straße wohnst du“, denen ich bisher lauschen durfte. Ulrich Burdack gab einen deftig-rustikalen ALFRED P. DOOLITTLE mit amüsanter Bauernschläue, der mit üppigem Bass die Songs intonierte, mit Chor und Ballett flott über die Bühne wirbelte und in seinen Dialogen prägnante Akzente setzte.

Dirk Böhling gelang das Kunststück, seinen HENRY HIGGINS weniger arrogant dafür mehr jungenhaft-naiv wirken zu lassen. Beinah unbedarft pfefferte er seine Unverschämtheiten raus und wunderte sich über die Reaktionen seiner Mitmenschen. Doch gerade diese jungenhafte Naivität sicherte ihm die Sympathie des Publikums. Den Sprechgesang mit seinen durchaus herausfordernden Passagen bewältigte er meisterhaft.

Ihm zur Seite stand die beste ELIZA-Darstellerinnen, die ich bisher auf einer Bühne sehen durfte: Victoria Kunze. Mit einer immensen Spielfreude stürzte sie sich in die Rolle und verkörperte die schnoddrige Straßengöre ebenso glaubhaft wie die gereifte junge Frau. Dabei gelangen ihr die humoristischen Passagen nicht minder brillant wie die ernsteren Szenen. Auch gesanglich bot sie absolut Erlesenes: In ihren Songs lieferte sie mit ihrem wunderschönen Sopran ein Highlight nach dem anderen ab und ließ dabei so manche prominentere und auf CD verewigte Rollenvorgängerin ziemlich blass aussehen. Hochachtung!

Hochgefühl: Genau dieses hatte sich meiner bemächtigt und sollte mich auch lange begleiten. Beim Standing Ovation klatschte ich mir enthusiastisch die Hände wund und brüllte mir mit Bravo-Rufen die Kehle heiser. Doch ich war so selig: Nach 21. Jahren war „meine“ LADY – frisch wie eh und je – in einer fulminanten Inszenierung zu mir zurückgekehrt.


Nachtrag zum 11. Mai 2025: Da flog beim Schlussapplaus der Dernière zu MY FAIR LADY der originale Elbsegler von ALFRED P. DOOLITTLE alias Ulrich Burdack über mich hinweg in die Weiten des Zuschauersaals, um dann – dank deutlicher Nennung des Adressaten – doch noch bei mir zu landen. Nun geht der kleine lädierte Segler in die wohlverdiente Rente und wird ein gemütliches Nest bei mir erhalten.

Mein lieber Ulrich! Nochmals herzlichen Dank für das schöne Souvenir. Ich habe mich so sehr gefreut! 😍

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Mit der Dernière endete die erfolgreiche Aufführungsserie des weltbekannten Musicals am Stadttheater Bremerhaven nach 18 nahezu ausverkauften Vorstellungen, bei denen ich an 5 Terminen dabei sein durfte. Bisher hatte mich noch keine andere Produktion so durch eine Saison (von November bis Mai) begleitet wie diese MY FAIR LADY. Jedes Mal war es mir ein Fest, bei dem ich den Alltagsstress sowie meine Sorgen und Schmerzen für einige wertvolle Stunden vergessen konnte.

Für die Freude, die mir (und sicherlich auch vielen weiteren Zuschauern) bereitet wurde, möchte ich mich bei allen Beteiligten von ganzem Herzen bedanken. 💖


Lust auf einen Probeneinblick? Hier ist er: Andrew Irwins Version von „Weil ich weiß, in der Straße wohnst du“ mit Tonio Shiga am Klavier und Iris Wemme-Baranowski als Mrs. Pearce,…

…oder wir werfen Harald Witt, dem technischen Oberinspektor am Stadttheater Bremerhaven, während der Generalprobe zu MY FAIR LADY einen Blick über die Schulter,…

…aber vielleicht habt ihr ja auch Lust mit Kati Heidebrecht die Choreografie zu „Mit ’nem kleenen Stückchen Glück“ zu lernen.


„Es grünt so grün“: Noch bis zum Mai 2025 lässt MY FAIR LADY am Stadttheater Bremerhaven sowohl Spaniens Blüten als auch die Herzen des Publikums erblühen.

[Lustspiel] Carlo Goldoni – DER DIENER ZWEIER HERREN / Stadttheater Bremerhaven

Komödie nach Carlo Goldoni / in einer Fassung von Kay Neumann

Premiere: 21. September 2024 / besuchte Vorstellung: 13. Oktober 2024

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


INSZENIERUNG Kay Neumann
BÜHNE & KOSTÜME Monika Frenz
MUSIK Jan-Hendrik Ehlers
DRAMATURGIE Peter Hilton Fliegel
LICHT Katharina Konopka


„Logik? Die ist für gut zwei Stunden außer Kraft gesetzt.
Wird ohnehin überbewertet.“

lässt Tobia Fischer in ihrem Bericht zur Premiere in der Nordsee-Zeitung verlauten. Und: Recht hat sie! Es ist manchmal ein Vergnügen, auf die Logik zu pfeifen. Dann genieße ich es, mich in meinem Sitz im Zuschauersaal einfach nur zurücklehnen zu dürfen, wunderbar unterhalten zu werden und alles um mich herum – von den Katastrophen in der Welt bis zu meinen kleinen Alltagsärgernissen – auszublenden.

Über 270 Jahre hat die Komödie von Carlo Goldoni nun schon auf dem Buckel. Damals in Mailand uraufgeführt gilt sie als Höhepunkt der Commedia dell’arte. Doch kann man die damaligen Rollenklischees der Geschlechter heutzutage noch auf einer Bühne zeigen, und zündet der Humor von 1746 auch noch im Jahre 2024? Antwort: „Ja!“ und „Ja!“, wenn jemand wie Regisseur Kay Neumann fähig ist, eine eigene Fassung zu kreieren ohne dabei das Original gänzlich zu verstümmeln. Kay Neumann schuf eine Bremerhavener Fassung und traf damit sowohl voll ins Schwarze wie auch mitten in mein Humor-Zentrum. Da werden die Namen der Charaktere einge(nord)deutscht, die Handlung wird einfach von Venedig nach Bremerhaven transferiert und mit viel Lokalkolorit und Anspielungen auf hiesige Gegebenheiten garniert. Er scheucht das talentierte Schauspiel-Ensemble des Stadttheaters Bremerhaven in einem immensen Tempo über die Bühne und krönt dies – als Running Gag – mit drei Musikern, die, kaum sind sie auf der Bühne erschienen, auch schon wieder von ihr verjagt werden. Zudem spickt er seine Inszenierung mit witzigen Regie-Einfällen zwischen Slapstick und Groteske.

Wobei: So genau will Neumann sich bzgl. der Zeit, in der die Handlung spielt, nicht festlegen lassen. Bühne und Kostüme von Monika Frenz würden zu den 80ern ebenso wie ins Heute passen. Auf jeden Fall spielt die Komödie zu einer Zeit, in der es noch kein TikTok, Smartphone und ähnlichen entlarvenden Schnickschnack gab, da sonst folgende Irrungen und Wirrungen schier unmöglich gewesen wären…

Kaufmann Hosemann hat gerade die Verlobung seiner Tochter Clara mit dem Anwaltssohn Silvester Friesdorf bekannt gegeben, da kündigt sich sein tot geglaubter Geschäftspartner an: Frederick Rasperg, dem Clara versprochen war. Hosemann wittert ein Geschäft, ist Rasperg doch wesentlich reicher als Doktor Friesdorf. In Fredericks Kleidern steckt jedoch dessen Schwester Beatrix, die dringend Geld braucht, um ihren flüchtigen Geliebten zu unterstützen, nachdem dieser ihren Bruder bei einem Streit erstochen hat. Ihr Diener Plietschmann ist dabei keine Hilfe, flirtet er doch lieber mit Hosemanns Bedienter Charlotte, streunt hungrig in der Stadt herum, statt vor Hosemanns Haus zu warten wie befohlen, und verdingt sich noch bei einem zweiten Herrn (der Beatrix’ Geliebter Felix ist), um endlich an etwas zu essen zu kommen. Als jetzt noch für beide Herren Briefe von der Post abzuholen sind, obwohl Plietschmann nicht lesen kann, die Koffer von zwei Herren im selben Gasthaus untergebracht werden müssen, ohne dass die es gegenseitig merken, und als Gipfel der Verwirrung Beatrix mit Hosemann in einem Zimmer und Felix im anderen gleichzeitig ein Menu serviert bekommen sollen, ohne dass Wirt Schunke das Spiel durchschaut – als all das kulminiert, kommt selbst das ausgekochte Schlitzohr Plietschmann ins Schwitzen. Dass Silvester durch die Straßen zieht und den vermeintlichen Rivalen Frederick Rasperg umlegen will; Clara weiß, dass Beatrix kein Mann ist, aber das nicht verraten darf; dass Charlotte und Plietschmann sich ihre Liebe gestehen und im nächsten Moment in einen üblen Streit geraten; dass Plietschmann, um nicht aufzufliegen, sowohl Felix als auch Beatrix erzählt, dass der jeweils andere tot sei – auch in diesem Durcheinander behält DER DIENER ZWEIER HERREN alle Bälle in der Luft, doch so langsam wird die Luft dünn. Wie es sich für eine Verwechslungskomödie gehört, löst sich am Ende alles in Wohlgefallen auf und alle Liebenden finden zueinander. Wie im richtigen Leben – „das war ironisch!“

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)

Bei offenem Vorhang hat das Publikum bereits vor Vorstellungsbeginn die Möglichkeit, einen Blick auf das Bühnenbild von Monika Frenz zu werfen: Hohe Betonwände mit stilvollen Holzelementen suggerieren Modernität – beinah so, als wäre eine der alten Bremerhavener Fischhallen zum stylischen Loft umgebaut worden. Die unterschiedlichen Schauplätze entstehen durch das Öffnen der Holzelemente und dem Versenken der Betonwände und bieten so dem Regisseur die Möglichkeit, sein Ensemble einer Screwball-Komödie gleich durch die eine Öffnung verschwinden und durch eine andere Öffnung wieder erscheinen zu lassen. Da wirkt die Außenfassade der Gaststätte von Wirt Schunke, die eine frappierende Ähnlichkeit mit dem real existierenden Hafenrestaurant „Treffpunkt Kaiserhafen“, der selbsternannten „letzten Kneipe vor New York“, aufweist, schon beinah wie eine Reminiszenz an die gute alte Zeit (Wann immer diese auch war?!).


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Wenn eine Komödie reibungslos funktionieren soll, bedarf es eines gut eingespielten Ensembles, bei dem niemand sich in den Vordergrund drängt, sondern sich gegenseitig die Pointen zugespielt und gegönnt werden. Frank Auerbach gibt einen schleimigen, speichelleckenden Hosemann, der stets auf seinen Vorteil bedacht ist und sogar seine Tochter meistbietend verhökert. Als sein Gegenüber zeichnet Kay Krause den Doktor Friesdorf als aalglatten Strategen, der gleichzeitig Vater von Silvester und Anwalt von Hosemann in Personalunion ist. Interessenskonflikt: Friesdorf doch nicht, da seine Interessen nur bei ihm selbst liegen.

Hosemanns Tochter Clara wird von Anna Caterina Fadda als moderne junge Frau porträtiert, die erfrischend unprätentiös ihr Leben äußerst patent selbst in die Hand nimmt und ihren Liebsten aufrichtig liebt. Ihr „love interest“ Silvester wird von Alexander Smirzitz als nerdiger Schlacks verkörpert, der so herrlich jammern kann und sich mit seinem vermeintlichen Nebenbuhler Frederick alias Beatrix einen urkomischen Zweikampf liefert, der mit Taekwondo beginnt und in einem Schuhplattler endet. Julia Lindhorst-Apfelthaler in der Doppelrolle Frederick/Beatrix versucht verzweifelt ihre Maskerade aufrecht zu erhalten und verzettelt sich dabei immer mehr in die von ihr provozierten Widersprüche. Apropos „love interest“: Beatrix zu Unrecht verdächtigter Lover Felix kommt in der wohlgeformten Gestalt von Marc Vinzing als selbstverliebter Ken-Verschnitt mit gebleachtem Zahnpasta-Lächeln daher.

Aom Flury kredenzt als Wirt Schunke seinen Gästen so manches, was bereits jenseits der Grenze des Genießbaren scheint, dass ich ihm und seiner Kaschemme von Herzen einen Besuch des Gesundheitsamtes wünsche. Marsha B Zimmermann führt als Charlotte, der Bediensteten im Hause Hosemann, ein strenges Regime, sorgt resolut für Ordnung, zeigt Haltung und bietet so jedem, der sich ihr entgegen stellt, die Stirn: Obrigkeit hin oder her.

Auch wenn es bei einer guten Komödie auf die Ensemble-Leistung ankommt, braucht es doch oft einen Charakter, der die Fäden in der Hand behält und den anderen Figuren Impulse sendet, um sie so zum Agieren zu befähigen. Hier ist es selbstverständlich unser Titelheld: Als Plietschmann, DER DIENER ZWEIER HERREN, hat Henning Z Bäcker alle Hände voll zu tun, seine*n Arbeitgeber*in (scheinbar) zufriedenzustellen, doch dabei die jeweilige Situation möglichst zum eigenen Vorteil zu nutzen. Da wird schwadroniert und geprotzt, mit der holden Weiblichkeit in Form Hosemanns Bediensteter Charlotte geschäkert, mit den (Waden-)Muskeln gespielt und die Wahrheit voller Überzeugung so sehr gedehnt und verzehrt, dass auch wir im Publikum ihm nur Glauben schenken konnten. Bei der fulminanten Menü-Szene hechtet er von dem einem zum nächsten Séparée, immer bedacht von den servierten Köstlichkeiten ausreichend für sich selbst abzuzweigen: Tupperware, wer braucht schon Tupperware, wenn das (letzte) Hemd am Leibe eine Brusttasche besitzt.

Last but not least: Jan-Hendrik Ehlers und seine beiden Musikus-Kollegen Marco Priedöhl und Stephan Werner konnten mir wahrlich leidtun. Kaum waren sie auf der Bühne erschienen, um fröhlich aufzuspielen, da wurden sie von Charlotte auch schon wieder vom Parkett gescheucht, gefegt, gelockt oder sonst wie komplimentiert. Nach dem frenetischen Schlussapplaus standen die auf der Bühne arg verschmähten Musiker im Foyer, um ihrer Kunst zu frönen. Lachend rief ich Jan-Henrik Ehlers zu „Na, da kommt ihr ja doch noch zum Zuge,…!“ „…und endlich dürfen wir bis zum Ende spielen!“ gab er grinsend zurück. Und noch beim Parkhaus waren die schmissigen Melodien, die durch die geöffneten Türen des Theaters nach draußen strömten, zu hören.

Wer ein geeignetes Mittel gegen die Herbst-Depression sucht, der wird im Stadttheater Bremerhaven fündig. Nebenwirkungen: Zerrungen der Gesichtsmuskulatur, Zwerchfell-Verspannung und ganz viel gute Laune! 🤣


Kleine Appetithappen von DER DIENER ZWEIER HERREN gefällig?

Mit Plietschmann alleine im Fahrstuhl…?! Ich bin mir nicht sicher, ob es eine ungetrübte Freude wäre. Was meint ihr,…

…oder vielleicht doch eher einen kleinen Probeneinblick mit Henning Z Bäcker?


Noch bis zum Februar 2025 darf am Stadttheaters Bremerhaven beobachtet werden, wie DER DIENER ZWEIER HERREN seine Gunst verteilt.

[Oper] Antonín Dvořák – RUSALKA / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Antonín Dvořák / Libretto von Jaroslav Kvapil / in tschechischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 25. Dezember 2023 / besuchte Vorstellung: 7. Januar 2024

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann
INSZENIERUNG Johannes Pölzgutter
BÜHNE & KOSTÜME Michael Lindner
DRAMATURGIE Markus Tatzig
CHOR Mario El Fakih Hernández
LICHT Katharina Konopka

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
INSPIZIENZ Mahina Gallinger


Wenn das nicht der Trend für den Städte-Tourismus 2024 wird: Nicht nur Kopenhagen hat eine Meerjungfrau, auch andere Hafenstädte können mit einer eigenen Version aufwarten. Nun schickt auch Bremerhaven eine Meerjungfrau ins Rennen um die Gunst des Publikums. Allerdings sitzt diese nicht auf einem Stein im Hafenbecken und schaut verträumt in die Ferne. Vielmehr robbt sie höchst athletisch über die Bühne des Stadttheaters und hört auf den Namen RUSALKA.

An einem nächtlichen Waldsee necken drei Waldelfen den alten Wassermann. Doch der hat ganz andere Sorgen: Seine Tochter Rusalka träumt von einer Seele, die sie fühlen, vor allem aber lieben lässt, und die den Wasserwesen nicht gegeben ist. Rusalka hat sich in einen Prinzen verliebt, den sie bei einer nächtlichen Jagd gesehen hatte. Ihr Vater ist entsetzt und warnt sie vor der Menschenwelt, bevor er wieder zum Grund des Sees abtaucht. Doch Rusalkas Sehnsucht nach Liebe ist so groß, dass sie die heimtückische Hexe Ježibaba um Hilfe bittet. Diese macht aus ihrem Fischschwanz zwei Beine, nimmt ihr aber die Sprache. Auf der Jagd ist der Prinz vom Weg abgekommen und findet sich schließlich am Ufer des Sees wieder. Hier trifft er auf die stumme, hilflose Rusalka. Er nimmt sie, bereits in sie verliebt, mit auf sein Schloss. Dort löst die stumme Unbekannte mit ihrem eigentümlichen Benehmen bei der Schloss-Gesellschaft Befremden aus. Als Wasserwesen ist sie für die Liebe nicht geschaffen und kann den Avancen des Prinzen nicht nachgeben. Dieser tröstet sich mit einer fremden Fürstin, die den Prinzen nur aus Eitelkeit, nicht aus Liebe verführt. Diese Untreue bricht Rusalka das Herz, und sie wünscht sich zurück in die Wasserwelt. Ihr Vater erscheint und erlaubt ihr, ihm in die Wasserwelt zu folgen. Doch aufgrund ihrer Verzauberung kann sie kein Wasserwesen mehr sein, vielmehr ist sie gezwungen, als ein todbringendes Irrlicht umherzuwandern. Dem Prinzen quält die Reue über seinen Verrat, und obwohl er nun weiß, dass Rusalka kein menschliches Wesen ist, liebt er sie weiterhin. Der Jäger und der Küchenjunge wagen sich zur Hexe Ježibaba mit der Bitte, ihren scheinbar von Rusalka verhexten Prinzen von diesem Fluch zu befreien. Die Hexe verspottet sie und jagt sie davon. Dann erscheint der Prinz persönlich am See und bittet Rusalka reumütig um einen Kuss als Vergebung. Rusalka, die ihn immer noch liebt, warnt ihn, dass ihr Kuss ihn töten würde. Doch der Prinz verzehrt sich so sehr nach ihr, dass er sie abermals um diesen Kuss bittet. Rusalka erfüllt die Bitte und küsst den Prinzen, der darauf stirbt. Sie entschwindet daraufhin auf ewig in den dunklen Wald.

Märchenseligkeit á la Disney?! Nein, damit erfreut Regisseur Johannes Pölzgutter das Publikum nicht. Er lässt durchaus das Märchenhafte der Geschichte in seiner Interpretation durchschimmern, kredenzt aber auch sehr vieles, was kantig, sperrig, beinah urwüchsig anmutet. Seine Inszenirung besticht durch eine präzise Personenführung und der Fokussierung auch auf die Nebenrollen, die dadurch deutlich an Profil gewinnen. Klar voneinander abgegrenzt zeigt er die Menschen- gegenüber der Mythenwelt. Rusalka wünscht sich eine Seele: In der Interpretation von Pölzgutter werden die Menschen oberflächlich und gefühlskalt dargestellt, denen Prestige und eine öffentlichkeitswirksame Selbstdarstellung über alles geht. Im Vergleich dazu konzentrieren sich die Wasserwesen auf das Wesentliche, auf die inneren Werte. Da zeigen die angeblich kalten „Fische“ viel mehr Seele als die ach so gefühlvollen Menschen.

Stichwort „Fische“: Ausstatter Michael Lindner schuf ein stimmiges Ambiente, bei dem die Welt der Wasserwesen permanent präsent war, sei es bei den schuppenartigen Kleidern von Rusalka und der Hexe, dem Neoprenanzug des Jägers, der Wandgestaltung im Schloss oder mit einem überdimensionalem Glaskasten, der an ein Aquarium erinnerte.


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In der Titelrolle überzeugte abermals Sopranistin Signe Heiberg auf ganzer Linie. Es gelang ihr mit Haltung, Gestik und Mimik, aber vor allem mit ihrem seelenvollen Blick ihrer Rusalka mit einer Aura der andauernden Melancholie zu umgeben. Mit nuanciert-geführter Stimme brillierte sie beim „Měsíčku na nebi hlubokém / Lied an den Mond“, mit expressiven Sopran gestaltete sie bei „Necitelná vodní moci / Unendlich Herzeleid“ die Empfindungen Rusalkas von Resignation bis Schmerz. Zudem zeigte sie in dieser Partie erneut, welch exzellente Schauspielerin sie ist.

Rein Optisch entsprach Konstantinos Klironomos dem Idealbild eines Prinzen aus dem Märchen. Dabei ist dieser Prinz ein oberflächlicher Fatzke, ein egoistisches und verwöhntes Bürschchen, gewohnt, das Bedienstete hinter ihm herräumen und Bewunderer ihn schmeichelnd umgarnen. Es verwundert kaum, dass die gefühlvolle Rusalka mit diesem „schönen Schein“ wenig anzufangen weiß. Auch hier sorgt Pölzgutter mit einer kleinen Änderung, dass die Figur ein differenzierteres Profil erhält: In dieser Inszenierung lässt sich der Prinz nicht von Rusalka den todesbringenden Kuss geben, vielmehr greift er zum Messer und sticht sich selbst in die Brust. Meine Interpretation: Er möchte Rusalka nicht die Schuld aufbürden, für seinen Tod verantwortlich zu sein, und zeigt hier erstmals ein selbstloses Verhalten. Klironomos sang diese Partie anfangs mit protziger tenoraler Kraft, um im emotionalen Finale dann schöne lyrische Töne anzuschlagen.

Charakterlich würde die fremde Fürstin viel besser zum Prinzen passen, die Julia Mintzer mit üppigen Sopran und reichlich Sex-Appeal ausstattet. Dabei wirkte sie berechnend und emotionslos und war so viel mehr eine Antipathie-Trägerin als die böse Hexe Ježibaba.

Boshana Milkov punktete schon bei ihrer ersten Arie „Čury mury fuk / Abra, cabra, fort“ mit ihrem satten Mezzo-Sopran, zeigte in ihrer Rollengestaltung der Hexe alle Attitüden einer Bösewichtin und spielte diese genüsslich aus. Trotzdem blitzten immer wieder hinter der Fassade der Bosheit auch tragische Züge hervor, die diese Figur so ambivalent machten. Johannes Pölzgutter schuf ein unsichtbares Band zwischen Rusalka und Ježibaba, indem er die beiden Sängerinnen sich teilweise synchron zueinander bewegen ließ. Dann wieder schienen sich die Bewegungen der Beiden zu spiegeln, als würde die Jüngere das Schicksal der Älteren wiederholen.

Der Regisseur arbeitete mit Doppelsymbolik: So reproduzierte sich Rusalkas Verlust ihrer Flosse durch das Messer der Hexe mit der Häutung eines erlegten Tieres durch den Jäger. Charisma und Maskulinität (Attribute, die gemeinhin bei der Rolle eines Prinzen vermutet wird) zeigte Marcin Hutek mit warmen Bariton als Jäger, der zwar unter den Allüren seines Herren litt, trotzdem loyal hinter ihm stand und so seine edle Haltung zeigte. Ansonsten kann ich hier nur nochmals meinen Wunsch anbringen, den ich schon bei TOSCA geäußert hatte: Wann darf ich Marcin Hutek endlich in einer großen Partie erleben? Victoria Kunze sorgte als drolliger Küchenjunge für die wenigen humorigen Momente des Stücks,  amüsierte mit quirligem Spiel und überzeugte mit ihrem blendenden Sopran. Als Waldelfe war sie zudem – gemeinsam mit Minji Kim und Maria Rosenbusch – ganz und gar entzückend.

Ulrich Burdack verbrachte in der Rolle des Wassermanns ca. 90% seiner Spielzeit – körperlich sicherlich sehr herausfordernd – robbend und rollend auf dem Bühnenboden. Mit deformiertem Schädel und einem Körper, der übersäht war mit Warzen und Haaren, glich er eher einer Kröte als einem stattlichen Meermann. Bei dieser anspruchsvollen Bass-Partie gibt es ungewöhnlich hohe Passagen, mit denen sich Burdack außerhalb seiner gesanglichen Komfortzone wagte. „Doch wer nicht wagt, der nicht gewinnt!“ lautet ein Sprichwort. Würden wir alle immer auf Nummer sicher gehen, gäbe es keine Weiterentwicklung. Dies gilt für Sänger*innen ebenso wie für mich als Krankenpfleger. Mit lyrischem Bass beklagte er mitleidsvoll in „Celý svět nedá ti, nedá / Wehe dir, Rusalka, wehe“ das Schicksal seiner Tochter. Durch sein nuancenreiches und sensibles Spiel schaffte es Burdack, dass der noble Charakter des Wassermanns die weniger ansprechende Optik überstrahlte und diese vergessen machte.

Getragen wurden die Stimmen der Sänger*innen durch das bestens disponierte Philharmonische Orchester Bremerhaven unter der musikalischen Leitung von Marc Niemann. Niemann schuf mit den Musiker*innen eine enorme Klangfülle. Er lässt er das Orchester bei den dramatischen Szenen musikalisch auftrumpfen, um wenige Augenblicke später die filigranen Arien sensibel zu untermalen. Dabei besticht das Orchester durch seine instrumentale Feinheit.

Anmerkung: Die Oper wird auf Tschechisch vorgetragen. Als ich dies erfuhr, war auch ich nicht vor Vorurteilen gefeit. Erwartete ich doch ein eher ungewohntes, wenn nicht sogar irritierendes Hör-„Vergnügen“. Umso mehr überraschte mich die Melodik dieser Sprache, die zusammen mit Dvořáks Musik eine wunderbare Einheit bildete.


Leider steht RUSALKA nur noch für einige wenige Vorstellungen auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven.

[Oper] Engelbert Humperdinck – HÄNSEL UND GRETEL / Stadttheater Bremerhaven

Märchenoper von Engelbert Humperdinck / Libretto von Adelheid Wette

Premiere: 4. November 2023 / besuchte Vorstellungen: 11. & 23. November 2023 / Premiere der Wiederaufnahme: 7. Dezember 2024 / besuchte Vorstellung der Wiederaufnahme: 22. Dezember 2024

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Davide Perniceni / Hartmut Brüsch (22.12.)
INSZENIERUNG Marie-Christine Lüling
BÜHNE & KOSTÜME Judith Philipp
DRAMATURGIE Torben Selk
CHOR Mario El Fakih Hernández / Edward Mauritius Münch
LICHT Katharina Konopka

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
KINDERCHORASSISTENZ & STIMMBILDUNG Katharina Diegritz
INSPIZIENZ Mahina Gallinger
THEATERPÄDAGOGIK Elisabeth Schneider


Als im vergangenen Jahr im digitalen Adventskalender des Stadttheaters Bremerhaven gleich zwei Versionen des „Abendsegens“ aus HÄNSEL UND GRETEL erklangen, wagte ich dreist, Intendant Lars Tietje via Instagram die Frage zu stellen, wann mit dieser Oper endlich am Stadttheater zu rechnen wäre. Seine Antwort fiel knapp aber äußerst vielversprechend aus:

„Bald!“

Kaum ein Jahr später verirrt sich dieses berühmte Geschwisterpaar auch schon im Bremerhavener Watt – Äh! – Wald…! 😄

HÄNSEL UND GRETEL ist – neben LA BOHÈME – die Oper, die ich am häufigsten auf der Bühne anschauen durfte. Kaum ein anderes musikalisches Werk trifft so sehr meinen romantischen Nerv. Schon beim Klang der Ouvertüre beginne ich dahin zu schmelzen, und spätestens beim „Abendsegen“ habe ich mich emotional völlig verflüssigt. „Schuld“ daran ist diese unwiderstehliche Mischung aus bekannten Volksweisen, träumerischen Melodien und großen orchestral-üppigen Kompositionen, die Engelbert Humperdinck hier so vortrefflich miteinander vereint hat. Leider scheint dieses Werk aber auch prädestiniert zu sein, die Phantasie von einigen (über-)ambitionierten Regisseur*innen herauszufordern: Da präsentierten sich Hänsel und Gretel in der Vergangenheit durchaus auch mal als Punks, die in der Drogenhöhle der Hexe keine Lebkuchen sondern Joints „naschten“. Oder die beiden Partien von Mutter und Knusperhexe wurden von ein und derselben Sängerin verkörpert, um so im Sinne der Sozialpsychologie die Ambivalenz in der Beziehung zwischen der Mutter und den Kindern zu verdeutlichen… …bla bla bla! Wer es darauf anlegt, könnte in jeden Text und jedes Libretto je nach Intention so allerlei hineininterpretieren. Wobei ich der Meinung bin, dass es – insbesondere bei einem musikalischen Werk – Grenzen in der Interpretation gibt, die von der Musik vorgegeben werden.

Marie-Christine Lüling überzeugt bei ihrer Inszenierung mit einer charmanten und wohltuend unaufdringlichen Modernisierung, ohne den märchenhaften Charakter des Werkes zu vernachlässigen. Es beginnt schon mit der fein inszenierten Ouvertüre, die sich wortlos vor dem geschlossenen Vorhang abspielt. Hänsel und Gretel sind anfangs zwei hyperaktive Gören mit einer Tendenz zum ADHS, die sich rüpelhaft gegenüber der alten Nachbarin verhalten und ihre Eltern beinah in den Wahnsinn treiben. So war es mehr als verständlich, dass die beiden überforderten Erziehungsberechtigten (erfolglos) versuchen, ihren Nachwuchs ins Bett zu scheuchen, um sich endlich eine wohlverdiente Pause gönnen zu können. Im verwunschenen Wald gleiten die Geschwister im Schlaf hinüber in einen phantastischen Traum, der sie zu einer Hexe führt, die verdächtig viel Ähnlichkeit mit der Nachbarin aufweist. Lülings Konzept überrascht mit so manchen gut durchdachten, aufeinander aufbauenden Details, warf aber auch die eine oder andere Frage auf – insbesondere dann, wenn das Libretto etwas anderes aussagt als das, was auf der Bühne gezeigt wurde. Doch dieser Umstand störte absolut nicht das Gesamtbild, da die Inszenierung mit guten Ideen punktet und sehr viel fürs Auge zu bieten hat.

Ausstatterin Judith Philipp hat die Optik dieser Inszenierung deutlich aber dezent der Erlebniswelt und somit den Sehgewohnheiten der heutigen Kindergeneration angepasst. Bei ihr werden die Engel zu Waldgeistern und entspringen direkt aus dem Kinderzimmer von Hänsel und Gretel: Die Spielsachen und Plüschtiere entwickeln ein Eigenleben, und so wachen Rabe, Puschel, Dino, Nordchen und Friedel beschützend über den Schlaf der Geschwister. Bedauerlicherweise sind von den ursprünglich 14 Engeln nur noch 5 Waldgeister übrig geblieben, was für mich den Zauber in dieser Szene etwas minimierte. Der Wald wächst dschungelartig-üppig aus dem Schnürboden hinab zur Erde. Das Hexenhaus wirkt wie die Geschenkverpackung aus einer Confiserie. Hier knabbern Hänsel und Gretel nicht an Lebkuchen, vielmehr naschen sie an Donuts, Schaumzucker, Macarons und Lollis. Auch die verzauberten Kinder bestehen nicht aus Lebkuchen sondern sind zuckersüße Marshmallow-Männchen.

Ⓒ Foto Stadttheater Bremerhaven. HÄNSEL UND GRETEL

Das Taumännchen: Von der Kinderzeichnung über die Figurine zum Kostüm auf der Bühne.

Im Vorfeld fand ein Workshop mit Grundschul-Kindern statt, bei dem die Schüler*innen unter der Anleitung der Theaterpädagoginnen eigene Figuren zu Taumännchen, Sandmännchen und den Engeln/Waldgeistern entwickeln konnten. Die phantasievollen Kreationen sind dann in die Entwürfe von Judith Philipp eingeflossen. Eine großartige und nachahmenswerte Vorgehensweise, um in einer Inszenierung die Ideen von Kindern für Kinder sichtbar zu machen.


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Unter der musikalischen Leitung des 1. Kapellmeisters Davide Perniceni bot das Philharmonische Orchester Bremerhaven genau das, was ich eingangs bereits erwähnt und mir so sehr erhofft hatte: Schwelgerisch strömten die Melodien aus dem Orchestergraben. Dramatisch akzentuiert lässt Perniceni die Musiker das Geschehen auf der Bühne kommentieren, um im nächsten Augenblick die Gesangsstimmen der Sänger*innen fein nuanciert unterstützen zu lassen. Schön!

Das Stadttheater Bremerhaven gönnt sich den Luxus und besetzt die Partien von Sandmännchen und Taumännchen jeweils mit einer Sängerin. Aufgrund der Überschaubarkeit der Rollen (oder aus Kostengründen) werden diese auch gerne von nur einer einzigen Sopranistin verkörpert, was allerdings durchaus zur Folge haben kann, dass die Partien sehr ähnlich interpretier werden. Doch manchmal gibt es auch für Sänger*innen Termine, die unaufschiebbar sind: In der besuchten Vorstellung übernahm Marlene Mesa neben ihrer Rolle als Sandmännchen auch für die verhinderte Kollegin die Rolle des Taumännchen und verlieh beiden Partien ein eigenständiges Profil. Ihr Sandmännchen amüsierte mit einer sympathisch-drolligen Gemütlichkeit, während sie das Taumännchen vor positiver Energie überschäumen ließ. Die junge Künstlerin gestaltete ihre Solis mit sehr viel Wärme und erfreute mit einer individuellen Klangfarbe in ihrer Stimme.

Die gestressten Eltern werden von Eva Maria Summerer und Marcin Hutek verkörpert. Die Hektik, Überforderung und Anspannung der Mutter spiegeln sich passenderweise in der Stimme von Eva Maria Summerer wider: Ein klassischer Schöngesang wäre auch völlig fehl am Platze wäre. Der Vater von Marcin Hutek wirkt da deutlich gemächlicher und versucht im chaotischen Haushalt für Ruhe zu sorgen. Dabei sind seine Maßnahmen, um die Kids zur Räson zu bringen, nicht unbedingt „pädagogisch wertvoll“. Bei „Wenn sie sich verirrten im Walde“ zitiert Hutek mit seinem warmen, flexiblen Bariton beinah ein Horrorszenario herauf, nur um die Gören im Bett zu halten. Einziger Kritikpunkt sowohl bei Summerer als auch bei Hutek: Bei Beiden hätte ich mir eine bessere Textverständlichkeit gewünscht.

Andrew Irwin zeigt – auch dank Maske und Kostüm – abermals sein Wandlungsfähigkeit: Doch was nützt die schönste Maske, wenn der Künstler ihr kein Leben einhauchen könnte. Anfangs als alte Nachbarin war er noch bemitleidenswert unsicher auf den Beinen, ließ da aber schon nur mit einem Blick die Bedrohung erahnen. Bei seinem ersten Auftritt im Wald schwebt er spektakulär vom Himmel herab, um sich dann in einen „Devil on Drag“ zu verwandeln, der die Bühne einem Laufsteg gleich für sich einnimmt. Dabei variiert er seine Stimme vom tenoralen Ausbruch bis zum verführerischen Gesäusel und bleibt trotz rollenbedingtem Gezicke und Gezeter der faszinierende Anti-Held.

Mit Boshana Milkow und Victoria Kunze verkörpern zwei talentierte Künstlerinnen die Titel-Partien, die ihre immense Spielfreude mit Feingefühl und Takt verbinden, sodass zu keinem Zeitpunkt der feine Grad zwischen kindlichem Enthusiasmus und peinlicher Übertreibung überschritten wurde. Vielmehr spielen sich die Beiden immer wieder schelmisch die Bälle aka die Pointen gegenseitig zu. Von kleinen Gesten über gegenseitige Frotzelei bis zum liebevollen Gute-Nacht-Kuss zeigen sie ganz und gar entzückend die innige Verbundenheit des Geschwisterpaares. Dass sie zudem wundervolle Sängerinnen sind, habe ich in der Vergangenheit schon häufig und ausführlich erwähnt. Hier überzeugen sie abermals in ihren Solis mit fein geführten Gesangslinien und harmonieren ausgesprochen stimmschön in den reichlich vorhandenen Duetten. Stichwort: „Abendsegen“: Seufz!

Apropos „kindlicher Enthusiasmus“: Nicht nur der Opernchor erfuhr durch Chordirektor Mario Orlando El Fakih Hernández in den letzten Jahren eine Frischzellenkur. Gemeinsam mit Katharina Diegritz formte er ebenfalls einen ganz und gar wunderbaren Kinderchor, dessen jugendliche Mitglieder so entzückend natürlich agierten und dabei auch noch ganz famos sangen. Bravo!

In diesen verrückten Zeiten schenkt das Stadttheater Bremerhaven seinem Publikum mit dieser Inszenierung eine Rundum-Wohlfühl-Packung: 2 Stunden lang durfte ich mich einfach nur fallen lassen und konnte so meine Sorgen um mich herum sowie das Chaos auf dieser Welt vergessen. Danke! 💖


Nachtrag zum 23. November 2023: Manchmal komme ich in den luxuriösen Genuss und darf mir eine Inszenierung mehrmals anschauen. In diesem Fall habe ich es meinem Gatten zu verdanken, der beim ersten Besuch malade daheim bleiben musste. Doch dann hat er so sehr gequengelt, dass ich des lieben Friedens willen abermals Karten orderte.

So saßen wir gestern im Stadttheater Bremerhaven in einer Aufführung der Märchenoper HÄNSEL UND GRETEL. Und während für meinen Gatten alles aufregend neu war, konnte ich mich entspannt zurücklehnen, da ich mich weniger auf die Haupthandlung konzentrieren brauchte. Dafür durfte ich mehr die vielen, kleinen charmanten Details genießen, die mir teilweise beim ersten Anschauen völlig entgangen sind (Hat der Mond mir bei meinem ersten Besuch auch schon vom Bühnenhimmel zugeblinzelt?). Diesmal stand als Taumännchen die junge Sopranistin Annemarie Pfahler auf der Bühne, die diesen Part entzückend gestaltete. Für den erkrankten Kollegen übernahm Bariton Patrick Ruyters die Partie des Vaters. Ruyters ist Mitglied des Opernchores und bewies nachdrücklich, dass die dortigen Sänger*innen weit mehr sind als nur „die 2. Reihe“. Naja, und das vokale Dreigestirn, bestehend aus Hänsel, Gretel und Knusperhexe, war abermals exquisit…!

Ich bin so froh, dass ich als Zuschauer in meiner Sichtweise und Wahrnehmung nicht so festgefahren bin, dass ich ungewöhnliche Regie-Konzepte nicht zu schätzen wüste. Vielmehr empfinde ich es als eine wunderbare Chance, dass ich in einem mir bekannten Werk überraschend neue Aspekte entdecken darf.

Ich glaube, dass es gerade bei HÄNSEL UND GRETEL schier unmöglich ist, den Geschmack aller zu treffen, da viele Erinnerungen mit diesem Werk verknüpft werden. Diese Erinnerungen können es durchaus erschweren, sich unvoreingenommen einer Inszenierung zu nähern. Der daraus resultierende Unmut wird dann von einigen „Theater-Fans“ ungefiltert in die Hemisphäre gepustet. Da tauchen dann so manche „kritische“ Kommentare in den sogenannten sozialen (!) Medien auf, die weit weniger etwas über die Inszenierung als vielmehr etwas zur Geisteshaltung des Verfassers aussagen. Da gab/gibt und wird es bedauerlicherweise wohl immer geben die ewig Gestrigen und permanent Traditionellen, die eine starre Vorstellung davon haben, wie eine gelungene HÄNSEL UND GRETEL-Inszenierung auszusehen hat. Abweichungen unerwünscht! Entsprechen besagte Abweichungen nicht ihren Vorstellungen, dann taugt die gesamte Aufführung nichts, und selbst die musikalischen Qualitäten von Orchester und Sänger*innen-Ensemble verschwinden hinter dem vernichtenden Urteil. Da wird von der „schrecklichsten Produktionen, die ich je gesehen habe“ gepoltert, und Forderungen nach „Subventionen streichen“ werden laut. Ein differenziertes, faires und vor allem respektvolles Feedback scheint nicht möglich!

Wenn ich eine solche „Kritik“ lese, frage ich mich immer ernsthaft, ob ich tatsächlich genau dieselbe Inszenierung wie der Verfasser gesehen habe. Auch ich habe durchaus die eine oder andere kritische Anmerkung in meinem obigen Beitrag hinterlassen. Doch ich konnte nichts feststellen, was diese geballte Masse an Negativität rechtfertigen könnte. Im Gegenteil: Ich fühlte mich ganz und gar wunderbar unterhalten! 😍

Ich persönlich möchte nicht die ewig, gleichen Inszenierungen, die nach einem vorgegebenen Schema entstehen, auf der Bühne sehen. Ich wünsche es mir nicht nur – Nein! – ich erwarte und fordere es regelrecht, dass mir ein buntes, lebendiges Theater geboten wird, das mich auch durchaus herausfordern und zum (Mit-)Denken animieren darf und muss.


Noch bis Mitte Januar 2024 besteht die Möglichkeit, sich mit HÄNSEL UND GRETEL am Stadttheater Bremerhaven märchenhaft verführen zu lassen.