[Konzert] ERÖFFNUNGSGALA 2025/2026 / Stadttheater Bremerhaven

mit dem Marsch Nr. 1 aus der SUITE FÜR JAZZORCHESTER NR. 2 von Dimitri Schostakowitsch sowie Arien, Songs und Musiken von Emmerich Kálmán, Sergei Prokofjew, Guiseppe Verdi, Antonio Vivaldi, Pjotr Iljitsch Tschaikowsky, Vincenco Bellini, Stephen Sondheim und Erich Wolfgang Korngold

mit Ausschnitten aus SEIN ODER NICHTSEIN von Nick Whitby, DIE BAGAGE von Coco Plümer (nach Monika Helfer), 20.000 MEILEN UNTER DEM MEER von Justine Wiechmann (nach Jules Verne), TROJA! BLINDE PASSAGIERE IM TROJANISCHEN PFERD von Henner Kallmeyer, FÜNFTER SEIN von Inda Buschmann und JUB-Ensemble

sowie aus den Balletten DIE VIER JAHRESZEITEN und DER NUSSKNACKER von Alfonso Palencia

Premiere: 30. August 2025 / besuchte Vorstellung: 30. August 2025

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann, Davide Perniceni, Hartmut Brüsch
CHOR Edward Mauritius Münch
SZENISCHE EINRICHTUNG Annika Ellen Flindt
MODERATION Lars Tietje, Marc Niemann, Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Alfonso Palencia, Markus Tatzig

Musiktheater: Timothy Edlin, Meredith Hoffmann-Thomson, Marcin Hutec, Andrew Irwin, Victoria Kunze, Boshana Milkov, Weilian Wang
Ballett: Marco Maronglu, Dawon Yang und Ballettkompagnie
Schauspiel: Frank Auerbach, Anna Caterina Fadda, Leon Häder, Angelika Hofstetter, Julia Lindhorst-Apfelthaler, Alexander Smirzitz und Marc Vinzing
JUB: Ümran Algün, Sander Lybeer, Coco Plümer und Tobias Sill
Opernchor am Stadttheater Bremerhaven
Philharmonisches Orchester Bremerhaven


Wie schön, dass diese furchtbare theaterlose Zeit nun (vorerst) vorbei ist!

Hatte ich mich zwar – wie auch schon in den vergangenen Jahren – mit der entsprechenden Lektüre versucht zu trösten und bin so zwischen zwei Buchdeckeln auf kultureller Wanderschaft gegangen, so war dies doch eher ein schwacher Ersatz für einen Besuch in einem echten Theater. Und so fieberte ich dem vergangenen Wochenende, an dem mein Stammtheater zwei Tage lang den Saison-Beginn zelebrieren sollte, voller Freude und Neugier entgegen.

Äußerst schwungvoll eröffnete GMD Marc Niemann und das Philharmonische Orchester Bremerhaven mit dem Marsch Nr. 1 aus der SUITE FÜR JAZZORCHESTER NR. 2 von Dimitri Schostakowitsch die Gala. Beinah schien es, als hätte der Komponist versucht, alles Militärische in diesem Marsch spielerisch zu ironisieren. Es wird die letzte Spielzeit von Marc Niemann am Hause sein: So kann BRÜCKEN, der Titel der kommenden Konzert-Saison wohl programmatisch interpretiert werden. Doch er hat in den vergangenen Jahren „das Feld“ (aka das Orchester) gut bestellt und mit Davide Perniceni und Hartmut Brüsch zwei feste Stützen am Haus, die auch an diesem Abend zeigten, dass sie das Philharmonische Orchesters souverän zu leiten verstanden.

Auch in diesem Jahr ließ es sich Intendant Lars Tietjen nicht nehmen, die Gala eloquent zu moderieren und uns somit durch den Abend zu geleiten. „Schützenhilfe“ erbat er sich von den jeweiligen Sparten-Leitungen Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Markus Tatzig und Alfonso Palencia, die das Programm gemeinsam mit den Künstler*innen zusammengestellt hatten und so noch viele zusätzliche Informationen zu den entsprechenden Programmpunkten beisteuern konnten.

„So viele Komödien wie in dieser Spielzeit, spielen wir sonst nie“ meinte Peter Hilton Fliegel beinah entschuldigend und fügt hinzu, dass genau diese Art von Komödien so wichtig sei, da sie diejenigen verspottet, die unsere Freiheit bedrohen. Eingedeckt mit diesem Hintergrundwissen erhielt die Szene aus Nick Whitbys SEIN ODER NICHTSEIN, mit der das Schauspiel die Saison im großen Haus einläutet, eine zusätzliche Würze. Julia Lindhorst-Apfeltahler und Marc Vinzing boten einen pointiert-ironischen wie auch amüsanten Ausschnitt aus dieser wohl herrlich doppelbödigen Komödie.

Mit ihrer aparten Erscheinung und der Arie „Heia, in den Bergen ist mein Heimatland“ aus DIE CSÁRDÁSFÜRSTIN von Emerich Kálmán stellte sich Sopranistin Meredith Hoffmann-Thomson dem Bremerhavener Publikum vor. Gemeinsam mit dem bestens aufgelegten Opernchor unter der Leitung von Edward Mauritius Münch bot sie reichlich Operetten-Seligkeit.

Dann betrat ein schlanker Jüngling die Bühne und überraschte mit seiner vollen Stimme: Bassbariton Timothy Edlin überzeugte gemeinsam mit Andrew Irwin in einer drolligen Szene aus der Oper DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN von Sergei Prokofjew, die Lust auf mehr machte.

Auch der letzte Neu-Zugang im Opern-Ensemble überzeugte auf ganzer Linie: Weilian Wang präsentierte bei „Lunge da lei … O mio rimorso!“ aus LA TRAVIATA, all das, was ich mir von einer tragfähigen, schön timbrierten Tenor-Stimme erhoffe.

Einer der Höhepunkt der jährlichen Gala ist stets die Verleihung des Herzlieb-Kohut-Preises, mit dem besondere künstlerische Leistungen am Stadttheater Bremerhaven gewürdigt werden. Die Namensgeberin, die in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts selbst im Ensemble des Stadttheaters Bremerhaven war, hätte in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag gefeiert. Zudem vergab die Stiftung bereits seit 20 Jahren diesen nach ihr benannten Preis. Anlass genug, ihr Leben in Wort und Bild durch die/den frühere*n Preisträger*in Julia Lindhorst-Apfelthaler, Victoria Kunze und Mark Vinzing Revue passieren zu lassen.

In den vergangenen Jahren habe ich im Vorfeld immer gerätselt, wer den Preis erhalten könnte. Längst habe ich dies aufgegeben und lasse mich an dem Abend gerne überraschen. Wobei Insider, die einen wissenden Blick auf das Programm werfen, natürlich klar im Vorteil sind: Die Wahrscheinlichkeit ist recht hoch, dass der Programmpunkt, der nach der Verleihung an der Reihe ist, im direkten Zusammenhang mit dieser steht. Auch in diesem Jahr traf es zu: Ballettdirektor und Chefchoreograf Alfonso Palencia, Assistent Bobby Briscoe und die Tänzer*innen der Ballettcompagnie durften diesen Preis für ihre herausragende künstlerische wie tänzerische Leistung in der vergangenen Spielzeit entgegen nehmen. HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

Direkt im Anschluss zeigte die Compagnie ihre Kunst in einem Ausschnitt aus dem Ballett zu DIE VIER JAHRESZEITEN aus der Saison 2023/2024. Mit dem „Pas de deux“ aus DER NUSSKNACKER begeisterten Dawon Yang und Marco Maronglu voller Grazie, Kraft und Anmut und machten Lust auf Tschaikowskis Märchenballett, dass im Oktober im Großen Haus zur Premiere kommt.


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Im JUB – Junges Theater Bremerhaven steht mit TROJA! BLINDE PASSAGIERE IM TROJANISCHEN PFERD von Henner Kallmeyer anscheinend eine sehr vergnügliche „Geschichtsstunde“ auf dem Programm, wie uns Coco Plümer, Tobias Sill und Sander Lybeer nachdrücklich bewiesen. Zu dem danach folgenden Auszug aus FÜNFTER SEIN gesellte sich zusätzlich Ümran Algün mit einem charmanten Auftritt zu ihren Kolleg*innen vom JUB.

Im kleinen Haus feiert bald DIE BAGAGE nach dem Roman von Monika Helfers seine Premiere. Diese Bühnenfassung wurde von JUB-Schauspielerin Coco Plümer erstellt und kommt somit als Erstaufführung auf die Bühne. Anna Caterina Fadda, Leon Häder und Angelika Hofstetter gaben einen sehr intensiven Einblick von der ersten Szene des Stücks.

„Romeo & Julia III.“: Nachdem in den vergangenen Jahre sowohl der Klassiker von Shakespeare als auch das Ballett mit der Musik von Prokofjew auf einer der Bühnen des Stadttheaters zu sehen war, scheint der Weg zur Opern als logische Folge unausweichlich. Als konzertante Fassung wird I CAPULETI E I MONTECCHI von Vincenzo Bellini den Spielplan bereichern. Sopranistin Victoria Kunze kleidete bei der Romanze „Oh! Quante volte“ Julias Sehnsucht nach ihrem Liebsten in feinen lyrischen Gesangslinien voller sanfter Melancholie.

Mit SWEENEY TODD von Stephen Sondheim steht in dieser Saison ein grandioses Werk aus dem Musical-Kanon auf der Agenda des Stadttheaters Bremerhaven. Wie feinsinnig, subtil und gleichzeitig lustig Musical sein kann, das beweist nicht nur dieses Werk sondern auch die Interpretin bzw. der Interpret. Nuanciert, mit schlichter Zurückhaltung und zartem Schmelz besang Tenor Andrew Irwin als Anthony seine große Liebe „Johanna“. Voller Spielfreude schlüpfte Mezzosopranistin Boshana Milkow in die Rolle der Mrs. Lovett und versuchte schlitzohrig und mit deftigen Charme „Londons schlimmste Pasteten“ unter das Volk zu bringen (Oder doch eher das Volk unter die Pasteten?). Beide meisterten sie grandios die Tücken der anspruchsvollen Partitur.

Apropos „schlichte Zurückhaltung“: Für die Arie „Mein Sehnen, mein Wehnen“ aus DIE TOTE STADT von Erich Wolfgang Korngold schien die lyrische Stimme des Baritons Marcin Hutek geradezu prädestiniert zu sein. Hier bewahrheitete sich abermals das Motto „weniger ist mehr“, denn nicht jedes Musikstück gewinnt durch eine auftrumpfende Stimme.

Doch dank LA TRAVIATA muss auf die große Oper in dieser Saison nicht verzichtet werden: Bevor Victoria Kunze und Weilian Wang mit „Libiamo, ne´lieti calici“ das ganz große Opern-Besteck auspackten, glänzte der Opernchor bei „Cori di Zingarelle/Mattadori“ in schönster stimmlicher Pracht.

Wie ein prall gefüllter Korb mit vielfältigen Leckereien präsentierte das Stadttheater Bremerhaven sein Programm zur Spielzeit 2025/2026 und lockte so verführerisch, dass ich mit Sicherheit das eine oder andere kulturelle Häppchen davon naschen werde.


THEATERFEST 2025 Nur wenige Stunden später lud das Stadttheater Bremerhaven zum Theaterfest ein, öffnete alle seine Türen und präsentierte ein buntes Programm vor, auf, hinter und neben der Bühne, u.a. mit Führungen, Mini-Konzerte, Besuch der Werkstätten, Einblicke in Proben, Kostümverkauf und vielen Mitmach-Aktionen. Da fiel es mir wahrlich schwer, eine Auswahl zu treffen, und ich musste aufpassen, dass es nicht zu einem Theater-Marathon ausartete. Glücklicherweise ist bei mir ein „Programmpunkt“ zwecks Regeneration jedes Jahr fest gesetzt: Der Besuch des Kuchenbüfetts der Landfrauen! 😉

Diese Diashow benötigt JavaScript.


Mit der Eröffnungsgala und dem Theaterfest beginnt offiziell die SAISON 2025/2026 am Stadttheater Bremerhaven, das mich wieder mit einem vielfältigen Programm begeistert.

[Schauspiel] Andrew Bovell – ALLENS, WAT ICK SEKER WEET / TiO Osterholz-Scharmbeck

Schauspiel von Andrew Bovell / Deutsch von Maria Harpner und Anatol Preissler / Niederdeutsch von Ulrike Stern und Rolf Petersen

Premiere: 1. März 2025 / besuchte Vorstellung: 16. März 2025

TiO – Theater in OHZ, Osterholz-Scharmbeck


REGIE Ulf Goerges
REGIEASSISTENZ Beate Schöne
BÜHNENKONZEPT Beate Schöne

SOUFFLEUSE Elke Weber
REQUISITE / AUSSTATTUNG Frauke Meyer
MASKE Petra Kießler
KOSTÜME Ute Schmonsees
BÜHNENBAU Jens Koslowsky und Ralf Frerichs
LICHT & TON Rolf Kießler, Michael Garbade und Bernd Meyer


Ich betrat den Zuschauersaal der großen Scheune auf Gut Sandbeck und stutzte. Trotzdem ich vorgewarnt war, stutzte bzw. staunte ich über die Ausrichtung der Bühne. Naja, Bühne konnte man den grünen Kunstrasen mitten im Saal nun wahrlich nicht nennen. Es war eher eine Fläche – ja, es war eine Spielfläche: einige Gartenmöbel, Blumenkübel, eine Gartenbank unter einem Baum, an dem noch eine alte Schaukelt vor sich hin bammelte bzw. gammelte. Die Stuhlreihen für die Zuschauer*innen schlossen rechts und links an dieser Spielfläche an und erhöhten sich treppenartig. Auf den Vorhang, der sich für das Spiel öffnen würde, musste verzichtet werden: Er wäre auch völlig überflüssig, denn wir saßen schon mittendrin…

Zu Beginn und am Ende dieses Schauspiels listet Rosie, die jüngste Tochter der sechsköpfigen Familie Voss, ihre Liste der Dinge auf, die sie sicher weiß, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Und so lernen wir die Familie kennen, die Eltern Thomas und Manuela, die vier Kinder Ben, Marc, Pia und das Nesthäkchen Rosie. Schnell taucht man ein in das komplexe Familiengebilde, das eine sehr große Liebe ebenso zusammenhält wie auseinandertreibt. Jedes Kind sucht seinen eigenen Weg aus dem liebevollen Nest der Eltern, deren Garten lange Zeit die Welt für sie bedeutet hat. Dort fanden die wichtigsten, aber auch ganz banale Familienereignisse statt: gemeinsame Spiele und Grillparties, geheime Rückzüge, Ausgelassenheit, Trauer, die Hochzeit der ältesten Tochter Pia. Doch so groß die Liebe der Eltern ist, so erdrückend kann sie auch sein, so ungleich ist sie verteilt, wenn die Mutter die Söhne ebenso bevorzugt wie der Vater die Töchter, wenn sich Tochter Pia und ihre Mutter Manuela zu ähnlich sind, die jüngere Frau die Chance auf ein neues Glück ergreift, die die Mutter vorbeiziehen ließ, um für ihre Kinder da zu sein. Die Kinder, die die Erwartungen ihrer Eltern, die hart für sie und ihre Ausbildung gearbeitet haben, kennen, aber ihren eigenen Weg suchen müssen. Rosie ist die Jüngste und noch nicht ganz flügge geworden. Nachdem ihr erster Versuch, sich abzunabeln und möglichst weit weg von Zuhause die Welt zu erkunden, an gebrochenem Herzen gescheitert ist, ist sie in den sicheren Familien-Hafen zurückgekehrt. Während sie noch Orientierung sucht, haben ihre Geschwister ihre Wege bereits beschritten, und bringen damit das Gleichgewicht der Familie immer wieder ins Schwanken. Und wie wird es um die Ehe von Manuela und Thomas bestellt sein, wenn auch Rosie endgültig auszieht?

(Inhaltsangabe der Homepage des Theaterverlages entnommen.)


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Der Garten, das eigene Fleckchen Land, familiäres Hoheitsgebiet, Sehnsuchts- und Rückzugsort, voller Erinnerungen – gute wie auch weniger gute, klar begrenzt und doch nach allen Seiten offen. Und wir, wir waren die neugierigen Nachbarn, die von oben in den Garten lusterten, scheinbar versteckt hinter der Gardine. Der Blick auf das Drama von Nebenan lenkt vom Dreck vor der eigenen Haustür ab. Die Handlung offenbarte sich uns sehr fokussiert wie auf dem Präsentierteller oder auch wie auf einem Objektträger unter dem Mikroskop – nichts blieb im Verborgenen.

Im Mikrokosmos Garten zeigte Regisseur Ulf Georges eine ganze Welt: Er ließ sein Figuren lieben und leiden, kämpfen, siegen und sich ergeben, lachen und weinen. Gesellschaftliche Konventionen fanden keine Beachtung: Hier galten die familieninternen Regeln. Brutal direkt und darum umso ehrlicher ließ Georges die verschiedenen Charaktere heftig aufeinander- bzw. voneinander ab-prallen, gönnte ihnen aber auch die kleinen, leisen Momente und gestaltete diese inneren Monologe sehr intim und berührend.

Dabei formte er ein so homogenes Ensemble, das das Echte und Ungekünstelte der Amateure mit der Intensität der Profis vereinte. Und so fällt es mir schwer, eine Person besonders hervorzuheben, da es wahrhaftig eine Ensembleleistung war: mit Iris Richters und Carsten Mehrtens als die Eltern sowie Tina Stelljes (Pia), Timon Finke (Marc), Jendrik Ische (Ben) und Amelie Odia (Rosie) als deren Kinder. Jede*r durfte sowohl humorvolle Situationen kreieren wie auch liebenswerte Schrullen aus der jeweiligen Figur herauskitzeln.

Zudem schienen die Mitglieder des Ensembles so viel Vertrauen zueinander aufgebaut zu haben, dass auch ganz besondere Augenblicke großer Intensität möglich waren. Da standen nicht nur den Schauspieler*innen die Tränen in den Augen, auch mir wurden die Augen feucht. Vergeblich versuchte ich den sprichwörtlichen Kloß im Hals hinunterzuschlucken und musste mehrfach tief Luft holen, um mich von meiner Anspannung zu lösen. So kurzweilig die humorvollen Stücke auch sind, in Erinnerung bleiben mir eher die „unbequemen“ Theaterabende, die auch noch über Tage nachwirken.

Mit dieser grandiosen Inszenierung bewirbt sich das Theater in OHZ um den renommierten Willy Beutz-Preis zur Förderung des Niederdeutschen Schauspiels. Ich drücke ganz fest die Daumen!


EILMELDUNG: Am 5. April 2025 wurde in Oldenburg der Willy Beutz-Preis verliehen, und das TiO – Theater in OHZ erzielte mit dem Schauspiel ALLENS, WAT ICK SEKER WEET den 1. Platz. HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

Wer Amateur-Theater auf hohem Niveau erleben möchte, sollte sich beeilen: Für das Schauspiel ALLENS, WAT ICK SEKER WEET in der großen Scheune auf Gut Sandbeck gibt es nur noch wenige Termine.

[Konzert] ERÖFFNUNGSGALA 2024/2025 / Stadttheater Bremerhaven

mit der Ouvertüre zu RUSLAN UND LUDMILLA von Michail Glinka sowie Arien, Songs und Musiken von Alan Jay Lerner & Frederick Loewe, Sergei Prokofjew, Wolfgang Amadeus Mozart und Giacomo Puccini

mit Ausschnitten aus DER DIENER ZWEIER HERREN von Carlo Goldoni/ Kay Neumann, TARTÜFF ODER DER GEISTIGE von John von Düffel, WOLF von Saša Stanišić, DIE WELT ZWISCHEN DEN NACHRICHTEN von Judith Kuckart & Ensemble sowie dem Ballett ROMEO UND JULIA von Alfonso Palencia

Premiere: 31. August 2024 / besuchte Vorstellung: 31. August 2024

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann, Davide Perniceni, Hartmut Brüsch
CHOR Edward Mauritius Münch
SZENISCHE EINRICHTUNG Annika Ellen Flindt
MODERATION Lars Tietje, Marc Niemann, Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Alfonso Palencia, Markus Tatzig

Musiktheater: Ulrich Burdack, Marcin Hutec, Andrew Irwin, Victoria Kunze, Boshana Milkov, Agnes Selma Weiland (als Gast), Thomas Paul (als Gast)
Ballett: Melissa Festa, Arturo Lamolda Mir
Schauspiel: Frank Auerbach, Henning Z Bäcker, Anna Caterina Fadda, Leon Häder, Angelika Hofstetter, Kay Krause, Julia Lindhorst-Apfelthaler, Alexander Smirzitz, Marc Vinzing, Marsha B Zimmermann, Aom Flury (als Gast)
JUB: Janek Biedermann, Ulrich Fassnacht, Meike Hoßbach, Coco Plümer
Opernchor am Stadttheater Bremerhaven
Philharmonisches Orchester Bremerhaven


Die Tür der Tiefgarage öffnete sich und schlagartig war die Musik vom nahen Weinfest auf dem Theodor-Heuss-Platz zu hören. Auf dem Theatervorplatz standen einsam die Bühne sowie einige Pavillons und wartete auf ihren Einsatz beim morgigen Theaterfest. Aus den Fenstern des Theater erstrahlte warmes Licht und lockte mich ins Innere. Die neue Spielzeit konnte (durfte endlich) beginnen.

Eröffnet wurde die Gala mit der Ouvertüre zu RUSLAN UND LUDMILLA von Michail Glinka, die das Philharmonische Orchester unter der Leitung von GMD Marc Niemann energiegeladen vortrug und so die Gala voller Schwung eröffnete. Marc Niemann versprach ein Wiederhören mit diesem musikalischen Werk beim NEUJAHRSKONZERT, das zudem mit einer wunderbaren Besonderheit aufwarten wird. Doch auch unter dem Dirigat von Hartmut Brüsch und Davide Perniceni, die den Taktstock bei den Programmpunkten zu den ihnen anvertrauten Produktionen übernahmen, zeigten die Musiker*innen des Philharmonischen Orchesters ihr Können.

„Never change a winnig team!“: Warum sollte etwas verändert werden, was sich nur allzu gut bewährt hat? Und somit führte abermals Intendant Lars Tietje hauptverantwortlich durch das Programm und bat bei passender Gelegenheit – sozusagen als „Sidekick“ – die jeweilige Sparten-Leitung in den Personen von Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Markus Tatzig und Alfonso Palencia auf die Bühne.

Im Schauspiel beginnt die Spielzeit mit DER DIENER ZWEIER HERREN, einem Komödien-Klassiker von Carlo Goldoni, der durch Kay Neumann einen Bremerhaven-typischen Touch erhielt. Frank Auerbach, Henning Z Bäcker, Anna Caterina Fadda, Kay Krause, Alexander Smirzitz, Marsha B Zimmermann und Aom Flury zeigten in der dargebotenen Szene, wie viel Esprit in diesem Stück steckt.

Statt einer klassischen Operette gibt es in diesem Jahr ein Musical, das allerdings sehr in der europäischen Musik-Tradition verankert ist und seit der deutschen Erstaufführung zu den beliebtesten Werken seiner Gattung zählt: MY FAIR LADY. Mit sonorem Bass wünschte sich Ulrich Burdack charmant „Bringt mich pünktlich zum Altar“. Andrew Irwin bot bei „Weil ich weiß, in der Straße wohnst du“ mit fein-akzentuierter Stimme und schelmischen Spiel eine der besten Interpretationen dieses Songs, denen ich bisher – sowohl live wie auch auf CD – lauschen durfte. Gäbe es eine bessere Wahl für die Partie der Eliza Doolittle: Bei „Ich hätt’ getanzt heut’ Nacht“ brillierte Victoria Kunze mit ihrem wunderschönen Sopran wieder bis in die höchsten Töne. Flankiert wurden die Sänger*innen durch den bestens disponierten Opernchor, bei dem der neue Chordirektor Edward Mauritius Münch für die Einstudierung verantwortlich zeichnete.

Einer der Höhepunkt der jährlichen Gala ist stets die Verleihung des Herzlieb-Kohut-Preises, mit dem besondere künstlerische Leistungen am Stadttheater Bremerhaven gewürdigt werden. Gerne rätsele ich im Vorfeld mit, wer es werden könnte. In diesem Jahr tat ich es nicht, und so wurde ich von der Entscheidung ebenso überrascht wie die Preisträgerin selbst: Eine sprach- wie fassungslose Julia Lindhorst-Apfelthaler stand – schon mit den Requisiten für die nachfolgende Szene in der Hand – auf der Bühne und wurde für ihre herausragenden darstellerischen Leistungen geehrte. Absolut verdient: HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

Apropos Requisiten: Diese kamen direkt im Anschluss der Preisverleihung zum Einsatz bei einer Szene aus TARTÜFF ODER DER GEISTIGE, eine Wiederaufnahme aus der vergangenen Saison. Gemeinsam mit Marc Vinzing bot Julia Lindhorst-Apfelthaler einen pointierten wie witzigen verbalen Schlagabtausch.

In dieser Saison schenkt uns Ballettdirektor und Chefchoreograf Alfonso Palencia mit ROMEO UND JULIA wieder ein Handlungsballett. Konnte bis vor wenigen Wochen die wohl bekannteste Liebesgeschichte der Welt noch auf der Sommerbühne als Schauspiel erlebt werden, wird sie nun mit den Ausdrucksmöglichkeiten des Tanzes erzählt. Melissa Festa und Arturo Lamolda Mir tanzten in der berühmten Balkon-Szene voller Leidenschaft, Ästhetik und Sinnlichkeit zur Musik von Sergei Prokofjew.


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Das JUB (Junges Theater Bremerhaven) ist immer für eine Überraschung gut: Diesmal haben sie vom mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis geadelten Kinderbuch WOLF von Saša Stanišić eine eigene Fassung für die Bühne erarbeitet. In der gezeigten Szene mimten Janek Biedermann, Ulrich Fassnacht, Meike Hoßbach und Coco Plümer eine Gruppe Jugendlicher, deren Geduld während einer Waldwanderung zunehmend auf eine harte Probe gestellt wird.

Ich konnte mir ein „Das wird aber auch Zeit!“ nicht verkneifen, als ich erfuhr, dass Marcin Hutek in LE NOZZE DI FIGARO von Wolfgang Amadeus Mozart die Partie des Grafen Almaviva übernehmen wird. Hutek ist schon seit einigen Jahren Mitglied des Musiktheater-Ensembles, doch durfte bisher sein Talent „nur“ (!) in kleineren Rollen zeigen. Ich bin der Meinung, dass da eine große Partie längst überfällig war. Dass er fähig ist, diese mit seinem warmen Bariton zu gestalten, zeigte er mit dem Rezitativ „Hai già vinta la causa!“ und der anschließenden Arie „Vedrò, mentr’io sospiro“. Boshana Milkov überzeugte abermals mit ihrem tragfähigen, schön fließenden Mezzo in der Arie des Cherubino „Non so più“. Und auch bei diesem Medley würzte der Opernchor mit „Giovani liete fiori spargete“ die Szenerie mit seinem Gesang.

Die kommende Spielzeit hält etwas Besonderes bereit: Erstmals gibt es mit DIE WELT ZWISCHEN DEN NACHRICHTEN eine Kooperation des Stadttheaters Bremerhaven mit der bremer shakespeare company, wo das Stück abwechselnd auf dem Spielplan stehen wird. Eine „Night Radio Show“ bildet den Rahmen für Shakespeares Sonette und somit für die Geschichten der Menschen, die beim Moderator anrufen und aus ihrem Leben erzählen. Leon Häder und Angelika Hofstätter machten mit ihrem Auftritt neugierig auf diese ungewöhnliche Inszenierung.

Im Musiktheater wird die Saison mit TURANDOT von Giacomo Puccini eröffnet: In der Partie der Titelfigur machte Agnes Selma Weiland mit hochdramatischen Sopran mit der Arie „In questa reggia“ nachdrücklich auf sich aufmerksam. Mit der Tenor-Arie des Opern-Repertoires „Nessun dorma“ empfahl sich Thomas Paul sehr effektvoll für die Rolle des Calàf. Bei der emotionalen Arie „Diecimile anni al nostro Imperatore“ stand Agnes Selma Weiland der Opernchor an Dramatik in nichts nach.

Mit einem frenetischen Applaus, Standing Ovation, Bravo-Rufe und Begeisterungs-Pfiffe wurden nicht nur die Künstlerinnen und Künstler verabschiedet – vielmehr galt der Dank ebenso den vielen Menschen vor, hinter, neben und über der Bühne. Denn nur in der Gemeinschaft eines Teams ist es möglich, den Theaterzauber immer wieder erneut aufleben zu lassen. 💖


Mit dieser Eröffnungsgala beginnt die SAISON 2024/2025 am Stadttheater Bremerhaven, das mich wieder mit seinem vielfältigen Programm begeistert.

[Konzert] ERÖFFNUNGSGALA 2023/2024 / Stadttheater Bremerhaven

mit dem Main-Theme aus „The Sea Hawk“ von Erich Wolfgang Korngold sowie Arien und Musiken von Jerry Bock, John Du Prez & Eric Idle, Antonín Dvořák, Franz Lehár und Giacomo Puccini

mit Ausschnitten aus „Der zerbrochne Krug“ von Heinrich von Kleist, „Glanz“ von Christina Kettering, „Der Untergang des Hauses Usher“ von Justine Wiechmann und Elisabeth Kirschbaumer (nach Edgar Allan Poe) und dem Ballett „Seelen“ von Alfonso Palencia

Premiere: 2. September 2023 / besuchte Vorstellung: 2. September 2023

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Marc Niemann, Davide Perniceni, Hartmut Brüsch, Tonio Shiga
Chor: Mario Orlando El Fakih Hernández
Szenische Einrichtung: Annika Ellen Flindt
Moderation: Lars Tietje, Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Alfonso Palencia,
Markus Tatzig

Musiktheater: Ulrich Burdack, Signe Heiberg, Marcin Hutec, Andrew Irwin,
Konstantinos Klironomos, Victoria Kunze, Boshana Milkov
Ballett: Helena Bröker, Melissa Festa, Volodymyr Fomenko, Lucia Giarratana,
Arturo Lamolda Mir, Marco Marongiu, Alícia Navas Otero, Zoe Irina Sauer Llano,
Melissa Panetta, Clara Silva Gomes, Ming-Hung Weng, Dawon Yang
Schauspiel: Frank Auerbach, Richard Feist, Justus Henke, Kay Krause, Marc Vinzing,
Marsha Zimmermann
JUB: Janek Biedermann, Ulrich Fassnacht, Coco Plümer
Opernchor am Stadttheater Bremerhaven
Philharmonisches Orchester Bremerhaven


„The same procedure as every year!“

…könnte man ausrufen, denn – Ja! – der Ablauf einer Eröffnungsgala am Stadttheater Bremerhaven ist Jahr für Jahr recht identisch – nur die Inhalte variieren natürlich. Und gerade dieses Festhalten am Gewohnten schafft für mich als Zuschauer eine wohlbekannte und kuschelige Sicherheit und steigert meine Vorfreude, dass ich nach den enthaltsamen Sommermonaten endlich wieder Theaterluft schnuppern darf.

Gleich zu Beginn der Gala kredenzte uns das Philharmonische Orchester unter der Leitung von GMD Marc Niemann ein Highlight (von vielen, die noch folgen sollten): Das musikalische Hauptthema einer filmischen Piraten-Schmonzette mit Errol Flynn aus dem Jahre 1940, zu der niemand geringerer als Erich Wolfgang Korngold die Musik beisteuerte und so ganz nebenbei die Filmmusik revolutionierte. Das Motto der diesjährigen Konzert-Saison lautet Fremde Heimat: Korngold war vor den Nazis nach Amerika geflohen und musste sich dort eine neue Existenz aufbauen. War der Film „The Sea Hawk“ auch ein Leichtgewicht, so war es die Musik von Korngold ganz und gar nicht, die Niemann mit dem Philharmonische Orchester symphonisch-voluminös und mit einer enormen Klangfülle zu Gehör brachten. Doch auch Davide Perniceni, Hartmut Brüsch und Tonio Shiga ließen es sich nicht nehmen, bei den Programmpunkten zu den ihnen anvertrauten Produktionen hier bei der Eröffnungsgala den Taktstock zu schwingen.

Intendant Lars Tietje gab auch in diesem Jahr einen launig-entspannten Conférencier und holte sich bei passender Gelegenheit die jeweilige Sparten-Leitung in den Personen von Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Markus Tatzig und Alfonso Palencia an seine Seite.

Frank Auerbach, Richard Feist, Justus Henke und Marsha Zimmermann sorgten mit einem Ausschnitt aus Heinrich von Kleists Lustspiel-Klassiker DER ZERBROCHNE KRUG, der in einem moderneren Gewand präsentiert wird, für die ersten Lacher im Publikum. Der zum Einsatz kommende Kühlschrank mit „Special Effect“ könnte sich durchaus zum Running-Gag entwickeln.

Die Weihnachtspremiere der Oper RUSALKA von Antonín Dvořák verspricht ein ungewöhnliches Hörerlebnis, da sie in tschechischer Sprache aufgeführt wird. Dies ist bestimmt auch für die Sänger*innen eine Herausforderung, die aber hervorragend gemeistert wird, wie Boshana Milkov sowie Ulrich Burdack gemeinsam mit dem Opernchor, der wieder bestens durch Mario Orlando El Fakih Hernández vorbereitet wurde, nachdrücklich unter Beweis stellten.

Auch in diesem Jahr kam es zur Verleihung des Herzlieb-Kohut-Preises, mit dem besondere künstlerische Leistungen am Stadttheater Bremerhaven gewürdigt werden. In diesem Jahr wartete die Jury mit einer Überraschung auf: Nicht eine Person oder Sparte wurde geehrt, diesmal erhielten Toni Burkhardt (Regie), Adriana Mortelliti (Kostüme) und Wolfgang kurima Rauschning (Bühnenbild) gemeinsam diese Auszeichnung für ihre grandiose Umsetzung der Oper BREAKING THE WAVES. Völlig verdient: Auch mich hatte diese Inszenierung nachhaltig beeindruckt.

Die letztjährige Preisträgerin Victoria Kunze behauptete gegenüber ihrem „Partner in Crime“ Andrew Irwin (😉) „Ich bin eine anständ’ge Frau“. Na, ob das wirklich stimmt, da können wir uns in DIE LUSTIGE WITWE, dem Operetten-Klassiker von Franz Lehár überzeugen. Mit einem schmissigen „Ja, das Studium der Weiber ist schwer“ spülten uns Signe Heiberg, Ulrich Burdack und Konstantinos Klironomos mit Unterstützung des Operchores aus dem Saal hinaus in die Pause.

Erst seit einer Spielzeit ist Alfonso Palencia als Ballettdirektor am Haus, und schon hat er deutliche künstlerische Spuren hinterlassen. So überzeugen seine Choreografien durch Emotionalität und Ästhetik. Dies galt auch für die gezeigten Ausschnitte aus dem drei-geteilten Ballettabend SEELEN, die von der Company grandios umgesetzt wurden. Am Ende erhielten die Tänzer*innen einen frenetischen Applaus als Lohn. Tanz scheint mir die Kunstform zu sein, die dem Künstler am Meisten abverlangt und das höchste Maß an Disziplin fordert.


Diese Diashow benötigt JavaScript.


In dieser Spielzeit steht mit GLANZ von Christina Kettering eine Uraufführung auf dem Spielplan vom JUB (Junges Theater Bremerhaven). In diesem Stück erfindet sich eine junge Frau via Social Media neu und verstrickt sich immer weiter in Lügen: Coco Plümer, Janek Biedermann und Ulrich Fassnacht zeigten mit einem Ausschnitt, wie nah dieses Thema an der Gefühlswert der heutigen Jugend ist.

Doch nicht nur aktuelle Themen werden in den Spielplänen der einzelnen Sparen aufgegriffen, auch die Freunde der klassischen Grusel- und Schauerliteratur kommen weiterhin auf ihre Kosten: Schon in der vergangenen Spielzeit hatte DER UNTERGANG DES HAUSES USHER von Justine Wiechmann und Elisabeth Kirschbaumer (nach der gleichnamigen Erzählung von Edgar Allan Poe) Premiere. Diese beim Publikum sehr beliebte Inszenierung wird auch in dieser Saison weiterhin als Wiederaufnahme zu sehen sein, aus der Marc Vinzing den großen Eröffnungs-Monolog im beinah dunklem Saal gekonnt-unheilschwanger zum Besten gab.

Mit TOSCA von Giacomo Puccini eröffnet das Musiktheater die neue Saison und bietet nicht nur einen Klassiker und Publikumsliebling des Genres, sondern hier am Stadttheater Bremerhaven mit Signe Heiberg und Konstantinos Klironomos zudem ein fulminantes Leading-Paar. Schon mit „Meno male! Egliè la“, der ersten Szene des Tosca-Blocks, in der Marcin Hutec, Andrew Irwin und Konstantinos Klironomos vor dem Orchester standen und sangen, während stückbedingt Signe Heiberg gemeinsam mit dem Opernchor und dem Extrachor von der Seitenbühne zu hören waren, zeigte eindringlich die hohe sängerische Qualität des Hauses. Cavaradossis Arie „E lucevan le stelle“ gestaltete Konstantinos Klironomos voller Wehmut und Trauer, während Toscas „Vissi d’arte“ bei Signe Heiberg sich vom anfänglichen Klagelied beinah bis zur kämpferischen Hymne steigerte. Grandios!!!

Auch wenn das „große“ Musical in dieser Spielzeit beim Schauspiel zu finden ist, so hat das Musiktheater mit THE APPLE TREE von Jerry Bock und Sheldon Harnick zumindest eine deutschsprachige Erstaufführung am Start. Dem Team Bock/Harnick verdanken wir u.a. das wunderbare Musical „Anatevka (Fiddler on the Roof)“. THE APPLE TREE verspricht, ein musical-isches Schmankerl in bester Broadway-Sound-Tradition (Die Ouvertüre wusste schon zu gefallen!) zu werden. Das Musical beschäftigt sich in drei in sich abgeschlossenen Geschichten um das Thema „Verführung“: So dürfen sich Adam und Eva mit der Schlange kabbeln, oder eine junge Frau aus bescheidenen Verhältnissen träumt vom Glitzer der Show-Welt. Apropos: Marcin Hutek war in den vergangenen Spielzeiten ja schon so einiges, u.a. Chef des Olymps. Jetzt durfte er als Schlange den Sündenfall verschulden und versuchte musikalisch seine „Verbot’ne Frucht“ an die Frau zu bringen. Mit „Wahnsinn“ amüsierte Victoria Kunze keck als aufstrebendes aber sich selbst überschätzendes Show-Sternchen. Andrew Irwin gestaltete Adams Klagelied auf „Eva“ so fein akzentuiert, dass es die reine Freude war, ihm zu lauschen.

Das „große“ Musical ist – wie schon erwähnt – in dieser Spielzeit beim Schauspiel verankert: Bei der Musical-Parodie SPAMELOT von Eric Idle und John du Prez nach Monty Phytons „Die Ritter der Kokosnuss“ erwarte ich allerdings auch keinen Schön-Gesang sondern vielmehr ein Feuerwerk an Pointen, die – im wahrsten Sinne des Wortes – auf dem Punkt kommen. Trotzdem dürfen wir uns auf ein komplettes Orchester incl. Opernchor freuen. Bei „Such den Gral“ überzeugte Kay Krause mit gekonntem Sprechgesang als kauziger König Artus. Für die erkrankte Julia Lindhorst-Apfelthaler, die in dieser Inszenierung die Fee aus dem See geben wird, sprang bei der Eröffnungs-Gala kurzfristig Boshana Milkov ein und „soulte“ sich voller Wonne durch den Song.

Mit dem Ohrwurm „Always look on the bright side of life“ wurden wir in die laue Sommernacht Bremerhavens entlassen.


Mit dieser Eröffnungsgala beginnt die SAISON 2023/2024 am Stadttheater Bremerhaven, das mich wieder mit seinem vielfältigen Programm begeistert.

[Schauspiel] Magnus Vattrodt – EIN GROSSER AUFBRUCH / Stadttheater Bremerhaven

Drama von Magnus Vattrodt / nach dem gleichnamigen Film von Matti Geschonneck

Premiere: 14. Januar 2023 / besuchte Vorstellung: 19. Januar 2023

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Inszenierung: Niklas Ritter
Bühne & Kostüme: Annegret Riediger
Musik: Nikolas Garin


Aufmerksame Verfolger*innen (!) meines Blogs werden es sicherlich schon bemerkt haben: Bei Kulturelles Kunterbunt tauchen deutlich mehr Werke des Musik- als des Sprechtheaters auf. Müsste ich mich zwischen einem Besuch von Puccinis La Bohème oder Shakespeares Ein Sommernachtstraum entscheiden, ich würde ohne zu zögern La Bohème wählen. Die Begründung ist ganz einfach: Die Musik bzw. der Gesang berührt mich auf einer anderen, emotionaleren Ebene und dringt tiefer in meine Seele.

Bei der puren Sprache bin ich durchaus auch emotional berührt, bleibe allerdings auf einer rationaleren Ebene. Ich erfreue mich am Klang des gesprochenen Wortes, an der gekonnten Deklamation eines Monologs oder an dem perfekten Timing bei Dialogen. Da ich mich als Vor-Leser mit meiner eigenen Stimme auseinandersetze, schaue ich den Profis gerne mal „aufs Maul“, in der Hoffnung, von ihnen lernen zu können. Wenn zudem noch das Sujet des Stücks – wie in diesem Fall – meine Neugier anheizt, dann muss ich hin…

Adrian und Katharina sind auf Holms Einladung in sein Haus am Chiemsee gekommen, aber der Hausherr ist nicht da. Während Katharina Unrat wittert, macht sich Adrian ans Kochen. Gut gelaunt taucht Holm doch noch auf. Aber nicht nur der.  Hintereinander kommen auch seine beiden Töchter an. Charlotte mit dem Taxi, aber ohne Geld, und Marie mit ihrem Verlobten Heiko, aber ohne Zeit. Sie muss heute noch einen Flieger nach New York erwischen und geht ihren Vater harsch an, dass der sie per Sprachnachricht in sein Haus beordert hat, weil er sich verabschieden wolle. Zur Überraschung aller, taucht auch Holms Ex-Frau und Mutter der Töchter Ella auf, die die Familie vor dreißig Jahren verlassen hatte. Was zuerst nach Holms schrägem Sinn für Humor klingt, entpuppt sich als bitterer Ernst: Holm ist unheilbar erkrankt und hat den Plan, sich zum begleiteten Freitod in die Schweiz abzusetzen. Und das möchte er mit einem großen Essen und Champagner feiern. Der gute Holm ist zwar begeistert von seinem Plan, hat aber nicht wirklich über die Konsequenzen nachgedacht. Und da er das offensichtlich schon sein ganzes Leben lang so betreibt, drehen die anderen jetzt den Spieß um und holen eine Leiche nach der anderen aus dem Keller der gemeinsamen Vergangenheit…

(Inhaltsangabe der Homepage des Stadttheaters Bremerhaven entnommen.)


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Keine leichte Kost wird hier dem Publikum geboten. Doch das Stadttheater Bremerhaven lässt sein Publikum mit ihren offenen Fragen nicht allein und lädt Interessierte am Anschluss der Vorstellung ein, sich mit fachkundigen Gästen auszutauschen. Denn Fragen bleiben/blieben offen – zumindest bei mir. Nach der Vorstellung machte ich mir durchaus meine eigenen Gedanken zu einem Sterben in Würde. Diese Gedanken waren mir nicht neu: Nach etlichen gesundheitlichen Krisen haben mein Mann und ich jeweils Wünsche zur Beisetzung schriftlich festgehalten. Doch allzu konkrete Gedanken zur Gestaltung des Sterbeprozesses hatten wir uns noch nicht gemacht. Doch dies können wir ja noch nachholen…!

Ich hatte nie das Gefühl, dass mich meine Gedanken zur eigenen Sterblichkeit emotional runterziehen. Vielmehr spürte ich eine Leichtigkeit, als ich schon vor Jahren den Ablauf meiner Trauerfeier festlegte. Voller Kreativität beschrieb ich Form und Farbe meiner Urne und erstellte eine Playlist mit Songs, die mir in meinem Leben wichtig sind und für mich nochmals erklingen sollen. Makaber? Nein, ganz und gar nicht: Vielmehr ist das Sterben ein Teil des Lebens. Warum sollte ich mir also über diesen Teil meines Lebens keine Gedanken machen? Zumal die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod, ihm einen Teil seines Schreckens nimmt.

Und genau dies gelingt auch Regisseur Niklas Ritter mit seiner Inszenierung: Er ziseliert aus der papierenen Vorlage filigrane Rollenprofile und setzt sie passgenau auf die Mitglieder seines Ensembles. Er schafft für die Charaktere die Möglichkeit, sich zu entwickeln, zu entfalten und lässt sie so atmen. Dabei hält er fein ausjustiert die Waage zwischen Tragik und Komik. Ja, es darf auch gelacht werden! Wir lachen über das Unvermögen der Bühnenfiguren und lachen gleichzeitig über unser eigenes Unvermögen, das uns manches Mal blockiert.

Das Bühnenbild von Annegret Riediger erinnert mit seinem Scandic-Chic der 70er an ein Ferienhaus, das irgendwie aus der Zeit gefallen ist, und als wolle es das jugendliche Ich seines Besitzers konservieren. Ihre Kostüme unterstreichen wohltuend unaufdringlich den jeweiligen Charakter.

Mit Kay Krause (Holm), Frank Auerbach (Adrian), Sibylla Rasmussen (Katharina), Julia Lindhorst-Apfelthaler (Charlotte), Marsha Zimmermann (Marie), Marc Vinzing (Heiko) und Isabel Zeumer (Ella) steht auf der Bühne ein absolut homogenes und aufeinander eingespieltes Schauspielensemble, in dem jede*r ihren/seinen Moment innerhalb der Aufführung erhält, um zu brillieren. Ich empfände es als vermessen, würde ich einzelne Namen hervorheben. Es ist eine fulminante Ensemble-Leistung!

Die Vorstellung wird ohne Pause gegeben, d.h. 90 Minuten lang oder lange 90 Minuten ist das gesamte Ensemble auf der Bühne. Egal, wann ich meinen Blick von den momentanen Hauptakteur*innen abwand und andere Schauspieler*innen beobachtete, immer waren alle zu 100% in der jeweiligen Rolle. Ein Beispiel: Während Holm auf der Vorderbühne mit Adrian und Katharina diskutiert, sitz seine Tochter still an der Seite, und eine Träne rinnt langsam ihre Wange entlang. Hier wird auf der Bühne „großes Kino“ geboten!



Tragisch oder tragisch-komisch? Egal! Leider kommt EIN GROSSER AUFBRUCH am Stadttheater Bremerhaven nur noch zwei Mal zur Aufführung, doch dafür gibt es noch Karten. Also: hingehen und anschauen!

[Schauspiel] Günter Grass – DIE BLECHTROMMEL / Stadttheater Bremerhaven

Schauspiel nach Günter Grass / für die Bühne bearbeitet von Peter Schanz

Premiere: 9. November 2019 / besuchte Vorstellung: 17. November 2019

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Inszenierung: Mark Zurmühle
Bühne: Eleonore Bircher
Kostüme: Ilka Kobs
Video: Aaron Bircher
Musikalische Einstudierung: Hartmut Brüsch

„Zugegeben: Ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, lässt mich kaum aus den Augen.“

…dies ist nicht nur der erste Satz des Romans „Die Blechtrommel“, so beginnt auch das Schauspiel. Oskar Matzerath blickt zurück sowohl auf 50 Jahre Familiengeschichte als auch auf 50 Jahre deutscher Geschichte. Der Junge, der mit drei Jahren beschließt, nicht mehr weiterzuwachsen, ist Unschuld und Verkommenheit zugleich. Scheinbar harmlos wirkend beobachtet er mit einem beinah sezierenden Blick die Entwicklungen in der Familie und der Gesellschaft und zieht an den Schicksalsfäden ganz nach seinem Gusto. Mit dem Klang seiner Trommel und der Fähigkeit, Glas mit seiner Stimme zum Zerspringen zu bringen, manipuliert er erbarmungslos seine Umwelt.

Dem Regisseur Mark Zurmühle ist mit seinem 7-köpfigen Ensemble eine stringente, aufwühlende Inszenierung gelungen, in der – außer Max Roenneberg als Oskar Matzerath – alle übrigen Schauspieler*innen mehrere Rollen verkörpern. Das Schauspiel beginnt in der besagten Heil- und Pflegeanstalt: Beinah steril wirkt das Bühnenbild mit seinem runden Pavillon und den weißen Stühlen. Oskar liegt angeschnallt auf einer Behandlungsliege und wird von Ärzten, Pflegern und Schwestern in weißer, uniformierter Kluft beobachtet. Und während Oskar mit dem Erzählen beginnt, verwandelt sich das Personal der Heil- und Pflegeanstalt mit wenigen Requisiten und Kostümteilen in die Protagonisten seiner Geschichte…!

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Ein aufwendiges Bühnenbild wird nicht benötigt: Das Können der Schauspieler*innen fesselt das Publikum. Die Kraft ihrer Darstellung macht Hilfsmittel wie ein üppiges Bühnenbild überflüssig.

Max Roenneberg gibt einen wendigen Oskar, der jungenhaft naiv und diabolisch abstoßend zugleich ist, und bildet mit seinen Kolleg*innen ein eingespieltes Ensemble, das wie Perlen auf einer Schnur die Geschehnisse vor den Augen des Publikums aufreiht. Sascha Maria Icks, Richard Lingscheidt, Julia Lindhorst-Apfelthaler, Dominik Lindhorst-Apfelthaler, Kay Krause und Henning Bäcker bilden ein so homogenes Ensembles, dass es mir schwerfällt, einzelne Künstler hervorzuheben: Jede*r zeigte eine immense Wandlungsfähigkeit und hatte große, bewegende Momente. Mark Zurmühle verzichtet wohltuend auf plakative Gesten und greller Symbolik: Der Freitod mit dem Strick wird mit Hilfe einer Krawatte und einer Kartoffel dargestellt, und auch das Hakenkreuz wird nicht benötigt, um die Atmosphäre dieser Zeit zu repräsentieren.

Wer ein 60 Jahre altes Werk modern und eindrucksvoll auf der Bühne sehen möchte, sollte den Weg nach Bremerhaven nicht scheuen!


Oskar Matzerath wird DIE BLECHTROMMEL weiterhin für einige Vorstellungen am Stadttheater Bremerhaven schlagen…!