[Oper] Giacomo Puccini – TOSCA / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Giacomo Puccini / Libretto von Luigi Illica und Giuseppe Giacosa / in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 23. September 2023 / besuchte Vorstellung: 14. Oktober 2023

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann
INSZENIERUNG Angela Denoke
BÜHNE & KOSTÜME Susana Mendoza
GEMÄLDE anna.laclaque
DRAMATURGIE Torben Selk
CHOR Mario El Fakih Hernández
LICHT Thomas Güldenberg

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
ASSISTENZ BÜHNE Theresa Steiner
KINDERCHORASSISTENZ & STIMMBILDUNG Katharina Diegritz
INSPIZIENZ Regina Wittmar
THEATERPÄDAGOGIK Katharina Dürr


Stimme heiser geschrien, Arme und Schultern zum Muskelkater geschunden und Hände wund geklatscht: So saß ich nach der Vorstellung der Oper TOSCA am Stadttheater Bremerhaven neben meinem Gatten im Auto, und wir fuhren Richtung Heimat. Still saßen wir nebeneinander, sprachen kein Wort und versuchten das soeben Gehörte, Gesehene und Empfundene zu verarbeiteten. Ein geseufztes „Schön war’s!“ war zum besagten Zeitpunkt der einzige Ausspruch, den ich nicht unterdrücken konnte, danach herrschte wieder Stille. Doch genau dieses kurze und schlichte „Schön war’s!“ umrahmte ziemlich genau all die Gefühle und Gedanken, die mir in dem Moment durch Herz, Hirn und Seele tobten.

Schon mit ihrer ersten Inszenierung am Stadttheater Bremerhaven empfiehlt sich Regisseurin Angela Denoke als eine kluge Beobachterin der menschlichen Psyche. Denoke ist selbst eine international gefeierte wie auch mit Preisen ausgezeichnete Sopranistin und wagte im Jahre 2021 ihr Regie-Debüt. Auch in diesem Metier wurden ihre Arbeiten prämiert, u.a. bekam sie erst im September den renommierten Österreichischen Musiktheaterpreis 2023 für ihre Regie von SALOME am Tiroler Landestheater Innsbruck verliehen. Ihre Inszenierung in Bremerhaven besticht durch Schlichtheit, Intelligenz und Emotionalität.

Der politische Gefangene Angelotti versteckt sich in der Kirche St. Andrea, wo sein Freund, der Maler Mario Caravadossi ein Madonnenbild fertigstellt. Als Vorlage diente ihm das Gesicht einer jungen Frau, die zum Beten regelmäßig in die Kirche kommt. Der Mesner erkennt in diesen Gesichtszügen die Gräfin Attavanti, Angelottis Schwester. Als Tosca die Kirche betritt, versteckt sich Angelotti erneut. Im Bild der Maria erkennt die Primadonna ebenfalls die Ähnlichkeit mit der Gräfin und reagiert mit Eifersucht. Caravadossi überzeugt sie aber von seiner Liebe und schickt sie fort. Kanonenschüsse sind zu hören. Angelottis Flucht wurde entdeckt, und Cavaradossi bietet ihm seinen Garten als Versteck an. Der Polizeichef Scarpia kommt in die Kirche und bemerkt sofort anhand einiger Indizien, dass Angelotti an diesem Ort war. Außerdem findet Scarpia einen Fächer. Er behauptet gegenüber Tosca, dies sei der Fächer der Gräfin, die mit dem Maler eine Affäre hätte. Schluchzend verlässt Tosca die Kirche, in der jetzt ein „Te Deum“ anlässlich des Sieges über Napoleon gefeiert wird. Scarpia schwört sich unterdessen, die Gunst Toscas zu erobern. In seiner Villa lässt er Caravadossi durch seine Schergen Spoletta und Scarrione genau in dem Moment vorführen, als auch Tosca eintrifft. Der Polizeichef befiehlt, Mario Caravadossi foltern zu lassen, bis er das Versteck des geflohenen Angelotti verrät. Tosca ist erschüttert und verrät nun selbst das Versteck. Darüber ist nun Caravadossi so empört, dass er den Polizeichef verspottet, indem er sich über einen scheinbaren Sieg Napoleons freut. Daraufhin ordnet Scarpia seine Exekution an. Nur wenn Tosca sich mit ihm einlässt, würde er ihren geliebte Maler verschonen. Kurz darauf stellt sich heraus, dass sich Angelotti umgebracht hat, um der Gefangenschaft zu entgehen. Trotzdem bleibt Scarpia bei seiner erpresserischen Methode, um Tosca zu unterwerfen. Als Lohn für ihre Gunst würde er eine Scheinhinrichtung organisieren, Mario Cavaradossi aber anschließend freilassen. Als sich Scarpia schließlich Tosca nähert, ersticht sie ihn mit dem Ausruf „Hier ist Toscas Kuss!“. Die Hinrichtung von Mario Caravadossi findet in einer Stunde statt: Tosca kommt und erzählt ihm, dass sie Scarpia getötet hat, und ihm nur eine Scheinhinrichtung bevorstehe. Er solle wie in einem Theaterstück mitspielen und sich, nachdem geschossen wurde, zu Boden fallen lassen. Die Hinrichtung folgt, Schüsse fallen, und Cavaradossi stürzt zu Boden. Tosca flüstert ihm zu, dass er sich still verhalten soll, bis die Vollstrecker verschwunden sind. Dann bemerkt sie, dass ihr Geliebter tot ist. Scarpia hat sich nun endgültig gerächt und Mario tatsächlich töten lassen. Bevor der Polizeiagent Spoletta sie wegen dem Mord an Scarpia verhaften kann, wählt Tosca den Freitod.

Angela Denoke verzichtet auf billige Effekthascherei und bleibt nah am Realismus. Zeitlich ordnet sie die Handlung nicht eindeutig ein: Einerseits werden wir an die eigene Geschichte unseres Landes erinnert, andererseits wirft sie einen kritischen Blick auf aktuelle Geschehnisse in Ländern, wo Populisten an der Macht sind. Dabei zeigt sie aber ebenso auf, dass selbst in einem totalitären Regime, kleine Blumen der Menschlichkeit am Wegesrand erblühen können: Der Mesner sieht sich als Hirte/Beschützer und achtet liebevoll auf die Kinder seiner Gemeinde; der Schließer lehnt beinah scheu einen Lohn vom Gefangenen Cavaradossi ab, als er sich bereit erklärt, Tosca eine Nachricht zu überbringen.

Die Motivation der handelnden Personen entwickelt die Regisseurin aus den Vorgaben des Librettos und vermeidet klischeeartige Charakterisierungen (schwarz – weiß, schön – hässlich, gut – böse). So befreit sie die Personen aus dem Korsett schablonenhafter Opernfiguren. Vielmehr lässt Denoke sie als reale Wesen agieren, die auch durchaus eine ambivalente Haltung zueinander haben dürfen. So behauptet der „böse“ Scarpia zwar, dass er Tosca, wie alle bisherigen Frauen vor ihr, abservieren wird, nachdem er ihre Gunst erhalten hat. Allerdings sprechen ihre Porträts in seinem Zimmer und der gesenkte Blick voller Unsicherheit und Scham beim Zusammentreffen mit ihr eine andere Sprache. Und auch Tosca zeigt gegenüber ihrem Peiniger unvermittelt Mitgefühl, als sie ihm, nachdem er erstochen vor ihr liegt, beinah liebevoll das Totenbett richtet. Aus der inneren Diskrepanz und den Seelenzuständen der Figuren entwickelt sich eine so hohe emotionale Spannung, die eine äußere Ablenkung unnötig macht.

Ausstatterin Susana Mendoza kleidet das Ensemble in gedeckten Tönen bar jeglichem Glamour. Einzig Tosca darf ihre mondäne Robe einem Schutzwall gleich tragen, die ihr allerdings Schicht für Schicht entrissen wird, bis ihre Empfindungen völlig bar und bloß liegen. Auf der mit schwarzem Stoff ausgeschlagenen Bühne platziert Mendoza ein riesiges Holzkreuz, das mal als Altar, Schreibtisch oder Laufsteg fungiert und mal schutzbietend, mal offenbarend wirkt. Einzig ein langer Vorhang und die großen Porträts setzen (im Kombination mit dem stimmungsvollen Licht-Design von Thomas Güldenberg) gekonnt Akzente im eher reduzierten Bühnenbild. Minimalismus „at its best“.

Während in anderen Inszenierungen das Bild der Madonna im 1. Akt die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zieht, wird uns hier ein Blick darauf verwehrt. Vielmehr liegt der Fokus voll und ganz auf unserer Titelheldin, die ab dem 2. Akt durch drei überlebensgroße Porträts allgegenwärtig ist. Diese ausdrucksstarken Kunstwerke schuf die Performancekünstlerin anna.laclaque, und ich würde mir so sehr wünschen, dass sie nach Beendigung der Aufführungsserie einen festen Platz im Foyer des Theaters finden dürften.


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„Ich möchte Menschen zum Weinen bringen: darin liegt alles…!“ lautet ein überliefertes Zitat von Giacomo Puccini. Damit ihm dies gelang, wählte er melodramatische Sujets und schuf dafür eine aufwühlende Musik. Bei GMD Marc Niemann und dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven waren die Kompositionen des Maestros in den aller-allerbesten und -fähigen Händen. Die schwelgerischen Melodienbögen, die ich so sehr an Puccinis Musik mag, flossen schier aus dem Orchestergraben. Mal rollte die Musik leidenschaftlich und kraftvoll über mich hinweg, dann wieder erklangen die Arien zart und voller Süße. Wunderbar!

Mario El Fakih Hernández bewies auch diesmal, dass er mit Chor und Extrachor einen voluminösen Klangkörper schaffen kann, der u.a. beim „Te Deum“ stimmstark für einen Gänsehaut-Moment bei mir sorgte. Unterstützung erhielt er beim Kinderchor durch Katharina Diegritz, die abermals die kleine Rasselbande zu motivieren wusste, ohne dass der Wohlklang zu Schaden kam. Als Solist aus dem Kinderchor sang Paul Dimitrov mit einem berührenden, beinah brüchigen Knabensopran sein klagendes Lied und wirkte dabei in seinem Erscheinungsbild weniger als junger Hirte. Vielmehr stellte er für mich einen Engel des Todes dar, der in seiner Reinheit die Verstorbenen über die Schwelle führt: Richtung offen. Das Sterben kann durchaus durch schändliche Umstände befleckt sein, doch der Tod ist stets unschuldig und unberührt.

Die Schergen Scarpias wurden durch Andrew Irwin (Spoletta) und James Bobby (Scarrione) im Himmler-Look beängstigend unsympathisch porträtiert. Wobei besonders Andrew Irwin in seiner Rolle eine anbiedernde und umso abstoßendere Unterwürfigkeit darbot. Marcin Hutek konnte sein Talent in den beiden kleinen Rollen als Angelotti bzw. der Schließer leider nur bedingt zeigen: Eine große Partie (Barbier oder Don Giovanni) wäre ihm endlich zu gönnen. Ulrich Burdack gefiel als mitfühlender, allzu menschlicher Mesner und sorgte im Zusammenspiel mit dem Kinderchor für die wenigen auflockernden Momente in dieser „Opera drammatica“.

Bleibt „nur“ noch unser „Trio infernale“ bestehend aus Tosca, Cavaradossi und Scarpia: Gast Bryan Boyce ließ hinter Scarpias Fassade des machtbesessenen und geltungshungrigen Despoten auch die Unsicherheit der Figur durchblitzen. Mit seinem dunklen, vollen Bass-Bariton vermochte er sowohl die stätig unterschwellig mitschwingende Gefahr wie auch die innere Zerrissenheit, die Scarpia als gebrochenen Charakter kennzeichnet, zu vermitteln. So gelang es ihm, innerhalb eines eher statischen Rollenprofils, feine Nuancen in der Darstellung herauszukitzeln.

Konstantinos Klironomos vermittelte glaubhaft Mario Cavaradossis Wandel vom anfänglich jugendlichen Helden zum gebrochenen Mann: Klironomos platzierte seine ungestümen Ausbrüche voller tenoraler Kraft und agiler Geschmeidigkeit. In Etappen veränderte sich seine Stimme. Beinah schmerzlich spürte ich beim Zuschauen/Zuhören die zunehmende Tragik. Die Arie „E lucevan le stelle/ Es funkeln die Sterne“ gestaltete er einerseits voller Süße, und gleichzeitig schwang eine Bitterkeit in jedem Ton mit. Gemeinsam mit Signe Heiberg als Floria Tosca bildete er ein umwerfendes Leading-Paar, das sich vokal ergänzte und darstellerisch die Bälle zuwarf.

Heibergs Tosca war die absolut Künstlerin, die verehrungswürdige Diva und ganz Weib, der es unter anderen Umständen nie in den Sinn gekommen wäre, dass sie angreifbar sein könnte. Nur tröpfchenweise sickerte die Erkenntnis in ihr Bewusstsein, dass von ihrem Verhalten das Wohl anderer Menschen abhängt, und dass der Verlust von Stolz und Würde ein geringeres Opfer bedeutet gegenüber dem Tod ihres Geliebten. Heiberg schleuderte ihren auftrumpfenden Sopran wie eine Waffe ihren Gegnern entgegen, nur um im nächsten Moment in fein geführten Gesangslinien die ambivalenten Gefühle der Figur zu verdeutlichen. Mit der berühmten Arie „Vissi d’arte, vissi d’amor/ Nur der Schönheit weihte ich mein Leben“ wendet sich Tosca flehentlich zu Gott, bei der ich in der brillanten Interpretation durch Signe Heiberg Empfindungen wie Machtlosigkeit und Resignation herauszuhören schien.

Von den anfangs so selbstbewussten und kraftstrotzenden Charakteren blieben nur noch Menschen mit zerbrochenen Seelen zurück, denen die Vergangenheit genommen und die Zukunft verwehrt wurde. Und so hilten sich Floria und Mario wie verängstigte Kinder in einem kurzen, flüchtigen Moment des Glücks nochmals an der Hand, vielleicht schon ahnende, dass keine frohe Zukunft auf sie wartet, sondern dass auch sie nur allzu bald dem Engel des Todes folgen werden…!

Zwischen dem letzten verklungenen Ton aus dem Orchestergraben und dem Einsetzten des aufbrausenden Beifalls löste sich aus meiner Brust ein Seufzer: „Schön war’s!“


Nachwort: Seitdem ich mich dem Stadttheater Bremerhaven verbundener fühle, verfolge ich auch ein wenig die mediale Berichterstattung über das Haus und besonders zu den jeweiligen Inszenierungen. Dabei fällt mir zunehmend auf, dass sich im Feuilleton immer noch Plattitüden standhaft halten, die – meiner Meinung nach – wenig aussagekräftig, wenig differenziert sind. Da wird sich einer Sprache bedient, die hinter ihrem scheinbaren Wohlwollen eine kleine Giftspritze verbirgt.

So schrieb Wolfgang Denker im „Weser Kurier“ über die gesanglichen Leistungen von Signe Heiberg und Konstatinos Klironomos „Beide würden in diesen Partien auch an weit größeren Häusern Eindruck machen.“. Ich las dies und stellte mir unverzüglich die Frage „Was möchte Herr Denker mit diesem Satz ausdrücken?“. Ich machte mir da durchaus so meine Gedanken, und natürlich sind meine Interpretationen absolut subjektiv. Aber ich bin in der Zwischenzeit auch müde geworden, ständig irgendwelche indifferenten Worthülsen lesen zu müssen.

Oberflächlich wirkt dieser Satz wie ein Lob: „Hey, die Beiden hätten das Zeug, auch an größeren Häusern zu singen.“, dann der Untertext: „Doch warum sind sie dann im Kaff Bremerhaven hängen geblieben?“. Der Umkehrschluss wäre für mich: An einer provinziellen Klitsche wie das Stadttheater Bremerhaven sind brillante Künstler*innen verschwendet, da täten es doch auch durchschnittliche Sänger*innen.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie einige Schreiberlinge (m/w/d) es mit einer untrüglichen Sicherheit schaffen, den Künstler*innen und/oder dem Theater unterschwellig eine Watschen zu verpassen und dies als positives Feed-back zu verpacken. Ihr denkt vielleicht, dass ich übertreibe, allzu empfindlich reagiere, oder es sich gar um einen Einzelfall handelt?

Au contraire, mes amis!

Verpasst auch nicht die nächsten Folgen
unserer beliebten Rubrik FEUILLETON’SCHE FLOSKELN:
Folge 2 „…prädestiniert sie/ihn auch für Wagner-Partien.“
Folge 3 „…dem überdurchschnittlichen Sängercast.“
Garantiert echt und ohne Werbeunterbrechung!


Grandiose Sänger*innen, grandioses Orchester, grandiose Inszenierung: Worauf wartet ihr noch? Ab mit euch zu TOSCA am Stadttheater Bremerhaven.

[Rezension] Chloé Perarnau – Mit dem Orchester um die Welt. Wimmelbuch

Schon vor über einem Monat hat die Spielzeit 2023/2024 auch an meinem Stammtheater begonnen, und somit ist auch das Philharmonische Orchester Bremerhaven wieder voll im Einsatz. Doch in der Sommerpause genossen die Orchestermusiker*innen ihren verdienten Urlaub und waren über alle Länder verstreut. Doch via Social Media ließen sie ihre Fans und Follower daran teilhaben, indem sie fleißig Fotos schickten.

Beinah scheint es so, als hätte Chloé Perarnau sich dies zum Vorbild für ihr Wimmelbuch genommen. Doch im Vergleich zu den Musiker*innen in ihrer Geschichte, waren die Mitglieder des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven wieder pünktlich zur Stelle und mussten nicht persönlich von ihrem GMD Marc Niemann eingesammelt werden.

Das große Konzert findet schon in einer Woche statt, aber alle Mitglieder des Orchesters sind noch im Urlaub. Daher müssen der Maestro und sein treuer Assistent sich auf die Suche nach ihnen machen. Rund um die Welt haben sich die Musiker verstreut: die Harfenistin ist in Porto, die Trompeter sind in Rio, die Flötisten in Abidjan, die Geiger in Tokio. Aber in den überfüllten und hektischen Straßen ist es nicht leicht, die Musiker aufzuspüren! Kannst du dem Maestro helfen, die Musiker zu finden?

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Als Kind liebte ich die Bücher von Ali Mitgutsch, der als „Vater der Wimmelbücher“ galt und leider im letzten Jahr verstorben ist. Mitgusch schärfte die Sicht von uns Kindern auf die Welt und zeigte den Zauber im Alltäglichen. So freute ich mich sehr, als ich in der Herbst-Vorschau vom Kunstmann-Verlag von diesem Wimmelbuch erfuhr – zumal es gleich zwei meiner Interessensgebiete streift: meine Schwärmerei für das Wimmelbuch und meinen Hang zum Theater und zum Konzert.

Nun halte ich dieses Buch in den Händen und fühle einen Hauch Enttäuschung in mir aufkeimen: Ja, ich weiß, dass ich unvoreingenommen sein und keine Vergleiche anstellen sollte. Doch ist es nicht allzu menschlich, dass ich voreingenommen bin und Vergleiche anstelle? Mitgutsch ist und bleibt in seiner Kunst unerreicht, und jede*r, die/der sich an ein Wimmelbuch wagt, begibt sich auf das berüchtigte und gefährliche „dünne Eis“.

Dabei hat Chloé Perarnau durchaus ihren eigenen Stil, der mich an kindliche Filzstift-Zeichnungen erinnert, und ist damit nah an der Erfahrungswelt ihres jungen Publikums. Zumal ihre Illustrationen recht detailreich daherkommen und mit so manchen skurril-witzigen Einzelheiten überraschen (Selbstverständlich besucht die Triangel-Spielerin die Pyramiden in Ägypten. 😉).

Auch gelingt es ihr gut, die Unterschiede der Länder in Architektur, Vegetation und Lebensgefühl zu vermitteln. Doch leider erfährt man von den jeweiligen Instrumenten so gut wie nichts. Gerade da hätte ich mir ein wenig „Mehr“ gewünscht, um das Interesse der Kids an ein klassisch besetztes Orchester zu wecken, und sie so sehr neugierig zu machen, dass sie ein Live-Konzert besuchen möchten.

Was bleibt, ist die Erinnerung an eine charmante Idee und meine Sehnsucht nach den alten Wimmelbüchern aus Kindertagen.


erschienen bei Kunstmann / ISBN: 978-3956145711 / in der Übersetzung von Mathilde Lully

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Maurice Leblanc – Arsène Lupin und die Frau mit den jadegrünen Augen (Hörspiel)

Seit einigen Jahren erfreut PIDAX Film- & Hörspielverlag sowohl mich wie auch sicherlich jeden anderen begeisterten Anhänger mit ihren Wiederveröffentlichungen von alten Serien, Filmen und Hörspielen. Dabei hatten die Verantwortlichen ein mal mehr, mal weniger glückliches Händchen bei der Sortimentsauswahl. Da wurde durchaus schon so manches verschollene Schätzchen wieder ans Tageslicht befördert. Allerdings gab es auch Funde, die meiner Meinung nach gerne in der Versenkung hätten bleiben dürfen. Aber Geschmäcker sind zum Glück recht verschieden: Medien, deren Inhalte nicht zu meinen Interessensgebieten zählen, können durchaus anderswo ihre Liebhaber*innen finden, gemäß dem Motto „Jedes Tierchen sein Pläsierchen“.

In diesem Fall entdeckte ich in der Reihe PIDAX HÖRSPIEL KLASSIKER die vertonten Abenteuer des bekannten Meisterdiebs. Nachdem mich die gedruckte Form von Arsène Lupin. Der Gentleman-Gauner so wunderbar unterhalten konnte, freute ich mich schon auf die akustische Umsetzung einer der Geschichten vom Autor Maurice Leblanc.

Frühling in Paris in den Zwanziger Jahren. Von ihren Wintermänteln befreit, flanieren die Menschen auf den großen Boulevards. Auch Arsène Lupin, mittlerweile 34 Jahre alt und ein eleganter Lebemann, genießt die laue Luft. Eine schöne Dame mit schweren blonden Haaren und blauen Augen gerät in sein Blickfeld – sie wird von einem Herrn verfolgt. Lupin folgt dem Verfolger bis in ein Café am Boulevard Haussmann. Dort sitzt an einem Tisch eine andere, auch sehr schöne Frau, jünger als die Blauäugige, mit jadegrünen Augen. Die Grünäugige verlässt das Café, Lupin geht ihr nach und wird Zeuge einer Szene: Der Verfolger der Blauäugigen und der herbeigeeilte Vater der Grünäugigen streiten sich schreiend um die grünäugige Frau. Der aufgebrachte Vater fährt schließlich mit ihr davon. Die Blauäugige nimmt einen Wagen zum Gare de Lyon und besteigt einen Zug nach Monte Carlo. Lupin folgt ihr bis ins Abteil und erfährt ihren Namen: Miss Bakefield, eine Engländerin. Dann überstürzen sich die Ereignisse. Lupin wird niedergeschlagen, drei Reisende werden ermordet, und drei Maskierte jagen auf der Flucht an Lupin vorbei. Er blickt kurz in jadegrüne Augen, dann steht er dem Verfolger von Miss Bakefield gegenüber: Es ist Kommissar Marescal. Im Mittelpunkt des Abenteuers steht die Frau mit den jadegrünen Augen, Aurélie d’Asteux, die immer wieder auftaucht und verschwindet. Lupin muss seinen einmaligen Charme einsetzen, um ihr Herz zu gewinnen – denn erst so kann er zum Grund der hochpolitischen Verwicklungen vordringen: Auf dem Boden eines Stausees liegt angeblich ein Schatz. Ist es gar die Quelle ewiger Jugend?

(Inhaltsangabe der ARD-Hörspieldatenbank entnommen.)


1 CDs/ Arsène Lupin und die Frau mit den jadegrünen Augen von Maurice Leblanc (2009)/ Übersetzung und Hörspielbearbeitung: Sabine Grimkowski/ Regie: Stefan Hilsbecher/ Musik: Helena Rüegg/ mit Rüdiger Vogler, Samuel Weiss, Odine Johne, Thomas Thieme, Heinrich Giskes, Barbara Stoll, Bijan Zamani, Hubertus Gertzen u.a.

Was eine entzückende Schönheit mit bestechenden Augen nicht alles anrichten kann: Bei ihrem Anblick entflammt selbst das Herz unseres genialen Meisterdiebs, der dann Logik, Sicherheit und Identität mit leichter Hand über Bord wirft, um der Dame in Nöten zur Hilfe zu eilen.

Bei dieser irrwitzigen Geschichte fühlte ich mich zwar durchaus unterhalten, allerdings unterstelle ich mal, dass das Original in Fortsetzungen in einer Zeitschrift erstmals veröffentlicht wurde. Die Handlung entwickelte sich so krude, dass bei mir der Eindruck entstand, Leblanc musste jede Folge mit einem Knalleffekt beenden (Heute nennt sich so etwas „Cliffhanger“.), um so seine Leserschaft bei der Stange zu halten, damit sie auch die nächste Zeitungsausgabe kaufen. Anders kann ich mir diese wirre Entwicklung der Story nicht erklären: Eine plausible Handlung mit entsprechendem Aufbau incl. Spannungsbogen sucht man hier vergebens. Auch kann keine differenzierte Charakterisierung der Personen erwartet werden. Vielmehr bedient sich Leblanc der gängigen Klischees: Der Held ist mutig, der Schurke böse, der Bulle nachtragend, und die Frauen sind entweder schön naiv oder schön durchtrieben.

Können da wenigstens die Sprecherinnen und Sprecher „das Ruder rumreißen“ und aus einer mittelprächtigen Vorlage ein unterhaltsames Hörspiel zaubern? Antwort: Bedingt! Samuel Weiss gibt den Meisterdetektiv mit charakteristischer Stimme zwischen selbstbewusstem Held, raffiniertem Gauner und verliebtem Jüngling. Zudem verfügt er über ein solch einnehmendes Timbre, das mich aufhorchen ließ und viel Wiedererkennungswert besitzt. Seinen Gegenspieler Kommissar Marescal gibt Thomas Thieme mit schnoddrigen Tonfall und cholerischen Attitüden. Rüdiger Vogler gefällt als Sprecher mit sonorer Stimme. Auch die weitere Herrenriege mit Heinrich Giskes, Bijan Zamani, Hubertus Gertzen u.a. kann überzeugen.

Gleiches kann ich leider den Damen nicht attestieren: Barbara Stoll verpasst Miss Bakefield nicht nur einen (wenig überzeugenden) englischen Akzent, auch gestaltet sie ihre Rolle allzu herb und lässt so an Charme vermissen. Die Angebetete unseres Helden, Aurélie d’Asteux, bleibt bei Odine Johne bedauerlicherweise recht blass, strahlt kaum Charisma aus und kann so zumindest rein akustisch nicht vermitteln, warum Lupin in Liebe zu ihr entbrennt. Schade!

Sabine Grimkowski bemühte sich redlich, um aus der verworrenen Vorlage eine brauchbare  Hörspielfassung zu zaubern und stieß dabei an dessen Grenzen. Regisseur Stefan Hilsbecher sorgte für eine flüssige Verknüpfung der vielen Handlungsorte und Szenen. Seine Arbeit ist absolut solide, bietet aber auch keine Überraschungen. Helena Rüegg schuf mit ihrer Musik (gemeinsam mit der Tontechnik bei den Geräuschen) eine stimmige Hintergrund-Atmosphäre und versprühte mit ihrem Akkordeon frankophiles Flair.

Leider konnte mich diese akustische Umsetzung nicht vollends überzeugen. Doch unser charmanter Gentleman-Gauner hat es durchaus verdient, dass ich ihm bzw. eine seiner Hörspieladaptionen eine weitere Chance einräume.


erschienen bei Pidax/ EAN: 4260158194235

[Rezension] Anton Čechov – Späte Blumen. Herbstgeschichten

„Wir verdanken Peter Urban einen deutschen Čechov,
wie er schöner nicht sein könnte.“

…auch auf dem Umschlag zu dieser Anthologie darf das Zitat von Manfred Papst von der Züricher „NZZ am Sonntag“ natürlich nicht fehlen. Unwillkürlich musste ich schmunzeln, denn einerseits fragte ich mich, wie alt besagtes Zitat nun wohl schon sei, und ob es auch für Zitate ein Mindesthaltbarkeitsdatum gäbe, andererseits bewahrheitet sich wie schon so oft der Ausspruch „Papier ist geduldig“. Doch mein Unken soll die Leistung von Peter Urban in keiner Weise schmälern. Dank der herausragenden Arbeit des Übersetzers der Čechov’schen Geschichten habe ich mich zwar nicht unbedingt in einem ergebenen Fan verwandelt aber durchaus eine kleine Schwärmerei für den russischen Literaten entwickelt.

Der Diogenes-Verlag schließt mit diesem Band die noch offene Lücke zur bisher fehlenden literarischen Jahreszeit und kredenzt uns auch diesmal eine feine Auswahl aus dem Gesamtwerk des russischen Dichters. Ich hatte den Eindruck, dass wir mit „Herbst“ nun die raueste und unwirtlichste Jahreszeit erreicht haben. Während der „Frühling“ vom Aufkeimen in Liebe und Natur erzählte, der „Sommer“ in voller Pracht erstrahlte, und der „Winter“ sich in sein zauberhaftes, schneeweißes Kleid hüllte, schleudert uns der „Herbst“ mit brutaler Kraft seine Mahnung an die Vergänglichkeit entgegen. Natürlich erzählten nicht alle Geschichten aus den anderen Anthologien nur von „Friede, Freude, Eierkuchen“. Auch hier stolperten die handelnden Personen und fielen manches Mal unvermittelt und mit Wucht in ihr noch unbekanntes Schicksal. Doch ich hatte den Eindruck, dass es in den Herbstgeschichten besonders stürmisch zugeht.

Die Frage nach der Vergänglichkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichten. Dabei meint „Vergänglichkeit“ nicht nur, dass Blätter von den Bäumen fallen oder Blüten im Garten verwelken. Vielmehr müssen sich die Protagonist*innen mit der eigenen, manchmal schon körperlich deutlich spürbaren Vergänglichkeit auseinandersetzen. Aber auch das eigene Heim oder die geliebte Heimat kann durch Naturkatastrophen, Feuer oder Krieg zu einem Teil der Vergangenheit werden. Ein Niedergang scheint somit überall, in jeder Ecke und an allen Fronten unabwendbar. Und doch lässt Čechov in mancher Geschichte eine „späte Blume“ erblühen, die oft unvermittelt Einfluss auf den Lauf der Geschichte nimmt und diesen so sehr verändert, dass er in eine andere Richtung gelenkt wird. Diese „späten Blumen“ stehen für die Hoffnung, dass auch in allem Vergänglichen eine zarte Schönheit wohnen kann, die mit einem kleinen Fingerzeig zu einem möglichen Neubeginn deutet.

Besonders ergriffen haben mich die Erzählungen, in denen die Held*innen von familiären Ritualen und Überlieferungen, liebgewonnenen Gewohnheiten oder gesellschaftliche Strukturen Abschied nehmen mussten. Wir kennen es doch nur allzu gut selbst: Auch bei uns sorgen die genannten Faktoren allesamt für eine Grund-Ordnung im Leben, die ihm Halt und Beständigkeit gibt. Würden sie wegfallen, bedeutete dies einen Verlust an der eigenen, persönlichen und somit höchst individuellen Identität.

Čechovs Figuren sind wenig glamourös, sondern vielmehr kantig, fehlerhaft, eben menschlich. Es sind alles Menschen, die gestrauchelt sind – entweder zum Zeitpunkt an dem die Geschichte spielt, oder in der Vergangenheit, was wiederum Einfluss nimmt auf das, was uns nun von ihnen berichtet wird. Der Autor schildert das Geschehene manchmal mit einer brutalen Direktheit, dann wieder mit einer poetischen Melancholie. Er zeichnet detailreiche Charaktere, die nicht immer sympathisch erscheinen, auch nicht unbedingt sympathisch erscheinen müssen bzw. sollen. Doch stets spürte ich beim Lesen seinen ganz eigenen Rhythmus in den Zeilen und fühlte mich wieder einmal umfangen von der noblen Melodik in der Sprache.

Wer alle vier Bände sein eigen nennt, der ist gut gewappnet. „Mit Čechov durch’s Jahr!“ könnte so ein Motto lauten: Der jeweils passende Erzählband zur aktuellen Jahreszeit findet immer wieder einen Platz auf dem Tischchen neben meinem Lesesessel und lädt mich so ein, den russischen Schriftsteller, Novellist und Dramatiker immer wieder neu zu entdecken.


erschienen bei Diogenes / ISBN: 978-3257072464 / in der Übersetzung von Peter Urban

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Event] OSTERHOLZER WINTERLICHTER: …und weiter geht’s!

„I’m dreaming of a white Christmas…!“

…wird Michael Bublé mit seiner samtenen Stimme mir bald wieder ins Ohr säuseln. Und ich freue mich schon so sehr darauf, dann bald höchst offiziell mich der Weihnachtsmusik ausliefern und hingeben zu dürfen. Dabei bin ich seit meinem Engagement im Orga-Team der OSTERHOLZER WINTERLICHTER schon das ganze Jahr über in einer latenten Weihnachtsstimmung.

Vor genau einem Monat habe ich euch an eben dieser Stelle einen ersten Zwischenbericht zu unserem Event OSTERHOLZER WINTERLICHTER präsentiert, und in der Zwischenzeit ist so viel passiert…!

Neben unserer wundervollen Homepage gibt es nun auch Accounts auf facebook und Instagram. Tolle Flyer und Plakate (s.a. unten) wurden designt und mehrfach überarbeitet, bis sie endlich in den Druck gehen konnten, um dann rechtzeitig „überall und nirgends“ auf unsere OSTERHOLZER WINTERLICHTER hinzuweisen. So viele schöne Preise für unsere Tombola sind schon eingetrudelt, und auf unseren To-do-Listen prangen schon viele, viele Häkchen aber natürlich auch noch etliche offene Posten.

Plakat OSTERHOLZER WINTERLICHTER

Jede*r aus dem Orga-Team bringt sich mit so viel Kreativität und Können, Wissen und Zeit dort ein, wo Unterstützung benötigt wird. Dabei sind wir uns „erschreckend“ einig. Jede*r respektiert und schätzt die Kompetenzen der anderen Team-Mitglieder. Konstruktive Kritik ist erwünscht und wird auch gefordert. Dabei sind wir so entspannt uneitel, will sagen: Niemand hält sich und seine Institution für das Beste, Geilste und Größte!

Doch der schönste Nebeneffekt ist und bleibt dabei, dass zahlreiche Kontakte geknüpft werden, die so für eine Vernetzung im Stadtteil sorgen. Kleines Beispiel gefällig? Aber gerne! Gemeinsam mit meiner lieben Freundin Britta bin ich für die Gestaltung des kulturellen Programms zuständig, dass wir am 2. Dezember in der Klosterkirche St. Marien mit Freude präsentieren werden. Dort wird u.a. auch der Chor eines benachbarten Kindergartens ein Konzert geben. Damit die Kids vorab ein wenig die Scheu verlieren, statt in ihrer Kita-Gruppe plötzlich in einem viel größeren Raum singen zu müssen, habe ich die kleinen Sängerinnen und Sänger gemeinsam mit der Kita-Leiterin eingeladen, bei uns in der Kirche zu proben. Für zwei Termine im November haben wir uns nun schon verabredet: Ich freue mich sehr!

Wie schon erwähnt: Vieles haben wir bereits erreicht, einiges ist noch zu tun. Doch auch dies werden wir gemeinsam mit Spaß und Elan meistern.

In vier Wochen hört ihr von mir weitere Neuigkeiten von den OSTERHOLZER WINTERLICHTERn…! 💖


Die OSTERHOLZER WINTERLICHTER finden am 2. Dezember 2023 von 11.00 bis 19.00 Uhr zwischen Bördestraße, Findorffstraße und Klosterplatz in 27711 Osterholz-Scharmbeck statt.

[Rezension] Caroline Derlatka – Der Zauber der Bücher/ mit Illustrationen von Sara Ugolotti

Kann irgendein waschechter und eingefleischter Vollblut-Bücher-Nerd einem Titel wie „Der Zauber der Bücher“ ernsthaft widerstehen? Nein, selbstverständlich nicht mal ansatzweise, von „ernsthaft“ brauchen wir da gar nicht erst zu sprechen. Wobei ich den englischen Original-Titel „When You Open a Book“ noch viel ansprechender finde: Ja, was passiert denn da, wenn ich ein Buch zum ersten Mal aufschlage?

Mit magischen Worten
erfasst dich der Wind
und bläst dich zu Orten,
die Buchstaben sind.

Enthüll das Geheimnis,
der Zauber ist groß:
Schlag bloß Seite eins auf
und schon geht es los!

…lässt Caroline Derlatka die Reise zweier Kinder ins Land der literarischen Abenteuer beginnen. Denn wir alle wissen, dass in dem Moment, wo wir ein Buch aufschlagen, wir augenblicklich in eine uns unbekannte Welt entführt werden. Wir begeben uns auf eine spannende Reise, fliegen in Gedanken davon und haben uns real nicht den klitzekleinsten Millimeter von der Stelle bewegt.

Genau so ergeht es unserer Heldin und ihrem kleinen Freund: Sie machen die Bekanntschaft mit mächtigen Bären, großen Walen und freundlichen Riesen. Sie reiten auf eleganten Drachen oder segeln mit aberwitzigen Flugobjekten durch die Wolken. Sie kämpfen gegen Piraten auf dem Meer oder musizieren mit Delphinen und Kraken unter dem Meer. Sie fahren Schlitten auf einem Regenbogen oder erkunden die unendlichen Weiten des Weltraums. Dies geschieht nur, da sie ein Buch geöffnet haben.

Die Autorin schmückt die Geschichte mit poetischen Versen, die eine feine Melodik besitzen, sich ganz wunderbar vorlesen und so Raum für eine individuelle Interpretation lassen. Wobei mein Dank auch der Übersetzerin Cornelia Boese gilt, die sicherlich einen nicht unwesentlichen Anteil daran hat, dass die Poesie des Originals auch in der deutschen Übertragung erhalten blieb.


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Sara Ugolotti greift die Poesie der Verse nicht nur auf, sondern sie potenziert diese in ihren Illustrationen: Farbenfroh und phantasiereich, detailliert und humorvoll, märchenhaft und nuanciert – all dies und noch viel mehr repräsentieren ihre Bilder und laden mit ihrer harmonischen Farbgebung zum Immer-wieder-anschauen ein.

Ich habe mir dieses entzückende Buch insgesamt fünf Mal hintereinander angeschaut. Nach jedem Betrachten habe ich es zugeschlagen, einen Moment gewartet und still in mich hinein sinniert, bevor ich es abermals geöffnet habe. Meine Aufmerksamkeit blieb jedes Mal bei anderen Illustrationen haften, die mich staunend machten oder ein Lächeln auf meine Lippen zauberten. Und ich bin mir sehr sicher, dass mich dieses kleine aparte Gesamtkunstwerk noch sehr lange erfreuen wird.

Welch Abenteuer,
wag den Versuch!
Wunder erwarten dich.
Öffne ein Buch!

P.S.: Ich nahm dieses Büchlein in die Hand, und mein erster Gedanke war, dass den wunderbaren Illustrationen von Sara Ugolotti durchaus ein üppigeres Format gut gestanden hätte. Doch dann fiel mir auf, dass ich mit meinen großen Pranken nicht der passende Maßstab sein kann. Ich dachte an die viel kleineren Kinderhände, die in diesem Buch blättern würden, und befand, dass das Format genau richtig ist.


erschienen bei Knesebeck / ISBN: 978-3957287533 / in der Übersetzung von Cornelia Boese

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Lustspiel] Heinrich von Kleist – DER ZERBROCHNE KRUG / Stadttheater Bremerhaven

Lustspiel von Heinrich von Kleist

Premiere: 9. September 2023 / besuchte Vorstellung: 17. September 2023

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


INSZENIERUNG Thomas Oliver Niehaus
BÜHNE & KOSTÜME Kathrin Kemp
MUSIK Patrick Schimanski
DRAMATURGIE Elisabeth Kerschbaumer
REGIEASSISTENZ Jens Bache
INSPIZIENZ Mahina Gallinger
SOUFFLAGE Birgit Ermers
THEATERPÄDAGOGIK Schirin Badafaras
AUSSTATTUNGSHOSPITANZ Hannah Berki, Jana Rabofsky


Es war Saison-Auftakt am Stadttheater Bremerhaven mit dem Komödien-Klassiker DER ZERBROCHNE KRUG und gleichzeitig die erste Abo-Vorstellung für mich: Ich betrat also den Zuschauersaal, setzte mich auf meine gewohnten Plätze in der 2. Reihe und blickte auf fünf Kunsttannen, die üppig am Bühnenrand positioniert waren. Spontan lachte ich auf, da ich an das kleinliche Gemecker einiger Zuschauer*innen dachte, denen in der vergangenen Spielzeit in der sensationellen Inszenierung von DER FREISCHÜTZ der Wald fehlte. „Das habt ihr nun davon“, dachte ich voller Schadenfreude „Da habt ihr euren Wald!“. Doch dann blickte ich abermals auf die Bühne und langsam bahnte sich ein Gedanke seinen Weg in mein Gehirn. Meine schnöde Schadenfreude wich einer ernüchternden Erkenntnis, dass nicht nur die Meckerer im Wald stehen, auch mir würde eine freie Sicht auf die Bühne verwehrt bleiben.

Gerichtsschreiber Licht überrascht Richter Adam morgens beim Verbinden frischer Wunden. Adam erklärt, beim Aufstehen gestrauchelt und gegen den Ofen gefallen zu sein. Da lässt sich Gerichtsrat Walter melden. Er ist aus Utrecht entsandt, um Gerichtskassen und Akten zu prüfen. Adam gerät in Panik, zumal seine richterliche Perücke verschwunden und kein Ersatz zur Hand ist. Obendrein ist auch noch Gerichtstag, und Klägerin, Beklagter und Zeugen warten schon vor der Tür. Der Richter ahnt, weshalb sie gekommen sind, und dass er als Richter nun gezwungen sein wird, über eine Tat zu richten, die er selbst begangen hat. Entsprechend tut er alles, was in seiner Macht steht, um die Aufklärung des Falls, bei dem außer einem Krug auch ein Verlöbnis entzweiging, zu verhindern. Schlangengleich dreht und windet er sich, um den Verdacht auf andere zu lenken. Doch Gerichtsrat Walter und Schreiber Licht lassen sich davon nicht blenden, da beide, wenn auch aus sehr unterschiedlichen Gründen, an der Aufklärung des Falls interessiert sind. Schwitzend vor Angst wird Richter Adam in die Enge getrieben. Schritt für Schritt enthüllt sich während der Verhandlung folgender Tatbestand: Der Unbekannte, der am Vorabend des Gerichtstags hastig durch das Schlafkammerfenster von Eve Rull entwich und dabei den Krug, der ihrer Mutter Marthe lieb und teuer ist, vom Sims stieß, war er, Richter Adam selbst. Es war nicht der Beklagte, Eves Verlobter Ruprecht, der mit seinem Vater Veit Tümpel erschienen ist. Dessen vermeintlicher Nebenbuhler Lebrecht kann es ebenfalls nicht gewesen sein, da dieser sich zu dem Zeitpunkt nicht im Dorf aufhielt. Alle Indizien sprechen gegen Richter Adam: Die beiden Kopfwunden, die Adam davontrug, als Ruprecht dem unerkannt Flüchtenden zweimal die Türklinke über den Kopf hieb; Adams Klumpfuß, der die Spur vom Tatort quer durchs Dorf zu seiner Wohnung erklärt; und die fehlende Richterperücke, die die Zeugin Frau Brigitte am Weinspalier hängend unter Eves Kammerfenster entdeckt hatte. Nun rät Walter dem Richter, abzutreten, da die Würde des Gerichts auf dem Spiel stehe. Aber dieser will nicht hören und fällt sein Urteil: Ruprecht soll wegen Ungebühr der Hals ins Eisen gelegt werden. Ruprecht bäumt sich so stark gegen diese Ungerechtigkeit auf, dass Richter Adam ängstlich aus seinem Haus flüchtet. Nun wo der Schändliche nicht mehr gegenwärtig, ist Eve bereit, die volle Wahrheit zu sagen: Adam hat Eve vorgelogen, ihrem Verlobten drohe der Militärdienst in Ostindien, und nur er, der Dorfrichter könne dies verhindern, wenn Eve eine Gegenleistung erbringt. Zum Äußersten ist es, auch dank Ruprechts Eingreifen, vermutlich nicht gekommen, obwohl Eve noch zum Zeitpunkt ihrer Beschuldigung Adams befürchtet, der Erpresser besitze Macht, ihr den Verlobten zu entreißen. Deshalb hat sie lange über das geschwiegen, was wirklich in ihrer Schlafkammer geschehen ist.

30 weiße Gartenstühle aus „Plaste“ nebst div. Tische und einiger Hocker aus eben diesem Material verteilten sich scheinbar wahllos gestapelt und zusammengestellt auf der Bühne. Zusammen mit einem großen Lamellenvorhang, der den Bühnenraum unterteilt, versprühte diese Ausstattung ein steriles Schlachthof-Ambiente. Zwangsläufig stellte sich mir bei diesem Anblick die Frage, wer hier von den Charakteren wohl zur Schlachtbank geführt wird. Richter Adam als Ober-Schlachter versucht gleich mehrere Unschuldige zu opfern, nur um von sich abzulenken, und wird am Ende dann doch selbst filetiert. Auch die weißen Kostüme können als Sinnbild für die Reinheit der beteiligten Personen gesehen werden. Selbst Richter Adam erscheint anfangs ganz in weiß gekleidet, wobei sein schlampiges Outfit bestehend aus Unterhemd und langer Unterhose schon auf seinen wahren Charakter schließen lässt. So agiert er in dieser Unschuldsherde als Wolf im Schafspelz, der dieses nach seiner Enthüllung abstreift und plötzlich in schwarz gewandet erscheint. Auch sonst bemüht Ausstatterin Kathrin Kemp gerne die Symbolik. So schwebt ein großer, fauler Apfel einem Mond gleich über dem Geschehen, und auch Eve darf gerne mal in einen Apfel beißen, sozusagen – Nomen est Omen – als personifizierte Verführung durch das ewig Weibliche. Nicht unerwähnt lassen möchte ich den Kühlschrank, der in einem früheren Leben anscheinend eine Jukebox war. Beim Öffnen der Tür erklangen flotte Party-Rhythmen: ein netter Gag – mehr aber auch nicht.


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Für’s Auge bot dieser „Krug“ somit eher weniger (Da half auch nicht der „Wald“, der sich übrigens nach der Eröffnungsszene in den Orchestergraben absenkte.). Er hat solchen „Schnickschnack“ aber auch nicht nötig, da der Text mit seinen Dialogen brillant ist, und die Personen fein gezeichnet sind.

Glücklicherweise konnte Regisseur Thomas Oliver Niehaus über ein famoses Schauspielensemble am Stadttheater Bremerhaven verfügen. Wenn Frank Auerbach als Dorfrichter Adam protzt und duckmäusert, droht und säuselt, kriecht und schleimt, dann ist dies voller Komik. Er zeigt in seinen Versuchen des Vertuschens eine solche Verzweiflung, dass ich durchaus Mitgefühl für ihn empfand, und er so – trotz seiner ganzen Verderbtheit – ein absoluter Sympathie-Träger war. Eingekesselt wird Adam gleich von zwei Seiten durch moralische Instanzen: Henning Bäcker gibt den Gerichtsschreiber Licht als Mann mit Ambitionen und Prinzipien. Wohltuend unterlässt er ein übertriebenes Anbiedern und verhindert so, dass die Figur Sympathien einbüßt. Ambitionen und Prinzipien finden sind auch in der Person des Gerichtsrads Walter, wenn auch seine Beweggründe von denen des Gerichtsschreibers abweichen: Richard Feist verkörpert ihn als aufstrebende Führungskraft mit Geltungsbedarf und Hang zur Ordnung, dem der gute Ruf der Justiz über alles geht.

Wind von vorn gab es für Adam durch die Marthe Rull von Marsha Zimmermann, die schon rein optisch die Rolle vom allzu mütterlichen Gebaren befreite. Vielmehr porträtierte sie Marthe als eine gestandene und selbstbewusste Frau, die mit einer angeborenen Autorität die versammelten Männer in ihre Schranken weist. Isabel Zeumer wußte auch in der kleinen Rolle der Frau Brigitte zu gefallen, was ebenso auf Kay Krause als Veit Tümpel zutraf. Beide Rollen können als feine Farbschattierungen innerhalb eines Kunstwerkes betrachtet werden.

Herausragend sind auch die beiden jungen Neuzugänge im Schauspielensemble: Justus Henke spielt den Ruprecht Tümpel mit einer beinah tölpelhaften Naivität. Doch hinter der scheinbaren Schlichtheit versteckt sich ein aufrechter Geist mit einem Ur-Instinkt für Ehre und Gerechtigkeit. Hoch emotional agiert Anna Caterina Fadda als Eve. Ihre Verzweiflung drückt sie weniger durch Worte als vielmehr durch (Körper-)Haltung, Mimik und Blicke voller Emotionen aus und lässt ihr Leid in so mancher still vergossenen Träne gipfeln.

Für ein Lustspiel durchaus unüblich, wendete Kleist in den Dialogen die Vers-Form an und erhöhte dadurch seinen Anspruch an eine Komödie. Um dieser Vers-Form gerecht zu werden, stellte er die natürliche Wortfolge um. Dieser Umstand könnte allein schon beim Lesen für Schwierigkeiten sorgen. Wie tückisch wäre da erst das gesprochene Wort? Doch in Bremerhaven stehen Könner*innen auf der Bühne, die die Verse fein akzentuierten, wohldurchdacht Pausen setzten und so die Schönheit der Kleist’schen Sprache zum Erblühen brachten.

Kaum zu glauben, dass dieser Komödien-Klassiker aufgrund einer Wette entstand, die Kleist während eines Aufenthalts in der Schweiz mit seinen Freunden Ludwig Wieland und Heinrich Zschokke am Laufen hatte. Heinrich Zschokke berichtete über diesen Dichterwettstreit:

„In meinem Zimmer hing ein französischer Kupferstich „La cruche cassée“. In den Figuren desselben glaubten wir ein trauriges Liebespärchen, eine keifende Mutter mit einem zerbrochenen Majolika-Kruge, und einen großnasigen Richter zu erkennen. Für Wieland sollte dies Aufgabe einer Satire, für Kleist zu einem Lustspiele, für mich zu einer Erzählung werden,…

…Kleists zerbrochner Krug hat den Preis davon getragen.“


Hier findet Ihr die Termine zu weiteren Aufführungen von Kleists DER ZERBROCHNE KRUG am Stadttheaters Bremerhaven.