[Rezension] Theodor Fontane – Der kinderleichte Fontane/ ausgewählt von Gotthard Erler/ mit Illustrationen von Sabine Wilharm

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland – wer kennt ihn nicht, und auch das Leiden der Effi Briest mussten schon viele Generationen an Schüler*innen über sich „ergehen“ lassen. Doch kennt jemand noch mehr von Fontane? Ich leider bisher nicht…! Doch dank dieser entzückenden Anthologie kann nun Abhilfe geschaffen werden.

Auch wenn dieses Büchlein mit Der kinderleichte Fontane betitelt wurde, so ist es nicht ausschließlich nur für Kinder geeignet. Auch dem interessierten Neu-Einsteiger ins Fontansche Werk (so wie ich einer bin) verschafft es einen guten Überblick. Neben einer Vielzahl an Gedichten kredenzt uns Herausgeber Gotthard Erler eine abwechslungsreiche Mischung aus spannenden Geschichten (aus: Romane und Erzählungen in acht Bänden), Märchen und Sage (aus: Wanderungen durch die Mark Brandenburg), mystischen Erzählungen (aus: Das erzählerische Werk) und Berichten aus dem Leben eines Lausbuben (aus: Meine Kinderjahre. Autobiografischer Roman): Wir erfahren, wie Steuermann John Maynard das brennende Schiff unter Einsatz seines Lebens ans rettende Ufer bringt. Bei den Streichen und Abenteuern des kleinen Buben Theodor sind wir erleichtert über die Schutzengel, die über ihn wachen. Wir lernen mit Grete Minde eine resolute junge Frau kennen, die zu drastischen Mitteln greift, als sie von ihrem Bruder nicht ihr gewünschtes Erbe erhält. Fritz Katzfuß hat unser vollstes Verständnis bei seinem Versuch, seine heimliche Leidenschaft gegenüber seiner Lehrherrin zu verbergen – vergebens. Und natürlich sind auch für uns die Birnen aus dem Havelland noch immer die süßesten…!

In seiner kurzweilig geschrieben Einleitung lässt Gotthard Erler das Leben Fontanes Revue passieren und gibt einen prägnanten Einblick in die Persönlichkeit dieses vielschichtigen Künstlers. Illustratorin Sabine Wilharm, die u.a. bekannt durch ihre Covergestaltung der Harry-Potter-Romane wurde, lässt in der Einleitung amüsant Ribbecks Birnen über die Seiten toben, um einzelne Lebensstationen des Autors nachzustellen. Bei den Erzählungen und Gedichten trifft sie mit ihren kurios-kantig-komischen Illustrationen überzeugend den jeweiligen Grundton.

Diese gelungene wie abwechslungsreiche Zusammenstellung offeriert uns einen äußerst vielfältigen Poeten, der schon zu Lebzeiten als ein Pedant bekannt war und oftmals bis kurz vor Druck seiner Werke noch Änderungen an eben diesen vornahm. Das Ergebnis gab ihm recht: Seine Geschichten überzeugen durch eine geschliffene Sprache. Seine Lyrik erfreut mich als Vor-Leser mit einem interessanten Duktus und einem pulsierendem Rhythmus der Verse. Beinah melodisch sind seine Reime aufgebaut und verführen geradezu zu einer musikalischen Vertonung.

Apropos Vertonung: Schon im Jahre 1978 wählte Achim Reichel ein Gedicht Fontanes für sein Album Regenballade aus. Ribbecks Birnen sind eben in jeglicher Form zu und zu schmackhaft…!


erschienen bei Aufbau/ ISBN: 978-3351037734

MONTAGSFRAGE #113: Wie hoch ist euer Leseanteil in einer Fremdsprache, und warum lest ihr nicht die Übersetzung?

Die heutige MONTAGSFRAGE lässt sich schnell beantworten:

Mein Leseanteil in einer Fremdsprache beläuft sich auf NULL Prozent,
weil ich prinzipiell und ausschließlich Übersetzungen lese.

Die Gründe hierzu liegen für mich auf der Hand, wie ich es in meiner Antwort zu einer der früheren MONTAGSFRAGEN schon formuliert hatte und hier zitieren möchte:

Ich bin und bleibe ein Fremdsprachen-Legastheniker: Französisch hatte ich als Schulfach schnellstmöglich abgewählt, und als beste Note in Englisch konnte ich mit einer 4 „glänzen“. Dafür hat mein Mann ein Faible für Sprachen, war als Austauschschüler in Frankreich, frischte im Rahmen eines Bildungsurlaubes sein „Französisch“ auf und hatte zum Zwecke der urlaubsbedingten Völker-Verständigung auch schon Dänisch und Schwedisch gelernt. So kommt es, dass ich ihn in fremd(sprachig)en Gefilden immer vorschicke, während in der Heimat immer ich voran stürme. Aber ich vermisse auch nichts: Meine Kernkompetenzen liegen definitiv auf anderen Gebieten.

Und obwohl ich so gar nicht sprachaffin bin, finde ich es ganz wunderbar, dass es so viele unterschiedliche Sprachen gibt. Zeugt dies doch von einer immensen kulturellen Vielfalt auf unserer großen, bunten Welt.

So ziehe ich meinen imaginären Hut vor all den talentierten Übersetzer*innen, denen ich es verdanke, auch als Fremdsprachen-Legastheniker an dieser kulturellen Vielfalt teilhaben zu dürfen. Die Arbeit der Übersetzer*innen darf nicht unterschätzt werden: Tragen sie doch eine große Verantwortung am Erfolg eines literarischen Werkes im jeweiligen Land.

Als ich die erste Übersetzung von Edgar Allan Poes Gedicht „Der Rabe“ las, war ich etwas enttäuscht und fragte mich, warum dies nun eines der bekanntesten und beliebtesten Werke von Poe sein sollte. Meine Recherche ergab, dass im Laufe der Jahrzehnte mindestens 10 unterschiedliche deutsche Übersetzungen entstanden sind. So begab ich mich weiter auf die Suche nach einer Fassung, die den von mir erhofften Rhythmus von Sprache und Reime wiedergab, und fand sie glücklicherweise in der Übersetzung von Carl Theodor Eben.

Vor einiger Zeit habe ich zur Anthologie „Nichts als Weihnachten im Kopf“ aus dem Kampa Verlag eine Rezension veröffentlicht. In dieser wunderbaren Anthologie findet sich auch eine meiner liebsten Weihnachtsgeschichten „Das Geschenk der Weisen“ von O. Henry. Schon nach wenigen Sätzen wurde mir klar, dass es sich hier um eine Neu-Übersetzung (von/ 2019) handeln musste. Dabei erscheinen die Veränderungen zur älteren Übersetzung von Theo Schumacher aus dem Jahre 1994 nur marginal. Aber gerade diese kleinen Feinheiten nehmen Einfluss auf den Tonfall der Geschichte, bringen diese sprachlich zum Funkeln und würden mich somit immer die ältere Übersetzung wählen lassen,…

…und so trägt die Qualität der Übersetzung eine nicht unerhebliche Rolle, ob ich besagte Geschichte für eine meiner Lesungen auswähle, und sie mich so zu einer flüssigen Interpretation animiert.

…und bevorzugt Ihr das Original, oder greift Ihr doch eher zur „Fälschung“??? 


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Noch ein Gedicht…] Eduard Mörike – AUF EINER WANDERUNG

In ein freundliches Städtchen tret’ ich ein,
In den Straßen liegt roter Abendschein.
Aus einem offnen Fenster eben,
über den reichsten Blumenflor
Hinweg, hört man Goldglockentöne schweben,
Und eine Stimme scheint ein Nachtigallenchor,
Dass die Blüten beben,
Dass die Lüfte leben,
Dass in höherem Rot die Rosen leuchten vor.

Lang’ hielt ich staunend, lustbeklommen.
Wie ich hinaus vors Tor gekommen,
Ich weiß es wahrlich selber nicht.
Ach hier, wie liegt die Welt so licht!
Der Himmel wogt in purpurnem Gewühle,
Rückwärts die Stadt in goldnem Rauch;
Wie rauscht der Erlenbach, wie rauscht im Grund die Mühle!
Ich bin wie trunken, irregeführt –
O Muse, du hast mein Herz berührt
Mit einem Liebeshauch!

Eduard Mörike

[Rezension] Roberto Camurri – Der Name seiner Mutter

Wenige Monate nach seiner Geburt verschwindet Pietros Mutter aus dem Leben von ihm und seinem Vater Ettore – ohne Abschied, ohne Grund, plötzlich und ohne Vorwarnung. Seitdem wird geschwiegen, ihr Name nicht ausgesprochen. Selbst Ester und Livio, die Eltern seiner Mutter, sprechen nicht über ihre Tochter. Weder bei ihnen noch bei Ettore finden sich Fotos, Briefe oder sonstige Beweise, dass sie wirklich gelebt hat, vielleicht immer noch lebt, irgendwo. So wächst Pietro voller Unsicherheiten auf, fühlt sich unvollkommen, beinah leer und ist sich nie seiner Gefühle ganz sicher. Ettore versucht ihm ein guter Vater zu sein und ist doch immer nur die Hälfte eines Ganzen. Erst als Pietro selbst Vater wird, muss er erkennen, dass seine Mutter ganz nah bei ihm ist, auch immer ganz nah bei ihm war und erfährt endlich ihren Namen.

Wie ein heißer Sommertag rollte die Handlung über mich hinweg. Geradezu körperlich spürte ich die Schwere der unausgesprochenen Worte zwischen den Protagonist*innen und litt beinah gemeinsam mit Pietro, der zu verstehen versuchte. Hier verschwindet eine Frau aus der Mitte ihrer Familie, aus der Mitte ihres sozialen Umfelds und hinterlässt scheinbar kein Lebenszeichen, keine Spuren.

Ihr Sohn wächst mit dem Gefühl der Unvollkommenheit auf: Es fehlt ein wichtiger Mensch in seinem Leben, dessen „Nichtvorhandensein“ einen immensen Einfluss auf seine Entwicklung nimmt. Diese Lücke kann nur schwerlich geschlossen werden. Vielmehr klafft sie wie eine Wunde, heilt nur oberflächlich und wird bei der kleinsten Erschütterung des Lebens wieder aufgerissen. Pietros Fragen bleiben unausgesprochen und somit unbeantwortet, dafür keimen Gefühle von Schuld bei ihm auf: „Ist sie gegangen, weil es mich gibt?“

Autor Roberto Camurri konfrontiert uns in seiner Geschichte mit einer Melancholie, die nicht leicht dahinfließt sondern satt und schwer daherkommt. Er schafft eine fiebrige Spannung, da er seine Leserschaft an der inneren Zerrissenheit der Figuren teilhaben lässt. Seine Figuren sind ambivalent, sowohl Täter als auch Opfer, sowohl schuldig als auch unschuldig, sind menschlich und machen somit Fehler. Er lässt sie kaum in der direkten Rede sprechen und gönnt uns so einen wohltuenden Abstand, der bei aller Dramatik ein befreiendes Aufatmen möglich macht. Dabei schenkt er uns mit seiner wohl durchdacht eingesetzten Sprache Bilder voller Atmosphäre.

Dieser Roman wirkte auf mich wie ein schwüler Sommerabend: heiß, stickig, kaum erträglich – bis am Schluss ein Gewitter für die erleichternde Frische sorgt, und ein zartes Happy End am Horizont zu erahnen ist.


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-3956144325

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #112: Wie geht ihr mit Rezensionsanfragen um, die uninteressant sind? Sagt ihr immer die Wahrheit und gebt zu, dass ihr kein Interesse habt?

Ja, ich bin da diplomatisch-höflich-respektvoll ehrlich!

Rezensionsanfragen erhalte ich hauptsächlich von Verlagen und Presseagenturen oder hin und wieder auch direkt von Autor*innen. Bei letzteren handelte es sich bisher hauptsächlich um Self-Publisher, die meinen Blog über den grünen Klee lobten und der Meinung waren, dass ihr Werk und mein Blog ganz wunderbar zusammenpassen würden. Schließlich hätten sie einen „young-adult-dark-fantasy-gothic-crime-thriller“ verfasst, mit dem sie „das Genre neu erfinden“ würden (Schon merkwürdig, dass da kein Verlag zugreift…!). Spätestens zu diesem Zeitpunkt „bin ich raus“ und fühle mich etwas verschaukelt: Anscheinend hat der/die/das Schreiberling meinen Blog nicht mit einem Blick gewürdigt, sonst wäre ihm aufgefallen, dass sein so genanntes bahnbrechendes Werk absolut nicht in mein Lese-Portfolio passt. Ich kann es mir dann nicht verkneifen und weise mit beinah boshaftem Vergnügen eben genau auf diesen Umstand freundlich hin.

Ob Verlage oder Presseagenturen eine Antwort auf ihre Anfrage erhalten, ist davon abhängig, ob ich direkt angesprochen werde oder die Anfrage im Rahmen eines Newsletters erfolgt. Bei einem Newsletter erspare ich mir die Mühe, eine Absage zu formulieren. Bei einer direkten Ansprache hatte ich häufig schon im Vorfeld einen regen Austausch mit dem Absender: Man „kennt“ sich halt! Darum entspricht der vorgestellte Roman (leider!) ebenso häufig durchaus meinem Interessen-Gebiet, und so kann es passieren, dass es mich in einen ebensolchen Konflikt stürzt. Allzu gerne würde ich mich mit diesem Roman beschäftigen, aber…! In diesem Fall ist eine Absage meinerseits durch einen Mangel an Zeit und weniger aufgrund mangelndem Interesse begründet. Da ich niemand bin, der Rezensionsexemplare hortet und somit seinen SuB unnötig aufbläht, muss ich mit ehrlichem Bedauern ablehnen.

…und wie lautet Eure Strategie? Offene Worte oder diplomatisches Abwimmeln??? 


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

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INTERNATIONALER TAG der MUTTERSPRACHE…

„Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen.“ Johann Wolfgang von Goethe

Meine Muttersprache ist Deutsch: Ich spreche in Deutsch. Ich denke in Deutsch. Ich fühle in Deutsch.
Die Muttersprache von Murat ist auch Deutsch: Er spricht in Deutsch. Er denkt in Deutsch. Er fühlt in Deutsch.
Die Muttersprachen von Carmela sind Italienisch und Deutsch: Sie spricht in Italienisch und Deutsch. Sie denkt und fühlt mehr in Deutsch. Doch schimpfen kann sie am besten auf Italienisch.
Die Muttersprache von Semira ist Syrisch: Sie spricht in Syrisch. Sie denkt in Syrisch. Sie fühlt in Syrisch. Seit sie bei uns lebt, lernt sie die unbekannte Muttersprache, damit diese hier in der neuen Heimat auch ein Stück zu ihrer Muttersprache werden kann.

Sprache verbindet, und Sprache trennt. Sprache dient der Verständigung, und Sprache kann distanzieren. Sprache ist wunderschön, und Sprache ist brutal und verletzend. Es liegt an jeder und jedem einzelnen von uns, wieviel Macht wir der Sprache geben. Oder vielmehr: Welche Macht wir ihr zugestehen. Geben wir ihr die Macht, andere Menschen zu erniedrigen und zu diffamieren. Oder geben wir ihr die Macht, Verständnis füreinander zu wecken und Friede zu stiften.

Die deutsche Sprache ist poetisch, sinnlich und kraftvoll. Unsere Dichter und Denker haben Weltliteratur erschaffen und bewiesen, dass unsere Muttersprache an Vielfalt schier unerschöpflich scheint. Die deutsche Sprache kann aber ebenso hart und erdrückend sein. Aber sie hat die Macht, dass wir mit ihr genau die passenden Worte finden, um auf Menschen zuzugehen, sie kennenzulernen und mit ihnen Freundschaft zu schließen.

Es liegt an uns. Wir haben die Wahl!

[Rezension] Agatha Christie – Lauter reizende alte Damen: Ein Fall für Tommy und Tuppence

„Entschuldigen Sie, aber war es Ihr armes Kind?“ raunte die freundliche Mrs Lancaster Tuppence Beresford leise zu, die im Salon des Seniorenheims „Haus Sonnenhügel“ auf die Rückkehr ihres Mannes Tommy wartet, der dort seine Tante Ada besucht. Mrs Lancasters Bericht von einem toten Kind hinter dem Kamin hört sich sehr fantastisch an, zudem sie auch schon ein wenig tüttelig zu sein scheint. Doch einige Wochen später ist Tante Ada tot und Mrs Lancaster wie vom Erdboden verschwunden. Im Nachlass von Tante Ada finden die beiden ein Bild, das Mrs Lancaster ihr geschenkt hatte, und Tuppence ist sich sicher, dass sie das dort abgebildete Haus schon einmal gesehen hat…!

Mit „Partners in Crime“ gönnte sich Agatha Christie ein Protagonistenpaar, das gemeinsam mit ihrer Schöpferin altern durfte (einen Luxus, den Christie sich mit Miss Marple und Hercule Poirot selbst verwehrte). So spielen die wenigen Kriminalromane um Tommy und Tuppence auch im jeweiligen Entstehungsjahr (1922: Ein gefährlicher Gegner, 1941: N oder M?, 1968: Lauter reizende alte Damen und 1973: Alter schützt vor Scharfsinn nicht), und so lernte ich die Beiden als junge Erwachsene kennen, begleitete sie als s.g. „Best Ager“ und begrüße sie nun wieder als älteres Ehepaar…!

Anfangs war ich etwas enttäuscht: Allzu betulich plätscherte die Handlung beinah belanglos dahin, und die Dialoge wirkten auf mich ein wenig hölzern. Dabei war mir nicht klar, ob dieser Umstand der Qualität der Übersetzung geschuldet war, oder ob Christie diesen Kniff sehr bewusst und somit voller Absicht anwandte, um die unaufgeregte Routine (die durchaus einen Hang zur Monotonie annehmen kann) innerhalb einer langjährigen Beziehung zweier Menschen zu beschreiben. Genau ab Seite 50 trat die Veränderung ein: Die Dialoge wurden lebendiger, und die Handlung nahm an Fahrt auf. Zudem wirkte der Umstand, dass Christie ihre Held*innen altern lässt, und diese mit den entsprechenden Veränderungen in ihrem Leben konfrontiert werden, nur allzu menschlich und somit äußerst sympathisch auf mich.

Auch in diesem Krimi wagte sich Christie wieder an ein heikles Thema (Kindstötung) und verarbeitete dieses sehr geschmackvoll-zurückhaltend ohne Effekthascherei. Dabei zeigte sie auch hier wieder ihre Kunst, eine Vielzahl an potentiellen Täter*innen zu etablieren und eine Fülle an falschen Spuren zu legen, um so ihre Leserschaft auf unterhaltsame Weise in die Irre zu führen. Trotzdem wirkte die Handlung auf mich etwas wirrer und weniger durchdacht, als ich es sonst von Christie-Krimis gewohnt war.

Doch hier leide ich mal wieder auf sehr hohem Niveau: Verständlicherweise konnte eine so produktive Autorin wie Agatha Christie, die über Jahrzehnte schriftstellerisch aktiv war, nicht ständig auf einem gleichbleibend hohen Niveau schreiben. Doch selbst ihre „schwächeren“ Werke verfügen über die Qualität, kurzweilige Lesestunden zu garantieren.


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455010817

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Peer Gahmert & Philipp Feldhusen – TATORT MÄRCHEN. Wie die Bremer Stadtmusikanten seit mehr als 200 Jahren den Rechtsstaat verhöhnen

„Etwas Besseres, als den Tod findest du überall…!“

Mit diesem Satz betteln vier zwielichtige Wesen schon seit Jahren bzw. Jahrzehnten – Ach, was sage ich! – seit Jahrhunderten um das Mitleid unschuldiger Leser*innen. Und dieser Satz ist es auch, der das Bild der berühmten Bremer Stadtmusikanten prägte und ihnen den Anschein von harmlosen und hilfsbedürftigen Kreaturen gab. Doch das ist nun vorbei, denn ihr falsches Spiel wurde endlich aufgedeckt.

Der unermüdlichen und aufopferungsvollen Recherche von Peer Gahmert und Philipp Feldhusen ist es zu verdanken, dass dieser Mythos zu guter Letzt entmystifiziert wurde. Denn so unschuldig, wie sich diese vier Tiere immer gaben, waren sie bei weiten nicht. Unter Vorspiegelung falscher Tatsachen und geschickter Täuschung ihres Umfeldes haben sie sich an dem Hab und Gut anderer bereichert. Ihre kriminelle Energie beweisen sie schon mit der Wahl ihres Namens: Sie nennen sich vollmundig „Bremer“ Stadtmusikanten, haben aber nachweislich Bremen nie erreicht. Vielmehr haben sie weit vor den Toren der Hansestadt in einem unübersichtlichen Wald die Besitzer einer Hüte aus eben dieser verjagt, sie aufgrund ihrer äußeren Erscheinung als Räuber tituliert und somit auf das Schmählichste verunglimpft. Diese armen, alten Männer wurden somit ihrer Existenz beraubt und sind wahrscheinlich in den unwirtlichen Tiefen der Wälder gar kläglich zu Grunde gegangen.

Gahmert und Feldhusen haben die scheinbar unüberwindbare Bürde auf sich genommen, am Sockel der Identifikationsfiguren einer gesamten Stadt zu rütteln. Hierzu führten sie gefährliche Feldstudien durch, indem sie im privaten Umfeld die eigenen Kinder und Eltern um ihre Wahrnehmung zu diesem Märchen baten. Fachlich untermauerten sie ihre These, indem sie eine Vielzahl an Interviewpartner aus unterschiedlichen beruflichen Kontexten zu Wort kommen ließen. Aus sehr mannigfaltigen Perspektiven wurde so das Phänomen „Bremer Stadtmusikanten“ beleuchtet: So wurden – neben einer Literaturwissenschaftlerin, einem Rechtshistoriker und einem Anwalt – u.a. auch die Polizei und der ehemalige Bürgermeister der Hansestadt um ein Statement gegeben. Selbst wenn die Meinung der Interviewpartner von der These der Autoren abwich bzw. diese scheinbar widerlegt wurde, ließen sie sich durch schnöde Fakten nicht von ihrem Glauben abbringen.

Als krönenden Abschluss offerieren sie ihrer nach Wahrheit lechzenden Leserschaft eine redigierte Fassung des Märchens, die – meiner Meinung nach – unverzüglich in jede Grimm’sche Märchensammlung integriert werden sollte. Diese Maßnahme scheint mir längst überfällig, da die Ur-Fassung nunmehr seit über 200 Jahren irreparable Schäden in abertausenden Kinderseelen hinterlassen hat. Ja, auch in meiner…! Auch meine Seele wurde zutiefst verletzt, und sie ist es noch immer. Ihr seht es mir vielleicht nicht an, aber in mir schlummert ein sensibler Schöngeist, der gefangen ist im Körper eines übergewichtigen Fernfahrers.

Intuitiv habe ich immer gespürt, dass mit diesem Märchen etwas nicht stimmte. Nun habe ich Gewissheit, und meine Wunden können endlich heilen. So danke ich diesen beiden mutigen Autoren aus übervollem Herzen, die mir den Glauben an den echten, reinen und wahren investigativen Journalismus wiedergegeben haben.

Peer! Philipp! Wenn es in unserem Land einen Pulitzer-Preis gäbe, ihr hättet ihn verdient!

Lust auf weitere Informationen? Dann empfehle ich Euch den Artikel Tatort Märchen: Das wahre Gesicht der Bremer Stadtmusikanten.


erschienen bei Seriöser Verlag/ ISBN: 978-3982246901

[Rezension] »Mir träumte, du bliebest mir gut« – Die schönsten Liebesgedichte/ herausgegeben von Matthias Reiner/ mit Illustrationen von Isabel Pin

Ach ja, die Liebe…!

Was musste sie nicht schon alles aushalten? Wofür musste sie nicht schon alles herhalten? Freundschaften gingen zu Bruch, und Feindschaften entstanden. Kriege wurden wegen ihr entfacht und wieder beendet. Gefühls-Tsunamis tobten in so mancher Seele, und der Boden bebte unter so manchen Füßen beim Anblick des geliebten Menschen. Kapitelweise wurde sie in Büchern beschrieben, und Verse über Verse füllen unzählige Seiten.

Ach ja, die Liebe…!

Die ansprechende Insel-Bücherei ist immer ein Blick wert und verführt mit anspruchsvollen Inhalten in Kombination mit einer exquisiten Optik. Ich habe mir vorgenommen, dass so nach und nach alle Bücher dieser Reihe in mein Bücherregal einziehen dürfen. So beschenke ich mich zum heutigen Valentinstag selbst mit diesem wunderbaren Büchlein voller Liebesgedichte. Herausgeber Matthias Reiner schlägt mit dieser Auswahl einen spannenden Bogen zwischen klassischen und zeitgenössischen Lyriker*innen.

Da wird Edurard Mörikes Herz Auf einer Wanderung durch einen Liebeshauch berührt, Wislawa Szymborska trauert auf dem Bahnhof einer vertanen Chance hinterher, und für Robert Gernhardt ist ein Gelungener Abend mit einem „besonderen“ Schluck verbunden.

Emily Dickinson sehnt sich Wilde Nächte herbei, während Joachim Ringelnatz eine männliche Briefmarke gezwungenermaßen auf Reisen schickt. Ulla Hahn wollte Nie mehr dieses Gefühl des sehnsuchtsvollen Wartens erleben, und Mascha Kaléko schreibt sich Weil du nicht da bist die Einsamkeit von der Seele.

Oswald von Wolkenstein reimt und rüttelt, „verst“ und schüttelt sich seitenweise voller überschäumender Sehnsucht die Liebste herbei. Christian Morgenstern huldigt in Die zwei Wurzeln der alten Liebe, die zwar nicht mehr so stürmisch dafür umso beständiger ist.

Isabel Pin unterstreicht die Vielfalt der Gedichte mit ihren federleichten Illustrationen, die wie „hingeworfen auf Papier“ wirken.

Ach ja, die Liebe…!

In diesem kleinen, feinen Büchlein wird sie in der schönsten und poetischsten Weise gehuldigt.

❣️Ich wünsche Euch von Herzen einen wunderbaren Valentinstag!❣️


erschienen bei Insel-Bücherei/ ISBN: 978-3458205258

[Rezension] Melanie Raabe – KREATIVITÄT. Wie sie uns mutiger, glücklicher und stärker macht

„Hach, ihr schwulen Männer, ihr könnt ja so gut zuhören, seid so emphatisch und so unglaublich kreativ…!“ Ich bin mir sicher, dass ich nicht der einzige schwule Mann bin, der im Laufe seines Lebens eine dem ersten Anschein nach wohlmeinende Lobeshymne über sich ergehen lassen musste. Dabei fühlte ich mich bei diesen Worten nie geschmeichelt, vielmehr wurde tief in die Klischee-Kiste gegriffen, und es versteckt sich hinter diesen Worten eher eine verkappte Diskriminierung. Denn ich konnte nie begreifen, warum mich meine sexuelle Orientierung für die oben genannten Attribute per se prädestinieren sollte. Ja, es gibt durchaus Bereiche in meinem Leben, in denen ich unglaublich kreativ bin. Aber Kreativität ist ja nicht unbedingt angeboren – im Sinne von: entweder ein Mensch besitzt sie oder eben nicht. Kreativität ist für mich eher etwas, dass gehegt, gepflegt und sich dadurch entwickeln kann. Häufig blockiere ich mich selbst, indem ich mir vorgaukle, ich bräuchte für die Kreativität mehr Zeit, Raum, Geld, Luft, Liebe etc. Doch allzu oft benötigt die Kreativität nur einen kleinen Impuls, um ans Tageslicht zu gelangen.

Melanie Raabe ist eine dieser Menschen, die so unglaublich kreativ sind – und dabei ist sie gar nicht schwul! Doch auch sie wird – wie wir alle – von Günther, dem inneren Schweinehund, ausgebremst, der ihr warnend die evtl. möglichen Konsequenzen ihres Tuns ins Ohr flüstert und uns somit durch unsere Ängste manipuliert. Melanie Raabe legt uns mit ihrem ersten Sachbuch ein Mutmachendes Plädoyer in die Hände, das uns befähigt, Günther vielleicht nicht gänzlich verstummen zu lassen, aber wenigstens dröhnt seine Stimme nicht mehr ganz so laut in unseren Ohren.

Wenn wir alle Tipps der 7 Kapitel befolgen, werden wir die „vollkommende Kreativität“ erlangen…! Nein, natürlich nicht: Melanie Raabe verspricht nichts Unmögliches. Vielmehr lässt sie uns an ihrem eigenen kreativen Prozessen teilhaben, plaudert sozusagen aus dem Nähkästchen der eigenen Schaffensperioden, die durchaus auch Stagnation erleben und würzt ihre Thesen mit entsprechenden Zitaten bzw. Hinweise auf Personen und Bücher, die sie inspiriert haben (die jeweiligen Quellen sind im Anhang des Buches zu finden). Dabei geht sie in ihrem Aufbau des Buches sehr organisch vor: Nachdem sie versucht, eine Definition für „Kreativität“ zu finden, ermutigt sie uns, die eigene Kreativität wachzurütteln. Ist diese Kreativität erst in uns erwacht, braucht sie Dünger, um weiter blühen zu können. Doch so wie wir wissen, was uns kreativ werden lässt, ist es ebenso wichtig zu wissen, was uns hemmen kann. Aber auch beruflich kann kreatives Arbeiten genutzt werden. Häufig wird Kreativität in Zusammenhang mit einem künstlerischen Ausdruck gesehen: Im letzten Kapitel offenbart uns die Autorin, dass Kreativität unser Leben auch im schnöden Alltag bereichert.

In ihren Texten spricht die Autorin ihre Leserschaft (m/w/d) sehr neutral doch durchaus persönlich an und macht damit deutlich, dass dies ein Buch für alle Menschen unabhängig ihrer Geschlechtsidentität ist. Darum verwunderte mich die grafische Gestaltung dieses Buches, und ich kann nur vermuten, dass dies einem Kompromiss der Autorin mit dem Verlag geschuldet ist: Weiblich anmutende Figuren tummeln sich verspielt über die Seiten und frönen vornehmlich Hobbies wie Malen, Backen oder Stricken. Die Optik wirkt auf mich eher bieder. Da hätte ich mir – neben dem Mut zur Kreativität 😉 – ein wenig mehr an Diversität gewünscht!

Dem Spaß an der Lektüre tut dies kein Abbruch: Melanie Raabe ist ein unterhaltsames Sachbuch gelungen, das – im launigen Plauderton einer Freundin gehalten – nicht überfordert sondern durchaus auf mich inspirierend wirkte.

Und so favorisiere ich besonders ihre Taktik der „kleinen Schritte“, die ich mit einem Zitat aus dem Buch veranschaulichen möchte:

Wenn ich nach Lesungen aus meinen Romanen am Signiertisch sitze, komme ich häufig mit Leuten ins Gespräch, die auch gerne einmal ein Buch schreiben würden. Ich sage dann immer dasselbe: „Bitte tun Sie es doch einfach! Wenn Sie es nicht wenigstens versuchen, bereuen Sie es vielleicht irgendwann!“ Häufig antwortet man mir dann, dass die nötige Zeit einfach nicht da sei. Ich rate dann immer, ganz kleine Schritte zu machen. Sich jeden Tag eine Stunde zu nehmen. Und wenn das nicht geht, eine halbe. Ich feilsche. „Fünfzehn Minuten! Zehn! Fünf?“ Oft höre ich dann eine Variation dieser Antwort: „Nur fünf Minuten am Tag? Wissen Sie, wie alt ich sein werde, wenn ich dann mit meinem Buch fertig bin?“ Ja, das weiß ich. Genauso alt, wie Sie sein werden, wenn Sie es nicht tun.

Ich versuche mich an meiner ganz eigenen und persönlichen Kreativität, denn ich möchte später nichts bereuen!

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meiner Blogger-Kollegin Kim von „Populär Kollektiv“. 


erschienen bei btb/ ISBN: 978-3442758920

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!