MONTAGSFRAGE #66: Können Autoren in mehreren Genres brillieren?

Als ich die heutige Montagsfrage von Antonia las, hatte ich sofort einen Namen im Kopf und kann somit diese Frage kurz & knackig mit einem überzeugtem „JA!“ beantworten.

Der große, einzigartige und von mir hochverehrte Erich Kästner war ein „Hans Dampf in allen Gassen“: ob Prosa oder Lyrik, ob Kabarett oder Drehbuch, ob humorvoll oder sozialkritisch, ob für die Kleinen oder für die Großen – Kästner kann’s! (vielmehr: Er konnte es!). Dabei traf er immer den richtigen Ton, blieb aber – auch in den Kinderbüchern – seiner literarischen Linie treu und verriet nie seine Überzeugung. So war er Humorist ebenso wie Mahner von Missständen, Unterhalter ebenso wie Kritiker an der Gesellschaft. Schon vor einiger Zeit habe ich Euch hier auf meinem Blog sein Werk vorgestellt, dass ich jeder/m wärmstens ans Herz legen möchte. So verwundert es nicht, dass eines seiner Werke zur illustren Runde der Bücher meines Lebens zählt,…

…und während ich diese Zeilen schreibe, fällt mir noch ein weiterer Name ein: Finn Ole Heinrich zählt zur neuen, wilden Schriftsteller-Generation, der mit einer schlafwandlerischen Selbstsicherheit zwischen Kinder- und Erwachsenen-Literatur pendelt, mit seinen Stücken auch die Bühnen der Republik erobert, und von dem wir sicherlich noch einiges erwarten dürfen.

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“ Erich Kästner

…und mit den weisen Worten des großen Meisters möchte ich Euch in eine möglichst angenehme Woche entlassen.

…???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Rezension] Thomas Bleitner – Frauen der 1920er Jahre: Glamour, Stil und Avantgarde

Sie waren frech, mutig und glamourös! Sie waren talentiert, risikofreudig und emanzipiert!

Die Schrecken des ersten Weltkrieges rückten langsam in den Hintergrund. Der Muff und die Engstirnigkeit des Biedermeiers waren abgeschüttelt, und wagemutige Frauen machten sich auf den Weg, zuerst die Gesellschaft und dann die ganze Welt für sich zu erkunden. Grenzen schienen für sie nicht existent…!

Thomas Bleitner versammelt in seinem opulenten Bildband unterhaltsame Kurz-Porträts einiger der wegbereitenden Frauen aus Literatur und Kunst, Society und Mode, Fotografie und Film, Cabaret und Tanz sowie Abenteuer und Sport. So geben sich hier so bekannte Persönlichkeiten wie Zelda Fitzgerald, Dorothy Parker, Coco Chanel und Josephine Baker (um nur einige wenige der insgesamt 18 Porträtierten zu erwähnen) ein Stell-Dich-Ein. Die Essays über das Leben der Damen sind allesamt eine äußerst vergnügliche wie informative Lektüre. Dabei kann in der Kürze natürlich weniger ein vollständiger Lebenslauf erwartet werden, als vielmehr, einen Einblick in die jeweilige Persönlichkeit zu erhaschen. Bleitner geht es vielmehr darum, den Zauber der Zeit dem Leser spürbar zu machen, den Charakter der Porträtierten zu vermitteln, um darüber vielleicht dem Phänomen dieser Frauen näher zu kommen. Schließlich war es ihnen in einer von Männern dominierten Gesellschaft gelungen, emanzipiert ihren Platz einzufordern. Somit fungierten sie für viele ihrer Geschlechtsgenossinnen als Vorbild zu ihrer Zeit – und darüber hinaus!

Besonders die historischen Fotografien und Zeichnungen übten einen besonderen Reiz auf mich aus und verströmen eine Menge Flair der Epoche. Wirken sie einerseits künstlich und inszeniert, spiegeln sie gleichzeitig das neugewonnene Selbstbewusstsein der Frauen wieder. „Frau“ will auffallen. „Frau“ will provozieren. Dazu verführte auch die neue Freiheit in der Mode: Die Röcke wurden kurzer, die Hüte kecker und die Linien strenger aber edel.

Komplementiert wird dieser wunderbare Bildband durch die Einleitung Glamour, Stil und Avantgarde. Jede/r, die/der mehr über diese Ikonen erfahren möchte, erhält im Anhang eine üppige Liste mit verwendeter und weiterführender Literatur,…

…und wieder einmal halte ich ein prachtvolles „Coffee Table Book“, das für die dezente Aufbewahrung in einem schnöden Bücherregal viel zu schade ist, in den Händen.

Ich habe definitiv zu wenige Tische im Haus! 😉


erschienen bei Elisabeth Sandmann/ ISBN: 978-3945543719

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #65: Was sind deine Lesevorsätze für 2020?

Immer diese Vorsätze…! Wie vermiese ich mir einen entspannten Jahresbeginn? Ganz einfach: Ich definieren für mich „Vorsätze“, und – Schwupp! – ist es mit der Entspannung dahin.

Ich bleibe meinem etablierten Mantra „Locker bleiben!“ treu. Es ist nicht nur bzgl. meines Lese-Verhaltens nützlich sondern auch sehr universell einsetzbar. Und da bin ich auch schon bei meiner größten Herausforderung angekommen: „Locker bleiben!“ kommt mir zwar locker-luftig-leicht über die Lippen, die Umsetzung gestaltet sich für mich aber umso schwieriger. Da ich mir zu allem und jeden meine Gedanken mache (Sollte ich nicht…! Könnte ich nicht…! Hätte ich nicht…!), ist es mit der Entspannung nicht weit her. Gerne setze ich mich selbst unter Druck, erwarte zu viel von mir und bin darum kolossal unentspannt.

Dieser Zustand gilt auch für mein Lese-Verhalten, aber ich arbeite und lerne (hoffentlich)…!

Dieses „Locker bleiben!“ hat zumindest dazu geführt, dass ich aus meiner vorab getroffenen üppigen Auswahl an kommende Neuerscheinungen eine überschaubare Anzahl zusammengestrichen habe. Höchstens zwei Neuerscheinungen werden pro Monat von mir rezensiert. Ansonsten greife ich auf meinen umfassenden Stapel ungelesener Bücher zurück. Diese wunderbaren Bücher haben es mehr als verdient, endlich Aufmerksamkeit zu erhalten und gelesen zu werden.

Uuups! – Das klingt ja ganz nach einem Vorsatz für das Neue Jahr! Ich Schelm, wie konnte mir das nur passieren! 😉

…und wie gestaltet sich Euer Lese-Verhalten für 2020? „Vorsätzlich“ oder „zufällig“…?


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

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[Rezension] George Saunders – Fuchs 8

Fuchs 8 schreibt einen Brief, vielmehr ist es ein Appell an uns Menschen. Fuchs 8 hat seine eigenen, besonderen Erfahrungen mit uns Menschen gemacht: Unsere Sprache findet er so wunderschön, dass er sie sich „per Hören“ aneignet. So ist sein Brief auch in „Menschisch“ geschrieben, bzw. in das, was der Fuchs für die menschliche Sprache hält. Da er die Sprache nur durch Zuhören gelernt hat, fehlen ihm natürlich alle Regeln der Rechtschreibung, und auch von Interpunktion hat er noch nie etwas gehört. Dafür ist seine Nachricht mehr als deutlich: Er musste miterleben, wie Menschen seinen natürlichen Lebensraum einnahmen und veränderten und darum seine Sippe (ver-)hungern musste. Er musste miterleben, wie sein Freund Fuchs 7 von Menschen getötet und mit seinem toten Körper würde- und respektlos umgegangen wurde. Fuchs 8 flüchtet aus seiner Heimat, aus seinem Revier und findet traumatisiert ein neues Zuhause mit einer neuen Familie. Doch die Erinnerungen an das Erlebte lassen ihn nicht los, und so schreibt er diesen Brief an uns Menschen mit seinem Appell zum Umdenken…!

Ich muss es leider gestehen: Diese Geschichte hat mich sehr wenig berührt!

Fand ich anfangs die individuelle Schreibweise und Formulierungen des Fuchses noch sehr originell, so störte mich dies im Laufe meiner weiteren Lektüre, bremste meinen Lesefluss und schuf so eine Distanz zwischen mir und dem Gelesenen. Zwangsläufig fühlte ich mich an den Fuchs aus „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry erinnert. Doch wo dort die Poesie aufblüht und sich zart in mein Herz gestohlen hat, ist hier bedauerlicherweise – für mich – wenig Atmosphäre spürbar. Auch die Illustrationen von Chelsea Cardinal konnten da wenig beitragen. Vielmehr ließen sie mich in ihrer reduzierten Ästhetik eher an die TV-Werbung eines Energie-Drinks denken.

Natürlich verstehe ich die Intension des Autors hinter dieser Fabel und finde diese gut, richtig und wichtig. Vielleicht war – nach der Lektüre einiger positiver Rezensionen – meine Erwartungshaltung auch schlicht und ergreifend zu groß.

Ich fühlte mich emotional zu wenig „eingefangen“. Schade…!!!

Lust auf weitere Meinungen? Dann empfehle ich Euch die Rezensionen meiner Blogger-Kolleg*innen Andrea Schuster von „Lesen… in vollen Zügen“ und Frank Wolf vom „reisswolfblog“.


erschienen bei Luchterhand/ ISBN: 978-3630876207

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Noch ein Gedicht…] Theodor Fontane – DER SCHWESTER ZU SILVESTER

Habe ein heitres, fröhliches Herz
Januar, Februar und März,
Sei immer mit dabei
In April und Mai,
Kreische vor Lust
In Juni, Juli und August,
Habe Verehrer, Freunde und Lober
In September und Oktober,
Und bleibe meine gute Schwester
Bis zum Dezember und nächsten Silvester.

Theodor Fontane

MONTAGSFRAGE #64: Was war dein Lesehighlight 2019?

Ein wenig könnte die heutige und somit letzte Montagsfrage in diesem Jahr als Fortsetzung der Montagsfrage #63 anmuten: Dort hatte ich schon hinreichend von literarischen Neuentdeckungen in meinem Lese-Leben berichtet, die durchaus ebenso zu meinen Lesehighlights gezählt werden können. Und doch gab es noch drei weitere Highlights innerhalb des letzten Jahres für mich, die zum Teil sehr bewusst von mir ausgewählt wurden aber mich manchmal auch sehr überraschend berührten.

Dieses Jahr war für mich geprägt durch einen intensiven Blick in meine Vergangenheit, und doch überraschten mich meine Empfindungen während der Lektüre von Mein Vater, die Dinge und der Tod. Rainer Moritz schildert darin seinen sehr persönlichen Abschied von seinem Vater. Auch in meiner Erinnerungskommode begann es zu rappeln, und ich gedachte mit Wehmut und Dankbarkeit an meinem vor über 37 Jahren verstorbenen Großvater.

Positive Vorbilder spielen in der Entwicklung bei Kindern eine immens wichtige Rolle und können prägend für die Zukunft sein. So war meine Wahl der „Lektüre zum Fest“ am Ende des Jahres in diesem Zusammenhang zwar kein bewusst gewählter aber durchaus ein nachvollziehbarer Schritt. Bei Weihnachten mit Astrid Lindgren warf ich ausdrücklich einen gewollten Blick Richtung Kindheit, sagte Lindgrens entzückenden Heldinnen und Helden guten Tag und wärmte mich an der Herzlichkeit der Geschichten.

Georges Simenons Weihnachten in Paris passte einerseits zu meinem Konzept „Lektüre zum Fest“, andererseits bin ich seit einiger Zeit dabei, diesen Autor mehr für mich zu entdecken. Doch ich hätte nie geahnt, dass sich hinter der Erzählung „Sieben Kreuzchen in einem Notizbuch“ ein kleines, literarisches Schätzchen verbirgt. Diese Geschichte begeisterte nicht nur den Krimi-Leser in mir, auch der Theaterfreund wurde angesprochen: Bei der Lektüre sah ich die Szenerie wie bei einem Schauspiel deutlich vor meinem inneren Auge und lies die handelnden Personen einem Regisseur gleich auf meiner imaginären Bühne agieren. Großartig…!

Dies war nun meine Antwort zur letzten Montagsfrage im Jahr 2019, und gleichzeitig ist es eine wunderbare Gelegenheit, mich zu bedanken: Zum einen möchte ich herzlich Antonia Leise von „Lauter & Leiser“ für ihre originellen Fragen danken, zum anderen schicke ich Euch – meinen Leserinnen & Lesern – ein dickes Dankeschön, dass Ihr mich durch dieses Jahr begleitet habt,…

…und ich wünsche uns allen einen guten Rutsch ins Neue Jahr 2020!!!

Happy New Year!


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

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[Komödie] Jacobs & Netenjakob – EXTRAWURST / Stadttheater Bremerhaven

Komödie von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob

Premiere: 20. Dezember 2019 / besuchte Vorstellung: 28. Dezember 2019

Stadttheater Bremerhaven / Kleines Haus


Inszenierung & Bühne: Andreas Rehschuh

Kostüme: Juliane Götz


Eine Vereinsversammlung in der Provinz. Dr. Heribert Bräsemann (Kay Krause), Präsident des Tennisclubs TC Lengenheide, ist gerade mit 100 Prozent der Stimmen wiedergewählt worden. Als letzter Punkt der Tagesordnung muss noch über den Kauf eines neuen Grills für das alljährliche Sommerfest entschieden werden, und dann geht der gemütliche Teil des Abends mit Bier und kaltem Nudelsalat los. Aber da schlägt Melanie (Julia Lindhorst-Apfelthaler), Doppelpartnerin von Erol, vor, dass man doch einen zweiten Grill anschaffen sollte, weil Erol und seine Frau ihr Grillgut nicht zum Schweinefleisch der anderen Mitglieder auf den Grill legen dürfen. Erol (Henning Bäcker) will diese «Extrawurst» gar nicht, aber Melanie lässt nicht locker, zum Missfallen des stellvertretenden Vorsitzenden Matthias (Max Roenneberg). Und ihr Mann Torsten (Richard Lingscheidt) unterstützt ihr Anliegen zwar prinzipiell, beobachtet Melanies Fürsorge für Erol aber mit wachsender Eifersucht. Und mir nichts dir nichts ist der schönste Streit im Gange, es ist von «Türkenwurst» und «Schweinedampf» die Rede und Heriberts Vorschlag, seinen unbenutzten Elektro-Grill zu benutzen, lehnt Erol mit dem Argument ab, das fühle sich an wie «Türken-Charity».

Im vertrauten Setting einer Jahresversammlung gelingt den beiden Autoren das Kunststück, in einer pointierten Komödie die entscheidende Frage zu stellen: Gibt es auch am Grill eine deutsche Leitkultur? Die Zuschauer sind als Vereinsmitglieder Teil des Geschehens und erleben hautnah mit, wie sich eine Gesellschaft nachhaltig zerlegen kann, wenn Atheisten und Gläubige, Deutsche und Türken, «Gutmenschen» und Hardliner frontal aufeinanderprallen. (Text von Peter Hilton Fliegel für das Programmheft zu „Extrawurst“)

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Der Deutsche und seine Vereinskultur: Das Patriarchat agiert in der Verkleidung der Demokratie. Der Verein als Profilierungsbühne des kleinen Mannes.

Regisseur Andreas Rehschuh lässt im steril-sauberen, tennis-weißen Bühnenbild ein Abbild der Gesellschaft vor den Blicken der Zuschauer entstehen. Überspitzt comic-haft haben die Gegenstände markante schwarze Konturen, ebenso wie die Kostüme von Juliane Götz, die mit wenigen prägnanten Strichen, die Charaktere der Handlungspersonen beschreibt bzw. die Klischees, die sich dahinter verbergen (die strenge Bügelfalte vom spießigen Präsidenten, der betonte Hosenschlitz vom potenten Türken etc.). Geschickt verteilt Rehschuh die Schauspieler im Zuschauerraum: Ihr verbaler Schlagabtausch zwingt die Zuschauer – wie bei einem Tennisturnier der Blick dem Ball folgt – den Kopf nach links und rechts zu wenden, um die Reaktionen der Protagonisten zu beobachten.

„Links“ und „Rechts“: Wo steht wer? Unterdrückte Ressentiments spülen an die Oberfläche einer scheinbaren Toleranz. Gerne wäre jeder von uns ein Gutmensch, doch leider kämpfen wir alle mit unseren persönlichen Vorurteilen. Diese Komödie deckt bloß aber liefert nicht aus. Sie erlaubt ein befreiendes Auflachen aber sorgt auch dafür, dass das Lachen in der Kehle stecken bleibt.

Regisseur Andreas Rehschuh greift am Stadttheater Bremerhaven auf ein talentiertes Ensembles zurück, dass frei von übertriebenen Attitüden die Motivation der jeweiligen Person für das Publikum glaubwürdig sichtbar macht – ohne an Sympathie zu verlieren. Sie sind eben auch nur Menschen…!


Die EXTRAWURST wird noch bis April 2020 im Stadttheater Bremerhaven auf dem Rost liegen und auf komödiantische Abnehmer warten.

[Noch ein Gedicht…] Rainer Maria Rilke – ES GIBT SO WUNDERWEISSE NÄCHTE

Es gibt so wunderweiße Nächte,
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte
zu einem neuen Jesuskind.

Weit wie mit dichtem Diamantenstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut,
und in die Herzen, traumsgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.

Rainer Maria Rilke

[Noch ein Gedicht…] Joachim Ringelnatz – VOM SCHENKEN

Schenke groß oder klein,
aber immer gediegen.
Wenn die Bedachten die Gabe wiegen,
sei dein Gewissen rein.

Schenke herzlich und frei.
Schenke dabei,
was in dir wohnt
an Meinung, Geschmack und Humor,
so dass die eigene Freude zuvor
dich reichlich belohnt.

Schenke mit Geist ohne List.
Sei eingedenk,
dass dein Geschenk –
Du selber bist.

Joachim Ringelnatz

[Rezension] Georges Simenon – Weihnachten in Paris

„Vielleicht gibt es Paris überhaupt nicht,
und es ist nur eine Erfindung von Simenon.“
The New York Times

Beinah könnte ein Leser, der noch nie leibhaftig in Paris war, tatsächlich den Eindruck gewinnen, diese Stadt wäre der Phantasie eines genialen Kopfes entsprungen.

Simenons „Weihnachten in Paris“: Das ist weit entfernt von „Heile Welt“, romantischen Gassen und sonstigen Weihnachtskitsch. Zwei Erzählungen vereinen sich in diesem Band und unterhalten den Leser. Wobei die Unterhaltung nicht luftig-locker-leicht hereinschneit, sondern sehr dramatisch und brutal ehrlich auftritt. Und doch erzählen beide Geschichten jeweils von kleinen Wundern zur Weihnachtszeit.

Beginnen möchte ich gerne mit der zweiten, kleineren Erzählung: Bei „Das kleine Restaurant bei der Place des Ternes“ brauchte ich meine Zeit, um die Beweggründe der handelnden Personen zu begreifen. Weihnachten ist die Zeit, in der die meisten Selbstmorde in Paris passieren. Zwei Frauen, die sich vorher anscheinend nicht kannten, werden unfreiwillig Zeuge eines jenes Selbstmordes. Dieses Ereignis veranlasst die ältere der beiden Frauen, die seit einigen Jahren als Prostituierte ihren Lebensunterhalt verdingt, Einfluss auf den Verlauf des weiteren Abends zu nehmen, um der Jüngeren ein ähnliches Schicksal zu ersparen. Dabei erscheint Simenons Heldin alles andere als heldinnenhaft: Mit ihrem schnoddrig-ordinären Auftreten pfeift sie hemmungslos auf gängige Konventionen.

Simenon erzählt äußerst dicht und detailreich. In der Erzählung „Sieben Kreuzchen in einem Notizbuch“ schafft er eine beinah intime Atmosphäre, indem er die Handlung in nur einem Raum spielen lässt. In der Schaltzentrale der Polizei laufen alle Fäden zusammen. Auf einem Stadtplan blinken Lämpchen auf, wenn irgendwo in Paris an einer Notrufsäule Alarm geschlagen wird. Plötzlich blinken Lämpchen für Lämpchen auf, und die Inspektoren ahnen, dass hier wieder der Serienmörder zuschlägt, der schon seit Wochen die Polizei in Atem hält. Nun wird an der einen Notrufsäule das blutbeschmierte Taschentuch eines Kindes gefunden, und der Fall entwickelt sich in eine gänzlich neue und überraschende Richtung…!

Wäre ich schon ein Simenon-Experte, würde ich vollmundig behaupten, mit dieser Erzählung erlebt der Leser „Simenon at his best“. Ich bin kein Simenon-Experte, aber durchaus in der Lage, eine exzellente Geschichte zu erkennen: Hier ist eine solche…!!! Diese Geschichte habe ich, ohne eine einzige Pause, ohne ein einziges Mal das Buch abzusetzen, gelesen. Seite für Seite steigerte sich die (An-)Spannung bis zum erlösenden Schluss, bei dem mir vor Erleichterung Tränen über die Wangen rannen. Kammerspielartig hat der Autor die Geschichte aufgebaut. Nur durch die Dialoge des Handlungspersonals erfährt der Leser Einzelheiten, die sich außerhalb des Raumes abspielen.

Schonungslos erzählt Simenon vom Leben der kleinen Leute von Paris, von ihren Überlebenskämpfen und Niederlagen, von ihren kleinen Glücksmomenten, die ja so selten und somit umso flüchtiger sind. Grandiose Erzählkunst!


erschienen bei Kampa/ ISBN: 978-3311134305

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!