[Rezension] Kirsten Boie – DER WEIHNACHTSFRIEDEN/ mit Illustrationen von Claire Harrup

Es hat ihn wirklich gegeben, den Weihnachtsfrieden im Jahre 1914 an der Front in Flandern zwischen Deutschen und Briten, und er dauerte einige Tage, vereinzelnd sogar bis ins Neue Jahr. Die damalige Obrigkeit hat diese friedliche Kontaktaufnahme scheinbar verfeindeter Parteien nicht gerne gesehen und versuchte, sie zu verhindern: Ohne Erfolg! Die Menschlichkeit siegte!

Ist doch ganz still drüben, horcht mal! Für die ist auch Weihnachten heute! Was, wenn man sich am gnadenlosesten Ort der Welt befindet und es trotzdem Weihnachten wird? Friedrich und seine Kameraden sind noch Schüler, als sie eingezogen werden, um im Großen Krieg gegen die Engländer zu kämpfen. Jetzt sitzen sie in den verschlammten Schützengräben und denken wehmütig an die hellen Lichter zu Hause. Doch dann werden Weihnachtsbäume herbeigetragen, ein Geschenk des Kaisers an seine Soldaten, und obwohl sie leise sein sollen, singen sie gemeinsam ein Weihnachtslied. Ob die Engländer gleich das Feuer eröffnen werden? Nein, sie tun etwas ganz anderes. Auf bewegende Weise erzählt die große Kirsten Boie in diesem wunderschön illustrierten Buch von der verbindenden Kraft des Weihnachtsfests und von einer Sternstunde der Menschlichkeit mitten im Ersten Weltkrieg.

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Ich las und schluckte schwer, ich las weiter und die erste Träne ran langsam meine Wange hinab und verfing sich in meinem Bart. Ich las und las, und Träne um Träne suchte sich ihren Weg. Nach nur (!) 44 Seiten hatte ich die Lektüre beendet und schnaufte befreiend nach Luft. Still saß ich in meinem Sessel, über das Gelesene sinnierend, das kleine, schmale Büchlein weiterhin in der Hand haltend, um dann diese berührende Geschichte nochmals zu lesen. Es war eine Lektüre, die mich stark bewegte.

In leisen Tönen erzählt Kirsten Boie (die Deutsche) eine Geschichte voller emotionaler Tiefe. Dabei findet sie klare Worte, die nichts beschönigen aber auch nichts übertreiben, doch umso mehr verdeutlichen, wie sinnlos es ist, Kriege zu führen. Claire Harrup (die Britin) schuf ebenso atmosphärische Illustrationen mit einer schlichten Symbolik, die im trüben Szenario eines Kriegsschauplatzes einen Sonnenstrahl am Horizont erahnen lassen.

Momentan gibt es auf der Welt so viele Kriege, die unschuldige Opfer fordern. Wollten sie einen Krieg? Oh, nein! Denn:

Diejenigen, die einen Krieg wollen, sind nie diejenigen,
die in ihn ziehen und ihn erdulden müssen!

Aber jede*r von uns hat im eigenen überschaubaren Umfeld die Möglichkeit, diese Welt ein klein wenig friedvoller zu gestalten. Wir haben es in der Hand!


erschienen bei Arche / ISBN: 978-3716000205
Ich danke der Presseagentur Politycki & Partner herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Richard Johnson – ES WAR EINMAL EIN SCHNEESTURM

„Ohne Worte,…“

…gänzlich ohne Worte kommt diese reizende Geschichte aus. Kein Text lenkt von den Illustrationen ab, die dafür so viel mehr erzählen, als es ein Text vielleicht könnte. Dies ist wahrlich im besten Sinne des Wortes ein BILDERbuch. Richard Johnson kleidet seine Geschichte über Verlust und Zusammenhalt in märchenhaft anmutenden Illustrationen…

Bei einem Ausflug geraten Vater und Sohn in einen Schneesturm und verlieren sich aus den Augen. Der kleine Junge kann den Weg nach Hause nicht finden, doch die Tiere des Waldes nehmen ihn auf. Bär, Fuchs und alle anderen kümmern sich um ihn, und sie schließen Freundschaft. Nach einiger Zeit aber beginnt der Junge sein altes Zuhause zu vermissen. Gemeinsam mit dem Bären macht er sich auf die Suche nach dem Heimweg, und tatsächlich sind sie erfolgreich – Vater und Sohn können sich wieder in die Arme schließen.

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)


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Richard Johnsons traumhaften Illustrationen sind atemberaubend schön und zogen mich augenblicklich in ihren Bann. Nur allzu gerne ließ ich mich zu dieser visuellen Reise verführen und mir eine Geschichte „erzählen“, die alle Sprachbarrieren überwindet und dafür reichlich Raum für die eigene Phantasie bietet.

Johnson wählte die Farbnuancen mit bedacht, ließ sie sanft ineinander verschmelzen und schuf so Bilder voller Zartheit, die gleichzeitig mit vielen Details überraschen: Ein Familienbild an der Wand in der Hütte verlockt zu weiteren Interpretationen, die Schneeflocken zeigen die Silhouetten der Waldtiere, und im Fell des Bären gibt es kleine Untermieter. Er porträtiert die handelnden Figuren – Menschen wie Tiere – sehr liebevoll und mit drolligem Charme.

Die traumhaften Wald- und Winterlandschaften beschwören die epische Weite der Welt herauf, wirken dabei aber nie bedrohlich, sondern bilden vielmehr den gelungenen Rahmen für diese reizende Geschichte.

Es ist eine Geschichte voller Atmosphäre, die mich sehr berührte und meine Sehnsucht nach einer besseren Welt (vielleicht sogar nach einer „heilen“ Welt) befeuerte. Es wäre so schön!


erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219119794
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Molly Thynne – EINGESCHNEIT MIT EINEM MÖRDER

Auch ihre Werke werden zum goldenen Zeitalter der Kriminalliteratur gezählt: Zwar erschien bereits 1914 der erste Roman von Molly Thynne (aka Mary Harriet Thynne, 1881–1950), doch erst Ende der 20er Jahre wandte sie sich gänzlich der Kriminalliteratur zu. Zwischen den Jahren 1928 und 1933 veröffentlichte sie höchst erfolgreich sechs Krimis, in denen sie die Handlung in außergewöhnlichen Settings spielen ließ, die ihre weitaus populärere Kollegin und Zeitgenossin Agatha Christie später ebenfalls verwenden sollte. So kann das Umfeld von EINGESCHNEIT MIT EINEM MÖRDER (1931) durchaus mit dem von Christies DIE MAUSEFALLE (1952) verglichen werden.

Der junge Bestsellerautor Angus Stuart ist auf dem Weg an die südenglische Küste, wo er seinen wohlverdienten Weihnachtsurlaub verbringen möchte. Doch ein Wintereinbruch macht die Straßen unpassierbar, und Angus quartiert sich notgedrungen in einem Dorfgasthaus ein. Bald hat sich ein illustres Grüppchen gestrandeter Reisender dort versammelt – und es schneit immer weiter. Zunächst ist die Bereitschaft groß, das Beste aus der Situation zu machen, die Reisenden freunden sich ungeachtet aller gesellschaftlichen Unterschiede miteinander an. Aber dann werden kostbare Juwelen gestohlen – und der aufdringliche, trinkfreudige Major Carew liegt ermordet in seinem Zimmer. Angesichts dieses Doppelverbrechens ist der einzige Polizist des eingeschneiten Dorfes überfordert, und unter den Gästen wächst die Angst vor dem nächsten Mord. Also nehmen der prominente Schachexperte Dr. Constantine und Angus mit einem weiteren Gast die Ermittlungen selbst in die Hand. Eine ebenso spannende wie aberwitzige Verbrecherjagd beginnt.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

„…goldenes Zeitalter der Kriminalliteratur“ und „…die Krimi-Entdeckung des Jahres!“: Um ihre neusten Ausgrabungen aus dem scheinbar unerschöpflichen Archiv der Krimi-Klassiker aus Great Britain an die Leserschaft zu bekommen, geizen die Verlage nicht mit blumigen Ausschmückungen auf Cover und Homepage. Auch Vergleiche mit der „Queen of Crime“ werden gerne bemüht – wie unlängst bei DAS RÄTSEL VON BADGER’S DRIFT. Doch Papier ist bekanntlich äußerst geduldig, und so werden viele Versprechungen gedruckt, die später dem Realitäts-Check nicht immer standhalten. Doch diese oder ähnliche Befürchtungen waren bei EINGESCHNEIT MIT EINEM MÖRDER völlig unbegründet. Vorab: Ich wurde blendend unterhalten!

Molly Thynne lieferte einen flott lesbaren, gut konstruierten Krimi, der selbst bei längeren Dialogen oder ausführlichen Beschreibungen keine Langeweile aufkommen lässt. Gerade die farbige Auswahl an handelnden Personen macht diesen Krimi so abwechslungsreich. Allein die Zusammenstellung unseres heldenhaften Teams mit dem jungen Bestsellerautor Angus Stuart, dem reiferen Schachexperten Dr. Constantine und dem bodenständigen Handelsreisenden Mr. Soames (der „weitere Gast“, der in der Inhaltsangabe des Verlages unberechtigter Weise namenlos bleibt) ist sehr reizvoll. Jedes dieser Teammitglieder wurde mit sehr eigenen Charaktereigenschaften ausgestattet und steuert so seine persönliche Sichtweise sowie individuelle Fähigkeiten zum Gelingen der Mission bei.

Doch auch wenn die Autorin die anderen Figuren nicht immer frei von Klischees porträtierte, so macht es doch Spaß, sie dabei zu „beobachten“, wie sie in dieser Geschichte agieren bzw. aufeinander reagieren. Hier treffen Personen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten aufeinander, die sich aufgrund der Extremsituation, in der sie sich unfreiwillig befinden, nicht hinter Konventionen und Titeln verstecken können. Da sind Konflikte, Animositäten sowie gegenseitige Vorwürfe und Verdächtigungen unvermeidlich und gleichzeitig das Salz in dieser pikanten (Krimi-)Suppe.

Wie es sich für einen reellen „Whodunit“ gehört, gibt es auch hier eine üppige Anzahl an Verdächtigen und ausreichend Verwechslungen im Ambiente eines Landgasthofes (passenderweise mit dem Namen „Die Arche Noah“), dessen Flure sehr weitläufig sind und vielfältige Möglichkeiten bieten, unerkannt aufzutauchen und ebenso unerkannt wieder zu verschwinden. So gestaltet sich die Jagd nach dem/den Verbrecher*n zu einem turbulenten wie auch langwierigen Katz- und Maus-Spiel, das erfreulich wenig Tempo aus der Handlung nimmt.

So schenkte mir dieser Krimiklassiker aus der Feder einer mir bis dahin unbekannten Autorin mit seinem nostalgischen Charme eine Fülle an vergnüglichen Lese-Stunden.


erschienen bei Alibi (Dörlemann) / ISBN: 978-3038201793 / in der Übersetzung von Holger Hanowell
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] NOCH 24 MAL SCHLAFEN. Ein literarischer Adventskalender/ ausgewählt von Ron Mieczkowski

Manchmal ist es recht interessant, die eigene verschriftlichte Meinung aus der Vergangenheit nochmals zu lesen. Da stolperte ich schon so manches Mal über Aussagen, die ich getätigt hatte, die ich heute so nicht mehr – oder zumindest nur in einer abgemilderten Form – äußern würde. Da schmetterte ich doch vor sieben Jahren folgende Worte voller Überzeugung heraus…

„Literarische Adventskalender brauche ich ungefähr so nötig wie eine verschleppte Bronchitis! – Nein, das wäre jetzt übertrieben und klingt, als würden mich „Literarische Adventskalendern“ in irgendeiner Art und Weise emotional berühren. Sie tun es nicht! Sie sind mir schlicht und ergreifend egal! Denn: Warum sollte ich Häppchen konsumieren, wenn ich den ganzen Happen haben kann. Will sagen: Warum sollte ich mir ein Büchlein mit 24 Zitaten Hermann Hesses zulegen, wenn ich für das gleiche Geld einen wunderbaren Gedichtband erwerben kann?“

Treuen Leser*innen meines Blogs wird es nicht entgangen sein, dass ich in den vergangenen Jahren – vornehmlich gerne bei der Rubrik LEKTÜRE ZUM FEST – auf Anthologien zurückgegriffen habe, die Geschichten mehrerer Autor*innen enthielten. Zwar stand nicht explizit „literarischer Adventskalender“ auf dem Cover, doch das Prinzip war schon sehr ähnlich. Somit senke ich demutsvoll mein Haupt und leiste Abbitte.

In diesem Jahr reiht sich beim Diogenes-Verlag in der langen, erfolgreichen wie kurzweiligen Reihe der Weihnachtsbücher mit NOCH 24 MAL SCHLAFEN ein echter literarischer Adventskalender ein, der sich deutlich von den ironisch-heiteren LAMETTA-Büchern abhebt. Wobei ausgerechnet die ersten drei Geschichten mich bedauerlicherweise nicht packen konnten und beinah meine Vorurteile in Bezug auf literarische Adventskalender noch befeuerten. Dabei maße ich mir nicht an, die literarische Qualität dieser Geschichten anzuzweifeln: Sie trafen schlicht und ergreifend nicht meinen Geschmack.

Aber so ist es nun einmal: Licht und Schatten liegen bei Anthologien oft dicht beieinander. Und vielleicht braucht es auch den Schatten, damit ich als Leser das Licht mehr würdigen kann. Denn bereits die vierte Geschichte WAS DER TEEKESSEL SUMMT von Else Ury katapultierte mich in „die gute alte Zeit“, wo Traditionen gepflegt wurden. Es folgte mit Evelyn Waughs MISS BELLA GIBT EINE GESELLSCHAFT eine bittersüße Erzählung um eine einsame Dame, die ein pompöses Weihnachtsfest plant. Anton Čechov lässt über die Weihnachtstage zwei KNABEN einen absonderlichen Plan schmieden, und Patricia Highsmith erzählt in ZUM VERSAGER GEBOREN die anrührende Geschichte eines stillen Helden. In DAS TRIPTYCHON VON DEN HEILIGEN DREI KÖNIGEN von Felix Timmermans erleben drei absonderliche Kauze an Heiligabend höchst Ungewöhnliches.

Beim Drehbuch zu Loriots Sketch VERTRETERBESUCH brach ich in schallendes Gelächter aus, da ich natürlich beim Lesen die Bilder vor Augen hatte. Doch bereits bei DAS CHRISTKIND von Rainer Maria Rilke liefen mir Tränen der Ergriffenheit über die Wangen, da das Schicksal dieses kleinen Menschenkindes mich so sehr rührte. Kristof Magnusson berichtet in EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE sehr einfühlsam doch ganz unprädiziös von den letzten Tagen im Leben seiner Mutter, und Hans Fallada beschenkt uns in DAS VERSUNKENE FESTGESCHENK mit einer ganz wunderbar warmherzigen Novelle. Und auch Hans Christian Andersen lässt DAS KLEINE MÄDCHEN MIT DEN SCHWEFELHÖLZCHEN von einer schöneren Welt voller Wärme und Licht träumen.

Herausgeber Ron Mieczkowski hat in diesem Büchlein eher die stillen, melancholischen Geschichten versammelt, die zum Innehalten und Nachdenken anregen. Dabei wird die Heiterkeit durchaus auch bedient, allerdings feiner, subtiler und weniger plakativ lärmend. So schlich sich so manche Erzählung eher langsam in mein Herz, um mich dann so sehr zu begeistern, dass ich spontan begann, laut vorzulesen. Dies ist immer ein gutes Zeichen und bedeutet, dass mich das Gelesene vollumfänglich gepackt hat.

Auch in diesem Jahr hat der Diogenes-Verlag mit NOCH 24 MAL SCHLAFEN wieder eine bunte Pralinenschachtel mit literarischen Köstlichkeiten für Nachkatzen zusammengestellt, die eher die Geschmacksrichtung „zartherb“ bevorzugen.


erschienen bei Diogenes / ISBN: 978-3257248197
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] VIVA LA DIVA. Geschichten von der Oper/ ausgewählt von Silvia Zanovello & Adrian Asllani

🎼 Heute ist der WELTOPERNTAG! 🎼


Vor Jahren bezeichnete ich mich primär als Musical-Fan: Aufführungen von Oper und Operette habe ich „so nebenbei“ besucht. Doch in der Zwischenzeit hat mit der Zahl der besuchten Inszenierungen die Oper gemeinsam mit ihrer kleinen Schwester der Operette das Musical deutlich überholt. Somit würde ich mich nun eher als Fan des Musiktheaters betiteln. Ich liebe das Musiktheater so sehr, da ich hier, wie nirgends sonst, alles um mich herum vergessen kann. Oder wie Elke Heidenreich es in ihrem Beitrag OPER IST AUFRUHR so treffend, so wahr und wahrhaftig beschrieb…

„Ich hatte noch nie eine Koloratur gehört, aber ich habe sofort gefühlt, was das ist: sinnlicher Überfluss, Verschwendung, Tanz mit Tönen. Und ich war schon bei der Ouvertüre wie verwandelt. Ich hörte hier zum ersten Mal Musik im Dunkeln, in diesem Saal, in diesem Augenblick für mich gespielt – was für ein unbeschreiblicher Luxus!“

…und genau diesen Gefühlswirbelsturm empfinde ich ebenso, und es stürmt nie weniger.

Gibt es etwas Aufregenderes als die Oper? Man tritt ein: die goldenen Logen, der rote Plüsch, das Orchester beim Stimmen. Der Vorhang geht auf, und der Alltag verschwindet. Es zählen nur noch die Musik und das Geschehen auf der Bühne. Große Gefühle in Liebesduetten, bei Gefangenenchören und in Sterbearien. Zuletzt der Schlussapplaus, überbrüllt mit Bravo- und Buhrufen.

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Neben Elke Heidenreich meldet sich eine äußerst illustre Schar an Literat*innen aus Gegenwart und Vergangenheit zu diesem Thema zu Wort: Gleich zu Beginn dieser Text-Sammlung gibt uns Donna Leon DREI OPERNTIPPS FÜR EINSTEIGER. Doris Dörrie schildert nachdrücklich wie DER BLAUE MÜLLSACK die Karriere einer Requisite dramatisch beendete. Meister Mozart persönlich lässt uns mit MEINE OPERA GEHT IN SCENA einen Blick in seine Korrespondenz werfen und so erahnen, dass das Leben eines musikalischen Genies nicht immer ein Zuckerschlecken war. Bei Ewald Arenz bricht ein verheerendes FEUER in einem Theater aus und verändert damit das Leben des Protagonisten.

Petra Mosbach erzählt in DER KORREPETITOR von den Höhen und Tiefen dieses Berufes an einem eher kleineren Stadttheater. An die große Pariser Oper mit ihren legendären Geschichten entführt uns Gaston Leroux mit DIE DIVA UND DAS PHANTOM DER OPER. Shelly Kupferberg berichtet in ihrer hinreißenden Geschichte DISSONANZEN über einen öffentlichen Vortrag zum Thema „Kultur und Kritik des Kunstgesangs“, der eine Ehekrise wie auch eine Gerichtsverhandlung nach sich zog. Loriot lässt mit einer gar köstlichen Szene AN DER OPERNKASSE – wie schon so oft – mein Zwerchfell vor Lachen erzittern. Mit dem SCHWANENGESANG beendet Agatha Christie nicht nur diese Anthologie sondern auch eine besondere Aufführung von „Tosca“, bei der auf offener Bühne eine späte aber effektvolle Rache geübt wird.

Auf dem Umschlag des Buches wird mit „einer exklusiven Erzählung von Vea Kaiser“ geworben: Leider konnte gerade diese Erzählung mich nicht gänzlich überzeugen. Wobei ich eh der Meinung bin, dass das Schreiben einer Kurzgeschichte eine Kunst für sich und somit eine besondere Herausforderung darstellt. Vea Kaiser schätze ich dafür umso mehr für ihre wunderbar epischen und warmherzigen Familiengeschichten.

Neben den bereits Genannten gibt es zudem Textbeiträge von E.T.A. Hoffmann, Wolfgang Schlüter, Barbara Villiger Heilig, Irene Diwiak, Mark Twain, Ethel Smyth, Charles Lewinsky, Franz Werfel, Lukas Hartmann und Giulio Zanni zu entdecken.

Die thematischen Anthologien aus dem Diogenes-Verlag sind immer ein Garant für gute und abwechslungsreiche Unterhaltung. Dieses Konglomerat an Geschichten in VIVA LA DIVA spiegelt die Vielfalt der Oper so treffend wieder, mit all ihren Höhen und Tiefen, mit fulminanten Triumpfen und erschreckenden Dramen, mit launigen Anekdötchen und handfesten Skandalen, mit einem verklärten Blick in die Vergangenheit und einem ernüchternden Blick in die Gegenwart (oder auch umgekehrt).

Doch genau dies alles – und noch viel mehr – ist es, was ich an der Oper so sehr liebe!


erschienen bei Diogenes / ISBN: 978-3257248210
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Frédéric Brémaud (nach Agatha Christie) – DIE MORDE DES HERRN A.B.C./ mit Illustrationen von Alberto Zanon

Begeisterung! Pure Begeisterung! Absolute und uneingeschränkte Begeisterung!

Konnten mich die beiden letzten Veröffentlichungen der „Agatha Christie Classics“ schon begeistern, so hat der Carlsen-Verlag mit DIE MORDE DES HERRN A.B.C. dies noch übertroffen.

Es stimmte einfach alles!

Frédéric Brémaud hat die vielschichtige Geschichte wunderbar in das Format der Graphic Novel transferiert, ohne dass mir signifikante Lücken gegenüber dem Original-Roman auffielen. Vielmehr bekommt diese Raffung der Handlung ausgesprochen gut, da so der Spannungsfaden stets straff gespannt bleibt und Leerlauf oder sogar Langeweile keinerlei Chancen erhalten aufzukeimen. Vielmehr treibt Brémaud die Handlung klug voran, ohne in Hektik zu verfallen. Die Dialoge sind absolut schlüssig und glaubwürdig. Sie bestanden sogar meinen Test des lauten Vortrags und bewährten sich somit als „spielbar“. Ich konnte keine leeren und somit entbehrlichen Worthülsen entdecken, die die Figuren unglaubwürdig erscheinen lassen oder unzutreffend charakterisieren würden.

In einem mysteriösen Brief wird ein Mord angekündigt, und Hercule Poirot kann diesen nicht verhindern. Dann folgt ein zweiter Brief. Wieder geschieht ein Verbrechen. Die Morde scheinen einem Muster zu folgen – den Buchstaben des Alphabets. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, und der einzige Hinweis ist ein ABC-Zugfahrplan. Wieder einmal muss Poirot all seine kleinen grauen Zellen einsetzen, um den Fall zu lösen.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)


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Alberto Zanon sorgte mit seinen Illustrationen gekonnt dafür, dass die Dialoge eine Gestalt erhielten. Er zauberte prägnante, interessante, nicht im klassischen Sinne schöne Charakterköpfe auf das Papier, die sehr viel Persönlichkeit aufwiesen. Seine Figuren – insbesondere unser heldenhaftes Trio Hercule Poirot, Arthur Hastings und Inspector Japp – scheinen zwar ganz dem Christie-Kosmos entsprungen zu sein, doch verlieh er ihnen eine eigene, sehr individuelle Optik, die für eine leichte Wiedererkennung beim Betrachtenden sorgte.

Doch auch sein Setting überzeugte mich durch Abwechslung und Detailreichtum. Besonders in diesen Details erkannte ich, wie intensiv sich Zanon mit der literarischen Vorlage auseinandergesetzt hatte: Da scheint die Fassade von Poirots Wohnsitz der wunderbaren TV-Serie „Agatha Christie’s Poirot“ entliehen zu sein, und Poirots Appartement ist nicht nur herrlich gradlinig sondern auch ebenso herrlich symmetrisch eingerichtet.

In dieser gezeichneten Phantasie-Welt verteilte er einige Tupfer Realismus, denn alles, was im Entferntesten an bedrucktem Papier erinnerte, wirkt beinah naturalistisch: Briefe, Zeitungen, Etiketten, Werbe- und Kino-Plakate sowie der allgegenwärtige ABC-Fahrplan. Zudem verstand er es, meine Aufmerksamkeit durch die Wahl der Perspektive bzw. des Bildausschnittes geschickt auf Feinheiten zu fokussieren und in eine bestimmte Richtung zu lenken.

Lieber Carlsen-Verlag! Hoffentlich beweist du auch in Zukunft ein so glückliches Händchen bei der Wahl der Graphic Novel-Adaptionen für die „Agatha Christie Classics“, denn dann bin ich auch weiterhin nur allzu gerne dein Fan-Boy. 😄


erschienen bei Carlsen / ISBN: 978-3551807441 / in der Übersetzung von Thomas Schöner
ebenfalls erschienen als Roman bei Atlantik / ISBN: 978-3455650037 und als Hörbuch bei DER HÖRVERLAG / ISBN: 978-3899407891
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Arthur Conan Doyle – SHERLOCK HOLMES & DIE DAME IN GRÜN (Hörspiel)

Die Corona-Zeit liegt zum Glück hinter uns, und sicherlich wird niemand gerne daran erinnert. Das Leben lag zuerst völlig brach und kam dann nur recht schleppend wieder in Bewegung. Kulturelle Einrichtungen durften unter Einhaltung pandemiekonformer Bedingungen ihre Türen wieder für ein Publikum öffnen.

So kreierte das bremer kriminal theater aus der Inszenierung von SHERLOCK HOLMES & DIE DAME IN GRÜN, die die Eröffnungsproduktion ihrer früheren Spielstätte war, ein Live-Hörspiel, das dann zu einer echten Hörspiel-Produktion nochmals veredelt wurde.


2 CDs/ Sherlock Holmes & Die Dame in Grün (2020) von Arthur Conan Doyle/ Regie: Ralf Knapp/ Aufnahmeleitung & Mix: Mark Derichs/ Musik & Sounds: Johannes Haase/ mit Christian Aumer, Mark Derichs, Martina Flügge, Ralf Knapp und Mateng Pollkläsener


Inspektor Gregson von Scotland Yard sieht sich grausigen Serienmorden gegenüber, bei denen junge Frauen ermordet werden und ihnen jeweils ein kleiner Finger fehlt. Die Opfer scheinen keine Gemeinsamkeiten aufzuweisen, so dass die Polizei von einer zufälligen Auswahl der Opfer ausgeht und den Täter für einen wahnsinnigen Affektmörder hält. Sherlock Holmes ist anderer Meinung, da er die Morde für logisch geplant hält und einen klugen Kopf hinter den Straftaten vermutet. Sir George Fenwick wird tot aufgefunden, und schnell wird deutlich, dass er Selbstmord begangen hat. Auf den ersten Blick stehen die Serienmorde und der Selbstmord nicht in Verbindung zueinander. Holmes und sein treuer Freund Dr. Watson kommen allerdings auf eine interessante Spur. Ein angesehener Mann ist in die Mordreihe involviert, denn bei ihm wurde ein abgetrennter Finger einer jungen Frau aufgefunden. Er stand während der Mordnacht unter einem fremden Einfluss und kann sich an viele Details der vergangenen Stunden nicht erinnern. Holmes stellt Nachforschungen an, welche Möglichkeiten bestünden, um einen Menschen so zu manipulieren, dass er einen Mord begeht, ohne sich daran erinnern zu können. Er nimmt an einem informativen Abend der Gesellschaft für Hypnose teil. Dort erfährt er von einer jungen Frau, die häufiger an diesen Abenden teilnimmt – die Frau in Grün. Nach und nach kommt er auf die Schliche von Professor Moriarty und dessen charmanter Komplizin Lydia Marlowe. In einem gefährlichen Versuch lässt sich Holmes auf eine Hypnose ein und wird beinahe Opfer von Professor Moriartys Plan.

 (Inhaltsangabe der Wikipedia-Seite zum Film entnommen!)

Die Inszenierungen am bremer kriminal theater (kurz: b.k.t.) bestechen immer durch eine ganz eigene Ästhetik – sowohl in der Ausstattung wie auch in der Art der Darstellung. Diese Ästhetik konnte auch ins Hörspiel ganz wunderbar transferiert werden. Diese Mischung aus Dramatik und Spannung, aus (leichter) Übertreibung und Ironie, gepaart mit der hörbaren Lust am Spiel mit der Stimme, machte mir als Zuhörer eine immense Freude.

Theaterleiter und Regisseur Ralf Knapp besetzte die Rollen mit bekannten Gesichtern bzw. (in diesem Fall) mit bekannten Stimmen aus dem b.k.t.-Kosmos. Christian Aumer gibt den brillanten Meisterdetektiv mit wohldosierter Arroganz, der allerdings auch dem Weltlichen nicht abgeneigt scheint und so deutlich nahbarer wirkt. Regisseur Ralf Knapp selbst mimt dessen treuen Freund Dr. Watson und porträtiert ihn bodenständig aber durchaus auch etwas begriffsstutzig. Es ist herrlich witzig, wie Dr. Watson mit Inspektor Gregson darum buhlt, wer von ihnen nun der Erzähler und somit der Chronist dieser Geschichte ist. Mark Derichs stattet Inspektor Gregson mit jugendlichem Elan aus, der allerdings seine Überforderung gegenüber Holmes Genialität nicht kaschieren kann. Martina Flügge als die titelgebende DAME IN GRÜN weiß sich in dieser Männerriege zu behaupten, indem sie gekonnt stimmlich prägnante Akzente zwischen Verruchtheit und Verzweiflung setzt. Mateng Pollkläsener verleiht Professor Moriaty eine trügerische Gemütlichkeit, die nicht über den skrupellosen Schurken hinweg täuscht.

Der Regisseur machte – wie auch in vergangenen Inszenierungen am b.k.t. – aus einer Not eine Tugend. Er ließ (neben den erwähnten Hauptpartien) die div. Nebenrollen von den vorhandenen fünf Herren und der einzigen Dame im Ensemble einsprechen, die scheinbar mühelos in die vielen Charaktere hüpften. Zudem setzte er meisterhaft auf ein perfektes Timing und würzte die Geschichte mit witzigen Rand-Dialogen (Stichwort: Zeitungsverkäufer). Johannes Haase sorgte nicht nur für den atmosphärisch stimmigen Sound. Zur musikalischen Untermalung ließ er immer wieder die Geige erklingen, deren Einsatz ich als Reminiszenz an Sherlock Holmes musikalischem Talent gedeutet habe.

Mit dieser rundum gelungenen Hörspielproduktion braucht sich das bremer kriminal theater wahrlich nicht hinter Produktionen größerer Labels zu verstecken.


Das Hörspiel ist im Eigenverlag erschienen und nur direkt beim bremer kriminal theater erhältlich. Eine Bestellung ist über die Homepage des Theaters möglich.

[Rezension] Ute Woltron – HEUTE NICHT, ICH HAB MIGRÄNE

„Heute nicht, Schatz, ich habe Migräne!“ Wer kennt ihn nicht, diesen Altherrenwitz aus der Mottenkiste des schlechten Humors. Es ist erschreckend, dass sich solche Bilder nach wie vor fest in den Köpfen Nichtbetroffener festgesetzt haben. Doch welche Botschaft versteckt sich hinter einem solchen „Witz“? Bedeutung: Migräne ist ein Leiden, von dem vornehmlich sexuell unbefriedigte wenn nicht sogar frigide Frauen betroffen sind. „Solche Weiber müssten mal so richtig…!“ sind sich die Herr(lichkeit)en mancher Stammtischrunden einig. Im Umkehrschluss stelle ich mir als Mann, der unter Migräne leidet, natürlich folgende Frage „Was müsste ich mal so richtig…, damit die Migräne wie durch Zauberhand von mir abfällt?“

Autorin Ute Woltron weiß, wovon sie schreibt. Hat sie doch, wie viele von uns, die betroffen sind, alle dummen Witze, ungewollten Ratschläge und jegliche Reaktionen von Unverständnis im Laufe ihrer „Migräne-Karriere“ selbst erleben oder vielmehr erdulden müssen. Was musste ich mir im Laufe der 25 Jahre, in denen dieser Untermieter, den ich nie haben wollte, bei mir eingezogen ist, schon alles anhören. Jedes mögliche (und auch unmögliche) Thema fand Erwähnung und war Ursache und Lösung zugleich: Ernährung, Schlaf, Sex, Stress, Sport und Bewegung, Chakren, Körpersäfte undnochvielesmehr – entweder hatte/machte ich zuviel oder zuwenig, und prinzipiell war irgendetwas davon nicht in der Balance. Besonders liebe ich die Aussagen ohne jeglichen Nährwert: „Du machst dir einfach zu viele Gedanken!“ Danke, sechs, setzen! Wenn es wirklich einfach wäre, dann hätte ich es längst geändert.

Ausgenommen davon sind die Tipps und Hinweise, die ich von anderen Betroffenen erhalten habe: Hier sprachen wir auf Augenhöhe miteinander. Und so manches Mal half ein verständnisvoller Blick und ein wissendes Nicken so viel mehr und schenkte mir Trost.

Die Autorin schafft es wunderbar, eigenes Erleben mit wissenschaftlichen Fakten und Zahlen zu vermischen. Sie vergisst dabei auch nicht, eine Prise Humor einzustreuen – manchmal ist es auch Ironie, und hin und wieder meinte ich wahrzunehmen, dass in ihren Worten auch ein sarkastischer Unterton mitschwang. Bei dem, was sie durchleben und erleiden musste, ist dies absolut nachvollziehbar und verständlich.

Jede Migräne ist ebenso einzigartig, wie der Mensch, der von ihr betroffen ist. Doch es gibt viele Parallelen, und ich konnte mich oft in den Worten der Autorin wiederfinden. Auch die Zahlen, wie viele betroffene Menschen es weltweit gibt, haben mich sehr erstaunt. Diese Dimension nimmt durchaus Einfluss auf die Produktivität einer Bevölkerung. Umso verwunderlicher, dass dieser Umstand weiterhin noch viel zu wenig Beachtung erfährt.

Dass Frauen und Männer verschieden ticken und ihre Körper unterschiedlich „funktionieren“, sollte hinlänglich bekannt sein. Entsprechend variiert auch die Ausprägung der Migräne bei den Geschlechtern. Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer, weshalb Migräne oftmals als reines Frauenleiden abgetan wird. So ganz von diesem gängigen Vorurteil konnte sich anscheinend auch der Verlag dieses Buches nicht freimachen: Wenn ich mir das Design und die Farbgebung des Umschlags anschaue, scheint hier eher eine weibliche Leserschaft angesprochen zu werden. Schade, da hätte ich mir ein wenig mehr Diversität in der Gestaltung gewünscht.

Doch ehrlich gesagt, achte ich bei einem Sachbuch viel mehr auf den Inhalt als auf die Verpackung. Hier liefert Ute Woltron in knappen, doch nie oberflächlichen Kapiteln eine Auswahl an vielfältigen Informationen, von denen sich jede*r wie an einem Buffet bedienen und so seinen persönlichen Teller an „Leckereien“ zusammenstellen kann. Da finden Trigger, die Auslöser einer Migräne, ebenso Erwähnung wie die Möglichkeiten der medikamentösen Therapie. Gerade hier hat sich in den vergangenen Jahres einiges getan, wie am geschichtlichen Exkurs verdeutlicht wird. Auch die Variationen in der Ausprägung der Migräne (mit Aura, ohne Aura etc.) werden verständlich geschildert. Als kulturell interessierter Mensch fesselte mich das Kapitel über Künstler, die angeblich unter Migräne litten, und wo vermutet wird, dass dieser Umstand Einfluss auf ihre Kunst nahm.

Doch besonders ihr Appell, die wenige Zeit (ohne Migräne) zu nutzen, traf bei mir auf offene Ohren. Ich empfinde die Tage unter Migräne immer, als würde mir wertvolle Lebenszeit gestohlen werden. Wie oft konnte ich inspirierende Theater- und Konzertabende nicht wahrnehmen? Wie oft musste ich gesellige Treffen mit lieben Menschen absagen? Wie oft…? Zu oft!

So nehme ich aus der Lektüre dieses Buches nicht nur eine Fülle an Informationen mit. Vielmehr fühle ich mich bestätigt und gesehen. Unter Migräne zu leiden, kann sehr einsam machen, da ist es schön zu wissen, dass ich nicht alleine bin.

NACHTRAG Auf der Homepage von Ute Woltron findet man – neben vielen wunderbaren Beiträgen – sogar eine MIGRÄNE-TRACKLIST mit Songs, die die Autorin durch die guten und die weniger guten Tage des Lebens begleitet haben. Dazu schreibt sie: „Die besten Tracklists sind die eigenen. Hauptsache, man hat eine.“

Habt ihr eine Tracklist? Ich habe eine – schon lange!


erschienen bei ecoWING (Benevento) / ISBN: 978-3711003713
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] VOM GLÜCK, AUFS MEER ZU SCHAUEN. Die schönsten Geschichten und Gedichte/ ausgewählt von Jan Strümpel

Da unterbrach ich meinen Spaziergang zu den ALLTAGSMENSCHEN in Bremerhaven nur allzu gerne, um mir eine Pause auf einer Bank direkt an der Hafenkante zu gönnen. Vor mir befand sich zwar nicht direkt das Meer, doch die Lage der Stadt lässt die Nordsee durchaus bereits erahnen. So schaute ich sinnierend über das Wasser, lauschte dem Plätschern der Wellen und den Rufen der Möwen und schickte meine Gedanken auf Reise.

„Das muss eine Qualität des Meeres sein, dass es in jeder Form verlocken und entzücken kann, auch ohne Palmen, pittoreske Bergdörfer und gewaltige Brandungen. Wenn es denn nur zur Seele spricht.“ lässt Jan Strümpel in seinem Vorwort zu VOM GLÜCK, AUFS MEER ZU SCHAUEN verlauten, und da kann ich ihm nur beipflichten. Dies scheint eindeutig kein modernes Phänomen zu sein: Zu allen Zeiten übte das Meer seinen Reiz auf die Menschen aus und animierte sie zu Lyrik und Prosa, wie diese feine Sammlung beweist. Wie bereits bei der Auswahl zum Thema FRÜHLING seiner Kollegin Mareike von Landsberg, versammelt auch Jan Strümpel in seiner Anthologie eine äußerst abwechslungsreiche Riege an Literat*innen.

Da tummelt sich eingangs Hedwig Lachmann am Strand und ist da in bester Gesellschaft mit Theodor Storm. Clara Müller-Jahnke schwärmt da eher von einer turbulenten Fahrt auf dem Meer „Fühlst du die Bretter schwanken? Schon brandet dumpf das Meer…“, während Joachim Ringelnatz auf einem schwankenden Boot versucht, nicht den Humor zu verlieren. Erich Fried gibt uns lyrische Anweisungen, wie wir uns am Meer zu verhalten haben. Wilhelm Busch wird am Strand auf Borkum zu einigen Versen für eine mir nicht näher bekannten Dame namens Hermine inspiriert. Und sogar Elisabeth von Österreich (Ja, genau, die Sisi!) lässt sich zu einem Gedicht über die See animieren.

Aber auch die Damen und Herren der Prosa waren nicht untätig: Da gibt es kürzere Appetit-Häppchen aus MOBY Dick von Herman Melville und ZWANZIGTAUSEND MEILEN UNTER DEM MEER von Jules Verne, wie auch längere Passagen aus den Werken von Charles Dickens, Mark Twain, George Sand, Hans Christian Andersen und Victor Hugo. Da beginnen die Schiffsreisen in Stade, auf Ceylon und ab Nordstrand, um dann ihr Ziel auf Helgoland, Norderney, Mallorca und Mauritius nach einer mal mehr mal weniger beschwerlichen Überfahrt endlich zu erreichen. Denn die See kann verführerisch sanft und im nächsten Moment tückisch sein, weiß Else Lasker-Schüler zu erzählen. Doch zum Glück weisen die Lichter der Leuchttürme den Schiffen den Weg, wie Alphonse Daudet, der bereits auf einem von ihnen wohnte, berichten kann.

So vielfältig sich das Meer im Verlauf der Jahreszeiten oder bei unterschiedlichen Wetterbedingungen präsentiert, so kurzweilig sind auch die Texte und Gedichte der hier versammelten Literat*innen. Immer schwingt zwischen den Zeilen der Respekt vor dieser manchmal unberechenbaren Naturgewalt mit, die immer und überall auf der Welt die Phantasie der Menschen beflügelte und das Fernweh und den Drang nach Freiheit steigerte.

Auch auf mich übt das Meer einen unerklärlichen Zauber aus, schürt meine Sehnsucht und nährt meine Melancholie. Kann ich auch lange Zeit ohne sein, so zieht es mich irgendwann doch wieder ans Wasser. Denn nur beim Blick über die Wellen verspüre ich diese absolute Ruhe, die dem Gefühl von Friede sehr nahe kommt.


erschienen bei anaconda / ISBN: 978-3730614662

[Rezension] Lisa Aisato – ALLE FARBEN DES LEBENS

Stimmen die Farben des Lebens bei allen Menschen überein? Oder gibt es signifikante Unterschiede? Verbinden alle Menschen immer dasselbe mit einer Farbe? Bringen wir alle mit ROT immer die Liebe in Verbindung? Ist GRAU für jede*n gleichbedeutend mit trüb und trist? Ist es nicht vielmehr so, dass wir Farben mit Situationen, Emotionen aber auch Düften in Verbindung bringen? Was sind somit die Farben des Lebens? Oder vielmehr: Welches sind die Farben meines Lebens?

Lisa Aisato, die mich mit ihren Illustrationen zu EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE von Charles Dickens bereits so sehr begeistern konnte, hat mit ALLE FARBEN DES LEBENS ein Portfolio ihren Arbeiten zusammengestellt – sowohl Klassiker als auch bisher unveröffentlichte Werke.

Dabei stellte sie das Menschenleben in den Mittelpunkt. Wie ein roter Faden durchlaufen wir anhand ihrer Kunstwerke die verschiedenen Entwicklungsstufen aber auch die unterschiedlichen Empfindungen, die bei uns Menschen im jeweiligen Stadium präsent scheinen, wie z.Bsp. Liebe, Lust, Hoffnung, Ängste, Wut und Verzweiflung. Als roten Faden würde ich auch ihren begleitenden Text bezeichnen, der sich nie in den Vordergrund drängt, sondern der vielmehr „underscoring“ flankiert, um die Wirkung des Bildes nochmals zu verstärken.


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Wer beim Stil der Bilder Ausschau nach einem roten Faden hält, sucht vergebens, da die Werke zu unterschiedlichen Zeiten entstanden sind. Ich persönlich habe besagten roten Faden in keiner Weise vermisst, vielmehr habe ich die Abwechslung in den Stilen sehr genossen und als Bereicherung empfunden. Da haben einige Bilder eine berührende Realität und zeigen Gesichter voller Emotionen, aus denen Augen leuchten, die zu mir zu sprechen schienen. Andere wirken wie Aquarelle, auf denen Wassertropfen gelandet sind, die die Ränder sanft zum Verschwimmen brachten. Dann gibt es Illustrationen bei denen die Figuren wie Karikaturen wirken oder aus einem Comic entsprungen zu sein scheinen. Weitere Illustrationen haben mit ihren verschobenen Proportionen schon beinah einen surrealen Charakter.

Allen Kunstwerken ist gemein, dass sie – auch durch die jeweilige Farbgebung – eine sehr eigene Vitalität ausstrahlen und mich als Betrachter nie kalt ließen. Natürlich gab es da Abstufungen: Es gab Illustrationen, die mich mal mehr, mal weniger intensiv berührten. Doch alle lösten beim Betrachten etwas bei mir aus: Da spielte ein Lächeln um meine Lippen, ein nachdenkliches Runzeln kräuselte meine Stirn, mit einem tiefen Atemzug löste ich meine Spannung, oder tief bewegt suchte eine Träne ihren Weg über meine Wange.

Lisa Aisato gilt völlig zu Recht als Norwegens beliebteste und bekannteste Illustratorin: Hat sie doch ein untrügliches Gespür, in ihren Bildern die Empfindungen sichtbar zu machen. Mit ALLE FARBEN DES LEBENS ist ihr ein so zauberhaftes, lebensbejahendes, buntes, ergreifendes und mystisches Buch gelungen, das absolut vielfältig ist. Sie hat uns ein Kunstbuch und ein Bilderbuch aber auch ein Lebensbuch geschenkt, das mich nun sehr, sehr lange begleiten wird.

Apropos: Ich verbinde mit GRAU den Morgennebel im Frühjahr, der sich luftig auf die Niederungen am nahen Fluss legt und die Moorlandschaft wie verzaubert erscheinen lässt. Dieser Anblick entzückt mich immer wieder sehr!


erschienen bei Woow Books / ISBN: 978-3961770717 / in der Übersetzung von Neele Bösche