[Konzert] Sinfoniekonzert – MOZARTS ERBE(N) / Philharmonisches Orchester Bremerhaven

Kompositionen von Giorgio Battistelli, Wolfgang Amadeus Mozart und Max Reger

Philharmonisches Orchester Bremerhaven

Premiere: 18. November 2024 / besuchtes Konzert: 19. November 2024

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Srba Dinić
KLAVIER
Matthias Kirschnereit


Ich kann mich nicht erinnern, ob ich je ein klassisches Sinfoniekonzert besucht habe, also so ein „richtig“ klassisches Klassikkonzert und nicht ein Familienkonzert oder eine Gala. Einige Kammerkonzerte hatte ich durchaus in der Vergangenheit schon erleben dürfen: Da gab es vor einiger Zeit ein Klassik-Abonnement beim Kulturzentrum Gut Sandbeck bei uns in Osterholz-Scharmbeck, das ich mir als junger Mensch gönnte, um meinen Horizont bzgl. klassischer Musik zu erweitern. Ich fürchte, dass von diesen Konzerten nicht viel in meiner Erinnerung hängen geblieben ist, doch zumindest hat es meine Bereitschaft, mich unvoreingenommen der Musik zu nähern, erweitert. Somit saß ich nun im großen Haus des Stadttheaters Bremerhavens und wartete auf den Beginn meines ersten „richtig“ klassischen Klassikkonzerts,…

…und dachte bei mir „Mit Mozart macht man nichts verkehrt.“: Nun hat das Philharmonische Orchester mit seinem GMD Marc Niemann es sich auf die Fahnen geschrieben, im Rahmen der „Composer in Residence“ auch unbekannte bzw. selten gespielte Werke einem Publikum zugänglich zu machen. Dabei kommen Kompositionen von Künstler*innen unterschiedlicher kultureller und regionaler Hintergründe oder Herkunft zur Aufführung. Auch werden zu den Sinfoniekonzerten des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven gerne Gast-Solist*innen bzw. –Dirigent*innen geladen, um sowohl dem Publikum als auch dem Orchester die Möglichkeit zu bieten, verschiedene künstlerische Handschriften erleben zu können.

Ⓒ Foto Lothar Scheschonka – Philharmonisches Orchester Bremerhaven. MOZARTS ERBE(N)

Ein Titel wie MOZARTS ERBE(N) bietet ausreichend Raum zur individuellen Deutung: Wird nicht jede*r Komponist*in – ob direkt oder indirekt, ob bewusst oder unbewusst – von der Genialität eines Wolfgang Amadeus Mozart inspiriert? Die Frage, in wieweit sich „Composer in Residence“ Giorgio Battistelli bei der Entstehung seines Werkes APRÈS JOSQUIN, das als deutsche Erstaufführung in Bremerhaven erklang, von Mozart hat beeinflussen lassen, kann allein nur der Komponist beantworten. Bei seiner Komposition verzichtete er auf eine Melodienfolge bzw. ein Leitthema. Vielmehr webte er einen Klang-Teppich, in dem er die Instrumente teils recht konträr zueinander setzte. Gast-Dirigent Srba Dinić bot gemeinsam mit dem Orchester ein für mich spannendes wie gleichzeitig verwirrendes Hörerlebnis, das es mir mit seinen aufwühlenden wie auch zart-minimalistischen Tönen ermöglichte, frei zu assoziieren, und so eine Vielzahl an unterschiedlichen Bildern in meinen Kopf entstehen zu lassen. Dinić ist u.a. GMD des Staatstheaters Braunschweig sowie Chefdirigent des renommierten Orchesters „Die St. Georg Streicher“ in Belgrad und hatte bereits Gastengagements an internationalen Opernhäusern, wie die Staatsoper Stuttgart, Teatro Massimo in Palermo und die Semperoper Dresden.

Beim 2. Programmpunkt kam der große Meister selbst zur Aufführung: Für das KONZERT FÜR KLAVIER UND ORCHESTER NR. 23 A-DUR KV 488 konnte als Solist Matthias Kirschnereit gewonnen werden, der virtuos sein Instrument beherrschte und diesem die schwelgerischen Töne aus Mozarts Feder mit gefühlvollem Anschlag entlockte. Eingebettet wurde er vom Philharmonischen Orchester, das die Töne des Klaviers zart einrahmte oder akzentuiert hervorhob. Auch Kirschnereit ist ein international gefragter Künstler, der vielfach ausgezeichnet wurde, und dessen CD-Einspielungen u.a. mit dem ECHO-Klassik geadelt wurden. Zudem gibt es mit/von ihm eine Gesamteinspielung der Klavierkonzerte Mozarts mit den Bamberger Symphonikern – somit saß vor uns ein absoluter Mozart-Experte am Flügel. Als Zugabe schenkte uns Kirschnereit seine beseelte Interpretation von Frédéric Chopins NOCTURNE NR. 20 CIS-MOLL.

Beim letzten Programmpunkt, Max Regers VARIATIONEN UND FUGE ÜBER EIN THEMA VON MOZART FÜR ORCHESTER OP. 132, hatte das Philharmonische Orchester abermals die Chance, sein Können zu zeigen. Dirigent Srba Dinić führte die Musiker*innen souverän durch die acht Variationen und eine Fuge, die sich mal sanft umschmeichelnd, mal expressiv drängend, dann zart flirrend, explosiv aufbrausend oder mit verspielter Leichtigkeit präsentierten und in einem dramatischen Finale gipfelten. Dabei wirkte es auf mich beinah so, als würde das Grundthema, das stets wohltuend erkennbar blieb, jeweils in eine andere Garderobe gekleidet werden.

Es war ein Programm voller musikalischer Kontraste (Mozart: brillant / Reger: abwechslungsreich / Battistelli: herausfordernd), das sowohl vom Dirigenten sowie vom Solisten bis zum Orchester grandios dargeboten wurde.


Das Philharmonische Orchester Bremerhaven bietet in jeder Saison ein Vielzahl an abwechslungsreichen Konzerten: Ein Blick in das PROGRAMM lohnt sich sehr!

[Rezension] MUSIKALISCHER WEIHNACHTSZAUBER. Der Nussknacker / Der Messias / Das Weihnachtsoratorium

Weihnachten – das ist die Zeit der Besinnlichkeit, des zur Ruhe Kommens und der Erinnerung an Traditionen. Gerade in dieser Zeit lassen wir uns nur allzu gerne ins Ballett, Konzert und Oratorium locken, genießen die wunderbare Musik und werden von der Kunst der Darbietung verzaubert. Es ist aber auch die Zeit des Vorlesens: Entweder lesen wir selber vor, oder wir haben das unschätzbare Glück, dass uns vorgelesen wird. Wäre es da nicht schön, wenn wir all dies miteinander vereinen könnten?

Mit DER NUSSKNACKER, DER MESSIAS und DAS WEIHNACHTSORATORIUM hat der Annette Betz-Verlag drei Klassiker und saisonale Publikumslieblinge in diesem Sammelband vereint. Alle drei Werke sind bereits als Einzelbände erschienen (2017, 2020 bzw. 2018), denen jeweils eine CD beigelegt wurde. Hier gibt es nun die vergleichsweise kostengünstigere Variante: Ohne CD, dafür mit der Option, das jeweilige Hörbuch incl. der Musik zu streamen.

Jede*r Autor*in hat eine eigene Handschrift, jede*r Illustrator*in hat einen individuellen Stil. Werden da die Geschichten eher lieblos in einem Sammelband gebündelt, könnte ein verbindendes Element als roter Faden vermisst werden. Dies ist bei MUSIKALISCHER WEIHNACHTSZAUBER nicht der Fall: Das Cover, das Vorsatzpapier und die Titelblätter zu den einzelnen Geschichten sind so geschmackvoll aufeinander abgestimmt, dass die ehemaligen „Solisten“ wunderbar miteinander harmonieren, und das Buch so wie aus einem Guss wirkt.


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Susa Hämmerle erzählt die Geschichte DER NUSSKNACKER ganz traditionell und bleibt damit nah am originalen Ablauf des Märchenballetts von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (Warum sollte sie hier auch eine Änderung vornehmen?). Dabei skizziert sie die Figuren stets kindgerecht und streut Dialoge in die Handlung ein, um so die Motivation der Charaktere zu verdeutlichen. Damit schafft sie für mich als Vorleser die Grundlage, meinen Vortrag interessanter und abwechslungsreicher zu gestalten, als es mir bei einer bloßen Nacherzählung möglich gewesen wäre. Auch Christa Unzner bleibt bei ihren Illustrationen ganz beim Tanz. Ihre Figuren scheinen direkt dem weltbekannten Ballett entsprungen zu sein – entsprechen doch Haltung und Gestik ganz diesem Habitus. Mit flinken Strichen erzeugt sie bei den Figuren Dynamik. Ihre Szenerien verleugnen nie den Bezug zur Bühne: Mit einem atmosphärischen Setting, farbenfrohen Kostümen und einer stimmungsvollen „Beleuchtung“ verstärkt sie noch diesen Eindruck.

Für DER MESSIAS schuf Rudolf Herfurtner eine ganz neue Rahmenhandlung um den kleinen Anton, der sich mit seinem Großvater auf den Weg durch einen dunklen Wald macht, um einer Aufführung eben jenen Werkes von Georg Friedrich Händel in der großen Kirche des Nachbarortes zu lauschen. Während des Konzerts nickt Anton ein und träumt sich nach Bethlehem zu Jesus Geburt. Mit einer ganz und gar wunderbaren Ruhe erzählt der Autor diese reizende, beinah melancholische Geschichte und legt dabei besonderes Augenmerk auf die liebevolle Beziehung zwischen Anton und seinem Opa. Die Illustrationen von Anna Severynovska nehmen diese Ruhe auf. Beinah glaubte ich, die Stille eines verschneiten Winterabends wahrnehmen zu können. Ihre Bilder überzeugen sowohl durch ihre Klarheit als auch durch Detailreichtum. Besonders beeindruckend gelangen der Künstlerin die Gesichter der Figuren, die von einer ergreifenden Lebendigkeit sind.

Bei DAS WEIHNACHTSORATORIUM stammte die Rahmenhandlung ebenfalls aus der Feder von Rudolf Herfurtner. Hier begleiten wir den Jungen Thomas, wie er in der Adventszeit des Jahres 1734 die Bekanntschaft mit Johann Sebastian Bach macht, der als Kirchenmusiker und Kantor mit dem Thomanerchor sein neustes Werk zur Aufführung bringt. Thomas ist ganz beseelt, dass er als Kerzenjunge gemeinsam mit dem Chor auf der Empore der Kirche stehen und dieser einzigartigen Musik lauschen darf. Gekonnt verwebt der Autor die historische Fakten mit seiner Fiktion, verheimlicht dabei aber nicht die sozialen Missstände, unter denen die Kinder damals zu leiden hatten. Die Künstlerin Maren Briswalter schuf dafür zarte, beinah sphärische Illustrationen in einem Sepia-Ton, die an alte, verblasste Fotografien erinnern. Die Welt des 18. Jahrhunderts – insbesondere bei den historischen Bauwerken – zeigt sie ebenso detailreich, wie die Kargheit, denen die Menschen damals ausgesetzt waren.

Mit MUSIKALISCHER WEIHNACHTSZAUBER hat der Verlag einen ganz bezaubernden Sammelband geschaffen: Jedes, der hier genannten musikalischen Werke, ist absolut herausragend, und es war mir eine wahre Freude, die traumhaften Kompositionen in Kombination mit einer gelungenen literarischen wie visuellen Umsetzung wiederentdecken zu dürfen.


Anmerkung bzgl. STREAMEN:

Leider bin ich alter Zausel zu dusselig, um auf der Homepage des Verlages die Hörbücher mit Musik freizuschalten. Nachdem ich mehrmals im Rahmen der Anmeldung bei der Eingabe von Benutzername und/oder Passwort gescheitert bin, habe ich ermattet aufgegeben. So kann ich leider nichts über die Qualität der Sprecher sagen. Da der Verlag allerdings bei den Musikaufnahmen auf das Archiv des renommierten Klassik-Labels NAXOS zurückgreifen konnte, bin ich mir sehr sicher, dass die musikalische Umsetzung gelungen ist. Ich selbst habe – nach dem Anmelde-Debakel – ganz entspannt auf meine eigenen CDs zurückgegriffen und mir die Geschichten selbst vorgelesen. 😊


erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219120486
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Kolumne] FEHLBESETZT: …zur falschen Zeit am falschen Ort?!

Ich glaube, jeder literaturbegeisterte Mensch kennt folgende Situation: Der Lieblingsroman wurde verfilmt. Gespannt und voller Vorfreude eilt man ins Kino und hofft auf eine wundervolle Literaturverfilmung. Doch je länger der Film andauert, umso mehr stellt sich Unmut ein. Da wurde die Rolle der so innig geliebten Heroin mit einer farblosen Schauspielerin besetzt, und auch der über alles verehrte Romanheld wird von irgendeinem talentfreien Schönling gemimt. Voller Wut stürmt man aus dem Kino, und auf dem Weg zum Auto heult man verzweifelt zum Mond hinauf:

„Welcher dilettantische Vollidiot war nur
für diese eklatante Fehlbesetzung verantwortlich?“

Na? Findet sich die eine oder der andere von euch in meinen Worten wieder? Also, mir ist dies durchaus schon widerfahren, dass die Verfilmung eines Romans (oder zumindest einige Komponenten davon) so absolut nicht mit dem übereinstimmte, wie ich es mir beim Lesen so schön in meiner Phantasie erdacht hatte. Zugegeben: Es kam bisher selten vor, da ich glücklicherweise einen Film als eigenständiges Medium/Kunstwerk ansehe und selten mit der Romanvorlage vergleiche. Doch es kam vor…!


Manchmal ergeht es mir ähnlich, wenn ich mir Einspielungen von musikalischen Bühnenwerken anhöre. Natürlich spielt hier immer auch der persönliche Geschmack eine entscheidende Rolle: Es gibt eben Singstimmen, die mich mehr ansprechen als andere. Dabei kommt es mir nicht unbedingt auf den reinen Schöngesang an. Oftmals sind es die kleinen Brüche in der Stimme, die Emotionalität beim Vortrag oder die Schlichtheit im Ausdruck, die mich ganz besonders berühren. Und trotzdem ich mich immer um Objektivität und Fairness bemühe, sitze ich manchmal vor meinem CD-Player, schüttle ratlos den Kopf und stelle mir (in abgemilderter Form) die obige Frage.

Hier einige Beispiele:

MY FAIR LADY – Teil 1

Am 25. Oktober 1961 hob sich im Berliner Theater des Westens der Vorhang für die deutschsprachige Erstaufführung des Erfolgsmusicals MY FAIR LADY, das einen wahren Siegeszug durch die Republik machen und so den Weg für kommende Musical-Produktionen ebnen sollte. Die Musicalausbildung steckte damals noch nicht einmal in den Kinderschuhen, im Gegenteil: sie hatte selbst das Embryonalstadium noch nicht erreicht. Darum kann man es nicht zu hoch bewerten, dass es dem damaligen Produktions-Team gelungen war, eine Besetzung zusammenstellte, die die Partien kongenial ausfüllte. Mit einer Ausnahme…! Über die Gründe, warum Rex Gildo für die Rolle des Freddy Eynsford-Hill verpflichtet wurde, kann ich nur spekulieren. Ich tippe auf Gründe zum Zwecke der Werbung: Vielleicht wurde gehofft, dass mit ihm, einem damals sehr populären Schlager-Star, auch ein jüngeres Publikum ins Theater gelockt wird. Neben den gelungenen Interpretationen von Karin Hübner (Eliza Doolittle), Paul Hubschmid (Henry Higgins), Friedrich Schönfelder (Oberst Pickering) und Alfred Schieske (Alfred P. Doolittle) wirkt seine Darbietung – zumindest auf der deutschen Originalaufnahme – sehr unpersönlich, steif, farblos, – Ja! – beinah steril. Es scheint mir so, als wäre er mit der Aufgabe, einen glaubwürdigen Bühnencharakter auf die Bretter zu stellen, überfordert gewesen. Ein vorliegendes Programmheft aus der Premieren-Saison 1961/1962 offenbarte mir, dass Rex Gildo nicht sehr lange an der Produktion beteiligt war und recht schnell durch den jungen Sänger Arne Lindner ersetzt wurde, der diese Rolle über einige Jahre spielen sollte.

MY FAIR LADY – Teil 2

In den 60er und 70er Jahren waren große musikalische Querschnitte von Opern, Operetten und Musicals auf Schallplatte äußerst populär und boten den Plattenfirmen die Möglichkeit, ihre Publikumslieblinge vielseitig zu besetzten. Da gibt es durchaus einige Schmankerl zu entdecken aber ebenso viele Kuriositäten zu bestaunen. Die Berliner Original-Aufnahme von MY FAIR LADY verkaufte sich „wie warme Schrippen“ und bescherte der Produktionsfirma Philips üppige Umsätze. So ließ es sich auch Polydor nicht nehmen, schon kurz nach der deutschsprachigen Erstaufführung einen „großen Musical-Querschnitt“ zu veröffentlichen und diesen auf dem Cover vollmundig mit „Die deutsche Idealbesetzung“ zu bewerben. Idealbesetzung??? Diese Einspielung kann – trotz bekannter Namen – nicht annähernd der deutschen Originalaufnahme das Wasser reichen. Entertainer Peter Alexander übernahm den Part von Henry Higgins und bleibt doch stets Peter Alexander: Bei „Kann denn die Kinder keiner lehren, wie man spricht“ wurde der Text entsprechend angepasst, damit Alexander sich durch die div. Dialekte parodieren konnte, und auch bei den anderen Songs driftet er immer wieder in Richtung Klamauk ab. Die Rolle der Eliza teilen sich hier gleich zwei Künstlerinnen: Während Kabarettistin Cissy Kraner sich als „Blumenmädchen“ unangenehm durch die Noten keift, wirkt die Interpretation von Sopranistin Herta Talmar als „Lady“ recht geziert. Zudem frönt sie bei einigen Songs dem Sprechgesang mit einer gewöhnungsbedürftigen Betonung. Sándor Kónya als Freddy Eynsford-Hill ist mit seinem schönen, kraftvollen Tenor deutlich näher dem grünen Hügel als der Wimpole Street. Einzig Willy Millowitsch kommt mit seiner Interpretation von „Bringt mich pünktlich zum Altar“ der Rollenvorgabe des Alfred P. Doolittle am Nächsten. Allerdings durfte er leider nur diesen einen Song singen: „Mit ’nem kleenen Stück vom Glück“ wurde bedauerlicherweise dem Star der Aufnahme Peter Alexander zugeschustert.

DIE FLEDERMAUS

Apropos „zum Zwecke der Werbung“: Anders kann ich mir das Mitwirken von Iwan Rebroff bei einer Einspielung der beliebten Operette DIE FLEDERMAUS aus dem Jahre 1976 nicht erklären. Alle anderen Partien wurden mit wahren Könner*innen ihres Fachs (Julia Varady, Lucia Popp, Hermann Prey, René Kollo und Bernd Weikl) besetzt, die sowohl gesanglich Erlesenes bieten als auch in den Dialogen durch Spielfreude überzeugen. Iwan Rebroff hingegen singt und spricht in der Rolle des Prinzen Orlofsky (im Original eine Hosenrolle für eine Mezzosopranistin/ in jüngerer Zeit auch gerne mit einem Countertenor besetzt) in einem für mich nur schwer zu ertragenen Falsett, dem es leider an Volumen mangelt. Zudem wirkt seine Interpretation mit den vielen Schlenkern und Kieksern unangenehm affektiert, tuntig und somit wenig überzeugend. Leider kann man Herrn Rebroff und seiner Stimme – insbesondere ab dem 2. Akt – nicht entkommen, da bei dieser Aufnahme auch an den Dialogen nicht gespart wurde. Doch selbst der versierte Otto Schenk, der für die Dialog-Regie verantwortlich war, konnte in diesem Fall aus einem Klotz keinen Edelstein formen.

WEST SIDE STORY

Dass sich auch viele gute Einzelkomponenten nicht unbedingt zu einem zufriedenstellenden Gesamtergebnis vereinen, zeigt allzu deutlich die Studioaufnahme der WEST SIDE STORY aus dem Jahre 1985. Unter der musikalischen Leitung des Meisters Leonard Bernstein höchstpersönlich versammelte sich eine illustre Riege der damals hochkarätigsten Opernstars. Jeder Opernfreund, der vielleicht mit dem Genre Musical eher fremdelt, wird Jubelschreie der Verzückung ausgestoßen und sich gefreut haben, dass die weltbekannten Songs eines weltbekannten Musicals endlich durch den wunderschönen klassischen Gesang weltbekannter Opernsänger geadelt wurde (Als wenn dieses Werk es nötig gehabt hätte?!). Doch im Sinne der Werktreue besteht diese Aufnahme leider aus einer einzigen Ansammlung von Fehlbesetzungen: Weder Kiri Te Kanawa als Maria noch José Carreras als Tony konnten ihre jugendlichen Parts überzeugend verkörpern. Während Te Kanawa versucht mit einem übertrieben gerollten R ihrer Artikulation wenigstens einen hispanischen Touch zu geben, um so sich der Rollenvorgabe anzunähern, ist der spanische Akzent bei José Carreras stets so sehr im Vordergrund, dass niemand ihm auch nur annähernd den „all american boy“ abnehmen würde. Marilyn Horn verwandelt mit ihrem reifen Mezzo das zarte Lied „Somewhere“ zur satten Opernarie, und auch Tatiana Troyanos als Anita lässt jugendlichen Esprit vermissen. Zudem hatte irgendjemand (Ich fürchte, es war Papa Leonard Bernstein selbst.) die leidige Idee, die Zwischen-Dialoge von Nina und Alexander Bernstein einsprechen zu lassen. Es war absolut keine gute Idee: Selten habe ich Dialogen gelauscht, die so emotionsarm und bar jeglichen Charismas aufgesagt wurden.

MY FAIR LADY – Teil 3

Auf der Welle des Erfolges wurden mit Kiri Te Kanawa noch zwei weitere Musicals eingespielt, u.a. auch MY FAIR LADY. Leider wiederholte sich hier das, was ich schon bei der WEST SIDE STORY anmerkte. Kiri Te Kanawa singt zwar abermals wunderschön, doch aufgrund ihres reifen vollen Soprans nehme ich ihr das junge Mädchen, das eine Wandlung vom schlichten Blumenmädchen zur eleganten Lady durchlebt, nicht ab. Stichwort „durchleben“: Te Kanawas Interpretation klingt, als würde die große Diva nur so tun, als wäre sie ein einfaches Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen. Gelebte Emotionen sind für mich bedauerlicherweise nicht herauszuhören. Auch der amerikanische Tenor Jerry Hadley lässt in der Rolle des Freddy Eynsford-Hill den nötigen Elan vermissen und intoniert seinen Part in schönster Operetten-Manier. Die Lichtblicke bei dieser Einspielung sind der männlich-markante Henry Higgins von Mime Jeremy Irons und die drollig-kauzige Interpretation des Alfred P. Doolittle durch Warren Mitchell.


MY FAIR LADY – Teil 4

Aber auch auf der Bühne „live & in Farbe“ durfte ich eine mal mehr, mal weniger gravierende Fehlbesetzung erleben. Da ist mir eine „besondere“ MY FAIR LADY in allzu lebhafter Erinnerung geblieben: In der besagten Inszenierung stand ein Sänger als Freddy Eynsford-Hill auf der Bühne, den ich nur als hohle Nuss, als eine absolute Knallcharge betiteln konnte. Mit rollenden Augen, weit ausgebreiteten Armen und rotierenden Hüften säuselte er überkandidelt verliebt mimend „In der Straße, mein Schatz, wo du lebst“. In den gemeinsamen Szenen mit Eliza versuchte er penetrant ein Küsschen von ihr zu erhaschen, während seine bemitleidenswerte Partnerin verzweifelt bemüht war, sich ihm vom Hals zu halten. Da wurde das, was ich an Fremdscham meinte bisher erdulden zu können, in eine neue Dimension katapultiert. Ich saß leidend im Zuschauersaal und schickte voller Verzweiflung eine Myriade an Stoßgebete an alle Musen der darstellenden Künste:

„Wo bleibt er, der Theaterunfall,
wenn man ihn mal braucht?“

Bei der aktuellen Produktion von MY FAIR LADY am Stadttheater Bremerhaven braucht allerdings niemand solche oder ähnliche Peinlichkeiten zu befürchten. Hier erwartet das Publikum die pure Freude…!!! ❤️


Vernehme ich da etwa die Bitte, eine Referenz-Aufnahme zu benennen? Dieser Bitte nachzukommen, könnte sich für mich durchaus schwierig gestalten. Als Liebhaber des Musiktheaters im Besonderen und als Musical-Fan im Speziellen besitze ich von musikalischen Werken natürlich nicht nur eine einzige CD-Einspielung. Vielmehr bin ich da ein unheilbarer Wiederholungs-Täter mit einem massiven Rückfall-Potenzial.

So nenne ich verschiedene Einspielungen bzw. Cast-Recordings mein Eigen: 15x MY FAIR LADY, 13x WEST SIDE STORY und „nur“ 5x DIE FLEDERMAUS. Jede von ihnen hat ihre Vorzüge, und so fällt es mir durchaus schwer, mich hier jeweils auf eine einzige Cast-Aufnahme zu beschränken. 

Aber wenn’s denn partout nicht zu umgehen ist… 😉

  • MY FAIR LADY / Original Broadway Cast 2018 / Musikalische Leitung: Ted Sperling / mit Lauren Ambrose (Eliza), Harry Hadden-Paton (Higgins), Norbert Leo Butz (Doolittle), Diana Rigg (Mrs. Higgins), Allan Corduner (Pickering) und Jordan Donica (Freddy) / erschienen bei Broadway Records / EAN: 888295764834

  • WEST SIDE STORY / Nashville Symphony Orchestra / Musikalische Leitung: Kenneth Schermerhorn / mit Betsi Morrison (Maria), Mike Eldred (Tony), Marianne Cooke (Anita), Robert Dean (Riff) und Michael San Giovanni (Bernardo) / erschienen bei NAXOS /EAN: 636943912621

  • DIE FLEDERMAUS / Royal Concertgebouw Orchestra / Musikalische Leitung: Nikolaus Harnoncourt / mit Werner Hollweg (Einstein), Edita Gruberova (Rosalinde), Christian Boesch (Frank), Marjana Lipovšek (Orlofsky), Josef Protschka (Alfred) und Barbara Bonney (Adele) / erschienen bei TELDEC / EAN: 022924242724

Referenzaufnahmen zu FEHLBESETZT

Hier ein kleiner musikalischer Appetizer:

[Musical] Frederick Loewe – MY FAIR LADY / Stadttheater Bremerhaven

Musik von Frederick Loewe / Buch von Alan Jay Lerner / nach Bernhard Shaws PYGMALION und dem Film von Gabriel Pascal / deutsch von Robert Gilbert / in deutscher Sprache

Premiere: 2. November 2024 / besuchte Vorstellungen: 17. November 2024, 5. Januar 2025, 7. Februar 2025, 13. April 2025 & 11. Mai 2025

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Hartmut Brüsch / Tonio Shiga (05.01. & 07.02.)
INSZENIERUNG Toni Burkhardt
BÜHNE Wolfgang kurima Rauschning
KOSTÜME Susana Mendoza
CHOREOGRAFIE Kati Heidebrecht
DRAMATURGIE Torben Selk
CHOR Edward Mauritius Münch
LICHT Katharina Konopka

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt, Florian Thiel
DANCE CAPTAIN BALLETT Melissa Panetta
DANCE CAPTAIN CHOR Annika Ellen Flindt
INSPIZIENZ Mahina Gallinger


Es war am 5. Juni 1988: Es sollte mein erster Besuch eines Musicals werden. Ich saß mit einer vergünstigten Schülerkarte im zweiten Rang des Theaters am Goetheplatz in Bremen (Bei meinem damaligen Budget, das ich mir durch Zeitungsaustragen verdingte, war Besseres nicht drin.), blickte aus der Vogelperspektive von oben herab über den ersten Rang und das Parkett zur Bühne und wartete gespannt auf das, was mich erwartete. Schließlich war ich als Theaterbesucher noch völlig unbeleckt und konnte diesbezüglich auf keine Erfahrungen zurückgreifen. Alles war für mich neu und aufregend: Die Musiker*innen des Orchesters stimmten ihre Instrumente, während das grelle Schrillen einer Klingel den Beginn der Vorstellung ankündigte. Langsam wurde das Licht gedimmt, und eine vibrierende Spannung bemächtigte sich meiner. Der Dirigent erschien, und das Publikum applaudierte, also applaudierte auch ich. Zu den ersten Takten der Ouvertüre hob sich der Vorhang und gab den Blick frei auf das Bühnenbild, das Covent Garden in London darstellen sollte. Das Spiel begann. Niemals zuvor hatte ich eine verführerische Symbiose, wie diese aus Musik, Text, Gesang, Schauspiel und Tanz, erleben dürfen. Es war um mich geschehen!

Seitdem hat mich das Musicalfieber nie mehr losgelassen, und gerade MY FAIR LADY nimmt hier eine Sonderstellung ein. So sah ich im Laufe der Jahrzehnte auf den Bühnen dieses Landes bisher vier verschiedene Inszenierungen dieses Musical-Klassikers. Doch seit unserem letzten Zusammentreffen mussten satte 21 Jahre verstreichen, bis ich nun der LADY abermals meine Aufwartung machen durfte. Und so schummelte sich mir beim Klang der traumhaften Ouvertüre eine kleine Träne ins Auge – vor Rührung, doch noch vielmehr vor Freude,…


HINWEIS: DIE OBIGE AUFNAHME STAMMTE NICHT AUS DER BESPROCHENEN INSZENIERUNG SONDERN DIENT NUR DAZU, EINEN EINDRUCK VON DER MUSIK ZU VERMITTELN.

Bei seinen Feldstudien vor der Londoner Oper erregt das Blumenmädchen Eliza Doolittle mit ihrer Art zu sprechen die Aufmerksamkeit von Henry Higgins, einem international anerkannter Professor für Phonetik. Als ihr auffällt, dass er sich Notizen macht, protestiert sie und sucht Unterstützung bei Oberst Pickering, der gerade die Oper verlässt. Es stellt sich heraus, dass er, als Fachmann der indischen Dialektik, ein Kollege von Higgins und extra seinetwegen aus Indien nach London gereist ist. Beide beginnen sofort zu fachsimpeln, wobei Higgins erwähnt, dass er – mit Hilfe des richtigen Unterrichts – aus diesem ordinären Blumenmädchen mit Leichtigkeit eine Lady machen könnte. Elizas Aufmerksamkeit ist geweckt. Beim Gehen wirft Higgins Eliza gönnerhaft einige Münzen zu. Eliza ist von diesem unerwarteten „Reichtum“ entzückt und erträumt für sich einige bescheidene Annehmlichkeiten. Auf den Boden der Realität bringt sie ihr Vater Alfred P. Doolittle, der offiziell als Müllkutscher tätig ist, inoffiziell aber lieber in der Kneipe seinen unbändigen Durst stillt und hofft, von seiner Tochter ein paar Münzen schnorren zu können. Am nächsten Tag steht Eliza bei Higgins vor der Tür, um den erwähnten Unterricht zu buchen. Sie träumt von einer Anstellung in einem feinen Blumenladen. Doch Higgins macht sich einen Spaß aus ihrem Ansinnen. Er ist für dergleichen nicht zu haben, selbst nicht gegen Bezahlung, die Eliza ihm anbietet. Wieder geraten die Männer ins fachsimpeln, und schließlich bietet Oberst Pickering eine Wette an: Er würde alle Kosten übernehmen, wenn Higgins es tatsächlich schaffen sollte, Eliza so weit zu bringen, dass niemand – selbst nicht am britischen Hofe – sie als armes Mädchen der Unterschicht erkennen würde. Higgins kann nicht widerstehen und nimmt die Herausforderung an. Eliza sieht ihre Chance auf eine bessere Zukunft und stimmt ebenfalls zu. Das Mädchen wird umgehend im Haus von Higgins einquartiert und erhält von der Hausdame Mrs. Pearce widerstrebend eine optische Rundumerneuerung. Schon am nächsten Tag beginnt ihr Unterricht. Plötzlich steht Elizas Vater vor der Tür und versucht den Herren ein paar Pfund aus der Tasche zu locken. Dabei stellt er sich rhetorisch so raffiniert an, dass Higgins ihn als „originellsten Moralisten“ weiterempfiehlt. Über Wochen ziehen sich die quälenden Sprachübungen hin. Alle sind erschöpft, bis sich plötzlich bei Eliza die ersten Erfolge einstellen. Zur Probe nimmt Higgins sie zum Pferderennen nach Ascot in die Loge seiner Mutter. Mrs. Higgins ist anfangs wenig begeistert von dieser Idee, schließt Eliza aber zunehmend in ihr Herz. Zwar sticht Eliza dank ihrer Natürlichkeit aus der Masse der versnobten Upperclass hervor und erregt so die Aufmerksamkeit des jungen Freddy Eynsford-Hill, doch im Eifer entfleucht ihr ein sprachlicher Fauxpas, mit dem sie die Anwesenden schockiert. Allein Freddy ist von ihr entzückt und begibt sich eilends zum Haus von Henry Higgins, in der Hoffnung mit ihr sprechen zu können. Doch Elizas Drill geht Woche für Woche weiter, und aus dem soziale Rohdiamant entwickelt sich langsam ein funkelnder Edelstein. Auf dem festlichen Botschafterball soll sie sich nun abermals bewähren: Eliza ist absolut reizend und so überzeugend, dass selbst der anwesende Sprachforscher Zoltan Karpathy keinen Makel an ihr erkennen kann. Vielmehr ist ihr Englisch zu exzellent: Karpathy ist davon überzeugt, dass Engländer nie ein so reines Englisch sprechen. Vielmehr findet man dies nur bei Ausländern, und so vermutet er, dass Eliza eine ungarische Prinzessin sein muss. Zurückgekehrt im Haus von Higgins gratuliert Oberst Pickering den Kollegen für seine herausragende Arbeit. Dieser zeigt sich wiederum erleichtert darüber, dass jetzt endlich alles vorbei sei. Eliza, die still danebensteht und zu Recht auf ihre Leistungen stolz sein könnte, wird von den beiden Herren gänzlich übersehen. Sie ist zutiefst verletzt und verlässt noch während der Nacht das Haus. Vor der Tür stolpert sie über den dort wartenden Freddy, der ihr abermals wortreich zu vermitteln versucht, wie sehr er sie liebt. Doch Eliza hat genug von Männern, die nur sprechen und nicht handeln. Da sie nun nicht mehr weiß, wo sie hingehört, zieht es sie zu ihrer alten Heimat. Dort trifft sie ihren Vater, der im Begriff ist, zu heiraten. Aufgrund der Empfehlung von Higgins hat er ein erträgliches Erbe erhalten. Grund genug für seine „Madam“, endlich in den Hafen der Ehe zu schippern, auch wenn Alfred P. Doolittles Begeisterung sich in Grenzen hält. Eliza erkennt, dass sie auch hier keine Zuflucht finden kann, und verabschiedet sich endgültig von ihrem Vater. Am nächsten Morgen ist Higgins außer sich, dass Eliza ohne ein Wort verschwunden ist. Eilends geht er auf die Suche und findet sie bei seiner Mutter, die ihrem Sohn deutlich zu verstehen gibt, wie richtig Eliza gehandelt hat. Eliza bietet ihm die Stirn: Aus der Schülerin ist eine ebenbürtige Persönlichkeit geworden. Geknickt kehrt Higgins zurück und muss sich eingestehen, wie sehr er sie vermisst. Wehmütig schaltet er den Phonografen an und lauscht den Tonaufzeichnungen ihrer Stimme. Da betritt Eliza das Zimmer: Sie ist zurück…!


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…und meine Freude sollte sich im Laufe der Vorstellung weiter stetig steigern. Regisseur Toni Burkhardt und sein Produktionsteam schenkten dem Bremerhavener Publikum eine Inszenierung, die ein permanentes Hochgefühl bei mir auslöste, ein wahres Vergnügen und eine einzige Wonne war. Voller charmanter Ideen und mit witzige Details gespickt, gab es nicht eine einzige Sekunde Langatmigkeit. Alles war im Fluss: Szene für Szene entblätterte sich die Handlung schlüssig vor meinen Augen. Behutsam schraubte Burkhardt an den Rollenvorgaben, drehte hier ein bisschen, regulierte dort ein wenig, um die antiquierte Darstellung der Geschlechterrollen zu mildern. Und doch erkannte ich weiterhin die vertrauten Charaktere. Es war immer noch „meine“ LADY. Gekonnt verschmolz er ganz viel Entertainment mit einem Hauch Drama: Dass er beide Extreme beherrscht, zeigte er in der Vergangenheit sowohl beim Musical HAIRSPRAY (Entertainment) wie auch bei der Oper BREAKING THE WAVES (Drama). Unter seiner Regie wurden beinah unmerklich zwei Neben-Rollen aufgewertet: So stellt er dem dominanten Herren-Trio (Higgins, Pickering, Doolittle) ein selbstbewusstes Damen-Trio (Doolittle jun., Higgins sen., Pearce) gegenüber, das auf Augenhöhe den Kerlen Paroli bot. Bravourös bündelte er die Künstler*innen der unterschiedlichen Sparten (Gesang, Schauspiel, Tanz) zu einem homogenen Ensemble, indem er die Grenzen zwischen den einzelnen Professionen verschwinden ließ.

Das Bühnenbild von Wolfgang kurima Rauschning zeigt ein London wie aus dem Märchenbuch: Die Hintergrundprojektionen, die stilisierte Ansichten der Schauplätze zeigen, erstrahlen phantasievoll in allen Farben des Regenbogens. Dominat in der Mitte der Bühne steht eine Konstruktion in Kombination mit Treppen und Balkone, die – je nach Grad der Drehung – einen Grammophontrichter (Higgins Arbeitszimmer) oder eine Blüte (Außenansichten) darstellen könnte und so schnelle Szenenwechsel ermöglicht. Susana Mendoza schuf stimmige Kostüme: Die Upperclass erschien in einer pastellenen Garderobe, während das einfach Volk eher gedeckte Farben trug. Der Haushalt um Henry Higgins schien in der Zeit um die Jahrhundertwende stehengeblieben zu sein, während Elizas Metamorphose auch anhand ihrer Kostüme (Sonnengelb mit Schwarz/ vom einfachen Blumenmädchen, die ihre Ware in einer Schürze feilbietet, zum eleganten Audrey-Hepburn-Style) zu erkennen war.

Choreografin Kati Heidebrecht brachte das gesamte Ensemble – von den Solisten über dem Chor bis zum Ballett – in Bewegung und schuf auch hier für die einzelnen Gruppen prägnante Bewegungsabläufe: Das einfache Volk tanzte und steppte ausgelassen über die Bühne, der Adel hingegen wurde mit minimalistischen Gesten porträtiert. Auch die talentierten Tänzer*innen vom Ballett waren nicht nur schmückendes Beiwerk. Bei anderen Inszenierungen durfte ich es durchaus erleben, dass das Ballett „mal eben“ zum Tanzen auf die Bühne gescheucht wurde, ansonsten aber nicht präsent war. Hier bereicherten sie die Szenerie als quirlige Straßengaukler oder gefielen als zauberhafte Debütant*innen auf dem Ball.

Mit Hartmut Brüsch stand ein wahrer Kenner und Könner der Materie am Pult vor dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven. Mit Verve brachten die Musiker*innen die bekannten Evergreens zum Erklingen. Schwelgerisch strömten die wunderbaren Melodien über das Ohr direkt in mein Herz und sorgten für ein wohliges Gefühl.

Die Sänger*innen des Chores am Stadttheater Bremerhaven (Leitung: Edward Mauritius Münch) überzeugten abermals sowohl stimmschön als auch durch ihre Wandlungsfähigkeit: Eben noch flott singend durch Londons Straßen getanzt, intonieren sie nur wenige Augenblicke später ganz etepetete die „Ascot Gavotte“.

Robert Tóth und MacKenzie Gallinger waren als HARRY und JAMIE die witzigen Side-Kicks zu ALFRED P. DOOLITTLE. Gallinger gab zudem einen herrlich schmierigen ZOLTAN KARPATHY. Iris Wemme-Baranowski stattete MRS. PEARCE mit der nötigen Contenance aus, war nie nur bloße Hausangestellte, sondern vielmehr das Gewissen von HENRY HIGGINS. Isabel Zeumer präsentierte als MRS. HIGGINS punktgenau ihre Pointen und setzte sich mit mütterlichem Pragmatismus wohltuend von ihren überkandidelten Freunden aus der Upper-Class ab.

Kay Krause porträtierte OBERST PICKERING als liebenswerten Schussel mit viel Verständnis und noch mehr Herz für seine Mitmenschen. Andrew Irwin erschien als FREDDY EYNSFORTH-HILL optisch wie ein Schlager-Star aus den 70ern, mimte glaubhaft den verliebten jungen Mann und bot abermals – wie ich bereits in meinem Beitrag zur ERÖFFNUNGSGALA erwähnte – eine der besten Interpretationen von „Weil ich weiß, in der Straße wohnst du“, denen ich bisher lauschen durfte. Ulrich Burdack gab einen deftig-rustikalen ALFRED P. DOOLITTLE mit amüsanter Bauernschläue, der mit üppigem Bass die Songs intonierte, mit Chor und Ballett flott über die Bühne wirbelte und in seinen Dialogen prägnante Akzente setzte.

Dirk Böhling gelang das Kunststück, seinen HENRY HIGGINS weniger arrogant dafür mehr jungenhaft-naiv wirken zu lassen. Beinah unbedarft pfefferte er seine Unverschämtheiten raus und wunderte sich über die Reaktionen seiner Mitmenschen. Doch gerade diese jungenhafte Naivität sicherte ihm die Sympathie des Publikums. Den Sprechgesang mit seinen durchaus herausfordernden Passagen bewältigte er meisterhaft.

Ihm zur Seite stand die beste ELIZA-Darstellerinnen, die ich bisher auf einer Bühne sehen durfte: Victoria Kunze. Mit einer immensen Spielfreude stürzte sie sich in die Rolle und verkörperte die schnoddrige Straßengöre ebenso glaubhaft wie die gereifte junge Frau. Dabei gelangen ihr die humoristischen Passagen nicht minder brillant wie die ernsteren Szenen. Auch gesanglich bot sie absolut Erlesenes: In ihren Songs lieferte sie mit ihrem wunderschönen Sopran ein Highlight nach dem anderen ab und ließ dabei so manche prominentere und auf CD verewigte Rollenvorgängerin ziemlich blass aussehen. Hochachtung!

Hochgefühl: Genau dieses hatte sich meiner bemächtigt und sollte mich auch lange begleiten. Beim Standing Ovation klatschte ich mir enthusiastisch die Hände wund und brüllte mir mit Bravo-Rufen die Kehle heiser. Doch ich war so selig: Nach 21. Jahren war „meine“ LADY – frisch wie eh und je – in einer fulminanten Inszenierung zu mir zurückgekehrt.


Nachtrag zum 11. Mai 2025: Da flog beim Schlussapplaus der Dernière zu MY FAIR LADY der originale Elbsegler von ALFRED P. DOOLITTLE alias Ulrich Burdack über mich hinweg in die Weiten des Zuschauersaals, um dann – dank deutlicher Nennung des Adressaten – doch noch bei mir zu landen. Nun geht der kleine lädierte Segler in die wohlverdiente Rente und wird ein gemütliches Nest bei mir erhalten.

Mein lieber Ulrich! Nochmals herzlichen Dank für das schöne Souvenir. Ich habe mich so sehr gefreut! 😍

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Mit der Dernière endete die erfolgreiche Aufführungsserie des weltbekannten Musicals am Stadttheater Bremerhaven nach 18 nahezu ausverkauften Vorstellungen, bei denen ich an 5 Terminen dabei sein durfte. Bisher hatte mich noch keine andere Produktion so durch eine Saison (von November bis Mai) begleitet wie diese MY FAIR LADY. Jedes Mal war es mir ein Fest, bei dem ich den Alltagsstress sowie meine Sorgen und Schmerzen für einige wertvolle Stunden vergessen konnte.

Für die Freude, die mir (und sicherlich auch vielen weiteren Zuschauern) bereitet wurde, möchte ich mich bei allen Beteiligten von ganzem Herzen bedanken. 💖


Lust auf einen Probeneinblick? Hier ist er: Andrew Irwins Version von „Weil ich weiß, in der Straße wohnst du“ mit Tonio Shiga am Klavier und Iris Wemme-Baranowski als Mrs. Pearce,…

…oder wir werfen Harald Witt, dem technischen Oberinspektor am Stadttheater Bremerhaven, während der Generalprobe zu MY FAIR LADY einen Blick über die Schulter,…

…aber vielleicht habt ihr ja auch Lust mit Kati Heidebrecht die Choreografie zu „Mit ’nem kleenen Stückchen Glück“ zu lernen.


„Es grünt so grün“: Noch bis zum Mai 2025 lässt MY FAIR LADY am Stadttheater Bremerhaven sowohl Spaniens Blüten als auch die Herzen des Publikums erblühen.

[Rezension] C.H.B. Kitchin – DAS GEHEIMNIS DER WEIHNACHTSTAGE

„Eine Detektivgeschichte
ist jedes Mal auch so etwas wie eine Étude de mœurs,
eine Studie des Verhaltens ganz gewöhnlicher Menschen
in ungewöhnlichen Umständen.“

…philosophiert der Held am Ende der Geschichte. Doch bis diese Erkenntnis zu ihm durchdrang, war es ein langer, beschwerlicher Weg.

Abermals legt der Klett-Cotta Verlag – pünktlich zum Weihnachtsfest – einen passenden klassischen Kriminalroman vor und hat mit dieser Wahl wieder ein äußerst glückliches Händchen bewiesen.

Clifford Henry Benn Kitchin wurde am 17. Oktober 1895 in Harrogate, Yorkshire, geboren und wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf. Ein großes Erbe ermöglichte es ihm, seine Zeit dem Schreiben und einer Vielzahl an Beschäftigungen zur Zerstreuung zu widmen. Wer allerdings annimmt, er wäre nur einer dieser verwöhnten und versnobten Müßiggänger, der irrt gewaltig. Kitchin verfügte über einen brillanten Intellekt, war ein Avantgarde-Dichter und beschäftigte sich mit Linguistik. Seine ersten beiden Romane wurden zwar gut rezensiert, doch der öffentliche Beifall blieb aus. So beschloss er, eine Detektivgeschichte zu schreiben, um eine breitere Leserschaft zu erreichen. „Der Tod meiner Tante“ erschien 1929 und wurde schnell zum Bestseller. Es sollten noch drei weitere Kriminalromane um den Börsenmakler (hauptberuflich) und Amateurdetektiv (nebenberuflich) Malcolm Warren geben. In seiner vierzigjährigen Karriere schrieb und veröffentlichte Kitchin weitere Romane, die zwar von der Kritik gefeiert wurden aber nie an die Popularität der Malcolm Warren-Krimis heranreichen sollten. Ein Umstand, der Kitchin äußerst verärgerte…!

„Mörder, so sagt man, sind oft die charmantesten Charaktere.“ Es weihnachtet sehr in der Beresford Lodge in Hampstead, unweit von Londons Zentrum. Malcom Warren, ein Börsenmakler, wird von einem seiner Klienten zu einer Weihnachtsparty eingeladen. Eine Gruppe von Bekannten und die einigermaßen komplizierte Familie des Klienten kommt zusammen, feiert ausgelassen, spielt Spiele. Doch als Warren am Weihnachtsmorgen im Gästezimmer aufwacht, findet er eine Leiche. Die Gesellschaft steht unter Schock. Handelt es sich um einen Unfall? Der Hang zum Schlafwandeln der zu Tode gekommenen Frau legt dies erst einmal nahe. Als aber ein zweiter Mord geschieht, wird die Unfalltheorie sehr schnell ausgeschlossen. Der Mörder muss einer der Bewohner oder der Gäste des großen Hauses sein – aber wer? Wer hat ein Motiv an Weihnachten zu morden? Malcolm Warren, so scheint es, soll alles in die Schuhe geschoben werden. Und so wird er gezwungenermaßen selbst zum Ermittler. Kann er den Fall lösen, bevor Weihnachten vorbei ist?

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Der Klett-Cotta Verlag schickt von dem eingangs erwähnten Krimi-Quartett den zweiten Roman ins vorweihnachtliche Rennen um die Gunst der Leserschaft, und schenkt uns abermals eine Rarität aus dem goldenen Zeitalter der britischen Kriminalromane. Kitchin war ein extrem talentierter Autor, der in bester „Whodunit“-Manier seine Geschichte aufbaute. Dabei schuf er mit dem Börsenmakler Malcolm Warren einen sympathischen Antihelden, der weit entfernt ist vom potenten Superhirn. Vielmehr wird unser Held von (Selbst-)Zweifeln geplagt und ist bei weitem nicht der Typ, der spontan heroische Taten begeht. Damit bleibt er mit mir als Leser immer auf Augenhöhe: Nie weiß er mehr als ich.

So ambivalent wie unser Held sind auch die div. Nebenfiguren, die mal mit mehr, mal mit weniger ansprechenden Charakterzügen ausgestattet wurden. Gut und Böse, schwarz und weiß, hell und dunkel vermischen sich und erschweren so das Miträtseln nach der Lösung. Wer ist der Mörder oder die Mörderin? Jede*r oder kein*r käme in Verdacht! Und könnte das Opfer nicht auch gleichzeitig ein Täter sein?

Der Autor baut die Spannung sehr subtil auf, indem er nie dann „zuschlägt“, wenn ich es als versierter Krimi-Leser erwarte. Vielmehr präsentiert er die Taten beinah unvermittelt. Auch gestaltet er die Beziehungen der handelnden Personen sehr vielschichtig und lässt in den Dialogen bedeutsame Untertöne anklingen. So meinte ich, in den Dialogen zwischen Malcolm Warren und einem der anwesenden Gäste sowie zwischen ihm und dem ermittelten Inspektor dezente homoerotische Schwingungen wahrzunehmen. Wobei natürlich durchaus die Möglichkeit besteht, dass ich, im Wissen um die Homosexualität des Autors, dies auch nur hineininterpretiert habe. Doch diese kleine Pikanterie sei mir bitte verziehen.

Zudem bietet dieser Roman eine Besonderheit, ein Extra, einen Bonus oder auch – wie der Autor es benennt – „Ein kurzer Katechismus“: Nach Beendigung der Geschichte lässt Kitchin einen imaginären Leser die Hauptfigur interviewen. All die Fragen, die bisher unbeantwortet blieben, all die losen Enden, die nicht verknüpft wurden – hier gibt es die Möglichkeit, auch die allerletzte Ungereimtheit aus dem Weg zu räumen. Eine solche überraschende wie außergewöhnliche Vorgehensweise habe ich zuvor bei keinem anderen Kriminalroman erleben dürfen. Der Autor bleibt seiner Leserschaft nichts schuldig.

C.H.B. Kitchin ist ein Name, den ich mir unbedingt merken muss, und so hoffe ich sehr, dass der Klett-Cotta Verlag auch die drei noch fehlenden Romane rund um Malcolm Warren veröffentlicht. Es würde mich freuen…!


erschienen bei Klett-Cotta / ISBN: 978-3608966398 / in der Übersetzung von Dorothee Merkel
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Kerstin Hau – DAS LIED DES ENGELS/ mit Illustrationen von Selda Marlin Soganci

„Bald ist Weihnachten. Auf der Erde träumt jeder Käfer,
jede Katze und jedes Kind von großen Wünschen.
Andernorts träumt ein kleiner Engel von großen Taten…“

Ganz fein und zurückhaltend kommt diese Geschichte daher. Da gibt es kein großes Getöse, keinen lauten Wumms oder sonstigen Krawall, der die Aufmerksamkeit für sich einfordert. Nein, hier geht Autorin Kerstin Hau sehr leise zu Werke. Sie kreierte eine Geschichte, die gerade aufgrund ihrer Schlichtheit ganz besonders mein Herz berührt. Wie so oft bei mir sind es nicht die Bücher, die mit plakativen Mitteln versuchen auf ihre Botschaft aufmerksam zu machen. Dabei wirken die dort eingesetzten literarischen Mittel beinah wie eine billige Neon-Reklame, die grell blinkend immer wieder betont „Huhu! Hier kommt die Botschaft!“.

Engel helfen den Menschen auf vielfältige Weise: Sie trösten, beschützen oder heilen. Nur ein kleiner Engel kann seine Bestimmung einfach nicht finden. So gern möchte er den Menschen helfen. Am Weihnachtsabend dann erklingt eine Melodie, die alle Menschen froh macht – es ist das Lied des Engels. Mit einem Mal spürt er: Seine Gabe ist es, das Wunder der Weihnacht zu den Menschen zu bringen, um ihre Herzen zum Leuchten zu bringen.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages bzw.
dem Klappentext des Buches entnommen!)

Ⓒ Kerstin Hau. DAS LIED DES ENGELS – Illustration Selda Marlin Soganci (1)

In Kerstin Haus Geschichte geht es „nur“ um einen kleinen Engel, der für sich noch nicht herausgefunden hat, was seine Bestimmung ist. Auf seiner Suche muss er keine spektakulären Abenteuer bestehen oder sich großen Gefahren aussetzten: Er darf sich bei den großen Engeln, die z. Bsp. als Trostengel, Schutzengel oder Heilengel den Menschen beistehen, erproben, um so besser entscheiden zu können, welche Bestimmung zu ihm am besten passt.

Da ergeht es diesem kleinen Engel nicht anders als es uns ergangen ist: Wer von uns wusste als Kind schon, was seine Bestimmung ist. Auch wir mussten uns in unserem Leben oftmals erproben und so manches Mal den einen oder anderen Umweg in Kauf nehmen, bis wir dort gelandet sind, wo wir hingehören.

Wenn wir dort gelandet sind, wo wir hingehören! Manche von uns sind leider ein Leben lang auf der Suche oder haben sich notgedrungen mit den aktuellen Begebenheiten arrangiert. Doch auch uns spricht diese Geschichte Mut zu, die Suche nicht aufzugeben. Dabei muss es nicht immer die große, allumfassende Veränderung sein. Manchmal genügen nur kleine Neuerungen, um das eigene Leben wieder erfüllter werden zu lassen. So ist diese Geschichte auch ein Plädoyer an uns Erwachsene, uns eine kindliche Neugier zu bewahren und das Große im Kleinen zu wagen.


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Selda Marlin Soganci hat bei ihren Illustrationen einen ganz eigenen, ganz besonderen Stil, der in der Wahl ihrer „Leinwand“ begründet liegt. Sie verwendet als Untergrund Fichtenholz, auf dem sie mit Gouache und Stiften malt. Als ich von dieser Technik erfuhr, hatte ich ein wenig bedenken, dass bei den Illustrationen die Holzmaserung dominieren und das Bild somit zu rustikal erscheinen könnte. Meine Bedenken waren völlig unbegründet: Leicht und zart verschmelzen die Farben mit dem Holz und schaffen so eine ganz eigene Optik.

Die Maserung dieses Naturprodukts bleibt zwar stets sichtbar, steht aber nicht im Kontrast zu den filigranen Zeichnungen, die von phantasievolle Figuren bevölkert werden. Jeder Engel erhält von der Künstlerin seine persönliche, außergewöhnliche Erscheinung, die mit vielen witzigen Details begeistert.

Die besten Bilderbücher sind eben die, die Klein und Groß, Jung und Alt gleichermaßen ansprechen: Dies ist eine zauberhafte kleine Geschichte über das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten!


erschienen bei NordSüd / ISBN: 978-3314107016
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Lesung] Ingrid Pfeiffer – DIE KÖCHIN ODER DAS FEUER IM MOOR / Gemeindebücherei Ritterhude

Lesung: 6. November 2024

Gemeindebücherei in Ritterhude


Regionalkrimis sprießen seit einigen Jahren wie Pilze aus dem Boden und ergießen sich inflationär sowohl über die Leser- wie auch Landschaft. Beinah scheint es so, dass jedes Kuh-Kaff eine*n eigene*n literarische*n Ermittler*in vorweisen muss. Da reicht es dann nicht mehr, dass die Handlung in einer bestimmten Region spielt: Vielmehr müssen geografische Gegebenheiten so detailliert beschrieben werden, dass die Fans voller Freude zum Ort des Geschehens pilgern können, um sich dort auf die Spuren ihrer Held*innen zu begeben. Was – bitteschön – kann nun Ingrid Pfeiffer vorweisen, was nicht schon etliche Schreiberlinge vor ihr erledigt hätten? Kriminalromane, die in der norddeutschen Flachebene spielen, gibt es doch wahrlich zur Genüge.

Im Grunde ist es ganz einfach: Frau Pfeiffer hat für sich eine Marktlücke entdeckt, die sie seitdem souverän ausfüllt. Sie schreibt historische Regionalkrimis um eine junge Frau namens Line, die Ende des 18. Jahrhunderts als Köchin in Bremen bei einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie arbeitet, den Moorkolonisten Früllerk heiratet und ihm ins Teufelsmoor folgt. Dort stolpert die selbstbewusste Frau immer wieder über mysteriöse Todesfälle und bringt sich mit ihren Nachforschungen selbst in Gefahr.

Meine obigen Worte klingen durchaus etwas lapidar und erwecken den Eindruck, als hätte Frau Pfeiffer voller Kalkül ihre Romane geschrieben, um für sich eine möglichst üppige Scheibe vom lukrativen Kuchen der Regionalkrimis abzuschneiden. Doch mit dieser Unterstellung würde ich ihr Unrecht tun. Bei der Lesung stellte sich uns eine Autorin vor, die mit sehr viel Herzblut ihre Geschichten verfasst hat. Dabei legte sie besonderen Wert auf historische Genauigkeit. Akribisch hat sie dafür recherchiert, um so exakt wie möglich Rituale, Abläufe und Handreichungen der damaligen Zeit zu beschreiben und diese so vor dem Vergessen zu bewahren. Auch lässt sie jeden ihrer Romane zu einer anderen Jahreszeit spielen: So findet auch der Einfluss der veränderten Wetterbedingungen auf den Tagesablauf der Moorbauern in ihren Geschichten eine nicht unwesentliche Erwähnung. Zudem schuf sie mit Line und Früllerk ein für damalige Verhältnisse sehr modernes Paar, für das ihre eigenen Großeltern Pate standen.

Bei der Lesung in der Gemeindebücherei in Ritterhude stand vornehmlich der letzte Band DIE KÖCHIN ODER DAS FEUER IM MOOR im Vordergrund, die Ingrid Pfeiffer mit viel Persönlichkeit gestaltete. Sie mag nicht die beste Vorleserin sein, doch verwandelt sie mit ihrem sympathischen Auftreten dieses „Manko“ zu ihrem Vorteil. Während ihrer Lesung „switcht“ sie durch ihre Geschichte, gibt Verweise auf die vorherigen Romane, macht auf Besonderheiten in der Handlung aufmerksam und reicht passende Requisiten als Anschauungsobjekt ins Publikum. Somit war dies auch weniger eine klassische Lesung als vielmehr ein Vortrag, in dem Textstellen aus dem Roman eingebunden wurden.

Apropos Publikum: Diesem ist sie sehr zugewandt. So verwundert es kaum, dass sich im Laufe der Jahre ein kleiner Kult um die rührige Schriftstellerin entwickelt hat und auch bei dieser Lesung ein Gefolge treuer Anhänger*innen im Auditorium saß. Doch unabhängig ob treue Leserschaft oder Erst-Täter: Sie begegnet ihrem Publikum stets mit Humor und sehr viel Charme.

Für mich war es zudem eine Freude nach Jahrzehnten einmal wieder in den Räumlichkeiten der Gemeindebücherei Ritterhude sein zu dürfen: In den 70er Jahren eröffnete die Gemeindebücherei erstmals seine Tür in einem ehemaligen Klassenzimmer der Grundschule in Ritterhude. Ich war ein Ausleiher der ersten Stunde, da ich zur damaligen Zeit selbst noch Schüler der besagten Schule war. Die Gemeindebücherei wurde mein Buch-Paradies, mein Lese-Eldorado, mein Zufluchtsort, die ich nur allzu gerne in den Pausen oder nach dem Unterricht aufsuchte, um mich mit ausreichend Lesestoff zu versorgen. Zumal die Ausleihe für Kinder und Jugendliche damals kostenfrei war (und auch heute noch ist). Wahrlich paradiesisch…!


Informationen zu ihren Romanen und Termine zu den Lesungen findet ihr auf der HOMEPAGE von Ingrid Pfeiffer. Auch in der Gemeindebücherei Ritterhude finden immer wieder interessante VERANSTALTUNGEN statt.