[Rezension] SCHAURIGE WEIHNACHTEN. Klassische Horror- und Geistergeschichten/ ausgewählt von Jochen Veit

Wenn die Dunkelheit früh hereinbrach, der Wind unheimlich um das Haus heulte und die Schneeflocken wilde Tänze vollführten, dann saßen im England der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, dem so genannten viktorianischen Zeitalter, die Menschen am Weihnachtsabend gerne am prasselnden Kaminfeuer beisammen und erzählten sich Schauergeschichten. Wurden die Geschichten anfangs nur mündlich weitergetragen, fanden mit der steigenden Popularität gedruckter Zeitungen und Zeitschriften die Gothic Novels eine weitverbreitete Anhängerschaft.

Sieben dieser klassischen Horror- und Geistergeschichten hat Herausgeber Jochen Veit in SCHAURIGE WEIHNACHTEN vereint: Amelia B. Edwards lässt in DIE GEISTERKUTSCHE einen im Schneesturm verirrten jungen Mann in eine unheimliche Mitfahrgelegenheit steigen. Bei Arthur Conan Doyle treibt DER CAPTAIN DER POLE STAR mit seinem unberechenbaren Verhalten seine Besatzung beinah zur Meuterei. In DAS ALTE PORTRÄT von Hume Nisbet verbirgt sich hinter den vielen Farbschichten eines alten Bildes das Porträt einer nach Blut dürstenden jungen Dame. Bei Lettice Galbraith verbirgt DAS BLAUE ZIMMER ein tödliches Geheimnis, dem nur Frauen zum Opfer fallen, die es wagen, dort eine Nacht zu verbringen. DAS OMEN DES SCHATTENS beschwört Edith Nesbit herauf, indem bei ihr das Böse fließend von Schatten zu Schatten husch, um dort ihrem Opfer aufzulauern. DER SEESACK eines Mörders beginnt in der Geschichte von Algernon Blackwood ein höchst gruseliges Eigenleben zu führen. In D.H. Lawrences WER ZULETZT LACHT, lacht niemand am besten. Vielmehr wirkt hier das Lachen äußerst bedrohlich.

Jochen Veit hat hier eine feine Auswahl an Erzählungen getroffen, wo jede ihren Grusel aus einer anderen Quelle bezieht. Dies macht einerseits diese Anthologie so abwechslungsreich, andererseits wird auch gekonnt mit den Ängsten der Leser*innen gespielt, da suggeriert wird, dass das Grauen überall auf der Lauer liegen könnte. Dabei dienen das Weihnachtsfest und der Winter als Jahreszeit eher nur als atmosphärische Kulissen und nehmen weniger einen entscheidenden Einfluss auf den Ablauf der Geschichten.

Ich mag sehr gerne den Erzählstil der damaligen Zeit, der einen sehr eigenen Sprachduktus aufweist: Da wird mit Andeutungen gearbeitet, Nebensächlichkeiten erregen Aufmerksamkeit, hinter Alltäglichem wird der Horror vermutet. Zudem waren die Autor*innen von Damals durch das Schreiben der Fortsetzungsgeschichten für die bereits erwähnten Zeitungen und Zeitschriften so gut geschult, dass sie ganz genau wussten, was zu tun ist, um sich Folge für Folge die Aufmerksamkeit der Leserschaft zu sichern.

Dabei spielte es für mich keine Rolle, ob ich alles in den Geschichten nachvollziehbar fand: Gerade das Unvorhersehbare, das Unerklärliche, das Irrationale lösten bei mir den größten Schauer aus.


erschienen bei Anaconda / ISBN: 978-3730614044 / in der Übersetzung von Marion Herbert, Heike Holtsch und Jochen Veit

[Rezension] MEINE LIEBSTEN WEIHNACHTSGESCHICHTEN/ herausgegeben von Dirk Böhling

Im Mai dieses Jahres stand Dirk Böhling noch als Prof. Henry Higgins im Musical MY FAIR LADY auf der großen Bühne des Stadttheaters Bremerhaven, nun macht er sich auf den Weg, um die kleineren Bühnen zwischen Bremen und Bremerhaven (und alles, was drumherum liegt) zu erklimmen und das Publikum mit seiner musikalischen Weihnachtslesung zu erfreuen.

Passend zu dieser Tournee erschien mit MEINE LIEBSTEN WEIHNACHTSGESCHICHTEN ein Buch mit 40 Geschichten und Gedichten. 40 Beiträge auf (netto) 100 Seiten verteilt: Das nenne ich mal ein sportliches Unterfangen. Zwangsläufig zogen in dieser Anthologie die knappen, kurzen und prägnanten Werke ein: Geschichten, die manches Mal eher wie Anekdoten wirken, sowie launige Gedichte.

Neben vier Geschichten aus seiner eigenen Feder hat Böhling eine namhafte Schar an Literaten in diesem Büchlein versammelt, u.a. Joachim Ringelnatz, Wilhelm Busch, Erich Kästner, Guy de Maupassant, Hans Dieter Hüsch und Charles Dickens. Der Herausgeber ging bei seiner Auswahl auf Nummer sicher, indem er auf weithin bekannte wie beliebte Werke zurückgriff und so auf den Wiedererkennungswert bei der Kundschaft im Buchhandel wie auch bei den Besuchern seiner Weihnachtslesung setzte. Wobei aus diesem Reigen eher heiterer Beiträge die Geschichte DAS GESCHENK DER WEISEN von O. Henry sowohl von der Stimmung wie auch von der Länge hervorsticht und so beinah wie ein Kontrapunkt wirkt.

Leider muss ich dem Verlag attestieren, dass beim Korrekturlesen nicht aufmerksam genug gearbeitet wurde: So schlichen sich einige kleine Fehler ins Buch, wie beim Einsatz von kursiver Schrift oder beim Versmaß bei einem Gedicht. Doch wahrscheinlich fällt dies nur mir als Vor-Leser und pingeliger Bücher-Nerd auf.

Als Vor-Leser und pingeliger Bücher-Nerd hätte ich mir allerdings sehr gewünscht, dass Dirk Böhling als Herausgeber das Wagnis eingegangen wäre und mich mit dem einen oder anderen weniger bekannten Beitrag überrascht hätte, z.Bsp. mit Werken von Literatinnen, die in dieser Anthologie leider gänzlich fehlen.

So ist dies durchaus ein nettes Büchlein für alle, die ein heiteres Gedicht oder eine kurze Geschichte für die Weihnachtsfeier im Kollegenkreis oder im Sportverein suchen.


erschienen bei Kellner / ISBN: 978-3956514616

LEKTÜRE zum FEST 2025…

Da ist sie wieder: meine liebste Zeit im Jahr! Auch nach all den Jahren, die ich nun schon auf dem Buckel habe, ist meine Freude an der Advents- und Weihnachtszeit nicht geschwunden, und ich habe mir immer noch ein kindliches Staunen bewahrt. Auch wenn ich Ende August aufstöhne, wenn ich mit T-Shirt und Shorts bekleidet vor den ersten Lebkuchen und Spekulatius im Supermarkt stehe, halblaut vor mir her schimpfe und Sätze wie „Das wird auch von Jahr zu Jahr früher!“ verlauten lasse. So verspüre ich doch innerlich ein verführerisches Kribbeln, das andeutet „Bald ist es soweit!“

Bald ist es soweit, und dann werde ich eine Vielzahl an Kartons aus dem Abstellraum kramen, sie öffnen, ihren Inhalt befreien, um ihn mit einer unbändigen Freude über die Zimmer unseres Heimes zu verteilen. Auch sind die Termine zu den vielfältigen und stimmungsvollen Weihnachtsmärkten der Region bereits in meinem Kalender notiert.

Doch meine Beschäftigung mit dieser besonderen Zeit begann schon viel früher: Bereits im Sommer habe ich in all den wundervollen Verlags-Vorschauen geblättert, um rechtzeitig meine Anfragen zweck Rezensionsexemplare für meine Lieblingsrubrik LEKTÜRE ZUM FEST starten zu können. Gleichzeitig warf ich aber wiederum einen Blick auf die Back-List der Verlage und bediente mich auch bei ihr.

Eine gute Geschichte wird nicht schlechter, nur weil ihre Veröffentlichung schon einige Zeit zurück liegt. Da wäre es doch sehr bedauerlich, wenn diese Bücher in Vergessenheit geraten würde, nur weil sie nicht mehr an vorderster Front in den Regalen der Buchhandlungen zu finden sind.



Auch in diesem Jahr habe ich mich bemüht, eine vielfältige Auswahl an Lektüre zusammenzustellen: So wird es poetisch, kriminalistisch, bildgewaltig, märchenhaft, klassisch,…!

Wir lassen uns durch die Saison geleiten mit einem literarischen Adventskalender und schmökern in Weihnachtsgeschichten von „schön bis schaurig“. So manches Verbrechen gilt es aufzuklären, bei dem zur Spannung auch das Lachen nicht zu kurz kommt. Wie bereits in den vergangenen Jahren schauen wir auch diesmal bei Ebenezer Scrooge vorbei. Nur anhand der Kraft der Illustrationen lassen wir uns eine entzückende Geschichte erzählen, bevor wir einem charmanten Telefonat zwischen Vater und Tochter lauschen. Dann amüsieren wir uns an einem perfekt unperfekten Weihnachtsfest, und müssen leider feststellen, dass der Wunsch nach Friede nie aus der Mode kommen wird.

Dies alles gibt es zu entdecken,…

  • NOCH 24 MAL SCHLAFEN. Ein literarischer Adventskalender/ ausgewählt von Ron Mieczkowski
  • Molly Thynne – EINGESCHNEIT MIT EINEM MÖRDER
  • Richard Johnson – ES WAR EINMAL EIN SCHNEESTURM
  • Kai Magnus Sting – TOD UNTER LAMETTA. Teil 1+2 (Hörspiel)
  • Kirsten Boie – DER WEIHNACHTSFRIEDEN/ mit Illustrationen von Claire Harrup
  • Beate Maly – ADVENT IM GRANDHOTEL. Eine Weihnachtsgeschichte
  • MEINE LIEBSTEN WEIHNACHTSGESCHICHTEN/ herausgegeben von Dirk Böhling
  • Rodolphe (nach Charles Dickens) – SCROOGE. Eine Weihnachtsgeschichte/ mit Illustrationen von Estelle Meyrand
  • SCHAURIGE WEIHNACHTEN. Klassische Horror- und Geistergeschichten/ ausgewählt von Jochen Veit
  • David Wagner – ALLE JAHRE WIEDER
  • Johanna Lindemann – DIE GESTOHLENE WEIHNACHTSGANS/ mit Illustrationen von Andrea Stegmaier

..und ich hoffe sehr, dass ihr beim Anblick meiner kleinen Auswahl eine unbändige Lust verspürt, selbst in die wunderbare Welt der Weihnachtslektüre einzutauchen. Es würde mich sehr freuen!

Ich wünsche Euch von Herzen eine wundervolle Adventszeit mit vielen inspirierenden Lese-Stunden!

Liebe Grüße
Andreas


P.S.: Wenn Planung und Wirklichkeit aufeinandertreffen, da kann so einiges passieren. Darum: Alle Angaben ohne Gewähr! 😉

[Rezension] VIVA LA DIVA. Geschichten von der Oper/ ausgewählt von Silvia Zanovello & Adrian Asllani

🎼 Heute ist der WELTOPERNTAG! 🎼


Vor Jahren bezeichnete ich mich primär als Musical-Fan: Aufführungen von Oper und Operette habe ich „so nebenbei“ besucht. Doch in der Zwischenzeit hat mit der Zahl der besuchten Inszenierungen die Oper gemeinsam mit ihrer kleinen Schwester der Operette das Musical deutlich überholt. Somit würde ich mich nun eher als Fan des Musiktheaters betiteln. Ich liebe das Musiktheater so sehr, da ich hier, wie nirgends sonst, alles um mich herum vergessen kann. Oder wie Elke Heidenreich es in ihrem Beitrag OPER IST AUFRUHR so treffend, so wahr und wahrhaftig beschrieb…

„Ich hatte noch nie eine Koloratur gehört, aber ich habe sofort gefühlt, was das ist: sinnlicher Überfluss, Verschwendung, Tanz mit Tönen. Und ich war schon bei der Ouvertüre wie verwandelt. Ich hörte hier zum ersten Mal Musik im Dunkeln, in diesem Saal, in diesem Augenblick für mich gespielt – was für ein unbeschreiblicher Luxus!“

…und genau diesen Gefühlswirbelsturm empfinde ich ebenso, und es stürmt nie weniger.

Gibt es etwas Aufregenderes als die Oper? Man tritt ein: die goldenen Logen, der rote Plüsch, das Orchester beim Stimmen. Der Vorhang geht auf, und der Alltag verschwindet. Es zählen nur noch die Musik und das Geschehen auf der Bühne. Große Gefühle in Liebesduetten, bei Gefangenenchören und in Sterbearien. Zuletzt der Schlussapplaus, überbrüllt mit Bravo- und Buhrufen.

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Neben Elke Heidenreich meldet sich eine äußerst illustre Schar an Literat*innen aus Gegenwart und Vergangenheit zu diesem Thema zu Wort: Gleich zu Beginn dieser Text-Sammlung gibt uns Donna Leon DREI OPERNTIPPS FÜR EINSTEIGER. Doris Dörrie schildert nachdrücklich wie DER BLAUE MÜLLSACK die Karriere einer Requisite dramatisch beendete. Meister Mozart persönlich lässt uns mit MEINE OPERA GEHT IN SCENA einen Blick in seine Korrespondenz werfen und so erahnen, dass das Leben eines musikalischen Genies nicht immer ein Zuckerschlecken war. Bei Ewald Arenz bricht ein verheerendes FEUER in einem Theater aus und verändert damit das Leben des Protagonisten.

Petra Mosbach erzählt in DER KORREPETITOR von den Höhen und Tiefen dieses Berufes an einem eher kleineren Stadttheater. An die große Pariser Oper mit ihren legendären Geschichten entführt uns Gaston Leroux mit DIE DIVA UND DAS PHANTOM DER OPER. Shelly Kupferberg berichtet in ihrer hinreißenden Geschichte DISSONANZEN über einen öffentlichen Vortrag zum Thema „Kultur und Kritik des Kunstgesangs“, der eine Ehekrise wie auch eine Gerichtsverhandlung nach sich zog. Loriot lässt mit einer gar köstlichen Szene AN DER OPERNKASSE – wie schon so oft – mein Zwerchfell vor Lachen erzittern. Mit dem SCHWANENGESANG beendet Agatha Christie nicht nur diese Anthologie sondern auch eine besondere Aufführung von „Tosca“, bei der auf offener Bühne eine späte aber effektvolle Rache geübt wird.

Auf dem Umschlag des Buches wird mit „einer exklusiven Erzählung von Vea Kaiser“ geworben: Leider konnte gerade diese Erzählung mich nicht gänzlich überzeugen. Wobei ich eh der Meinung bin, dass das Schreiben einer Kurzgeschichte eine Kunst für sich und somit eine besondere Herausforderung darstellt. Vea Kaiser schätze ich dafür umso mehr für ihre wunderbar epischen und warmherzigen Familiengeschichten.

Neben den bereits Genannten gibt es zudem Textbeiträge von E.T.A. Hoffmann, Wolfgang Schlüter, Barbara Villiger Heilig, Irene Diwiak, Mark Twain, Ethel Smyth, Charles Lewinsky, Franz Werfel, Lukas Hartmann und Giulio Zanni zu entdecken.

Die thematischen Anthologien aus dem Diogenes-Verlag sind immer ein Garant für gute und abwechslungsreiche Unterhaltung. Dieses Konglomerat an Geschichten in VIVA LA DIVA spiegelt die Vielfalt der Oper so treffend wieder, mit all ihren Höhen und Tiefen, mit fulminanten Triumpfen und erschreckenden Dramen, mit launigen Anekdötchen und handfesten Skandalen, mit einem verklärten Blick in die Vergangenheit und einem ernüchternden Blick in die Gegenwart (oder auch umgekehrt).

Doch genau dies alles – und noch viel mehr – ist es, was ich an der Oper so sehr liebe!


erschienen bei Diogenes / ISBN: 978-3257248210
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] VOM GLÜCK, AUFS MEER ZU SCHAUEN. Die schönsten Geschichten und Gedichte/ ausgewählt von Jan Strümpel

Da unterbrach ich meinen Spaziergang zu den ALLTAGSMENSCHEN in Bremerhaven nur allzu gerne, um mir eine Pause auf einer Bank direkt an der Hafenkante zu gönnen. Vor mir befand sich zwar nicht direkt das Meer, doch die Lage der Stadt lässt die Nordsee durchaus bereits erahnen. So schaute ich sinnierend über das Wasser, lauschte dem Plätschern der Wellen und den Rufen der Möwen und schickte meine Gedanken auf Reise.

„Das muss eine Qualität des Meeres sein, dass es in jeder Form verlocken und entzücken kann, auch ohne Palmen, pittoreske Bergdörfer und gewaltige Brandungen. Wenn es denn nur zur Seele spricht.“ lässt Jan Strümpel in seinem Vorwort zu VOM GLÜCK, AUFS MEER ZU SCHAUEN verlauten, und da kann ich ihm nur beipflichten. Dies scheint eindeutig kein modernes Phänomen zu sein: Zu allen Zeiten übte das Meer seinen Reiz auf die Menschen aus und animierte sie zu Lyrik und Prosa, wie diese feine Sammlung beweist. Wie bereits bei der Auswahl zum Thema FRÜHLING seiner Kollegin Mareike von Landsberg, versammelt auch Jan Strümpel in seiner Anthologie eine äußerst abwechslungsreiche Riege an Literat*innen.

Da tummelt sich eingangs Hedwig Lachmann am Strand und ist da in bester Gesellschaft mit Theodor Storm. Clara Müller-Jahnke schwärmt da eher von einer turbulenten Fahrt auf dem Meer „Fühlst du die Bretter schwanken? Schon brandet dumpf das Meer…“, während Joachim Ringelnatz auf einem schwankenden Boot versucht, nicht den Humor zu verlieren. Erich Fried gibt uns lyrische Anweisungen, wie wir uns am Meer zu verhalten haben. Wilhelm Busch wird am Strand auf Borkum zu einigen Versen für eine mir nicht näher bekannten Dame namens Hermine inspiriert. Und sogar Elisabeth von Österreich (Ja, genau, die Sisi!) lässt sich zu einem Gedicht über die See animieren.

Aber auch die Damen und Herren der Prosa waren nicht untätig: Da gibt es kürzere Appetit-Häppchen aus MOBY Dick von Herman Melville und ZWANZIGTAUSEND MEILEN UNTER DEM MEER von Jules Verne, wie auch längere Passagen aus den Werken von Charles Dickens, Mark Twain, George Sand, Hans Christian Andersen und Victor Hugo. Da beginnen die Schiffsreisen in Stade, auf Ceylon und ab Nordstrand, um dann ihr Ziel auf Helgoland, Norderney, Mallorca und Mauritius nach einer mal mehr mal weniger beschwerlichen Überfahrt endlich zu erreichen. Denn die See kann verführerisch sanft und im nächsten Moment tückisch sein, weiß Else Lasker-Schüler zu erzählen. Doch zum Glück weisen die Lichter der Leuchttürme den Schiffen den Weg, wie Alphonse Daudet, der bereits auf einem von ihnen wohnte, berichten kann.

So vielfältig sich das Meer im Verlauf der Jahreszeiten oder bei unterschiedlichen Wetterbedingungen präsentiert, so kurzweilig sind auch die Texte und Gedichte der hier versammelten Literat*innen. Immer schwingt zwischen den Zeilen der Respekt vor dieser manchmal unberechenbaren Naturgewalt mit, die immer und überall auf der Welt die Phantasie der Menschen beflügelte und das Fernweh und den Drang nach Freiheit steigerte.

Auch auf mich übt das Meer einen unerklärlichen Zauber aus, schürt meine Sehnsucht und nährt meine Melancholie. Kann ich auch lange Zeit ohne sein, so zieht es mich irgendwann doch wieder ans Wasser. Denn nur beim Blick über die Wellen verspüre ich diese absolute Ruhe, die dem Gefühl von Friede sehr nahe kommt.


erschienen bei anaconda / ISBN: 978-3730614662

[Rezension] MIT MUSIK GEHT ALLES BESSER & MUSIK IST, WAS ZUSAMMEN KLINGT/ aus der Reihe DER ROTE FADEN

Kennt ihr schon die Reihe DER ROTE FADEN aus dem Coppenrath Verlag? Diese entzückenden Büchlein, die nicht größer sind als ein Oktavheft? Nein! Na, dann wird es aber höchste Zeit! Denn in der Zwischenzeit gibt es unzählige dieser kleinen Heftchen zu ebenso vielen Themen und Anlässen – alle nur jeweils 20 Seiten stark und mit der prägnanten roten Fadenheftung. Zudem sind sie nicht schwerer als ein so genannter Kompaktbrief (Porto: € 1,10) und können in einem Umschlag ganz wunderbar statt einer Grußkarte verschickt werden. Sie sind auch nicht teurer als diese, bereiten dem Adressaten allerdings sicher viel länger Freude. Zu Weihnachten aber auch zu Geburtstagen habe ich sie bereits nur allzu gerne verschickt.

Nun habe ich mir selbst – zwecks Überbrückung der theaterlosen Zeit – zwei Exemplare gegönnt, die sich mit der Musik beschäftigen. Bei MIT MUSIK GEHT ALLES BESSER (von 2018) findet ihr viele kluge Aphorismen, leider vornehmlich von Männern (mit einer Ausnahme: Sophie Scholl), die sowohl von bekannten Philosophen, Dichtern und Denkern als auch von Musikschaffenden wie Komponisten und Dirigenten stammen. Bei MUSIK IST, WAS ZUSAMMEN KLINGT (von 2024) ist man diesem Konzept weitestgehend treu geblieben, hat allerdings auch einige längere Texte und Gedichte hinzugefügt sowie mehr kluge Frauen zu Wort kommen lassen.

Mit Freude las ich all diese weisen Worte und fühlte mich mal wieder sehr bestätigt, dass Musik eine wunderbare Errungenschaft ist, die so wohltuend auf Geist, Körper und somit auf unser Wohlbefinden positiven Einfluss nimmt.

Zudem schienen mir die Aphorismen nicht willkürlich aneinander gereiht: Vielmehr meinte ich einen ROTEN FADEN (!) zu entdecken. Da standen Zitate zueinander, die in ihrer Kombination herrlich amüsant waren. So behauptete Johannes Brahms „Studiere Bach. Dort wirst du alles finden.“, während Johann Sebastian Bach ein Jahrhundert zuvor seine musikalischen Fähigkeiten wie folgt beschrieb „Alles, was man tun muss, ist die richtige Taste zum richtigen Zeitpunkt zu treffen.“. Auch entdeckte ich in beiden Büchlein nur zwei Texte, die identisch waren aber an der jeweiligen Stelle (Stichwort: ROTER FADEN) durchaus Sinn machten.

Apropos Jahrhunderte: Die Herkunft der Zitate erstrecken sich über mehrere Epochen. Und so unterschiedlich die Zeiten ihrer Entstehung auch waren, sie alle huldigen die Musik in all ihren Facetten. Da dürfen die Titel (incl. ihrer Untertitel) dieser reizenden Heftchen durchaus programmatisch verstanden werden:

MIT MUSIK GEHT ALLES BESSER
Von der Kunst der Harmonie und Lebensfreude
&
MUSIK IST, WAS ZUSAMMEN KLINGT
…und was uns zusammenbringt
💜


erschienen bei Coppenrath/ ISBN: 978-3649629818 & 978-3649647058

[Rezension] FRÜHLING. Die schönsten Geschichten und Gedichte/ ausgewählt von Mareike von Landsberg

Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohl bekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.

…zitierte ich unlängst erst vor wenigen Tagen in meinem Beitrag zu LE NOZZE DE FIGARO aus dem Gedicht „Er ist’s“ von Eduard Mörike, das natürlich auch in dieser Anthologie mit Geschichten und Gedichte rund um den Frühling nicht fehlen darf.

Der Anaconda-Verlag hatte im vergangenen Jahr mit dem Untertitel „Geschichten und Gedichte“ eine kleine, feine Reihe gestartet: In jedem Buch versammeln sich besagte „Geschichten und Gedichte“ zu einem bestimmten Thema. Gestartet wurde mit GROSSELTERNJAHRE. Gemeinsam mit FRÜHLING erschien auch VOM GLÜCK, AUF’S MEER ZU SCHAUEN. GOLDENER HERBST und CHRISTIAN MORGENSTERN sind schon für die zweite Jahreshälfte angekündigt.

Und abermals wird der Verlag seinem guten Ruf gerecht, Weltliteratur auch für Leser*innen mit einem schmaleren Geldbeutel erschwinglich zu machen. In einfacher Ausstattung zwischen zwei Pappbuchdeckeln versteckt sich hier eine illustre Gruppe hochkarätiger Literatinnen und Literaten. Da finden sich – sowohl heitere wie auch melancholische – Ergüsse in Vers-Form u.a. von Wilhelm Busch, Annette von Droste-Hülshoff, Max Dauthendey, Paula Dehmel, Joseph von Eichendorf, Elisabeth Langgässer, Heinrich Heine, Joachim Ringelnatz, Ludwig Uhland, Else Lasker-Schüler und Rainer Maria Rilke.

Als Leser wurde ich erfreut mit Kurzgeschichten bzw. passenden Auszügen aus einem Roman z. Bsp. von Theodor Storm, Adalbert Stifter, Johann Wolfgang von Goethe („Wilhelm Meisters Lehrjahre“ und „Die Leiden des jungen Werther“), Stefan Zweig und Arthur Schnitzler.

Die jeweiligen Werke gruppieren sich unter eine der Rubriken „Vorfrühling“, „Das Wunder des Frühlings“, „Ostern“, „Der dunkle Frühling“ und „Frühlingsgefühle“, und erleichterten mir so das Finden der passenden Prosa bzw. Lyrik zum jeweiligen Anlass bzw. zu meiner persönlichen Gemütsverfassung.

Zudem verführte dieses Büchlein mich, es immer mal wieder in die Hand zu nehmen, um mal hier ein Gedicht zu lesen oder sich dort eine kleine Geschichte zu gönnen. Wobei die Gedichte deutlich in der Überzahl gegenüber den Geschichten sind, was für mich allerdings kein Nachteil darstellt. Vielmehr machte der FRÜHLING mich neugierig auf die weiteren Bände dieser Reihe.

Wer nun allerdings bei Anaconda die hippen, trendigen Poet*innen der aktuellen Literaturszene sucht, der hat leider das Prinzip des Verlages nicht verstanden.


erschienen bei anaconda / ISBN: 978-3730615102

[Rezension] AGATHA CHRISTIE’S MISS MARPLE. Zwölf neue Kriminalgeschichten

„Sex, Crime & Action“ werden gerne als scheinbar unverzichtbare Zutaten für einen gelungenen Kriminalroman bemüht. Wer würde da vermuten, dass eine Roman-Heldin, die mit der erstgenannten Ingredienz so absolut nicht dienen kann, trotzdem zu einer der beliebtesten Kriminalfiguren der Welt avancierte. Mit einer gehörigen Portion Sex-Appeal kann Miss Jane Marple nun wahrlich nicht für sich einnehmen. Muss sie auch, denn sie hat dafür andere Reize – Äh! – ich meinte natürlich: Qualitäten.

Ab dem Jahre 1927 hatte die ältliche Jungfer aus dem beschaulichen Dörfchen St. Mary Mead ihre ersten Auftritte in einigen Kurzgeschichten, bevor ihre Schöpferin Agatha Christie sie dann 1930 erstmals in dem Roman MORD IM PFARRHAUS umfangreicher kriminalisieren ließ. Insgesamt sollte in 12 Romanen und 20 Kurzgeschichten ihr scharfer Verstand gepaart mit einer gehörigen Portion Menschenkenntnis beim Lösen vielfältiger Mordfälle zum Einsatz kommen.

Doch wäre Agatha Christie der Meinung gewesen, dass weitere Miss Marple-Stories benötig werden, hätte sie diese sicherlich während ihrer langandauernden Karriere verfasst, oder? Hat sie aber nicht!

Ergo: Wozu brauchen wir nun zwölf neue Kriminalgeschichten?
Antwort: „Brauchen“ brauchen wir sie nicht! Aber es macht so viel Spaß, sie zu lesen!

Zumal die hier versammelten Autorinnen mit so viel Liebe und Respekt einen Blick auf die erdachte Figur ihrer großen Kollegin werfen. Allen Geschichten ist gemein, dass sie nah am Original und somit innerhalb des bekannten Rahmens bleiben und sich höchstens nur kleine, charmante „Zugaben“ zum Charakter der Hauptperson erlauben. Somit muss kein eingefleischter Christie-Fan befürchten, dass seiner geliebte Miss Marple „neue“ Eigenschaften angedichtet werden, und sie womöglich nun Motorrad fährt, sich vulgär ausdrückt oder vielleicht sogar hemmungslos über Sex spricht („Shocking!“). Nein, Miss Marple ist und bleibt so, wie wir sie alle kennen und lieben.

Überrascht und mit Freude durfte ich feststellen, dass sich alle Autorinnen anscheinend so intensiv mit der Welt der Miss Marple beschäftigt haben, dass die jeweiligen Geschichten beinah nahtlos an die Originale anknüpfen konnten. Da tauchen die schon bekannten und beliebten Personen abermals auf, aber auch die neu-erdachten Figuren fügen sich ganz wunderbar in Miss Marples Welt ein. Nur der eine oder andere Handlungsort ist ein wenig „exotischer“, als wir es vom Original gewöhnt sind.

Bei DER ZWEITE MORD IM PFARRHAUS knüpft Val McDermid an den ersten Marple-Roman an und lässt auch diesmal die Geschichte aus der Sicht von Rev. Leonard Clement erzählen, dem es äußerst unangenehm ist, dass in seinem Haus ein zweiter Mord verübt wurde. In MISS MARPLE EROBERT MANHATTAN von Alyssa Cole begleitet Miss Marple ihren Neffe Raymond West und dessen Frau Joan nach New York, wo ein Stück von Raymond innerhalb der alternativen Theater-Szene am Broadway zur Aufführung kommen soll, was einige dubiose Gestalten zu verhindern versuchen.

Bei DIE JADEKAISERIN von Jean Kwok befindet sich Miss Marple auf einem Kreuzfahrt-Schiff Richtung Hongkong, wo der überraschende Tod eines Mitreisenden gepaart mit chinesischen Ritualen ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Den an einer Schaffenskrise leidende Schriftsteller Felix Jeffries, der einen unorthodoxen Mord plant, lernt Miss Marple bei einem MORD IN DER VILLA ROSA (von Elly Griffiths) an der wunderschönen Amalfiküste Italiens kennen.

Ein Wiedersehen mit Miss Marples langjähriger Freundin Dolly Bantry gibt es gleich im Doppelpack: In DAS VERSCHWINDEN von Leigh Bardugo sorgen sowohl der Selbstmord eines jungen Mädchens als auch das Verschwinden eines ebenso jungen Mannes für Unruhe in der Gemeinde. MISS MARPLES WEIHNACHTEN von Ruth Ware verspricht ein stimmungsvolles Rätselraten um verschwundene Perlen auf dem Landsitz der Bantrys.

Die weiteren, ebenso kurzweiligen Geschichten stammen aus den Federn von Lucy Foley, Natalie Haynes, Naomi Alderman, Dreda Say Mitchell, Karen M. McManus und Kate Mosse.

Bei solchen Anthologien scheint es beinah unvermeidbar, dass sie Erzählungen unterschiedlicher Qualität in sich vereinen: Da überzeugt dann leider nicht jede Geschichte gleichermaßen. Doch in diesem Fall darf ich den versammelten Autorinnen das große Kompliment machen, dass sie sich alle literarisch auf einem ähnlich hohen Niveau bewegen. Bravo!

Nein, „brauchen“ brauchen wir diese zwölf neuen Kriminalgeschichten sicherlich nicht. Aber das Leben besteht nicht nur aus dem, was der Mensch wirklich lebensnotwendig braucht. Manchmal darf es für mich gerne dieses Quäntchen „mehr“ sein, das das Leben versüßt und mir eine gute Zeit schenkt. Diese Anthologie hat dies definitiv geschafft…!


erschienen bei Atlantik / ISBN: 978-3455017014 / in der Übersetzung von Alexander Weber
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Rainer Moritz – DAS BUCH ZUM BUCH. Ein Blick hinter die Kulissen

Ein Blick hinter die Kulissen???

„Hui!“, dachte ich bei mir. „Wenn er da mal nicht zu viel verspricht?!“ Wer plaudert schon aus dem Nähkästchen, gibt pikante Interna preis und verärgert damit die Branche, die einen großgemacht und weiterhin nährt? Nein, das konnte ich mir bei Rainer Moritz nicht vorstellen. Dann doch eher, dass er mit seinem unvergleichlichen Humor auf so manche Kuriositäten blickt, mit kindlicher Freude so einige Absonderlichkeiten bloßlegt und ironisch-heiter sowohl Praktiken wie Taktiken der Branche hinterfragt.

»Es gibt keinen treueren Freund als ein Buch«, sagte schon Ernest Hemingway. Und wie bei unseren Freunden aus Fleisch und Blut wollen wir natürlich auch die aus Papier immer besser kennenlernen und wissen, welche verschlungenen Wege sie zurückgelegt haben, ehe sie bei uns landen. Was tun Agenturen? Welche Bücher helfen uns, guten Schlaf zu finden? Was macht das Fernsehen mit der Literatur? Warum ist es so schwer, über Sex zu schreiben? Welche Bücher schenken wir uns zu Weihnachten? Was steht im Duden? Sind Eselsohren abzulehnen? Was sind Nackenbeißer? Fragen über Fragen, die dieses Buch beantwortet, kurzweilig, abschweifend und informativ – und dank seiner alphabetischen Gliederung auch noch schnell. Es entführt die Leserinnen und Leser in fast alle Ecken und Winkel des Literaturbetriebs – und profitiert davon, dass der Autor die meisten davon gut kennt.

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Von A wie Adventure Writing bis Z wie Zwiebelfisch: Einem Lexikon gleich reihen sich die Schlagworte wie Perlen einer Kette dem Alphabet entlang aneinander. 

Handlung, Charaktere, Spannungsbogen: Fehlanzeige! 
Motto, Widmung, Danksagung: Vergiss es! 
Hier gibt es nur: Fakten! Fakten! Fakten!

Diese werden allerdings so wunderbar leicht im Plauderton dargeboten, dass ich mich – mir nichts, dir nichts – durch dieses Lexikon fräste, so manches Mal herzhaft auflachte, doch auch voller Verwunderung mit den Augen blinzelte. Wie eingangs bereits erwähnt, hat auch die Buchbranche ihre eigenen „Special Effects“, wie sie in jeder Branche zu finden sind. Einige Angehörige besagter Branche nehmen diese extrem ernst und hüten sie wie einen heiligen Gral. Andere blicken eher entspannt auf sie, arrangieren sich oder tolerieren sie humorvoll. Rainer Moritz scheint definitiv zur letzteren Gattung zu gehören. Zum Glück für uns…!

Mit spitzbübischer Freude stichelt er mal hier, schalkhaft schwatzt er mal dort über Buchmessen, Duden und Eselsohren, über Fräuleinwunder, Gendern und Kultbücher, über Literaturkritik, Me-too-Bücher und (schreibende) Politiker, über Romananfänge, Schafkrimis und Verlagsvertreter und über dieses und über jenes und über noch vieles mehr. Dies macht er so charmant-humorvoll, da verzeihe ich ihm auch, dass er sich hin und wieder ein wenig verplaudert und Themen anspricht, die ich nicht primär der Literatur-Branche zuordnen würde.

Apropos Humor: Ja, mit dem Humor ist es ja so eine Sache. Nicht immer bzw. nicht von jeder/jedem wird er erkannt und als solcher wahrgenommen. Schon bei LESEPARADIESE. Eine Liebeserklärung an die Buchhandlung wurde ihm sein lakonischer Ton von einigen Rezensent*innen als Arroganz ausgelegt. Es wäre leider durchaus vorstellbaren, dass dies auch bei DAS BUCH ZUM BUCH der Fall sein könnte. Da tut mir weniger Herr Moritz leid (Der steckt es sicherlich mit Humor weg!), als vielmehr diese bemitleidenswerten Puristen, denen mit ihrem eingeschränkten Blickfeld so viel Schönes entgeht.

Doch muss auch eine grundsätzliche Frage gestellt werden dürfen: Brauche ich als literaturinteressierter Mensch diese vielen Informationen? Antwort: Nein, ich brauche sie nicht! Vielmehr fallen sie für mich unter die Rubrik „Wissen, das die Welt nicht braucht!“. Doch unterhaltsam war die Lektüre dieses Büchleins allemal. 🙃


erschienen bei OKTOPUS (bei Kampa) / ISBN: 978-3311300540

[Rezension] Loriot – LORIOTS KLEINER OPERNFÜHRER

Schallendes Gelächter hallte durch das Haus. Mein Mann öffnete die Tier zu unserem Lesezimmer einen Spalt, spähte herein und fragte „Na, was liest Du denn da, das so witzig ist?“. Ich blickte von meiner Lektüre auf und antwortete lachend „Einen Opernführer!“. Er schaute mich fragend an. Dann hielt ich ihm den Titel des Buches entgegen. Ein Blick genügte, und er schloss verständnisvoll lächelnd wieder die Tür.

Bekanntermaßen war Loriot alias Vicco von Bülow ein großer Freund und Bewunderer der Oper im Allgemeinen und der Werke von Richard Wagner im Besonderen. Doch dieser Umstand ließ ihn weder vor Ehrerbietung zur Salzsäule erstarren, noch fehlten ihm vor Ergriffenheit die Worte. Vielmehr spornte ihn diese Liebe zu humoristischen Höchstleistungen an, getreu dem bekannten und (zugegeben) von mir zurechtgebogenen Motto „Was man liebt, das neckt man!“.

Über viele, viele Jahre war Loriot der Moderator der Berliner Operngala, die nach wie vor jährlich zugunsten der Deutschen AIDS-Stiftung in der Deutschen Oper Berlin stattfindet. Loriots Moderationstexte sollten später als Grundstock für diesen witzigen Opernführer dienen.

Nur noch einige wenige Vorstellungen: Dann ist der letzte Ton gesungen, der Taktstock wird zur Seite gelegt, und der Vorhang fällt zur Sommerpause. Doch für mich ist die Musiktheater-Saison an „meinem“ Stamm-Theater nun bereits beendet. Und so nutze ich diese Rezension auch, um voller Dankbarkeit einen liebevollen Blick auf die vergangene Spielzeit zu werfen. Dank der Original-Texte aus diesem Büchlein erinnerte ich mich abermals an die vielen äußerst unterhaltsam im Theater verbrachten Stunden und kann mir so die nun kommende theaterlose Zeit ein wenig versüßen.


Giacomo Puccini – TOSCA

Ein Aufenthalt in Rom ist nur dann ein Gewinn, wenn man sich bei täglichen Unternehmungen nicht überanstrengt. Die Sängerin Floria Tosca beispielsweise und ihr Bekannter, der Kunstmaler Mario Cavaradossi, verhelfen vormittags in der Kirche Sant’ Andrea della Valle einem gesuchten Staatsfeind zur Flucht, ermorden nachmittags im Palazzo Farnese den Polizeipräsidenten und treffen sich abends auf der Engelsburg zur standrechtlichen Erschießung. Das ist für den Anfang einfach zuviel. Darum endet der Tag auch eher enttäuschend.


Loriot wäre nicht Loriot würde er nicht auch die hehre Kunstform „Oper“ durch die ironisch-schelmische Brille des Humors betrachten. Dabei wirft er einen sehr genauen Blick auf die Sujets, die voller Liebe, Leid, Aufopferung und Entbehrung nur so triefen, und stößt diese vom hohen Sockel der überbordenden Emotionen hinunter auf die Stufe der banalen Normalität. Und plötzlich – nüchtern betrachtet – entwickelt die Tragik eine höchst erfrischende Komik.


Antonín Dvořák – RUSALKA

Die Teichnixe Rusalka – nach Nixenart halb Frau, halb Fisch – empfindet im Hinblick
auf eine ersehnte Liebschaft mit dem ortsansässigen Prinzen, ihren Unterleib als unzweckmäßig. Nach Rücksprache mit einer sachkundigen Hexe und Umwandlung in eine Menschenfrau versucht sie, dem Prinzen Appetit zu machen. Doch diesem, einem Mann mit feiner Zunge, ist nicht nach Fisch, und Rusalka plumpst mit Schwanz in ihren Teich zurück. Von dort bezaubert sie uns – nun gewissermaßen als Verflossene – mit ihrem Lied „Du lieber Mond“. Übrigens wird das Werk in der Originalsprache gesungen, aber soviel tschechisch werden Sie ja wohl noch können.


Dabei outet sich der Autor mit diesen kleinen, höchst pointierten Inhaltsangaben als versierter Kenner der Materie. Denn nur mit einer fundierten Kenntnis der Opern-Literatur hätte er so spitzfindig wie -züngig und gleichzeitig auf das Wesentliche reduziert die Handlung so gekonnt auf den Punkt bringen können. Und doch spürte ich beim Lesen dieses Ulks auch den tiefen Respekt, den Loriot gegenüber dieser „Kunst der Widersprüche“ hegte.


Richard Strauss – DER ROSENKAVALIER

Dieses Werk hat ein ungewöhnliches Verdienst:
es zeigt die Männer als solche von ihrer dämlichsten Seite. Nur der jugendliche
Liebhaber hat unsere Sympathie, und den singt eine Frau!
Sonderbar: Man gewöhnt sich an alles…


Der Kunsthistoriker und Musikschriftsteller Oskar Bie formulierte in seinem 1913 erschienen Werk „Geschichte der Oper“ sieben Widersprüche. „Die Oper ist die Kunst der Widersprüche.“ äußerte er und meinet damit, dass es für uns völlig selbstverständlich ist, dass wir bei der Oper Unlogik oder auch Irrationales akzeptieren und nicht hinterfragen. Im realen Leben würde eben genau dies für Verwirrung und Irritationen sorgen. Die Oper als Kunstform funktioniert entgegen (oder vielleicht auch vielmehr: aufgrund) aller Widersprüche.

Loriot besaß die Dreistigkeit und beraubte die Opernsujets von all diesem Schnickschnack, und so lachen wir nicht nur über die manchmal allzu hanebüchenen Handlungen. Nein, wir lachen auch über uns selbst, da wir uns diesen Bären haben widerstandslos aufbinden lassen. Doch seien wir ehrlich: Auch bei unserem nächsten Opernbesuch wird sich besagter Bär wieder fest auf unseren Buckel schnüren. Und warum lassen wir es zu? Weil es sooo schön ist, die Grenzen der Logik ausblenden zu dürfen und nichts hinterfragen zu müssen!

Beim Schmökern in den 56 Inhaltsangaben, dem Exkurs „Rund um die Oper“ und einem Interview „“Statt eines Nachworts“ stellte ich mir vor, wie einst der Meister des Humors dies alles mit einem wissenden aber auch verständnisvollen Lächeln zu Papier brachte, während aus den Boxen seiner Stereo-Anlage die holden Töne von Wagners „Götterdämmerung“ flossen und die Fensterscheiben zum Klirren brachten. 🙃🙂


erschienen bei Diogenes / ISBN: 978-3257261738 (diogenes deluxe)
ebenfalls erschienen bei Diogenes / ISBN:978-3257064827 (Hardcover) und ISBN: 978-3257235951 (Taschenbuch)