THEATERSNACK ZUR MITTAGSZEIT mit Auszügen aus LE NOZZE DI FIGARO Termin des Events: 2. April 2025
Stadtbibliothek im Hanse Carré in Bremerhaven
Ich liebe Kooperationen, bei denen zwei Institutionen eine Partnerschaft eingehen, ihre Kräfte bündeln und gemeinsam an Formate tüfteln, um das jeweilige Klientel des anderen Partners zu erreichen und somit (im besten Fall) einen Synergieeffekte zu erzielen. Was wie ein berechnetes Kalkül erscheint, kann sich allerdings unter stimmigen Voraussetzungen zu einem Gewinn für alle beteiligten Parteien entwickeln, insbesondere für die Klientel – ergo: somit auch für mich!
Die Stadtbibliothek Bremerhaven und das Stadttheater Bremerhaven sind eine solch fruchtbare Kooperation eingegangen und bieten eine tolle Veranstaltungsreihe an: THEATERSNACK ZUR MITTAGSZEIT.
Doch was steckt dahinter?
Jeden ersten Mittwoch im Monat um 12:30 Uhr lädt die Stadtbibliothek Mitglieder aus dem Ensemble des Stadttheaters ein, kleine Snacks aus dem aktuellen Programm zu präsentieren. Mal literarisch, mal musikalisch – und immer ganz nah, direkt auf unserer Strandkorbbühne. Und damit zur Mittagszeit auch an das leibliche Wohl gedacht ist, können Sie sich gern an unserem Kaffeeautomaten versorgen und die Brotdose auspacken beim Lauschen (auf warme, geruchsintensive Speisen bitten wir zu verzichten).
(Text der Homepage der Stadtbibliothek Bremerhaven entnommen.)
Diesmal standen Auszüge aus der Oper LE NOZZE DI FIGARO von Wolfgang Amadeus Mozart auf dem Programm. Und es schien beinah wie ein gutes Omen, dass ein gerahmtes Porträt des Meisters die Wand hinter der Strandkorbbühne zierte. Was sollte da noch schiefgehen? Nix!
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Torben Selk, der als Dramaturg die aktuelle Inszenierung der Oper am Stadttheater betreute, führte sympathisch durch das Programm und hatte sich mit den Sängerinnen Victoria Kunze (SUSANNA) und Boshana Milkov (CHERUBINO) seine charmanten Interview-Partnerinnen gleich mitgebracht. So erfuhren die Zuschauer*innen u.a. während des Interviews, dass beide Künstlerinnen ihre ersten Berührungspunkte mit Mozarts Opera buffa und somit auch mit der jeweiligen Partie schon während ihres Studiums hatten. Auch wurde das Frauenbild (insbesondere das Bild der SUSANNA) in dieser Oper beleuchtet: Victoria Kunze beschrieb SUSANNA als sehr intelligent, zupackend aber auch pragmatisch, die schon zur Entstehungszeit der Oper ein sehr modernes Bild einer Frau vermittelte. Für Boshana Milkov steckt CHERUBINO mitten in der Pubertät, wird geleitet von seinen Gefühlen und ist eher für den Spaßfaktor in der Oper zuständig. An die erfreulich vielen Jugendlichen unter den anwesenden Gästen schickte Victoria Kunze den Appell, sich zu trauen, eine Opernaufführung zu besuchen, da diese manches Mal gar nicht so elitäre wäre, wie vielleicht befürchtet. Und Boshana Milkov konstatierte so treffend, dass die Irrungen und Wirrungen in Mozarts Oper die einer Daily Soap nicht unähnlich seien.
Nach all dieser „grauen“ Theorie sollte nun der Gesang nicht zu kurz kommen: Boshana Milkov begann den musikalischen Reigen mit CHERUBINOs Arie „Non so più cosa son, cosa faccio“. Beim turbulenten Duett „Aprite, presto, aprite!“ gesellte sich Victoria Kunze dazu, die den Reigen mit SUSANNAs sehnsuchtsvoller Arie „Deh vieni non tardar, o gioia bella“ beendete. Eloquent begleitet wurden die beiden Künstlerinnen am Klavier von Hartmut Brüsch.
Wenige Schritte neben der Strandkorbbühne entdeckte ich ein beeindruckend langes Regal mit Medien zur aktuellen Theatersaison: Da waren CDs und DVDs ebenso zu finden wie Noten und Libretti, zudem Biografien, Romane, musikalische Bilderbücher und vieles, vieles mehr. Und natürlich durften auch die Spielzeithefte vom Stadttheater Bremerhaven, dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven und dem JUB – Junges Theater Bremerhaven ebenso wenig fehlen. Ich war ganz und gar begeistert.
Die Stadtbibliothek Bremerhaven hatte in ihrem Text zur Veranstaltung nicht zu viel versprochen: Nah und direkt – genau so habe auch ich es empfunden. Der THEATERSNACK ZUR MITTAGSZEIT ist ein kurzweiliges Format, das jedem ermöglicht, sich der „hehren“ Kunst behutsam anzunähern und Lust macht, sich mit dem Theater in all seinen Facetten – auch literarisch – zu beschäftigen.
Frühling lässt sein blaues Band Wieder flattern durch die Lüfte; Süße, wohl bekannte Düfte Streifen ahnungsvoll das Land.
…zitierte ich unlängst erst vor wenigen Tagen in meinem Beitrag zu LE NOZZE DE FIGARO aus dem Gedicht „Er ist’s“ von Eduard Mörike, das natürlich auch in dieser Anthologie mit Geschichten und Gedichte rund um den Frühling nicht fehlen darf.
Der Anaconda-Verlag hatte im vergangenen Jahr mit dem Untertitel „Geschichten und Gedichte“ eine kleine, feine Reihe gestartet: In jedem Buch versammeln sich besagte „Geschichten und Gedichte“ zu einem bestimmten Thema. Gestartet wurde mit GROSSELTERNJAHRE. Gemeinsam mit FRÜHLING erschien auch VOM GLÜCK, AUF’S MEER ZU SCHAUEN. GOLDENER HERBST und CHRISTIAN MORGENSTERN sind schon für die zweite Jahreshälfte angekündigt.
Und abermals wird der Verlag seinem guten Ruf gerecht, Weltliteratur auch für Leser*innen mit einem schmaleren Geldbeutel erschwinglich zu machen. In einfacher Ausstattung zwischen zwei Pappbuchdeckeln versteckt sich hier eine illustre Gruppe hochkarätiger Literatinnen und Literaten. Da finden sich – sowohl heitere wie auch melancholische – Ergüsse in Vers-Form u.a. von Wilhelm Busch, Annette von Droste-Hülshoff, Max Dauthendey, Paula Dehmel, Joseph von Eichendorf, Elisabeth Langgässer, Heinrich Heine, Joachim Ringelnatz, Ludwig Uhland, Else Lasker-Schüler und Rainer Maria Rilke.
Als Leser wurde ich erfreut mit Kurzgeschichten bzw. passenden Auszügen aus einem Roman z. Bsp. von Theodor Storm, Adalbert Stifter, Johann Wolfgang von Goethe („Wilhelm Meisters Lehrjahre“ und „Die Leiden des jungen Werther“), Stefan Zweig und Arthur Schnitzler.
Die jeweiligen Werke gruppieren sich unter eine der Rubriken „Vorfrühling“, „Das Wunder des Frühlings“, „Ostern“, „Der dunkle Frühling“ und „Frühlingsgefühle“, und erleichterten mir so das Finden der passenden Prosa bzw. Lyrik zum jeweiligen Anlass bzw. zu meiner persönlichen Gemütsverfassung.
Zudem verführte dieses Büchlein mich, es immer mal wieder in die Hand zu nehmen, um mal hier ein Gedicht zu lesen oder sich dort eine kleine Geschichte zu gönnen. Wobei die Gedichte deutlich in der Überzahl gegenüber den Geschichten sind, was für mich allerdings kein Nachteil darstellt. Vielmehr machte der FRÜHLING mich neugierig auf die weiteren Bände dieser Reihe.
Wer nun allerdings bei Anaconda die hippen, trendigen Poet*innen der aktuellen Literaturszene sucht, der hat leider das Prinzip des Verlages nicht verstanden.
Die Amseln haben Sonne getrunken, Aus allen Gärten strahlen die Lieder, In allen Herzen nisten die Amseln, Und alle Herzen werden zu Gärten Und blühen wieder.
Nun wachsen der Erde die großen Flügel Und allen Träumen neues Gefieder, Alle Menschen werden wie Vögel Und bauen Nester im Blauen.
Nun sprechen die Bäume in grünem Gedränge Und rauschen Gesänge zur hohen Sonne, In allen Seelen badet die Sonne, Alle Wasser stehen in Flammen, Frühling bringt Wasser und Feuer Liebend zusammen.
SOUFFLEUSE Elke Weber REQUISITE / AUSSTATTUNG Frauke Meyer MASKE Petra Kießler KOSTÜME Ute Schmonsees BÜHNENBAU Jens Koslowsky und Ralf Frerichs LICHT & TON Rolf Kießler, Michael Garbade und Bernd Meyer
Ich betrat den Zuschauersaal der großen Scheune auf Gut Sandbeck und stutzte. Trotzdem ich vorgewarnt war, stutzte bzw. staunte ich über die Ausrichtung der Bühne. Naja, Bühne konnte man den grünen Kunstrasen mitten im Saal nun wahrlich nicht nennen. Es war eher eine Fläche – ja, es war eine Spielfläche: einige Gartenmöbel, Blumenkübel, eine Gartenbank unter einem Baum, an dem noch eine alte Schaukelt vor sich hin bammelte bzw. gammelte. Die Stuhlreihen für die Zuschauer*innen schlossen rechts und links an dieser Spielfläche an und erhöhten sich treppenartig. Auf den Vorhang, der sich für das Spiel öffnen würde, musste verzichtet werden: Er wäre auch völlig überflüssig, denn wir saßen schon mittendrin…
Zu Beginn und am Ende dieses Schauspiels listet Rosie, die jüngste Tochter der sechsköpfigen Familie Voss, ihre Liste der Dinge auf, die sie sicher weiß, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Und so lernen wir die Familie kennen, die Eltern Thomas und Manuela, die vier Kinder Ben, Marc, Pia und das Nesthäkchen Rosie. Schnell taucht man ein in das komplexe Familiengebilde, das eine sehr große Liebe ebenso zusammenhält wie auseinandertreibt. Jedes Kind sucht seinen eigenen Weg aus dem liebevollen Nest der Eltern, deren Garten lange Zeit die Welt für sie bedeutet hat. Dort fanden die wichtigsten, aber auch ganz banale Familienereignisse statt: gemeinsame Spiele und Grillparties, geheime Rückzüge, Ausgelassenheit, Trauer, die Hochzeit der ältesten Tochter Pia. Doch so groß die Liebe der Eltern ist, so erdrückend kann sie auch sein, so ungleich ist sie verteilt, wenn die Mutter die Söhne ebenso bevorzugt wie der Vater die Töchter, wenn sich Tochter Pia und ihre Mutter Manuela zu ähnlich sind, die jüngere Frau die Chance auf ein neues Glück ergreift, die die Mutter vorbeiziehen ließ, um für ihre Kinder da zu sein. Die Kinder, die die Erwartungen ihrer Eltern, die hart für sie und ihre Ausbildung gearbeitet haben, kennen, aber ihren eigenen Weg suchen müssen. Rosie ist die Jüngste und noch nicht ganz flügge geworden. Nachdem ihr erster Versuch, sich abzunabeln und möglichst weit weg von Zuhause die Welt zu erkunden, an gebrochenem Herzen gescheitert ist, ist sie in den sicheren Familien-Hafen zurückgekehrt. Während sie noch Orientierung sucht, haben ihre Geschwister ihre Wege bereits beschritten, und bringen damit das Gleichgewicht der Familie immer wieder ins Schwanken. Und wie wird es um die Ehe von Manuela und Thomas bestellt sein, wenn auch Rosie endgültig auszieht?
(Inhaltsangabe der Homepage des Theaterverlages entnommen.)
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Der Garten, das eigene Fleckchen Land, familiäres Hoheitsgebiet, Sehnsuchts- und Rückzugsort, voller Erinnerungen – gute wie auch weniger gute, klar begrenzt und doch nach allen Seiten offen. Und wir, wir waren die neugierigen Nachbarn, die von oben in den Garten lusterten, scheinbar versteckt hinter der Gardine. Der Blick auf das Drama von Nebenan lenkt vom Dreck vor der eigenen Haustür ab. Die Handlung offenbarte sich uns sehr fokussiert wie auf dem Präsentierteller oder auch wie auf einem Objektträger unter dem Mikroskop – nichts blieb im Verborgenen.
Im Mikrokosmos Garten zeigte Regisseur Ulf Georges eine ganze Welt: Er ließ sein Figuren lieben und leiden, kämpfen, siegen und sich ergeben, lachen und weinen. Gesellschaftliche Konventionen fanden keine Beachtung: Hier galten die familieninternen Regeln. Brutal direkt und darum umso ehrlicher ließ Georges die verschiedenen Charaktere heftig aufeinander- bzw. voneinander ab-prallen, gönnte ihnen aber auch die kleinen, leisen Momente und gestaltete diese inneren Monologe sehr intim und berührend.
Dabei formte er ein so homogenes Ensemble, das das Echte und Ungekünstelte der Amateure mit der Intensität der Profis vereinte. Und so fällt es mir schwer, eine Person besonders hervorzuheben, da es wahrhaftig eine Ensembleleistung war: mit Iris Richters und Carsten Mehrtens als die Eltern sowie Tina Stelljes (Pia), Timon Finke (Marc), Jendrik Ische (Ben) und Amelie Odia (Rosie) als deren Kinder. Jede*r durfte sowohl humorvolle Situationen kreieren wie auch liebenswerte Schrullen aus der jeweiligen Figur herauskitzeln.
Zudem schienen die Mitglieder des Ensembles so viel Vertrauen zueinander aufgebaut zu haben, dass auch ganz besondere Augenblicke großer Intensität möglich waren. Da standen nicht nur den Schauspieler*innen die Tränen in den Augen, auch mir wurden die Augen feucht. Vergeblich versuchte ich den sprichwörtlichen Kloß im Hals hinunterzuschlucken und musste mehrfach tief Luft holen, um mich von meiner Anspannung zu lösen. So kurzweilig die humorvollen Stücke auch sind, in Erinnerung bleiben mir eher die „unbequemen“ Theaterabende, die auch noch über Tage nachwirken.
Mit dieser grandiosen Inszenierung bewirbt sich das Theater in OHZ um den renommierten Willy Beutz-Preis zur Förderung des Niederdeutschen Schauspiels. Ich drücke ganz fest die Daumen!
EILMELDUNG: Am 5. April 2025 wurde in Oldenburg der Willy Beutz-Preis verliehen, und das TiO – Theater in OHZ erzielte mit dem Schauspiel ALLENS, WAT ICK SEKER WEET den 1. Platz. HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!
Wer Amateur-Theater auf hohem Niveau erleben möchte, sollte sich beeilen: Für das Schauspiel ALLENS, WAT ICK SEKER WEET in der großen Scheune auf Gut Sandbeck gibt es nur noch wenige Termine.
Opera buffa von Wolfgang Amadeus Mozart / Libretto von Lorenzo Da Ponte / nach der Komödie La Folle Journée ou le Mariage de Figaro (Der tolle Tag oder Die Hochzeit des Figaro) von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais / in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Premiere: 15. März 2025 / besuchte Vorstellungen: 15. & 29. März 2025
REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt STUDIENLEITUNG Hartmut Brüsch MUSIKALISCHE EINSTUDIERUNG Jorrit van den Ham & Tonio Shiga INSPIZIENZ Mahina Gallinger REGIEHOSPITANZ & FSJ KULTUR Tyler Wefer
Mozart passt – immer und zu jeder Gelegenheit, ob beim Sport, beim Hausputz oder zur Klausurvorbereitung. Während der Schwangerschaft nimmt Mozart positiven Einfluss auf die Entwicklung des ungeborenen Kindes. Wer mit Mozart ins Bett geht, kann die Einschlafprobleme bald vergessen.
Mozart ist ein Alleskönner, ein Tausendsassa, ein Genie: Er entspannt, hilft und heilt,…
…und er unterhält auf hohem Niveau!
In einem unmöblierten Zimmer nimmt Figaro Maß für sein künftiges Ehebett. Er ist glücklich: Vor wenigen Jahren war er noch ein einfacher Barbier in Sevilla. Nun ist er Kammerdiener des Grafen und wird in wenigen Tagen seine geliebte Susanna heiraten, die Kammerzofe der Gräfin. Die Hochzeitsvorbereitungen laufen, doch was seine Zukünftige noch nicht weiß: Der Graf hat mit Hintergedanken dem Paar dieses Zimmer im Schloss spendiert. Als Figaro seiner Braut stolz ihr künftiges Ehezimmer präsentiert, wird Susanna ärgerlich. Ihr ist bekannt, dass der Graf Almaviva seine Gemahlin fortlaufend betrügt und es nun auch auf sie abgesehen hat. Mit diesem Zimmer will er sie nur in seiner Nähe wissen. Figaro ist schockiert, als er dies hört. Es wird ihm einiges klar: Nun weiß er, warum ausgerechnet er beauftragt wurde, als Kurier nach London zu reisen. Doch diese Schmach wird er nicht einfach hinnehmen. Es wird sich noch herausstellen, wer von den beiden der Raffiniertere ist: der feine Herr Graf oder der listige Figaro? Schon lange hat der Graf ein Auge auf Susanna geworfen. Dumm nur, dass er höchst persönlich das „ius primae noctis“, das Recht der ersten Nacht abgeschafft hat, und er nun andere Mittel anbringen muss, um hoffentlich bei der reizenden Susanna landen zu können. Er versucht sie mit einem kleinen Vermögen zu locken, damit sie sich ihm am Abend im Park hingibt. Dumm nur, dass sein eigener Page Cherubino, im Zimmer versteckt, das schmutzige Angebot angehört hat. Cherubino wiederum ist in die Gräfin verliebt, flirtet aber auch heftig mit Susanna und ist auch einem Tête-à-Tête mit Barbarina, der Tochter des Gärtners Antonio, nicht abgeneigt. Als der Graf dies zufällig erfährt, will er den jungen Burschen zur Strafe zur Armee schicken. Doch auch aus einer anderen Richtung droht Gefahr: Die Haushälterin Marcellina will die Hochzeit platzen lassen, da Figaro ihr einst die Ehe versprochen hatte, sollte er seine Schulden bei ihr nicht bezahlen können. Unterstützung erhält sie von Bartolo, dem Leibarzt des Grafen, mit dem sie früher einmal ein kleines amouröses Techtelmechtel hatte. Später stellt sich überraschenderweise heraus, dass die Frucht ihrer gemeinsamen Leidenschaft eben genau jener Figaro ist, den sie zu heiraten gedachte. Da ist die „frischgebackene“ Mutter überglücklich und zerreißt voller Freude den Schuldschein. Die Begeisterung von Bartolo ist dagegen eher überschaubar, da er Figaro nie verzeihen konnte, dass er damals seine Heiratsabsichten mit der Gräfin torpediert hatte. Susanna wird bewusst, dass sie dringend handeln muss. Gemeinsam mit der Gräfin Almaviva, die zunehmend unter der Untreue ihres Gatten leidet, schmiedet Susanna einen Plan, um den Hochmut der Kerle endgültig empfindlich zu stutzen. Bei der Ausübung ihrer Pläne erhalten sie die Unterstützung von Cherubino, den sie als Frau verkleidet haben, damit er der Strafe des Grafen entgeht. Die Gräfin diktiert Susanna einen Brief, den sie dem Grafen zuspielt und somit dem erhofften Schäferstündchen zustimmt. Die beiden Frauen tauschen ihre Garderoben. Dabei erscheint die Gräfin verkleidet mit Susannas Hut und Kleid zum Treff mit ihrem untreuen Gatten, was Figaro zu ganz falschen Schlussfolgerungen treibt und ihm ein paar Ohrfeigen einbringt. Glücklicherweise erkennt er noch rechtzeitig seine geliebte Susanna in der Robe der Gräfin und weiß sich so ihrer Treue sicher. Doch auch der Graf Almaviva leistet seiner Gattin reumütig Abbitte.
Mozarts Musik zu lauschen, ist für mich ein absoluter Hochgenuss! Mozarts Werk auf der Bühne zu erleben, ist für mich die pure Wonne. Selbst (allzu) kreative Regie-Konzepte können dem Meister nichts anhaben. So sehr diese auch ihre Berechtigung haben, ihren Reiz auf mich ausüben, indem sie meinen Blickwinkel verändern und so meinen Horizont erweitern. Doch bei einer naturalistischen Inszenierung schalte ich unwillkürlich in den Wohlfühl-Modus: Mit einem wohligen Seufzer lehne ich mich in meinem Sitz zurück, und mein Herz springt und hüpft vor Freude!
HINWEIS: DIE OBIGE AUFNAHME STAMMTE NICHT AUS DER BESPROCHENEN INSZENIERUNG SONDERN DIENT NUR DAZU, EINEN EINDRUCK VON DER MUSIK ZU VERMITTELN.
Schon beim Klang der Ouvertüre wurde mir wieder allzu deutlich, dass es in dieser Oper äußerst turbulent zugeht: Es ist nicht zu überhören, dass die handelnden Personen voller Gefühl mit- und umeinander ringen und so reichlich Bewegung in die Geschichte bringen. Trefflich zu einer Opera buffa kitzelte Davide Perniceni genau diese vibrierende Leichtigkeit aus dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven heraus. Schwelgerisch, in großen musikalischen Bögen umrahmte er die Sänger*innen bei den Arien. Zudem gab es bei dieser Inszenierung im/am Orchestergraben Ungewohntes zu bestaunen: Der Orchestergraben wurde angehoben, was für einen schlankeren Klang sorgte (mein subjektiver Eindruck). Zudem begleitete Perniceni die Sänger*innen bei den Rezitativen höchstpersönlich am Cembalo.
Einer klassischen Screwball-Komödie nicht unähnlich zieht Regisseur Achim Lenz in der ersten Hälfte das Tempo an. Da werden so manche Türen geöffnet und wieder geschlossen, nur um zu erleben, dass das, was man dahinter wähnte, nicht (mehr) dort zu sein scheint. Bereits während der Ouvertüre tobten die Darsteller*innen vor dem geschlossenen Vorhang über die Vorderbühne und gaben sich so unverwechselbar, dass dies einer nonverbalen Vorstellung der Personen gleichkam. Lenz drehte bei der Charakterisierung der Figuren an der empfindlichen Schraube zur Übertreibung, lotete diese souverän aus und gab die Figuren nie der Lächerlichkeit preis, indem er sie in albernem Klamauk verfallen ließ. Vielmehr wusste er um die Talente seines Ensembles und nutzte diese charmant: So durfte beispielsweise Victoria Kunze (als studierte Harfenistin) in ihrer Rolle als Susanna zu eben jenem Instrument greifen, um die Canzone, die Cherubino für seine angebetete Gräfin gedichtet hatte, musikalisch zu untermalen. Das genannte Tempo ließ sich natürlich nicht dauerhaft durchhalten – nicht, dass der Regisseur dazu nicht befähigt gewesen wäre. Da hatte schon der Meister Mozart selbst den erzählerischen Ton verändert, um zu verhindern, dass die Figuren zu bloßen Abziehbildern verkamen. Vielmehr waren sie nun getriebene Charaktere, denen zunehmend die Masken vom Gesicht gerissen wurden, und die so in tragikomische Situationen tappten. Genau diese Weiterentwicklung arbeitete Lenz mit seinem talentierten Ensemble fein heraus.
Ausstatter Bernhard Bruchhardt stellte auf die Drehbühne ein Bilderbuch-Italien, in dem die Sonne heller strahlte und die Sterne romantischer funkelten: mit hohen Fassaden, ebenso hohen Fenstern mit passenden Fensterläden, mit üppiger Wandmalerei im Boudoir der Gräfin und einem echten Olivenbaum im herrschaftlichen Garten – stimmungsvoll ausgeleuchtet und mit ebenso stimmungsvollen Hintergrundprojektionen komplementiert. Seine Kostüme zitieren den Historismus und beschreiben klar den Stand bzw. die Position der jeweiligen Person im sozialen Gefüge.
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Mozart hat in dieser Oper dem Chor ein eher überschaubares Pensum zugedacht, doch dies nutzte der Opernchor unter der Leitung von Edward Mauritius Münch wieder mit Bravour. Zudem schlüpften aus seinen Reihen einige Sänger*innen voller Spielfreude in die div. Nebenrollen, seien es Masahiro Yamada als wenig verschwiegener ANTONIO, Katharina Diegritz als seine kecke Tochter BARBARINA oder auch Gustavo Oliva als buckelnder BASILIO bzw. „sprunghafter“ DON CURZIO.
Brigitte Rickmann überzeugte als resolute MARCELLINA und gab sehr unterhaltsam die auf den eigenen Vorteil bedachte Intrigantin. Ihr zur Seite stand Bass Ulrich Burdack als BARTOLO, der erfolglos versuchte, seine Rachsucht („Bah, wat hat er für ’ne fiese Charakter!“ 😄) zu unterdrücken: Bei „La vendetta, oh, la vendetta!“ zügelte Burdack noch seine Gefühle, die er dann später völlig unvermittelt aus sich herausbrechen ließ.
Mezzosopranistin Boshana Milkov gefiel abermals in einer Hosenrolle: Als hormonell aufgeladener Jungspund CHERUBINO, der verzweifelt dem Grafen zu entkommen versucht, erntete sie reichlich Lacher aus dem Publikum. Mit der Arie „Non so più cosa son, cosa faccio“ setzte sie einen von vielen gesanglichen Glanzpunkten in dieser Inszenierung.
LA CONTESSA DI ALMAVIVA ist für mich – inmitten all dieser „buffa“-Figuren – die einzig wahre „seria“-Partie. Von Anfang an umweht die Gräfin ein Hauch von Traurigkeit und Wehmut. Kristín Anna Guðmundsdóttir gestaltete dies u.a. bei „Porgi, amor, qualche ristoro“ äußerst feinfühlig mit ihrem jugendlich klingenden Sopran. Ihre CONTESSA schien kaum älter als SUSANNA. So sah ihre Beziehung zueinander auch weniger nach einem Arbeitsverhältnis zwischen Herrin und Dienerin aus, vielmehr spürte ich als Zuschauer stets die Vertrautheit und Loyalität zwischen diesen beiden starken Frauen.
Victoria Kunze als SUSANNA glänzte wieder mit ihrer Natürlichkeit in der Rollengestaltung. Blitze anfangs in ihrem Spiel noch ein wenig ELIZA DOOLITTLE auf, gewann schnell SUSANNA mit eigener Körpersprache die Oberhand: eine selbstbewusste und zupackende junge Frau, die ihr Leben (und die Liebe) selbstbestimmt in die Hand nimmt. Dafür, dass SUSANNA eine solch wichtige Figur in dieser Oper ist, hat Mozart ihr häufig „nur“ die Aufgabe der Duett-Partnerin (abgesehen von der kurzen Arie „Venite… inginocchiatevi“ im 2. Akt) zugeteilt. Erst kurz vor dem Finale ehrte sie der Meister mit Rezitativ und Arie „Giunse alfin il momento“ und „Deh vieni non tardar, o gioia bella“, beides gefühlvoll von Kunze mit kultiviert geführter Stimme und silbrig schimmernden Sopran gestaltet.
SUSANNAS Love Interest FIGARO präsentierte sich in der wohlgeformten Gestalt von Bariton Florian Götz, der schon mit seinem ersten gesungenem „Cinque…“ verdeutlichte, dass hier ein wahrer Charmebolzen auf der Bühne steht, der nicht nur seine SUSANNA bezirzt sondern auch das Publikum problemlos um den Finger wickelt. Mit potenter Stimme gefällt er bei „Non più andrai, farfallone amoroso“, um gegen Ende der Oper bei Rezitative und Arie „Tutto è disposto“ und „Aprite un po’ quegli occhi“ auch Verzweiflung auszudrücken, bevor er seine geliebte SUSANNA zum Happy End endlich in die Arme schließen darf.
Gefühlt seit Jahren fordere ich „Gebt dem Mann endlich eine große Partie!“. Ob ich nun tatsächlich erhört wurde, mag ich nicht zu beurteilen, ist aber schlussendlich auch ohne Belang. Marcin Hutek wurde mit IL CONTE DI ALMAVIVA eine Partie anvertraut, in der er seine Talente endlich zeigen darf. Gesanglich überzeugte er abermals mit seinem schönen Bariton. Doch es steckte auch viel komödiantisches Potential in diesem Kerl, das er in der Rolle des Grafen – sehr zum Vergnügen des Publikums – voll entfalten durfte: Er protzte und schwadronierte, er gockelte und drohte – alles umsonst. Je mehr er diese Allüren an den Tag legte, umso drastischer glitten ihm die Fäden aus den Händen. Da half ihm auch nicht sein angeberisches Auftreten wie bei „Hai già vinta la causa!“ und „Vedrò, mentr’io sospiro“. So schaffte Hutek das Kunststück, dass mir diese Figur trotz (oder wegen) ihrem Scheitern sympathisch blieb.
Kritikpunkte! Gab es Kritikpunkte? Naja, den zweiten Teil der Vorstellung nach der Pause empfand ich als etwas zu hektisch. Doch diesen Umstand schrieb ich dem holprigen Probenprozess aufgrund Krankheit im Ensemble gepaart mit der Aufregung zur Premiere zu. Doch ist dies wirklich ein Kritikpunkt, oder fällt es nicht vielmehr unter die Rubrik „Leiden auf hohem Niveau“?
In 14 Tagen schaue ich nochmals am Hofe Almavivas im Italien an der Weser vorbei. Ich freue mich drauf!!! ❤
Nachtrag zum 29. März 2025…oder auch DER DOPPELTE FIGARO: „Frühling lässt sein blaues Band / Wieder flattern durch die Lüfte / Süße, wohlbekannte Düfte / Streifen ahnungsvoll das Land.“ dichtete einst Eduard Mörike so fein. Doch mit Düfte tummeln sich auch die fiesen Pollen durch die Lüfte, und so trat Dramaturg Torben Selk zu Beginn der Vorstellung vor den Vorhang, um das Publikum zu informieren, dass der Sänger des Figaros Florian Götz leider von einer Pollen-Allergie betroffen sei: Die Partie spielen könne er, nur leider nicht singen. Glücklicher- wie auch dankenswerterweise hatte sich Bariton Carl Rumstadt von der Oper Bonn bereiterklärt, die Partie vom Bühnenrand zu singen und so dem indisponierten Kollegen seine Stimme zu leihen. Florian Götz gab abermals einen agilen und kraftstrotzenden Figaro, sang die Partie im kaum hörbaren „pianissimo“ und suchte den Blickkontakt mit seinem Kollegen, um möglichst synchron seine Lippen zu dessen Gesang zu bewegen. Dies gelang den beiden Künstlern so überzeugend, dass sich meine anfängliche Irritation (Darsteller von vorne, Stimme von links) schnell legte, und ich flott in den Genuss-Modus umschalten konnte. Zumal die warme, volltönende Stimme von Carl Rumstadt ganz wunderbar mit der Charakterisierung des Figaros von Florian Götz harmonierte. Es war grandios!
Kritikpunkte! Kritikpunkte? Welche Kritikpunkte? Ach ja, da war ja noch etwas…! 14 Tage nach der Premiere zur 4. Vorstellung haben sich alle „Kritikpunkte“ in Wohlgefallen aufgelöst. Da stimmten die Zwischentöne ebenso wie das neckende Zusammenspiel der Sänger*innen, die Abläufe waren fließender, und von der Hektik der Premiere fehlte jede Spur. Übrig blieb „nur“ ein rundum gelungener Abend!!!
Mozarts zauberhafte Oper LE NOZZE DIE FIGARO steht leider nur für wenige Vorstellungen auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven. Also: Nix wie hin!
Es war für mich wie ein Nachhausekommen: Nach längerer (in diesem Fall: unfreiwilliger) Abwesenheit öffnete ich die Tür, und eine Woge der Behaglichkeit stürzte über mich herein. Das Licht, die Gerüche, der Ton – alles war mir so vertraut, dass ich mich bedingungslos und ohne Angst fallen lassen konnte. Sanft gleitete ich in ein für mich bereitetes Bett, und luftige Kissen und Decken fingen mich weich auf.
Genauso fühlte ich mich, als ich dieses Buch aufschlug und endlich wieder in Flavias Welt eintauchen durfte. Fünf lange Jahre hatte sich Alan Bradley Zeit genommen, um Flavias Geschichte weiterzuspinnen. Fünf lange Jahre musste ich (und mit mir natürlich auch alle anderen Flavia-Groupies weltweit) ohne ein Lebenszeichen von ihr ausharren, und in mir keimte schon die Angst, dass es evtl. keine weitere Geschichte geben würde. Doch nun ist sie wieder da und hat für uns allerlei Überraschungen im Gepäck…
Major Greyleigh, ein ehemaliger Henker, wird tot aufgefunden. Todesursache: der Verzehr giftiger Pilze. Schnell gerät die Köchin Mrs Mullet ins Visier der Polizei. Doch ganz so einfach ist die Lösung nicht – Flavia ermittelt auf eigene Faust. Auf der Suche nach dem Mörder wird sie auf einige Familien aufmerksam, die durch den Henker Angehörige verloren und damit alle ein Motiv haben. Oder hat etwa ihre unerträgliche Cousine Undine etwas mit dem Tod des Henkers zu tun? Am Ende ihrer Nachforschungen kommt Unvorstellbares ans Licht: Flavia erfährt, was wirklich mit ihrem toten Vater geschah – das wohl größte Rätsel ihres Lebens.
(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)
„Wenn irgendwo Pilze schmoren, wird der Kriminalist unwillkürlich hellhörig.“
…äußerte sich schon Agatha Christie über diese äußerst beliebte Mordmethode in Kriminalromanen. Und hier werde auch ich als geneigter Leser natürlich sofort hellhörig. Wobei: Die herzensgute Mrs Mullet und ein heimtückischer Mord sind für mich nur schwerlich in Einklang zu bringen. Aber gerade meine durch die Lektüre der zehn Vorgänger-Bände gefestigte Vorstellung der handelnden Personen nutzt der Autor schändlich aus, um mich auf das sprichwörtliche Glatteis zu führen. Sind die Personen wirklich so, wie ich bisher meinte, dass sie es sind? In diesem Roman wird so vieles in Frage gestellt, dass ich ein wenig Zeit benötigte, um meinen kleinen Flavia-Kosmos neu aus- bzw. einzurichten.
Wie eingangs schon erwähnt, schenkt uns der Autor eine wohlige Sicherheit, indem er die bekannten Rahmenbedingungen nur wenig verändert. Und doch setzt Alan Bradley raffiniert neue Akzente, da er einige Personen in den Mittelpunkt schiebt, während andere Personen eher in den Hintergrund rücken. Dabei verändert sich zwangsläufig der Fokus: Bisher unerwähnte und darum umso überraschendere Eigenarten treten zutage und lassen die Figuren in einem neuen Licht erstrahlen. Der Autor gönnt seinen Figuren eine Weiterentwicklung, eine Wandlung, die sie wohltuend aus ihrer bisherigen Schablone (er)lösen.
Dies trifft auch auf unsere geliebte Heroin zu: Sie wird nun zu einer jungen Frau. Eine Wandlung, die auch sie selbst verwirrt, die sie aber umso menschlicher erscheinen lässt. Ähnlich wie der Titelheld der Harry Potter-Serie darf auch hier unsere Heldin einen Reifungsprozess durchleben, der ihr äußerst gut bekommt und aus der anfangs neumalklugen und nervigen Göre eine interessante und gereifte Persönlichkeit macht.
Die abermals abwechslungsreiche und packende Story würzt Bradley zusätzlich mit einem gerissenen Twist, der die Handlung urplötzlich in eine andere Richtung lenkt und so das Interesse der Leserschaft auf kommende Romane weckt. Und weitere Romane sind wahrlich vonnöten: Da sind noch so viele Fragen unbeantwortet geblieben, so viele lose Enden müssen noch miteinander verknüpft werden.
Zudem würde ich es mir so sehr wünschen, dass Alan Bradley angesichts seines reiferen Alters die Möglichkeit hätte, diese äußerst unterhaltsame Krimi-Reihe zu einem runden und somit gelungenen Abschluss zu führen. Flavia, Dogger, Mrs Mullet, Inspektor Hewitt, Undine und all die anderen wunderbaren Figuren hätten es wahrlich mehr als verdient.
erschienen bei Penhaligon / ISBN: 978-3764533168 / in der Übersetzung von Gerald Jung und Katharina Orgaß
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!
Ich fürchte beinah, dies wird eine meiner kürzesten Rezensionen, die ich je geschrieben habe. Ich weiß absolut nicht, was ich – möglichst wortreich – zu diesem Buch schreiben soll. Und so sitze ich nun schon seit einiger Zeit vor einem leeren Blatt Papier – natürlich metaphorisch gesprochen – und grüble so vor mich hin.
Ach, was soll’s. Ich fange mal ganz simple an.
Das Buch ist nett, oft auch durchaus unterhaltsam. Doch irgendwie ist es wie Zuckerwatte: viel Volumen bei eher geringem Gewicht, süß aber wenig nahrhaft und somit von geringer Sättigung. Und kaum war es verzehrt, schon hatte ich Appetit nach etwas Reellem.
71 Geschichten und Glossen verteilen sich auf 228 Seiten (Netto: purer Text ohne Tüdelüt), das bedeutet, dass – kaum begonnen – nach wenigen Seiten der Spaß auch schon wieder vorbei ist. So wirkten die Texte in ihrer Überschaubarkeit auch eher wie intellektuell leicht angehauchte Fips Asmussen-Witze auf mich. Da wird intensiv mit Doppeldeutigkeiten in der deutschen Sprache gespielt, mal mehr mal weniger sexuell orientiert, mal mehr mal weniger originell, mal mehr mal weniger lustig. Die Unterschiede zwischen Männlein und Weiblein und die daraus resultierenden Missverständnisse werden als gepflegte Herrenwitze präsentiert.
Erträglich wird dies nur, da Jürgen von der Lippe einen ironischen Blick auch auf die eigenen Unzulänglichkeiten wirft und niemals Partei für ein Geschlecht ergreift. Dies alles ist zwar hin und wieder durchaus ganz nett aber auf Dauer nicht Abendfüllend, da die Geschichten leider keinen Nachhall hinterlassen – zumindest nicht bei mir: Kaum gelesen, da waren sie auch schon rückstandslos aus meinem Gedächtnis verschwunden.
Ich möchte nicht missverstanden werden: Ich schätze Jürgen von der Lippe sehr und liebe seine verschmitzt-schelmischen Moderationen. Mit ihm und seinen bunten Hawaii-Hemden bin ich groß geworden, und er war mir immer ein Garant für gute Unterhaltung. Doch auch bei ihm greift das Phänomen, dass seine Texte nur dann gewinnen, wenn er sie höchstpersönlich zum Besten gibt: In der rein gedruckten Form fehlt ihnen das Charisma des Meisters.
erschienen bei Penguin / ISBN: 978-3328603696
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!
Nachdem der Carlsen-Verlag schon einige Werke von Dame Agatha Mary Clarissa Christie, Lady Mallowan, DBE (kurz: Agatha Christie 😉) in Form der Graphic Novel ins Rennen um die Gunst der Krimi-Fans geschickt hatte, hielt mit Georges Simenon nun ein weiteres Schwergewicht der Kriminalliteratur Einzug ins Portfolio des Verlages. Nun sind Simenons Romane nicht so gefällig wie die seiner britischen Kollegin, nehmen aber völlig berechtigt einen wichtigen Platz auf dem Krimi-Olymp ein. Zudem wählte der Verlag für Simenons Einstand nicht etwa eine Geschichte mit dem weltberühmten Kommissar Maigret, vielmehr fiel die mutige Wahl mit DER PASSAGIER DER POLARLYS auf einen der weniger bekannten Romane.
Schon bevor die Polarlys den in frostigen Nebel getauchten Hamburger Hafen Richtung Norwegen verlässt, beschleicht Kapitän Petersen ein ungutes Gefühl. Er spürt etwas, was die Seemänner den »bösen Blick« nennen, und ahnt, dass diese Fahrt keine gewöhnliche wird. Auch der inkompetente, ihm von seinem Arbeitgeber als Dritter Offizier zugeteilte junge Niederländer gefällt ihm nicht. Noch weniger der gerade aus dem Gefängnis entlassene Rumtreiber, den der Maschinist als Ersatz für den erkrankten Heizer an Bord genommen hat. Tatsächlich lässt das Unheil nicht lange auf sich warten, denn schon einen Tag nach Lichten des Ankers wird an Bord einer der fünf Passagiere, der Polizeirat Sternberg, ermordet aufgefunden – und an Verdächtigen mangelt es nicht…
(Inhaltsangabe der Verlagsseite des Romans entnommen!)
Sowohl Agatha Christie wie auch viele ihrer Kolleg*innen, die das goldene Zeitalter der britischen Krimis prägten, siedelten die Handlungen ihrer Werke gerne in der gehobenen Mittelschicht bis hinauf zum Adel an und präsentierten so kauzige Typen in einem gediegenen Ambiente voller Luxus aber auch mit mehr Schein als Sein.
Simenon hingegen porträtierte Typen der Unterschicht: Hier ging es immer etwas direkter, schnörkelloser und handfester zu. Auch Sex und Erotik wurden da nicht nur schamhaft angedeutet. Zudem wurde nicht auf edlen Landsitzen sondern in räudigen Hinterhöfen gemordet. Der Umgangston der Straße war deftig und manches Mal deutlich ordinärer als vergleichsweise in einem malerischen englischen Cottage.
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Die literarische Vorlage zur Graphic Novel DER PASSAGIER DER POLARLYS ist mir leider nicht bekannt. Doch mit dem Wissen um die Attribute Simenons Werke, gestatte ich mir die Einschätzung, dass es José-Louis Bocquet gelungen ist, ein stimmiges Szenario zu kreieren, in dem der raue, wortkarge Umgangston, der an Bord eines Passagier- und Frachtschiffes vorherrscht, gut getroffen wurde.
Georges Simenon ist für mich ein Meister im Erschaffen von Atmosphäre. Er beherrschte die seltene Kunst, mit nur wenigen Sätzen punktgenau ein Milieu zu schildern. Wenige Sätze, manchmal nur Wörter genügen mir, und vor meinem inneren Auge entsteht das entsprechende Setting der Geschichte. Die Umsetzung besagter Atmosphäre in Bilder ist Christian Cailleaux mit seinen Illustrationen ganz und gar wunderbar gelungen. Mit der Wahl der jeweiligen Physiognomien zum Handlungspersonal skizziert er gestrauchelte und somit vom Leben gezeichnete Charaktere. Er verweigert uns „Schönmalerei“ und entwirft ambivalente Figuren mit Ecken und Kanten. Auch sein Setting, sozusagen das Bühnenbild entspricht diesem Konzept: Er verwehrt Simenons Welt eine allzu lebensbejahende Farbigkeit. Alles wirkt gedämpft, dumpf, trostlos – und gleichzeitig beängstigend, so als würde hinter jeder Kabinentür eine Gefahr lauern.
„Ist es so, dass das Genre der Graphic Novel mir nicht zu liegen scheint?“ zweifelte ich vor einiger Zeit selbst an mir. Dank der Lektüre von DER PASSAGIER DER POLARLYS zweifle ich nun sehr viel weniger. Was hier geschaffen wurde, ist nicht nur ein schnöder Unterhaltungs-Comic, vielmehr wurde ein Klassiker der Kriminalliteratur als eine äußerst gelungene Graphic Novel wiedergeboren.
erschienen bei Carlsen / ISBN: 978-3551804204 / in der Übersetzung von Christoph Haas
ebenfalls erschienen als Roman bei Hoffmann und Campe / ISBN: 978-3455006315 und als Taschenbuch bei Atlantik / ISBN: 978-3455008050
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!