[Noch ein Gedicht…] Joachim Ringelnatz – DIE DREI SPATZEN

In einem leeren Haselstrauch
Da sitzen drei Spatzen, Bauch an Bauch.

Der Erich rechts und links der Franz
Und mitten drin der freche Hans.

Sie haben die Augen zu, ganz zu,
Und obendrüber da schneit es, hu!

Sie rücken zusammen dicht an dicht.
So warm wie der Hans hats niemand nicht.

Sie hören alle drei ihrer Herzlein Gepoch.
Und wenn sie nicht weg sind, so sitzen sie noch.

Joachim Ringelnatz

[Rezension] L. Frank Baum – Die abenteuerliche Geschichte des Weihnachtsmannes

Weiß jemand von Euch, wie der Weihnachtsmann auf die Welt kam? Nein, ich meine jetzt nicht die moderne Form des Weihnachtsmannes, die sich uns seit den frühen 30er Jahren des letzten Jahrhunderts dank einer cleveren Werbekampagne der Coca-Cola Companie ins Gedächtnis gebrannt hat. Vielmehr meine ich den klassischen Weihnachtsmann, der doch ein Mensch sein soll, oder? Doch wie schafft er es, in nur einer einzigen Nacht alle Kinder dieser Erde zu beschenken? Und warum wird er nicht älter? Diese und ähnliche Fragen stellte ich mir schon als Kind und erhielt leider nie Antworten darauf. Bis heute…!

Nach der Lektüre dieses kleinen, feinen Büchleins waren alle meine Fragen, die mich seit Kindertagen beschäftigt hatten, beantwortet. Niemand geringerer als der bekannte amerikanische Autor L. Frank Baum (* 1856; † 1919) lieferte mir alle Fakten, die ich benötigte, um meinen Wissensdurst zu stillen. Kein Wunder: Als Schöpfer von Der Zauberer von Oz kennt er sich schließlich mit magisch-mystischen Wesen und ihren Welten aus. 1902 erschien Die abenteuerliche Geschichte des Weihnachtsmannes erstmals im Original als illustriertes Bilderbuch. Doch auch die mir vorliegende Reclam-Fassung ohne Bilder kann überzeugen. L. Frank Baum (das L steht für Lyman) ging bei seinem Bericht über das Leben des Weihnachtsmannes streng chronologisch vor und unterteilt dessen Lebenslauf in die Rubriken Kindheit, Mannesjahre und Alter.

Im Wald von Burzee wurde der Weihnachtsmann (Äh, also, da war er natürlich noch nicht der Weihnachtsmann sondern einfach nur ein Baby wie jedes andere Baby auch.) als Findelkind von einer Waldnymphe aufgezogen. Um den kleinen Fratz besser rufen zu können, nannte ihn seine Zieh-Mama schlicht und ergreifend „Claus“. Und so wuchs Claus glücklich und zufrieden in eben jenem Wald von Burzee auf, der von etlichen unsterblichen Bewohnern wie Elfen, Knooks, Ryls und Nymphen bevölkert wurde. Claus wurde zum Mann, der respektvoll und gütig gegenüber allen Lebewesen des Waldes war. Doch auch er verspürte in seiner Sturm- und Drang-Zeit den Wunsch, das heimatliche Nest zu verlassen, um eigene Erfahrungen zu sammeln. So siedelte er sich am Waldesrand an und hatte seine ersten Begegnungen mit anderen Menschen. Schnell erkannte er, dass es soziale Unterschiede gab, es in der Welt der Menschen nicht immer gerecht zugeht, und dass die Kinder immer diejenigen sind, die am meisten leiden. Und so reifte in ihm der Plan, den Kindern durch selbstgeschnitztes Spielzeug eine Freude zu bereiten. Schnell sprach sich dies im Lande herum, und immer mehr Kinder äußerten den Wunsch nach einem schönen Spielzeug. Als Ein-Mann-Betrieb kam Claus kaum mit der Produktion nach. Zumal die bösen Awgwas, die auf den steinigen Bergspitzen lebten und alle Wesen des Waldes hassten, ihm immer wieder in die Quere kamen. Awgwas liebten Zwietracht und Zorn: Glück bzw. glückliche Menschen waren ihnen zuwider. Dank der Hilfe seiner Familie aus dem Walde konnte Claus diese miesen Typen besiegen. Doch Hilfe brauchte Claus auch weiterhin, da sich immer mehr Kinder auf der Welt Geschenke wünschten. So sprangen die Wesen des Waldes im hilfreich zur Seite und stiegen tatkräftig in seine Spielzeugproduktion ein. Sogar der Herrscher des Waldes, der Große Ak ließ sich erweichen und stellte Claus einige Rentiere, die seinen Schlitten ziehen sollten, zur Verfügung – allerdings nur für eine einzige Nacht. Und so produzierte Claus das ganze Jahr über Spielzeug, um es dann am Heiligenabend an die Kinder dieser Welt zu verteilen. Doch auch Claus kam in die Jahre und wurde älter. Die Reisen wurden immer beschwerlicher, da seine Kräfte langsam schwanden. Da beschlossen die unsterblichen Bewohner ihm ebenfalls Unsterblichkeit zu schenken…!

Waow! Zwischen zwei kleinen Buchdeckeln können ganze Welten entstehen, in denen eine Menge passieren kann. Völlig gebannt las ich dieses entzückende Büchlein in einem Rutsch an nur einem Nachmittag. Ich fühlte mich zurückversetzt in eine Zeit, als Geschichten noch „anders“ erzählt wurden: ruhiger, feiner, besinnlicher. Mit altmodischem Charme lässt der Autor uns an seiner phantasievollen Geschichte teilhaben. Klug nimmt er die bekannten Fakten rund um den Weihnachtsmann und verknüpft sie auf originelle Weise mit der Handlung seines Märchens, sodass alles völlig plausibel und logisch erscheint.

In den Mittelpunkt dieser Geschichte stellt L. Frank Baum deutlich ein humanitäres Weltbild, das geprägt ist durch Nächstenliebe, Toleranz und ein friedliches Miteinander. Dabei haftet seinem Werk weniger etwas belehrend-aufklärerisches an als vielmehr der märchenhaft-phantastische Grundton, der die Leserschaft vortrefflich unterhält.

Mag auch der Duktus seiner Sprache vielleicht nicht mehr allzu zeitgemäß sein, für mich war es eine wunderbar-märchenhafte Reise in eine vergangene Epoche!


erschienen bei Reclam / ISBN: 978-3150112359 / in der Übersetzung von Marion Hertle 

[Konzert] Léo Delibes – COPPÉLIA ODER DAS MÄDCHEN MIT DEN GLASAUGEN / Philharmonisches Orchester Bremerhaven

Musik von Léo Delibes / basierend auf einer Erzählung von E.T.A. Hoffmann

Philharmonisches Orchester Bremerhaven / in Kooperation mit der Ballettschule Dance Art Bremerhaven

Premiere: 13. November 2022/ besuchte Vorstellung: 13. November 2022

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


Musikalische Leitung & Moderation: Hartmut Brüsch
Choreografie & Inszenierung: Irina & Marius Manole

SCHLAGZEILE:
Zwei Bergtrolle zwischen einer Schar Waldelfen gesichtet

„In den späten Morgenstunden des vergangenen Sonntags wurden im großen Haus des Stadttheaters Bremerhaven zwei Bergtrolle inmitten einer Schar kleiner Waldelfen erspäht. Ausschreitungen, die ein Eingreifen von Spezialeinheiten erforderlich gemacht hätten, konnten vermieden werden, da die Bergtrolle sich durch Musik und Tanz beruhigen ließen. Nach Ende der Darbietung trollten die Trolle sich friedlich in Richtung ihres Reviers.“

Ich musste wahrlich ein wenig schmunzeln, als mein Gatte und ich unsere Plätze einnahmen: Rechts und links von uns, vor und hinter uns wuselten Mamas und Papas, Omas und Opas, sonstige Anverwandte und viele, viele Geschwisterkinder der jungen Bühnenstars. Zwischen all den kleinen Winzlingen ragten wir mächtig in die Höhe, als hätten sich tatsächlich zwei Trolle zwischen zarten Elfen verirrt.

Seit wir im letzten Jahr so viel Freude mit dem Familienkonzert Der Nussknacker hatten, sind wir zu heimlichen Fans mutiert. Denn auch in diesem Jahr ging das Philharmonische Orchester wieder eine gelungene Kooperation mit der Ballettschule Dance Art von Irina und Marius Manole ein und servierte abermals mit Léo Delibes Ballettmusik „Coppélia oder das Mädchen mit den Glasaugen“ ein Werk, das zwar durchaus schon rein akustisch gefällt aber in dieser optischen Umsetzung ganz und gar bezaubernd war.

Dirigent Hartmut Brüsch stellte eingangs launig das Philharmonische Orchester vor, indem er die einzelnen Instrumentengruppen hervorhob, um sie so in den Fokus zu rücken und dem jungen Publikum näher zu bringen. Ein kluger Schachzug, denn mit Beginn des Konzertes verschwand das Orchester gänzlich hinter der Präsenz von über 90 jungen Tänzer*innen. Irina und Marius Manole hatten wieder eine abwechslungsreiche Choreografie geschaffen, die sowohl das Alter wie auch den unterschiedliches Ausbildungslevel der Elevinnen und Eleven berücksichtigte. Léo Delibes schwelgerische Musik bot mit Mazurka, Walzer, Csárdás, Polka und Marsch vielfältige Möglichkeiten des tänzerischen Ausdrucks, die in der Choreografie vortrefflich berücksichtigt wurden.

Märchenhaftes erleben kleine Konzertbesucher*innen in der Werkstatt des Dr. Coppélius, der übersinnliche Phänomene erforscht. Er hat sich das Ziel gesetzt, eine Puppe zu kreieren, die wie ein echtes Mädchen wirkt. Wird der junge Franz, der sich prompt in diese Coppélia verguckt, seinen Irrtum bemerken oder wird seine Freundin Swanilda ihm die Augen öffnen müssen?

(Inhaltsangabe dem Programmblatt des Stadttheaters Bremerhaven entnommen.)

In verschiedenen Gruppen eingeteilt zeigten die Tänzer*innen ihr Können und boten mehr als nur den dekorativen Rahmen für die Hauptpartien. Ganz im Gegenteil: Dank der amüsanten Inszenierung der Manoles wurde nicht „nur“ getanzt sondern auch charmant miteinander agiert. Swanildas Freundinnen „kommentieren“ keck-kokett das Geschehen. Kleine Mäuschen wuseln drollig durch Coppélius Werkstatt, in der die unterschiedlichsten Puppen zum Leben erwachen. Kinder toben tanzend über den Festplatz. Freche Lausbuben foppen Coppélius bei seinem Spaziergang.

Marius Manole schlüpfte selbst in die Rolle des Coppélius und verkörperte den alten Griesgram mit viel Witz, doch wohldosiert, um die jüngsten Zuschauer nicht zu ängstigen. Katrina Dieckvoß gab mit mechanischen Bewegungen und puppenhaft-unbeteiligter Mine überzeugend die Titelpartie. Ihr Gegenpart und die eigentliche Hauptpartie des Stücks wurde voller Emotionen und Spielfreude von Miriam Manole verkörpert, die auch tänzerisch ihren Part ganz wunderbar ausfüllt. Volodymyr Fomenko vom Ballettensemble am Stadttheater Bremerhaven zeigte als Franz sein tänzerisches Können, das wir schon in vielfältigen Produktionen an diesem Haus bewundern durften.

Bewundernswert wie Marius Manole seine Truppe im Blick hatte: Turnte mal ein kleines Mäuschen aus der Reihe, wurde es liebevoll wieder ins Spiel zurückgeholt. Übrigens gebührt allen Menschen, die sich um das Wohl von Kindern und Jugendlichen kümmern (egal ob beruflich oder als Ehrenamt), meinen uneingeschränkten Respekt. Junge Menschen brauchen Vorbilder, die ihnen Werte und Tugenden vermitteln und ihre Talente und Kompetenzen fördern.

Nach einer guten Stunde wurden alle Beteiligten mit einem frenetischen Applaus, begeisterten Jubelrufen und einer verdienten Standing Ovation verabschiedet. Und so bleibt mir abschließend nichts anderes übrig, als meinen Schlusssatz vom vergangenem Jahr zu wiederholen:

💛🧡❤️ Es war bezaubernd…! ❤️🧡💛


Das Philharmonische Orchester Bremerhaven bietet in jeder Saison ein Vielzahl an abwechslungsreichen Konzerten: Ein Blick in das PROGRAMM lohnt sich sehr! Zur Homepage der Ballettschule Dance Art geht es in dieser RICHTUNG.

[Rezension] Dawn Casey – Wir warten auf Weihnachten. mit den schönsten Wintergeschichten aus aller Welt/ mit Illustrationen von Zanna Goldhawk

Die Tage werden kürzer und kürzer. Der erste leichte Frost setzt sich auf Gräser, Büsche und Bäume. Und so hat auch unser Kater beschlossen, dass es neben mir auf dem Sofa deutlich gemütlicher ist als auf seinem bisherigen Outdoor-Platz. Kater und Kerl rücken mehr zueinander und genießen gemeinsam die kuscheligen Momente. Und während sich das Katzentier schnurrend an meine Seite schmiegt, blättere ich in diesem zauberhaften Buch und lasse mich entführen in andere Länder.

Dawn Casey nimmt uns mit auf eine Reise durch die Märchen, Mythen und Sagen aus aller Welt: Wir besuchen den weißen Bärenkönig in Norwegen, suchen in der Ukraine mit den Tieren des Waldes Schutz in einem Handschuh oder nähen mit einem Schneider aus Polen einen Mantel für Mond. In Schottland lauschen wir dem Lied eines kleinen Rotkehlchens, erfreuen uns in China am Geschenk eines Hasen oder staunen über silberne Tannenzapfen aus dem eigenen Heimatland.

Aus Frankreich kommt mit Der kleine schwarze Kater eine sehr eigene und weniger anarchische Variation von Die Bremer Stadtmusikanten, die gänzlich ohne „Etwas Besseres als den Tod findest du überall.“ auskommen. Und selbst auf bekannte wie allzeit beliebte Geschichten wie Der Nussknacker von E.T.A. Hoffmann und Die Schneekönigin von Hans Christian Andersen müssen wir nicht verzichten. Komplementiert wird diese abwechslungsreiche Sammlung mit Volksmärchen bzw. -sagen aus Japan, Mexiko, Frankreich, Russland, England, Sibirien, Grönland, Südafrika, Griechenland und Irland.

Dawn Caseys Nacherzählungen haben einen einfachen, unaufgeregten Ton und verzichtet auf die allzu gruseligen bzw. brutalen Details des Originals, ohne dabei den Handlungsverlauf zu verändern. Ihre Sprache ist von einer poetischen Schlichtheit, womit die Geschichten sich hervorragend zum Vorlesen für jüngere Kinder eignen.


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Doch dies alles wird durch die Kunst von Zanna Goldhawk in den Schatten gestellt. Schon die wunderbare Gestaltung des Einbands erweckte in der Buchhandlung meines Vertrauens sofort meine Aufmerksamkeit. Wie unter Zwang streckte ich meinen Arm aus, griff mir das Buch, um in ihm zu blättern. Seite für Seite steigerte sich meine Begeisterung – über das geschmackvolle Vorsatzpapier zu den liebevollen Illustrationen am Seitenrand bis zu den ganzseitigen Kunstwerken.

Da tanzt der Nussknacker mit Marie durch eine zauberhafte Weihnachtswelt, Polarlichter verwandeln die Berge in geheimnisvolle Welten, die Schneekönigin schwebt in einem gläsernen Schlitten über den Nachthimmel, die Sonne erstrahlt in satten rot-orangen Tönen und der Eisbärenkönig erkundet im kristallenen Blau sein Reich. Dabei würde ich den Stil von Zanna Goldhawk als phantasievoll-naiv beschreiben, der mich oftmals an klassische Bauernmalerei erinnerte, wo das Haupt-Motiv durch Blumen, Blättern und Ranken umkränzt wird.

Als Liebhaber schöner Märchenbücher freue ich mich immer über einen weiteren Schatz für meine Sammlung: Dieses Buch hat mich gänzlich bezaubert!


erschienen bei Knesebeck / ISBN: 978-3957285225 / in der Übersetzung von Kathrin Köller

[Rezension] Janosch – Morgen kommt der Weihnachtsbär

Bisher hatte ich mit Janosch kaum Berührungspunkte: Während meiner eigenen Kindheit war er mir nicht präsent, als Heranwachsender hätte ich seine Bücher als „uncool“ abgestempelt, und im frühen Erwachsenenalter mangelte es in meinem Umfeld an Kindern im entsprechenden Alter, die für eine Anknüpfung hätten sorgen können. Und so ist dieses kleine Büchlein aus dem Reclam-Verlag mein erster intensiverer Kontakt mit diesem modernen Märchenerzähler.

Apropos Reclam-Verlag: Ich bin immer wieder erstaunt, welche Bandbreite an Autor*innen und Themen es zwischen dem gelben Einband der nur 10 x 14,5 cm großen Heftchen zu entdecken gilt. Lange Zeit haftete dem Verlag – völlig zu Unrecht – das Image der schnöden Schüler-Lektüre an. Doch mir dienten die Publikationen in der bekannten Optik so manches Mal als hilfreiche Vorbereitung auf einen Opern- oder Schauspiel-Abend. In der Zwischenzeit hat Reclam sich auch im Hardcover-Bereich etabliert und begeistert mit Büchern in besonderer Ausstattung. Doch nach wie vor verfolgt dieser Verlag sein vor Hunderten von Jahren festgelegtes Ziel, Weltliteratur für kleines Geld zu publizieren, um diese jedem und jeder zugänglich zu machen. Und so verwundert es kaum, dass der Verlag auch einige Werke eines Allrounders wie Janosch in die Galerie ihrer (modernen) Klassiker einreiht.

Der Weihnachtsbär macht seinen alljährlichen Rundgang, um die Wunschzettel einzusammeln. Manche Wünsche sind schon recht ungewöhnlich, andere dagegen wenig überraschend: Da wünscht sich das kleine Roselchen einen Tiger, kann aber vom Weihnachtsbär auf eine Katze runtergehandelt werden, und die Mäusemutter Anneliese hätte gerne wie in jedem Jahr die aktuelle Ausgabe der Gelben Seiten, da die so lecker nach Zitrone schmecken. In der Zwischenzeit ist der Quasselkasper auf der Suche nach einer Wurstelbude, landet aber in der Hütte des Oberförsters und wird dort von dessen Frau als Krippenpersonal rekrutiert. Dabei hat der Oberförster ganz andere Sorgen: Er müsste die gemopsten Tannenbäume aus dem Wald der oberforstamtlichen Behörde melden, findet aber allzu menschliche Gründe, warum er es unterlässt. Währenddessen ist der charmante Hallodri Kater Mikesch auf der Suche nach einem behaglichen Unterschlupf über die Feiertage. Doch die Damen, die er mit seiner Anwesenheit „beehrt“, werden ihm alle allzu anspruchsvoll. Der Weihnachtsbär sammelt weiterhin die Wunschzettel ein: Der blinde Maulwurf würde sich über eine Illustrierte mit Bildern freuen. Der kleine Bär hätte gerne eine fetzige Krawatte, und der kleine Tiger wünscht sich an Weihnachten Schnee. Diesen Wunsch kann der Weihnachtsbär auf jeden Fall erfüllen, denn schließlich ist er gut befreundet mit Frau Holle…!

Janosch erzählt liebevoll seine Geschichten über kleine und große Wünsche, von tierischen Gesellen und allzu menschlichem. Und wie jeder gute Geschichtenerzähler versteckt er seine Botschaften dezent und leise und lässt sie sanft in die Handlung einfließen. Er verpackt sie in einer humorvollen, mal flapsigen, mal skurrilen Sprache, die amüsiert und aufhorchen lässt. Seine phantasievolle und warmherzige Art, Geschichten zu erzählen, findet sich auch in seinen Illustrationen wieder. Dabei überzeugt er mit einem ganz eigenen Stil, der Figuren wie der kleiner Bär, der kleiner Tiger und die Tigerente als seine Schöpfungen unverkennbar machen und so einen hohen Wiedererkennungswert haben.

Dieses kleine charmante Büchlein erfreute mich als Erwachsener ebenso, wie es sicherlich auch schon so manches Kind erfreut hat bzw. erfreuen wird. Zudem eignet es sich mit seinen 24 Kapiteln hervorragend als literarischer Adventskalender, der zum Vorlesen verführt. Eine ganz und gar bezaubernde Lektüre…!


erschienen bei Reclam / ISBN: 978-3150143124

ebenfalls erschienen bei Little Tiger/ ISBN: 978-3931081423

[Rezension] Gladys Mitchell – Geheimnis am Weihnachtsabend

Gladys Maude Winifred Mitchell (* 1901; † 1983) wurde in Oxfordshire geboren, studierte in London Geschichte und arbeitete als Lehrerin. Im Jahre 1929 erschuf sie die berühmte Detektivin Beatrice Adela Lestrange Bradley, die sie in über sechzig Kriminalromanen ermitteln ließ. Dabei bedachte sie ihrer Heldin mit Interessen, die durchaus ihren eigenen entsprachen:  So war Gladys Mitchell nicht nur eine fundierte Kennerin der Werke von Sigmund Freud sondern interessierte sich auch für Okkultismus. Neben Agatha Christie und Dorothy L. Sayers gehörte sie dem britischen „Detection Club“ an und erhielt 1976 die höchste Ehrung der Crime Writer’s Association. Die Romane wurden Ende der 90er Jahre unter dem Titel The Mrs. Bradley Mysteries von der BBC verfilmt – mit Diana Rigg (Mit Schirm, Charme und Melone) in der Titelrolle und Neil Dudgeon (Inspector Barnaby) als Chauffeur George.

Mrs. Adela Bradley, praktizierende Psychologin und selbsternannte Hobby-Detektivin, befindet sich mit ihrem Chauffeur George auf dem Weg zu ihrem Neffen Carey Lestrange, der in der Grafschaft Oxfordshire eine erfolgreiche Schweinezucht betreibt, um dort in geruhsamer Eintracht im Kreise von Familie und Freunden die Weihnachtsfeiertage zu verbringen. Nur leider bleibt es weder geruhsam noch einträchtig: Die Mär eines Geistes, der nur einmal im Jahr ausgerechnet am Weihnachtsabend erscheint und diejenigen, die ihn zu Gesicht bekommen, im Laufe des kommenden Jahres in den Tode zieht, erhitzt seit Generationen die Gemüter der Dorfbewohner. Auch an diesem Weihnachten sorgt die Geschichte für reichlich Gesprächsstoff, zumal alle von der dubiosen Wette eines Unbekannten wissen, der den ansässige Anwalt Mr. Fossder und den benachbarten Schweinezüchter Geraint Tombley mit der Summe von 200 Pfund herausgefordert hat, sich dem Geist entgegenzustellen. Als dann am Heiligabend die Leiche von Mr. Fossder auf einem Feldweg entdeckt wird, spricht offiziell von Seiten der Polizei alles für einen natürlichen Tod durch Herzinfarkt. Doch die eine oder andere Ungereimtheit, die bei oberflächlicher Betrachtung belanglos wirken könnte, erregt die Aufmerksamkeit von Mrs. Bradley. Gemeinsam mit ihrem Neffen Carey und dem Chauffeur George stürzt sie sich in die Ermittlungen…!

Bisher waren die Krimi-Ausgrabungen aus dem Klett-Cotta Verlag eine sichere Bank für kurzweilige Unterhaltung mit nostalgischem Charme. Und wenn ich mir die Vita der Autorin bzw. deren Stellenwert innerhalb der britischen Kriminalliteratur anschaue, dann war die deutschsprachige Veröffentlichung dieses Romans (bzw. ihrer Romane) mehr als überfällig. Und augenscheinlich schien dieser Krimi alle meine Erwartungen an einem „Whodunit“ zu erfüllen: eine engagierte Amateur-Ermittlerin, ein zupackendes Faktotum, ein üppiges Handlungspersonal mit vielen potentiellen Verdächtigen, jede Menge Verwicklungen…

…und auch wenn formal alles richtig zu sein schien, haderte ich mit diesem Krimi. Dies lang nicht unbedingt in der Tatsache begründet, dass der deutsche Titel einen süffigen Weihnachtskrimi versprach, die Handlung sich allerdings über mehrere Monate – von Weihnachten bis Pfingsten – hinzieht. Vielmehr musste ich mit Bedauern feststellen, dass mir selten eine Hauptperson so unsympathisch war wie Mrs. Adela Bradley. Beinah schien es, als hätten die Besonderheiten ihrer Patienten auf ihr eigenes Verhalten abgefärbt. So manche ihrer Reaktionen nahm ich als befremdlich wahr: hämisches Kichern, bösartiger Blick, Echsenlächeln. Zudem wurden ihre Hände immer wieder mit Klauen verglichen. Diese Beschreibung erschien mir ebenso wenig schmeichelhaft, wie ihre Angewohnheit, alle und jede*n als „Kind“ zu titulieren, was eher herablassend auf mich wirkte.

Dieser Krimi erschien im englischen Original unter dem Titel Dead Men’s Morris im Jahre 1936 und war schon der 7. Fall, in dem Mrs. Bradley die Krimi-Bühne betrat. Vielleicht hätten sich mir viele ihrer Eigenarten mit dem Wissen aus den vorherigen Romanen erklärt, mein Verständnis geweckt und sie weniger unsympathisch auf mich wirken lassen. So empfand ich eben diese Allüren mehr als nur irritierend.

Schade! Ich hatte mich so sehr gefreut, eine weitere amüsant-kauzige Protagonistin in die Reihen meiner geliebten wie verehrten Hobby-Ermittler*innen hinzufügen zu dürfen.


erschienen bei Klett-Cotta / ISBN: 978-3608986730 / in der Übersetzung von Dorothee Merkel

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Ballett] Alfonso Palencia – DORNRÖSCHEN (UA) / Stadttheater Bremerhaven

Märchenballett von Alfonso Palencia / nach dem Märchen von Charles Perrault / mit Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky / Uraufführung

Premiere: 22. Oktober 2022 / besuchte Vorstellung: 30. Oktober 2022

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Davide Perniceni
Choreografie & Inszenierung: Alfonso Palencia
Bühne & Kostüme: Dorin Gal
Video: Rasmus Freese


Wenn ein Ballettmeister seine bisherige Wirkungsstätte verlässt, um sich an einem anderen Ort neuen Herausforderungen zu stellen, ist es durchaus nicht ungewöhnlich, dass ihm mehrere Tänzer*innen aus der Kompagnie folgen. Nicht so in Bremerhaven: Hier entschied sich die Kompagnie beinah vollzählig, der Seestadt an der Weser treu zu bleiben und sich in die fähigen Hände eines neuen Ballettdirektors zu begeben. So konnte Alfonso Palencia für seine Einstands-Produktion auf ein eingespieltes Ensembles zurückgreifen, das durch Akademist*innen (junge Tänzer*innen, die noch in der Ausbildung sind) ergänzt wurde.

Mit dem Märchenballett „Dornröschen“ zur bekannten Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky wählte er ein eher traditionelles Sujet, das einem kundigen Theaterpublikum in der einen oder anderen Form durchaus bekannt sein dürfte.

Zur Taufe von Prinzessin Aurora sind drei Feen eingeladen, die das Kind mit getanzten Segenswünschen ehren, darunter Schönheit, Klugheit, Anmut und Kraft. Die böse Fee Carabosse wurde versehentlich nicht eingeladen. Sie verflucht die Prinzessin und prophezeit den Tod an ihrem 16. Geburtstag. Die gute Fliederfee kann das Unheil gerade noch abwenden. Aurora fällt in einen hundertjährigen Schlaf, aus dem nur ein Prinz sie erlösen kann.

(Inhaltsangabe der Homepage des Stadttheaters Bremerhaven entnommen.)


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Zuschauer und Kritiker, die immer lautstark Reformen fordern, könnten diese Wahl durchaus als wenig innovativ bemäkeln. Aber hat ein Theater nicht auch die Verpflichtung – neben der Präsentation zeitgenössischer Werke – die klassischen Stücke zu pflegen und sie neu zu interpretieren, um so ein junges Publikum für das Theater zu begeistern? Alfonso Palencia gelingt dieser Spagat mit seiner Inszenierung zu „Dornröschen“ aufs Vortrefflichste. Seine Choreografie ist sinnlich und voller Grazie, dann wieder energetisch und dynamisch. Er zitiert den traditionellen Spitzentanz ebenso wie dem Modern Dance und findet doch eigenständige tänzerische Ausdrucksformen. Dabei bricht er durchaus auch mit den Erwartungen des Publikums: So lässt er sein Ensemble zum bekannten Walzer von Tschaikowsky eben nicht Walzer tanzen, sondern choreografiert einen Tanz, der wie eine zeitgemäße Variante des Hoftanzes anmutet.

Hatte ich bei seinem Vorgänger eher den Eindruck, dass dieser die Geschichte über den Tanz bzw. über die sich bewegenden Körper der Tanzenden erzählt, erlaubt Palencia seinen Tänzer*innen auch mit Gestik und Mimik, Emotionen zu zeigen, und schuf so eine individuelle Charakterisierung zur jeweiligen Rolle. Dabei blieb er wohltuend den bekannten Rollenprofilen innerhalb eines Märchens treu: So standen auf der Bühne natürlich u.a. eine böse Fee, ein unschuldiges Dornröschen und ein heldenhafter Prinz, und doch waren diese Rollen nicht plakativ in Schwarz oder Weiß unterteilt. Vielmehr erzeugte Palencia eine Spannung in seiner Rollengestaltung, indem er die Nuancen zwischen diesen Extremen fein herausarbeitete.

Ihm zur Seite stand ein talentiertes Tänzer-Ensembles, aus dem er die Rollen kongenial besetzten konnte. Ting-Yu Tsai war in der Titelpartie entzückend, naiv und kess zugleich. Ihr Zusammenspiel bzw. die gemeinsam getanzten Partien mit Stefano Neri, der den Prinz überzeugend verkörperte, waren sowohl anmutig wie auch kraftvoll. In den Rollen der drei guten Feen debütierten an diesem Haus die Elevinnen Yeojin Kim, Miso Yun und Mariagiovanna Bonavita und verzauberten mit ihrem wunderbaren Spitzentanz, wobei Yeojin Kim den Hauptpart als Fliederfee souverän meisterte.

Volodymyr Fomenko und Lidia Melnikova gefielen mir sehr als liebevolles Königspaar und wurden durch Ming-Hung Weng und Melissa Festa als Dienerpaar vortrefflich unterstützt. Renan Carvalho bot als böse Fee Carabosse bzw. der dunkle Prinz eine sensationelle Performance, nutze exzentrisch-diabolisch die Bühne als eine Art Catwalk und zog bei jedem seiner Auftritte die Blicke des Publikums auf sich.

Die farbenfrohen Kostüme von Dorin Gal unterstreichen die Individualität jeder Rolle. Sein Bühnenbild bietet – in Kombination mit den „lebendigen“ Videoprojektionen von Rasmus Freese – viel fürs Auge und ermöglicht schnelle Szenenwechsel ohne an Atmosphäre einzubüßen.

Davide Perniceni sorgte mit seinem straffen Dirigat dafür, dass das Philharmonische Orchester Bremerhaven die traumhafte Musik von Tschaikowsky sowohl lebendig als auch schwelgerisch zu Gehör brachte.

Ich saß staunend wie ein Kind und völlig verzaubert im Zuschauerraum und kann hier nur das wiederholen, was ich dem Schöpfer dieses Abends schon Gelegenheit hatte, in der Pause zu sagen: Es war wunder-wunderschön!

Lieber Alfonso Palencia, Ihr Einstand als Ballettdirektor am Stadttheater Bremerhaven ist Ihnen bestens gelungen!


Noch bis Anfang des nächsten Jahres gibt es mit DORNRÖSCHEN märchenhaftes am Stadttheater Bremerhaven zu bewundern. Unbedingt sehenswert…!

[Rezension] Robert Galbraith – DAS TIEFSCHWARZE HERZ

Edie Ledwell, die eine Hälfte des kreativen Teams um die erfolgreiche YouTube-Animationsserie „Das tiefschwarze Herz“, steht verzweifelt nach Hilfe suchend vor Robin Ellacott: Ein dubioser Fan mit dem Pseudonym „Anomie“ tyrannisiert sie im Netz aufs übelste. Aufgrund mangelnder Erfahrung im Bereich der Internetkriminalität lehnt Robin den Auftrag ab und verweist auf Detekteien, die sich auf dieses Thema spezialisiert haben. Wenige Tage später wird die Leiche von Edie auf dem Highgate Cemetery, dem Schauplatz der Serie, aufgefunden – nur wenige Meter entfernt von ihrem lebensbedrohlich verletzten Kompagnon Josh Blay. Robin und ihr Partner Cormoran Strike setzen nun alles daran, um die wahre Identität dieses mysteriösen wie gefährlichen Gegners „Anomie“ zu entlarven. Doch mit ihrer Suche im Netz und den Ermittlungen im realen Leben nähern sie sich nicht nur Edie Ledwells Mörder Schritt für Schritt, sondern scheuchen auch eine rechtsradikale Vereinigung auf, der jedes Mittel recht ist, um weiterhin im Verborgenen operieren zu können…!

1343 Seiten, parallel abgedruckte Chat-Verläufe, Auszüge aus Twitter-Accounts, lange Dialog-Passagen über mehrere Seiten, ein üppiges Handlungspersonal mit Klarnamen und Internet-Pseudonymen: Robert Galbraith aka Joanne K. Rowling erzählt die Geschichte wieder mit langem Atem und erwartet diesen ebenso von der Leserschaft. Und wenn auch das parallele Lesen der Chats, das Zuordnen der Twitter-Nachrichten und das Verknüpfen der vielfachen Handlungsstränge mir meine volle Konzentration abverlangte, so saß ich wieder Stunde um Stunde – das schwere Buch mit beiden Händen auf meinem Bauch abstützend – in meinem Lesesessel und folgte gebannt der Handlung. Ich staunte über die detaillierten Verknüpfungen und war voller Hochachtung über den raffinierten Aufbau der Geschichte.

Mrs. Rowling liefert wieder einen perfekt inszenierten Krimi ab, lässt ihr Protagonisten-Paar gemeinsam mit der Leserschaft in die (Un-)Tiefen des Internetzes eintauchen und scheut auch nicht davor zurück, heikle Themen wie Pädophilie, Manipulation und Rechtspopulismus anzusprechen. Je mehr ich in die Handlung eintauchte, umso deutlicher offenbarten sich mir die Personen hinter den Pseudonymen. War ich anfangs durchaus in Versuchung, den einen oder anderen Chat-Verlauf nur oberflächlich zu lesen bzw. gänzlich zu überspringen, merkte ich sehr schnell, dass sich hinter scheinbar belanglosen Nebensätzen Informationen verbargen, die für das Verständnis der weiteren Geschichte wichtig waren, bzw. es mir erst ermöglichte, Verknüpfungen herzustellen. Seite für Seite schien die Handlung immer mehr an Tempo zuzunehmen, was schlussendlich in einem dramatischen Showdown endete.

Doch auch die Beziehungsebene zwischen Robin und Cormoran wird wieder ausführlich beleuchtet und erhält nachhaltige Impulse. So sind Heldin und Held zunehmend gezwungen, sich selbst ihre Gefühle zum Gegenüber einzugestehen, ohne dass dies zu einer Liebesschmonzette verkommt. Über nunmehr sechs Romanen hinweg hat die Autorin zwei ambivalente Charaktere erschaffen, wo jede*r über eine komplizierte Biografie verfügt. Mit dem Wissen um die erlittenen Erfahrungen aus der Vergangenheit agieren beide Personen nachvollziehbar und verständlich, gleichzeitig sorgt es für eine vibrierende Dramatik zwischen den mir so liebgewonnenen Hauptfiguren. Auch diesmal gönnt die Autorin ihrem Handlungspersonal eine Weiterentwicklung: Robin ist dem Status der Assistentin längst entwachsen, begegnet Cormoran auf Augenhöhe und ist so zur gleichwertigen Partnerin gereift.

Beim siebten Kriminalroman von Robert Galbraith erwarte ich somit eine längst überfällige Änderung im Titel: Ein Fall für Cormoran Strike sollte abgelöst werden von Ein Fall für Strike und Ellacott – Robin hätte es mehr als verdient!


erschienen bei Blanvalet / ISBN: 978-3764508173 / in der Übersetzung von Wulf Bergner,Christoph Göhler und Kristof Kurz 

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Emily Joe – Katzen können Geister sehen

Alle menschlichen Dosenöffner, Milchtrittmatratzen und Kraulexperten kennen sie – diese Allüren, die jede Katze hin und wieder befallen: Eben liegt der weltbeste Stubentiger noch still und entspannt auf dem Sofa, im nächsten Moment gebärdet er sich wie ein Derwisch und rast mit aufgeplusterten Schwanz durch die Wohnung. Als nur unzureichend mit Sinnen ausgestattetes Wesen reagieren wir Menschen häufig mit einem überraschten Unverständnis.

Emily Joe liefert mit ihrem entzückenden Bilderbuch endlich eine plausible Erklärung: Katzen können Geister sehen. Na logisch, das erklärt alles! Die Sinne der Katzen sind um ein Vielfaches feiner als die von uns Menschen. Sie können nicht nur die Mäuse unter der Erde spüren, das Gras wachsen hören sondern (selbstverständlich!) auch Phänomene sehen, die uns Menschen verborgen bleiben.


Emily Joe. KATZEN KÖNNEN GEISTER SEHEN


Ihre Illustrationen sind witzig, markant und dynamisch und spiegeln die Persönlichkeit der Katzen auf charmante Weise wieder. Gleichzeitig vernachlässigt sie nicht das Schaurige in dieser „Gruselgeschichte“ und lässt uns die Geister in ihren Illustrationen erahnen: Da taucht mal hier, mal dort ein dubioser Schatten auf dem Papier auf. Dabei wirken ihre Bilder nie allzu bedrohlich und eignen sich so hervorragend zum gemeinsamen Betrachten mit den Kleinsten. Zudem bietet sie mit dieser niedlichen Reimgeschichte die Möglichkeit, schon junge Zuhörer*innen spielerisch an die Lyrik heranzuführen.

Da ich das englische Original nicht kenne, kann ich leider nicht beurteilen, ob das manchmal etwas holperige Versmaß, das ein flüssiges Vorlesen etwas hemmt, so schon im Ausgangstext zu finden ist oder in der Übersetzung begründet liegt. Dies schmälert jedoch nicht die Freude beim Betrachten dieses Bilderbuchs.

Ich habe übrigens aufgegeben, mich über die besagten Allüren bei meinem Kater zu wundern. Aus seiner Sicht macht alles Sinn, und wer bin ich, um sein Verhalten zu hinterfragen. Schließlich sind die Aufgaben klar definiert: Er ist dazu da, um die Geister zu verscheuchen, und ich bin dazu da, um ihn liebzuhaben. 🐱


erschienen bei aracari / ISBN: 978-3907114254 / in der Übersetzung von Jana Grohnert

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!