MONTAGSFRAGE #136: Liest Du eigentlich schon immer gern oder bist Du erst später im Leben zum Lesen gekommen?

Ja, ich habe immer schon gerne gelesen. Ich kann mich an keinen Zeitraum in meinem Leben erinnern, an dem ich nicht gelesen habe (von kurzfristigen Leseflauten mal abgesehen – aber die zählen für mich nicht). Schon recht früh wurde meine Liebe zum Wort geweckt, bzw. sie musste erst gar nicht geweckt werden, denn sie war einfach da…!

Seit meinem 5. Lebensjahr lese ich. Angefangen hat alles damit, dass ich es als kleiner Pöks wahnsinnig spannend fand, wenn mein 7 Jahre älterer Bruder morgens schon zur Schule durfte. Ich musste leider zuhause bleiben, dabei hätte es mich sehr interessiert, was mein Bruder in der Schule so alles erlebt (Mein Bruder hätte mit Freude und äußerst bereitwillig mit mir getauscht!).

 So nötigte ich unsere Mutter, mit mir „Schule“ zu spielen. Bei dieser Gelegenheit kam die erste Schul-Fibel von meinem Bruder wieder zum Einsatz und zu neuen Ehren. Ich war fasziniert von den vielen bunten Bildern, wollte aber auch unbedingt die komischen Zeichen neben den Bildern verstehen. Unsere Mutter erklärte mir zwischen Staubsaugen, Abwasch und Mittag kochen (Bitte beachten: Wir befinden uns im Jahr 1974!) die einzelnen Buchstaben, und schon bald konnte ich aus den einzelnen Hieroglyphen erst ganze Worte und dann vollständige Sätze formen, um den Abenteuern von Peter, Ursula, Flocki, Muschi und Igel selbständig zu folgen.

 Mit Beginn der Schule ebnete meine LESELUST ein wenig ab und pendelte sich auf Normal-Null ein: Schließlich gab es jetzt mit den Klassenkameraden und Schulfreunden so viel anderes Neues zu entdecken. Bis zum 8. November 1977 – meinem 8. Geburtstag,…

 …an diesem „denkwürdigen“ Tag schenkte mir mein Großvater mein erstes „richtiges“ Buch: 5 Freunde im alten Turm. Meine Gedanken damals waren „Wie blöd, das ist ja nichts zum Spielen!“. Aber ich bedankte mich brav, und das Buch landete erstmal unbeachtet auf einem Regal in meinem Kinderzimmer. Beinah täglich fragte Opa „Und? Gefällt Dir das Buch?“, bis meiner Mutter der Kragen platzte, und sie mich anranzte „Nun ließ das Buch, damit Opa endlich Ruhe gibt!“.

 Und so lass ich widerwillig die ersten Seiten, tauchte ein in eine Welt voller Abenteuer, und mein Widerwille schwand mit jeder gelesenen Seite. Seitdem verspüre ich diese LESELUST,…

 …und sie wurde auch in den Jahren darauf geschürt, da direkt in meiner Grundschule die Gemeindebücherei einzog – anfangs nur in einem ehemaligen Klassenraum beheimatete, später auf zwei Klassenräume ausgeweitet. Es waren wahrlich paradiesische Verhältnisse für mich: In den Pausen oder nach dem Unterricht stromerte ich durch die Regale auf der Suche nach spannenden Abenteuern. Auch nach einem Wechsel der Schule blieb ich meiner kleinen Bücherei treu.

Auch die div. pubertärer Verirrungen führten nie dazu, dass meine Liebe zum Lesen einschlief. Ganz im Gegenteil: Dank meiner Bücher überstand ich halbwegs schadlos diese besagten pubertären Verirrungen, denn sie waren und sind mir Sorgenstiller, Freudenspender und Seelenstreichler. Meine Rubrik Die Bücher meines Lebens verdeutlicht sehr anschaulich, dass es immer Bücher gab, die mir in wichtige, prägende und herausfordernde Phasen meines Lebens beistanden, und es wird sie auch weiterhin geben.

Vielleicht fragt Ihr Euch nun, was mich da so sicher sein lässt? Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht, aber ich bin es: Bücher werden mir immer treue Begleiter sein!

…???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

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[Rezension] Alan Bradley – Flavia de Luce. Mord im Gurkenbeet (Hörspiel)

Die 11-jährige Flavia stolpert eines Morgens unversehens über den Körper eines Fremden, der im Gurkenbeet liegend sein Leben aushaucht. Doch so fremd scheint der Tote auf dem Familienanwesen Buckshaw nicht allen Familienmitgliedern zu sein: Ihr Vater Colonel de Luce hatte noch am Vorabend eine heftige Auseinandersetzung mit dem Verblichenen. So fokussiert sich die Arbeit vom ermittelnden Inspektor Hewitt auch genau in diese Richtung. Flavia glaubt felsenfest an die Unschuld ihres Vaters: Schließlich wurde das Opfer vergiftet, und der Colonel ist zwar eine Koryphäe der Philatelie, kennt sich mit der Chemie allerdings überhaupt nicht aus – ganz im Gegensatz zu seiner vorlauten Tochter Flavia, die sich nun in die Ermittlungen einmischt, für ordentlich Verwirrung sorgt und den wahren Täter somit zwingt, wieder aktiv zu werden…!

Mr Bradley lässt sich mit der Veröffentlichung eines neuen aufregenden Abenteuers einer meiner Lieblings-Spürnasen leider sehr viel Zeit. Umso erfreuter war ich, als ich entdeckte, dass es zum allerersten Roman eine Hörspielfassung gibt. So konnte ich der Versuchung einfach nicht widerstehen,…

…und nun sitze ich in meinem gemütlichen Ohren-Sessel, neben mir dampft ein Becher gefüllt mit köstlichem Kaffee, und lausche der akustischen Umsetzung einer Geschichte, die ich so gut kenne. Schließlich habe ich selbst schon zwei Lesungen mit Flavia bestritten und somit ihr und ihren Freunden meine Stimme geliehen,…


2 CDs/ Flavia de Luce. Mord im Gurkenbeet von Alan Bradley (2013)/ Buch & Regie: Markus Winter/ mit Luisa Wietzorek, Zalina Sanchez Decke, Tom Jacobs, Torsten Münchow, Maria Koschny, Inken Baxmeier, Helmut Winkelmann, Hildegard Meier, Corinna Dorenkamp u.a.

…und nun sitze ich und lausche und lausche und lausche und bin irritiert. Nicht, dass ich es hier mit einer schlechten Umsetzung der Geschichte zu tun hätte. Vielmehr habe ich bei meinen Lesungen zwangsläufig einige Rollen anders interpretiert, ihnen sozusagen stimmlich eine andere Färbung, einen anderen Rhythmus, einen anderen Ton verliehen. Zudem hatte ich Flavia nie ernsthaft als 11-jährige wahrgenommen, und sie somit auch nie als solche bei meinen Lesungen dargestellt. Doch nun wird sie – als logische Konsequenz – selbstverständlich von einem 12-jährigen jungen Mädchen gesprochen. Doch ich wundere mich über mich selbst, dass ich diesen Umstand bisher geflissentlich ausgeblendet habe, und muss darum meine Sichtweise auf die Figur/die Figuren neu justieren.

Dabei haben die Produzenten die Titelpartie klug mit zwei Sprecherinnen besetzt. Zalina Sanchez Decke spricht in den Dialogen die junge Flavia mit jugendlichem Elan und kindlicher Naivität, während Luisa Wietzorek als Erzählerin die reifere Flavia verkörpert und uns somit aus Sicht der Vergangenheit an den Geschehnissen auf Buckshaw teilhaben lässt. Ein durchaus raffinierter Schachzug, der auch ohne Bruch auskommt, da beide Stimmen sehr gut nebeneinander harmonieren. Torsten Münchow gibt einen souveränen Inspektor Hewitt und gestaltet glaubhaft die Wandlung vom zurückhaltenden Ermittler zum besorgten väterlichen Freund. Tom Jacobs als Colonel de Luce hätte für meinen Geschmack durchaus ein wenig fahriger und weltentrückter sein können. Dafür punkten Inken Baxmeier als Daphne und besonders Maria Koschny als Ophelia mit prägnanten wie humorvollen Auftritten. Als kleinen Frische-Kick empfand ich auch Corinna Dorenkamp in der Rolle der Mary Stoker. Besonders die Interpretationen von Helmut Winkelmann (Dogger) und Hildegard Meier (Mrs. Mullet) wurden „Opfer“ meiner vorgefassten Meinung, da ich mir gerade diese beiden Rollen prägnanter bzw. kauziger gewünscht hätte. Zudem intonieren einige Sprecher*innen in einem Duktus als würden sie ein klassisches Kinder-Hörspiel à la „Bibi Blocksberg“ einsprechen und kein Hörspiel für reifere Zuhörer – die Heldin ist zwar erst zarte 11 Jahre alt, aber trotzdem handelt es sich hierbei um einen reellen Krimi.

Regisseur Markus Winter ist eine solide Umsetzung der Geschichte gelungen, die mir Freude bereitet hat aber durchaus noch ausbaufähiger ist. Dafür gebührt ihm das große Kompliment, dass er das Buch geschickt auf die Länge von zwei CDs komprimiert hat, ohne dass wesentliche Inhalte verloren gingen oder der Fluss der Geschichte gestört wurde.


erschienen bei WinterZeit Audiobooks/ ISBN: 978-3943732221

MONTAGSFRAGE #135: Bevorzugst Du lieber Roman-Reihen oder eher in einem Band abgeschlossene Geschichten?

Ohje, ich fürchte, dies wird wieder eine von diesen „Sowohl-als-auch“-Antworten, bei der man (also: ich) dem Schwadronieren verfällt, und wo man (also wieder: ich) kein Ende findet. Na denn, auf geht’s…!

Ich liebe…
…Roman-Reihen: Was wäre ich ohne meine liebgewonnenen und verehrten Heldinnen und Helden, die sich – bei mir vornehmlich – in kriminalistischen Gefilden tummeln, mir Stunden der Zerstreuung schenkten und so über so manchen emotionalen Tiefpunkt hinweg halfen. Mein Leben wäre um einiges Ärmer, hätte ich nicht irgendwann die Bekanntschaft mit Hercule Poirot, Miss Marple, Kommissar Maigret, Flavia de Luce, Dr. Siri, Cormoran Strike und Nero Wolfe gemacht.

Ich liebe…
…in einem Band abgeschlossene Geschichten: Was wäre ich ohne meine liebgewonnenen und verehrten Heldinnen und Helden, die sich in ganz unterschiedlichen Ländern und sozialen Milieus tummeln, mir Stunden der Zerstreuung schenkten und so über so manchen emotionalen Tiefpunkt hinweg halfen. Mein Leben wäre um einiges Ärmer, hätte ich nicht irgendwann die Bekanntschaft mit Ruthchen, Alexander, Leo, Laila und Gertrud, Agathe und einem namenlosen Buchhändler gemacht.

Der Text kommt Euch irgendwie bekannt vor? Ist doch logisch: Formal betrachtet mache ich keine Unterschiede zwischen diesen beiden Extremen. Beide sind mir gleich lieb und teuer. Beide haben einen hohen Stellenwert in meinem Leser-Leben. Beide haben „für jetzt und immerdar“ einen Platz in meinem Bücherregal.

Während ich bei der Serie (wie könnte es auch anders sein) am Ende einer Geschichte der Fortsetzung entgegenfiebere, und es kaum abwarten kann, bis der nächste Bande erscheint, habe ich bei Einzel-Büchern noch nie den Wunsch nach einem Nachschlag verspürt. Schließlich ist der Plot dieser Romane ja auch so aufgebaut, dass er ein „mehr“ nicht benötigt: Alles wurde gesagt, und das ist gut so. Oder: Alles wurde nicht gesagt, vieles blieb unausgesprochen, wage, in der Schwebe, aber auch dieser Umstand „ist gut so“.

Besonders dieses kurze Hineinspringen in eine Geschichte übt für mich immer einen besonderen Reiz aus. Als vorübergehender Gast nehme ich für einen klar begrenzten Zeitraum Anteil am Leben meiner Protagonist*innen. Genauso plötzlich wie ich in eine Geschichte hineinpurzel, genauso plötzlich werde ich aus ihr wieder hinauskatapultiert. Dabei kann ein solch abrupter Abschied durchaus ein Wechselbad an Gefühle bei mir auslösen, mich in einer melancholischen Stimmung zurücklassen oder meine Sinne verwirren. Hach, wie schön, dass das Lesen von Büchern so etwas erreichen kann!

Bei den Serien fühle ich mich emotional auf der sicheren Seite: Ich kenne „meine“ Leute, kann sie einschätzen und weiß, was mich erwartet. Und doch können und dürfen Überraschungen mich gerne aus dem Konzept bringen und verdutzt aus der Wäsche gucken lassen. Doch die Rahmenbedingungen sind mir bekannt und versprechen Sicherheit. Dafür freue ich mich immer wieder auf ein Wiedersehen (Naja, eher Wieder-Lesen…!). Beinah ist es so, als würden alte Freunde wieder auf einen Besuch bei mir vorbei schauen, gute Laune verbreiten und mich erst wieder verlassen, wenn meine Seele ausreichend gestreichelt wurde. Und auch hier: Hach, wie schön, dass das Lesen von Büchern so etwas erreichen kann!

Uups, jetzt habe ich es ja doch gefunden: das…
ENDE

…Einzelkind oder einen ganzen Stall voller Geschwister? Was ist Euch lieber???


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[Komödie] Sönke Andresen – OFFLINE FÖR EEN AVEND (UA) / Ohnsorg Theater Hamburg

Komödie von Sönke Andresen / Plattdeutsch von Christian Richard Bauer

Premiere: 22. August 2021 / besuchte Vorstellung: 24. August 2021
Ohnsorg Theater Hamburg


Inszenierung: Murat Yeginer
Bühne & Kostüme: Beate Zoff


Hamburg – meine Perle! Sind tatsächlich schon beinah zwei Jahre vergangen, seitdem wir das letzte Mal bei dir zu Gast waren? Auch damals waren wir zu dir gekommen, um uns ein Stück im legendären Ohnsorg Theater anzuschauen. Nun sind wir aus ebendiesem Grund wieder bei dir: …und dazwischen, was war dazwischen? Ach, reden wir nicht darüber, sondern freuen uns lieber, dass wir gesund wieder beisammen sind.

Der Möbel-Mitnahmemarkt „ahoy!-Möbel“ feiert sein 75-jähriges Bestehen mit einer Motto-Kostüm-Party, bei der alle Mitarbeiter*innen getreu dem Firmennamen maritim kostümiert zu erscheinen haben. Genau am Abend der großen Jubiläumsparty bricht Kassiererin Carla gemeinsam mit ihrer Kollegin Debbie, ihres Zeichens Verkäuferin in der Matratzenabteilung, über den Lüftungsschacht in das Büro ihres Chefs Jörn Brunkhorst ein. Carla sucht belastendes Material gegen ihren Chef, der sie für den Krankenhausaufenthalt einer Kollegin verantwortlich macht und ihr mit Abmahnung, wenn nicht sogar Kündigung droht. So sinnt Carla auf Rache, findet allerdings kein belastendes Material. Stattdessen albert sie mit einer phallusförmiges Figur aus Terrakotta, ein Erbstück der verstorbenen Frau Mama, herum und rekelt sich scheinbar wollüstig vor der Handykamera, um ihrer erkrankten Kollegin mit diesem Filmchen zu erfreuen. Dummerweise beginnt der Nachname eben dieser Kollegin mit demselben Buchstaben wie der ihres Chefs: 1x nicht richtig hingeschaut, 1x zu schnell getippt und schon landet das pikante Video auf dem Handy des Chefs. Nun ist guter Rat teuer: Der Chef darf dieses Video unter keinen Umständen zu Gesicht bekommen, Carla wäre sonst auf der Stelle arbeitslos. So möbliert – Äh! – mobilisiert sie die Massen, spannt ihre Freundin Debbie ebenso für ihre Pläne ein, wie ihren Ex-Gatten Horst, der als Gabelstapelfahrer im Lager arbeitet und zum Firmenjubiläum zum tanzenden Show-Act im Meer-Mann-Kostüm mutiert. Auch die in den Chef verschossene Lone Rasmussen, Urenkelin des Firmengründers, wird hemmungslos von ihr für ihre Zwecke manipuliert. Carla lässt sich immer neue hanebüchene Geschichten einfallen, um ihre Anwesenheit im Büro des Chefs zu erklären und ihm so das Handy mit dem pikanten Video zu entlocken. Dabei hat er ganz andere Sorgen…!

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Regisseur Murat Yeginer setzt in seiner Inszenierung auf Tempo und jagt sein Ensemble im Stil der klassischen Screwball-Komödien über die Bretter: schnell und mit dem nötigen Timing aber nie hektisch. Dabei überrascht er mit kleinen, feinen Gags und ermöglicht seinen Schauspieler*innen, Profil und Charakter ihrer Figuren zu entwickeln. Das Bühnenbild von Beate Zoff überzeugt im beinah sterilen Ambiente eines Möbelhauses, wie es überall in der Republik stehen könnte. Erst ein zweiter oder auch dritter Blick offenbaren die vielen Details (das maritime Muster der Auslegeware, die typischen Preisschilder an den Möbeln), die sich auch in den Kostümen (die Namensschilder des Personals, ein Werbeaufdruck auf dem T-Shirt) wiederfinden.

Wie eigentlich immer beim Ohnsorg Theater punktet auch „Offline för een Avend“ mit einer passgenauen Auswahl der Schauspieler*innen. Nele Larsen gibt die zuckersüße Lone mit Naivität und Sex-Appeal. Meike Meiners verzweifelt als Debbie beinah an ihrem Zwiespalt zwischen Karrieredenken und Loyalität gegenüber Carla. Erkki Hopf gefällt in seiner akzentuierten Darstellung des Jörn Brunkhorst, der verzweifelt versucht, sein „dunkles“ Geheimnis zu verschleiern.

Markus Gillich entlockt den Kehlen des Publikums so manches Lachen, wenn er als leicht alkoholisierter Meer-Mann Horst eine choreografierte Kostprobe seines Show-Acts zum Besten gibt und diese zudem auf der Bierflasche pfeifend musikalisch untermalt.

Beate Kiupel glänzt voller Spielfreude und stattet ihre Carla mit patentem Mutter-Witz aus. Als „alte“ Häsin am Ohnsorg Theater versteht sie es famos, ihre Pointen punktgenau zu setzten, und startet so etliche Humor-Offensiven, z.Bsp. wenn sie sich beim kompromittierenden Video-Dreh rollig auf dem Schreibtisch wälzt oder ihrem Chef kokett-verführerisch das Handy zu entlocken versucht.

Der Regisseur „himself“ sorgt als Stimme von Praktikant Ibrahim für einen Running-Gag: Ibrahim beherrscht die deutsche Sprache nur rudimentär, muss allerdings das Mikro der Information besetzen, scheitert so beinah tragisch-komisch an der gender-neutralen Ansprache von Kund- und Belegschaft und führt diese so ad absurdum. Dabei war Schadenfreude hier nicht nur völlig fehl am Platz, sie war schlichtweg nicht existent: Das Publikum durfte mit den Figuren lachen. Es lachte aber nie über sie. Das Ensemble des Ohnsorg-Theaters wandelte trittsicher auf dem schmalen Grat zwischen Klamauk und Komik, zwischen Überzeichnung und Glaubwürdigkeit, ohne diesen je zu verlassen.

Das Ensemble des Ohnsorg-Theaters beherrscht eben bravourös die schwere Kunst der leichten Unterhaltung!


Das Ohnsorg Theater spielt OFFLINE FÖR EEN AVEND noch bis zum 25. September 2021.

MONTAGSFRAGE #134: Gibt es ein Buch, das Dir sehr gefallen hat, Du aber nicht noch einmal lesen würdest?

„Sag niemals nie…!“ – Sean Connerys letzter Einsatz als Spion im Auftrag ihrer Majestät könnte durchaus auch als Untertitel für diese MONTAGSFRAGE dienen. „Sag niemals nie…!“ – Sicher könnte ich jetzt vollmundig behaupten, dass ich das eine oder andere Werk nicht mehr lesen würde, obwohl es mir sehr gefallen hat, aber

…aber was schert mich in einer Woche/einem Monat/einem Jahr mein Geschwätz von heute, wenn ich gerade dann zu genau diesem/jenen/welchen Zeitpunkt das dringende, unbändige und nicht zu stillende Bedürfnis verspüre, eben genau das Werk wieder lesen zu wollen, das ich nicht noch einmal lesen wollte. Somit ist meine Antwort zur heutigen MONTAGSFRAGE auch nur als ein kurzfristig gültiges Zeitdokument zu sehen – sozusagen ein Schnappschuss, der meine momentane Meinung im Wort festhält aber keine Gültigkeit für die Ewigkeit besitzt. Logisch, oder?

Doch nun hurtig ran an eine Beantwortung der Frage: Ich würde gerne die besagten Bücher in zwei Kategorien einteilen:

  1. Bücher, die mir sehr gefallen haben, die ich aber nicht nochmals lesen würde und darum auch nicht mehr in meinem Besitz sind.
  2. Bücher, die mir sehr gefallen haben, die ich aber nicht nochmals lesen würde aber trotzdem für immer und ewig in meinem Besitz bleiben werden.

Zur 1. Kategorie zählen interessanterweise viele Bücher, die ich im Rahmen meiner Blogger-Tätigkeit teilweise als Rezensionsexemplar zwecks Besprechung erhalten habe. Alle diese Bücher haben mir wirklich so sehr gefallen, dass ich vollmundige Rezensionen verfasst und sie überschwänglich gelobhudelt habe. Dieses Urteil habe ich voller Überzeugung getätigt, und ich würde diese Bücher auch immer wieder wärmstens weiter empfehlen. Doch da auch meine Lebenszeit begrenzt ist, und ich zudem den Wunsch verspüre, ganz viel und mir noch unbekannte Literatur zu entdecken, habe ich diese Werke (durchaus mit einem weinenden Auge) weiterziehen lassen. Zu diesen Büchern zählen u.a.:

Zur 2. Kategorie zählen hauptsächlich Werke, die mich in einer besonderen Lebenssituation getroffen haben – und „treffen“ trifft es genau! Unsere Begegnung war so prägend, dass sie zum Teil in die Ruhmeshalle „Die Bücher meines Lebens“ eingezogen sind. Da möchte ich gerne zwei Werke stellvertretend nennen:

Beide Werke dürfen sich mit Recht als Epos bezeichnen, denn allein von ihrem Seiten-Umfang sind sie epochal und können so durchaus einschüchternd wirken. „Vom Wind verweht“ bringt es in der Neuübersetzung auf stattliche 1200 Seiten und wird von „Die Elenden“ mit über 1500 Seiten sogar noch übertrumpft. Da würde ich es mir sehr genau überlegen, ob ich mich an eine solche literarische Schwarte nochmals ran traue. Zudem schlummert in mir die Angst, dass ich sie bei einem wiederholten Lesen vom Sockel des Besonderen stoße und somit brutal entzaubere, da sich meine Sichtweise (zwangsläufig) nach all den Jahren verändert hat. Ist es mir das wert…???

Diese Bücher sind so sehr mit mir und meinem Leben verwoben, dass sie immer ihren Platz in meinem Bücherregal haben werden.

…???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

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[Rezension] Agatha Christie – Der seltsame Mr Quin. Kriminalistische Erzählungen

„Ein seltenes Vergnügen.“
The New York Times

…lautete das Urteil damals im Jahre 1930 als diese Sammlung von kriminalistischen Erzählungen erstmals in den USA erschien. Und diesem Urteil kann ich mich zumindest in Teilen anschließend: Agatha Christie hat nach dem besagten Jahr so viele brillante Kriminalromane verfasst, dass ich heute im Vergleich zu anderen Werken den Begriff „selten“ nicht unbedingt verwenden würde. Doch ein „Vergnügen“ war diese Lektüre für mich auf jedem Fall…!

Mr Sattersway ist ein ältlicher, wohlhabender, doch beinah unauffälliger Mann. Mit einer snobistischen Freude sammelt er Bekanntschaften mit Adeligen, Künstlern und sonstigen Mitgliedern der High-Society. Dank seiner hervorragenden Beobachtungsgabe, einem untrüglichen Gespür und seinem Verständnis für die menschlichen Schwächen nimmt er jede Nuance im Zusammenspiel seiner Mitmenschen wahr. Denn genau so sieht er sich sehr gerne: Bei den stattfindenden Tragödien und Dramen in seinem Umfeld ist er „nur“ der unbeteiligte Zuschauer. Erst das Auftauchen seines geheimnisvollen Freundes Mr Quin scheucht ihn aus seiner Komfort-Zone und zwingt ihn, aktiv in das Geschehen einzugreifen, um so Schicksal für die betroffenen Menschen zu spielen. Und so lüftet Mr Sattersway – mit der (göttlichen) Fügung durch den seltsamen Mr Quin – so manches Mysterium, löst Verbrechen, verhindert (Selbst-)Morde, vertreibt die Geister der Vergangenheit und führt Liebende zusammen…!

Mrs. Christie ist doch immer wieder für eine Überraschung gut: So würde ich diese Erzählungen nicht unbedingt den klassischen Kriminalgeschichten zuordnen. Vielmehr schöpft sie aus verschiedenen Genres, lässt das Mystische und Übersinnliche ebenso in die Handlung einfließen, wie sie sich der Figuren der Commedia dell’arte bedient. Ihr seltsamer Mr Quin bewegt sich dem Harlekin gleich zwischen den Welten, springt von Ebene zu Ebene und tritt unvermittelt in Erscheinung. Bei seinen Auftritten erwartete ich beinah ein schelmisches „Da bin ich!“ zu hören. Gerne beschreibt die Autorin die Lichtverhältnisse der Szenerie so, als würde sein Anzug dem karierten Kostüm des Harlekins gleichen. Auch greift er nie selbst in die Handlung ein, bleibt geheimnisvoll im Hintergrund und überlässt den aktiven Part seinem verlängerten Arm Mr Sattersway. Dieser wird von Christie als ein zurückhaltender Beobachter porträtiert, der erst mit Auftauchen von Quin erahnt, dass sich in seinem Umfeld eine Tragödie anbahnt, die er mit Empathie zu verhindern versucht. Dabei bleibt Quin auch für ihn stets ein Rätsel, das ihn zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht, Wirklichkeit und Fiktion wandeln lässt, wobei die jeweiligen Grenzen oft verschwimmen.

Die Autorin lässt dieses ungewöhnliche Team in zwölf Erzählungen in Erscheinung treten, die beinah wie Vorläufer der heute recht beliebten Mystery-Thriller anmuten. Dabei waren ihr bei dieser Erzählform (zwangsläufig) Grenzen gesetzt: So wirkten manche Lösung durchaus vorhersehbar, und die eine oder andere Geschichte endete für mein Empfinden etwas abrupt. Doch diese Schwächen machte die Autorin charmant wieder wett, indem sie die Angehörigen der Upper-Class sowohl mit witzig-respektlosen Beschreibungen bedachte als auch pointierte Dialoge in den Mund legte.

So ist „Der seltsame Mr Quin“ nicht unbedingt der strahlendste Stern im Kosmos der „Queen of Crime“, aber durchaus eine Wiederentdeckung, die sich lohnt.


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455010831

MONTAGSFRAGE #133: Sollten unfertige Manuskripte posthum veröffentlicht werden dürfen?

Mein Haupt sackte auf die Tatstatur meines PCs, und die willkürlich eingedrückten Tasten zauberten ein gar wundervolles wie auch verspielt wirkendes Muster auf dem WORD-Dokument, das bis dahin den Bildschirm ganz und gar jungfräulich ausfüllte. Vorangegangen war das Lesen der wöchentlichen MONTAGSFRAGE: Doch lesen ist nicht gleich verstehen! Irgendwie stand ich/etwas/irgendwer massiv auf einem Schlauch – dummerweise gehörte dieser Schlauch mir, und so war vorübergehend die Denkleistung blockiert.

Als alle meine neurologischen, arteriellen und venösen Zufahrtswege wieder passierbar waren, ich die Frage nicht nur gelesen sondern auch verstanden hatte, verspürte ich doch kurzfristig den Wunsch, die Hüterin der MONTAGSFRAGE ein wenig zu hauen. Die Frage klingt so, als müsste ich mich schon wieder intellektuell anstrengen. Darf’s nicht auch mal wieder eine lässig-locker-luftig-leichte Frage sein, wie „Lest ihr im Frühjahr aufgrund der aufkeimenden Frühlingsgefühle eher Liebesromane als im Herbst?“ oder „Sollte im Sommer aufgrund der vermehrten Schweiß-Produktion besser zum Hörbuch gegriffen werden als zur papierenen Variante?“ odersowasähnliches…?

Aber gut, wenn es denn unbedingt sein soll, dann halt diese Frage…!

Ehrlicherweise muss ich zugegeben, dass ich mich nicht erinnern kann, je das unfertige Manuskript eines Literaten, das nach dessen Tod erschienen ist, gelesen zu haben. Ich habe noch nicht einmal ein fertiges Manuskript, das posthum erschienen ist, gelesen. Selbst bei meiner hochverehrten und in diesem Jahr auf meinem Blog recht häufig erwähnten Lieblingsschriftstellerin habe ich mir dieses Vergnügen bisher versagt: Agatha Christie ließ bestimmen, dass der letzte Fall von Miss Marple „Ruhe unsanft“ erst nach ihrem Tode veröffentlicht werden durfte.

Aber selbst wenn ich die Praxis nicht vorweisen kann, wie stehe ich in der Theorie zu diesem Thema? Auch hier bin ich absolut ehrlich: Es ist mir schnuppe! Ja, vielleicht gehen uns dann einige großartige literarische Werke durch die Lappen. Doch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit verdanken diese unfertigen Werke doch gerade dem Umstand, dass sie posthum veröffentlicht wurden, oder? Wäre dies nicht passiert, hätten wir nichts gewusst, nichts vermisst und auch nicht das Gefühl, dass unser Leben an ein Stückchen Literatur ärmer wäre. Doch wo sie schon mal da sind, ist es für mich auch okay. Ich habe nicht den Anspruch, zu allem und jedem eine dezidierte Meinung haben zu müssen. Manches ist mir einfach schnuppe! Darum verzeiht mir bitte meine pragmatische Haltung zu diesem Thema.

Ach, gucke da: Da wurde ich heute intellektuell doch nicht überfordert. Glück gehabt!!! 😂

…???


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In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Rezension] Gustave Flaubert – Bibliomanie/ mit Illustrationen von Burkhard Neie

„Kleines Büchlein, doch innerlich ganz groß“ so lassen sich die Publikationen der Insel-Bücherei durchaus treffend charakterisieren. In feiner, bibliophiler Ausstattung erfreute mich bisher jeder Band, der bisher seinen Weg in eines meiner Bücherregale gefunden hat, und verlockte mich so, auch einen interessierten Blick auf mir bisher Unbekanntes zu werfen…!

Alles im Leben des Buchhändlers Giacomo dreht sich um die Bücher. Sein ganzes Sein hat er ihnen gewidmet. Er liebt die Bücher. Er betet sie an. Er verehrt sie. Dabei ist es nicht ihr Inhalt, der ihn fasziniert: Er kann nicht lesen. Vielmehr ist es ihre Haptik, ihr Duft, ihre Aura, die Geräusche, die sie verursachen, wenn sich Seite an Seite reibt, und die Geschichten ihrer Vorbesitzer, die sich untrennbar mit ihnen vereinen. Giacomo ist ihnen verfallen – mit Haut, Haar und Seele. Als er erfährt, dass in seiner Heimatstadt Barcelona ein seltenes, besonders wertvolles Manuskript versteigert werden soll, ergreift er die Gunst der Stunde, bietet mit und unterliegt. Doch Giacomo ist ein äußerst schlechter Verlierer: Seine Liebhaberei steigert sich zur Manie. Als er erfährt, dass das Haus des Kontrahenten in Flammen steht, dringt er dort ein, um dem geliebten Manuskript habhaft zu werden. Die wilden Spekulationen seiner Nachbarn, er hätte dieses Feuer nur aus eben diesem Grund gelegt, vermag er nichts entgegenzusetzten. All sein Sein dreht sich nun nur noch um dieses eine Manuskript…!

Zarte 15 Jahre war Gustave Flaubert erst alt, als er diese Gruselstory über einen übergeschnappten Bibliophilen schrieb und dabei schon sein enormes erzählerisches Talent offenbarte. So wirkt dieses Werk überraschend reif auf mich. Sehr detailliert beschreibt er die einzelnen Stufen von einer Liebhaberei bis zur ausgewachsenen und somit krankhaften Manie. Gekonnt kreiert er eine verstörende Atmosphäre, die für mich beim Lesen bedrückend deutlich spürbar war. Sein Stil erinnerte mich an die klassischen Schauer-Geschichten eines Edgar Allan Poe, der zum Zeitpunkt der Entstehung von „Bibliomanie“ schriftstellerisch schon äußerst aktiv war. Der Stil des Älteren hätte durchaus auf den Stil des Jüngeren Einfluss nehmen können. Doch ob der junge Flaubert überhaupt die Möglichkeit hatte, Werke seines Kollegen zu lesen, bleibt fraglich.

Mit Illustrator Burkhard Neie hat die Insel-Bücherei allerdings einen Künstler für sich gewonnen, der ein geschicktes Händchen für die Erschaffung morbider und geheimnisvoller Bilder zu haben scheint. So stellen seine Illustrationen eine gelungene Ergänzung zur Geschichte dar. In Tönen zwischen Schwarz, Braun und Sepia bilden bei Burkhard Neie Bücher(-seiten) das gestalterische Element, welches die Struktur innerhalb der Szenerie vorgibt. Zudem lässt er Motten, Käfer und sonstiges Ungeziefer über die Seiten dieses Büchleins krabbeln und symbolisiert so die ungesunde und zwangsläufig in der Vergänglichkeit endenden Sucht unseres Anti-Helden.

Für mich war „Bibliomanie“ ein spannender Auftakt, um mich dem Werk Gustave Flauberts anzunähern.

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meiner Blogger-Kollegin IRIS MÖNCH-HAHN von „Durchleser“.


erschienen bei Insel-Bücherei/ ISBN: 978-3458205296