[Rezension] Brüder Grimm – DIE BREMER STADTMUSIKANTEN/ mit Illustrationen von Gabriel Pacheco

Alt sind sie geworden, diese vier selbsternannten Musiker. Obwohl: Wenn wir dem Originaltext der Brüder Grimm folgen, dann waren sie nie etwas anderes gewesen und schon immer sehr weit entfernt von den possierlich-kindlichen Helden oder dem dynamischen Quartett, wie sie gerne von einigen Illustratoren der Vergangenheit porträtiert wurden.

Bei Illustrator Gabriel Pacheco sind sie vom Leben gezeichnete Kreaturen, alt und verbraucht: Die wunden Beine des Esels sind bandagiert, der Hund leidet an einer Ohrenentzündung, der Katze tanzen die Mäuse auf dem (Regenschirm-)Dach, und der Hahn findet ohne seine Brille den Weg nicht mehr. Trotz ihrer Gebrechen formen diese heruntergekommenen Barden ein Team, in dem jede*r seinen Platz ein- und seine Aufgabe wahrnimmt. Und so wirken diese vier „Ritter der traurigen Gestalt“ auf mich nicht hoffnungslos – Nein! – sie wirken eher positiv in ihrem Vertrauen auf eine bessere Zukunft: „Etwas Besseres als den Tod findest du überall.“

Auch den Räubern versagt Pacheco ihren gewohnten Look: Nicht der zauselige und haarige Wegelagerer à la „Räuber Hotzenplotz“ haust dort im finsteren Wald und muss sich aus seinem Haus vertreiben lassen. Hier treten Ringel-bestrumpfte und weiß-gewandete Gestalten mit Masken der Commedia dell’arte auf, die mit ihrer schablonenhaften Mimik nicht weniger furchteinflößend wirken.

Auch das Umfeld, in der Pacheco seine Protagonisten agieren lässt, wirkt beinah wie ein Bühnenbild: In einem reduzierten Setting zwischen Abstraktion und Realismus lässt er blattlose Bäume wachsen, schnörkellose Behausungen entstehen und einen Theater-Mond leuchten.

Vielleicht gerade weil er in diesem Bilderbuch den Bremer Stadtmusikanten die Niedlichkeit verwehrt, entwickeln sie ein eindrucksvolles Eigenleben und somit ihre unverwechselbare Charakterisierung, die mich, den Betrachter sehr berührte: Im Mut, ein mögliches Scheitern zu akzeptieren, verbirgt sich die größte Stärke.

Dieses Märchen der Brüder Grimm feierte im letzten Jahr seinen 200. Geburtstag und wurde u.a. mit einer umfangreichen Ausstellung in der Bremer Kunsthalle geehrt.


erschienen bei Bohem/ ISBN: 978-3855815784

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Colin Cotterill – Dr. Siri und der verschwundene Mönch

Der Kommunismus ist nicht „die beste aller möglichen Welten“!

…diese Erfahrung musste Dr. Siri leider schon viel zu häufig machen. Gesunder Menschenverstand ist ihm Rahmen eines kommunistischen Regimes weder gefragt noch gern gesehen. So eckt er auch diesmal wieder empfindlich an. Aus der „illegalen Aufnahmeeinrichtung für ein kleines Heer von Obdachlosen“, wie er liebevoll das gemeinsame Heim von sich und seiner Frau Madame Daeng nennt, verschwindet ein Gast: Der bisher sehr sesshafte Wandermönch Noo ergreift überraschend die Flucht und hinterlässt nur eine kurze Nachricht, in der er Dr. Siri bittet, einem anderen Mönch bei der Flucht über den Mekong zu helfen. Dr. Siri wäre nicht Dr. Siri würde er nicht gerne diese Herausforderung annehmen. So begleitet er gemeinsam mit Frau und Hund diesen Mönch nach Thailand, um mit Entsetzen festzustellen, dass dort unter dem Deckmantel der Religion furchtbare Verbrechen begangen werden…!

Colin Cotterill ist bisher das Kunststück gelungen, mit „Dr. Siri“ eine Krimi-Reihe auf konstant hohem Niveau zu etablieren, ohne im Laufe der Jahre zu schwächeln, die Handlungen abzuflachen oder eine liebevolle Zeichnung der Figuren zu vernachlässigen. Dabei bleibt er seinem ironisch-witzigen Ton treu und erfreut mit spritzigen Dialogen und augenzwinkernden Seitenhiebe auf das politische System. Und so tummeln sich in dieser Handlung wieder eine wilde Mischung aus Kommunisten, Mönche, Mörder sowie weiteren Figuren rund um Glaube und Aberglaube.

Cotterill lässt die verschiedenen Handlungsstränge ebenbürtig nebeneinander laufen, nur um sie dann geschickt miteinander zu verknüpfen. Scheinbar Belangloses erhält später in der Handlung mehr Gewicht. Zudem schöpft er den Charme dieser Krimi-Reihe aus dem Reiz des exotischen Umfelds von Laos ebenso, wie aus den für westliche Augen skurril wirkenden Verhältnissen des Kommunismus der 70er Jahre.

Mit Dr. Siri wurde eine Persönlichkeit geschaffen, die über eine gehörige Portion an Lebenserfahrung in Kombination eines gehobenen Alters verfügt: Er muss sich keine Gedanken mehr über mögliche Konsequenzen seines Tuns machen. Schließlich unterstützt und schützt ihn der Geist eines alten und weisen Schamanen in seinem Handeln. Welches wirksame Druckmittel könnte die Regierung da gegen ihn in der Hand haben? Trotz eines starken Leading-Man kommen die anderen Charaktere nicht zu kurz und erhalten vom Autor erfreulicherweise ebenso die Möglichkeit der Weiterentwicklung.

So hoffe ich auf möglichst viele weitere unterhaltsame Fälle mit Dr. Siri und seinen Freunden aus dem Dies- und Jenseits.


erschienen bei Goldmann/ ISBN: 978-3442315239

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #69: Kann ein Autor über etwas außerhalb der eigenen Erfahrung schreiben? (Und muss er es sogar?)

Antonia stellt uns diese interessante und nachdenkenswerte Frage und beantwortet sie mit einem Zitat vom wunderbaren G.K. Chesterton gleich selbst: ”Ein guter Roman verrät uns die Wahrheit über den Helden, ein schlechter über den Autor.” Chesterton schuf die kurzweiligen Father Brown-Krimis, die sich nach wie vor (auch in filmischer Variante) großer Beliebtheit erfreuen. Aber er war zu Lebzeiten – sofern bekannt – weder als Geistlicher noch als Verbrecher aktiv tätig. Montagsfrage beantwortet!

Nein, ganz so einfach mache ich es mir natürlich nicht. Wobei Chesterton ein passendes Beispiel dafür ist, dass ein Autor nicht alles selbst erlebt haben muss, um glaubhafte Charaktere und einen schlüssigen Plot zu kreieren (Wo wäre unsere Welt, wenn alle literarischen Massenmörder ein reales Vorbild hätten?). Viele Genre würde es dann in unseren Bücherregalen gar nicht oder nur recht überschaubar geben: Krimi, Fantasy, Horror, Märchen…!

Natürlich ist es durchaus von Vorteil, wenn der Autor eigene Erfahrungen – sozusagen im Sinne der Authentizität – in sein Werk einfließen lassen kann. Agatha Christie konnte auf ihre Erfahrungen, die sie während ihrer Reisen mit dem Orient-Express oder bei Ausgrabungen im Nahen Osten machen durfte, und auf ihr Wissen bzgl. Gifte, das sie sich während ihrer Tätigkeit als Krankenschwester in einer Krankenhausapotheke angeeignet hatte, zurückgreifen. Zudem nutze sie häufig reale Vorbilder zur Beschreibung von Gebäuden und Ortschaften in ihren Romanen. Auf ähnliche Erfahrungen griff auch der Schöpfer von Kommissar Maigret zurück: Als ehemaliger Journalist kannte George Simenon sowohl Paris als auch das Pariser Umland wie seine Westentasche und lies somit viel Lokalkolorit und Atmosphäre in seine Werke einfließen. Von welchen Erfahrungen die damals arbeitslose Erzieherin Joanne Rowling beim Entwurf des ersten Harry Potter-Romans gezerrt hat, wird wohl ihr alleiniges Geheimnis bleiben. Vielleicht war es für sie auch einfach „nur“ eine Flucht vor einer deprimierenden Realität. Doch sie hat uns auf wundersam-zauberhafte Art und Weise bewiesen, dass dank der Macht der Fantasie ganze Welten entstehen können, die ein weltweites Publikum über alle Generationen hinweg zum Staunen bringen.

Fazit meiner kleinen Abhandlung: Diese Frage lässt sich (zum Glück) nicht eindeutig beantworten! Ein guter Autor kann – zum Zwecke der Glaubwürdigkeit – auf eigenen Erfahrungen zurückgreifen. Ein guter Autor ist aber nicht zwingend darauf angewiesen, da er über ausreichend Talent und Fantasie verfügt, bzw. die Fähigkeit besitzt, kompetent zu recherchieren.

Somit schließt sich der Kreis, und ich möchte die heutige Montagsfrage mit dem Eingangszitat von G.K. Chesterton beenden:

”Ein guter Roman verrät uns die Wahrheit über den Helden, ein schlechter über den Autor.”

…und wie ist Eure Meinung zu diesem Thema?


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Rezension] Eleonora Hummel – Die Wandelbaren

Vier junge Menschen, die nichts miteinander gemein zu haben scheinen, werden von der Regierung „auserwählt“, die deutsche Sprache auf den Bühnen der sowjetischen Republik erklingen zu lassen. Denn das ist die einzige Gemeinsamkeit dieser jungen Menschen: ihre deutschen Wurzeln. Diese Wurzeln waren bisher mehr Last als Freud im kommunistischen Russland und galten eher als Makel und Stolperstein für ein berufliches Vorwärtskommen. Ihre deutschen Wurzeln: Bisher von ihnen gering beachtet oder möglichst verschwiegen, sollen sie ihnen nun Tor und Tür für eine ruhmreiche Karriere auf der Bühne des deutschen Nationaltheaters Russlands öffnen. Gäbe es da nicht ein klitzekleines Problem: Keiner dieser jungen Menschen spricht mehr die Sprache ihrer Ahnen…!

Autorin Eleonora Hummel blättert ein interessantes Kapitel deutscher Identität auf – beginnend in den 70er Jahren bis zur jüngsten Vergangenheit. Wir begleiten Arnold, Violetta, Emilia und Oswald durch die beschwerliche Schauspiel-Ausbildung in Moskau zum ersten Engagement am Theater in der öden Steppe Termirtau und sehen ihr Bemühen um gesellschaflicher Veränderung im Herbst 1989 in Zeiten von Glasnost und Perestroika.

Zwischen Proben mit wechselnden Regisseuren, Tourneen durch alle möglichen und unmöglichen Orte und der Alltagsbewältigung in einer Mangelwirtschaft, werden Ehen geschlossen, Kinder geboren und Wehrdienste abgeleistet. Doch nie scheint dem übermächtig wirkenden Staat die Mühe ihrer Genossinnen und Genossen zu genügen. Der Erhalt der deutschen Sprache wird zwar staatlich gefördert, gleichzeitig aber kritisch beäugt und vom KGB bespitzelt. Und so wirkt das Bemühen des sowjetischen Staates um die deutsche Sprache eher wie Zuckerguss, der über einen Kuchen verteilt wird, um die angebrannten Stellen zu übertünchen: Deutsch ja, aber nicht zu Deutsch, kritisch ja aber nicht zu kritisch. Unter der Oberfläche brodelt der Widerstand, und Rufe werden laut nach einer deutschen Identität in einer eigenen deutschen Wolgarepublik…!

Hummel lotet die Charaktere ihrer Held*innen sehr detailliert aus, lässt diese selbst zu Wort kommen und offenbart somit deren Innerstes: ihre Wünsche, Ängste und Sehnsüchte, ihr Zaudern und Streben. Jede*r Protagonist*in erhält so in einem unverwechselbaren Profil einen eigenen Ton, der sich im Laufe der Handlung verändert: Die Autorin erlaubt ihren Charakteren eine (Weiter-)Entwicklung. Für Arnold, Violetta, Emilia, Oswald und ihren Mitstreitern entpuppen sich „die Bretter, die die Welt bedeuten“ mehr und mehr zur Einbahnstraße. Die Träume nach Ruhm und Anerkennung, das Sehnen nach Identität und Verbundenheit, das Hoffen auf einen Platz im sowjetischen Gefüge, um dort heimisch zu werden – dies alles wird unter dem Mühlstein der politischen Willkür zermahlt,…

…und weicht einem resignierten Pragmatismus: Am Schluss bleibt nur die Flucht zum kapitalistischen Klassenfeind, die schmerzhafte Anpassung an die neuen Verhältnisse und eine bittere Erkenntnis: Der Kommunismus ist nicht „die beste aller möglichen Welten“!


erschienen bei müry salzmann/ ISBN: 978-3990141960

Ich danke der Autorin und dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #68: Liest du Bücher parallel oder nacheinander?

An diesem Montag gibt uns Antonia eine typische Buchblogger-Frage zur Beantwortung auf. Obwohl: „typisch“ – Was bedeutet das schon? Gibt es überhaupt irgendetwas, das absolut und für alle Menschen gleichermaßen zu 100% „typisch“ ist? Ist die Definition von „typisch“ nicht eher auch abhängig von den eigenen Erfahrungen und dem unmittelbaren Umfeld.

Also zurück zum Ausgangspunkt: Hier kommt meine Antwort zur heutigen Frage – unabhängig, ob sie nun typisch oder atypisch ist…!

Ich lese immer ein Buch zurzeit! Eine andere Vorgehensweise wäre für mich auch nicht möglich. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich Menschen, die Bücher parallel lesen, bewundern soll: Es wirkt auf mich, als wären sie gehetzt und müssten ihre Zeit optimal managen!

Mehrere Bücher parallel lesen würde mich auch kolossal überfordern: Beim üppigen Handlungspersonal einiger Romane habe ich bei einem einzigen Buch schon Schwierigkeiten, mir all die Namen zu merken. Käme noch ein zweiter oder sogar dritter Roman mit entsprechenden Protagonist*innen hinzu, wäre bei mir die mentale Verwirrung vorprogrammiert. Womöglich würde ich Held ABC im falschen Roman vermuten und ihn dort vermissen. Während ich mich bei Heldin XYZ wundern würde, was sie in dieser Geschichte zu suchen hätte: War sie gestern nicht noch…?! Nee Nee, dann doch lieber alles schön der Reihe nach: Ich lese, wenn ich Lust dazu habe und konzentriere mich dann ganz und gar auf ein einziges Buch!

So versuche ich, auch möglichst eine Rezension pro Woche zu veröffentlichen! Dabei spielt natürlich auch meine zur Verfügung stehende Zeit eine wichtige Rolle: Schließlich »füttere« ich meinen Blog in meiner Freizeit, bin berufstätig und lasse mich gerne von Familie, Freunden und div. kulturellen Veranstaltungen von meinem Blog weglocken. Der Blog ist eine wunderbare Bereicherung meines Lebens, aber eben auch »nur« ein Teil davon…!

…und wie ist es bei Euch: „Multitasking“ oder „alles schön der Reihe nach“?


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

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[Oper] Pietro Mascagni – CAVALLERIA RUSTICANA & Ruggero Leoncavallo – DER BAJAZZO / Stadttheater Bremerhaven

Cavalleria Rusticana: Oper von Pietro Mascagni / Libretto von Giovanni Targioni-Tozzetti und Guido Menasci / Der Bajazzo (Pagliacci): Oper von Ruggero Leoncavallo mit dem Libretto vom Komponisten / in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 2. November 2019 / besuchte Vorstellung: 19. Januar 2020

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Davide Perniceni
Inszenierung: Martin Schüler
Bühne & Kostüme: Gundula Martin
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández

Als „die ungleichen Zwillinge“ werden sie genannt, diese beiden Kurz-Opern. Schon bald nach ihrer Uraufführung etablierte sich die Praxis, beide an einem Abend aufzuführen. Regisseur Martin Schüler verbindet sie Dank eines raffinierten Kniffs geschickt miteinander: Bei beiden Opern bilden die Zimmer in einem Altenheim den formalen Rahmen.

Bei „Cavalleria Rusticana“ denkt die alte Santuzza, am Rollstuhl gefesselt und auf Hilfe des Pflegepersonals angewiesen, an ihre verlorene Liebe Turiddu, der Alfios Gattin Lola liebte und ein Verhältnis mit ihr hatte. Aus Eifersucht informierte sie Alfio über diese Liebschaft, der Turiddu zum Duell aufforderte und ihn daraufhin tötete. Nun lebt Santuzza mit der Schuld, am Tod ihres Liebsten mitverantwortlich zu sein…!

Im Nachbarzimmer bei „Der Bajazzo“ erwacht der verkrüppelte Schauspieler Tonio und denkt an vergangene Erfolge bei einer Wanderbühne. Seiner heimlichen Liebe galt der damaligen Darstellerin der Colombine Nedda. Als er ihr seine Liebe offenbarte, wurde er nur ausgelacht und verspottet. Obwohl sie mit dem Direktor der Wandertruppe Canio verheiratet war, flirtete sie hemmungslos mit dem Darsteller des Harlekins und traf sich heimlich mit dem jungen Silvio. Tonio übte Rache: Er informierte Canio über die vielfältigen Liebschaften seiner Frau. Auf offener Bühne forderte der wütende Canio seine Frau Nedda auf, ihm die Namen ihrer Liebhaber zu nennen. Als diese sich weigert, stach er sie vor den Augen des Publikums nieder…!

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Martin Schüler lässt in beiden Opern die Hauptakteuer auf ihr jeweiliges Leben zurück blicken: Jeweils am Lebensende ziehen die Bilder der Vergangenheit vor ihren geistigen Auge vorbei und quälen sie…! Die Regie zielt ganz auf das feine Herausarbeiten der inneren Zwiespälte der Protagonist*innen. Dunkler als gewohnt ist Schülers Inszenierung, und plakative Folklore sucht der Zuschauer vergebens.

Jadwiga Postrozna gibt eine mitleiderregende Santuzza mit warmen Sopran. Marco Antonio Rivera brilliert mit metallenem Tenor als Turiddu ebenso wie als Canio. Die Nedda von Tijana Grujic ist eine verführerische aber auch unbedacht wirkende junge Frau. Am wandlungsfähigen war allerdings Marian Pop, der als in sich gekehrter Alfio ebenso überzeugte wie als extrovertierter Possenreißer und verschlagener Störenfried Tonio. In kleineren Rollen überzeugten Patrizia Häusermann, Brigitte Rickmann, MacKenzie Gallinger und Vikrant Subramanian.

Dirigent Davide Perniceni lässt das Philharmonische Orchester Bremerhaven genügend Freiraum für Dramatik und Melodik. Schwelgerische Chorpassagen (fulminant vom Opernchor dargeboten) wechseln mit symphonischen Zwischenspielen und dramatischen Arien.

Verismo für Auge & Ohr, für Herz & Hirn…!


Die UNGLEICHEN ZWILLINGE der Opernliteratur tauchen nur noch für wenige Termine im Stadttheater Bremerhaven auf.

[Rezension] Rainer Metzger – 1920s Berlin

Berlin – du warst immer eine pulsierende Metropole und zelebrierst immer wieder von Neuen gekonnt den Tanz auf dem Vulkan. Schon die unvergleichliche Claire Waldoff schwadronierte über dich „Mein Berlin, du bist einzig in deiner erregenden Atmosphäre, in deiner unerhörten Arbeitskraft, in deiner großartigen Geistigkeit.“ Und sie musste es wissen, war sie doch selbst einer der schimmernsten Sterne am Berliner Firmament.

Rainer Metzger wirft einen sowohl abwechslungsreichen als auch unterhaltsamen Blick auf das Berlin der 20er Jahre und lässt nach der informativen Einleitung „Wir werden Weltstadt!“ die Künstler*innen dieser sagenumwobenen Zeit in kurzen Essays wiederauferstehen.

„Berlin war so herrlich lebendig, so geladen mit einer seltsamen Elektrizität.“ Vicki Baum

Dabei möchte ich die Bezeichnung „Künstler*in“ gerne universell einsetzen: In 31 Essays entdeckt der Leser nicht nur Maler*innen und Illustrator*innen wie Max Pechtstein, Jeanne Mammen und Otto Dix, die Fotografin Renée Sintenis, die Verleger El Lissitzky und Hans Arp und Filmschaffende wie Fritz Lang und Josef von Sternberg. Auch Architekten wie Bruno Taut und Peter Behrens, die mit ihren Bauten das Bild Berlins prägten, werden gewürdigt. Das jeweilige Essay erstreckt sich über zwei Seiten und unterteilt sich jeweils in eine Seite mit Text, während auf der anderen Seite ein prägnantes Beispiel der jeweiligen Kunst geboten wird.

„Wir in Berlin sind überall dabei, aber wir kommen zu nichts. Wir haben französischen Schick, englischen Sport, amerikanisches Tempo und heimische Hast – nur uns selbst haben wir nie gekannt.“ Kurt Tucholsky

Der Taschen-Verlag bietet in Kleine Reihe viel Infos für wenig Geld und liefert Einblicke über Künstler, Kunststile und Epochen. Abgerundet wird diese kleine Reise in die Vergangenheit durch stimmige Fotografien, Illustrationen, Malerei und Grafiken.


erschienen bei Taschen/ ISBN: 978-3836550529

[Komödie] Samuel Benchetrit – NACH PARIS! / TiO Osterholz-Scharmbeck

Komödie von Samuel Benchetrit / Deutsch von Annette und Paul Bäcker

Premiere: 11. Januar 2020 / besuchte Vorstellung: 18. Januar 2020

TiO – Theater in OHZ, Osterholz-Scharmbeck


Inszenierung: Bernd Schröter
Bühne: Beate Schöne
Kostüme: Ute Schmonsees


Ein einsamer Bahnhof in der Provinz: Eine junge Frau (Michelle), ein junger Mann (Vincent) und ein älterer Mann (Charles) warten auf den Zug nach Paris. Doch dieser Zug verspätet sich immer wieder und immer wieder. Drei auf den ersten Eindruck scheinbar fremde Menschen sind auf diesen heruntergekommenen Bahnhof gestrandet. Gestrandet sind sie nicht nur hier: Jede*r von ihnen ist im Leben an einem Punkt angekommen, an dem sie schon gestrandet sind, bzw. es vorbestimmt scheint, dass sie stranden werden. Nur langsam entwickelt sich ein Gespräch zwischen den Wartenden. Beinah zögerlich werden die Gründe der jeweiligen Reise, familiäre Verbindungen und Lebensentwürfe und -wünsche verraten. Gegenseitige Sympathien keimen auf und werden wenig später auch wieder im Keim erstickt. Jede*r der Reisenden hält Zwiesprache mit sich und mit der Stimme der Bahnansage, die ein überraschendes wie beängstigendes Eigenleben führt! Als endlich der Zug nach Paris im Bahnhof eintrifft, ist alles anders: Die Karten des Lebens wurden neu gemischt…!


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Regisseur Bernd Schröter gelingt es mit leichter Hand, Humor mit Melancholie zu paaren: Es darf durchaus gelacht werden, doch im nächsten Moment kann schon eine Träne rinnen. Französisches Flair weht durch die Szenerie und siedelt die Handlung zwischen Realität und Märchen an.

Eine Überraschung erlebt der Zuschauer beim Bühnenbild: Die gesamte Bestuhlung des Saals hat sich um 90° nach rechts gedreht. Das Geschehen spielt sich nicht mehr auf der Bühne ab. Die gesamte Länge des Saals mutiert nun zum Bahnhof. Der Zuschauer sitzt somit „auf den Gleisen“, blickt frontal auf den Bahnhof und somit direkt hinein in die Handlung. Bühnenbildnerin Beate Schöne hat einen äußerst ansprechenden wie stimmungsvollen Rahmen für diese zarte Komödie geschaffen und begeistert mit entzückenden Details.

Drei starke Darsteller*innen stehen auf der Bühne: Francine Fromme gibt eine zarte Michelle zwischen Naivität und Koketterie, zwischen Freiheitsdrang und sich geborgen fühlen (wollen). Jan Makow stattet den Vincent als bedachten jungen Mann mit Träumen, Idealen aber auch klaren Grundsätzen aus und lässt ihn – trotz aller Zurückhaltung – nicht farblos erscheinen. Carsten Mehrtens vollzieht mit dieser Komödie ein Wechsel im Rollenfach und wandelt sich vom Womanizer/Bad Boy zum reifen Charakterdarsteller. Dies steht ihm ausgesprochen gut zu Gesicht: Sein Charles ist liebenswert kauzig und fordernd, dann wieder rührend und behütend. Last but not least: Als „Sidekick“ leiht Miriam Pukies der Bahnansage ihre prägnante Stimme.

Mit einer Träne im Augenwinkel und einem wohligen Gefühl im Herzen durfte ich das Theater verlassen. Das TiO: Theater in OHZ – Scharmbecker Speeldeel ist seinem Ruf als ambitionierte Amateur-Bühne wieder einmal mehr als gerecht geworden.


Bis Anfang Februar 2020 steht diese feine Komödie noch auf dem Spielplan des TiO – Theater in OHZ. Weitere Infos findet Ihr hier.

MONTAGSFRAGE #67: Kochbücher oder nicht, das ist hier die Frage!

Wie war das nochmal mit den Eulen und dem Weg nach Athen? Und warum werden Perlen vor die Säue geworfen? Tja, genauso verhält es sich zwischen der heutigen Montagsfrage und mir.

Kochbücher besitze ich nicht, brauche ich nicht: Ich lasse kochen (und natürlich auch backen). Ich habe das außerordentliche Glück, für diese Tätigkeiten einen äußerst talentierten Gatten an meiner Seite zu haben. Die Küche ist sein Territorial-Gebiet, in dem ich mich höchstens unauffällig zwecks Decken des Tisches aufhalten darf.

Darum reiche ich die Frage imaginär weiter und beantworte sie stellvertretend für meinen Angetrauten. Denn wenn ich einen Blick in seine gutgefüllte Koch- und Back-Bibliothek werfe, dann kann – auch was sage ich – muss diese Frage nur positiv beantwortet werden.

Da tummeln sich die Dr. Oetker-Standardwerke neben Kochbüchern aus Afrika, Indien oder Syrien. Dort wird gelafert, gelichtert, gemälzert und neuerdings auch wieder gebiolekt. Kuchen und Torten werden blechernd gebacken oder springend in Form gebracht. Es finden sich 1001 Rezepte für das Einwecken/ Einkochen von Marmelade, Obst und Gemüse, und für die Werke rund um die Weihnachtsbäckerei gibt es sogar eine eigene Abteilung. Hinzu kommen noch die Hefte und Heftchen, die spontan am Zeitschriftenregal erstanden oder bewusst im Abonnement zugeschickt werden,…

…und das gedruckte Rezept in Wort und Bild kann durch keine App und keinen YouTube-Kanal ersetzt werden – weder optisch noch haptisch. Mein Mann bekommt immer ganz glänzende Augen, wenn er einem neuen Kochbuch habhaft wird. Einem Ritual gleich zieht er sich dann mit einem Getränk passend zur Tageszeit auf das Sofa zurück und ist für die nächste Zeit nicht ansprechbar. Irgendwann erwacht er aus diesem Trance-Zustand und berichtet mir begeistert von den vielen, tollen Rezepten, die er entdeckt und unbedingt ausprobieren möchte. Und während mein Gatte voller Enthusiasmus zum Vorratsschrank eilt, um mit Freude festzustellen, dass beinah alle benötigten Ingredienzien vorhanden sind und nur noch wenige Zutaten eingekauft werden müssen, lächele ich still vor mich hin und lassen ihn gerne gewähren. Denn schließlich habe auch ich meine kleinen Schwächen, die Begeisterung bei mir auslösen…!!!

…und gibt es unter Euch auch Kochbuch-Enthusiasten?


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Rezension] Veronika Peters – Die Dame hinter dem Vorhang

Dame Edith Louisa Sitwell (*7. September 1887; † 9. Dezember 1964) war zu ihrer Zeit eine Erscheinung: Aufgewachsen in einem aristokratischen Elternhaus schien ihr Leben vorbestimmt. Während ihre beiden jüngeren Brüder dank dem Erbe der Eltern materiell versorgt waren und ihnen auch beruflich alle Türen offenstanden, schien es für eine Tochter nur einen akzeptablen Lebensplan zu geben, sie möglichst vorteilhaft unter die Haube zu bringen. Doch Ediths Neigung zur Exzentrik und ihrem Hang zum Widerspruch gepaart mit einem brillanten Geist verschreckten jeden potentiellen Bewerber. Zudem war sie auch optisch weit von einer klassischen Schönheit entfernt, was ihr die Abneigung der schönen Mutter einbrachte und ihren Vater veranlasste, sie zwecks Korrektur in einen Metallrahmen spannen zu lassen. Doch alle Versuche der Einflussnahme stärkten nur Ediths Drang nach Unabhängigkeit, Selbstverwirklichung und Freiheit. Endlich erlöst von der gesellschaftlichen Enge ihres Elternhauses entwickelte sie sich ab den 20er Jahren zu einer der wichtigsten Vertreterinnen der modernen britischen Dichtung und gewährte in ihrem Haus in London den innovativsten künstlerischen Größen ihrer Zeit eine Zuflucht.

Autorin Veronika Peters erlaubt sich in diesem Roman den Kunstgriff, zwei fiktive Frauengestallten mit dem Leben von Edith Sitwell zu verweben und somit kommentieren zu lassen: Emma und Jane Banister (Mutter und Tochter) begleiten Ediths Leben von gemeinsamen Kindertagen (Emma) bis ins hohe Alter (Jane).

Dieses Buch entwickelte sich für mich bedauerlicherweise zu einem von mir sogenannten „Etappen-Roman“: Ich las durchaus interessiert einige Seiten, dann legte ich das Buch aus der Hand. Einige Tage später fiel es mir wieder in die Hände, und ich las darin, nur um es danach abermals für einige Zeit zu vergessen…! Begeisterung zeigt sich bei mir anders. Sobald ein Buch mich gefangen nimmt, handle ich beinah wie unter Zwang und greife immer wieder automatisch zur Lektüre, um so schnell wie möglich zu erfahren, wie die Handlung weitergeht. Bei diesem Roman verspürte ich alles andere als diesen Zwang zu Lesen, und ich hinterfragte die Gründe.

Die Autorin schreibt durchaus recht unterhaltsam. Auch ihre Idee, Emma und Jane Banister sowohl als Beobachterinnen als auch Kommentatorin in die Handlung zu etablieren, fand ich fraglos ansprechend. Nur leider wurde das mögliche Potential nicht ausgeschöpft: Mir fehlten die inneren wie äußeren Konflikte der Figuren. Die Handlung plätscherte merkwürdig belanglos vor sich hin und setzte kaum Impulse, ihr kontinuierlich zu folgen. Mit jeder Lese-Etappe wurde meine Hoffnung nach einer Wendung in der Geschichte enttäuscht. Nach 155 Seiten (von insgesamt 277 Seiten) habe ich dann resigniert die Segel gestrichen, da ein zielführender Spannungsbogen für mich nicht sichtbar wurde,…

…und dabei bin ich mir sicher, dass das Leben von Dame Edith Louisa Sitwell eine schier überbordende Fülle an Anekdoten bieten würde.

Lust auf eine Zweit-Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meiner Blogger-Kollegin Janina Lehmann vom „Frau Lehmann liest“.


erschienen bei Wunderraum/ ISBN: 978-3336548088

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!